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Review: HELL OR HIGH WATER – Filmischer Hochgenuss oder doch die Hölle?

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Fakten:
Hell or High Water
USA. 2016. Regie: David Mackenzie. Buch: Taylor Sheridan. Mit: Ben Foster, Chris Pine, Jeff Bridges, Gil Birmingham, Dale Dickey, William Sterchi, Kristin Berg, Katy Mixon u.a. Länge: 102 Minuten. FSK: ungeprüft. Ab 12. Januar 2017 im Kino.


Story:
Im Kriminaldrama Hell or High Water schmieden ein geschiedener Vater und sein frisch aus dem Gefängnis entlassener Bruder einen verzweifelten Plan, um ihre Familienfarm im Westen von Texas zu retten: Toby und Tanner wollen gleich mehrere Banken überfallen und mit dem auf diese Weise gewonnenen Geld verhindern, dass ihr hoch verschuldetes Heim samt Ländereien an den Staat zurückfällt.




Meinung:
12 Millionen Dollar. Diese Summe hat die komplette Produktion von Hell or High Water veranschlagt und auch wenn bereits bessere Filme für deutlich weniger Geld gedreht wurden, so ist die Summe trotzdem erstaunlich. Vieles an David Mackenzies Film erweckt den Eindruck er wäre kostspieliger gewesen. In vorderster Front sind es natürlich Darsteller wie Jeff Bridges, Chris Pine und Ben Foster, die den Eindruck einer Multimillionen-Dollar-Produktion evozieren. Doch auch darüber hinaus sind beinahe alle Facetten des Films, angefangen bei der Optik über Kostüme und Ausstattung bis hin zum Soundtrack, hochwertig eingefangen. Natürlich sind 12 Millionen dennoch eine gewaltige Summe, aber nichtsdestotrotz ist es ein schöner Umstand, dass mainstreamtaugliches Hollywoodkino auch in den niedrigen Budgetbereichen ausgezeichnet funktionieren kann.


Posen für die Kamera
Alles wirkt wie ein Klischee. Staubige Felder, ausgebrannt von der unbarmherzigen Sonne. Schnauzbärtige Männer in ausgewaschenen Hemden sitzen auf der Veranda, trinken ein kühles Bier und polieren ihre Waffen. Texas scheint einer dieser Staaten zu sein, in dem die Zeit einfach stillsteht. So still, dass selbst Banken noch keine Überwachungskamera haben und die verlässlichste Methode der Polizeiarbeit simples Warten darstellt. Ein von Nick Cave und Warren Ellis stammender Soundtrack eilt der trostlosen Optik voraus, wir hören die Klänge bevor wir unsere Protagonisten als unerfahrene, aber entschlossene Bankräuber kennenlernen. Was in den nächsten 100 Minuten folgt ist durchgehend stimmig (vor allem der texanische Dialekt trägt im Original viel dazu bei), aber nie sonderlich unvorhersehbar erzählt. Es wirkt beinahe etwas faul, so als würde sich der Regisseur auf den gelungenen Komponenten seines Films ausruhen, sich über die kantige Performance von Ben Foster, den westernartigen Soundtrack oder seiner gelungenen Optik freuen und dabei eine zentrale Botschaft vernachlässigen. Sicherlich greifen die einzelnen Teile des Films spürbar flüssig ineinander, doch kann sich Hell or High Water nicht dem Eindruck verwehren, als klassisches Erzählkino ein Stück weit zu klassisch zu sein. Inwiefern man das als Stärke oder Schwäche wertet, sei jedem Zuschauer selbst überlassen.


Hell or High Water vereint zahlreiche Einflüsse, bündelt Sozialdrama und Heist-Movie unter einer allgegenwärtigen Westernikonographie und besticht dadurch vor allem durch Atmosphäre und Optik. Erzählerisch scheint die altbekannte Brüderdynamik um einen kriminellen Hitzkopf und dessen vernünftigerem Pendent ebenso überholt wie die vorherrschend rückständige Mentalität in Texas. Der Geschichte um einige verzweifelte und schlecht organisierte Banküberfälle fehlt es an Substanz, Überraschung und Spannung. So ruhig und stimmungsvoll Mackenzies Film auch erzählt ist, für die kurz angeschnittene Tiefe scheint kein wirklicher Platz zu sein. Das ist schade, denn so verpufft ein Teil der Wirkung im leeren Raum und der Film lässt einem mit dem hohlen Gefühl zurück doch alles schon einmal gesehen zu haben.


6 von 10 Einschusslöchern

Review: SON OF A GUN – GOLD IST DICKER ALS BLUT – Von Schimpansen und Bonobos

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Fakten:
Son of a Gun – Gold ist dicker als Blut
Australien. 2014. Regie und Buch: Julius Avery. Mit: Brenton Thwaites, Ewan McGregor, Alicia Vikander, Jacek Koman, Damon Herriman, Peter Nevas, Matt Nable, Tom Budge u.a. Länge: 108 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 14. April 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Glück im Unglück für den 19jährigen JR: Nachdem er für sechs Monate ins Gefängnis muss, gelingt es ihm, dass der inhaftierte Gangster Brendan Lynch ihn unter seine Fittiche nimmt und auf ihn aufpasst. Doch diese Sicherheit kostet JR einiges. Nach seiner Entlassung muss er Brendan helfen auszubrechen. Ein riskanter Plan, doch nicht so riskant wie der große Coup, den der Gangster danach durchführen will.





Meinung:
Wenn man wegen eines Schafs gehängt wird, sollte man es vorher wenigstens ficken.“
In der Mitte des Films kommt es zu einer Szene, in der sich der räuberische Kopf der Bande, Brendan (Ewan McGregor, „Mortdecai – Der Teilzeitgauner“), in gar philosophische Höhen zu schwingen gedenkt, um das 19-jährigen Greenhorn JR (Brenton Thwaites) darüber zu unterrichten, dass sich die Menschen auf Mutter Erde in nur zwei Klassen differenzieren lassen: Die, die dem Schimpansen abstammen und die, die dem Bonobo abstammen. Die Schimpansen wissen sich in der Notlage mit äußerster Gewalt Luft zu verschaffen und schrecken nicht einmal davor zurück, ihre Familienmitglieder kaltblütig umzubringen, während Bonobos sich lieber zum Kuscheln und Kopulieren zusammenfinden. JR jedenfalls wird von Brendan zum Bonobo erklärt, mit der netten Information, dass diese ja schließlich nicht umsonst vom Aussterben gefährdet seien. Um Affen geht es in „Son of a Gun – Gold ist dicker als Blut“ darüber hinaus eher weniger, auch wenn der bärtige Ewan McGregor zeitweise in vulgärer Rhetorik brüllt, als wären ungebetene Gäste in seinen Dschungel vorgedrungen.


So ein Überfall kann schnell zum Affentheater werden
Julius Avery hingegen möchte altmodisches Männerkino inszenieren, hat vermutlich auch den ein oder anderen Film von Michael Mann, Martin Scorsese oder Don Siegel gesehen, vermag seinen renommierten Vorbilder aber zu keiner Zeit neue Facetten abringen – geschweige denn sich auf dessen suggestives Niveau aufschwingen. Was beginnt wie ein handelsüblicher Gefängnisfilm, der die Etablierung/Akklimatisierung des Neulings hinter schwedischen Gardinen dokumentiert, eben auch mit all den Mythen, die wir eigentlich schon seit dem Sylvester-Stallone-Vehikel „LockUp – Überleben ist alles“ leid sind, wandelt sich recht zügig zum verquatschen Heist-Thriller, in dem der unbescholtene JR mit dem berüchtigten Verbrecher Brendan anbandelt und sich in gemeinsamer Sache (bei Gelingen) einige Goldbarren unter den Nagel reißen darf. Die obsolete Erzählmechanik von „Son of a Gun – Gold ist dicker als Blut“ stellt es von Beginn an kaum zur Debatte: Nein, Überraschungen wird man hier nicht erleben, und selbst vom atmosphärischen Genre-Flic sind wir – abgesehen von einigen elaborierten Kamerafahrten – ebenfalls weit entfernt.


Son of a Gun – Gold ist dicker als Blut“ hingegen scheint vollends Beschäftigung darin gefunden zu haben, ausgebrannte Klischees in Reih und Glied zu formieren und damit den mehr als ausgedienten Twists Auftrieb zu verleihen, anstatt sich um die zweifelsohne vorhandene, aber permanent auf Sparflamme köchelnden Dynamik zwischen dem unerfahrenen JR und dem unberechenbaren Brendan zu kümmern und diese konsequent zu grundieren. Derart verklausulierter Thrill hat selbstverständlich kaum eine Chance, Emotionen jeglicher Couleur in seiner Zuschauerschaft zu schüren, stattdessen muss man sich unterwältigt ob der transparenten Dramaturgie präsentieren und im selben Schritt die berechtigte Frage stellen, wo denn eigentlich der interessante Filmemacher Julius Avery im Dunstkreis dieser so ausgeblichenen Standardisierung geblieben ist, der noch für sein Jugenddrama „Jerrycan“ international honoriert wurde (u.a. auch in Cannes)? Man sollte dann doch besser bei David Michods „The Rover“ bleiben, der veranschaulicht nämlich tadellos, in welcher Lage das (moderne) Aussie-Kino so ist.


4 von 10 fotografierten Babybäuchen


von souli

Review: SEXY BEAST - Gandhi kann auch anders

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Fakten:
Sexy Beast
GB, ES, 2000. Regie: Jonathan Glazer. Buch: Louis Mellis, David Scinto. Mit: Ray Winstone, Ben Kingsley, Ian McShane, Amanda Redman, James Fox, Julianne White, Cavan Kendall, Álvaro Monje, Robert Atiko u.a. Länge: 84 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Gal und seine Frau Deedee haben das Leben in Londons Unterwelt lange hinter sich gelassen und genießen nun gemeinsam mit einem befreundeten Pärchen ihren Ruhestand in einer spanischen Finca. Bis zu einem folgenschweren Besuch: Don Logan steht plötzlich auf der Matte. Der wohl härteste Knochen aus ihrem alten Kollegenkreis soll Gal zu der Teilnahme an einem Bruch überreden. Und wenn Don etwas kann, dann Menschen überzeugen…auf seine ganz eigene Art.





Meinung:
„Warum sollte ich dir erlauben glücklich zu sein?!“

Don Logan ist nicht gerade ein Glücksbärchen, eher ein bissiger Kampfhund. Wo er auftaucht und (nicht nur) verbal austeilt, wächst so schnell kein Gras mehr. Dabei wollte sich Gal doch nur noch am Pool die spanische Sonne auf den Pelz brennen lassen, endgültig mit der Müllhalde London und seinem alten Leben dort abschließen. Keine Chance, denn Don argumentiert so messerscharf und mit kaum zu wiederlegender Logik, wie sollte man dagegen ankommen?


-„Mach den Job!“ – „Nein, Don!“ – „Doch!“ – „Nein!“ – „Doch!“ – „Nein!“ – „Doch!“ –„Ich kann nicht…“ – „Du kannst!“ – „Ich kann nicht!“ – „Fette Sau!!!“


Ein Gläßchen mit Don ist (k)ein Vergnügen.
Mit dem ersten seiner bis heute gerade mal drei Spielfilme hat Jonathan Glazer („Birth“, „Under the Skin“) gleich voll ins Schwarze getroffen. Hier verfilmte er kein eigenes Skript wie später, die unglaublichen Wortgefechte und zitatwürdigen Oneliner kann er sich somit nicht auf die Fahne schreiben. Das soll seinen Anteil an der Qualität dieser schnittigen Perle keinesfalls schmälern. Der erfahrene Musikvideoregisseur beherrscht nicht nur (wie zu erwarten) die stylische Inszenierung, im Gegensatz zu vielen Kollegen aus dem Bereich weiß er seine dort erprobten Fähigkeiten bei einem Film nicht nur als schmückendes Blendwerk einzusetzen. Seine Bilder sind nicht nur als hübsche Fototapete geeignet, sie erzählen die Geschichte mit, transportieren die Stimmung. Von der drückenden Hitze und idyllischen Unbeschwertheit vor dem Auftauchen von Don bis hin zur ängstlichen Anspannung, der nervlichen Belastung während seines Stelldicheins. Glazer besitzt ein Naturtalent, wie geschaffen für das Medium. Schade, dass er uns bisher nur so selten daran teilhaben ließ. Fast selbstverständlich scheint da auch das Händchen für die Musikauswahl. Die perfekt platzierten Songs und besonders der für den Film produzierte Sound von UNKLE passen wie die Faust auf’s Auge. Die Inszenierung ist somit schon mal top, doch ganz ehrlich, was wäre der Film ohne seinen Star: Ben Kingsley.


-„Was ist das?“ – „´Ne Ziege. ´Ne echte Landplage in der Gegend.“ – „Was guckt die mich so blöd an?!“


"Ich hoffe, ihr stürzt ab!"
Gut zwanzig Jahre vorher erhielt er für seine Rolle in „Gandhi“ den Oscar und propagierte den gewaltlosen Widerstand. Nun ist er die explosive Gewalt auf zwei Beinen. Sobald Kingsley als Don Logan das Feld betritt, ist das sein Spiel. Was für eine sagenhafte Performance von dem Mann, der bis dahin eher für die Rolle des besonnenen, diskreten Gentlemans bekannt war. Selbst in seltenen Schurkenrollen immer die Contenance waren, damit ist es in „Sexy Beast“ endgültig vorbei. Wenn Don Logan unter voller Körperspannung seine aggressiven Schimpftiraden schmettert, ziehen die bemitleidenswerten Figuren schnell den Kopf ein und der Zuschauer kann mehrfach nur schwer die Lachtränen unterdrücken. Eine Wahnsinnsnummer, mit der sich Kingsley erneut eine Oscarnominierung und einen Golden Globe erfluchte. Neben ihm verblassen seine eigentlich ebenfalls hervorragenden Kollegen ungerechtfertigt, was soll man da schon machen? Alle Szenen mit Kingsley sind pures Gold. Dementsprechend leider logisch, dass der Film gegen Ende etwas verliert, wenn er nicht mehr omnipräsent ist. Der Heist-Part in London hat nicht mehr diese sagenhafte Qualität und den bösen Witz wie zuvor, die immense, furztrockene Coolness büßt „Sexy Beast“ jedoch nie ein. Die Geschichte per se ist nicht besonders unkonventionell oder originell, dieser Film lebt von seinem Flair, seiner Inszenierung, den Figuren und seinen umwerfenden Einzelmomenten. Davon gibt es dafür reichlich.


Schon allein wegen Ben Kingsley muss man „Sexy Beast“ eigentlich gesehen haben. Alles aber nur auf ihn und seine Leistung zu reduzieren wäre nicht fair. Jonathan Glazer ist – auch vielleicht, weil er sich so rar macht – damals wie besonders heute, nach seinem jüngsten Unikat „Under the Skin“, ein hochinteressanter Mann, von dem es in der Zukunft hoffentlich noch so einiges zu sehen und erleben gibt. 

-„Ich hab sie gefickt.“
-„Ja, weißt du…dafür fick ich dich jetzt!“

8 von 10 schmeichelnden Badehosen.

Review: LAUTLOS WIE DIE NACHT - Perfekt mit kleinen Fehlern

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Fakten:
Lautlos wie die Nacht (Mélodie en sous-sol)
FR, IT, 1963. Regie: Henri Verneuil. Buch: Albert Simonin, Michel Audiard, Zekial Marko (Buchvorlage). Mit: Jean Gabin, Alain Delon, Claude Cerval, Viviane Romance, Henri Virlojeux, Jean Carmet, José Luis de Vilallonga, Rita Cadillac, Jimmy Davis, Germaine Montero, Dominique Davray, Dora Doll, Maurice Biraud, Carla Marlier u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.



Story:
Nach fünf Jahren wird der in die Jahre gekommene Gauner Charles aus des Knast entlassen. Auf die Pläne seiner Frau, sich mit den Ersparnissen eine Pension im Süden zuzulegen, gibt er nicht viel. Er will den letzten, großen Coup landen, um seinen Lebensabend endgültig im Wohlstand zu verbringen. Das Ziel: Der Tresorraum des Casinos von Cannes, zu dem er die Baupläne besitzt. Da sein alter Partner gesundheitlich und aus Angst vor einer erneuten Haftstrafe nicht mit von der Partie ist, wählt Charles seinen ehemaligen Zellen-Kollegen Francis als Partner, einen cleveren, aber ebenso aufbrausenden jungen Hitzkopf. Das funktioniert nicht perfekt, aber letztendlich stehen die Weichen auf Erfolg. Aber dann...








Fakten:
Ganz großes Heist-Kino aus der Blütephase des europäischen Genre-Films, mit drei markanten Namen im Handgepäck. Henri Verneuil („Der Clan der Sizilianer“), Jean Gabin und Alain Delon (ebenfalls im Clan, aber auch in so unendlich vielen, großen Filmen). Das macht schon leicht feucht und „Lautlos wie die Nacht“ hat die Zigarette danach schon in der Schublade. So cool ist der. Klar, klingt etwas selbstverliebt, aber wer kann, der kann. Die ach so geile Trilogie von Soderbergh hat die geplante Coolness in diesem Jahrtausend für sich gepachtet, weil sich George, Brad (mit Grinse-Spastik, dringend zu behandeln) und Matt plus Anhängsel in einem Schnitt-Gewitter die Klinke in die Hand geben, aber was ist denn DAS hier bitte?


Die Alte nörgelt nur rum...
So raubt man stilvoll und vor allem „cool“ (das Wort schwebt praktisch über dem Film) ein Casino aus. Der (leider) nicht in Würde zur Ruhe gekommene Charles (Jean Gabin) und seine in vollem Saft stehende Marionette Francis (Alain Delon) haben den Masterplan schlechthin, können selbst kleine Fehler mühelos ausbügeln, aber am Ende des Tages zählt nur der Erfolg. Der perfekte Coup hat Fehler, nur in Details, aber die brechen in der Regel das Genick. An Details scheitert nur der Plan, nicht der Film. Ganz im Gegenteil. Verneuil gelingt ein Meilenstein seines Genres, der von einer perfekten Inszenierung und einem großartigen, erschlagend-charismatischen Duos lebt, eine Kombination, wie es sie heute selten bis nie gibt.


Der übergroße Jean Gabin ist das Mastermind, der Mann mit dem Plan, der alles akribisch vorbereitet, delegiert und alles auf eine Karte setzt: Entweder jetzt das Ding seines Lebens durchziehen, oder als alter Sack enden. Als gemachter Mann, im Gefängnis oder als Pensionswirt im schickeren Knast-Look. Alain Delon ist sein Muskel, mit eigenem Kopf. Ein kaum zähmbarer Wildfang, ein Profi, obwohl ihm sein Temperament leicht im Weg steht. Diese Diskrepanz zwischen Kaltblut und Heißsporn zitiert das gesamte Werk, bis Verneuil auf einen großartigen Höhepunkt zusteuert, der an Intensität kaum zu überbieten ist.


...deshalb mus die Jugend den Hals riskieren.
Stilvoll, mit einem mehr als betörenden Jazz-Score unterlegt, einem packenden Finale gekürt, so sollten Heist-Movies aussehen. Grob auf Augenhöhe mit „Vier im roten Kreis“ von Melville, und was das heißt, sollte jedem bewusst sein. Vor wunderschöner Kulisse wird Eiseskälte so elegant eingefangen, dass ein Thermometer dringend erforderlich ist. Too hot or too cool? Split... So müssen Klassiker und Wegbereiter eines Genres aussehen, so müssen sie besetzt sein, so müssen sie den Schlusspunkt setzen. Grandioser Film, dagegen können Ocean’s 56 ihre Koffer packen, mit einem beschämenden Grinsen, dafür ist der Pitt ja dabei.

8 von 10  Chlor-gereinigten Franc.

Review: EMPIRE STATE - New York, der wahre Hauptdarsteller

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Fakten:
Empire State
USA. 2013. Regie: Dito Montiel. Buch: Adam Mazar. Mit: Liam Hemsworth. Michael Angarano, Paul Ben-Victor, Dwayne Johnson, Emma Roberts, Nikki Reed, Jerry Ferara, Sharon Angela, Michael Rispoli, Chris Diamantopoulos, Gia Mantegna u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach einer wahren Begebenheit: New York, in den 1980er Jahren. Chris will unbedingt Polizist werden doch wegen einer Straftat aus der Vergangenheit bleibt ihm dieser Traum verwehrt. Nun verdient er seine Brötchen in einem Geldtransporter-Unternehmen. Die Chefs und Kollegen erweisen sich aber alles andere als freundlich, bediene sich selbst öfters mal an den Geldsäcken und die Sicherheitsmaßnahmen sind marode. Als Chris bester Freund, der Kleinkriminelle Eddie, dies erfährt, versucht er Chris zu überreden mit ihm zusammen die Firma zu berauben.





Meinung:
Mit New York kennt sich Dito Montiel aus. Der Regisseur, der mit „Kids – In den Straßen von New York“ seine eigene Biographie verfilmte, nutzt den Big Apple immer als Schauplatz und somit als eigentlichen Hauptdarsteller seiner Filme, die hierzulande nur fürs Heimkino ausgewertet werden (Ausnahme: „Fighting“ mit Channing Tatum). Trotz des fehlenden, finanziellen Erfolgs scheint es für Montiel ein einfaches zu sein teils große Top-Stars in seine Werke unterzubringen. Auch sein „Empire State“ besitzt mit Dwayne Johnson einen echten Hochkaräter im Ensemble. Dazu kommt noch Teenieschwarm Liam Hemsworth, sowie Emma Roberts die zuletzt mit "Wir sind die Millers" einen großen Erfolg verbuchen konnte.


Chris und Eddie schmieden einen Plan
Obwohl sich die Synopsis von "Empire State" nach einem waschechten Heist-Movie anhört, ist er eigentlich mehr ein flachgehaltenes Portrait der damaligen Zeit. Immer wieder streut Montiel in die Geschichte historische Erwähnungen und Aspekte ein, etwa wenn der damalige New Yorker Staatsanalt
Giuliani versucht die Stadt vom Verbrechen zu befreien. Eben dieser war es, der später zum Bürgermeister wurde und mit einer Politik der Null Toleranz dafür sorgte, dass die wohl bekanteste Stadt der Welt nach und nach ihren Ruf als Gangsterhochburg verlor. Es sind diese Kleinigkeiten die „Empire State“ wirkliches Leben einhauchen. Die eigentliche Haupthandlung ist dagegen eher Brachland. Ohne ein echtes Gespür für Dramaturgie schleust Montiel Liam Hemsworth durch die  Straßen und hakt alles gängigen Klischees ähnlich inszenatorisch unauffällig ab wie auch den finalen Raubzug. Die Darsteller bleiben dabei meist Staffage. Fans von Dwayne Johnbson werden ihren Liebling nicht sonderlich oft zu sehen bekommen und auch wenn seine Rolle als Cop durchaus wichtig für die weitere Entwicklung der Story ist, so wirkt die Figur relativ deplaziert, fast durchsichtig. Der einzige Schauspieler der auffällt ist Michael Angarano. Ein bekanntes Gesicht mit unbekanntem Namen. Angarano ist normalerweise auf die Rolle des Teenie-Nerds und boy-next-door-Typen programmiert. Hier darf er den so verträumten wie auch überheblichen Jung-Gangster Eddie mimen, dessen charakterliche Wandlung, vom fast noch adoleszenten Möchtegern-Ganoven hin zu einer Art tickender Zeitbombe, ist einer der wenig wirklich vitalen Aspekte von „Empire State“.


„Empire State“ ist als filmische Fläche, um das New York der frühen 1980er Jahre zu zeigen, ein durchaus stimmiges Werk geworden. Doch die wahre Geschichte rund Geldtransporter, Freundschaft, Cops, Gangster und Familie erweist sich dem gegenüber als nicht gleichberechtigt stark, auch wenn sie wesentlich präsenter beleuchtet wird. Tja, Dito Montiel weiß eben wie man New York solide bis gut in Szene setzt, nur wie eine Geschichte spannend und einnehmend erzählt wird, dass ist ihm hier nicht gelungen.


3,5 von 10 tauben Wachhunden

Review: RESERVOIR DOGS - Ein missglückter Überfall mal anders erzählt.

4 Kommentare:



Fakten:
Reservoir Dogs
USA. 1992. Regie und Buch: Quentin Tarantino. Mit: Harvey Keitel, Tim Roth, Steve Buscemi, Michael Madsen, Chris Penn, Edward Bunker, Lawrence Tierney, Quentin Tarantino u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: ab 18 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Sechs Typen, die sich nur mit ihren Decknamen kennen, sollen einen Juwelierladen überfallen, doch zu ihrer Überraschung taucht die Polizei auf und die Situation eskaliert. Einzeln schleppen sie sich, teilweise blutüberströmt, zu ihrem Treffpunkt. Doch höchste Vorsicht ist geboten, denn sie sind sich sicher: Einer von ihnen muss ein Verräter sein und den Bullen Informationen zugesteckt haben. Aber wer?





Meinung:
Was würdest du tun, wenn du mit fünf anderen Typen, die du davor noch nie gesehen hast, einen Juwelenraub durchziehen sollst? Und was, wenn dieser aber so richtig in die Hose gehtt und euch die Bullen nun auf den Fersen sind? Wem kannst du noch vertrauen? Und warum?


Harvey Keitel: Mr. White, der alte Hase.


Ja, mit diesen Fragen beschäftigt sich einer der besten Debütfilme überhaupt, nämlich „Reservoir Dogs“. Denn sechs Typen mit schwarzen Anzügen wurden von Joe Cabot und seinem Sohnemann, dem schönen Eddie, beauftragt, Juwelen zu klauen. Aber halt, das erfährt man ja erst später, denn davor kriegt man mit, dass irgendwas an einem Plan schief gelaufen ist und ein junger Kerl im Anzug heftig blutend von einem anderen Typen, ebenfalls im Anzug, in ein altes Lagerhaus gebracht wurde. Moment, auch so fängt der Film ja gar nicht an. Es beginnt mit einem Gespräch in einem Frühstückscafé. Über die zu niedrigen Gehälter der Kellnerinnen und Trinkgelder. Über „Like a Virgin“ und dicke, wirklich dicke… Adressbücher mit Frauennamen drin. Oder so.


Edward Bunker: Mr. Blue, der noch ältere Hase, der aber kaum ne Rolle spielt.


Sind die Blues Brothers tatsächlich zurück?
Verwirrt? Das denke ich mir. Der junge Regisseur (Mist, Name vergessen) schafft bei seinem Debütfilm eine Erzählstruktur, die er in dieser Genialität in keinem seiner späteren Filme mehr erreicht hat. Auch wenn er immer wieder die Teile der Filme zu einem Ganzen zusammensetzt (enttäuschend in dieser Hinsicht: „Django Unchained“), so schafft er hier mit einer so durcheinandergeworfenen Erzählweise, den Zuschauer bei Laune zu halten, dass es eine wahre Pracht ist. Rückblenden, Zeitsprünge, alles irgendwie episodenhaft zusammengebastelt, dass es ein Gesamtkunstwerk ergibt, das alleine schon ausreichen würde, um den Zuschauer an den Film zu fesseln. Da kommen auch die späteren Filme nicht ran. Obwohl die auch oft toll erzählt sind.


Lawrence Tierney: Joe Cabot, der dicke Boss.


Ein Hauptdarsteller sind die verdammt nochmal genialen Dialoge. Sprüche, die zum totalen Kult wurden („Are you gonna bark all day, little doggy, or are you gonna bite?“). Alltagsgeplappere, krude Theorien über Madonna-Songs, ein bisschen sozialkritische Töne über die unfaire Bezahlung von Kellnerinnen, Geschichten über Drogendeals und lustig-spannende Situationen. Emotionale Gespräche, manchmal aus Angst, aus Schmerz, aus Hass. Ach, eigentlich fast alles wird in den Gesprächen gesagt und vor allem: die beinahe komplette Story wird in Gesprächen nachträglich Stück für Stück zusammengesetzt. Ein sehr dialoglastiger Film, klar. Aber der Regisseur (mann, wie heißt er denn noch gleich) kriegt es hin, diese Dialoge wie aus dem echten Leben zu gestalten, so dass sie nicht eine einzige Sekunde künstlich oder gar unpassend wirken – obwohl so vieles dvon belanglos ist.


Michael Madsen: Mr. Blonde, der Psychopath.


Die Situation scheint zu eskalieren
Nachdem die Gespräche ein Hauptdarsteller sind, so ist die Musik ein zweiter. Manchmal wirkt der Film mit seinen genialen 70er Jahre Soundtrack fast schon wie ein Musikvideo. Ein schmutziges, alt wirkendes, irgendwie nicht ganz scharfes Musikvideo, aber es wird getanzt, sich im Takt und Rhythmus der Musik bewegt – und die Songs gehen einem ins Ohr und schaffen es teilweise sogar, den Zuschauer auf seinem Sofa ein bisschen mitwippen zu lassen. Aber selbst wenn man ruhig sitzen bleibt: Cool sind die Lieder alle und so untermauern sie die coole Atmosphäre des Films eindrucksvoll. Dazu kommt, dass, wie in vielen Musikvideos auch, die ein oder andere Hommage an große und kleine Filme des Vergangenheit eingebaut ist. Nicht zuletzt die Namen der sechs Schwarzanzuggangster, die der namenlose Regisseur aus dem tollen Film „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ übernommen und angepasst hat.


Steve Buscemi: Mr. Pink, der auch mit Mr. Purple einverstanden wäre, der aber weiterhin Mr. Pink heißen muss.


Achja, ganz kurz nur: es ist übrigens nicht nur die eingangs erwähnte Geschichte über einen missglückten Juwelenraub, die den Film so stark macht, sondern auch viele Themen, die damit angesprochen werden. Ver- und Misstrauen. Verrat. Gewalt und ihre drastischen Konsequenzen. 



Chris Penn: Nice Guy Eddie, der schönste Trainingsanzug aller Zeiten.


Ein Mexican Standoff? Sind wir im Wilden Westen?
Was auch noch toll ist: Der Film sieht roh aus. Neben den Gewaltdarstellungen, die ziemlich kalt und brutal sind, manchmal aber auch als groteske und fast schon psychopathische Folterszenen inszeniert werden, ist es vor allem diese teilweise Kammerspielartigkeit des Films. Die Haupthandlung spielt sich in einer Lagerhalle ab, was die Eingeengtheit, die Bedrängtheit und auch die nur begrenzten Auswege der Protagonisten symbolisiert. Dazu ist hier natürlich auch das angemessen schmuddelige Ambiente mit Dreck und Staub, was dem handmade-Film „Reservoir Dogs“ seinen unglaublichen Charme verleiht. Die Rückblenden übrigens, die finden nicht in der Halle statt, sondern in den verschiedensten Räumen, was durchaus auch eine gewisse (Entscheidungs-)Freiheit der Figuren symbolisieren kann, die sie durch den missglückten Überfall und die Flucht zu ihrem Treffpunkt (die Halle) eingebüßt haben. Außerdem sind sie plötzlich von ihren Partnern abhängig. Keine schöne Situation, denn wem kann man schon vertrauen, ein Verräter muss ja dabei sein.


Tim Roth: Mr. Orange, der junge Unbekannte.


Und dann sind da noch die Darsteller mitsamt ihren Figuren, die so sehr in ihren Rollen aufgehen, so natürlich spielen und damit den Figuren eine unglaubliche Tiefe geben, die kein (anderer?) Drehbuchautor der Welt so schreiben könnte. Diese Figuren haben wirklich bereits ein Leben gelebt, haben Vorurteile aufgebaut, haben Positionen eingenommen, Ideale und Prinzipien haben sie auch. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Sie hauen ihre Sprüche und Gespräche raus, sie bringen Gefühle rüber, Spannung, Witz und Brutalität. Wie, ich hab die Namen gar nicht genannt? Und wie, diese Review ist total zerfleddert, sinnlose Gedanken sind mit reingekommen und er is außerdem noch mega umgangssprachlich? Hey, es funktioniert doch!


Quentin Tarantino: Mr. Brown. Moment… Quentin Tarantino? Ja, so heißt er doch, der Regisseur. Der Drehbuchautor. Der Macher, das Mastermind dieses Films. Danke, lieber Quentin, für all deine Filme. Aber für diesen tollen Film besonders!


10 von 10 abgeschnittene Ohren