Review: EIN EINFACHER PLAN - Theorie und Praxis

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Fakten:
Ein einfacher Plan (A Simple Plan)
USA, GB, BRD, FR, JP, 1998. Regie: Sam Raimi. Buch: Scott B. Smith. Mit: Bill Paxton, Billy Bob Thornton, Bridget Fonda, Brent Briscoe, Jack Walsh, Gary Cole, Chelcie Ross, Becky Ann Baker, Bob Davis, Peter Syvertsen, Tom Carey, John Paxton u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Zufällig stolpern der bodenständige Hank, sein geistig minderbemittelte Bruder Jacob und dessen prolliger Kumpel Lou in den verschneiten Wäldern einer Kleinstadt über einen abgestürzten Privatjet. An Bord: Der von Krähen zerfressene Pilot und 4,4 Millionen Dollar. Während Jacob und Lou schon ihren Reichtum feiern, mahnt Hank vor den Konsequenzen. Er bewahrt das Geld bei sich auf und fordert absolutes Stillschweigen seiner Partner ein, bis Gras - oder eher Schnee - über die Sache gewachsen/gefallen ist. Ein einfacher Plan, der furchtbar aus dem Ruder läuft.






Meinung:
Oft unterschätzte oder eher unerwähnte Perle der 90er und im Schaffen von Sam Raimi. Wohl sein bester Film, selbst in Anbetracht seines Low-Budget-Meisterwerks "Tanz der Teufel", den folgenden Sequels und weit über seinen "Spiderman"-Filmen. War Raimi vorher eher der liebenswerte Genre-Nerd, der dem Horrorfilm entscheidende Impulse gab, später mit "Darkman" ein Hommage-Feuerwerk ablieferte und dann mit "Schneller als der Tod" einen enorm unterhaltsamen B-Western mit A-Besetzung auffuhr, zeigt er sich hier als (endgültig) ernstzunehmender Regisseur, der einen - wenn nicht den - besten Neo-Noir-Film der 90er inszeniert. Oder eher Neo-Blanc, die weiße Pracht bedeckt zunächst das Geschehen und wird im weiteren Verlauf in tiefstes Rot gefärbt, Parallelen zum kurz vorher erschienenen "Fargo" immer gegenwärtig. Dabei ist das keine Kopie oder wahrscheinlich nichtmal gedanklich ernsthaft daran angelehnt, eher ein (glücklicher) Zufall. Humor spielt hier keine Rolle, skurille Momente werden eingetauscht gegen menschliche Abgründe. Durch und durch, erschreckend nachvollziehbar, ehrlich und bedrückend.


Fette Beute im tiefen Schnee.
"Ein einfacher Plan" erzählt eine bitter-böse Parabel über die Natur des Menschen. Du kannst mit deinem Leben zufrieden sein, hast alles was du brauchst, doch wenn sich die Chance bietet, verlierst du jeden Skrupel. Schneller, als du als eigentlich intelligenter, geerdeter Mensch es dir jemals zu träumen gewagt hättest. Bill Paxton verkörpert eben diesen glücklichen Mittelklasse-Typen Hank, nicht reich, aber abgesichert. Sein Frau ist schwanger, beide (augenscheinlich) glücklich, in ihrem verschneit-verschlafenen Nest gehören sie zu den Privilegierten. Sein älterer, geistig sehr reduzierter Bruder Jacob eher weniger, sein Saufkumpane Lou erst recht nicht. Sie sind der White-Trash der armen, ungebildeten USA, mit gelben Zähnen und verrosteten Pick-Ups. Der Zufall verhilft ihnen zu einer Menge schmutzigen Cash, den die "Trottel" lieber jetzt als gleich mit vollen Händen ausgeben würden, nur der moralische Gutbürger Hank hat Bedenken. Er gibt einen einfachen Plan vor: Geld verwahren (durch ihn), Fresse halten, abwarten. Ganz einfach. Wenn die Bestie Mensch nicht wäre.

Am Ende zählt nur, was man in der Hand hat.
Was nun folgt, ist eine drastische, dabei immer schlüssige Kettenreaktion. Angetrieben durch Naivität, Gutgläubigkeit, Loyalität, Gier, Missgunst und vor allem Manipulation. Durch das trächtige Unschuldslamm, das eigentlich von nichts wissen sollte. A Simple Plan goes wrong, mit Anlauf. Bridget Fonda gibt die Marionettenspielerin mit dem Engelsgesicht und dem Babybauch, die noch vom Krankenbett einen Keil zwischen das Trio - in erster Linie in das nur verwandte, nicht befreundete Brüderpaar - treibt, ihre lange unterdrückten Bedrüfnisse versucht zu befriedigen und dadurch erst ernsthaft eine Erdrutsch auslöst, der in fatalen Konsequenzen mündet. Sensationell geschrieben und bedrohlich-beklemmend umgesetzt, mit einer ambivalenten und wendungsreichen Charakterisierung bedacht, offenbart der doch nicht ganz so einfache Plan, wie schnell ein Szenario kippen kann und sich die Frage nach der Dicke von Blut, Wasser, Schnee oder grünen Scheinen erstaunlich schwer stellt. Das Eine führt zum Anderen, bevor du es dir versiehst, hast du mehr Leichen und Lügen zu vertuschen, als jemals gedacht und damit ist das wackelige Gerüst dem Einsturz immer näher, der Aufschlag um so schlimmer. In seiner Glaubwürdigkeit (dadurch schrecklich) niemals konstruiert, denn alles scheint verstörend logisch. Während der Mann mit dem Plan zu Bestie mutiert (wird), behält ausgerechnet der als unzurechnungsfähig eingestufte Dödel das Herz, das Hirn und die Moral am rechten Fleck, nur dafür ist schon lange kein Platz mehr.


Tragisch, mordspannend und enorm atmosphärisch umgesetzt zeigt Sam Raimi, wie ein modernes Schattenspiel der menschlichen Seele funktioniert. Wer alles hat und doch mehr will, wird böse auf die Schnauze fallen und alles verlieren. Wer gar nichts hat und dennoch seine Menschlichkeit bewahrt, gibt alles. Bis zum Schluß. Besser im Frieden abschließen als als Monster zu enden. Das Ende mit Schrecken statt dem Schrecken ohne Ende. Die Krähen haben es angekündigt, doch wer nicht denken will, muss fühlen. Am Ende steht nur Tod, Leid und Elend. Für die, die sich im Sog verloren haben. Großer, kleiner Film.

8,5 von 10 vereisten Moralvorstellungen.


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