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Review: BIG EYES - Ausgebeutete Kunst

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Fakten:
Big Eyes
USA. 2014. Regie: Tim Burton. Buch: Scott Alexander, Larry Karaszewski. Mit:Amy Adams, Christoph Waltz, Danny Huston, Terence Stamp, Krysten Ritter, Jason Schwartzman, Jon Polito, James Saito, Delaney Raye, Guido Furlani, Madeleine Arthur u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Ab 23. April 2015 im Kino.


Story:
Die USA in den 1950er Jahren. Margaret versucht mit der Malerei Geld zu verdienen, doch niemand interessiert sich für ihre Werke, die vor allem durch die großen Augen ihre gemalten Personen auffallen. Dann lernt sie Walter kennen. Die beiden verlieben sich und heiraten. Walter erkennt Margrets Potenzial als Künstlerin, versteht aber auch, dass es Frauen in der Kunstwelt schwer haben, also geben beide ihre Werke für sein aus. Mit Erfolg. Margrets Kunst wird zum Hit. Doch der im Rampenlicht stehende Walter verliert zunehmend die Kontrolle und sieht sich nach und nach als wahren Urheber der Bilder. Es kommt zum Bruch des Paares.





Meinung:
Tim Burton ist zurück mit seiner Variante eines genüsslich überkandidelten 40er-bis-50er-Melodrams (nicht umsonst kommt zweimal Joan Crawford zur Sprache - es gibt sogar stilecht ein Finale im Gerichtssaal!), das von der exquisiten Räudigkeit des Christoph Waltz lebt und Spannungen des plakativen Love-to-hate vorantreibt. Allerdings ist dabei auch die Empathie mit der unterdrückten Frau und Künstlerin Margaret Keane (Amy Adams) ein entscheidender Faktor des dramaturgischen Haltens; Burton weiß an ihr dementsprechend die Sehnsucht und Tragik des verheimlichten Schaffens zu stilisieren.


 
Walter und Margret im Streit um die Kunst
Das bunte malerische Ambiente drum herum ist da ebenso nur die brüchige Oberfläche zur inneren Seelenpein, umso greller kommen sodann die Ausbrüche des kontrollierenden Ehemanns/Schweinepriesters Walter Keane. Sein Overacting macht ihn vor allem zum Schluss hin zur Witzfigur, der Fiesheit jener Figur gelingt dadurch aber auch eine Unberechenbarkeit, bei der man sich trotz Übertünchung fürchtet - also ebenso wirksam wie die entschiedene Verschleierung der Realität im Sinne von Burtons "Big Fish", wie hier Margaret Keanes Sicht der Geschehnisse ihr künstlerisch-überzeichnetes Pendant auf der expressionistischen Leinwand erhält. Da muss man nochmal distanzieren, wie viel Wahrheitsgehalt letztlich übrig bleibt - im filmischen Sinne ist das wohl aber noch die geeignetste Lösung; erst recht, sobald es um die Hilfe der Zeugen Jehovas in Hawaii geht: Camp-Faktor Deluxe. Burton hätte aber dennoch gut daran getan, das visuelle und emotionale Potenzial der Gemälde zu veräußerlichen - Danny Elfmans Score kriegt da zur Unterstützung auch immer nur halbwegs die Kurve -, schließlich besitzt die Geschichte anhand seiner eigenen Vergangenheit als Zeichner bei Disney durchaus persönliche Züge und sollte ihm demnach auch zum audiovisuellen Freilauf antreiben können.


Die Entschädigung fürs Nicht-Einlösen findet man immerhin im extremen Schauspiel zur Konkretisierung der inneren Themen, wobei Amy Adams aber weiterhin als Sympathieträgerin einer ungünstigen Ära beim Zuschauer davon kommt - der Wunsch zum Gelingen ihrer Selbstachtung brennt eben wie das Terpentin in ihrem Arbeitszimmer, je mehr Streichhölzer nach ihr geworfen werden. Dennoch gilt es, vom Film eine unwiderlegbare Taktlosigkeit zu erwarten - was aber immer noch besser ist, als die kommerzielle Manierlichkeit einer "Alice im Wunderland".


6,5 von 10 Kulleraugen


vom Witte

Review: OPERATION WALKÜRE – DAS STAUFFENBERG ATTENTAG – Heldenverehrung mit Augenklappe

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Fakten:
Operation Walküre (Valkyrie)
USA. 2008. Regie: Bryan Singer. Buch: Christopher McQuarrie, Nathan Alexander.
Mit: Tom Cruise, Kenneth Branagh, Bill Nighy, Tom Wilkinson, Carice van Houten, Terence Stamp, Christian Berkel, Eddie Izzard, Thomas Kretschmann, Tom Hollander u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Meinung:
Basierend auf wahren Begebenheiten: Die Geschichte des Oberst Claus von Stauffenberg, der 1944 versucht, zusammen mit einem militärischen Widerstand, Adolf Hitler mit einem Bombenanschlag zu töten.





Meinung:
Die Entrüstung kannte nach der Verkündung, Tom Cruise würde in die Rolle des Oberst Claus von Stauffenberg schlüpfen, keine Grenzen. Der Grad der Empörung uferte schnell in ein bizarres Ausmaß und Historiker wie Feuilletonisten zerrissen sich die Mäuler im großen Stil: Ausgerechnet der durch die Medien in Deutschland nur noch als Scientologe wahrgenommene Tom Cruise soll dieses Privileg zuteilwerden, ausgerechnet das ideologisch verstrahlte Sektenmitglied mit dem aufgesetzten Perlweißgrinsen. Wer behauptet, dass „Operation Walküre“ nicht schon vor Drehbeginn in tausend Teile gerissen worden war und zu einem Film gebogen wurde, der von Anfang an zum Scheitern verdammt war, der belügt sich letztlich selber. Aber eigentlich konnte diese gebündelte Animosität, dieser kollektive Groll gegen das so prestigeträchtige Projekt nur von Vorteil für die Crew rund um Regisseur Bryan Singer („X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“) und seinen Superstar Tom Cruise („Mission: Impossible“) sein.

 
Stauffenberg und seine Kameraden bei der Planung.
Von Vorteil deshalb, weil die Erwartungen an „Operation Walküre“ augenscheinlich als Selbstläufer auf ein Minimum reduziert wurden und das so zwanghaft herbeigesehnte Fiasko von der Welt schnell als 'absehbar' abgetan werden würde. Spricht man „Operation Walküre“ aber ganz vorurteilslos von diesen ostentativen Unkenrufen frei, dann treffen wir auf einen Film, der diesen feurigen Trubel im Vorfeld eigentlich überhaupt nicht verdient hat. Dafür nämlich bietet der Historien-Blockbuster (95 Millionen Dollar Budget) letztlich viel zu wenig kontroverse Eckpunkte, an denen man sich durchweg reiben hätte können. Dass es den Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander schlussendlich nur äußerst geringfügig darum ging, „Operation Walküre“ als mit bis in Detail von historischer Akkuratesse bestücktes Geschichtskino aufzuwirbeln, ist keine Überraschung. Hintergründige geschichtliche Fakten nämlich werden nach Belieben verdreht, editiert und entschlackt, genau wie gefällte Aussagen von einer Person dem dramaturgischen Effekt zu Willen auf eine ganz andere übertragen wird. Diese modifizierte Beschreibung der Planung und der Durchführung des Attentats auf Adolf Hitler bereitet nur Historikern Kopfschmerzen.

 
Hitler töten erweist sich wahrlich als "Mission: Impossible"
Problematisch, neben all diesen Ungereimtheiten, zeigt sich die Zeichnung der Oberst Claus von Stauffenberg selbst. Hier nämlich blickt der sich durch seine „X-Men“-Filme wie „Superman Returns“ längst im Superhelden-Universum akklimatisierte Bryan Singer durch, der Stauffenberg mit einem seiner Comic-Koryphäen zu verwechseln scheint. Seine Bildsprache ist wunderbar, allgemein ist Singer ja wie gewohnt ein Meister der visuellen Narration. Mit der Hilfe Drehbuchs, das sich letztlich frei von jeder diffizilen Auseinandersetzung mit der Materie offenbart, mutiert Stauffenberg zum Überhelden, zu einem (illusorischen) Menschen ohne Ecken und Kanten, einem Täter aus Überzeugung, frei von Zweifeln. Dass das Attentat vom 20. Juli 1944 nur durch die Unterstützung eines großen Kreis von Gehilfen möglich war, wird in „Operation Walküre“ zwar angeschnitten, doch zu Gunsten der Heroisierung seiner Hauptfigur immer wieder brav aus dem Fokus gerückt. Leute wie Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh, „Jack Ryan: Shadow Recruit“), General der Infanterie Friedrich Olbricht (Billy Nighy, „Alles eine Frage der Zeit“) oder Generaloberst Friedrich Fromm (Tom Wilkinson, „Best Exotic Marigold Hotel“) werden zaghaft als Opportunisten oder Nervenbündel porträtiert.


Dass sich Tom Cruise mit seinen inzwischen allseits bekannten Manierismen zurückhält, zeugt von Respekt vor seiner Rolle, allerdings ist diese so eindimensional und flach gehalten, dass sich ausgerechnet Stauffenberg als stumpfe Litfaßsäule der Handlung entpuppt, die das Geschehen zusammenhält, es aber nicht dynamisch aufladen kann. Vom überzeugten Nazi und Aristokraten ist bei diesem Stauffenberg natürlich keine Spur, einzig der Saubermann mit Augenklappe darf unter pathetisch waberndem Orchester hohle Phrasen dreschen und zurück in die Denkmiene kippen. Ja, es sind oftmals nur leere Wortfetzen, die hier durch den Raum mäandern, weil der grundierte politische Kontext nicht existent ist. Wenn „Operation Walküre“ aber punkten kann, dann durch seine optische Klasse, in der Bryan Singer stumpfer Nazi-Ästhetik aus dem Weg geht, die Kulissen und Kostüme aber stimmungsgerecht durch sanft auf Grautöne entsättige Fotografien passend in Szene zu setzen weiß. „Operation Walküre“ ist ein sein Sujet fortwährend simplifizierender Suspense-Thriller ohne kraftvollen Nachdruck, er versucht sich redlich darum, die Thematik nicht zu trivialisieren, bleibt aber doch nur leeres, sich seiner komplexen Dimension zu keiner Zeit bewusstes Hollywoodkino.


4 von 10 Hitlergrüßen mit Stumpf


von souli

Review: AUßERGEWÖHNLICHE GESCHICHTEN - Feurige Gäule, nervige Doppelgänger und der pure Wahnsinn

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Fakten:
Außergewöhnliche Geschichten (Histoires extraordinaires)
FR, IT, 1968. Regie: Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini. Buch: Roger Vadim, Pascal Cousin, Louis Malle, Clement Biddle Wood, Daniel Boulanger, Federico Fellini, Bernardino Zapponi, Edgar Allan Poe (Vorlage). Mit: Jane Fonda, Peter Fonda, Alain Delon, Brigitte Bardot, Terence Stamp, James Robertson Justice, Salvo Randone, Francoise Prévost, Marlène Alexandre, David Bresson, Peter Dane, Georges Douking, Philippe Lemaire u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.



Story:
Drei Regisseure setzen drei Geschichten von Edgar Allan Poe um. Eine despotische Gräfin wird ein geheimnisvolles Pferd zum Verhängnis, ein Mann wird sein Leben lang von einem Doppelgänger verfolgt und ein Schauspieler begegnet dem Leibhaftigen.






                                                                           
Meinung:
Ein hochinteressantes, partiell großartiges – sogar meisterhaftes – Kleinod. Drei namenhafte Regisseure verfilmen drei Geschichten von Edgar Allan Poe, zusammengefasst unter dem eher unspektakulären Titel „Außergewöhnliche Geschichten“. Wie so oft sind nicht alle Teile gleichwertig, was eine Bewertung insgesamt erschwert und besonders denen nicht gerecht wird, die herausstechen. In diesem speziellen Fall fällt leider die erste Episode von Roger Vardim („Barbarella“) etwas aus dem qualitativen Rahmen, sonst wäre das ein wirklich außergewöhnlicher, fantastischer Film. Louis Malle („Fahrstuhl zum Schaffot“) steigert sich bei seiner Episode deutlich und Federico Fellini („La Strada“) veredelt das Werk mit seinem finalen Beitrag, der nicht weniger ist als ein Meisterwerk und allein schon das Ansehen mehr als nur rechtfertigt.


1. Metzengerstein.
Eine junge, bildhübsche Gräfin regiert grausam über ihr Reich. Jane Fonda strahlt mit ihrem (von Ehemann Roger Vardim) lassiv in Szene gesetzten Sexappeal eine enorme Kraft aus, eine weibliche Version des Caligula, zwischen purem Sadismus und sündhaften Orgien. Als sie ihr Cousin (Peter Fonda) zurückweist, schlägt die verwöhnte Göre zurück, geht einen Schritt zu weit und beschwört damit ihr eigenes Ende herauf, welches in Form eines mysteriösen, schwarzen Hengstes sie symbolträchtig ins Fegefeuer führt.


Die idyllischen Landschaften der Gräfin.
Die Vorlage ist unverkennbar ein typischer Stoff von Poe (wie auch die weiteren Folgen des Films). Die Hauptfigur – in dem Fall Jane Fonda – ist voller Sünde und erntet am Ende das, was sie einst gesäht hat. Eingeholt von den Geistern der Vergangenheit, von der Schuld, kommt das Schicksal auf geheimnisvollen Sohlen (oder eher Hufen) daher. Die Story hat was, nur gelingt Vardim nicht eine so packende Umsetzung. Die verspielte Ausstattung, der schön bizarre Score und die Präsenz der Fonda stechen hervor, der surreale Touch wird leider nicht so effizient und verstörend ausgearbeitet wie bei Malle und besonders Fellini. Der leicht verruchte Look der Episode sowie sein schmuddeliger Tango von Sex, (sehr) dezentem Grusel und gerechter Strafe üben einen nicht zu leugnenden Reiz aus, der große Funke wird dabei trotzdem nicht entfacht. Ein ganz netter Auftakt, der allerdings nur bedingt Lust auf mehr macht.


2. William Wilson.

Der verzweifelte William Wilson gesteht im Beichtstuhl, einen Mord begangen zu haben. Er erzählt dem Pater seine Lebensgeschichte, in der er seit Kindertagen von einem Doppelgänger verfolgt wird.

 
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Ein schönes Gesicht entstellt nichts.
Schon der Beginn der Episode steckt „Metzengerstein“ locker in die Tasche. Louis Malle begeistert mit einer effektvollen, ausdrucksstarken Inszenierung, hat mit Alain Delon ein wahres Ass im Ärmel und zudem eine deutlich bessere Geschichte erwischt. Das Duo Malle/Delon, unterstützt von einer betörenden Brigitte Bardot, setzt die psychologisch wie moralisch hochinteressante Geschichte um das andere Ich, den bösen oder guten Zwilling, Engelchen und Teufelchen, der fleischgewordenen Antimaterie packend und handwerklich seht stark um. Eine verstörende, clevere Geschichte, die so auch locker einen ganzen Film tragen könnte und von einem Hitchcock nicht besser hätte verfilmt werden können. Hitchcock und Poe, das wäre was gewesen...


3. Toby Dammit.

Ein ehemaliger Shakespeare - Schauspieler kommt nach Rom, um seine gefallene Karriere mit einem religiösen Italo-Western endgültig zu begraben. Er erlebt einen Trip zwischen Wahn und Wirklichkeit, um am Ende den Teufel persönlich zu treffen.


Mit Vollgas in die Hölle.
Die mutigste, extravaganteste und eindeutig beste Episode liefert Federico Fellini ab. Er interpretiert die Vorlage von Poe sehr eigen, transportiert sie in die Gegenwart und macht daraus einen dellirischen Fiebertraum, der auf einem kaum wahrnehmbaren Grat von verzerrter Realität, wunderschön-verstörendem Wahnsinn und psychologischer Dekonstruktion tanzt. Ein surrealer Horrortrip wie bissige Entlarfung und Abrechnung mit dem selbstverliebten, wohl oft idiotischen Zirkus des Filmgeschäfts, das Fellini hier genüsslich und künstlerisch auf höchtem Niveau ohrfeigt. Terence Stamp spielt, als hätte er seine Seele an den Teufel verkauft, Fellini inszeniert es, als wäre er eben dieser. Bilder, Beleuchtung, Einstellungen, Ausstattung, Schnitt, Setdesign, jeder Nebendarsteller und Komparse, alles scheint nicht von dieser Welt. Voller Symbolik und Metaphern schwelgt Fellini in seiner Komposition, kompromisslos und unnachahmlich brennt er ein diabolisches Höllenfeuer ab, welches einen aufsaugt, mitreißt und mit einem grandiosen Ende belohnt. Ein unfassbarer Ritt, ein Genuss auf allen Ebenen, für sich isoliert gesehen ein zweifelloses Meisterwerk.


Am Ende steht das Gesamtwerk: Episode eins schwächelt, zwei gefällt sehr, drei zieht einem die Schuhe aus und gibt sie nicht zurück. Wenn der Auftakt besser wäre, großartig ohne jeden Zweifel. So steigert sich der Film von okay bis famos. Klare Empfehlung und wenn man etwas in seinem Leben gesehen haben sollte, dann Fellinis abartig geile Poe-Variante, die so wohl niemand auch nur versucht hätte. Chapeau.

7,5 von 10 Pferden, Doppelgängern und Ferraris.

Review: WALL STREET – Oliver Stone und der schmierige Kapitalismus

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Fakten:
Wall Street
USA. 1987. Regie: Oliver Stone. Buch: Oliver Stone, Stanley Weiser. Mit: Charlie Sheen, Michael Douglas, Michael Sheen, James Spader, Daryl Hannah, Oliver Stone, Hal Holbrook, Terence Stamp, Sean Young, Saul Rubinek, John C. McGinley u.a. Länge: 127 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Bud Fox ist ein aufstrebender Broker an der Wall Street, jedoch hat er größere Ziele und möchte nicht sein ganzes Leben am Telefonhörer hängen, sondern eine echte Legende der Branche werden. Eine Legende, wie Gordon Gecko sie ist, der unantastbare Spekulant, zu dem Fox schon seit Monaten Kontakt aufnehmen möchte, aber immer wieder abgewimmelt wird. Als sich die große Chance offenbart und Fox Gecko ein Idee unterbreitet, zeigt Gecko tatsächlich Interesse an dem Jüngling und nimmt ihn unter seine Fittiche. Jedoch hat sich Fox das Leben auf der Seite des Gordon Geckos ganz anders vorgestellt…




Meinung:
Oliver Stone war in seinen gesellschafts- wie politkritischen Filmen nie der Regisseur, der für eine fortwährend sensible Subtilität im Umgang mit seinen Themen einstand und dabei genauso wenig mit einer nüchternen Auseinandersetzung kokettierte. Oliver Stone griff gerne zum pragmatischen Holzhammer und hat die anvisierten Brennpunkte reichlich bissig und ohne jede Umschweife lautstark gestürmt. Das hat nicht immer für Jubelchöre gesorgt und die unverkennbare Polemik Stones hat auch ein ums andere Mal den filmischen wie thematischen Bogen überspannt, so dass die abschließende Bewertung ein achtenswertes Grundkonzept berücksichtigen durfte, das Endergebnis dennoch als gescheitertes Projekt festhalten sollte. Und dennoch muss man Oliver Stone für sein permanentes Engagement, die weitreichenden Problemfelder innerhalb amerikanischer Systemzonen zu kritisieren, nach wie vor loben, auch wenn ihm wiederholt der rhetorische wie inszenatorische Feinsinn verloren geht, der einen mehr als gelungenen Film schließlich auf den ehrenwerten Status eines Meisterwerks hieven könnte.



Gnadenlos charismatisch: Gordon Gecko
Der Moralist Oliver Stone ist immerhin ein Filmemacher, der noch etwas zu sagen hat und keinesfalls die öffentliche Missachtung scheut. Vor allem dann nicht, wenn ihm dadurch Meisterwerke wie „Platoon“ (1986) oder ganz besonders „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ (1991) gelingen, ganz egal ob die Presse wutentbrannte Hasstirade in seine Richtung feuert und ihm einen klaren Verstand aberkennen möchte. Nein, Stone hat oft genug Recht mit seinen cineastischen Anprangerungen, die natürlich nicht nur im Kino so vom gebürtigen New Yorker vertreten werden, doch wenn sich der Film letztlich einem recht platten Grundtonus geschlagen gibt, dann muss ihm auch das „Besonders wertvoll“-Prädikat weiterhin verwehrt bleiben, gute Absichten hin oder her. Ein Musterbeispiel ist da sein Klassiker „Wall Street“ (1987), der sich dem weltweiten Ruhm natürlich verdient hat, nur tritt hier genau der angesprochene Fall ein, dass es Stone schlussendlich nicht gelingt, etwas wirklich Tiefgreifendes, Mehrwertiges aus der ohne Frage gelungenen Konstellation zu ziehen.


Bud will weg vom Hörer, hin zum Geld.
Die Aufblende ist dabei mit der typischen Ironie versehen, wie man sie von Stone in vielen anderen Werken bereits kennengelernt hat: Das Empire State Building  wird von Kameramann Robert Richardson zum unzerstörbaren Monument des achtziger Jahre Kapitalismus stilisiert, eine sich dem Himmel entgegenstreckende, knapp 380 Meter hohe Kathedrale. Dazu steigt im Hintergrund langsam die Sonne empor, romantisierend, einladend, ein schönes Leben im Sammelbecken der Maßlosigkeit New York Citys verlautend, während Frank Sinatra genau von diesem Griff zu den Sternen singt. Von diesem Griff träumt auch Protagonist Bud Fox (Charlie Sheen), der nicht mehr nur als mickriger Broker fungieren möchte, sondern endlich mit den Großen spielen will, einem Alphatier wie Gordon Gecko zum Beispiel, eine allseits populäre Legende der Branche, ein gewissenloses Spekulantenmonstrum, charismatisch, aufregend und doch so verlogen in seinen Absichten; hervorragend verkörpert von einem Michael Douglas in schmieriger Hochform.


Bud Fox wird langsam verführt von der dunklen Seite und geht der Kapitalistensau Gecko geradewegs ins Netz, denn dieses Leben, schwimmend im Geld, verlautet Spaß, steht für Frauen, für Macht und Sorglosigkeit. Obgleich Charlie Sheen kein Schauspieler vom Format eines Michael Douglas ist, der ihm in seiner vereinnahmenden Präsenz wirklich Parole bieten könnte, strahlt Sheen genau diese ambitionierte Blauäugigkeit aus, die sein Charakter für die nötige Glaubwürdigkeit auch gebraucht hat, die es nachvollziehbar macht, warum Gecko hier vorerst leichtes Spiel hatte und ihn ohne viel  Aufwand zum eigenen Vorteil instrumentalisieren konnte – Ganz egal ob Fox dadurch ebenfalls ein gutbemittelter Mann wird, Hauptsache er erlangt nicht seinen Reichtum. Genau in dieser Charakterkombination offenbart „Wall Steet“ seine wahren Stärken, auch wenn jede Entwicklungen und Handlungen vorhersehbar bleiben, reflektieren sie doch auch genau die Mentalität, wie sie sich zur Zeit von Präsident Reagan im Yuppiekonsens ohne viele Ausnahmen abgespielt hat.



Vater und Sohn entfremden sich.
Nur hat Gecko seine moralische Instanz schon vor langer Zeit gegen einen üppigen Bündel Banknoten eingetauscht, während Fox, der natürlich eine Art Mentor, ein Vorbild in ihm erkennen möchte, das Gewissen treu bleibt, nicht zuletzt dank der väterlichen Führung, die Fox im Verlauf der Geschichte zu einem treibenden Individuum zwischen den Fronten erklärt. „Wall Street“ stellt daher auch, sollte man sich nicht mit dem Fachjargon der Gefilde auskennen und auch darüber hinaus kein Interesse an Spekulationen, Prozenten, Aktien, Immobilien, Wertpapieren und Investmentanalysen, keine großen Verständnisprobleme dar, höchstens die Details könnte ein gewisses Maß an Fachchinesisch aufweisen. „Wall Street“ lebt eher von der Frage nach Moral in einem System, dass sich der unmoralischen Profitgeilheit  längst verschrieben hat. Gordon Gecko bringt es bei einer Versammlung von Aktionären auf den Punkt: Gier ist gut. Gier ist wichtig. Doch Gier führt auch früher oder später in den Fundus der Illegalität und lässt den aufstrebenden Bud Fox langsam an der erbarmungslosen Klaue des rücksichtslosen Corporate Raider zweifeln.


Wie gesagt: Grauzonen besitzt „Wall Street“ nahezu keine, vielmehr funktioniert der Film als moralisierende und verurteilende Kritik am amerikanischen Finanzsystem und dem eklatanten Verlust von Werten und Normen. In einer symptomatischen Szene bemerkt Fox schließlich, dass er sich selbst gänzlich aus den Augen verloren hat. „Wer bin ich?“, fragt er sich verwirrt und muss feststellen, dass ihm keine rechte Antwort auf die introspektive Frage einfallen mag, so verzogen und geblendet wurde er von den obsessiven Charakteristiken des Gordon Geckos, der den Schlüssel zum Erfolg in der Liquidität sieht und die groben Schachzüge am Aktienmarkt als Kriegsführung betrachtet, in der zornige Kontrahenten bis zur Explosion gereizt werden müssen. Ein weiterer Pluspunkt, der  „Wall Street“ so wunderbar effektiv erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass diese fiktive Geschichte niemals stilistisch verfremdet oder in ihrer eindimensionalen Charakterisierung unglaubwürdig erscheint. Am Ende gilt: Wenn der Mensch in den Abgrund blickt, dann sieht er da eine gähnende Leere. In diesem Moment entdeckt er seinen eigentlichen Charakter. Und genau das ist seine Rettung.


7,5 von 10 illegalen Insiderinformationen




Von Souli