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Review: SWISS ARMY MAN – Eine furzende, sprechende Leiche als Allzweckwaffe

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Fakten:
Swiss Army Man
US, 2016. Regie & Buch: Dan Kwan, Daniel Scheinert. Mit: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead, Antonia Ribero, Timothy Eulich, Richard Gross, Marika Casteel u.a. Länge: ca. 97 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 13. Oktober 2016 im Kino.


Story:
Hank ist auf einer kleinen Insel irgendwo im Meer gestrandet und will seinem Leben ein Ende setzen. Als er sich mit einem selbstgebastelten Strick erhängen will, wird plötzlich eine Leiche am Strand angespült. Hank erkennt in dem Toten einen Wegbegleiter, dem er Geschichten erzählt oder Lieder vorsingt. Auf einmal beginnt der Tote mit ihm zu sprechen und entpuppt sich zudem noch als vielseitig einsetzbares Werkzeug. Gemeinsam versuchen Hank und Manny einen Weg von der Insel zu finden.






Meinung:
Einen Film wie "Swiss Army Man" hat es noch nie gegeben. Ein Prädikat, auf das Dan Kwan und Daniel Scheinert, die unter dem gemeinsamen Regie-Namen "DANIELS" zuvor Kurzfilme und Musikvideos drehten, mächtig stolz sein dürfen. Im Jahr 2016, wo selbst zwischen seelenlosen Hochglanz-Blockbustern, Comicverfilmungen, Sequels, Prequels oder Remakes immer wieder gerne der Satz geäußert wird, dass jede Geschichte auf irgendeine Weise schon mal dagewesen ist, wartet das Langfilmdebüt des Duos mit einer derart schrägen Prämisse auf, dass es schwierig wird, inhaltliche Parallelen zu ähnlichen Werken ziehen zu können.


Ein ganz besonderes Duo
Eröffnet wird der Film von einem beinahe tragischen Ereignis, bei dem sich Hauptfigur Hank erhängen will. Der junge Mann ist auf einer Insel mitten im Meer gestrandet und hat jegliche Hoffnung auf Rettung offenbar längst aufgegeben. Just in dem Moment, in dem er seinem Leben ein Ende setzen will, wird eine Leiche am Meeresufer angespült, die sofort Hanks Aufmerksamkeit weckt und ihn von seinem Vorhaben abbringt. Der vorerst leblose Körper dient dem verzweifelten Mann zunächst als stiller Begleiter, in dem Hank einen Partner findet, mit dem er über seine Gefühle und Sorgen reden kann. Schon nach kurzer Zeit kehrt allerdings plötzlich etwas Leben in den Leichnam zurück, welcher auf einmal zu sprechen beginnt und sich als Manny ausgibt. Manny hat sein gesamtes vorheriges Leben vergessen und weiß grundsätzlich nicht mehr, was das Leben an sich überhaupt ausmacht. Das Verhältnis zwischen beiden Figuren inszenieren Kwan und Scheinert von nun an als skurrile Tragikomödie, in der Hank Manny nicht nur in Grundlagen des Lebens schult, sondern auch einen äußerst wandelbaren Partner findet.


Eine der wenigen Fertigkeiten des Toten
Immer nah an der Grenze zur Gross-Out-Comedy loten die beiden Regisseure Mannys besondere Fertigkeiten in grotesk-schwarzhumorigen Szenen aus, in denen der erregte Penis des Toten beispielsweise als Kompass dient oder ständig ausgestoßene Flatulenzen als wundersamer Antrieb dienen, wenn Hank seinen verfaulenden Kumpel zum Motorboot zweckentfremdet und übers Meer braust. "Swiss Army Man" ist gespickt mit sonderbaren Einfällen dieser Art, bei denen sich Manny ganz gemäß dem Titel des Films als menschliches Schweizer Taschenmesser entpuppt. Daneben ist der Streifen aber auch mit ruhigeren, nachdenklichen Untertönen versehen, mit denen die Regisseure Hanks Innenleben ergründen. Hierdurch ergibt sich gleichzeitig das große Problem des Films, denn Kwan und Scheinert scheinen nie zu wissen, welchen Tonfall ihr Werk einschlagen soll und versuchen sich daher gleich an einer Handvoll atmosphärischer Stilrichtungen. So passiert es öfters, dass "Swiss Army Man" nach einem zuerst vulgär erscheinenden Dialog über Masturbation in tiefgründige Diskurse abdriftet, bei denen es darum geht, dass Hank in der größten Einsamkeit Trost findet, sein eigenes Selbst entdeckt und vor allem lernt, sich selbst so zu akzeptieren wie er ist und nicht von allgemeinen Normen verbiegen und unterdrücken lässt.


Durch dieses ständige Wechseln zwischen absurden Momenten und reifen Überlegungen sowie Erkenntnissen wirkt der Film oftmals sehr holprig, so als habe man einen unglaublich kreativen Ansatz, der leicht für einen besonderen Kurzfilm ausgereicht hätte, mit zu vielen Drehbuchänderungen in ein unpassendes Korsett gezwungen. Irritierend ist außerdem die Ästhetik, bei der die Regisseure aufgrund der fröhlichen, farbenfrohen Einstellungen und der völlig unpassenden Musikuntermalung vermutlich eine Parodie typischer Independent-Wohlfühlfilme im Sinn hatten. Ein subversiver Akt gegen diese Sorte von Filmen ist ihnen aber nicht geglückt, denn paradoxerweise suhlen sich die gefühlvollsten, extrovertiertesten Szenen des Films in genau dieser Ästhetik und Mentalität der Streifen, die eigentlich vorgeführt werden sollen. Paul Dano und Daniel Radcliffe verkörpern ihre herausfordernden Rollen überzeugend, doch neben dem exzellent gelungenen Finale, das einen vermutlich noch lange verfolgen wird und grübeln lässt, sind es eher hervorstechende Einzelmomente, die anstelle des durchwachsenen Gesamtwerks in Erinnerung bleiben werden.


6,5 von 10 nützliche Fürze



von Pat

Review: EWIGE JUGEND – Vom Schwelgen in Erinnerungen und der Vergänglichkeit des Lebens

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Fakten:
Ewige Jugend (La Giovinezza)
CH/FR/GB/IT, 2015. Regie & Buch: Paolo Sorrentino. Mit: Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda, Paloma Faith, Ashley Bryant, Alex MacQueen, Ed Stoppard, Robert Seethaler, Tom Lipinski, Alex Beckett u.a. Länge: 123 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Ab 1. April 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Fred Ballinger und Mick Boyle sind seit Jahrzehnten befreundet und verbringen einmal im Jahr einen gemeinsamen Urlaub in einem Schweizer Edelhotel. Ballinger, früher Komponist, will seinen Beruf im hohen Alter hinter sich lassen. Boyle, ein Regisseur, will nochmal ein großes Alterswerk als eine Art Testament drehen. Beide hadern mit ihren Leben, in denen sie immer wieder in der Vergangenheit schwelgen.




Meinung:
Welch Ironie, wenn mitten im Film und beim Einsetzen des Abspanns "Just (After Song of Songs)" von David Lang erklingt. Selbigen Song verwendete Paolo Sorrentino bereits 2013 in seinem einzigartigen Meisterwerk "La Grande Bellezza". "La Giovinezza" enthält nicht nur auf diese Weise eine Parallele zum vorigen Werk, sondern auch hinsichtlich der beiden Hauptfiguren, die dem charismatischen Zyniker Jep Gambardella aus "La Grande Bellezza" immer wieder sehr ähnlich sind. Fred Ballinger und Mick Boyle, beide absolut herausragend gespielt von Michael Caine und Harvey Keitel, sind alt gewordene Künstler. Der eine ein Dirigent, der andere Regisseur und beide mehr oder weniger im Ruhestand. In einem luxuriösen Wellness-Hotel in den Schweizer Alpen, in dem sie gemeinsam seit Jahrzehnten jährlich residieren, resümieren sie über vergangene Zeiten und über den Stellenwert ihres aktuellen Lebens im hohen Alter.


Es gibt Dinge, die ändern sich selbst im Alter nicht
Sorrentino formt aus dieser Handlung einen beinahe episodenhaft wirkenden Film, der tonal ständig zwischen wehmütiger Melancholie, zynischem Witz und sehr skurrilen Nebenfiguren und Situationen wechselt. Ganz gemäß dem höheren Alter seiner beiden Hauptfiguren verschrieben ist auch "La Giovinezza" immer wieder von einer gewissen Lethargie durchzogen, in der der Regisseur dazu einlädt, in den wieder einmal meisterhaft inszenierten Szenen viele kleine Momente zu entdecken, die entweder zum Nachdenken anregen, berühren oder äußerst witzig ausgefallen sind. Das ein oder andere Mal suhlt sich der Film dabei etwas zu arg in seiner eigenen Kunstfertigkeit und neigt zu prätentiösem Style-over-Substance. Auch die hohe Emotionalität und die extrem tiefgründigen Untertöne, für die Sorrentino sich sonst rühmen konnte, fallen etwas geringer aus. Nichtsdestotrotz sind sie auch hier vorzufinden, die typisch magischen Momente, für die man diesen Regisseur lieben darf.


Wenn Michael Caine´s Figur beispielsweise resigniert auf einem Baumstumpf sitzt und mitten in der malerischen Alpen-Landschaft eine Kuh-Herde zu imaginären Klängen und Geräuschen dirigiert, ist das ebenso albern wie berührend und nur einer von vielen Momenten, in denen eigentlich gegensätzliche Stimmungen harmonisch zueinander finden. Auch bei den Nebencharakteren gibt es einiges zu erleben. Rachel Weisz glänzt mit einer herzzerreißenden Performance, während Paul Danos Figur des meist auf eine Rolle reduzierten Schauspielers einen äußerst makabren Höhepunkt spendiert bekommt. "La Giovinezza" ist als Gesamtwerk wie von Paolo Sorrentino nicht anders gewohnt erneut brillant in Szene gesetzt. Jede Einstellung sitzt perfekt und der musikalisch vielfältige Soundtrack passt zu jeder Szene. Die Geschichte wartet mit einigen Facetten zu Themen wie Alterswehmut, Liebe und Kunst an sich auf und hat viel skurrilen Witz sowie berührende Pointen zu bieten. Lediglich ein Überhang zu kunstvoll ausgestellter Stagnation und nicht immer emotional gänzlich mitreißenden Momenten trennen den großartigen Film von einem Meisterwerk.


8 von 10 fette Maradona-Doubles


von Pat

Review: 12 YEARS A SLAVE – Freiheit ist das Einzige, was zählt

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Fakten:
12 Years a Slave
USA. 2013.
Regie: Steve McQueen. Buch: John Ridley, Solomon Northup (Vorlage). Mit: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Paul Dano, Benedict Cumberbatch, Brad Pitt, Paul Giamatti, Lupita Nyong’o, Sarah Paulson, Scoot McNairy, Kelsey Scótt, Alfre Woodward, Michael K. Williams, Quvenzhané Wallis, Bryan Bratt u.a. Länge: 134 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 16. März 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story;
1841. Der afroamerikanische Geigenspieler Solomon ist ein freier Mann aus New York, der eine Frau und zwei Kinder hat. Von zwei Männer erhält er das Angebot für einen Auftritt in Washington. Dies erweist sich als eine perfide Falle. Die Männer nehmen Solomon gefangen, verschleppe ihn nach New Orleans und verkaufen ihn als Sklave an einen Plantagenbesitzer.





Meinung:
Steve McQueen hat den Status eines Rohdiamanten in seinem Fach, den es nach und nach zu schleifen gilt, leichtfüßig übersprungen und mit seinem schonungslosen Meisterwerk „Shame“ bewiesen, dass sein erster Spielfilm „Hunger“ keinesfalls nur durch bloßes Glück in der Umsetzung derartig gelingen konnte. Das Kino des Briten zeichnet sich in seinen stärksten Phasen durch die konzentrierte Stille aus, die ihre Charaktere vollständig aufsaugt und ihr glühendes Innenleben ohne jede Verfälschung an die Oberfläche kehrt. Es sind intensive Momente, feine Anekdoten, die in ihrer kompromisslosen Dynamik gänzlich ohne Worte verharren und allein durch die furiose Ausstrahlung der zentrierten Augen funktionieren. Kaum jemand von der neuen, hoffnungsvollen Garde, zu der sich gewiss auch Nicolas Winding Refn, Xavier Dolan und Tomas Alfredson zählen dürfen, kommt dem altbackenen Sprichwort „Augen sind der Spiegel zur Seele“ in seiner metaphorischen, künstlerischen Präzision näher, als McQueen es in seiner ganz persönlichen Grafik tut.



Mit „12 Years a Slave“ entzieht sich Steve McQueen nun jener dechiffrierenden Subtilität, die sowohl „Hunger“ als auch „Shame“ so unglaublich nachhaltig wirkend ließen und eignet sich dabei eine durchaus massenkompatible Gangart an, die sich nicht mehr nur in elitären Arthouse-Gefilden erkenntlich zeigt, sondern die großen Bühnen dieser Welt aufsucht und gewiss finden wird. Nicht umsonst wird „12 Years a Slave“ als heißester Kandidat im kommenden Oscar-Renner gehandelt, was nun ja bekanntlich nicht unbedingt für die Qualität eines Filmes sprechen muss. Erinnern wir uns nur an das horrende letzte Jahr, in dem Ben Affleck den Award für „Argo“ entgegennehmen durfte, Paul Thomas Andersons „The Master“ hingegen in der Kategorie ‚Bester Film‘ aber bezeichnenderweise nicht einmal nominiert wurde. Aber zum Glück ist Steve McQueen kein Ben Affleck und „12 Years a Slave“ ganz im Gegensatz zu „Argo“ – auch wenn der direkte Vergleich gar abwegig scheint – ein ohne Frage guter Film geworden, obwohl die ebenso zweifelsohne entfachte Enttäuschung über Steve McQueens neues Werk nicht wegzureden ist.



Es ist ungemein erfreulich, dass sich Steve McQueen auch mit „12 Years a Slave“ – und dieser Film schreit ja geradezu nach der Liebe der Allgemeinheit – nicht durch den Fleischwolf der Traumfabrik hat drehen lassen und sich charakteristischen Direktiven nicht zu Gunsten des Publikums entzieht oder auch entziehen lässt. „12 Years a Slave“ besitzt in seiner unbeschönigten Darstellung der damaligen Verhältnisse auf den Plantagen eine Härte, vor der andere Projekte dieser Größenanordnung sicherlich zurückgeschreckt wären und so nur die halbe Wahrheit offenbart hätten. McQueens innig geliebte Plansequenzen kommen abermals zum Einsatz und fristen keineswegs ein tumbes Dasein als sadistischer Voyeurismus, sondern dokumentieren emphatisch und lassen den Zuschauer so erfahren was es heißt, in eine Welt gezogen zu werden, die sich jeder Menschenwürde von Grund auf entledigt hat. McQueen und sein Autor John Ridley aber wissen, dass es allein nicht reichen kann, stupide Machtverhältnisse zu ästhetisieren, wie es Quentin Tarantino in seinem thematisch unreflektierten „Django Unchained“ noch getan hat, „12 Years a Slave“ hingegen nimmt seine Vorlage ernst und bohrt tiefer.

 
Unvergesslich scheinen da nämlich nicht nur die qualvollen Augenblicke, in denen Solomon (Chiwetel Ejiofor) seine eigene Identität als freier Mann verleugnen soll und bei renitenten Widerworten so lange auf seinen Rücken eingeschlagen wird, bis er endlich gehorcht. Sondern die Szene, in der Solomon von dem gedemütigten Vorarbeiter Tibeats (Paul Dano) mit Hilfe von zwei weiteren Handlangern aufgeknüpft wird und schließlich mit den Zehenspitzen den rettenden Kontakt zum Boden sucht. Die Kamera hält dabei nicht nur den um sein Leben kämpfenden Solomon statisch fest, sie rückt ebenso die weiteren Sklaven im Hintergrund in den Fokus, die gar phlegmatisch ihrer Arbeit nachgehen, bis sich eine der Sklavinnen schließlich doch dazu erbarmen kann, Solomon ein Glas Wasser in den Mund zu kippen. Diese Minuten stehen sinnbildlich für die Mechanismen und Konditionen in diesem schwarzen Kapitel Amerikas und verknüpfen – wie auch im Rest der Laufzeit – Todesängste, Lethargie und existentiellen Opportunismus. Solomon nämlich weiß wie es ist, ein Leben in gutsituierter Freiheit zu führen, während den meisten anderen Sklaven ein solches Glück nie vergönnt war.



Dass es in dieser Zeit und den jeweiligen Plantagen nicht nur Bestien unter den Mastern gab, wird ebenso gezeigt, wie die gewalttätige Willkür anderer Sklavenhalter, genau wie „12 Years a Slave“ verdeutlicht, dass die Sklaven untereinander nicht immer füreinander eingestanden haben, sondern vorerst ihre eigene Haut retten möchten, ob nun mit den Vorzügen des eigenen Körpers oder der zwanghaften Teilnahmslosigkeit. Solomon kann und will dieses geknechtete Dasein nicht als seine neue Wirklichkeit akzeptieren, er will nicht nur einfach überleben, sondern sein altes Leben im Schoß der Familie zurück. Was ihm bleibt ist eben jener unauffällige Opportunismus; das Beipflichten und Raushalten, das Gehorchen und Schweigen. Nur gegen ein tyrannisches Monstrum wie Edwin Epps (Michael Fassbender) hilft der Rückzug, wie noch beim sich selbst belügend Möchtegern-Humanisten William Ford (Benedict Cumberbatch) rein gar nichts. Wenn sich dann die Schlüsselfigur Brass (Brad Pitt) bemerkbar macht, ist für Solomon wieder ein Licht am Ende der Dunkelheit erkennbar, Brass‘ Stilisierung zum heilbringenden Samariter darf aber belächelt werden und raubt dann doch ein stückweit die erpichte Authentizität.


Problematisch wird es, wenn sich Steve McQueens Ägide mit weiteren formalen Faktoren verheddert. Damit ist vor allem Hans Zimmers übertrieben dramatischer und gerne auch mechanisch hämmernder Soundtrack gemeint, der sich immer in einem pejorativen Konflikt mit McQueens Auffassung einen Film zu erzählen befindet. Weiß der versierte Regisseur nämlich, dass er seinem  Publikum mit dem Einzelschicksal des Solomon nicht zu nah an sich zerren darf und bewahrt eine nüchterne Distanz zum Geschehen, suggeriert Zimmers Score einen vollkommen konträren Eindruck dessen. Als wäre McQueen nicht in der Lage, durch seine inszenatorische Kompetenz Emotionen zu schüren, setzt die Musik auf duselige Manipulation, um auch dem Zuschauer in der hintersten Reihe darzulegen, dass es gerade doch um Gefühle, welcher Art auch immer, auf der Leinwand geht. „12 Years a Slave“ hätte es besser getan, auf eine musikalische Untermalung gänzlich zu verzichten, weil sie von vornherein nicht die audiovisuelle Symbiose bezwecken und der Narration förderlich zutragen kann, wie McQueen es in „Shame“ noch tat. Lob hat „12 Years a Slave“ für seine realistische Ambiguität allemal verdient, die generellen Jubelchöre aber sind doch zu viel des Guten.


6 von 10 Peitschenhieben


von souli

Review: PRISONERS - Der Zuschauer wird selbst zum Gefangenen

2 Kommentare:


Fakten:
Prisoners
USA. 2013. Regie: Denis Villeneuve. Buch: Aaron Guzikowski. Mit: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Terrence Howard, Viola Davis, Maria Bello, Melissa Leo, Paul Dano, Dylan Minnette u.a. Länge: 153 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Ab 13. Februar 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In einer Kleinstadt werden die Tochter des Schreiners Keller Dover und deren beste Freundin entführt. Detective Loki soll die beiden Kinder wiederfinden. Doch Dover und Loki geraten schon bald aneinander, denn dem Familienvater gehen die Ermittlungen des jungen Polizisten nicht schnell genug geht. Als der Hauptverdächtige, der geistig zurückgebliebene Alex Jones, von der Polizei wieder freigelassen wird, nimmt Dover das Gesetz in die eigene Hand. Weiterhin überzeugt von der Schuld des jungen Mannes entführt er Alex und will das Versteck der Kinder aus ihm herausfoltern.




Meinung:
Besonders groß ist der Frankokanadier Denis Villeneuve noch nicht in Erscheinung getreten. Zwar hat er mit „Die Frau die singt – Incendies“, der für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, bereits auf sich aufmerksam gemacht, doch darüber hinaus dürfte er nur echten Filmexperten ein Begriff gewesen sein. Dies dürfte sich in Zukunft ändern, denn mit seinem US-Debüt „Prisoners“ ist dem Regisseur ein echter Lichtblick im Thrillergenre gelungen. Bei einem Budget von 46 Millionen Dollar hat er einen düsteren, extrem spannenden Film geschaffen, der mit Starbesetzung und angespannter Atmosphäre gleichermaßen punkten kann.


Keller Dover glaubt nicht, dass Alex unschuldig ist.
Der Titel des Films spricht für sich, denn eigentlich alle Figuren sind in irgendeiner Form gefangen. Manche ganz wörtlich, wie die beiden entführten Kinder oder Alex, der von Keller ebenfalls eingesperrt und brutal gefoltert wird. Aber auch Keller selbst ist gefangen in seinen Vorstellungen, dass er Recht hat und das Richtige tut. Seine Ehefrau ist in der Hand von Tabletten, die Eltern des anderen Kindes in der Frage zwischen Richtig und Falsch. Ja, selbst Detective Loki ist durch die Vorschriften und die Bürokratie zumindest eingeengt und kann dadurch seinem Job nicht so nachgehen, wie er es vielleicht gerne möchte. Und sie alle sind gefangen darin, dass sie zu keinem Zeitpunkt aufgeben wollen, die beiden Mädchen wieder zu finden. Vielleicht, und das ist der einzige kleine Schwachpunkt des Films, sind die Figuren etwas zu klischeehaft angelegt, aber fällt das kaum ins Gewicht, da der Film dies an anderer Stelle doppelt und dreifach wieder ausgleichen kann.


Gemeint ist die unheimlich packende Atmosphäre des Films. Es ist nahezu unmöglich, nicht wie gebannt im Sessel zu sitzen, um der spannenden Story zu folgen. Immer wieder kommen schockierende Momente, die einen den Atem stocken lassen, vor allem aber fiebert man mit den Protagonisten mit, ob und wenn ja wie sie die Vermissten Kinder wiederfinden werden. Und dann gibt es auch die Szenen, in denen man seine Fingernägel in die Armlehne krallen will – wenn man denn noch welche hätte, denn die dürften schon nach kurzer Zeit abgeknabbert sein. „Prisoners“ stellt abr auch die interessante Frage, wie weit man in einer solchen Situation, in der sich Keller befindet, gehen darf, um seine Kinder wieder zurück zu bekommen. Ist Selbstjustiz okay? Wenn ja, mit welchen Mitteln und mit welchen Folgen? Angenehmerweise liefert Villeneuve aber nicht auch gleich die Antworten dazu, sondern lässt den Zuschauer sich selbst ein Bild machen, selbst Stellung beziehen. Moral und Ethik gehen Hand in Hand mit faszinierend-grausamen Bildern und einer spannenden Entführungsgeschichte, die Villeneuve mit den Motiven eines Serienkillerfilms vermischt, dabei aber weniger auf die Arbeit des Verbrechers eingeht, sondern Polizei und Angehörige auf der Suche nach den Vermissten zeigt. Er gibt den Zuschauern viel Freiraum, selbst mitzurätseln und immer wieder neue Theorien aufzustellen. Dennoch dürfte die Auflösung in der Form wohl kaum zu erkennen sein und die meisten Zuschauer überraschen.



Die zwei sind sich bei der Vorgehensweise nicht einig.
Optisch erinnert der Film immer wieder an große Thriller der Vergangenheit. Vieles spielt sich in großer Dunkelheit ab, ist düster und schmutzig, wie es in David Finchers Filmen „Sieben“ oder „Zodiac“ oft der Fall ist. Aber dazu kommen auch immer wieder fast neonartige, gleißend blaue und gelbe Lichter, die dann eher an die 80er-Jahre-Optik eines Michael Manns erinnern. Eine Teilschuld am hervorragenden Aussehen des Films trägt Kameramann Roger Deakins, der besonders für seine Zusammenarbeit mit den Coen-Brüdern bekannt ist und für seine Leistung im neuesten James Bond Abenteuer „Skyfall“ bereits zum zehnten Mal für einen Oscar nominiert wurde, ihn aber noch nie gewinnen konnte. Seine Bilder fangen die rohen Augenblicke von Gewalt genauso ein wie die großen Gefühle oder die nervenzerfetzende Spannung. Manchmal sieht man dabei nur schemenhafte Figuren ohne klare Kontur, ein anderes Mal nur vereinzelte helle Flecken in sonst tiefer Schwärze.

Detective Loki bei den Eltern des verschwundenen Kindes.
Ein weiterer der vielen Höhepunkte des Films sind aber die darstellerischen Leistungen. Hugh Jackman beweist einmal mehr, dass er tatsächlich ein herausragender Schauspieler ist und stapft relativ ungestüm durch den Film. Ja, sein Gang ist fast noch beeindruckender als seine blutunterlaufenen Augen, die die Trauer, Müdigkeit, Verzweiflung und Wut stark symbolisieren. Jake Gyllenhaal, der mit vielleicht etwas merkwürdiger Frisur zu Beginn noch den Scheißegal-Cop gibt, wird im Lauf des Films immer stärker, reißt ihn mehr und mehr an sich und spielt, eigentlich kaum vorstellbar, den hervorragenden Jackman an die Wand. Es ist schwierig, aus der illustren Runde der Nebendarsteller einer Leistung besonders herauszuheben, eindrucksvoll und vor allem zur Atmosphäre des Films passend sind sie nämlich ohne Ausnahme. Denn sie alle, neben den beiden Hauptdarstellern sind dies Viola Davis, Terrence Howard, Maria Bello, Paul Dano und Melissa Leo, bekommen nämlich die Möglichkeit, ihre Stärken auszuspielen. Jeder erhält genügend Raum, um seine Rolle weiter auszuschmücken und zu beweisen, welch gute Schauspieler hier versammelt sind.


Mit „Prisoners“ ist Denis Villeneuve bei seinem US-Debüt ein unheimlich packender Thriller gelungen, der in Tradition von Finchers „Sieben“ oder auch einem Michael Mann steht. Schauspielerisch exzellent, besonders Jake Gyllenhaal als tätowierter und bis nach oben hin zugeknöpfter Cop ist hier hervorzuheben, kann der Thriller aber vor allem durch seine spannende Geschichte punkten, die den Zuschauer zu keiner Zeit zu Ruhe kommen und die 153 Minuten wie im Flug vergehen lässt. Themen wie Moral und Religion bringen immer wieder neue Aspekte hinein und machen den Film abwechslungsreich. „Prisoners“ schafft es, dem zum Großteil etwas angestaubten Thrillergenre wieder zu neuem Glanz zu verhelfen, wobei dieser Glanz erfreulicherweise düster und schmutzig ist.
„Prisoners“ macht auch die Zuschauer zu Gefangenen, denn er lässt sie zweieinhalb Stunden wie gefesselt auf die Leinwand starren und gibt ihnen keine Chance zu entkommen. Ganz klar eines der Highlights des Kinojahres 2013.


9,5 von 10 verschlossene Plastiktruhen



von Kobbi







Meinung:
"Prisoners" gilt bei vielen Leuten jetzt schon als der Film des Jahres und bezieht im Schnitt unglaublich gute Kritiken. Das der Film vom Ansatz und Vorhaben sicherlich keine Hollywood-Stangenware ist, vollste Zustimmung. Nur ob das alles so geglückt ist, nun ja, Ansichtssache. Als missglückt kann das Werk von Denis Villeneuve auch nur schwer bezeichnet werden, dafür wurde dann doch zu viel gut und auch richtig gemacht. Dieses bezieht sich in erster Linie jedoch auf rein handwerkliche Aspekte sowie das vorhandene Potenzial. Davon ist reichlich vorhanden, scheint sich zunächst zu entfalten, fällt dann leider im weiteren Verlauf in sich zusammen und lässt am Ende mit einem etwas merkwürdigen, fast schon verärgerten Empfinden zurück. Was hätte das werden können, was ist es schlussendlich? Diese Diskrepanz schlägt leicht bitter auf den Magen.



Nicht nur ein Fenster trennt Keller und Det. Loki
Schon bevor die heile Familienwelt grausam zerbricht lässt Villeneuve eher Tristes sprechen, die das drohende Unheil praktisch schon ankündigt. Obwohl zunächst ein normaler, recht unbeschwerter Vorortalltag gezeigt wird, bereiten seine leicht trostlosen, grauen Bilder den Zuschauer auf die Stimmung der folgenden 2 1/2 Stunden vor. Lange dauert der Vorlauf nicht, bald schon werden die Familien Dover und Birch in einen Alptraum gestürzt, der so tragisch und erschreckend real ist in unserer Zeit: Ihre kleinen Töchter verschwinden spurlos, ein Verbrechen wird vermutet, es gibt sogar einen Verdächtigen. Als dieser schnell gefasst wird gibt es jedoch keine Erlösung, im Gegenteil: Keine Beweise für seine Schuld, keine Hinweise auf Zustand und Verbleib der Kinder, der Justiz sind die Hände gebunden. Was nun folgt ist grausam nachvollziehbar und scheint auch zunächst Kernthema des Films zu werden. Ein machtloser Ermittler, verzweifelte Eltern und deren Streben nach der Wahrheit, Erlösung, Vergeltung. Ein Drama um Elend, Hilflosigkeit, Wut, Rache und Selbstjustiz. Menschlich, nachvollziehbar, am Ende der Moral und des sozialen Wertesystems. Wenn das jetzt alles wäre, womöglich ein sehr starker Film. Vor allem, wenn es letztendlich fokussierter, besser und tatsächlich tiefergehender fortgeführt werden würde. Denn irgendwann verlässt "Prisoners" diesen Weg. Nicht abrupt und wahrscheinlich nicht mal absichtlich. Doch es passiert, leicht schleichend, bis am Ende einige der ersten Punkte kaum noch eine größere Rolle spielen, die moralischen Fragen eine nicht vergessene, aber eher lapidare Randnotiz und der nun vorangetriebene Thriller-Plot über reichlich Klischees, fragwürdige Logik und eine überzogene Konstruktion auffällt. Da geht wahnsinnig viel verloren, was eigentlich schon gesichert schien.



Verliert Kellers Frau auch ihren Mann?
Die zunächst im Mittelpunkt stehende Frage nach "gerechtfertigter" Gewalt, dem "Wie-weit-darf-man-gehen" bzw. "Wann-werde-ich-selbst-zum-Monster", wird durchaus packend und vernichtend schonungslos dargestellt, was nicht zuletzt an den guten Darstellern liegt. Hugh Jackman agiert als von blinder Wut und verzweifelter Ratlosigkeit getriebenen Vater beeindruckend stark, selten war er besser zu sehen. Ebenso glaubwürdig und intensiv: Terrence Howard, Maria Bello und Viola Davis in den übrigen Elternrollen. An den Darstellern liegt es definitiv nicht. Das Skript entfernt sich nur bald zu sehr von diesen seelischen Abgründen, gegen Ende stehen sie eigentlich kaum noch zur Debatte. Dumm gelaufen, aber eigentlich ja halb so wild, jetzt haben wir ganz andere Probleme. Das ist jetzt etwas überspitzt, nur das hätte dem Streifen nicht passieren sollen, da er so hintenheraus nicht mehr die Wirkung erzeugt, auf die er eigentlich zusteuerte. Eine kleine Banalisierung der Ereignisse. Stattdessen entwickelt sich eine zwar halbwegs spannende Suche nach den Kids, dessen Auflösung - inklusive vollkommen unglaubwürdiger Täterentlarvung, bei der natürliche dessen übliche, selbstständige (und leicht lächerlich aufgezogene) Motiverläuterung nicht fehlen darf - eher an einen B-Film aus der Thrillerecke der Videothek erinnert. Klar, so was kann man sich dort auch gut und gerne ansehen, nur in diesem Film, mit diesem selbstauferlegten Ansprüchen, kommt das sehr merkwürdig und extrem unpassend rüber.



Insgesamt wirkt "Prisoners" dezent überfrachtet, zu viel gewollt und dafür zu schwächelnd auf den Punkt gebracht. Sieht top aus, ist hervorragend gespielt (Jake Gyllenhaal sei an der Stelle auch noch erwähnt, auch wenn er schon stärker war), ist durchaus anschaubar, nur lange nicht so gut, wie er wohl geplant und konzipiert war. Enttäuschend und trotzdem kein schlechter Film, Zeitverschwendung sieht anders aus. Der beste Film des Jahres aber sicher auch.


6 von 10 verlorenen Kindern


von JackoXL