Review: RED RIVER – Ein wehmütiger Blick zurück, ein mutiger Schritt nach vorn



Fakten:
Red River
USA. 1948. Regie: Howard Hawks.
Buch: Borden Chase, Charles Schnee. Mit: John Wayne, Montgomery Clift, Joanna Dru, Walter Brennan, Coleen Gray, John Ireland, Mickey Kuhn, Paul Fix u.a. Länge: 133 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Rancher Thomas, seine Pflegesohn Matt und einige Cowboys treiben eine Rinderherde mit tausenden Tieren von Texas gen Missouri. Ein Viehtrieb mit enormer Beschwerlichkeit, die durch Thomas herrisches Wesen nicht einfacher wird. Als Matt sich schützend vor zwei Cowboys stellt, die Thomas  wegen ihrer Aufmüpfigkeit hängen will, kommt es zum Bruch zwischen Vater und Sohn.






Meinung:
Nach 10 Jahren der Viehzucht, sind es ausgerechnet seine fast 10000 Rinder, in die Tom Dunson sein Vermögen wie auch viel Kraft investiert hat, die ihn in den finanziellen Ruin treiben werden. Es sei denn, er nimmt seine Horde und treibt sie in Richtung Norden nach Missouri, wo sich seine jahrelangen Mühen doch noch bezahlt machen könnten. Eine Wahl Tom hat nicht und der enorme Treck ist seine letzte Chance, auch wenn dieser ihn an seine physischen wie psychischen Grenzen führen wird. Was in dieser Synopsis noch recht abenteuerlich, aber nicht wirklich besonders klingen mag, entfaltet sich in Howard Hawks „Red River“ zu einem Genre-Erlebnis, wie es in seiner Vielseitigkeit noch heute blendend funktioniert. „Red River“ ist ja nicht allein darauf aus, dem mühsamen Weg oberflächlich zu dokumentieren, auf den sich Tom, einige Cowboys und sein Adoptivsohn Matt begeben. Borden Chase und Charles Schnee bohren tiefer und formulieren den psychischen Druck nicht nur als marternde Zukunftsangst, er ist der Vater-Sohn-Konflikt, der das Geschehen elektrisch lädt.


"Ach Mist. Wir hätten beim Wigwam doch rechts abbiegen sollen."
Dass Howard Hawks ein hervorragender Regisseur war, hatte sich auch schon im Jahre 1948 herumgesprochen und wer es bis dahin nicht so recht glauben wollte, wird von „Red River“ endgültig eines Besseren belehrt: Die breiten Landschaftsaufnahmen der texanischen Weiten, die Herde Rinder, die durch diese stampfen und in einer nahezu brillant gefilmten Stampede ihre Gefahr eindrucksvoll zum Ausdruck bringen: Jede Einstellung ist vortrefflich installiert und durch das ästhetische Schwarz-Weiß auch ebenso stimmungsvoll akzentuiert. „Red River“ hofft nur nicht darauf, dass sich der Zuschauer allein an der exzellenten Aufmachung labt, sondern kann auch darunter mit hochinteressantem Einblick glänzen. In erster Linie ist es Tom Dunson, den John Wayne in seiner ersten Kollaboration mit Hawks kraftvoll wie versiert gibt, der sich durch seine Ziele und die verbundene Versessenheit dieses zu erreichen immer mehr verändert und keine Schwäche und Aussetzer in seinem Team duldet – Ansonsten wird der Colt, die Peitsche oder auch der Strick in Erwägung gezogen.


-"Ernsthaft, ich hasse es, wenn du pupst, Tom." -"Hehe."
Tom Dunson ist ein Abbild des Feudalismus, der seine Vieh von der Zucht bis zum Vertrieb durch eigene Hand führte und sich als alleiniger Herrscher über ihren Verbleib aufzeigt. Jeder, der sich ihm in den Weg stellt, wird gewaltsam zur Seite geräumt, egal in welcher Beziehung Tom mit dieser Person stand. Es dauert daher auch nicht allzu lange, bis auch Matt, Montgomery Clift in seiner ersten Rolle, den Zorn Toms auf sich zieht, nachdem er eine Bestrafung zweier Cowboys verhindert hat und die Herde auf eigene Faust mit Toms einstiger Crew nach Kansas leitet. Matt symbolisiert mit seinem introvertierten Anführer einen Fortschritt, der sich auf bürgerlicher Ebene verständigen kann, der auf das Wohl seiner Mitarbeiter bedacht ist und so seinem Adoptivvater die Rolle der Autoritätsperson vollständig entreißt – Durch rücksichtsvolle Menschlichkeit. Tom schwört Rache und ist sich sicher Matt irgendwann mit eigenen Händen zu töten. Während Tom sich immer verbissener in seinen selbstgesetzten Auftrag aufspielt, ist es Matt, der das Projekt immer im Leben hält, schon vor der Entzweiung.


Parallelen zu Paul Thomas Anderons „There Will Be Blood“ lassen sich erkennen, doch während der von Daniel Day-Lewis gespielte Daniel Plainview ein misanthropischer Gierlappen war, besitzt Waynes Tom noch ein Herz, nur fehlte der Appell, der dieses wieder rhythmisch schlagen lies. Wenn die beiden Männer sich noch einmal gegenüber stehen und Tom auf seinen Sohn einprügelt, bis sich sein Gesicht durch das Blut immer vehementer verfärbt, kommt es endlich zu dem Augenblick, der Tom aus seinem emotionalen Winterschlaf weckt und wachrüttelt. In welcher Form sei an dieser Stelle nicht verraten, jedoch besitzt es einen emanzipatorischen Charakter, der sich zwar dann doch ungemein harmonisch ausbreitet, im Gesamtkonzept von „Red River“ dennoch nicht unangebracht wirkt. Ein Western besteht nun mal nicht nur aus harten Mackern, die den ganzen Tag Kautabak durch ihre Wangentaschen schieben, sondern auch aus Männern, die verzeihen und sich im Nachhinein ihre Fehler eingestehen können. Und das ist doch viel mehr wert, als irgendein Teufelskerl, der massenweise Reiter vom Pferd ballert, aber nicht weiß, was im Leben wirklich zählt.


8 von 10 Zuckerdieben


von souli

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