Review: SPIEL AUF ZEIT – Nicolas Cage inmitten einer politischen Verstrickung



Fakten:
Spiel auf Zeit (Snake Eyes)
USA. 1998. Regie: Brian De Palma. Buch: David Koepp, Brian De Palma. Mit: Nicolas Cage, Gary Sinise, Carla Gugino, Kevin Dunn, Luis Guzman, Stan Shaw, Michael Rispoli, Joel Fabiani, Mike Starr, Jayne Heitmeyer, Tamara Tunie, David Anthony Higgins, James Whelan u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Sein Name ist Ricky und er ist der King… zumindest in Atlantic City, dem Revier des korrupten Cops, der natürlich beim größten Boxkampf des Jahres in der Halle ist, um nach dem rechten zu sehen und das Event zu genießen. Dort trifft er seinen alten Kollegen und Freund Kevin Dunne, welcher mittlerweile Commander und für die Sicherheit des Verteidigungsminister zuständig ist, der sich den Kampf wie Rick auch nicht entgehen lassen will. Als der Minister von einem Scharfschützen lebensbedrohlich verletzt wird, schlägt Rickys Stunde. Er lässt die Tore der Halle verriegeln, denn obwohl der Schütze von Kevin erschossen wird, glaubt Ricky dass mehr dahinter steckt und jeder Zuschauer ist ein potenzieller Zeuge – oder ein Mittäter.





Meinung:
Mit dem immensen Erfolg des Agenten-Thriller „Mission: Impossible“ im Rücken, der zu einem der ganz großen Kassenknüller der 1990er Jahre avancierte, sollte es Brian De Palma mit seinem nächsten Film noch einmal genauso kommerziell deftig klingeln lassen. Zusammen mit David Koepp, der 1993 schon die Vorlagen für das Gangster-Epos „Carlito's Way“ mit Al Pacino und das Steven Spielberg Wunderwerk „Jurassic Park“ lieferte, verfasste De Palma ein Skript, welches sich voll und ganz um die Suche nach einer objektiven Wahrheit drehen sollte. Michelangelo Antonionis „BlowUp“ lässt augenscheinlich grüßen, dem De Palma schon Anfang der 1980er Jahre mit dem großartigen „Blow Out“ Tribut gezollt hat. Aber nein: „Spiel auf Zeit“ orientiert sich in eine ganz andere Richtung, obgleich das Leitmotiv in gewisser Weise erhalten bleibt, und bietet eine durch und durch modernisierte Hommage an Akira Kurosawas „Rashomon“, in dem der japanische Meister schlussendlich zu der Erkenntnis kam, dass die Wahrheit, unabhängig von Schuld und Motivation, immer relativ ist und damit im Auge des Betrachters liegt.


Hier hat Cage seine Karriere im Visier
Brian De Palmas „Spiel auf Zeit“ ist nicht weise, profitiert keinesfalls von einer eventuellen Lebensreife der Autoren und verrät uns nichts tiefschürfendes über den Mensch selbst. Und dennoch blieben die Hoffnungen beständig, dass De Palma, ein Meister der pointierten Formalität, dem Spiel der Perspektiven seinen eigenen Stempel aufdrücken kann. Das Opening verrät in ihrer beeindruckenden Praktik eine theoretische Marschroute, die die Qualitäten De Palmas in der Handhabung dieser Thematik hätte durchgehend einnehmen können, nicht in dieser Fasson, aber mit diesem Ehrgreiz und unbedingten Akribie: De Palma wartet auf mit einer, für ihn natürlich typisch, Plansequenz, die sich jedoch über einen Zeitraum von beinahe 13 Minuten erstreckt und ohne jeden sichtbaren Schnitt vollzogen wird. Ein Stilmittel, mit dem es De Palma gelingt, der tobende Boxarena ein plastisches Profil zu verleihen, ihre ganzen Hitzigkeit aufzusaugen, den Lärm zu absorbieren, die Massen zu fokussieren, die Übersichtslosigkeit auszuschöpfen. Mitten drin stolziert der sich damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens bewegende Nicolas Cage („Arizona Junior“) in standesamtlicher Extraversion durch die Gänge und liefert mit Detective Rick Santoro ein nicht ganz so ulkiges Update seiner legendären Castor Troy-Performance aus John Woos „Face/Off“ ab.


"Ey du! Mein Agent meint mein Schauspiel sei subtil"
Der Boxer, auf den Rick gesetzt hat, geht zu Boden, ein Schuss fällt und der US-Verteidigungsminister, der neben Rick Platz genommen hat, tut es ihm gleich. Der Niederschlag des Sportlers im Ring wird schnell klar: Schattenboxen. Doch warum wurde der Politiker eliminiert – und wer steckt wirklich dahinter? Wo liegen die Zusammenhänge begraben? Das ist die Ausgangslage zu „Spiel auf Zeit“, einem Echtzeit-Thriller, in dem Zeit dann doch nicht wirklich eine Rolle spielt, sondern nur die subjektive Perspektive, die Sichtfelder der Anwesenden und wahrscheinlichen Blickpunkte des Täters (oder Täter?). Stephen H. Burum (der zum Beispiel auch schon „The Untouchables“, „Die Verdammtes des Krieges“ und „Mein Bruder Kain“ für De Palma exzellent fotografierte) liefert hervorragende Arbeit ab und macht seine Kamera nach und nach höchstpersönlich zum Hauptdarsteller von „Spiel auf Zeit“. Thront sie nicht nur über dem Geschehen – und damit auch über jeder der Figuren -, sondern fängt auch individuelle Standpunkte der Charaktere ein, um sie mit der eigenen Position zu verquirlen: Ein Cocktail der Wahrhaftigkeit, in dem ausgerechnet ein Objekt die Individuen dechiffrieren soll.


Interessant bleibt jedoch nur dieser Aspekt, die Dramaturgie von „Spiel auf Zeit“ verfällt zunehmend, auch weil es das Studio so verlangte, einer handelsüblichen 08/15-Leier, die die temporeichen 45 Minuten nicht mehr einholen kann und sich zum Schluss noch in einer biederen Hollywoodmoral wähnt: Ein (Anti-)Held kann nur dann gefeiert werden, wenn er auch wirklich mit weißer Weste dasteht – Und diese Läuterung erfolgt dann gegebenenfalls auch mal durch das wachsame Rechtssystem der Vereinigten Staaten. Nun ja. Immerhin muss man sagen, dass De Palma sich von „Rashomon“ nur der Form bis zu einem bestimmten Grad angenommen hat, was vollkommen tolerierbar ist und nicht der konkreten Rezitation unterliegt. Wenn man aber dennoch Brücken schlagen möchte, auch spezifiziert inhaltlich, dann könnte man es folgendermaßen zusammenfassen: Hatte Akira Kurosawa noch Futter für den Intellekt geboten, ist „Spiel auf Zeit“ nur für das Auge geeignet – und das sieht sich nun mal an polierter Schönheit schnell satt.


4,5 von 10 Schlägen ins Gesicht


von souli

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