Review: 1900 - Ein halbes Jahrhundert in fünf Stunden

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Fakten:
1900 (Novecento)
IT, FR, BRD, 1976. Regie: Bernardo Bertolucci. Buch: Franco Arcalli, Giuseppe Bertolucci, Bernardo Bertolucci. Mit: Robert De Niro, Gérard Depardieu, Donald Sutherland, Dominique Sanda, Stefania Sandrelli, Burt Lancaster, Werner Bruhns, Sterling Hayden, Romolo Valli, Paolo Pavesi, Roberto Maccanti u.a. Länge: 316 (162/154) Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Im Jahr 1900 werden fast zeitgleich zwei Jungen geboren. Alfredo, der Enkel des wohlhabenden Landbesitzers Berlinghieri und Olmo, das Kind eines seiner untergebenen Bauern. Trotz ihres unterschiedlichem, gesellschaftlichem Status werden sie Freunde, ziehen später gemeinsam in den ersten Weltkrieg und erleben im Anschluss auf ganz unterschiedliche Weise das Aufkommen des Faschismus in Italien. Während Alfredo als Gutsherr sich eher passiv gegenüber dem eskalierenden Klassen- und Systemkampf verhält, befindet sich Olmo als bekennender Sozialist mittendrin.  



                                                                                
Meinung:
In über 5 Stunden erzählt Bertolucci die Geschichte Italiens der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 45 Jahre umfasst die epische Zeitspanne, schildert anhand dem Schicksal zweier Freunde das Klassensystem vor dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Faschismus, der Machtübernahme des Terrorregimes und schlussendlich den Aufstand der Arbeiter und Sozialisten nach dessen Zusammenbruch. Bertolucci kleckert nicht, er klotzt. Sein fast größenwahnsinniges Projekt ist europäisches Kino auf allerhöchstem Niveau. Überlebensgross, ausschweifend, epochal. Ein gewaltiges Meisterwerk über eines der dunkelsten Kapitel der italienischen Geschichte, von den Wurzeln an vorgetragen.


Alfredo und Olmo teilen zunächst alles
1 1/2 Stunden lang sind reiner Prolog, die eigentlichen Hauptdarsteller Robert De Niro und Gérard Depardieu tretten bis jetzt noch gar nicht in Erscheinung. In dieser Zeit erzählen andere Filme ihre gesamtes Story, nicht so dieses Mammutwerk. Wir erleben die Situation vor dem ersten Weltkrieg, die Welt der elitären Oberschicht und der mittelosen Proletarier. Eine Zweiklassengesellschaft, die in friedlicher, wenn auch ungleichen Co-Existenz neben- und miteinander leben, beide aufeinander angewiesen. Unmutsäussserungen der Arbeiter verlaufen weitesgehend friedlich, doch durch erste Streiks wird bereits ersichtlich, dass Unfzufriedenheit herrscht. Mit Ende des ersten Weltkriegs beginnt die Industrialisierung, moderne Maschinen drücken die Löhne und machen menschliche Arbeitskraft weniger wichtig, die Schere zwischen Arm und Reich geht noch weiter auseinander. Gleichzeitig spaltet sich das Land auch politisch immer mehr. Die veramten Arbeiter leben den sozialistischen Gedanken, während sich der Faschismus im Land ausbreitet. Das friedliche Miteinander gerät ins Wanken, bis es schliesslich zum brutalen Klassenkampf kommt und der schwarze Terror alles überrollt.


Attila versteht keinen Spaß
Beeindruckend, wie Bertolucci dem Zuschauer diese Zeit nahebringt, in aller Ausführlichkeit. Das erfordert natürlich Geduld, Zeit und die Bereitschaft des Zuschauers, sich über 5 Stunden lang in dieser Welt zu verlieren. Das Erstaunliche dabei: Es ist keine Minute zu lang. Bei einer solchen Laufzeit scheinen Längen unvermeidlich, doch wer sich voll auf dieses Werk einlässt, spürt davon gar nichts. Famos ausgestattet, durchgehend mitreissend und meisterlich inszeniert ist "1900" ein cineastisches Monstrum, bei dem sich alles im Bereich superlativ abspielt. Alles wirkt authentisch, ist hochinteressant und in seiner Opulenz wie eine gigantische Oper, zu der auch ein gewisser Schuss Pathos gehört, der keinesfalls negativ ins Gewicht fällt. Begleitet durch die wieder mal großartigen Klänge von Ennio Morricone durchlaufen wir ein Stück Geschichte, erleben die Enstehung und das Ende einer politisch-sozialen Hexenjagd, die ein Land spaltete und zwei Freunde, ja fast Brüder, zu unfreiwilligen Gegnern machte. Robert De Niro und Gérard Depardieu laufen zur Höchstform auf, am eindrucksvollsten ist aber wohl Donald Sutherland als diabolischer Hofverwalter Attila, das Gesicht des faschistischen Schreckens.


"Ich will nicht elegant, ich will stark sein. Das ist kein Hemd, es ist ein Symbol!"

 
Sutherland liefert eine unfassbar-dämonische Vorstellung, seine Figur ist die Personifizierung des Grauens, des Hasses, der Gewalt. Das pure Böse, das gesamte, menschenverachtende Weltbild des Faschismus auf zwei Beinen. So intensiv und verabscheuenswürdig, die wohl beste Leistung seiner Karriere.


"1900" lässt sich wirklich schwer in Worte fassen, noch für jemanden beschreiben, der es nicht selbst erlebt hat. Das ist Kino in seiner mächtigsten Form, ein Erlebnis auf allen Ebenen. So was wird heute nicht mehr gemacht, so was kann auch nicht oft gemacht werden, aber solche Filme braucht das Kino ab und an.

9,5 von 10 Heugabeln

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