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Review: DIE WOLKEN VON SILS MARIA - Der lange Weg zur Selbsterkenntnis

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Fakten:
Die Wolken von Sils Maria (Clouds of Sils Maria)
FR, CH, BRD, USA, 2014. Regie & Buch: Olivier Assayas. Mit: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Johnny Flynn, Angela Winkler, Hanns Zischler u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Ab 27. August 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich..


Story:
Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erhält die international gefeierte Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) das Angebot, in der Wiederaufführung eines Theaterstücks zu spielen, mit dem ihr vor 20 Jahren der Durchbruch gelang. Damals hatte sie die Rolle der Sigrid übernommen, eine verführerische junge Frau, die auf ihre Vorgesetzte Helena eine ganz besondere Faszination ausübt und sie schließlich in den Selbstmord treibt. Anders als vor 20 Jahren soll Maria Enders diesmal jedoch nicht Sigrid sondern die ältere Helena spielen, so der Wunsch von Regisseur Klaus Diesterweg (Lars Eidinger). Gemeinsam mit ihrer Assistentin Valentine (Kristen Stewart) fährt sie nach Sils Maria, um dort, in der Abgeschiedenheit der Alpen, das Stück zu proben. Als Sigrid ist Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) vorgesehen, ein junges Starlet aus Hollywood mit Neigung zum Skandal. Eine charmante, aber nicht ganz durchsichtige junge Frau - und ein beunruhigendes Spiegelbild ihrer selbst, dem sich Maria nun gegenüber sieht.







Meinung:
Meta, vielleicht das Unwort der letzten Filmjahre. Mitte der 90er wurde der Twist unverzichtbar und seitdem mehrfach überreizt, nun ist clever = meta. Nur können die wenigsten Filme sich wirklich mit diesem Attribut brüsten. Ausgerechnet ein auf den ersten Blick eigentlich unscheinbarer Titel wie „Die Wolken von Sils Maria“ ist so clever, reflektiert und vielschichtig, kann sich mit Fug und Recht als einer der Meta-Filme des Jahres bezeichnen, ohne dabei irgendwie gezwungen zu wirken und alles nur auf diese Ebene zu stützen.


Noch ist die Stimmung äußerst heiter.
Oliver Assayas („Carlos – Der Schakal“) bringt zum Jahresende einen der intelligentesten Filme 2014 auf unsere Leinwände. Juliette Binoche, inzwischen schon fast als eine Grand Dame des internationalen Films zu bezeichnen, glänzt als in die Jahre gekommenen Schauspielerin Maria, die bei der Vorbereitung auf ihr neues/altes Stück (zwanzig Jahre zuvor gelang ihr damit der große Durchbruch) in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen sich intensiver mit der Rolle und sich selbst befasst, als es eigentlich geplant war. Assayas gelingt eine gleitende Verschmelzung der Handlungsebenen, ohne großartig in surreale oder (alb)traumhafte Szenarien abzudriften. Während der Leseproben mit ihrer Assistentin Val (endlich mal völlig überzeugend, darstellerisch mit ungeahnter Qualität: Kristen Stewart) greifen reale und fiktive Konflikte leise ineinander, sind kaum klar zu trennen. Was als trockene Übung beginnt, mausert sich zum Akt der Selbsterkenntnis. Schon in diesen Momenten sind es eigentlich nicht nur Maria und Val, die miteinander interagieren, es sind bereits Sigrid und Helena involviert, die Figuren des Stücks. Dessen Handlung beinhaltet elementare Punkte über die Beziehung zwischen den beiden Frauen, ohne dass sie es sich zunächst direkt bewusst sind. Mit dem Auftreten der eigentlichen Bühnenpartnerin Jo-Ann (Chloë Grace Moretz) wird das zwischenmenschliche Geflecht noch um einiges komplexer, die Dramaturgie des Drehbuchs verstörend real.


Das traumhafte Panorama können sie nicht recht genießen.
So beschrieben klingt das bald nach Mindfuck-Material aus dem Hause David Lynch, Lars von Trier’s „Antichrist“ oder zu Letzt Denis Villeneuve’s „Enemy“, mit diesen Werken hat „Die Wolken von Sils Maria“ dann aber nur minimale Überschneidungspunkte. Eigene Interpretation ist auch hier erfordert und zweifelsfrei erwünscht, doch nicht für das Verständnis der Geschichte, ihrer Thematik von unabdingbarer Relevanz. Dieser Film wirft einen ehrlichen, ungeschönten Blick hinter die Kulisse der Filmbranche, in dem der Ruhm vergangener Tage kaum noch etwas wert ist. Speziell als Frau in dem Geschäft öffnen einem Alter und Erfahrungen keine Türen, sie schlagen sie dir vor der Nase zu. Maria hat dies längst am eigenen Leib erfahren. Das Business ist schnelllebiger und unbarmherziger denn je, das World Wide Web kann dich schnell nach oben bringen oder gnadenlos zerreißen, schafft in Windeseile Stars oder beerdigt sie. „Die Wolken von Sils Maria“ ist eine Gegenüberstellung der Generationen und setzt eine Frau in den Mittelpunkt des Geschehens, die sich nicht mit den aktuellen Gepflogenheiten und Ansichten arrangieren kann und will. Sie klammert sich an das, was sie mal war und immer noch glaubt zu sein und erkennt erst durch die direkte Konfrontation mit dieser von ihr verabscheuten, neuen Zeit und ihrem jüngsten Starlet (von Moretz unverkennbar mit der Lindsay-Lohan-Schablone dargestellt), wie nah sie der Person gekommen ist, die sie einst in ihrem ersten Erfolg selbst noch verführte. Die Zeiten haben sich geändert, sie ist nicht mehr die Sigrid, sie ist die Helena. Was sie niemals sein wollte. Abgestoßen und dennoch fasziniert.


Olivier Assayas hat ein fantastisches Skript verfasst, das eine deutliche Abneigung gegen das moderne Hollywood-Kino und dessen Methoden dem Zuschauer ins Gesicht schreit. Doch statt in Polemik, Zynismus und giftiger Satire zu enden, erschafft er ein authentisches, differenziert ausgearbeitetes Psychogramm, mit dem er seinen Hauptdarstellerinnen eine ebenso sensible, nuancierte Darbietung abverlangt. Das Juliette Binoche dazu in der Lage ist, stellt keine große Überraschung dar. Ihre Leistung dürfte zu den besten des gesamten Jahres zählen. Chloë Grace Moretz ist auch schon lange kein Geheimtipp mehr, doch gerade eine Kristin Stewart offenbart, dass sie mehr kann als ausdruckslos mit halboffenem Mund durch die Gegend zu starren. Sie kann mit Binoche auf Augenhöhe spielen, ihr manchmal beinah die Show stehlen. Könnte ein echter Befreiungsschlag von ihrem Image werden, an dem sie bis dahin nicht unschuldig war, beachtet man so manch indiskutable Leistung der Vergangenheit.


„Die Wolken von Sils Maria“ wird bestimmt nicht die breite Masse in die Kinos locken, was nichts mit seiner hohen Qualität zu tun hat. Eher im Gegenteil. Sollte ihm das gelingen, würde das seine eigene Aussage praktisch widerlegen. 

8 von 10 Wolkenphänomenen

Review: IM AUGUST IN OSAGE COUNTY – Familiäre Abgründe im Stakkato

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Fakten:
Im August in Osage County (August: Osage County)
USA. 2013.
Regie: John Wells. Buch: Tracy Letts (Vorlage). Mit: Meryl Streep, Julia Roberts, Ewan McGregor, Benedict Cumberbatch, Chris Cooper, Sam Shepard, Abigail Breslin, Juliette Lewis, Margo Martindale, Misty Upham, Juliette Nicholson, Dermot Mulroney, Dale Dye, Newell Alexander, Jerry Stahl u.a. Länge: 121 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 7. August auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nachdem ihr Mann spurlos verschwunden ist, ruft Familienoberhaupt Violet ihre Familie zusammen. Ihre Töchter Barbara und Karen, die seit langem nicht mehr ihr Elternhaus besuchten, treffen so wieder auf ihre Schwester Ivy, die bei ihrer Mutter geblieben ist, um dieser im Haus zu helfen. Nicht nur dies hat Konfliktpotenzial, sondern auch Violets provokative, zynische Art, die ihre Töchter und den Rest der geladenen Familie immer wieder ungefiltert zu spüren bekommt. Doch somit werden auch alte Geheimnisse und Konflikte angesprochen.





Meinung:
Wenn man zu lesen bekommt, dass ein Film auf einem Theaterstück von Tracy Letts basiert, dann darf man sich relativ sicher sein, dass darin nicht gerade zimperlich zu Werke geschritten, besitzt die US-Amerikanerin doch eine (sozial-)kritische Durchschlagskraft, die an die pointierten Sittengemälde der Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels") erinnern. Die 2011 veröffentliche White-Trash-Abrechnung „Killer Joe“ von Altmeister William Friedkin („Der Exorzist“) stellte dies mit einem unnachahmlichen Zynismus unter Beweis, in dem Matthew McConaughey („Mud – Kein Ausweg“) dem Trailerpark-Gesocks (darunter Emile Hirsch, Thomas Haden Church und Gina Gershon) den eigenen Fraß bis tief in den Rachen schob – Ein Meisterwerk der jüngeren Filmgeschichte, das es selbstredend nicht zur offiziellen Kinoauswertung geschafft hat. Ganz im Gegenteil zum Familien-Drama „Im August in Osage County“, eine mit Stars gespickte Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks, für das Tracy Letts 2008 mit dem Pulizer Preis honoriert wurde. 

 
We are Family
Natürlich ist „Im August in Osage County“ ein astreiner Ensemblefilm, der sich die Butter dahingehend nicht vom Brot nehmen lässt, als dass er seine famose Schauspielriege in ihren Qualitäten nicht von der Leine lassen würde. Angeführt von Meryl Streep („Die durch die Hölle gehen“), einer Grande Dame der Branche, geben sich (unter anderem!) große Namen wie Ewan McGregor („Illuminati“), Chris Cooper („American Beauty“), Sam Shepard („Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford), Benedict Cumberbatch („12 Years a Slave“) und Julia Robert, die neben „Hautnah“ die beste Performance ihrer Karriere abliefert“, die Ehre. Wer die Vermutung hegt, „Im August in Osage County“ ist handelsübliches Starkino, das seine Schauspieler glänzen lassen möchte, der tut dem Film glücklicherweise Unrecht: Ohne diese manierierte Intention zu bestätigen, hat Tracy Letts sein Stück für die Leinwand umgeschrieben und fährt mit einem Stoff auf, der auf dem Papier nach 'Telenovela' schreit, durch seine geschliffenen Dialogsequenzen, die fundierte Charakter-Portriäts offerieren, zweifelsohne über seine 120-minütige Laufzeit aufwühlt.


Mutter Violet wird gleich wieder Zynismus speien
Jeder in dieser Familie trägt sein ganz eigenes Kreuz, befindet sich immer irgendwo im introspektiven Bewältigungsprozess von emotionalen Rückschlägen und muss sich – neben all dem Kummer, ausgelöst durch das Dahinscheiden eines geliebten Menschen oder einer annullierten Ehe - neuem Gegenwind stellen. Klimax ist dabei, wie es sich für ein auf familiäre Strukturen konzentriertes Kammerspiel gebührt, die Zusammenkunft am Mittagstisch, an dem die krebskranke und pillensüchtige Violet (Meryl Streep) ihren Angehörigen einen Schuss nach dem anderen vor den Bug erteilt und gerade von Tochter Barbara (Julia Roberts) reichlich Kontra kassiert. Ein unangenehmer Augenblick, der von einer so feindseligen Stimmung kontrolliert wird und sich stetig steigert, von Aggressionslevel zu Aggressionslevel, dass man sich als Zuschauer am liebsten mit einem lauten Lachen aus der Affäre ziehen möchte. Ein ähnliches Gefühl hat zuletzt nur Nicolas Winding Refn in „Only God Forgives“ auf die Beine gestellt, als er Kristin Scott Thomas in Beisammensein mit Ryan Gosling und Yayaying Rhatha Phongam verbal Amok laufen ließ („How many cocks can you entertain in that cum dumpster of yours?“).


Später wird es noch eine ähnlich hervorragend vorgetragene Szene geben, in der Charlie (Chris Cooper) seiner Frau Mattie (Margo Martindale) über ihr grässliches Verhalten gegenüber Sohnemann Little Charles (Benedict Cumberbatch) zurechtweist. Der Anstoß, um endgültig innerfamiliäre Abgründe freizuschaufeln und übersetzt all die Werte, die innerhalb einer Familie gegeben sein sollten (von Vertrauen, Rücksicht und Solidarität) in pure Trauer, Entrüstung und Raserei. Violet, das archaisch-matriarchische Familienoberhaupt, torkelt blass, zermürbt, ohne Perücke durch das einsame Anwesen und sucht Zuflucht bei genau der Person, der sie sonst nur herabwürdigend begegnen konnte. Ein bitterer, von ungemein intensiven Szenen geprägter Film setzt sich die Krone auf.


7 von 10 Zwergwelse zum Mittag


von souli

Review: DER GOTT DES GEMETZELS – Die Maskerade der Großstädter

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Fakten:
Der Gott des Gemetzels (Carnage)
Frankreich, BRD, Polen. Regie: Roman Polanski. Buch: Roman Polanski, Yasmina Reza (Vorlage). Mit: Kate Winslet, Christoph Waltz, Jodie Foster, John C. Reilly, Elvis Polanski u.a. Länge: 80 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nachdem es zwischen zwei Schuljungs zu einer Schlägerei gekommen ist, bei der einer der Jungen den anderen mit einem Stock angriff, treffen sich die Eltern der beiden Streithähne für ein klärendes Gespräch. Doch aus dem gesitteten Zusammentreffen wird rasch ein Gipfeltreffen aus Anschuldigungen, Wut und brutaler Wahrheit.





Meinung:
Roman Polanski ist ein Meister wenn es darum geht, einen Szenerie mit klaustrophobischer Suggestion auszubauen und den Zuschauer mit der räumlichen, wie auch der seelischen Beengtheit seiner Protagonisten zu konfrontieren. Man denke dabei nur an seine inoffizielle Apartment-Trilogie („Rosemary's Baby“, „Ekel“, „Der Mieter“) oder sein famoses Drei-Mann-Kammerspiel „Der Tod und das Mädchen“, in dem er sowohl Sigourney Weaver als auch Ben Kingsley zu berauschenden Höchstleistungen treiben konnte. Aus diesen – oftmals minimalistischen Sets – spricht eine deutliche Liebe zum Theater, die sich dann doch immer wieder in ihrer schieren Wirkung den Direktiven des Kinos unterordneten. Mit der Adaption des französischen Theaterstückes „Der Gott des Gemetzels“ ist das (wie auch seinem letzten Film „Venus im Pelz“) von Grund auf anders. Roman Polanski nämlich lässt es sich nicht nehmen – und darin kennt er keine Ausflüchte – sein „Der Gott des Gemetzels“ wie ein direkt von der Bühne auf die Leinwand projiziertes Werk aussehen zu lassen.


Jeder braucht ein Hobby
Aber nicht falsch verstehen: Das ist in diesem Fall gewiss kein Nachteil, ist „Der Gott des Gemetzels“ doch so stringent auf sein Schauspielquartett fokussiert, in dem er gleichwohl das New Yorker Apartment vollständig in Totalen ausreizt, dass es beinahe unmöglich wäre, diesen Film NICHT wie ein 'abgefilmtes Theaterstück' daherkommen zu lassen. Ausgangslage für „Der Gott des Gemetzels“ ist eine Ausschreitung zwischen zwei Kindern im Brooklyn Bridge Park, die damit endet, dass der Sohn der Cowans dem Sohn der Longstreets mit einem Stock zwei Zähne ausgebrochen hat. Die Cowans, das sind Nancy (Kate Winslet, „Little Children“) und Alan (Christoph Waltz, „Inglourious Basterds“), erklären sich – wie es sich für zivilisierte Leute geziemt – kompromissbereit und treffen sich in der Wohnung von Penelope (Jodie Foster, „Taxi Driver“) und Michael (John C. Reilly, „Magnolia“). Der gemeinsame Nenner ist schnell gefunden und beide Elternpaare sind der Meinung, dass es zu einer gepflegten Aussprache der beiden minderjährigen Streithähne kommen sollte. Als Nancy und Alan auch schon fast wieder aus der Tür sind, wird den beiden ein Stück des selbstgebackenen Apfel-Birnen-Cobbler angeboten und das Kaffeekränzchen beginnt.


 
Noch wird die Friedensverhandlung akkurat und ruhig durchgeführt
Jedoch bleibt es nicht beim gesitteten Austausch, und wo von allen Seiten schon zu Anfang kleinere verbale Nadelstiche gesetzt werden, zeigt die so auf Diskretion erpichte Fassade der vier New Yorker nach und nach immer tiefere Risse. Anstatt die Konflikte aus dem Weg zu räumen, werden neue entfacht, während erst paarweise in den Kampf gezogen wird, bilden sich auch langsam neue Allianzen, die den Idealismus der Charaktere gekonnt auf den Kopf stellen und sie dahingehend entlarven, dass eigentlich nichts den wahren Empfinden entspricht, was von den vier Anwesenden im Laufe der Zeit gesagt wurde. „Der Gott des Gemetzels“ ist dabei sowohl Sittendrama, als auch Geschlechterkampf und Realsatire. Penelope fährt die moralische Schiene, spannt ihren Ehemann Michael in ihre persönliche Ideologie, während Alan, der als Anwalt einen Pharmakonzern vertreten muss, überwiegend seinen Senf in Form von lakonischen Spitzen zu den Gesprächen beigibt, ist die um Contenance bemühte Nancy die erste, die auch physisch auseinanderfällt, in dem sie schwallartig auf den Tisch der Longstreets erbricht.


Spätestens dann wird mit offenem Visier zur Tat geschritten: Die Fronten verschieben sich, es gibt keine Chancen auf ein Refugium – Nicht für die Charaktere, nicht für den Zuschauer. Der Dialog über Vergebung und Reue wechselt zum expressiven Streit, gesäumt aus Selbstlügen und Kampfansagen, in dem es letztlich einzig und allein um die gesellschaftliche Bestätigung geht. „Der Gott des Gemetzels“ ist kein Psychogramm, er schaufelt keine Abgründe frei, doch so spitzfindig und intelligent konnte man selten Teil einer akkuraten Charakterisierung der verlogenen und egomanischen Großstädter werden. Die brillanten Dialogsequenzen, gestärkt durch scharfzüngige Bonmots der Extraklasse, destruieren Rollenbilder und entschleiern das kultivierte Schwadronieren als bloße Pose - Selbstbeweihräucherung. „Der Gott des Gemetzels“ ist ein großer Tanz, katalytisch angefeuert von aufgeblasenen Tiraden, der nach und nach immer näher an den tatsächlichen Kern der individuellen Geisteshaltung herankommt. Dabei gibt es große Gesten, die bis in die letzte Reihe reichen, theatralische Ausuferungen, aber eben auch viel Wahrheit, die von Polanski beinahe pedantisch exakt ineinander montiert wurden.


8 von 10 Dosen warme Cola


von souli

Review: ZEUGIN DER ANKLAGE - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit...

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Fakten:
Zeugin der Anklage (Witness for the Prosecution)
USA, 1957. Regie: Billy Wilder. Buch: Billy Wilder, Harry Kurnitz, Lawrence B. Marcus, Agatha Christie (Vorlage). Mit: Charles Laughton, Tyrone Power, Marlene Dietrich, Elsa Lanchester, John Williams, Henry Daniell, Ian Wolfe, Torin Thatcher, Norma Varden, Una O’Connor, Francis Compton, Philip Tonge, Ruta Lee u.a. Länge: 112 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Starverteidiger Sir Wilfrid hat gerade eine schwere Herzattacke hinter sich und soll es eigentlich etwas ruhiger angehen lassen. Genau jetzt bekommt er jedoch einen ganz großen Fall. Leonard Vole wird beschuldigt, eine wohlhabende, ältere Witwe erschlagen zu haben, um an ihr Erbe zu kommen. Die einzige Entlastungszeugin ist seine Ehefrau Christine. Sir Wilfrid ist sicher, ihn trotzdem vor dem Galgen zu retten. Bis sich Christine im Zeugenstand plötzlich um 180 Grad dreht...







Meinung:
Ein Filmklassiker, dem dieses Prädikat mehr als gebührt. „Zeugin der Anklage“ von Billy Wilder ist die zweite Filmversion von Agatha Christies Geschichte, die vorher lediglich als britische TV-Produktion verfilmt wurde, welche sich jedoch rein auf die literarische Vorlage bezog. Wilders Film orientiert sich an dem äußerst erfolgreichen Bühnenstück, das einige Jahre vorher uraufgeführt wurde und diverse Änderungen enthielt, die auch der Film beinhaltet (u.a. das Ende betreffend, ohne etwas zu verraten). Wilder erlaubte sich sonst auch noch einige Abweichungen, die dabei den Kern der Geschichte nicht veränderten, sondern sogar als äußerst sinnvolle Ergänzungen zu betrachten sind, z.B. die Figur der Miss Plimsoll, ohne die der Film viel von seinem Humor einbüßen würde.

Sir Wilfrid ganz in seinem Element.
Gerade dieser ist eine der eher ungewöhnlichen Stärken von „Zeugin der Anklage“. Für das Genre, nicht seinen Regisseur. Der Film beginnt enorm heiter, unbeschwert, als würde man sich in einer Komödie befinden. Die spitzen Wortduelle zwischen Charles Laughton als kantiger, gerade aus dem Krankenhaus entlassenen Anwalt Sir Wilfrid und (Ehefrau) Elsa Lanchester als gluckige Krankenpflegerin Miss Plimsoll sind ein frühes Highlight. Auch wenn diese Figur etwas überzogen wirken mag, das Zusammenspiel der Beiden ist herrlich und Laughton gewinnt mit seinem rauen Charme blitzschnell die Sympathie des Publikums. Das dieser Humor nie fehl am Platz wirkt, ist Billy Wilders präzisen Timing und Gespür zu verdanken, wie er ihn durchgehend in den eigentlichen Justizthriller-Plot einwebt, ohne das er als störend empfunden wird. Nicht einfach, schnell kann das kippen, diese Gefahr läuft der Film keine Sekunde. Sobald sich das Geschehen in den Gerichtssaal verlagert, wird „Zeugin der Anklage“ nicht nur hochspannend und enorm packend, Wilder stellt zudem unter Beweis, dass er die ernsten und amüsanten Töne gleichzeitig spielen kann und jederzeit versteht, wann er sie zurücknehmen muss. „Zeugin der Anklage“ verliert sich nicht in seinem unterhaltsamen Grundton und demonstriert, wie auch heute noch ein cleverer, intelligenter Thriller funktionieren sollte.


Es ist erst endgültig vorbei, wenn die blonde Lady singt.
Wilder gelingt das Kunststück, sein Publikum in vermeidlicher Sicherheit zu wiegen, mit Erwartungshaltungen zu spielen und ohne Vorbereitungen eine Überraschung nach der anderen aus dem Hut zu zaubern, ohne das das Gesamtwerk darunter leidet, überfrachtet erscheint. Daran sollten sich viele heutige Thriller ein Beispiel nehmen, die einen oft sehr ungeschickt mit gezwungen wirkenden Twists erschlagen. Bei „Zeugin der Anklage“ wird alles behutsam und raffiniert entwickelt, sich nicht zu früh enttarnt und letztlich ist jeder Punkt erschreckend logisch, ausgeklügelt und bis ins Detail – sei es von den Figuren wie den Filmschaffenden – perfekt durchdacht. So abgebrüht und geduldig zeigen sich wenige Werke, in Anbetracht seines Entstehungszeitraum umso bemerkenswerter.


Letzter Punkt in einem fast als perfekt zu betrachtenden Gesamteindruck sind die Darsteller. Der bereits erwähnte Charles Laughton liefert eine grandiose Performance und lässt seine Kollegen fast erblassen. Was nicht an ihnen selbst liegt. Tyrone Power als Angeklagter und Marlene Dietrich als dessen bis zum Schluss undurchsichtige Ehefrau spielen groß auf. Speziell das lange enorm unterkühlte und berechnend wirkende Spiel der Dietrich passt perfekt auf ihre Rolle. Spätestens wenn am Ende alle Masken fallen wird einem erst bewusst, wie gut ihre Leistung wirklich einzustufen ist. Das ist beinah schon zu viel an Information, denn wie schon während des Abspanns aus dem Off gemahnt wird, niemanden sollte das Finale verraten werden. Einfach ansehen. Nicht weniger als ein Meisterwerk, zeitlos und erhaben.

9 von 10 blauen Briefen.


Trailerpark: Ein Casting mit Leidenschaft - Deutscher Trailer zu Polanskis VENUS IM PELZ

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Hier der erste deutsche Trailer zu Roman Polanskis neuen Film: „Venus im Pelz“. Wie schon „Gott des Gemetzels“ ist dieser Film eine Art Kammerspiel und beruht auf ein Theaterstück. Es handelt von einem Regisseur der die perfekte weibliche Darstellerin sucht. Als Darsteller geben sich Mathieu Amalric und Emmanuelle Seigner (Polanskis Gattin) die Ehre. Kinostart ist der 21. November.