Review: STOKER - DIE UNSCHULD ENDET - Ist der neue Hitchcock ein Koreaner?



Fakten:
Stoker - Die Unschuld endet (Stoker)
USA, GB. 2013. Regie: Park Chan-wook. Buch: Wentworth Miller. Mit: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Jacki Weaver, Lucas Till, Alden Ehrenreich, Phyllis Somerville, Ralph Brown u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray ab 20. September 2013 erhältlich.


Story:
An ihrem 18. Geburtstag stirbt der Vater von India Stoker bei einem Autounfall. India verliert dadurch ihren besten Freund und auch die einzige echte Bezugsperson in ihrem Leben. Nun muss sie alleine mit ihrer Mutter Evelyn zusammen in dem alten Landhaus leben. Bei der Beerdigung taucht allerdings ihr Onkel Charlie auf, ein ebenso charmanter wie unheimlicher Mann. Und mit seiner Ankunft sollte sich schon bald Indias Leben auf den Kopf stellen. Ein Leben zwischen Intrigen, Schmerz und Mord.




Meinung:
Park Chan-wook, heißt dieser Mann, der versucht, der neue Alfred Hitchcock zu sein. Ich finde, und das gleich vorweg, er schafft es nicht ganz, mit „Stoker“ an die großen Werke des „Master of Suspense“ heranzukommen. Aber er ist nahe dran. Vor allem hat er es geschafft, seinen Stil und seine Ästhetik mit nach Hollywood zu bringen. Aber der Reihe nach.


"Nimm doch einen Schirm, es könnte Regen geben."
„Stoker“ vereint Psychothriller, Horrorfilm und Coming-of-Age-Drama. Der Film fängt sehr langsam an. Vielleicht zu langsam und braucht seine Zeit, bis er endlich in Fahrt kommt, fängt sogar schon leicht zu nerven an. Überhaupt ist die Geschichte schon sehr dünn. Ein wenig zu konstruiert und auch vielleicht ein wenig zu offensichtlich. Und das ist auch der Grund, warum Park, der Regisseur von „Oldboy“ nicht ganz an Hitchcock rankommt. Aber - will er das überhaupt? Ich denke nicht. Er verehrt ihn zwar, wie in diesem Film offensichtlich wird. Selten hab ich so viele Anspielungen an Hitchs Filme gesehen. Aber trotzdem zieht er sein eigenes Ding durch. Nicht falsch verstehen, schwach ist die Geschichte keineswegs. Nur hätte man durchaus mehr erwarten können. Aber dass dieser Thriller doch ein richtig guter wird, das liegt eben nicht so sehr an der Geschichte, sondern an drei anderen enorm wichtigen Elementen, die der Koreaner nahezu in Perfektion zelebriert:


Erstens: die Atmosphäre. Beklemmend und unheimlich, aber auch gefühlvoll. Und vor allem in der ersten Hälfte des Films passiert im Kopf des Zuschauers mehr, als es die Leinwand zeigt. Die Spannung wird einzig und allein in der Vorstellung des Zuschauers erzeugt. Fantasie wird angeregt. Park kann sein Publikum packen und tief in den Film einsteigen lassen, es fast schon selbst miterleben. Das kriegt „Stoker“ perfekt hin. Außerdem gibt es eine der wohl hypnotischsten und fesselndsten Klavierspielszenen der Filmgeschichte. Virtuos, extatisch und hocherotisch, sodass man als Zuschauer die Luft anhält. Unterstützt wird diese einmalige Atmosphäre durch die Musik von Clint Mansell, der auch bereits die Musik zu den Filmen von Darren Aronofsky arrangiert hat.


Bowlingschuhe liegen wohl gerade im Trend
Wie in jedem guten Thriller sind auch zweitens die Darsteller zu nennen. Nicole Kidman als Mutter Evelyn Stoker hat mir selten besser in einer Rolle gefallen. Sie kombiniert Oberflächlichkeit, Eifersucht auf die eigene Tochter mit Sehnsucht und Leidenschaft. Matthew Goode als Onkel Charlie spielt den unheimlichen Part. Mit seinem unheimlichen Blick und einem stetigen Lächeln auf den Lippen ist er eine geradezu furchterregende Figur und schafft eine extreme und mysteriöse Spannung, allein schon durch seine bloße Präsenz und eben dieses Lächeln. Dieses unheimliche, permanente Lächeln in seinem sonst so starren Gesicht. Und an der Spitze dieser Dreierkonstellation steht Mia Wasikowska als India Stoker. Nie hätte ich ihr eine solche Dominanz zugetraut. Sie spielt grandios. Mal fürsorglich, anschließend wieder verträumt, dann unheimlich, eiskalt, beängstigend. Und stets ist sie dabei das Selbstbewusstsein in Person. Wasikowska ist eine Wucht. Spätestens hier sollte sie die Zuschauer endgültig überzeugt haben, dass sie zu einer der größten Schauspielerinnen ihrer Generation werden kann und es kaum jemanden gibt, der ihr das Wasser reichen könnte.


Und das dritte, das wohl auffälligste und am besten umgesetzte Element in Parks Film, das ist der Stil. Visuell ist der Film mit das genialste, was man in den letzten 20 Jahren gesehen hat. Wow, nicht mal Park selbst hat diese Optik jemals so stark rübergebracht wie hier. Gekämmtes Haar, das sich in ein Kornfeld verwandelt. Das parallele Öffnen von Gefriertruhe und Telefonzelle. Eine Fahrt auf einem Karussell. Das Spiel mit Dunkelheit und Licht. Wahnsinnige Kamerafahrten und –perspektiven. Es werden verschiedene Dimensionen im Raum scheinbar mühelos überwunden, Sichtweisen verzerrt. Mal sieht man nur Augen, dann kommen höchstsymbolische Anspielungen. Die Geräusche, ein hammermäßiger Schnitt, Übergänge, Überschneidungen, Blenden. Ach, es wäre sinnlos alles aufzuzählen, so viele Ideen hat Park in diesen Film untergebracht. Manch einer könnte meinen, es ist zu viel. Nein, es passt. Es passt einfach perfekt. Stilistisch ein wahres, ein wirkliches, ein echtes Meisterwerk.


Zusammengefasst ist „Stoker“ ist also unheimliches und atmosphärisches Kino mit herausragenden Darstellern und vor allem einer Ästhetik, wie man sie wirklich nur ganz selten zu Gesicht bekommt. Darum ist es auch umso bedauerlicher, dass die Geschichte im Verhältnis um so viel abfällt. Denn mit einer guten, mit einer nicht so konstruierten Story, da wäre da ein absolutes Überwerk drin gewesen. Noch sitzt der Master of Suspense sicher auf seinem Thron. Aber für Park Chan-wook fehlt nicht mehr viel, um an Hitchcocks Seite zu stehen.


8,5 von 10 blutige Bleistifte im Spitzer


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