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Review: DESIERTO - TÖDLICHE HETZJAGD - Willkommen in Amerika

1 Kommentar:

Fakten:
Desierto – Tödliche Hetzjagd
USA, Mexiko, Frankreich. 2015. Regie: Jonás Cuarón. Buch: Mateo Garcia, Jonás Cuarón. Mit: Gael García Bernal, Jeffrey Dean Morgan, Diego Catano, Alondra Hidalgo, Marco Pérez, Oscar Flores, Butch McCain, David Lorenzo u.a.. Länge: 94 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Ab 12. Oktober 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Um endlich seinen Sohn wiederzusehen, hat der Mexikaner Moises eine riskante Reise angetreten. Er hat zwei Führer bezahlt, die ihn als Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten durch die Wüste führen und illegal den Weg in das Land der unbeschränkten Möglichkeiten weisen sollen. Doch als der Lastwagen mitten in der Wüste streikt, müssen die Leute den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. Aber kaum, dass sie über der Grenze sind und US-amerikanischen Boden betreten haben, kreuzt Sam ihren Weg. Mit seinem Hund und seinem Gewehr bewaffnet hat der gnadenlose Südstaatler die Grenzpatrouille in die eigene Hand genommen und will den Immigranten eine Lektion erteilen.




Meinung:
„Du hast Problem“ sagt der Teddybär mit Stimmfunktion zu Beginn von Desierto – Tödliche Hetzjagd, während Moises versucht ihn wieder abzustellen. Ja, Moises hat als illegaler Einwanderer ein Problem. Er will über die Grenze in die USA. Raus aus Mexiko, rein ins Land der Freiheit. Mit ihm sind über ein Dutzend anderer, die ebenfalls ihr Glück versuchen wollen und dabei auf die Hilfe von erfahrenden Führern vertrauen. Eine Szenerie wie man sie vermutlich tagtäglich an der amerikanisch-mexikanischen Grenze erlebt. Doch bei Desierto – Tödliche Hetzjagd haben den Einwanderer neben der Hitze, dem Staub und der sporadisch auftauchenden Grenzpatrouille noch ein weiteres Problem: Sam.


 
Sam. Alleine der Name ist pures Sinnbild. Doch dieser Uncle Sam ist kein strahlender Held, sondern ein wandelndes Klischee. Waffen- und Kruzifix-Tattoos befinden sich auf seinen Oberarmen, im Getränkehalter seines versifften Pick-Ups ist eine Dose Bier eingeklemmt, im Radio dudelt Countrymusik, die Flasche Billig-Whiskey ist in der Mittelkonsole verstaut und sein Hund Tracker, erinnert sehr an einen deutschen Schäferhund. Es reicht die erste Einstellung, um zu wissen, dieser Sam wird die mexikanischen Einwanderer, die gerade durch die Spärlichkeit des Grenzgebiet huschen, nicht willkommen heißen und es dauert nicht lange, da eröffnet der Jäger das Feuer auf seine Beute. Peng! Peng! Er richtet ein Massaker an und Regisseur Jonás Cuarón fängt dies ähnlich ein wie die Wüstenlandschaft: amusisch und karg.

 
Desierto – Tödliche Hetzjagd bietet innerhalb seiner Geschichte viele Momente, um diesen Sam zu einem psychopathischen Derwisch verkommen zu lassen, ähnlich wie den Killer Mick Taylor in den Wolf Creek-Filmen. Doch Cuárón verzichtet darauf. Sam ist ein manchmal fast schon sympathisches wie verbittertes, wandelndes Stereotypenersatzlager, aber in seiner direkten und geerdeten Art nicht uninteressant Vor allem weil seine Motivation sowie seine Entscheidung statt Hasen nun Menschen zu jagen so unspektakulär wie lapidar erscheint. Das ist sein Land, die illegalen Einwanderer sind für ihn Vieh. Auch wenn Sam es niemals frontal ausspricht, seine Haltung und Einstellung ist im Grunde eine radikale Kanalisierung des heutigen Rassismus. Ihm ist es egal, warum diese Menschen, die mit seinem Gewehr aufs Korn nimmt in den Staaten wollen. Sie gehören für ihn einfach nicht dort hin. Ordnung muss für ihn eben sein, mit allen tödlichen und barbarischen Konsequenzen. Sein direkter Gegenspieler Moises, ein überlegter wie hilfsbereiter Kerl, bietet da den passenden Kontrast. Doch Desierto – Tödliche Hetzjagd macht es sich schon sehr einfach diese beiden Figuren gegenüber zu stellen und recht rasch verliert sich das Kritische der Handlung und was übrig bleibt ist pure Genre-Ware - eben eine Hetzjagd durch die Wüste. Jäger und Gejagter.


Das ist bedauerlicherweise nie so fesselnd wie es hätte sein können und gerade das Finale wirkt vom Spannungsaufbau erstaunlich kraftlos, auch wenn das Ende an sich, für einen Genre-Film, fast schon mutig und rebellisch erscheint. Dennoch bleibt letztlich der Gesamteindruck zurück, dass Desierto – Tödliche Hetzjagd viel Potenzial verschenkt hat. Damit ist nicht seine politische und gesellschaftlich Ebene gemeint, sondern ganz einfach sein nicht immer zufriedenstellender Umgang mit den eigenen Möglichkeiten das Publikum zu fesseln. Dafür sieht der Film optisch grandios aus und der unaufdringliche aber dennoch gelungene Soundtrack von Musiker Woodkid kann sich auch hören lassen.


5,5 von 10 Klapperschlangen

Review: KILLING SEASON – John Travolta vs. Robert De Niro

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Fakten:
Killing Season
USA. 2013. Regie: Mark Steven Johnson.
Buch: Evan Daugherty, Paul Breuls. Mit: John Travolta, Robert DeNiro, Milo Ventimiglia, Elizabeth Olin, Kalin Sarmenov, Stefan Shterev u.a. Länge: 91 Minuten. Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Veteran Benjamin Ford lebt zurückgezogen in den Appalachen. Dorthin verirrt sich der Tourist Emil. Die beide Männer freunden sich langsam an, doch daraus wird bald eine erbitterte Feindschaft, als Emil Benjamin offenbart wer er wirklich ist. Die beiden Männer haben noch eine gemeinsame, offene Rechnung zu begleichen.




Meinung:
Es benötigt keinerlei ausführende Worte, um das gegenwärtige Grauen im Schaffen der New Hollywood-Legende Robert De Niro zu punktieren, vielmehr reicht inzwischen schon eine saloppe Enumeration seiner letzten Beteiligungen, die genau das zum Ausdruck bringt, was wir uns in Bezug auf den guten Bobby nie erträumt haben: Sein einzigartiger Glanz bröckelt Stückchen für Stückchen, Auftritt für Auftritt. Natürlich war seine Vorstellung in David O. Russells „Silver Linings“ alles andere als verachtenswert, aber dem gegenüber stehen Filme wie „Last Vegas“, „Malavita – The Family“, „Red Lights“, „Freelancers“ und nicht zuletzt „Killer Elite“. Noch Fragen? Nein, es steht nicht gerade rosig um die produktive Qualität der ehemals so vorbildlich fungierenden Ikone, und hinter dem großen Namen verbringt sich heute nicht mehr der inbrünstige Schauspieltitan, der jeden Film durch seine unnachahmliche Präsenz an sich riss, sondern nur noch ein austauschbarer, lustloser und langweiliger alter Mann.

 
Nicht nur Emils Bogen steht unter Anspannung
Der Action-Thriller „Killing Season“, der bei uns – wen wundert es schon – direkt den Weg in die Videotheken gefunden hat, passt sich vorzüglich De Niros momentaner Klasse an und verdeutlicht gleichermaßen, dass seine Filme nicht mal mehr tauglich für die lockere Unterhaltung am verregneten Sonntag sind, sondern immer einen despektierlichen Unterton in sich tragen, der es dem denkenden Zuschauer nach wie vor unmöglich macht, gänzlich abzuschalten und sich unbeschwert berieseln zu lassen. Regisseur Mark Steven Johnson und sein Autorenduo Evan Daugherty und Paul Breuls erarbeiteten sich im Vorfeld ein Projekt, welches als wiederholtes Aufeinandertreffen von John Travolta und Nicolas Cage vermarktet und angepriesen werden sollte, die zum ersten Mal in John Woos Edeltrash „Face/Off“ die Körper tauschten. Und auch wenn es sich seltsam und beinahe ironisch anhören mag: Mit einem Nicolas Cage im Ensemble, wäre „Killing Season“ ohne jeden Zweifel der weitaus bessere Film geworden.


Man muss es sich folgendermaßen vorstellen: „Killing Season“ ist ein Konglomerat, welches die Actiondramaturgie von Filmen wie „Rambo“, „Die Stunde des Jägers“ und sämtlichen weiteren Mann vs. Mann-Vehikeln abkupfert. Als wäre diese Formalität nicht schon Klischee genug, wird dem Ganzen noch ein politischer Hintergrund aufgedrängt, der um die ethnischen Säuberungen des Balkankrieges kreist und Emil Kovac (John Travolta) die Motivation für sein späteres, nach Rechenschaft und Sühne gierendes Tun verleiht. Wem es an dieser Stelle noch nicht aufgefallen ist: Die Story ist so derart platt, fragmentarisch und reißerisch konstruiert, dass man „Killing Season“ schon auf dem Papier – und das nicht nur aufgrund des ellenlangen weißen Barts – einfach nicht ernst nehmen kann. Und wer käme für einen solch hoffnungslosen Fall also eher infrage, als der menschgewordene Wanderzirkus Nicolas Cage? Niemand. Eben.

 
Da waren sie noch Freunde
De Niro hingegen kann sich nicht ohne jedes Schamgefühl zum Affen machen und versucht heuchlerisch, seinem Charakter Benjamin Ford ein nennenswertes Innenleben einzuflößen, welches in einem Film dieser seichten Konstellation natürlich komplett deplatziert und störend daherkommt. Also befindet sich Benjamin noch in familiären Problemen, kommt mit der Scheidung seiner Frau nicht wirklich zurecht und seinen gerade erst getauften Neffen hat er noch nie in die Augen gesehen. Tragisch, aber dem Zuschauer auch entsetzlich egal. John Travolta dafür zeigt, wie man es richtig macht und reißt den Film mit seiner extrovertierten Darstellung und dem peinlich-kratzigen Akzent an sich, in dem er sich von jeder seriösen Kette löst. Eine schauspielerische Karambolage, aus der einzig Travolta noch mit leichten Blessuren davon kommt. Aber wen kümmert das alles schon?


Wenn es dann „zur Sache“ geht und Kovac mit Pfeil und Bogen Jagd auf Ford macht, dann werden zwei Elitekrieger zu trotteligen Kindern, die im Wald mal wieder etwas Krieg spielen wollen. Jeder tritt mal repetitiv in das größtmögliche Fettnäpfchen, hat mal kurze Zeit die Oberhand im existenzialistischen Duell, nur um dann wieder einen idiotischen Fehler zu begehen und dadurch seinen Kontrahenten abermals in die überlegene Rolle zu drängen. Dass es hier wirklich um den seelischen Prozess der Vergebung gehen soll, um die Bewältigung und Konfrontation von vergangenen Verbrechen an der Menschheit, ist nur ein lachhafter Selbstzweck des Drehbuchs, dass sich so einen Tiefgang einreden möchte, dem der Film zu keiner Sekunde auch nur im Bruchteil einer Sekunde gerecht wird. Handwerklich ist das aber alles vollkommen solide, mit seinen netten, geerdeten Aufnahmen der Wälder, hat sich Peter Menzies Jr. im Griff. Der Rest ist eine Menage aus blamabel aufgeplustertem Geschwafel und ein Kampf ums Überleben ohne jede Dynamik.


3 von 10 serbischen Backenbärten


von souli

Review: THE CHASER - Gefangen im abgründigen Moloch von Seoul

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Fakten:
The Chaser (Chugyeogja)
Süd-Korea. 2008. Regie: Na Hong-jin. Buch: Na Hong jin, Hong Won-chan, Lee Shin-ho. Mit: Kim Yoon-seok, Ha Jeong-woo, Seo Yeong-hee, Kon Bon-woong, Kim Yu-jeong, Jeong In-gi, Park Hyo-ju, Choi Jeong-woo, Min Kyeong-jin. Länge: 123 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Das Zuhälter Joong-ho mal Polizist war, ist kaum zu glauben, dafür führt er sein Unternehmen mit zu harter Hand. Als zwei seiner Mädchen spurlos verschwunden sind, geht Joong-ho davon aus, dass ein Freier sich diese geschnappt und weiterverkauft hat. Er geht der Sache nach und kommt so einem Serienkiller auf die Schliche, der bereits ein Dutzend Frauen brutal ermordet hat. Es gelingt Joong-ho den Psychopathen zu fassen, doch dies ist erst der Anfang eines perfiden Wettlaufs gegen die Zeit.





Meinung:
In Na Hong-jins "The Chaser" scheint das Leben in Südkoreas 10 Millionen Metropole Seoul für alle Bewohner ein nihilistischer Marsch durch den zermürbenden Dauerregen zu sein; ein abartiger Sündenpfuhl, in dem die Polizei an ihrer eigenen Unfähigkeit versagt und das pulsierende Klima der Hauptstadt einzig durch das unvermeidliche Verbrechen bestimmt wird. Hier gibt es keine echte Freude, nur verlogene Masken; keine zwischenmenschliche Innigkeit oder unbekümmerte Sorglosigkeit, nur Kälte und Abstumpfung. Das Herz der Stadt ist längst von unausweichlicher Düsternis intoxikiert worden und alle Einwohner fallen dem schwarzen Dunst der immer bleibenden Nacht langsam zum Opfer. Mitten in diesem verruchten Moloch fristet der ehemalige Polizist Joong-ho-Eom nun sein Dasein als Zuhälter, während ihm die Frauen langsam verloren gehen und die blutverschmierte Spur zum bestialischen Serienmörder Young-min Jee führt.


Das wird eine lange Nacht für Joong-ho
Wer nun einen konventionellen Cop-vs-Killer-Thriller erwartet, der täuscht sich durchaus, denn »The Chaser« weiß durch die Konstruktion seiner Charakter durchgehend zu gefallen: Während der misanthropische und profitgierige Joong-ho-Eom durch den Verlust seiner Prostituierten den Weg zurück zu vergessen Emotionen findet, ist sein Gegenüber Young-min Jee kein überlegender Antagonist, der jeden seiner Schritte penibel plant und der Polizei so immer einen Schritt voraus ist. Ganz im Gegenteil: Er gibt seine Taten mit hämischen Grinsen offen zu, agiert vollkommen unkontrolliert wie fehlerhaft und ist seinem Drang zu Töten vollständig ausgeliefert. Dabei ist der Knackpunkt der Handlung, dass der Zuschauer bereits nach wenigen Minuten erfährt, wer hier wirklich Täter ist, der Film seine Spannung allerdings aus der Suche nach seinen Opfern zieht, obgleich der Zuschauer hier ebenfalls weiß, wo der Psychopath die Frauen verscharrt hat - "The Chaser" mischt Suspense-Elemente mit knallhartem Psycho-Thriller und evoziert eine Atmosphäre, die beinahe durchgehend ohne Lücken auskommt.


Na Hong-jin gewährt seinen Figuren genügend Zeit, um mit neuen Facetten aufzuwarten, während sich die Anspannung der Situation kontinuierlich verdichtet und der Zuschauer, wie auch die Beteiligten, nur auf die eruptive Detonation warten. Wenn sich die Polizei dann aber als untauglich erweist und einem Massenmörder, der alle seine Taten detailliert schildert, nie mit der richtigen Aufmerksamkeit entgegen tritt, dann ist die Kritik am südkoreanischen Polizeiapparat und dem bürokratischen Unvermögen im korrupten Brennpunkt der systematischen Hierarchie in ihrer ganzen Schärfe greifbar. Obgleich die Humorspitzen in der Inszenierung nie außer Acht gelassen werden, wird die verzogene Abgründigkeit der Moderne nie aus dem Gedächtnis verdrängt. Na Hong-jin spielt gelegentlich mit den Erwartungen des Zuschauers, schlägt neue Wege ein und verdeutlicht dadurch nur das qualvolle Elend der Lage. Joong-ho-Eom darf ein stückweit zu sich selbst finden, doch verändern wird er sich nicht und immer in seiner peinigenden Existenz gefangen sein. Der Realismus ist unverkennbar, Erlösung bleibt ein bloßer Wunschtraum und das Leid zieht bis tief in die Knochen. Eine Welt voller Verlierer.


8 von 10 mysteriösen Zeichnungen


von Souli

Review: IMMER ÄRGER MIT HARRY - Einmal gestorben, mehrfach begraben

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Fakten:
Immer Ärger mit Harry (The Trouble with Harry)
USA, 1955. Regie: Alfred Hitchcock. Buch: John Michael Hayes. Mit: Edmund Gwenn, John Forsythe, Shirley MacLaine, Mildred Natwick, Mildred Dunnock, Royal Dano, Jerry Mathers, Dwight Marfield, Parker Fennelly, Barry Macollum u.a. Länge: 96 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Captain Albert Wiles will sich eigentlich in den Wäldern von Vermont nur ein paar Hasen schießen und findet die Leiche von Harry. In dem Glauben, ihn versehentlich erschossen zu haben, will er den Toten verstecken, doch ausgerechnet jetzt ist unheimlich viel los im Wald. Gleich mehrer Personen, darunter seine Nachbarin Miss Gravely, die alleinerziehende Mutter Jennifer und ihr kleiner Sohn Arnie sowieder schusselige Arzt Dr. Greenbow stolpern mehr oder weniger über Harry. Das Kuriose an der Sache: Nicht nur Albert glaubt, Harry auf dem Gewissen zu haben. Der Startschuss für einen Beerdigungsmarathon.



 

                                                                           
 Meinung:
- "Wollen sie noch ein paar Worte sprechen, Captain?"
- "Das sollte ich wohl tun: Harry Worp, lass dich bloß nicht wieder in dieser Gegend sehen!"


Vor der wunderschön-verträumten Bilderbuchkullisse von Vermont lässt Alfred Hitchcock den guten Harry mehrfach beerdigen und wieder auferstehen. Diese leicht morbide, bissige, trotzdem heiter Komödie macht richtig Spaß und schafft etwas, was vergleichbare Filme sehr selten hinbekommen: Ein relativ respektloses Verfahren mit einem Toten, ohne dabei die Grenzen des guten Geschmacks zu weit zu überschreiten oder zu boshaft aufzutretten, um damit jemanden ernsthaft brüskieren zu können.


Der tote Unruhestifter
Der Witz bei "Immer Ärger mit Harry" steckt in der Banalität, wie mit dem plötzlich auftauchenden Leichnam umgegangen wird. Ups, tot, dumm gelaufen, na ja. So richtig erschrocken oder entsetzt scheint niemand, als wenn ausversehen eine Scheibe zu Bruch gegangen wäre. Nun müssen halt die Scherben weggeräumt werden. Hitchcock inszeniert seinen Film wunderbar leichtfüßig und erzählt eine Geschichte mit Todesfall, aber ohne Unsympathen. Das Hauptfiguren Quartett ist durch die Bank liebenswert, jeder auf seine Weise. Selbst der konservativste Moralapostel kann es ihnen wohl kaum übel nehmen, dass sie eine Leiche wie ein lästiges Anhängsel behandeln und das gesamte Szenario eher locker nehmen. Schwarzen Humor spart sich der Film dabei keinesfalls aus, im Gegenteil. Die scharfzüngigen Dialoge enthalten davon reichlich, doch so unbeschwert und beiläufig, gerade das macht sie so großartig. "Immer Ärger mit Harry" erscheint in seinem Auftretten wie eine der typischen Heile-Welt-Komödien seiner Zeit, erzählt dabei eigentlich etwas komplett anderes. Das ist so eine herrliche Mischung, das vergnügte Dauergrinsen ist vorprogrammiert.

Die Bestattungsprofis
Das Drehbuch ist nicht nur hervorragend geschrieben, sondern dazu noch richtig flott. Doch Hitchcock verlässt sich nicht nur auf die tolle Vorlage, allein durch seine Inszenierung gewinnt "Immer Ärger mit Harry" noch eine dicke Portion Humor hinzu. Wie er durch kleine Nuancen noch für zusätzliche Schmunzler sorgt, lässt seinen Hang zum trockenen Witz erkennen, den es auch (fast) immer in seinen Thrillern zu sehen gab. Seine Darsteller ziehen da voll mit. Es ist oft nicht nur das was sie tun und sagen, sondern ganz besonders wie. Alle scheinen den Humor des Films und wie man diesen noch unterstreicht voll verstanden zu haben, was ihre Figuren ausmacht. Die Chemie stimmt hier jede Sekunde, das Timing von Regie, Buch und Schauspiel ist perfekt abgestimmt.


"Immer Ärger mit Harry" beißt, ohne zu verletzen und funktioniert deshalb so prächtig. Ironisch, clever und erstklassig umgesetzt.

- "Wo haben sie Harry diesmal hingelegt?"
- "An seinen Stammplatz, hinter der großen Eiche."

8 von 10 vermeidlichen Killern

Review: SERAPHIM FALLS - Liam jagd Pierce

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Fakten:
Seraphim Falls
USA, 2006. Regie: David Von Ancken. Buch: David Von Ancken, Abby Everett Jaques. Mit: Liam Neeson, Pierce Brosnan, Michael Wincott, Xander Berkeley, Ed Lautner, Tom Noonan, Kevin J. O'Connor, John Robinson, Anjelica Huston, Wes Studi, Angie Harmon, Robert Baker u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
1868: Gideon wird gejagt. Carver und seine vier angeheuerten Männer verfolgen ihn durch verschneite Wälder bis in die staubtrockene Wüste. Gideon ist angeschossen, doch mit allen Wasser gewaschen und nicht bereit, sich kampflos zu ergeben. Warum ihm überhaupt die Männer auf den Fersen sind, wird erst später deutlich.
                                                                          


Meinung:
Ohne Prolog mitten rein ins Geschehen: David Von Ancken verzichtet bei seinem Neo-Western "Seraphim Falls" auf jegliches Vorgeplänkel und startet sofort mit der Menschenjagd. Gideon wird durch eine Kugel verwundet und ist fortan auf der Flucht vor Carver und seinen Söldnern. Wer Jäger und Gejagter sind und warum überhaupt die Männer Gideon ans Leder wollen, erfährt der Zuschauer zunächst nicht. Die Motive werden erst im letzten Drittel enthüllt, doch eins vorweg: Das ist jetzt nicht so überraschend (und soll es auch gar nicht sein), die übliche Story um Rache und Vergeltung. Interessant ist eher, dass ohne anfängliche Erklärungen gar nicht mal unbedingt klar ist, wer denn hier gut und böse ist. Ist Gideon ein Verbrecher oder sind es seine Jäger? Ihr Handeln ist nicht so eindeutig, dass die Rollenverteilung offensichtlich ist.


Bond am Stiel
Durch den zügigen Einstieg in die Handlung mag es so klingen, als wenn "Seraphim Falls" dem Gaul richtig die Sporen geben würde. Von Ancken ist auch sichtlich bemüht, keine Längen einschleichen zu lassen, doch zwischendurch wird es schon etwas monoton. Eine 106 minütige Verfolgungsjagd mit maximal einem PS ist nunmal nicht so rasant, dass sich dies komplett vermeiden ließe. Das ist sicherlich der Hauptkritikpunkt von "Seraphim Falls", dem Ganzen hätte durchaus der ein oder andere Einfall nicht geschadet. Was es ihm manchmal an diesem fehlt, gelingt ihm aber fast gänzlich durch seine Vorzüge auszugleichen. An erster Stelle seien die tollen Bilder vor, speziell am Anfang, imposanter Naturkulisse genannt. Die verschneiten Wälder und Berge der ersten Minuten erinnern leicht an Sergio Corbuccis Genre-Meisterwerk "Leichen pflastern seinen Weg". Von der Stimmung her kommt er zwar nicht ansatzweise da mit, aber das ist auch überhaupt nicht die Intention, viel zu unterschiedlich sind die Werke in ihrer Auslegung. Die spätere Wüstenlandschaft ist, Überraschung, deutlich karger, die Arbeit von Kameramann John Toll bleibt dafür klasse. Der Cast ist durchzogen von bekannten Gesichtern wie Michael Wincott, Xander Berkeley oder Tom Noonan, inklusive zwei Stars, die gegen Ende eine entscheidende Rolle spielen. Dazu gleich mehr.


"Hab dich!"
Das Hauptaugenmerk liegt selbstredend auf den Hauptdarstellern Liam Neeson und Pierce Brosnan. Letzterer ist ja nach seinem James-Bond-Ausstieg sehr darum bemüht, sich von seinem eingebrannten Image zu lösen und hat seitdem bewusst Rollen angenommen, die nicht viel mit dem britschen Gentlemanetikett zu tun haben. Hier gelingt ihm das ganz hervorragend. Der in der Vergangenheit manchmal etwas steif und kaum wandelbar wirkende Brosnan lässt seine Kritiker verstummen. Seine Besetzung klingt für einen US-Western zunächst leicht gewöhnungsbedürftig, doch das erweißt sich als reines Vorurteil. Eine wirklich starke Leistung, mit der er sogar Liam Neeson, trotz guter Vorstellung seinerseits, leicht in den Schatten stellt.


Was "Seraphim Falls" dann endgültig von der Masse des Genres abhebt, sind seine letzten Minuten. Völlig unvorbereitet bekommt der eigentlich sehr geradlinige Western auf einmal einen leicht surrealen Einschlag. In kleinen Rollen tauchen nun der ewige Indianer-Darsteller Wes Studi und die Grand Dame Anjelica Houston auf, über deren Parts nicht so viel verraten werden sollte. Nur so viel: Ihre Rollen und Bedeutungen für die Geschichte sind absolut genreuntypisch und auch etwas gewagt. Das könnte einige Zuschauer leicht irritieren, wenn nicht sogar verärgern. Es bietet ungeahnten Spielraum für Interpretationen. Meine habe ich gefunden, nur wäre es unfair, diese jetzt zu erleutern. Das sollte jeder Zuschauer für sich entscheiden.


Handwerklich und darstellerisch ausgezeichneter Western-Happen mit Überraschungen im Finale, die nur vorher leider vermisst werden.

7 von 10 ausgehöhlten Gäulen