Review: PI - Wahn und Vernunft



Fakten:
Pi
USA. 1998. Regie und Buch: Darren Aronofsky. Mit: Sean Gullette, Ben Shankman, Mark Margolis, Pamela Hart, Stephen Pearlman, Samia Shoaib, Ajay Naidu, Lauren Fox, Espher Lao Nivens, Kristyn Mae-Anne Lao, Clint Mansell, Stanley Herman, Tom Tumminello u.a. Länge: 81 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Mathematiker Max ist davon überzeugt, dass alles aus der Natur alleine durch Zahlen verstanden werden kann. Mit Hilfe seines Computers, versucht er bestimmte Zyklen zu erkennen und so z.B. den globalen Aktienmarkt voraussagen zu können. Nach einem Absturz seines Computers stößt Max auf eine 216-stellige Zahl. In ihr sieht er den Schlüssel und steigert sich immer mehr in eine alptraumhafte Welt voller Paranoia hinein.






souli’s Meinung:
Mit seinem Debüt „Pi“ konnte Harvard-Absolvent Darren Aronofsky 1998 schon reichhaltig Aufmerksamkeit auf seine Person lenken: Für fluffige 60.000 Dollar umgesetzt, konnte der Film nicht nur nette drei Millionen Dollar an den Kinokassen einspielen, sondern kürte Aronofsky über Nacht zu einem neuen, ungemein vielversprechenden Sternchen am (Hollywood-)Firmament. Heute hat sich Aronofsky längst in der Filmwelt etabliert, sein Name wird mit flexiblen Genre-Kino assoziiert und gerne mal bei hochdekorierten Preisverleihungen als Favorit gehandelt. Dabei illustrierte „Pi“ schon ziemlich exakt, wieso Aronofsky in naher Zukunft zu einem derart renommierten Filmemacher heranwachsen konnte, von einem nicht unwesentlichen Teil der universellen Cineastenschar aber auch als 'findiger Blender' gebrandmarkt wird. Das visuelle Erzählen beherrscht der Mann nämlich sozusagen aus dem Effeff und weist keinerlei Probleme darin auf, den Irrungen und Wirrungen seiner Protagonisten eine grafische Plattform zur entsprechenden Projektion zu bereiten. Inhaltlich jedoch hapert es so manches Mal ziemlich – So auch in „Pi“.



Alles ist Mathematik - und Wahnsinn
Nicht falsch verstehen: „Pi“ ist ein, so wie es symptomatisch zu den Werken eines Darren Aronofsky gehört, ziemlich suggestives Erlebnis. Das rohe, grobkörnige Schwarz-Weiß vermittelt dem Zuschauer eine ungemeine Kälte, die von den hektischen Schnitten und dem tumben, ständig polternden Elektrosound zunehmend grundiert wird. Bild und Ton ergeben hier eine fesselnde Synergie, die zuweilen so faszinierend wie anstrengend daherkommt. Doch da wären wir wieder bei dem zweischneidigen Schwert angekommen, welches Aronofsky Filmographie ziert. Sein stilistischer Formalismus ist einnehmend und eingängig, brennt sich ins Gedächtnis, fröstelt und schüttelt und kaschiert bis zu einem gewissen Grad die Tatsache, dass es informal einfach Schlaglöcher zu überqueren gilt, die man durch einen schlaksigen Kameraschwenk eben nicht salopp neutralisieren kann. Wie der Mathematiker Maximillian (Sean Gullette, „Die zwei Leben des Daniel Shore“) Hypothesen bezüglich des Zusammenhangs zwischen Zahlen und dem Universum aufstellt (beispielsweise: Die Mathematik ist die Sprache der Natur und alles um uns herum lässt sich durch diese dekodieren, was zu flächendeckenden Mustern führt), fühlt sich auch Aronofskys Umgang mit dem Wahnsinn seines Hauptdarstellers an.


Pi“ erweckt hin und wieder den Eindruck, Aronofsky würde sich nicht sonderlich für die inbrünstige, psychotische Besessenheit von Maximillian interessieren, sondern ihn nur als effektiven Spielball dazu instrumentalisieren, seine technische Finesse auszustellen. Die Referenz, die ständig gebracht wird, zu „Eraserhead“ ergibt daher auch absolut keinen Sinn, gibt sich Lynch in seinem beängstigenden Midnight Movie nicht als reiner Formalist die Ehre, sondern evoziert eine originäre Bildsprache, die die tiefere, existenzielle Wahrheit des Films unterstreicht, anstatt sie metaphorisch zu erdrücken. Es ist dennoch ein durch und durch packendes Unterfangen, Maximillian, dem Quasi-Erben Pythagoras, dabei zu folgen, wie er die abgründige Spiraltreppe hinab in die paranoiden Untiefen der Mathematik Stufe für Stufe herabsteigt. Immer auf der Suche nach dem geheimen Klebstoff unseres Planeten, um ihn anschließend numerologisch, mit Hilfe einer ominösen 216-stelligen Zahl, deuten und damit dechiffrieren zu dürfen. Man könnte „Pi“ also als durchaus gelungene Fingerübung bezeichnen, die gut auf den (inzwischen methodischen) Stil Aronofskys einstimmt und seine Stärken wie Schwächen als Künstler auf den Punkt bringt.


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von souli

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