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Review: SELF/LESS - DER FREMDE IN MIR - Gefälligkeit statt Kreativität

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Fakten:
Self/Less – Der Fremde in mir
USA. 2015. Regie: Tarsem Singh. Buch: Alex Pastor, David Pastor. Mit: Ryan Reynolds, Natalie Martinez, Matthew Goode, Victor Garber, Ben Kingsley, Derek Luke, Michelle Dockery, Melora Hardin, Jaynee-Lynne Kinchen, Sam Page, Emily Tremaine u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 23. Dezember 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Auch immenser Erfolg und Reichtum bieten ihm keine Garantie für ein langes, gesundes Leben: Als der milliardenschwere Unternehmer Damian erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist, begibt er sich in die Hände einer geheimen Organisation unter der Leitung von Albright. Um seine Lebenszeit zu verlängern, lässt er sein Bewusstsein in einen anderen, jüngeren Körper übertragen. „Shedding“ nennt sich das ebenso geheime wie teure Verfahren. Das Experiment glückt und der wieder junge Damian beginnt unter seiner neuen Identität „Edward“ und in einer anderen Stadt, die gewonnene Zeit in vollen Zügen zu genießen. Doch die neue Welt bekommt Risse, als er von wirren Träumen geplagt wird – Erinnerungen an ein Leben, das nicht sein eigenes ist. Als Damian diesen Visionen auf den Grund geht, muss er erneut um sein Leben fürchten, denn Albright und seine Organisation sind nicht bereit, ihr lukratives Geheimnis kampflos aufzugeben…





Meinung:
Regisseur Tarsem Singh, früher nur Tarsem genannt, gilt als renommierteR Filmästhetiker. Nach seiner Karriere in der Werbung, einhergehend mit diversen Regiearbeiten für Musiker und deren Videos (er inszenierte u.a. REMs „Losing my Religion“) fand der gebürtige Inder mit dem Psycho- Thriller „The Cell“ den Weg ins Kino. Bereits bei diesem Debüt offenbarten sich Singhs Stärken genauso wie seine prägnanten Schwächen: Optisch ist er ein Magier, ein Künstler. Auf inhaltlicher Ebene allerdings vesagt er. Schaut man sich seine Filme an spukt vor allem das Credo „style over substance“ im Kopf herum, denn genau das ist Singhs Problem: Ihm gelang es bislang nie beide Ebenen zu synchronisieren, so dass seine wuchtige wie einfallsreiche Visualität an das narrative Gerüst seines Film gekoppelt werden kann.


Eine der wenigen prägnanten, visuellen Szenen des Films
Mit „Self/Less – Der Fremde in mir“ erscheint nun Singhs fünfter Spielfilm und die Geschichte vom todkranken Milliardär, der seine Seele in einen jüngeren Mann transferiert, hatte durchaus Potenzial gehabt erzählerisch wie visuell Tarsem Singh herauszufordern. Doch aus dem Drehbuch der Brüder David und Alex Pastor, die mit ihrem Seuchen-Thriller „Carriers“ vor einigen Jahren ein respektables Regiedebüt ablieferten, macht Singh nicht mehr als einen durch und durch konventionellen Unterhaltungsfilm. Ja, damit ist auch gemeint, dass der Inder sogar auf seine ganz eigene, kreative Note verzichtet. Noch nie sah ein Film von ihm so glatt, so normal, so langweilig aus. Einhergehend damit erweist sich „Self/Less – Der Fremde in mir“ auch handlungstechnisch als zu Recht gestutztes Vehikel für den Massengeschmack. Die ethischen und vor allem die mannigfaltigen philosophischen Fragen, die solch ein Seelentransfer mit sich bringt, werden entweder sehr flach oder gar nicht behandelt. Damit lässt der Film aber die große Chance aus dem Käfig des Konventionellen auszubrechen.


War vermutlich Feuer und Flamme für den Film: Ryan Reynolds
Fokussiert man sich nicht auf die missachteten Ressourcen, die „Self/Less – Der Fremde in mir“ besitzt, erweist er sich aber zumindest als kurzweiliger Action-Thriller, der klar und ohne größere Abweichungen sein Ziel verfolgt Ryan Reynolds weiter als ernstzunehmenden Actionhelden zu etablieren, auch wenn dies eigentlich nicht mehr wirklich nötig wäre, aber irgendwie wirkt „Self/Less – Der Fremde in mir“ für den früher eher verhalten aufgenommen Darsteller („Green Lantern“ sei Dank) wie eine Art Bewerbung für weitere Rollen, in denen er vom Nobody zum Heroen heranwachsen muss. Bei den gut eingesetzten, aber inszenatorisch doch eher gemäßigten Kampfszenen, macht er auch eine gute Figur. Dramaturgisch hingegen herrscht eher Flaute, da der Konflikt der Seelen einfach zu eindimensional und visuell zu einfach eingefangen wurde. Da ist es durchaus bedauerlich, dass Ben Kingsley hier seit längerem mal wieder überzeugend in einem größeren Film zu sehen ist, letztlich aber nur eine Nebenrolle spielt, die rasch vergessen ist, auch wenn seine Figur durch den Transfer eigentlich im Zentrum von „Self/Less – Der Fremde in mir“ steht. Die weiteren Charaktere bieten da auch nicht mehr. Auch wenn der Schurke eine durchaus interessante Backstory besitzt, die vor allem dank ihres emotionalen Kerns mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.


„Self/Less – Der Fremde in mir“ will einem anspruchslosen Publikum gefallen. Deswegen bedient der Film alle Erwartungen an einen klar verständlichen Action-Thriller, der hier und da mit Sci-Fi-Elementen herumspielt. Doch der Kern des Films, das Gedankenexperiment welches hier zu Grunde liegt, würde so viel mehr bieten – vor allem in Symbiose mit Tarsem Singhs sonstigen Bilderwelten. Reduziert man „Self/Less – Der Fremde in mir“ aber nicht auf seine Ignoranz dem eigenen Potenzial gegenüber bleibt zumindest ein schnell verschlungener Happen Unterhaltung übrig.


5 von 10 entfernte Tattoos

Review: THE IMITATION GAME - EIN STRENG GEHEIMES LEBEN - Benedict Cumberbatch knackt den Code

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Fakten:
The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben
UK, USA. 2014. Regie: Morten Tyldum.
Buch: Graham Moore. Mit: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode, Mark Strong, Charles Dance, Allen Leech, Rory Kinnear, Mathew Beard, Jack Bannon u.a. Länge: 113 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Mathematiker Alan Turing arbeitet während des zweiten Weltkriegs im Bletchley Park. Dort soll er mit Kollegen die Codes der Nazis entschlüsseln. Eine schwere Aufgabe, die Turing an seine Grenze bringt. Aber auch seine heimliche Homosexualität lastet schwer auf ihm.





Meinung:
Sieht man sich eine Biographie aus Hollywood an, so erschleicht einen immerfort der Eindruck, dass diese Produktionen bedacht auf den geringsten Widerstand nur den Dienst nach Vorschrift ableisten. Emblematisch dafür ist Ron Howards „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ heranzuziehen, eine der größten filmischen Katastrophen des neuen Jahrtausends. Hier nämlich wird kein Wert darauf gelegt, den brillanten Metaphysiker John Nash nach realen Gegebenheiten gerecht zu werden, sondern den geistlichen Verfall aufgrund seiner paranoiden Schizophrenie in ganz und gar abenteuerliche Bahnen zu kanalisieren. Natürlich lässt sich auch diametral zu derlei rührseligen Verlogenheitsbrei Material entdecken, welches trotz seiner hollywood'schen Herkunft durchaus brauchbar ist: Da wäre James Mangolds „Walk the Line“ oder auch Taylor Hackfords „Ray“. Formelhaft, mit Sicherheit, aber keinesfalls trivialisierend. Nun schafft es in Deutschland ein nächstes Biopoic in die Lichtspielhäuser: „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“, in Szene gegossen von Morten Tyldum, der nun auch in der Traumfabrik angekommen scheint.


Turing und seine baldige Verlobte
Zuvor hat sich Morten Tyldum für den eisigen Thriller „Headhunters“ verantwortlich gezeigt, mit „The Imitation Game – ein streng geheimes Leben“ erfährt der Norweger das Privileg, die Geschichte - beziehungsweise Ausschnitte davon - von Alan Turing auf die großen Leinwände zu projizieren. Wer nun beschämt zugegeben muss, noch nie etwas von dieser Person gehört zu haben, dem sei Trost gespendet: Über beinahe 70 Jahre hat sich das Vereinigte Königreich auch redlich damit abgemüht, den hochintelligenten Kryptoanalytiker und seine Verdienste für die Welt gnadnelos unter Verschluss zu halten. Turing nämlich hat nicht nur die Grundlage für unsere heutiges Computersystem abgeliefert, sondern zu Zeiten des zweiten Weltkrieges daran gearbeitet, die mit der Enigma verschlüsselten Funksprüche aus Deutschland zu dechiffrieren. Seine Arbeit in der militärischen Dienststelle Bletchley Park hat letzten Endes dafür gesorgt, dass sich der Krieg um ganze zwei Jahre verkürzte und das Leben von 14 Millionen Menschen bewahrte. Ein Bilderbuchheld, möchte man meinen. Aber wieso hat man es erst geschafft, ihn im Jahre 2013 durch seine Begnadigung als einen solche anzuerkennen?


Turing und sein Arbeitsgerät
Alan Turing war homosexuell – Seiner Zeit ein Verbrechen, was entweder Gefängnisstrafe oder chemische Kastration bedeutete. Und die Umstände seiner Hormonbehandlung, die Turing nach und nach zur somatischen Ruine deformierten, sollen ihn dann auch in den 1950er Jahre zum Selbstmord gezwungen haben. Ja, „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ hätte mühelos zur Stangenware aus dem Biopic-Fundus geraten können, in diesem Falle aber muss der Schriftzug „Based on a True Story“ kein Grund sein, die Nackenhaare streng aufzurichten. Morten Tyldum und Graham Moore sind weniger daran interessiert, entscheidende Eckdaten und Lebensstationen von Alan Turing in erschlagender Überschallgeschwindigkeit abzugrasen und so möglichst viele Informationen zu transportieren, sondern es wird tatsächlich versucht, dem über Dekaden so harsch verleugneten und bedingt durch „Unzucht“ und „sexueller Perversion“ erbärmlich verurteilten Turing ein angemessen Denkmal zu errichten. Der jahrelange Umgang mit seiner Persönlichkeit ist selbstredend ein Armutszeugnis, nicht zuletzt deswegen ist es ein signifikanter Schritt, einen Film über seine außergewöhnlichen Meriten abzuliefern.


Codeknacker unter sich
Man mag „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ als konventionell titulieren, seine Bildsprache ist es zweifelsohne, gewichtig aber ist die Handhabung des Hauptakteurs, der von Benedict Cumberbatch im gewohnt famosen „Sherlock Holmes“-Modus verkörpert wird. Die Erzählstruktur, die sich über drei Zeittableaus tranchiert zeigt, besitzt im Kontext des Charakters seines ungeliebten Helden gar metaphorisches Profil. Anstatt den Charakter von Alan Turing zu konkretisieren, ihn in Schublade zu bannen, ist es „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ daran gelegen, den Menschen, der einen Großteil seiner Zeit mit dem Entziffern von Codes verbrachte, selber als personifiziertes Rätsel aufrechtzuerhalten. Die Übergänge zwischen mathematischem Genius und dem inkompatiblen Sozialverhalten sind fließend, Herangehensweise und Kreuzung beider Parteien jedoch immer pietätvoll, wenn auch von einer klaren Linie historische Klitterung begleitet. Dass seine Homosexualität gerne auch mal als Plot Point instrumentalisiert wird, um ein fiktives Abkommen zwischen einem UdSSR-Spion und Alan Turning dramaturgisch zuzuspitzen, mag da etwas unglücklich erscheinen, ist die sexuelle Orientierung doch immerzu mit sozialer Isolation codiert.


Man kommt nicht umhin zu sagen, dass auch „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ extra für die Oscar-Season produziert wurde, doch im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Vertretern des Biopic-Topos hat man es hier wenigstens bewerkstelligt, die Größe seiner Hauptfigur nicht zu banalisieren, sondern immer den Glanz des Rätselhaften beizubehalten. Die Zeit, von der „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ berichtet, ist ohnehin vom Imaginieren und Täuschen dominiert, während Mark Strong als MI-6-Vorgesetzter den herrischen Puritanismus wie den ekelhaften Zynismus einer Institution repräsentiert, die ihre Helden für einen Krieg über die Klingen springen lässt, der doch vor allem Spaß machen sollte. „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ ist schickes Historienkino, nicht frei von Unwahrheiten und Schönheitsfehlern, aber einnehmend gespielt und mit ehrenwerten Absichten behaftet.


6 von 10 Äpfeln zum Mittag


von souli

Review: STOKER - DIE UNDSCHULD ENDET - Ein audivisueller Hochgenuss

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Fakten:
Stoker - Die Unschuld endet (Stoker)
USA, GB. 2013. Regie: Park Chan-wook. Buch: Wentworth Miller. Mit: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Jacki Weaver, Lucas Till, Alden Ehrenreich, Phyllis Somerville, Ralph Brown u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray ab 20. September 2013 erhältlich.


Story:
An ihrem 18. Geburtstag stirbt der Vater von India Stoker bei einem Autounfall. India verliert dadurch ihren besten Freund und auch die einzige echte Bezugsperson in ihrem Leben. Nun muss sie alleine mit ihrer Mutter Evelyn zusammen in dem alten Landhaus leben. Bei der Beerdigung taucht allerdings ihr Onkel Charlie auf, ein ebenso charmanter wie unheimlicher Mann. Und mit seiner Ankunft sollte sich schon bald Indias Leben auf den Kopf stellen. Ein Leben zwischen Intrigen, Schmerz und Mord.




Meinung:
Als nahezu lückenlos durchkomponierte Hitchcock-Hommage zeigt Park Chan-wook mit „Stoker“, warum ihm der Titel „Virtuose“ nicht nur im asiatischen Raum wie auf den Leib geschneidert scheint, der offensichtlich durch das internationale Kino geprägte Südkoreaner ist auch im Land der unbegrenzten Möglichkeit eine qualitative Marke für sich – Und dass nach nur einer Produktion fernab der heimischen Gepflogenheiten. Dabei ist Parks Arbeitsaufteilung ganz an den Master of Suspense gerichtet und der eigentliche Autorenfilmer nimmt sich einem fremdem, im Vorfeld gerne als „durchsichtig-simple“ gebrandmarktem Drehbuch an.


Tochter, Mutter und Onkel. Die perfekte Idylle?
Den Vorwurf muss sich der Autor und „Prison Break“-Star Wenworth Miller auch durchaus gefallen lassen, allerdings liegt der gewichtige Punkt von „Stoker“ nicht auf den geschliffenen Dialogen oder den versiert-differenzierten Analysen des Innenlebens der Charakteren. Park fungiert Chung Chung-hoons Kameraführung zu seinem narrativen Dirigierstab des Verlaufs und lässt die exzellente Formalität zur Ausführung des eigentlichen Inhalts werden. Und diese in höchstem Maße ästhetischen Montagen machen es für das cinephile Herz schlichtweg unmöglich, dem von Anfang bis Ende brillant fotografierten Film nicht schlagartig zu verfallen. Jede Einstellung, jede Kalibrierung und jede noch so unbedeutend erscheinende Nebensächlichkeit glänzt durch ihre formvollendete und die Geschichte dabei bereichernde Liebe zum Detail.


Da scheint jemand nichts Gutes entdeckt zu haben
Dass die symbolischen Bildkompositionen „Stoker“ zu einem visuellen Kunst- und Meisterwerk machen und Clint Mansells auditive Begleitung die morbide Atmosphäre wunderbar unterstreicht, bedeutet nicht, dass Park durch seine exquisiten Aufnahmen das informale Drehbuchschlagloch zu stopfen versucht. Die erzählerische Basis der Vorlage besitzt durchaus den dramaturgischen Mehrwert, der das Interesse an den Charakteren und ihren Entwicklungen aufrecht hält. Durch die implizierten Hitchcock-Verweise wird „Stoker“ ein tributzollendes Grundgerüst verliehen, welches nicht dem uneigenständigen Plagiat dient, sondern sich durch eigene Ideen und Aspekte ohne Frage in ein ganz eigenen Licht codiert – Dank Parks unnachahmlichen Verständnis die Reize der differenten (Film-)Ebenen auszuloten. 


Das markante Storymotiv in „Stoker“ könnte sich vordergründig als natürlicher, menschlicher Prozess bezeichnen lassen, schließlich spielt die Reifephase in der Selbstfindung eines jeden Adoleszenten eine mehr als signifikante Rolle, die sowohl gewisse ideologische Richtlinien des Individuums stabilisiert und ebenso den Weg in die soziale Autarkie beinhaltet. In „Stoker“ ist dieses als „Coming-of-Age“ bekannte Verfahren nicht auf der bekannten, universellen Reibungsfläche dargeboten, Hauptfigur India beschreitet hingegen einen pathologischen Pfad, auf dem das Erwachen sexueller Gelüste im Korsett der psychopathischen Faszination lauert und die charmant-autistische Andersartigkeit durch den Kontakt mit dem geheimnisvollen Onkel geradewegs in den Verlust der zarten Unschuld führt. Eine beliebte Thematik Hitchcocks, die er neben seinen Verfolgungen auf Unschuldige und der ambivalenten Suche nach der eigenen Persönlichkeit des Öfteren aufgegriffen hat.


Wie das unnachahmliche, leicht artifizielle Gerüst mit dem eigentlichen Handlungsplateau ineinandergreift und die beiden Komponenten sich in ihrer Dechiffrierung gegenseitig in die Karten spielen, ist schlichtweg ein audiovisueller Hochgenuss. Park weiß wie er seine filmischen Mittel einzusetzen hat und nicht immer hauptsächlich durch Dialoge, sondern die Geschichte vor allem durch die strukturierte Deklamation seiner Aufnahmen formuliert – Dabei ist die symbolische Leseart auch hier wieder für jeden Zuschauer durchaus vielseitig anzunehmen. Wenn Park Chan-wook in seinen nächsten US-Arbeiten eine ähnliche Qualität vorlegt, die sowohl den optischen Ansprüchen standhält, aber auch den handlungstechnischen Kriterien gerecht wird, ohne sich durch den Hollywoodfleischwolf drehen zu lassen, dann dürfen wir Park bereits im Vorfeld hallende Ovationen für all das spenden, was in Zukunft noch kommen wird.


7,5 von 10 Familiengeheimnissen


von souli


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Review: STOKER - DIE UNSCHULD ENDET - Ist der neue Hitchcock ein Koreaner?

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Fakten:
Stoker - Die Unschuld endet (Stoker)
USA, GB. 2013. Regie: Park Chan-wook. Buch: Wentworth Miller. Mit: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Jacki Weaver, Lucas Till, Alden Ehrenreich, Phyllis Somerville, Ralph Brown u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray ab 20. September 2013 erhältlich.


Story:
An ihrem 18. Geburtstag stirbt der Vater von India Stoker bei einem Autounfall. India verliert dadurch ihren besten Freund und auch die einzige echte Bezugsperson in ihrem Leben. Nun muss sie alleine mit ihrer Mutter Evelyn zusammen in dem alten Landhaus leben. Bei der Beerdigung taucht allerdings ihr Onkel Charlie auf, ein ebenso charmanter wie unheimlicher Mann. Und mit seiner Ankunft sollte sich schon bald Indias Leben auf den Kopf stellen. Ein Leben zwischen Intrigen, Schmerz und Mord.




Meinung:
Park Chan-wook, heißt dieser Mann, der versucht, der neue Alfred Hitchcock zu sein. Ich finde, und das gleich vorweg, er schafft es nicht ganz, mit „Stoker“ an die großen Werke des „Master of Suspense“ heranzukommen. Aber er ist nahe dran. Vor allem hat er es geschafft, seinen Stil und seine Ästhetik mit nach Hollywood zu bringen. Aber der Reihe nach.


"Nimm doch einen Schirm, es könnte Regen geben."
„Stoker“ vereint Psychothriller, Horrorfilm und Coming-of-Age-Drama. Der Film fängt sehr langsam an. Vielleicht zu langsam und braucht seine Zeit, bis er endlich in Fahrt kommt, fängt sogar schon leicht zu nerven an. Überhaupt ist die Geschichte schon sehr dünn. Ein wenig zu konstruiert und auch vielleicht ein wenig zu offensichtlich. Und das ist auch der Grund, warum Park, der Regisseur von „Oldboy“ nicht ganz an Hitchcock rankommt. Aber - will er das überhaupt? Ich denke nicht. Er verehrt ihn zwar, wie in diesem Film offensichtlich wird. Selten hab ich so viele Anspielungen an Hitchs Filme gesehen. Aber trotzdem zieht er sein eigenes Ding durch. Nicht falsch verstehen, schwach ist die Geschichte keineswegs. Nur hätte man durchaus mehr erwarten können. Aber dass dieser Thriller doch ein richtig guter wird, das liegt eben nicht so sehr an der Geschichte, sondern an drei anderen enorm wichtigen Elementen, die der Koreaner nahezu in Perfektion zelebriert:


Erstens: die Atmosphäre. Beklemmend und unheimlich, aber auch gefühlvoll. Und vor allem in der ersten Hälfte des Films passiert im Kopf des Zuschauers mehr, als es die Leinwand zeigt. Die Spannung wird einzig und allein in der Vorstellung des Zuschauers erzeugt. Fantasie wird angeregt. Park kann sein Publikum packen und tief in den Film einsteigen lassen, es fast schon selbst miterleben. Das kriegt „Stoker“ perfekt hin. Außerdem gibt es eine der wohl hypnotischsten und fesselndsten Klavierspielszenen der Filmgeschichte. Virtuos, extatisch und hocherotisch, sodass man als Zuschauer die Luft anhält. Unterstützt wird diese einmalige Atmosphäre durch die Musik von Clint Mansell, der auch bereits die Musik zu den Filmen von Darren Aronofsky arrangiert hat.


Bowlingschuhe liegen wohl gerade im Trend
Wie in jedem guten Thriller sind auch zweitens die Darsteller zu nennen. Nicole Kidman als Mutter Evelyn Stoker hat mir selten besser in einer Rolle gefallen. Sie kombiniert Oberflächlichkeit, Eifersucht auf die eigene Tochter mit Sehnsucht und Leidenschaft. Matthew Goode als Onkel Charlie spielt den unheimlichen Part. Mit seinem unheimlichen Blick und einem stetigen Lächeln auf den Lippen ist er eine geradezu furchterregende Figur und schafft eine extreme und mysteriöse Spannung, allein schon durch seine bloße Präsenz und eben dieses Lächeln. Dieses unheimliche, permanente Lächeln in seinem sonst so starren Gesicht. Und an der Spitze dieser Dreierkonstellation steht Mia Wasikowska als India Stoker. Nie hätte ich ihr eine solche Dominanz zugetraut. Sie spielt grandios. Mal fürsorglich, anschließend wieder verträumt, dann unheimlich, eiskalt, beängstigend. Und stets ist sie dabei das Selbstbewusstsein in Person. Wasikowska ist eine Wucht. Spätestens hier sollte sie die Zuschauer endgültig überzeugt haben, dass sie zu einer der größten Schauspielerinnen ihrer Generation werden kann und es kaum jemanden gibt, der ihr das Wasser reichen könnte.


Und das dritte, das wohl auffälligste und am besten umgesetzte Element in Parks Film, das ist der Stil. Visuell ist der Film mit das genialste, was man in den letzten 20 Jahren gesehen hat. Wow, nicht mal Park selbst hat diese Optik jemals so stark rübergebracht wie hier. Gekämmtes Haar, das sich in ein Kornfeld verwandelt. Das parallele Öffnen von Gefriertruhe und Telefonzelle. Eine Fahrt auf einem Karussell. Das Spiel mit Dunkelheit und Licht. Wahnsinnige Kamerafahrten und –perspektiven. Es werden verschiedene Dimensionen im Raum scheinbar mühelos überwunden, Sichtweisen verzerrt. Mal sieht man nur Augen, dann kommen höchstsymbolische Anspielungen. Die Geräusche, ein hammermäßiger Schnitt, Übergänge, Überschneidungen, Blenden. Ach, es wäre sinnlos alles aufzuzählen, so viele Ideen hat Park in diesen Film untergebracht. Manch einer könnte meinen, es ist zu viel. Nein, es passt. Es passt einfach perfekt. Stilistisch ein wahres, ein wirkliches, ein echtes Meisterwerk.


Zusammengefasst ist „Stoker“ ist also unheimliches und atmosphärisches Kino mit herausragenden Darstellern und vor allem einer Ästhetik, wie man sie wirklich nur ganz selten zu Gesicht bekommt. Darum ist es auch umso bedauerlicher, dass die Geschichte im Verhältnis um so viel abfällt. Denn mit einer guten, mit einer nicht so konstruierten Story, da wäre da ein absolutes Überwerk drin gewesen. Noch sitzt der Master of Suspense sicher auf seinem Thron. Aber für Park Chan-wook fehlt nicht mehr viel, um an Hitchcocks Seite zu stehen.


8,5 von 10 blutige Bleistifte im Spitzer


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