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Review: THE LOBSTER - Menschen, Tiere und der Wahnsinn echter Gefühle

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Fakten:
The Lobster
FR, GB, GR, IE, NL. 2015. Regie: Yorgos Lanthimos. Buch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou. Mit: Colin Farrell, Rachel Weisz, Jessica Barden, Olivia Colman, Léa Seydoux, Ben Whishaw, John C. Reilly u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: ungeprüft. Noch kein deutscher Veröffentlichungstermin.


Story:
In einer dystopisch angehauchten Zukunftsversion haben Singles 45 Tage um sich zu verlieben. Tun sie das nicht, werden sie als Strafe in Tiere verwandelt und im Wald ausgesetzt. In einem zu diesem Zweck eingerichteten Hotel trifft Colin Farrell auf aller Hand merkwürdiger Figuren.




Meinung:
Yorgos Lanthimos kann ohne Zweifel als ein eigensinniger Regisseur bezeichnet werden. Mit seinen früheren Werken (beispielsweise „Dogtooth“) hat er nicht nur Filme geschaffen, die von Publikum und Kritikern noch heute sehr gespalten aufgenommen und diskutiert werden, sondern auch eine treue Fangemeinde um sich versammelt. Umso erstaunlicher ist es, dass sein internationaler Debütfilm „The Lobster“ noch keinen Release fürs deutsche (Heim)Kino erhalten hat. Denn der ist nicht nur ein herausragendes Stück Film, sondern liefert mit internationalen Stars wie Colin Farrell und Rachel Weisz auch genug Potential für eine gewinnbringende Vermarktung.


Mensch und Tier
Wer Lanthimos kennt, der weiß, dass er in seinen Filmen gerne gesellschaftskritische Themen aufgreift und seine Gedanken in einem parabelähnlichen Mikrokosmus weiterspinnt. Während er in „Dogtooth“ das Bild einer Familie gezeichnet hat, die ihre Kinder fernab der Welt außerhalb des eigenen Hauses großzieht und ihnen dabei ein völlig verqueres Weltbild beibringt, spielt „The Lobster“ selbst schon in einer dystopischen Version unserer Welt. Die Ausgangslage ist dabei merklich simpel, denn in der gezeigten Gesellschaftsform gibt es nichts wichtigeres als die Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen, Singles werden in ein Hotel gesperrt und haben 45 Tage Zeit sich zu verlieben, schaffen sie das nicht, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt und im Wald ausgesetzt. Dieses abstruse Setting zieht Lanthimos konsequent durch und nutzt es als Spielwiese für zahlreiche kreative und abgedrehte Ideen. In der dadurch geformten Welt ist es völlig normal seinen Partner anhand von oberflächlichsten Charaktermerkmalen auszuwählen (Das Paar mit Nasenbluten), für wirkliche Gefühle scheint es keinen Platz mehr zu geben und auch die Kommunikation untereinander ist zweckmäßig und von einer Unfähigkeit zu menschlicher Nähe geprägt. Herrlich ernst und unreflektiert wird dieses Weltbild von seinen Bewohner aufgenommen und selbst die merkwürdigsten Situationen führen nicht zu (Selbst)Zweifel.


Auf der Flucht!
Von einer Erzählstimme aus dem Off angetrieben zieht uns Lanthimos immer tiefer in diese skurrile Welt, erklärt uns Mechanismen und Regeln, zeigt Aufstände und Konsequenzen. Zur Mitte des Films bröckelt das bestehende System, der Protagonist flieht und schließt sich einer Kommune im Wald an, die sich amüsanterweise einem komplett gegenteiligen Weltbild verschworen haben und jegliche Art von Zuneigung und körperlicher Nähe untersagen. Das ist rein inhaltlich natürlich sehr naiv aufgebaut, erhält aber gerade auf der symbolischen Ebene seine Bedeutung und zeigt in herrlich überzeichneter Form ein Spiegelbild der aktuellen Welt. In seiner parabelartigen Struktur kritisiert Lanthimos sowohl den Mensch als Beziehungsmensch, der sich aus reinem Selbstzweck eine Beziehung wünscht und seinen Partner anhand oberflächlicher Vorlieben auswählt, wie auch den ewigen Einzelgänger, der sich selbst und seine Freiheit am meisten schätzt. Mitten in dieses zweigespaltene Weltbild dringt dann jedoch ein kleines Wunder, echte Liebe, die zwar von den verblendeten Protagonisten nicht als solche verstanden wird (Stichwörter: kurzsichtig, Steakmesser!), aber in ihrem Kern genau das ist. Somit ist „The Lobster“ neben all seiner gesellschaftskritischen Brisanz vor allem auch ein Film über die kraftvollste der menschlichen Emotionen, nämlich Liebe.


Auch in internationalen Gewässern macht der Grieche Yorgos Lanthimos wie gewohnt weiter und entwirft mit „The Lobster“ einen höchst eigensinnigen, aber überaus treffenden Film über den modernen Menschen. Während viele Filmemacher bei ihrem internationalen Debüt Kompromisse eingehen um damit eine größere Zielgruppe anzusprechen, bleibt er sich treu und präsentiert abermals eine schwarzhumorige Groteske angefüllt mit gesellschaftskritischer Dringlichkeit. Ein wunderbares Kleinod, das völlig unverdient noch immer auf seinen deutschen Release warten muss.


8 von 10 Hetzjagden durch den Wald

Review: EWIGE JUGEND – Vom Schwelgen in Erinnerungen und der Vergänglichkeit des Lebens

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Fakten:
Ewige Jugend (La Giovinezza)
CH/FR/GB/IT, 2015. Regie & Buch: Paolo Sorrentino. Mit: Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda, Paloma Faith, Ashley Bryant, Alex MacQueen, Ed Stoppard, Robert Seethaler, Tom Lipinski, Alex Beckett u.a. Länge: 123 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Ab 1. April 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Fred Ballinger und Mick Boyle sind seit Jahrzehnten befreundet und verbringen einmal im Jahr einen gemeinsamen Urlaub in einem Schweizer Edelhotel. Ballinger, früher Komponist, will seinen Beruf im hohen Alter hinter sich lassen. Boyle, ein Regisseur, will nochmal ein großes Alterswerk als eine Art Testament drehen. Beide hadern mit ihren Leben, in denen sie immer wieder in der Vergangenheit schwelgen.




Meinung:
Welch Ironie, wenn mitten im Film und beim Einsetzen des Abspanns "Just (After Song of Songs)" von David Lang erklingt. Selbigen Song verwendete Paolo Sorrentino bereits 2013 in seinem einzigartigen Meisterwerk "La Grande Bellezza". "La Giovinezza" enthält nicht nur auf diese Weise eine Parallele zum vorigen Werk, sondern auch hinsichtlich der beiden Hauptfiguren, die dem charismatischen Zyniker Jep Gambardella aus "La Grande Bellezza" immer wieder sehr ähnlich sind. Fred Ballinger und Mick Boyle, beide absolut herausragend gespielt von Michael Caine und Harvey Keitel, sind alt gewordene Künstler. Der eine ein Dirigent, der andere Regisseur und beide mehr oder weniger im Ruhestand. In einem luxuriösen Wellness-Hotel in den Schweizer Alpen, in dem sie gemeinsam seit Jahrzehnten jährlich residieren, resümieren sie über vergangene Zeiten und über den Stellenwert ihres aktuellen Lebens im hohen Alter.


Es gibt Dinge, die ändern sich selbst im Alter nicht
Sorrentino formt aus dieser Handlung einen beinahe episodenhaft wirkenden Film, der tonal ständig zwischen wehmütiger Melancholie, zynischem Witz und sehr skurrilen Nebenfiguren und Situationen wechselt. Ganz gemäß dem höheren Alter seiner beiden Hauptfiguren verschrieben ist auch "La Giovinezza" immer wieder von einer gewissen Lethargie durchzogen, in der der Regisseur dazu einlädt, in den wieder einmal meisterhaft inszenierten Szenen viele kleine Momente zu entdecken, die entweder zum Nachdenken anregen, berühren oder äußerst witzig ausgefallen sind. Das ein oder andere Mal suhlt sich der Film dabei etwas zu arg in seiner eigenen Kunstfertigkeit und neigt zu prätentiösem Style-over-Substance. Auch die hohe Emotionalität und die extrem tiefgründigen Untertöne, für die Sorrentino sich sonst rühmen konnte, fallen etwas geringer aus. Nichtsdestotrotz sind sie auch hier vorzufinden, die typisch magischen Momente, für die man diesen Regisseur lieben darf.


Wenn Michael Caine´s Figur beispielsweise resigniert auf einem Baumstumpf sitzt und mitten in der malerischen Alpen-Landschaft eine Kuh-Herde zu imaginären Klängen und Geräuschen dirigiert, ist das ebenso albern wie berührend und nur einer von vielen Momenten, in denen eigentlich gegensätzliche Stimmungen harmonisch zueinander finden. Auch bei den Nebencharakteren gibt es einiges zu erleben. Rachel Weisz glänzt mit einer herzzerreißenden Performance, während Paul Danos Figur des meist auf eine Rolle reduzierten Schauspielers einen äußerst makabren Höhepunkt spendiert bekommt. "La Giovinezza" ist als Gesamtwerk wie von Paolo Sorrentino nicht anders gewohnt erneut brillant in Szene gesetzt. Jede Einstellung sitzt perfekt und der musikalisch vielfältige Soundtrack passt zu jeder Szene. Die Geschichte wartet mit einigen Facetten zu Themen wie Alterswehmut, Liebe und Kunst an sich auf und hat viel skurrilen Witz sowie berührende Pointen zu bieten. Lediglich ein Überhang zu kunstvoll ausgestellter Stagnation und nicht immer emotional gänzlich mitreißenden Momenten trennen den großartigen Film von einem Meisterwerk.


8 von 10 fette Maradona-Doubles


von Pat

Review: THE FOUNTAIN – Der ewige Kreis des Lebens

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Fakten:
The Fountain
USA. 2005. Regie: Darren Aronofsky. Buch: Ari Handel, Darren Aronofsky. Mit: Hugh Jackman, Rachel Weisz, Ellen Burstyn, Mark Margolis, Stephen McHattie, Cliff Curtis, Sean Patrick Thomas, Donna Murphy, Fernando Hérnandez, Ethan Suplee u.a. Länge: 93 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Um seine geliebte Isabel zu retten, sucht der spanische Konquistador Tomás 1535 nach dem Baum des Lebens. Im Jahre 2035 versucht Forscher Tommy seine Frau Izzi mit Hilfe eines Pflanzenextrakts zu retten. Eine Mission, die erst im Jahr 2500 ihr Ende finden wird.





Meinung:
Es ist schon auffällig, wie sich „The Fountain“ oftmals als Selbsttherapie seines Regisseurs und Drehbuchautors definieren lässt. Nachdem Darren Aronofsky in seinem privaten Umfeld einige Trauerfälle und Schicksalsschläge zu beklagen hatte, wollte er seine Schmerzen in einem Film verarbeiten und der Frage „Was bedeutet Tod?“ auf den Zahn fühlen. Bevor die Produktion aber 2003 in die Startlöcher fahren konnte, sprang Hauptdarsteller Brad Pitt („Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“) aufgrund von künstlerischen Differenzen ab und Darren Aronofsky musste, sollte er das Projekt immer noch realisieren wollen, mit deutlichen Budgetkürzungen rechnen. Erst 2006 konnte Darren Aronofsky seine mit starken persönlichen Emotionen verbundene Kopfgeburt in die Tat umsetzen und stellte einmal mehr unter Beweis, dass der seinen Ruf als Ästhet mehr als verdient trägt. „The Fountain“ ist eine stilistische Gratwanderung mit Bildern, die man in diesen durch markante Farbakzente ausbalancierten Kompositionen so zuvor noch nicht auf der großen Leinwand mit großen Augen bewundern konnte.


Mit Seramis bekommt man einfach die schönsten Pflanzen
Darren Aronofsky jedoch wird nicht nur für seine handwerkliche Schärfe als Visionär des (post-)modernen Kinos gefeiert, sondern auch gerne auf seinen immerzu florierenden Formalismus reduziert: Tolle Aufnahmen, doch da hinter steckt nicht der Funken mehrwertiger Substanz. Und ja, diese Vorwürfe sind bisweilen gerechtfertigt, wirkt sich sein Hang zur bleiernen Stilistik doch gerne mal äußerst nachteilig auf die eigentliche Geschichte und ihre mutmaßliche Grundierung aus. Mit „The Fountain“ ist das ein Stück weit anders, denn obwohl Aronofsky auch hier eine durch und durch einnehmende Visualität enthüllt und viel Wert in seine von Gold- und Weißtönen dominierte Bildsprache legt, steckt in „The Fountain“ doch eine Thematik, die den Zuschauer zwangsläufig zum tiefergehenden Dialog einlädt: Ist der Tod wirklich nur eine globale Krankheit, gegen die es tatsächlich ein Heilmittel geben könnte? Und wo beginnt die Unsterblichkeit? Ist sie nur ein körperliches Phänomen oder gänzlich als seelische Überwindung zu verstehen? Durch Mikroskopaufnahmen von chemischen Reaktionen jedenfalls ordnet Aronofsky diesen Fragen adäquat-markante Illustrationen zu.


Tommy am Ziel, oder doch nur wieder am Anfang?
Die Vergleiche mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ erschließen sich gleichwohl nicht im Ansatz. Hat Stanley Kubrick in seinem epochalen Meisterwerk nämlich dem Zuschauer noch freie Hand gelassen in der Dechiffrierung seiner Themenspektren um Leben, Tod und das Menschsein, so stellt auch Darren Aronofsky philosophische Hypothesen auf, gibt sich aber alle Mühe, diese auch durchweg mit Antworten zu bestücken. Nach der Sichtung von „The Fountain“ bleiben keine offenen Fragen dahingehend, WAS Darren Aronofsky uns hier gezeigt hat, das ist nämlich eindeutig, selbst wenn er seine Handlung auf drei Zeitebenen verteilen muss. Es besteht nur die Frage, ob wir uns mit seinen Lösungsvorschlägen arrangieren können – Was ja auch schon nicht ganz bedeutungslos ist. Ob im Jahre 1535, in dem ein spanischer Conquistador (Hugh Jackman, „Prisoners“) den Baum des Lebens im mesoamerikanischen Dschungel sucht, im Jahre 2035, in dem ein Wissenschaftler mit Hilfe von Pflanzenextrakten den Gehirntumor seiner Frau besiegen möchte oder im Jahre 2050, in dem der gleiche Mann in seiner Blase durch das Raum-Zeit-Kontinuum reist und des Rätsels Lösung in der Transzendenz entdeckt.


Darren Aronofsky erklärt dem Zuschauer, dass Leben und Tod in einem zirkulären Verhältnis zueinander bestehen und der Mensch seine Unsterblichkeit nicht aus der Wissenschaft oder technologischen Fortschritten ziehen kann, sondern den Gesetzmäßigkeiten der Natur unterlegen ist. Und das hat er zu akzeptieren. In mythisch-religiöser Symbolik respektive Motivik verzahnt, schrammt Aronofsky nicht nur einmal an deftigem Ethno-Kitsch entlang, wenn er das Greifbare ins Ungreifbare und das Materielle ins Spirituelle transferiert. Doch „The Fountain“ hat seine Reize, er weiß, wie er den Zuschauer anpacken kann, wie er ihn in das Geschehen einbindet und seine individuelle Philosophie (leicht) hinterfragt. So tiefsinnig, wie manche (wahrscheinlich auch Aronofsky) es gerne hätte, ist „The Fountain“ nicht, dafür ist er zu eindeutig gestrickt. Zu berühren weiß er allerdings und visuell ist dieser Film ein Gemälde.


6 von 10 eintätowierten Eheringen


von souli

Review: 360 - Die Pfade des Lebens sind unberechenbar

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Fakten:
360
GB, AT, BR, F, 2011. Regie: Fernando Meirelles. Buch: Peter Morgan. Mit: Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law, Ben Foster, Lucia Siposová, Gabriela Marcinkova, Danina Jurcová, Johannes Krisch, Dinara Drukarova, Vladimir Vdovichenkov, Djemel Barek, Moritz Bleibtreu, Peter Morgan u.a. Länge 106 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Unterschiedliche Länder, unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Geschichte...und doch hängt beeinflusst das Handeln des Einzelnen die Geschehnisse der Anderen, das berühmte Schmetterlings-Effekt. Es beginnt mit einem britischen Geschäftsmann, der in Wien eigentlich eine Prostituierte gebucht hat, sie aber im letzten Momente versetzt. Das startet mehr oder weniger eine Ereignungskette. Zwar ist nicht alles direkt darauf zurück zuführen, doch beeinflusst diese kleine Abweichung den Verlauf der Geschichten mehrere Menschen rund um den Globus. Von Wien bis London, von Paris bis Phoenix. Für manche ist es nur ein kleiner, für einige ein bedeutender Einschnitt...


 

Meinung:
Ambitioniert ist der Film von Fernando Meirelles auf alle Fälle. Neu ist das Prinzip um kleine Abzweigungen im Leben, die indirekt eine Ereignungskette auslösen und somit vollkommen fremde, rund um den Erdball verstreute Menschen beeinflussen zwar nicht, aber das macht ja auch nichts. Eine Herausforderung stellt dieses Vorhaben an jeden Drehbuchautor, in diesem Fall Peter Morgan. Der versteht sein Handwerk ( u.a. "Der letzte König von Schottland", "Frost/Nixon") und zunächst sieht auch hier alles nach Erfolg aus.


Wie die einzelnen, kleinen Geschichten miteinander verwoben sind, ist absolut schlüssig. So lapidare Dinge wie eine Nachricht auf der Mailbox, eine wohlwollende Bewertung auf einer Internetseite oder eine zufällige Bekanntheit im Flugzeug, das alles schuppst das Leben daran eigentlich nicht beteiligter Menschen in eine andere Richtung. Das so zu erdenken und niederzuschreiben ist nicht einfach, allein auf seine Zusammenhänge beschränkt funktioniert Morgans Buch bestens. Problematisch wird es dann, die Geschichten und Personen drumherum sinnvoll unter einen Hut zu bekommen. 


John will seine Tochter nicht sterben lassen.
Es werden viele Charaktere, Schauplätze und Szenarien angerissen, doch einige werden total vernachlässigt. Da verläuft mehr als nur eine Storyline ins Nichts, beim Abspann stellt sich eine gewisse Verwunderung ein, scheint doch vieles nicht fertig erzählt. Andere sind zwar geschlossen, wirken insgesamt aber eher überflüssig. Wie Füllmaterial, um den dezenten roten Faden nicht abreißen zu lassen. Bedauerlich, denn interessant erscheint zunächst jede der Figuren und der Blick auf ihre persönlichen Geschichten. Gerade bei dem von Ben Foster gespielten Sexualstraftäter, der aus der Haft entlassen verzweifelt gegen seine Triebe ankämpft, fällt dies besonders ins Gewicht. Seine Figur und Geschichte hätte eine ganzen Film allein tragen können, stattdessen verschwinden er und seine Story irgendwann sang- und klanglos. Konsequent bis zum Schluss erzählt wirkt hier wenig, allein die Geschichte um die Prostituierte wirkt komplett. Sicherlich kann so ein Film nur kurze Zeitfenster öffnen, nur bei manchen stellt sich die Frage, warum sie dann erst geöffnet wurden. Vielleicht, oder sehr wahrscheinlich, wäre eine Begrenzung auf weniger Figuren und Storys sinnvoll gewesen, oder die Laufzeit deutlich zu erhöhen. Das hätte kaum gestört, denn Potenzial ist reichlich vorhanden. 


Denn "360" ist an und für sich sauber gemacht. Fernando Meirelles überzeugt abermals als fingerfertiger Regisseur, der sich auf die Inszenierung versteht. Der Cast ist hervorragend gewählt. Neben A-Prominenz wie Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law und Ben Foster greift Meirelles auf viele internationale Gesichter zurück, anstelle jede Rolle mit bekannten Zugpferden zu besetzen. Das erweißt sich als geglückt. Einige Gesichter dürften dem Publikum unbekannt sein (wie wohl den Ausländern Moritz Bleibtreu, der sich mit so kleinen Rollen schon in einige globale Produktionen "geschummelt" hat, was nicht despektierlich gemeint ist), was sich gleichzeitig so unverbraucht und authentisch macht. Was Stil, Idee und Inszenierung angeht, lässt sich "360" rein gar nichts vorwerfen. Gerade deshalb macht sich zum Schluss Ernüchterung breit, dass aus diesen ganzen guten Aspekten kein vollkommen zufriedenstellender Film entsteht. Eine Chance hat "360" verdient, hier wird einfach so viel gut und richtig gemacht. Nur am entscheidensten Punkt leider nicht und das ist bei so einem Film nun mal das Drehbuch.

6 von 10 globalen Schmetterlingsflügelschlägen

 

Review: IN MEINEM HIMMEL - Berührende Geschichte, platte Phantasie

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Fakten:

In meinem Himmel (The lovely Bones)
Neuseeland, USA. 2009. Regie: Peter Jackson. Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Alice Sebold (Vorlage). Mit: Saoirse Ronan, Mark Wahlberg, Rachel Weisz, Stanley Tucci, Susan Sarandon, Michael Imperioli, Rose McIver, Reece Ritchie, Christian Thomas Ashdale, Nicky Soo Hoo, Carolyn Dando, Jake Abel, Amanda Michalka, Andrew James Allen, Charlie Saxton, Tom McCarthy u.a. Länge: 135 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben.



Story:

Die 14-jährige Susie wird von ihrem unscheinbaren Nachbarn ermordet. In einer magischen Zwischenwelt beobachtet Susie nun wie ihre Familie mit dem Verlust umgeht und versucht Kontakt mit ihnen aufzunehmen, um ihren Mörder zu fassen.




Meinung:
Der Name Peter Jackson ist unwiderlegbar mit der grandiosen Verfilmung von J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“-Trilogie verbunden. Seitdem immens Erfolg sowie dem Remake des Filmklassikers „King Kong“ gilt Jackson als Großmeister des Blockbusterkinos. Dabei wissen viele nicht, dass Jackson früher ganz andere Filme drehte. Seine überdrehte Horrorkomödie „Braindead“ gilt bis heute als blutigster Film aller Zeiten und ist in ihrer ungekürzten Form in Deutschland verboten. Aber es gibt noch einen Peter Jackson zwischen dem, der seinen Helden mit einem Rasenmäher gegen wild gewordene Zombies lospreschen lässt und dem Jackson der monumentalen Kinos für die Masse filmt. Gemeint ist der Peter Jackson, der 1994 mit „Heavenly Creatures“ ein zärtliches und dennoch berauschendes Drama präsentierte, dass nicht nur Hauptdarstellerin Kate Winslet bekannt machte und sie für die Rolle der Rose in James Camerons Megahit „Titanic“ empfahl, sondern auch Jacksons Qualitäten als ernsthafter Filmemacher unter Beweis stellte. „Heavenly Creature“ ist noch heute in cineastische Perle die deutlich macht dass Jackson nicht nur im audiovisuellen markante Eckpfeiler setzen kann. „In meinem Himmel“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Alice Sebold, schlägt stilistisch in die Kerbe von „Heavenly Creatures“, auch wenn bei „The lovely Bones“ (so der Originaltitel) die phantasievollen Bilder weit aus üppiger und gigantischer ausgefallen sind.


Nach ihrem Tod steckt Susie in einer magischen Welt fest
Obwohl Jacksons letzte Erfolge vor allem durch ihre Größe zum Erlebnis wurden, so ist es die Größe, die „In meinem Himmel“ zu oft einfach platt walzt. So schön, phantasievoll und farbenfroh die Zwischenwelt auch sein mag, in der sich die ermordete Susie aufhält, einige Szenen wirken befremdlich, in der Hinsicht, dass sie sich einfach nicht stilistisch einpassen wollen. So wirkt diese Zauberwelt über weite Strecken viel zu klobig und verkommt nach und nach von einer magischen Traumwelt zu einer Tollwiese für die Effektemacher, die sich ungehemmt austoben durften. Dazu geht die Verfilmung mit dem verschiedensten Emotionen nicht sonderlich subtil um. Während Szenen der Trauer davon profitieren, verkommen andere wiederum zum wahren Kitschfest. Gerade in der Zwischenwelt beweist Jackson keinen besonders glücklichen Finger was Gefühle angeht. War die magische Welt in der sich Susie nach dem Tod aufhält das Highlight im Roman, so ist es bei der Verfilmung eher ein oft hübsches aber leider auch oft verzichtbares Beiwerk.


George Harvey: freundlicher Nachbar und Mörder
„In meinem Himmel“ versteht es dafür in anderen Bereichen zu punkten. Die Ausstattung ist sehr gelungen, der Soundtrack von Brian Eno passt hervorragend und Peter Jackson Fans können sich außerdem noch über einen netten Cameo des Meisters sowie auf eine nette „Herr der Ringe“ Anspielung freuen. Das wahre Glanzstück des Films ist aber Stanley Tucci. Tucci, einer der wohl bekanntesten Nebendarsteller von Hollywood, der u.a. Meryl Streeps Ehemann in „Julie & Julia“ darstellte. Er spielt Susies Mörder, den unauffälligen George Harvey, so grandios, dass jede Szene mit ihm unter die Haut geht. Mit einfachen aber effektiven mimischen Nuancen erhält der Zuschauer einen Einblick in die Welt des Mörders. Hier beweist Peter Jackson dass er auch ohne Effekthascherei tolle, filmische Erlebnisse abliefern kann und es sogar versteht mit Suspense umzugehen. An einen Alfred Hitchcock kommt er wohl nicht heran, aber diese Szenen, die im krassen Gegensatz zur bunten und hellen Zwischenwelt stehen, fügen dem Filme die subtile und suggestive Ebene ein, die ihm woanders leider fast schon sträflich fehlt.


Die Verfilmung des erfolgreichen Roman, der durchaus härter und düsterer ist als der Film, ist als Gesamtwerk betrachtet gewiss eine kleine Enttäuschung. Gerade im Umgang mit der Zauberwelt, durch die Susie nach ihrem Tod streift, und den emotionalen Aussetzern gelingt es dem Film nicht vollends zu überzeugen. Dennoch ist „In meinem Himmel“ ein inniger Film. Das Herz berührt er durchaus und zum Staunen lädt er auch mehr als einmal ein, es ist nur meistens immer sehr ersichtbar, dass in der Vorlage wesentlich mehr dringesteckt hätte.

6 von 10


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