Specials: LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG und MERCENARIO - Die Sergio-Corbucci-Double-Review



Sergio Corbucci gilt neben Sergio Leone als einer der größten, besten und bekanntesten Regisseure der Italo-Western-Ära. Unser ewiger Gastautor souli, den Mann den Sie "Wenn du es anfasst, musst du es auch bezahlen" nannten, ist mit seinem treuem Pferd Ravioli ausgeritten und hat sich zwei Corbucci-Western angesehen: "Leichen Pflastern seinen Weg" sowie "Mercenario". Hier seine Reviews. Übrigens: Corbucci bekanntester Western, "Django", wurde von unserem Jacko, Häuptling Trasheagle, auch schon besprochen, siehe hier.



Fakten:
Leichen pflastern seinen Weg (Il grande silenzio)
Frankreich, Italien. 1968. Regie: Sergio Corbucci. Buch: Mario Amendola, Bruno Corbucci, Sergio Corbucci, Vittoriano Petrilli. Mit: Jean-Louise Trintignant, Klaus Kinski, Frank Wolff, Luigi Pistilli, Vonetta McGee, Carlo D’Angelo, Mario Brega, Raf Baldassarra, Spartaco Conversi u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD erhältlich.

Story:
Im Winter 1898 herrscht im verschneiten Städtchen Snowhill eine große Hungersnot. Die Ärmsten der Armen verbünden sich, um die Reichen zu überfallen. So werden sie zu Gesetzlosen und verstecken sich vor den Kopfgeldjägern in den Bergen, Die Witwe eines Gesetzlosen, der vom skrupellosen Kopfgeldjäger Loco erschossen wurde, heuert den stummen Silence an, um sich an Loco zu rächen.



Meinung:
Jean-Louise Trintigant musste sicher viel Text lernen
Schnee. Überall Schnee. Dicke Flocken bedecken die triste Einöde, umzingelt von undurchdringlichem Gebirge und bewohnt von Menschen, die zum Verbrechen gezwungen werden. Blut. Überall Blut. Der rote Lebenssaft fließt literweise und färbt den schweigenden Niederschlag mit seiner unausweichlichen Präsenz des Todes. Mitten in diese gnadenlose Trostlosigkeit setzt Sergio Corbucci die schweigende Rache (hervorragend: Jean-Louis Trintignant) und die herzlose Unmenschlichkeit in Person (atemberaubend: Klaus Kinski). Kein fröhliches Vogelgezwitscher, keine einladende Freude und keine wohlige Wärme. "In Leichen pflastern seinen Weg" gibt es nur schwarzen Pessimismus, dreckigen Realismus, hoffnungslosen Zynismus und die alles verschlingende Düsternis. Der Stumme spricht durch die Einsamkeit in seinen nach Vergeltung schreienden Augen, der angedeutete Gefühlsneubeginn erliegt der erbarmungslosen Emotionslosigkeit und jeder Versuch der Veränderung wird ohne Rücksicht durchlöchert. In dieser Zeit gab es kein Gut und Böse, hier zählten nur die Menschen, die das meiste Geld auf den Tisch gelegt haben. "Leichen pflastern seinen Weg" ist ein eiskaltes, pechschwarzes und ebenso brillantes Stück Filmgeschichte, ohne Mitleid, Freundlichkeit oder Wohlwollen. Komplettiert wird das durchtriebene Geschehen noch vom Meister Ennio Morricone persönlich. Ein brodelndes Meisterwerk der Herz- und Hoffnungslosigkeit.

9 von 10 leeren Rasierschaumdosen



Fakten:
Mercenario – Der Gefürchtete aka Die gefürchteten Zwei (Il mercenario)
Italien, Spanien. 1968. Regie: Sergio Corbucci. Buch: Sergio Corbucci, Luciano Vincenzoni, Adriano Bolzoni, Sergio Spina. Mit: Franco Nero, Tony Musante, Jack Palance, Eduardo Fajardo, Franco Giacobini, Alvaro De Luna, Raf Baldassarre, Joe Kamel, Vincent Roca, Franco Ressel u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.

Story:
Eigentlich sollte der Söldner Kowalski einen Silbertransport durchführen. Doch am Zielort angekommen erkennt er, dass die Mine seines Auftraggebers von aufständischen Arbeitern besetzt wurde. Die Revolutionäre heuern ihn daraufhin an, sie beim Kampf gegen die näherkommenden Regierungstruppen zu helfen.



Meinung:
Kein expandierender Nihilismus. Keine aussichtslose Dekonstruktion des gern romantisierten Western-Genres. Keine zynische Abrechnung mit qualmenden Machophantasien. Sergio Corbuccis „Il mercenario“ ist kein pessimistischer Abriss eines ganzen Sujets wie sein gnadenloses Opus magnum „Il Grande silenzio“. „Il mercenario“ ist auch keine bissige Schlammwanderung mit dem berühmt-berüchtigten Kiefernsarg im Schlepptau wie in „Django“. „Il mercenario“ ist in erster Linie aber dennoch eine Sache: Ein waschechter Corbucci-(Mexico)-Western. Demzufolge ist auch von vornherein klar, das sich „Il mercenario“ leicht von jeder herkömmlichen Stangenware distanzieren kann, denn auch ohne die charakteristische und rücksichtslos durchlöchernde Düsternis versteht Corbucci sein Handwerk wie kein Zweiter und die kennzeichnende Handschrift des gebürtigen Römers ist in ihrer Brillanz immer erkennbar.


Franco Nero (r.)  hat den Kleinsten, also Hut
Ist der erste Eindruck von „Il mercenario“ augenscheinlich noch der eines typischen Spätwesterns mit angenehmen Augenzwinkern, coolen (Anti)Helden und reichlich Blei, so offenbart sich Stück für Stück die tiefere Aussage Corbuccis. „Il mercenario“ ist trotz seines Humors und den immer wieder überzogenen Actionszenen ein Sinnbild für die humanitäre Raffsucht. Raffsucht, die jede Ergebenheit massakriert. Raffsucht, die jede Loyalität bedeutungslos macht und Menschen dazu veranlagt über Leichen zu gehen. In den Filmen von Corbucci waren die Verbrecher schließlich nie Verbrecher aus Überzeugung, sie waren Verbrecher, weil die damalige Zeit sie dazu gezwungen hat, weil sie keine andere Wahl hatte. Hier sind immer die Menschen am Stärksten, die das meiste Geld auf den Tisch legen konnten. Das Fundament von „Il mercenario“ ist von politischer Beschaffenheit und neben dem Ausgangspunkt der mexikanischen Revolution (die von Franco Nero Anhand einer schlafenden Schönheit und ihrem nackten Körper versinnbildlicht wird), dreht sich der Film um die anfechtbare Proportion des Hab und Gut der gesellschaftlichen und oppositionellen Schichten, verknüpft mit einem gewissen Maß an Kapitalismus-Kritik.


Wenn Ennio Morricones meisterhafte Komposition immer wieder erklingt, dabei aber nie den störenden Faktor wie sein ständiger Einsatz in Sergio Leones solidem Italo-Startschuss „Per un pugno di dollari“ erreicht, dann ist das auch ein grundlegender Beweis dafür, wem das Genre-Zepter nun in Wahrheit gebührt und wer Atmosphäre erzeugen kann, anstatt sie mit einer dilettantischen Penetranz im Keim zu erdrücken. Der famose Shootout in der Stierkämpferarena bandagiert dann all die Elemente, die man von Corbucci und dem Genre im Allgemeinen bereits lieben gelernt hat und in diesem Moment ist der Meister in „Il mercenario“ auf seinem inszenatorischen Gipfel angekommen, zusammen mit der entfalteten Wirkung von Morricones „L'Arena“. Am Ende reicht es dann zwar nicht ganz zum Meisterwerk, dafür ist Corbucci ein verdammt starker und keinesfalls substanzloser Western gelungen.

8 von 10 Kowalskis

Keine Kommentare:

Kommentar posten