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Review: NERVE – Thriller im Neuland

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Fakten:
Nerve
USA. 2016. Regie: Henry Joost, Ariel Schulman. Buch: Jessica Sharzer, Jeanne Ryan (Vorlage). Mit: Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer, Kimiko Länge: 96 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Bist du Player oder Watcher? Auf Vees (Emma Roberts) Highschool gibt es so gut wie kein anderes Gesprächsthema mehr als die immer riskanter werdenden Challenges, die das illegale Online-Game „Nerve" seinen Spielern stellt. Um einmal so wie ihre Freundin Sydney im Mittelpunkt zu stehen meldet sich die eher schüchterne Vee kurzentschlossen selbst bei „Nerve“ an. Angetrieben vom Kick des Verbotenen bricht Vee mit ihrem ebenso attraktiven wie mysteriösen neuen Game-Partner Ian (Dave Franco) schnell alle Tabus: keine Challenge ist ihnen zu riskant. Über Nacht werden Vee und Ian die Sensation des immer gefährlicher werdenden Spiels! Doch als Vee herausfindet, dass ihre gesamten Social Media Accounts gehackt wurden, und versucht, aus dem Spiel wieder auszusteigen, muss sie feststellen, dass es dafür längst zu spät ist…




Meinung:
Mittlerweile haben die digital naitives schon ihre zweite Generation erreicht und das von Kanzlerin als „Neuland“ bezeichnete Internet ist längst zum Lebensalltag gewurden. Dies beinhaltet aber natürlich auch diverse Negativschlagzeilen rund um Betrug und andere Verbrechen, die in den Tiefen des Webs ausgeübt werden. Abseits davon sehen viele auch eine Gefahr in der Manipulation, die das Netz mit sich bringt. Vor allem in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter schlummert die menschliche Schwäche sich vor andere beweisen zu wollen. Was früher Spiele wie Wahrheit oder Pflicht waren, sind nun im Internet verbreitete Mutproben. Der Thriller „Nerve“ nimmt sich nun diesem Thema an und verpackt das Ganze visuell in eine moderne Web-Optik.


Spritztour gefällig?
Das Regie Duo Henry Joost, Ariel Schulman („Paranormal Activity 3“) schwelgt regelrecht in dieser High-Tech-Glanzoptik, lässt sie sogar zum bestimmenden Kern des Films werden, der handlungstechnisch und von den Figuren nicht mehr darbietet, als stereotype Blaupausen, die sichtbar per Copy-&-Paste-Verfahren entstanden sind. Wirklich mitreißend ist das nicht. Weder der Handlungsverlauf, noch die stilistische Aufmachung kann die Ideenarmut des Scripts verbergen, welches ohne sonderliche Überraschungen seine relevanten Punkte abhakt. Ein weiteres Problem ist auch dass das eigentlich native des Virtuellen, bzw. Digitalen Raums immer wieder als Besonderheit dargestellt wird. Somit stellt sich „Nerve“ selbst ein Bein, will der Film doch zum einen versuchen das Web als gegenwärtige Alltäglichkeiten darzustellen, präsentiert es aber dennoch fast schon wie eine elektronische Freakshow. Auch kann „Nerve“ sich nie so richtig entscheiden, ob es den Exzess der digitalen Grenzenlosigkeit ungehemmt zelebrieren soll, oder doch mit moralinsauerem Zeigefinger vor den Gefahren warnen möchte. So oder so, wirkt beides äußerst hölzern und abseits seiner Visualität unambitioniert.


Die beiden Jungdarsteller Emma Roberts („Scream 4“) und Dave Franco („Now you see me – Die Unfassbaren“) besitzen darüber hinaus keinerlei Chemie. Roberts als sich stetig vom Druck ihrer Mutter befreiende Pseudo-Rebellin und Franco als Adrenalin-Junkie mögen auf einem Blatt Papier eine ideale Paarung sein, doch es gelingt ihnen wieder einzeln noch gemeinsam ihre Figuren mit authentischem Leben zu füllen. Das passt wiederrum gut zu „Nerve“, denn hier wirkt einfach alles immer eine Spur zu unecht und generiert. Gleiches gilt auch für den Thrillerplot, in dem ein Online-Mutprobenspiel außer Kontrolle gerät. Das dürfte vor allem jüngere Zuschauer ansprechen, für die der Film gewiss auch produziert wurde. Wer hingegen einen wirklich packenden Thriller sucht, der sich nicht nur durch seine Aufmachung definiert, kann „Nerve“ hingegen meiden wie Google+.


3,5 von 10 Ständchen im Diner


von Stu

Review: PALO ALTO - Wie viele Coppolas gibt es eigentlich!?

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Fakten:
Palo Alto
USA. 2013. Buch: Gia Coppola. Buch: Gia Coppola, James Franco (Vorlage) Mit: Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Val Kilmer, Nat Wolff, Zoe Levin, Chris Messina, Keegan Allen, Margaret Qualley u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 26. Juni auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
April (Emma Roberts) ist in ihren Sportlehrer (Franco) verliebt und der scheint auch nicht abgeneigt zu sein. Teddy (Jack Kilmer) versucht dagegen herauszufinden, wie man ein Erwachsener wird, was eigentlich einen Wert hat und wie man erfolgreich Fahrerflucht begeht.





Meinung:
James Franco ist nicht nur ein Mann, der an unfassbar vielen Filmen mitwirkt, sondern auch ein Herr, der nebenbei, als hätte ein Tag bei ihm mehr als 24 Stunden, malt, zeichnet, als Dozent tätig ist und Kurzgeschichten schreibt. Ein paar seiner Kurzgeschichten hat er in einem Buch namens „Palo Alto: Stories“ veröffentlicht - benannt nach seinem Geburtsort an der Pazifikküste in Kalifornien. Gia Coppola, die Enkelin von Francis Ford, die Nichte von Sofia und Roman und die Cousine von Nicolas Cage und Jason Schwartzman, hat sich dieses Buch genommen und ihr Filmdebüt auf die Beine gestellt. Dass sie Talent hat, ist offensichtlich und so langsam macht es den Anschein als würde man in der Familie enterbt werden, wenn man nicht ins Filmgeschäft geht. Aber was soll’s, solange der Filmliebhaber dabei mit tollen Streifen beglückt wird.


So einsam, aber immerhin mit Gespür für Stilistik: April
Die Regisseurin/ Drehbuchautorin ist aber nicht die einzige, die an dieser Produktion teilnahm und verwandt mit Stars ist. Da wären noch Jack Kilmer, Sohn von Val (in dessen Haus viele Szenen gedreht wurden) und natürlich auch Emma Roberts, die Nichte von Julia Roberts. Und dann hält James Franco ja auch manchmal noch sein Gesicht in die Linse. Von all den vielen bekannten Namen muss man jedoch einzig und allein Miss Roberts hervorheben. Die ist nämlich ein Glückstreffer und spielt ihren Charakter April liebenswert. Jedoch nicht auf eine extrovertierte Art wie zum Beispiel Ellen Page in „Juno“, sondern in sich gekehrt, still, beobachtend, behutsam und dennoch nicht minder komplex. Das ist ganz groß, was die junge Dame hier hinbekommt und das rettet nicht nur einige Szenen, es erhebt sie zum Highlight des Films. Eine solche Natürlichkeit ist genau das, was diese Thematik braucht. Es unterstützt den Film und nimmt Coppola einiges an Arbeit ab, was diese sonst hätte kompensieren müssen. Die restlichen Darsteller sind leider weniger erwähnenswert: Jack Kilmer ist relativ uninteressant, Nat Wolff ist der Buhmann und James Franco ist eben James Franco. Keiner erreicht in dem, was sie da anstellen auch nur zu einem Punkt die Klasse, die Emma Roberts den ganzen Film über durchzieht.


"Okay Jungs, nach dem Spiel drehen wir 'Interior. Leatherbar 2'"
Gia Coppolas Vorbild ist natürlich, das ist zu keiner Zeit zu verleugnen, ihre eigene Tante Sofia, die mit „Lost in Translation“ und „Somewhere“ sehr intime und gefühlvolle, stille Filme abgeliefert hat, mit „The Bling Ring“ und „The Virgin Suicides“ sogar Filme, die sich ebenfalls mit Jugendlichen auseinandersetzen, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Und Gia Coppola zeigt durchaus, dass sie es versteht, diese bestimmte Atmosphäre, die so manchen Indie-Film einfach sehenswert macht, einzufangen. Es ist ruhig, es knistert aber gleichzeitig ist es seltsam bedrohlich. Als würde man auf den Abgrund zusteuern, was auch viele Jugendliche denken mögen, obwohl sich der Abgrund dann letztendlich als das Erwachsenenleben herausstellt. Viele Vertreter des Indie-Kinos bemühen sich, offensichtliche Vorbilder abzukupfern. Frei nach dem Motto: Was einmal funktioniert, funktioniert auch zweimal. Dabei geht jedoch die lockere Freiheit und der sympathische Humor oft flöten, weil es auf Teufel-komm-raus zu krampfhaft erzwungen werden soll. Dies geschieht hier jedoch nicht, Gia Coppola behält die Ruhe und nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn durch die Häuser von Jugendlichen, heraus in den Garten und runter vom Grundstück. Mit der Zeit fällt allerdings immer stärker auf, wie sehr sich einige Szenen wiederholen; der Film scheint sich festzufahren.


"Lonely. I'm so lonely. I have nobody..."
Und das ist mit Abstand das größte Problem bei Coppolas Debüt. Sie traut sich nicht, den Rahmen zu sprengen. Links und rechts zu gucken, Dinge zu hinterfragen. Stattdessen bedient sie sich stets der einfachsten Strecke, sucht den kürzesten Weg zum Ziel. Das ist schade und lässt so manche Szene nicht nur redundant, sondern auch fast schon gebetsmühlenartig heruntergekurbelt erscheinen. Das bedeutet nicht, dass der Film auf der inszenatorischen Ebene nicht funktionieren würde, das tut er nämlich. Aber es reißt eben nicht aus dem Hocker und es drückt einen auch nicht in den Sitz. Es lässt größtenteils kalt. Es sind schablonenhafte Abziehbilder, die hier aneinandergereiht werden. Absoluter Durchschnitt. Auf dramaturgischer Ebene sieht es nicht wirklich viel besser aus. Die Geschichte verliert sich im Mittelteil immer mehr, sodass sich Wiederholungen häufen und sogar Handlungsstränge komplett redundant erscheinen. Das ist sehr schade und total unnötig. Vor allem, weil es sich um relativ altbekannte Geschichten handelt. Man entdeckt sich selbst, man zerstört sich selbst, man wird zerstört, man hat Freunde, die einem aufhelfen,… Neu ist das alles nicht. Und dann wird zu allem Überfluss auch noch über so manchen Punkten derart herumgeritten, als ginge es darum, die 90 Minuten mit wenig Material zu füllen.


Mit „Palo Alto“ erfindet Gia Coppola das Rad nicht neu. Zu gebetsmühlenartig werden hier einige Montagen abgerattert, zu bekannt sind die einzelnen Geschichten. Jedoch muss man ihr auch zu Gute halten, dass sie die Regeln des Indie-Kinos durchaus kennt und die imaginäre Regie-Check-Liste auch brav abarbeitet. Laute Musik, verwirrte Jugendliche, Drama, tragische Blicke aus dem Autofenster. Nur überraschen, das tut sie uns zu keiner Zeit. Trotz allem ist dieser Film jedoch nicht als schlecht zu bezeichnen. Dass Gia Coppola neu im Regiefach ist, hilft ihr ganz deutlich dahingehend, dem Film ein Gefühl zu verpassen, das in einigen Szenen liebevolle Frische, zu anderen Momenten sanfte Melancholie ausdrückt. Andererseits wird bei ihren ersten Versuchen, ein Film auf die Beine zu stellen auch überaus deutlich, wie schwierig es sein kann, eine Geschichte bis zum Ende zu erzählen. Im Mittelteil verlaufen die Handlungsstränge oft und bleiben für einige Zeit im Treibsand stecken, bevor sie sich am Ende notgedrungen wieder befreien. Wackelig, uninspiriert und vor allem altbacken sind da so einige Momente. Allerdings hat die Gia auch das Glück, mit Emma Roberts eine Schauspielerin in ihren Reihen zu haben, die eine unglaublich starke Natürlichkeit ausstrahlt und so jeder Szene, in der sie zu sehen ist, die nötige Glaubwürdigkeit und dazu noch eine ordentliche Portion Charme zufügt. Man wünscht sich nur, dass die Geschichte besser gewesen wäre. Ein nettes Debüt.


5,5 von 10 Sandwichs


von Smooli

Review: EMPIRE STATE - New York, der wahre Hauptdarsteller

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Fakten:
Empire State
USA. 2013. Regie: Dito Montiel. Buch: Adam Mazar. Mit: Liam Hemsworth. Michael Angarano, Paul Ben-Victor, Dwayne Johnson, Emma Roberts, Nikki Reed, Jerry Ferara, Sharon Angela, Michael Rispoli, Chris Diamantopoulos, Gia Mantegna u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach einer wahren Begebenheit: New York, in den 1980er Jahren. Chris will unbedingt Polizist werden doch wegen einer Straftat aus der Vergangenheit bleibt ihm dieser Traum verwehrt. Nun verdient er seine Brötchen in einem Geldtransporter-Unternehmen. Die Chefs und Kollegen erweisen sich aber alles andere als freundlich, bediene sich selbst öfters mal an den Geldsäcken und die Sicherheitsmaßnahmen sind marode. Als Chris bester Freund, der Kleinkriminelle Eddie, dies erfährt, versucht er Chris zu überreden mit ihm zusammen die Firma zu berauben.





Meinung:
Mit New York kennt sich Dito Montiel aus. Der Regisseur, der mit „Kids – In den Straßen von New York“ seine eigene Biographie verfilmte, nutzt den Big Apple immer als Schauplatz und somit als eigentlichen Hauptdarsteller seiner Filme, die hierzulande nur fürs Heimkino ausgewertet werden (Ausnahme: „Fighting“ mit Channing Tatum). Trotz des fehlenden, finanziellen Erfolgs scheint es für Montiel ein einfaches zu sein teils große Top-Stars in seine Werke unterzubringen. Auch sein „Empire State“ besitzt mit Dwayne Johnson einen echten Hochkaräter im Ensemble. Dazu kommt noch Teenieschwarm Liam Hemsworth, sowie Emma Roberts die zuletzt mit "Wir sind die Millers" einen großen Erfolg verbuchen konnte.


Chris und Eddie schmieden einen Plan
Obwohl sich die Synopsis von "Empire State" nach einem waschechten Heist-Movie anhört, ist er eigentlich mehr ein flachgehaltenes Portrait der damaligen Zeit. Immer wieder streut Montiel in die Geschichte historische Erwähnungen und Aspekte ein, etwa wenn der damalige New Yorker Staatsanalt
Giuliani versucht die Stadt vom Verbrechen zu befreien. Eben dieser war es, der später zum Bürgermeister wurde und mit einer Politik der Null Toleranz dafür sorgte, dass die wohl bekanteste Stadt der Welt nach und nach ihren Ruf als Gangsterhochburg verlor. Es sind diese Kleinigkeiten die „Empire State“ wirkliches Leben einhauchen. Die eigentliche Haupthandlung ist dagegen eher Brachland. Ohne ein echtes Gespür für Dramaturgie schleust Montiel Liam Hemsworth durch die  Straßen und hakt alles gängigen Klischees ähnlich inszenatorisch unauffällig ab wie auch den finalen Raubzug. Die Darsteller bleiben dabei meist Staffage. Fans von Dwayne Johnbson werden ihren Liebling nicht sonderlich oft zu sehen bekommen und auch wenn seine Rolle als Cop durchaus wichtig für die weitere Entwicklung der Story ist, so wirkt die Figur relativ deplaziert, fast durchsichtig. Der einzige Schauspieler der auffällt ist Michael Angarano. Ein bekanntes Gesicht mit unbekanntem Namen. Angarano ist normalerweise auf die Rolle des Teenie-Nerds und boy-next-door-Typen programmiert. Hier darf er den so verträumten wie auch überheblichen Jung-Gangster Eddie mimen, dessen charakterliche Wandlung, vom fast noch adoleszenten Möchtegern-Ganoven hin zu einer Art tickender Zeitbombe, ist einer der wenig wirklich vitalen Aspekte von „Empire State“.


„Empire State“ ist als filmische Fläche, um das New York der frühen 1980er Jahre zu zeigen, ein durchaus stimmiges Werk geworden. Doch die wahre Geschichte rund Geldtransporter, Freundschaft, Cops, Gangster und Familie erweist sich dem gegenüber als nicht gleichberechtigt stark, auch wenn sie wesentlich präsenter beleuchtet wird. Tja, Dito Montiel weiß eben wie man New York solide bis gut in Szene setzt, nur wie eine Geschichte spannend und einnehmend erzählt wird, dass ist ihm hier nicht gelungen.


3,5 von 10 tauben Wachhunden

Review: WIR SIND DIE MILLERS – Die etwas andere Bilderbuchfamilie

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Fakten:
Wir sind die Millers (We're the Millers)
USA. 2013. Regie: Rawson Marshall Thurber. Buch: Rich Rinaldi, Dan Fyber, Steve Faber, Bob Fisher, Sean Anders, John Morris. Mit: Jason Sudeikis, Jennifer Aniston, Emma Roberts, Will Poulter, Ed Helms, Nick Offerman, Kathryn Hahn, Thomas Lennon u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab 30. Dezember 2013 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
David Burke, ein kleiner Drogendealer, dessen Broterwerb gerade so ausreicht, um im absoluten Stillstand dahin vegetieren zu lassen, verliert eine große Menge Gras und Geld, so dass ihm sein Boss die Hölle heiß macht. Um seine Schulden zurückzuzahlen soll David eine Lieferung Marihuana von Mexiko in die USA schmuggeln. Damit der Coup möglichst unauffällig vonstattengehen kann, gibt sich David zusammen mit der Stripperin Rose, der Ausreißerin Casey und dem jungfräulichen Nachbarssohn Kenny als die amerikanische Durchschnittsfamilie schlechthin aus.




Meinung:
Mit „Voll auf die Nüsse“ hat Rawson Marshall Thurber sein komödiantisches Talent im Jahre 2004 bereits bewiesen: Das irrsinnige Ben Stiller-Vehikel verfügte über ein überraschend treffsichere Gagquote und konnte seinen Film insgesamt, trotzdem pubertärer Plattitüden, immer im sympathischen wie unterhaltsamen Rahmen behalten. Natürlich war das alles Lichtjahre entfernt von der anarchischen Klasse eines „Das Leben des Brian“ oder auch von Loriots Spielfilmprunkstück "Pappa ante Portas". Aber in einer Zeit, in der nur vulgäre Rohrkrepiere und furchtbare Debile Parodien den Comedymarkt bestimmten, war „Voll auf die Nüsse“ schon ein kleineres Highlight und ließ in Thurber durchaus künstlerisches Talent erkennen, sowohl als Autor, als auch auf dem Regiestuhl. Nach dem lauen Urlaubsfilmchen "Ein verhängnisvoller Sommer" mit Sienna Miller meldet sich Thurber nun mit einer waschechten Komödie mit namhafter Besetzung in den Kinos zurück.


Mama Miller bei der Arbeit
Jedoch kann Rawson Marshall Thurber den Erwartungen mit „Wir sind die Millers“ , gemessen an seiner liebenswerten Chaos-Komödie „Voll auf die Nüsse“, nicht standhalten. Bereits bei der Besetzung fällt ein Name negativ auf: Jennifer Aniston. Keine Frage, in ihrem Kosmos, den weichgespülten RomComs für verzweifelte/verträumte Hausfrauen, ist sie die Chefin im kinematographischen Ring und konnte sich dank geschätzter 30-fachen Wiederholung der selben Rollen auch komplett in ihre platten Charaktere einleben. Seit „Kill the Boss“ versucht Frau Aniston allerdings ihren Ruf aufzupolieren und verkörperte schon dort eine notgeile Zahnarztassistenten. Es ist daher auch kaum verwunderlich, dass sie in „Wir sind die Millers“ eine Nachtclubstripperin spielt, ebenso wenig schockiert es, dass man ihr als Zuschauer zu keiner Sekunde die Rolle abkauft. Besser, weil glaubwürdiger ist da schon Jason Sudeikis, der für seinen schmierigen Chef (Gespielt von Ed Helms) eine ordentliche Lieferung Gras aus Mexiko in die Staaten schmuggeln. Gleiches gilt auch für Will Poulter und Emma Roberts als „Kinder“ der gefakten Bilderbuchfamilie Miller.


Was weiterhin auffällt, ist, dass der gesamte Cast aus verschiedenen TV-Serien entsprungen ist. Seit Jahren versuchen Fernsehproduktionen die Klasse von Kinofilmen zu erreichen; und sie kommen tatsächlich nahe ran, ob wir da von „Breaking Bad“, „Sons of Anarchy“ oder „The Wire“ reden. Ein logischer Schritt ist es demzufolge auch, Serienstars auf die Leinwände aller Welt zu befördern, nur geht dieser Plan nicht immer auf. Während Bryan Cranston auch in Spielfilmen überzeugt, wirkt ein Michael C. Hall immer furchtbar fehlbesetzt. Dass es in einem Film der Marke „Wir sind die Millers“ nicht auf schauspielerische Qualitäten ankommt und niemand – wie im Abspann mit einem Augenzwinkern aufs Korn genommen wird – einen Oscar für ihre Performances ergattern wird, ist unzweifelhaft. Sie müssen nur ansprechend für den Zuschauer besetzt sein; etwas eigenwillig, aber immer greifbar, egal zu welchen überzogenen Handlungen sie vom Drehbuch animiert werden.


Hand auflegen im "Wir sind die Millers"-Style
„Wir sind die Millers“ ist eigentlich auch vorerst kein schlechter Film, beweist Rawson Marshall Thurber doch mit seiner temporeichen Inszenierung, dass Langeweile ein Fremdwort für ihn ist, wirft mit seichten Zoten um sich und lässt seine gefälschte Familie in allerhand verrückte, aber (leider) nie makabre Situationen stolpern. Wer Subtilität sucht, der ist fehl am Platze, vom humoristischen Feinsinn ist „Wir sind die Millers“ genauso weit entfernt, wie Michael Haneke von einem Auftritt zur Kinderbelustigung im Legoland. Nur stört dieser Hau-Drauf-Humor gar nicht, passt er doch in das stumpfe Konzept, problematisch ist nur, dass Thurber und die sechs Drehbuchautoren kein Bisschen Mut besitzen und sich doch viel lieber den Konventionen der stereotypischen Komödienmuster Hollywoods anbiedert. All die niveaulosen Tiefschläge, dienen hier nicht der kettensprengenden Befreiung vom staubigen Standard, sondern biegen letztlich rückhaltlos in die Einfahrt des familiären Konservativismus ein.


Fazit: Zoten, Plattitüden und jede Menge Penis-Titten-Arsch-Witzchen. Zu Anfang ist das sogar auch recht unterhaltsam, weil Regisseur Rawson Marshall Thurber und sein Drehbuchteam wissen, wie sie die Figuren in dem transparenten Konzept anzuordnen haben, ohne sich selbst lächerlich zu machen. Allerdings hält das nicht über die gesamte Laufzeit, in der letzten halben Stunde verliert sich „Wir sind die Millers“ dann doch ausnahmslos in den schnöden Konventionen biederer Hollywoodkomödien. Kann man sich mal anschauen, gibt Schlimmeres, aber bereichernd ist das Ganze zu keiner Sekunde.


4,5 von 10 mütterliche Zungenküsse


von souli

Review: IT'S A KIND OF FUNNY STORY - Zu einfach, aber so schön

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Fakten:
It’s a Kind of Funny Story
USA. 2010. Regie: Anna Boden, Ryan Fleck. Buch: Anna Boden, Ryan Fleck, Ned Vizzini (Vorlage). Mit: Keir Gilchrist, Emma Roberts, Zach Galifinakis, Viola Davis, Thomas Mann, Zoe Kravitz, Aasif Manvi, Lauren Graham, Jim Gaffigan, Bernard White, Matthew Maher, Jeremy Davies, William Silvan, Novella Nelson, Morgan Murphy, Mary Birdsong, Dana DeVestern, Adrian Martinez u.a. Länge: 101 Minute. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Eigentlich wollte Craig ja springen und seinem Leben ein Ende bereiten, doch dann entscheidet sich der gestresste Teenager lieber dafür sich selbst in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, um dort einige Tage in Ruhe nachzudenken. Doch an Ruhe ist dort nicht zu denken, denn Craig muss sich mit seinen Problemen auseinandersetzen. Zum Glück findet er in einem seiner „Kollegen“ einen Mentor und sogar eine Romanze, mit einem gleichaltrigen Mädchen bahnt sich an.




Meinung:
In den letzten Jahren ging ein Ruck durch die Welt – übertrieben ausgedrückt. War es früher noch mehr ein Thema, welches die Betroffenen für sich behielten, so ist der Gang zum Therapeuten, Psychoanalyse oder Psychiatrie heute nichts mehr wofür sich jemand schämen muss. Zu recht. Auch im Kino haben Kliniken und Anstalten, in denen die Seele eines Menschen kuriert werden soll eine Wandlung durchgemacht. War es früher noch Woody Allen, der offen in seine Werken über Neurosen und Therapien sprach, wenn auch in einem humoristischen Kontext, so gehört der Gang zum Psychiater mittlerweile fast schon zum guten Ton. Kein Wunder, selbst die Boulevard-Magazine haben die Zugkraft psychischer Probleme und Erkrankungen wie Depression (sozusagen die bipolare Muse des Lars von Trier) oder Burnout erkannt. Dadurch wird die Thematik allerdings nicht nur ins Zentrum einer breiten Öffentlichkeit gerückt, sondern auch oftmals verwässert dargestellt und behandelt. Der Ausdruck „Trenderkrankung“ macht da gerne mal die Runde. In der tragischen Komödie (besser: amüsantes Drama) „It’s a Kind of Funny Story“, die zum Großteil in einer psychiatrischen Klinik spielt, wird ebenfalls vieles einfacher gemacht als es ist. Doch ist das wirklich so schlimm?


Das Shirt lügt. Noelle mag Jungs, zumindest Craig.
Nein. Ist es nicht. „It’s a Kind of Funny Story“ ist kein Film, der eine realistische Darstellung seiner Thematik für sich beansprucht. Die Probleme von Hauptfigur Craig, übrigens gespielt vom Briten Keir Gilchrist, der hier ähnlich brillant überzeugen kann wie in der grandiosen US-Serie „United States of Tara“, werden inhaltlich zwar eher mit Samthandschuhen angefasst, wirken aber dennoch arg überspitzt. Seine Angewohnheit bei besonderen Situationen, bzw. Druck sich zu übergeben, liegt ganz klar ein erzählerischer Mechanismus zu Grunde, der nicht dazu da ist, seinen Charakter zu verfestigen, sondern lediglich dafür gut ist Lacher und Schmunzler zu erzeugen. Billige Masche? Mitnichten. Zum einen funktioniert es, lockert den Film auf, ohne dessen legere Ernsthaftigkeit zu zerbrechen, zum anderen fügt es sich perfekt in die Figurenzeichnung ein. Ja, wirklich wahrhaftig ist das nicht, aber es erzeugt Empathie wie Sympathie. Craig ist aber nicht nur durch seinen Hang, sein Essen oral zu verteilen, ein emotional einnehmendes Kerlchen, sondern bietet noch andere positive Faktoren. Einer der größten liegt darin, dass er immer etwas verloren wirkt. Zu Beginn des Films, wenn er kurz davor ist in den Abgrund zu springen, braucht es eigentlich nur ein Blick auf seine Haltung und sein Gesicht um zu spüren, dass er sich wie ein Fremdkörper fühlt. Keir Gilchrist braucht keine großen Gesten um die Verlorenheit seiner Figur widerzuspiegeln. Eine große Leistung, die eigentlich nur noch durch die Romanze innerhalb der Klinik verstärkt wird.


Ja, es gibt eine Romanze. Das ist erst mal ein berechtigter Grund zu Abschreckung, aber das Regie-Duo Anna Boden und Ryan Fleck, die mit dem Drama „Half Nelson“ Ryan Gosling 2007 zu einer Oscar-Nominierung verhalfen, inszenieren die junge, aufkeimende Liebe behutsam, wärmend und zartbitter, so wie jede erste große Verliebtheit sein sollte, außer vielleicht die Tatsache, dass sich alles in einer Psychiatrie abspielt. Craigs Liebe heißt Noelle, wird gespielt von Emma Roberts („Scream 4“) und ist eine Art Gegenpol. Beide scheinen einen Sinn zu suchen, doch während Craig einfach zu motivieren ist diese Suche wieder aufzunehmen, bzw. fortzuführen, stagniert Noelle in der ihrer Rolle als Rebellin. Gegensätze ziehen sich eben an. Wenn sie sich nur immer so wundervoll anziehen würden wie Craig und Noelle. Hach ja, das wäre schön.


Psychiatrie ist toll. Warum? Na, es gibt Eiscreme.
Dass „It’s a Kind of Funny Story“ Komik und Romanze in dieses Setting packt ist heutzutage wahrlich keine kreative oder innovative Offenbarung. Die größte Überraschung des Films besteht aber eh darin, dass hier Zach Galifinakis („Hangover“, „Die Qual der Wahl“) eine wichtige Nebenrolle inne hat und dass er darüber hinaus weit abseits seiner sonstigen charakterlichen Funktion agiert. Hier ist er nicht der Vollchaot, der tumbe Tunichtgut der erst dann rafft dass das Haus abgebrannt ist, wenn die Feuerwehr wieder abzieht, sondern ein wirklich greifbarer Charakter, der für Craig zu einem fast schon väterlichen Mentor wird, der ihn in die eigene, kleine Welt der psychiatrischen Klinik einführt. Dabei wird auch schnell klar, dass „It’s a Kind of Funny Story“ alles ziemlich romantisiert. Die Zeiten von Elektroschocks und Insassen-Aufständen a la „Einer flog über das Kuckucksnest“ sind dabei zwar vorbei, aber wenn Craig mentorisch durch die Gänge der Anstalt geleitet wird, wird rasch klar, dass sich die Macher recht wonnig in den üblichen Klischees suhlen. Selbst der ewige Stumme und zur Thematik passende, katharische Momente haben den Weg in die Klinik gefunden.


Trotz dieser Vorgehensweise berührt „It’s a Kind of Funny Story“. Warum? Weil er trotz allem seine Materie und vor allem seine Figuren ernst nimmt. Niemand wird bloß gestellt. Die psychischen Erkrankungen werden nicht banalisiert, sondern oftmals sogar mit einfachen Mitteln auf den Punkt gebracht. Natürlich ist das immer noch fern von der Wahrheit, aber selbst wenn es sich hier um eine Art psychiatrisches Märchen handelt, so besitzt dieses Märchen doch Witz, Charme, Dramatik und ist obendrein noch äußerst mitreißend. Ohne Wenn und Aber, der Film macht es sich oft zu einfach und überhaupt, so toll ist ein Aufenthalt in der Psychiatrie auch wieder nicht, aber Anna Boden und Ryan Fleck erzählen trotz allem eine berührende Geschichte, die mit thematischer Offenheit und einem großen Herz aufwarten kann. „It’s a Kind of Funny Story“ ist gewiss kein wirklich ehrlicher Film, aber es ist ein Film voller starker Gefühle. Eine Emulsion aus Glück und Melancholie die berührt, trotz aller Verwässerungen. Sehr sehenswert.

9 von 10