Review: 21 GRAMM - Schuld, Liebe, Rache

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Fakten:

21 Gramm (21 Grams)
USA, 2003. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Guillermo Arriaga. Mit: Sean Penn, Naomi Watts, Benicio Del Toro, Charlotte Gainsbourg, Melissa Leo, Danny Huston, Eddie Marsan, Clea DuVall, Jerry Chipman, John Rubinstein, Marc Musso, Teresa Delgado u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Paul Rivers ist dem Tode geweiht, wenn er kein Spenderherz bekommt. In letzter Sekunde erhält er tatsächlich das lebensrettende Organ. Auch wenn es ihm eigentlich untersagt ist, Paul will wissen, wessen Herz er in sich trägt. Bei seinen Nachforschungen findet er Cristina, die Witwe seines Spenders. Ihr Ehemann Michael und ihre kleinen Töchter wurden von einem Auto überfahren. Paul und Cristina verlieben sich ineinander. Doch Cristina hat den Schicksalsschlag noch nicht verarbeitet. Der Mann, der für den Tod ihrer Familie verantwortlich ist, soll sterben. Paul besorgt sich eine Waffe...




Meinung:
 
"Es heißt, wir alle verlieren 21 Gramm genau in dem Moment, in dem der Tod eintritt."


Bald um 21 Gramm leichter?
Warum? Was sind diese 21 Gramm? Ist es das, was wir als Seele bezeichnen? Was geschieht mit uns, mit diesen 21 Gramm? Und was passiert, wenn unser Herz in dem Körper eines anderen erneut zu schlagen beginnt? Das klingt jetzt alles etwas philosophisch und spirituell, das soll keinen falschen Eindruck erwecken. Denn darum geht es Alejandro González Iñárritu nur am Rande, mehr oder weniger der interpretative Zusatzhappen. Komplett losgelöst davon funktioniert sein kunstvoll, äußerst geschickt erzähltes Drama "21 Gramm" auch problemlos. Ein sehr emotionaler, bedrückender Trip durch Leid, Schmerz, Trauer, Rache, Vergeltung und Vergebung.

Cristina und Paul sind zu allem bereit
Was bei "21 Gramm" schnell hervorsticht und zu gesteigerter Aufmerksamkeit zwingt, ist sein unchronolgischer Erzählstil. Iñárritu springt in der Handlung vor und zurück, zerlegt seine Geschichte in viele, kurze Einzelszenen, die anfangs etwas wild und unübersichtlich wirkend zusammengeschnitten werden, doch das bedarf nur kurzer Eingewöhnungszeit. Genau genommen ist es erstaunlich, wie schnell der Zuschauer dennoch den Überblick behält, selbst zu Beginn, wo Details über Story und Figuren noch nicht bekannt sind. Das spricht für Iñárritu, denn er verwirrt nicht und scheint sich sehr genau Gedanken darüber gemacht zu haben, wann er uns welche Szene serviert. Aber ist dieser Stil denn überhaupt sinnvoll? Würde der Film nicht auch funktionieren, wenn er ganz schlicht von A nach B verlaufen würde? Ist das alles nur selbstverliebte Spielerei, mit der er zeigen möchte, was für ein toller Hecht er ist? Ja, es ist sinnvoll, ja er würde auch so funktionieren und nein, da steckt mehr dahinter. Auch chronologisch wäre "21 Gramm" ein toller, bewegender Film, doch wirkt er durch seinen Stil noch mal ganz anders. So wird dem Zuschauer immer wieder vor Augen geführt, was mit den Figuren passiert, wie sie sich im Laufe der Handlung entwickeln. Klar, das klappt auch auf normalen Weg, nur so ist es intensiver, schmerzvoller, effektiver. Wie ein Blick in die Zukunft, der uns dann wieder zurück in die Realität wirft und später nochmal zu den Punkten befördert, als alles noch ganz anders war. Die Entwicklungen werden somit immer reflektiert, nicht nur im Kopf, sondern direkt vor den Augen. Natürlich ist das irgendwo Spielerei, doch sie wertet das Gesamtprodukt tatsächlich auf. Von großartig auf herrausragend.

Die Schuld lässt Jack bald durchdrehen
Mag die Geschichte auf dem Papier etwas realitätsfremd wirken, so wie es hier geschildert wird, nehme ich das voll ab. Der oben angerissene Ansatz (nur ein neues Herz oder wurde da mehr transplantiert?) ist wirklich nur reiner, möglicher Subtext, darauf muss es sich nicht beziehen, erlaubt nur den Gedankenansatz. Dafür ist es viel zu glaubhaft inszeniert, hier werden Emotionen gezeigt, die zu den menschlichsten überhaupt gehören. Tiefe Trauer nach einem grauenhaften Schicksalsschlag, das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, Auge um Auge, um des Seelenfriedens willen. Auch die Motivation von Sean Penns Figur Paul ist gar nicht so weit hergeholt, wie es im ersten Moment klingt. Er lebt nur, weil jemand anderes sein Leben lassen musste, er will mehr über seinen "Retter" erfahren und fühlt sich verantwortlich, in die Pflicht genommen, das macht für mich so wie es gezeigt wird Sinn. Das liegt nicht nur am Script und der sensiblen Inszenierung, es liegt zu einem nicht geringen Teil an den Darstellern.


Das alles überragende Dreigestirn heißt Sean Penn, Naomi Watts und Benicio Del Toro. Jeder von ihnen geht ans Limit, spielt sich die 21 Gramm aus dem Leib. Von kleinen Nuancen bis zu heftigen Gefühlseruptionen, besonders Watts hat mich schwer beeindruckt. Neben den Riesen Penn und Del Toro gibt sie Vollgas, was nicht in Overacting mündet, sondern einem fast die Schuhe auszieht. Ganz großartig, anders lässt sich das kaum beschreiben.


"21 Gramm" fasziniert von Anfang bis zu Schluss, ist wahnsinnig clever durchkomponiert und kippt niemals in Kitsch oder Klischee, was bei so einem Stoff immer schwierig wird. Im Gegenteil, ein fesselndes, erstklassig umgesetztes Stück Gefühlskino mit exzellenten Darstellern. Wunderbar!

9
von 10 Herzbuben

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