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Review: PLEASANTVILLE – ZU SCHÖN, UM WAHR ZU SEIN – Sünde in Technicolor

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Fakten:
Pleasantville
USA. 1998. Regie und Buch: Gary Ross. Mit: Tobey Maguire, Reese Witherspoon, Joan Allen, William H. Macy,Jeff Daniels, Paul Walker, Jane Kaczmarek, Marley Shelton, J.T. Walsh, Marissa Ribisi, Don Knotts u.a Länge: 120 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Der Kampf um die Fernbedienung endet für die stets streitenden Teenager-Geschwister Dave und Jennifer nicht mit einer elterlichen Standpauke, sondern in einer anderen Welt. Plötzlich befinden sie sich nämlich in „Pleasantville“, Daves  Lieblingsserie. Für Dave ist die alte Serie in schwarzweiß aus den 1950er Jahren das reinste Paradies, doch für Jennifer gleicht es einer Spießerhölle. Zum Glück versteht sie es Farbe in diese Welt zu bringen, was jedoch auch Probleme mit sich bringt.





Meinung:
Dass das Fernsehen in Sachen Bequemlichkeit einen Vorteil gegenüber dem Kino hat, ist unwiderlegbar: Es hat schon etwas für sich, fläzt man sich nach einem langen Tag gemütlich auf die Coach, zappt durch das allabendliche Programm und lässt sich von den dortigen Ergüssen berieseln, bis die Augen immer schwerer und schwerer werden. Allerdings hat sich auch das Fernsehen über all die Jahre einem herben Wandel unterzogen und während Telenovelas, beschränkte Reality-TV-Formate und schon lange tot gesendete Sitcoms dominieren, sind die urigen 'Heile-Welt'-Serien à la „Unsere kleine Farm“ irgendwie vollständigen von der Bildfläche verschwunden und gelten gänzlich als nostalgisches Relikt einer längst vergangenen Ära. Wie wäre es wohl, gerade in Bezug auf die Gegenwart, würde man sich als im Hier und Jetzt lebender Jugendlicher in einer solchen Serie wiederfinden, in der Differenzen prinzipiell mit einem warmen Kakao aus dem Weg geräumt werden und jeder davon träumt, Feuerwehrmann oder Astronaut zu werden?


Wahre Kerle - nur echt männlich in Farbe
In „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ bewahrheitet sich dieses Hirngespinst für David (Tobey Maguire, „Liebe und andere Kleinigkeiten“) und Jennifer (Reese Witherspoon, „Mud – Kein Ausweg“), nachdem sie von einem ominösen Mechaniker eine klobige Fernbedienung in die Hand gedrückt bekommen haben, die sie geradewegs in die 1950er Jahre Lieblingssitcom „Pleasantville“ von David katapultiert. Und hier wird die heile Welt derart zelebriert, dass man schnell Gefahr laufen können, mit massivem Kariesbefall den Zahnarzt des Vertrauens aufzusuchen: Dieses fiktionale Pleasantville, das für David und Jennifer eine zweite Ebene der Realität bezogen hat, ist Zuckerguss in Reinform. Es regnet nie, es gibt keinen Geschlechtsverkehr, sondern nur Anstecknadeln, die man seiner Liebsten schenkt, die Bücher (Kunst allgemein ist schlichtweg nicht existent) sind unbeschrieben, um die Bewohnern nicht auf die Gedanken kommen zu lassen, es könnte noch eine Welt außerhalb von Pleasantville geben, die hiesige Feuerwehr hat nichts weiter zu tun, als süße Kätzchen vom Baum zu retten und Mutti macht natürlich den besten Hackbraten überhaupt.


Endlich Farbe in der tristen Welt
„Zu schön, um wahr zu sein“, wie es der deutsche Beititel passend formuliert hat. Nun sind unsere aus der Jetztzeit entzogenen, gleichwohl auch von Grund auf verschiedenen Teenies in diesem rosaroten Traum „gefangen“: Jennifer nämlich ist weitaus abenteuerlustiger veranlagt als es David ist, der seine Abende damit verbringt, Cola zu schlürfen, Chips zu mampfen und „Pleasantville“ zu konsumieren. Es ist unübersehbar, dass „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ mittels Form des Kinos den Mythos des Fernsehens reflektiert und daher als cleveres Meta-Werk das Sagenhaft, das Unglaubliche, das Sentimentale und das Verträumte zurück in die Lichtspielhäuser bringt. Jennifer, die natürlich so überhaupt nicht davon begeistert ist, in einem so arretiert-bigotten Universum ihr Dasein zu fristen, gibt diesem Mikrokosmos schlussendlich den Anstoß, um doch noch zum Makrokosmos heranzuwachsen, in dem Grenzen gesprengt und vor allem die Gedanken endlich frei rotieren dürfen: Erst ist es die Sexualität, die Jennifer einführt und die Rosen wie die Menschen zum Strahlen bringt. Wie einem in Stein gemeißelten Mantra schreit es der Film immer deutlicher heraus: Veränderungen müssen her!


Doch mit den festgefahrenen Gewohnheiten zu brechen und einer geradezu überrumpelnden Wandlung einzuwilligen, fällt vielen Menschen, selbst den fiktiven, den unwirklichen Zeitgenossen, äußerst schwer. „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ formiert sich zur synästhetischen Rassismus-Parabel, in dem die „Farbigen“, also diejenigen, die gegen die Gebote des besenreinen Pleasantville-Kosmos verstoßen haben, von den „Farblosen“ diffamiert werden: „No Colored!“, prangt es auf Verbotsschildern in der ganzen Kleinstadt. Eigentlich ist „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ angesichts seiner Intention und dem enormen Stellenwert seiner Botschaft – nämlich die Befreiung des Geists – etwas zu brav erzählt und rückt auf narrative Ebene oftmals zu nah an die sorglose Welt von Pleasantville heran, die er doch mit so viel Passion karikiert und sukzessiv aufbricht. Und doch ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ein mildes Manko, das „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ zwar zu verzeichnen hat, das ihm im Allgemeinen aber nicht sonderlich schadet. In Wahrheit ist Gary Ross ein humorvoller und in seinem Anliegen wirklich bedeutsamer Film gelungen, der nicht zuletzt durch seine prächtigen Bilder bezirzt.


6,5 von 10 in Flammen stehenden Bäumen  


von souli

Review: SPARTAN – Desillusionierung auf nationaler Ebene

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Fakten:
Spartan
USA. 2004. Regie und Buch: David Mamet. Mit: Val Kilmer, William H. Macy, Ed O’Neill, Derek Luke, Kristen Bell, Tia Texada, Geoff Pierson, Kick Gurry, Clark Gregg, Natalie Nogulich, Moshe Ivgy u.a. Länge: 106 Minuten.
FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Robert Scott, Ex-Marine Sergant, erhält den Auftrag, die verschwundene Tochter des Präsidenten, Laura, zu finden, die seit einigen Tagen als vermisst gilt. Eine heiße Spur, führt ihn zu einem Club und später zu einem Strandhaus. Dort findet er eindeutige Beweise, dass Laura vor kurzem hier war, doch dann wird das Feuer auf Scott eröffnet und er muss fliehen. Seinen Auftrag will er aber erfolgreich beenden, vor allem da er zu glauben scheint, dass er Teil einer Verschwörung geworden ist.





Meinung:
Geht es um präzise verschachtelte Dialogsequenzen, dann darf man David Mamet als einen Meister dieses Fachs bezeichnen. Als Theaterautor hat er sein rhetorisches Handwerk stetig erweitern, verfeinern und in seiner Exaktheit explizieren können, gerade auch seine Vorliebe für  Kadenzen, bis auch die Filmwelt auf den in Chicago geborenen Künstler aufmerksam wurde. Dass der moderne Film Noir „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ durch eine ganz bestimmte Szene auf dem Küchen zwischen Jack Nicholson und Jessica Lange in die Filmgeschichte einging, war nicht David Mamet zu verdanken, er aber war für die überzeugende Adaption des zugrundeliegenden Romans von James M. Cain verantwortlich – Und hatte damit auch für die Kinematographie an Wert gewonnen. Perfektioniert hat er sein Können (im Filmwesen, versteht sich) dann im Jahre 1992, wo er mit „Glengarry Glen Ross“ sein eigenes Bühnenstück auf die Leinwände projizierte und mit Dialogen schillerte, die es wirklich würdig waren, Mimen wie Jack Lemmon, Al Pacino und Kevin Spacey in den Mund gelegt zu werden.


Entspannung in der freien Natur mit einem guten Buch
Ob David Mamet aber auch den Regiestuhl ebenso gute Arbeit abliefern kann, wie er es als Autor zu genüge getan hat, lässt sich so nicht bestätigen. Ohne Frage: David Mamet ist sicher kein schlechter Filmemacher und sowohl seine Satire „State and Main“, als auch der mit Gene Hackman, Danny DeVito und Sam Rockwell interessant besetzte Thriller „Heist – Der letzte Coup“ wurde überwiegend positiv aufgenommen. Große Probleme in Sachen Inszenierung werden erst im politisch-motivierten Thriller „Spartan“ von 2004 deutlich. Vorrangig aber gibt es auf dem Cover von „Spartan“ astreinen Etikettenschwindel zu bestaunen: Wir sehen Val Kilmer in ikonischer Pose, die Sonnenbrille sitzt im Gesicht wie geklebt, die schwarze Lederjacke ein unverzichtbares Kleidungsstück, während er ganz lässig gegen seine Schulter eine dicke Wumme lehnt. Eine solche Illustration suggeriert ein handfestes Action-Vehikel, welches sich ganz in den Dienst reaktionärer B-Movie-Mentalitäten stellt. Aber Pustekuchen! Man möchte wohl besser nicht wissen, wie viele Videothekengänger, „Spartan“ ist seiner Zeit direkt auf DVD erschienen, den Film mit gesenktem Haupt zurückgegeben haben.


"Ich bin von der Papierpolizei und das hier ist meine Marke."
Nein, „Spartan“ bietet Val Kilmer nicht die Möglichkeit, als fauchende Dampframme aufzutreten, vielmehr wird David Mamet seinem Ruf treu und kümmert sich in einem ruhigen Tempo um seine Charaktere, versucht sich nach und nach zu erklären, die Gemüter dem Zuschauer aber auch nicht auf dem Silbertablett zu servieren, was zuweilen eine sehr kryptische Charakterisierung offenbart. In „Spartan“ gibt Val Kilmer den ehemaligen Marine Robert Scott, der sich um die Ausbildung von Rekruten kümmert, während er auch für die Polizei als Special Agent tätig ist. In archetypischen Habitus gibt Kilmer diesen Robert Scott, ist gradlinig, unerschrockenen und bis in die Poren linientreu – Ein echter Patriot, der für sein Vaterland einige Male durch die Hölle gegangen ist und es wieder tun würde. Es würde zu weit gehen, würde man Robert Scott als Sympathiefigur titulieren, Mamet schafft es nur, diesen Charakter – trotz einiger gestelzter Phrasen – gekonnt zu zeichnen, in dem er die Menschlichkeit, die sich unter der harten Schale verbirgt, immer mal wieder durchschimmern lässt. Die Mission selbst, natürlich von höchster Brisanz, kommt in ihrer Aussage letztlich einem Pamphlet gleich.


Und geht es um die Mission, um die Rettung der Laura Newton, weist „Spartan“ eklatante Pacing-Probleme auf, weil Mamets Regie nicht nur auf den ersten Blick antiquiert (nicht mit altmodisch zu verwechseln) daherkommt. „Spartan“ wird später zum Verschwörungs-Thriller umfunktioniert und Scott, der immer vom Glauben an sein Land katalytisch angetrieben wurde, demaskiert die Regierung wie den Geheimdienst als eine verlogene Schattengesellschaft. Zynisch, natürlich, und Scott wird hinterrücks in seinen Idealen gebrochen, doch wirklich berühren oder eine Szene, die einer echten Spannungsklimax gleichkommt, hat „Spartan“ kaum zu bieten. Es gibt vereinzelte Augenblicken, die erahnen lassen, welch Potenzial in diesem Szenario und auch in Mamets Führung gesteckt haben (Beides Szene, in denen ein Scharfschütze keine unwesentliche Rolle spielt). Doch schlussendlich ist „Spartan“ in seinen innen- wie außenpolitischen  Verstrickungen ein zuweilen äußerst träges Unterfangen. Wenn Val Kilmer dann von einem Engländer am Ende die Worte „Time to go Home“ gesagt bekommt und er ihm nur mit einem kurzen „Lucky man“ begegnet, wird deutlich, dass er es sein weiteres Dasein nur noch als Mann ohne Heimat fristen wird. Immerhin ein versöhnlicher, ehrlicher Abschluss.


5,5 von 10 gebrochenen Armen


von souli

Review: MYSTERY MEN - Die vergessene Superhelden-Karikatur

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Fakten:
Mystery Men
USA. 1999. Regie: Kinka Usher. Buch: Neil Cuthbert, Bob Burden (Vorlage). Mit: Ben Stiller, William H. Macy, Hank Azaria, Geoffrey Rush, Paul Reubens, Janeane Garofalo, Greg Kinnear, Kel Mitchell, Claire Forlani, Eddie Izzard, Tom Waits, Wes Studi, Lena Olin, Ricky Jay, Artie Lange, Doug Jones, Dane Cook u.a. Länge: 121 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Championship City ist sicher. Kein Wunder, denn Captain Amazing sorgt dafür, dass kein Schurke mehr die Straßen der Metropole unsicher macht und dafür lieben ihn die Massen und seine Werbekunden. Da wo Captain Amazing ist, will das Team rund um Roy alias Mister Furious, auch hin. Doch das Team hat es nicht einfach und wird von den Ganoven der Stadt mehr belächelt als gefürchtet. Als Superschurke Casanova Frankenstein aber aus der Irrenanstalt entlassen wird und Captain Amazing daraufhin spurlos verschwindet, scheint die Stunde der Möchtegern-Helden gekommen zu sein.




Meinung:
Die 1990er waren keine gute Zeit für Superhelden, zumindest auf der Leinwand. Joel Schumacher inszenierte Batman zu Tode, die erhofften und lang erwarteten Comicverfilmungen „Spawn“ und „Steel“ erwiesen sich nicht nur als finanzielle Flops und das großangelegte Projekt, Spider-Man kinoreif zu machen schien in der development hell zu versauern. Was heutzutage unglaublich erscheint war Ende der 90er die Tagesordnung: Comicverfilmungen funktionierten nicht. Übersättigung?  Mag sein, jedoch war der Markt gewiss nicht so übersättigt wie heutzutage. Qualitative Tiefen? Zugegeben neben den insgesamt erfolgreichen „Batman“-Filmen, kamen meist nur Comicverfilmungen auf die große Leinwand, die den Ton ihrer Vorlage nicht trafen („Tank Girl“, „Judge Dredd“) und/oder einfach keinen Markt finden konnten. Comic meets Kino, in den 1990er Jahren noch ein Phänomen, welches eher selten Erfolge feiern konnte. Kein Wunder also, dass „Mystery Men“, eine Komödie die das Heldentum hinterfragte und persiflierte, keine Chance am Box Office hatte und hierzulande direkt und ohne größere Auffälligkeiten in den Regalen der Videotheken verschwand.


Welcher Verbrecher würde vor diesen Kostümen nicht schlottern?
Das Bedauerliche am unverdienten wie unbeachteten Abgang der „Mystery Men“ ist, dass der Film seiner Zeit eigentlich voraus war. Heutzutage, in einer Kinolandschaft in der Superhelden sowie deren entmystifizierende Imitatoren, die Kinos und DVDs belagern, hätte Kinka Ushers Helden-Jux gewiss die Chance noch einmal groß herauszukommen. Vor allem weil er mit Ben Stiller, Geoffrey Rush, Greg Kinnear, Eddie Izzard und William H. Macy auch heutzutage noch einiges an bekannten Gesichtern zu bieten hat. Das Problem dabei ist allerdings, das Regisseur Kinka Usher eine Comicwelt parodiert, wie man sie heutzutage, in den Zeiten von „Man of Steel“ und „The Dark Knight“ kaum noch präsentiert bekommt. Die „Mystery Men“ agieren in einer dunklen, liebevoll ausgestatteten und vor allem detaillierten Welt, die nicht versucht gegenwärtige Realität abzubilden, sondern ein architektonisches Konstrukt aus Fiktion und Historie ist. Eine phantastische Paralellwelt, die sich vor ihrer Vorlage nicht im Sumpf einer politischen oder gesellschaftlichen Ebene der Aussage versteckt, sondern sie mit offenen Armen empfängt und somit all die wunderbaren Dinge, Gebräuche und formellen Begebenheiten des Superheldenfilms gekonnt durch den Kakao zieht.


"Mystery Men" ist einer dieser Filme, die in der Vergessenheit versauern. Dabei hinterfragt die clevere Komödie die Thematik des Superheldentums auf liebenswerte Weise und dies sogar lange bevor es zum guten Ton gehörte, Heldengehabe komödiantisch zu zerpflücken. Das Ergebnis ist nicht immer so lustig wie gewollt, aber jederzeit eingehüllt in einer Fülle von grandiosen Einzelheiten, stilistischen Finessen und einem liebenswürdigen Grundton. In den Zeiten, in denen das moderne Helden- und Blockbusterkino sich mit einer selbstaufgelegten dark-and-gritty-Attitüde selbst überstrapaziert, wirkt selbst ein gefloppter, alter Versuch das Superheldentum auf spritzige und galante Art und Weise zu karikieren, wie eine kräftiger, frischer Wind im Genre der Weltenretter und Capeträger. Und während die einen noch streiten ob nun "Kick-Ass" oder "Super" von James Gunn besser ist, haben die Mystery Men im verborgenen und gut versteckt vor Hypes und übergroßen Erwartungen ihren Spaß.


7 von 10 Sphinx-Weisheiten

Review: BOOGIE NIGHTS - Marky Mark hat den Größten!

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Fakten:
Boogie Nights
USA, 1997. Regie: Paul Thomas Anderson. Buch: Paul Thomas Anderson. Mit: Mark Wahlberg, Burt Reynolds, Julianne Moore, William H. Macy, John C. Reilly, Philip Seymour Hoffman, Heather Graham, Don Cheadle, Thomas Jane, Philip Baker Hall u.a. Länge: 149 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:

Eddie (Mark Wahlberg) hat ein großen Talent: er kann, gelinde gesagt, mit seinem übergroßen Penis ficken wie ein junger Gott. Und mit Hilfe dieses Talents, des Regisseurs Jack Horner (Burt Reynolds)  und vielen anderen skurrilen Figuren schafft es Eddie unter seinem Künstlernamen „Dirk Diggler“, einen kometenhaften Aufstieg hinzulegen und zum großen Star der Pornobranche zu werden. Allerdings hat dieser Aufstieg auch seine Schattenseiten, die Eddie und die anderen Beteiligten schon bald zu spüren bekommen sollten.




Meinung:
Dass Paul Thomas Anderson ein hervorragender Regisseur ist, das hat er schon oft bewiesen. Egal ob nun „There Will Be Blood“ über einen Öl-Tycoon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sein Episodenfilm „Magnolia“ oder zuletzt „The Master“, immer zeigt Anderson, dass er in der Lage ist, hochinteressante Geschichten zu erzählen, tolle Charaktere zu entwickeln und vor allem, dass er es wie kaum ein anderer versteht, seine Schauspieler zu absoluten Höchstleistungen zu treiben. Nicht selten, so heißt es, waren viele Schauspieler besser als in einem Film von Paul Thomas Anderson. So zum Beispiel ein Adam Sandler in „Punch-Drunk-Love“ oder Tom Cruise in „Magnolia“ und sogar bei einem Schauspielmeister wie Daniel Day-Lewis steht die Rolle des Daniel Plainview in „There Will Be Blood“ für so manchen knapp vor seinen anderen Meisterleistungen. Dazu kommt ein gutes Gespür für das richtige Bild, die richtige Kameraeinstellung, für Musik und Geräusche. Das alles vereint er, ohne sich Filmkonventionen anzubiedern. Er macht seine Filme, wie er sie haben will und richtet sie nicht nach Studios und auch nicht nach dem Zuschauer aus.


Auch bei Pornos heißt es, Individualität zu zeigen
Aber zu all dem wäre es vielleicht nie gekommen, hätte er nicht „Boogie Nights“ gedreht, einem Film über die Pornoindustrie in den späten 70er und frühen 80er Jahren, der Anderson zu seiner ersten Oscarnominierung (Drehbuch) und seinem Durchbruch verholfen hat. In diesem Film zeichnet Anderson das Bild der Pornoindustrie. Zunächst scheint die Welt zwischen Brüsten und Bumsen eine Art bunte Traumwelt zu sein, wilde Partys, Drogen und der schnelle Erfolg Dirk Digglers tragen dazu bei. Doch nach und nach werden auch Schattenseiten des Business aufgezeigt. Die Branche verändert sich, der Sex wird härter, noch mehr zum reinen Geschäft. Und der Erfolg bleibt, nicht zuletzt durch Drogen, immer mehr aus. Stattdessen kommen mit den 80ern andere Themen auf: zunehmender Konservatismus, Intoleranz gegenüber der Pornobranche, Gewalt, Homophobie, Drogen. Und die Branche fängt an, sich selbst von innen zu zerstören. Zwar überraschungsfrei aber doch ungemein fesselnd zeigt Anderson diese Entwicklung exemplarisch anhand der Figur Dirk Digglers und der anderen Personen.


"Jeder Mensch ist mit etwas Besonderem gesegnet!"


Voyeurismus in seiner professionellen Variante
Anderson lässt sich dafür viel Zeit, zweieinhalb Stunden dauert „Boogie Nights“. Aber besonders in der ersten Filmhälfte merkt man davon gar nichts. Der Zuschauer erhält einen guten Einblick in das Leben von Eddie, seinen Aufstieg. Es bleibt jedoch nicht bei der Hauptperson, auch die zahlreichen Nebenfiguren werden interessant eingeführt und im Verlauf des Films immer näher beleuchtet. Jede einzelne Figur hat ihren Raum, die Chance, dass der Zuschauer mehr über sie herausfinden kann. Keiner kommt zu kurz, egal ob es der Pornoregisseur ist, der seine Zuschauer vor allem mit der Geschichte seiner Filme fesseln will, die drogensüchtige Pornodarstellerin, die eigentlich am liebsten Mutter sein will, der Kameramann mit seiner nymphomanisch veranlagten Ehefrau sowie der Pornodarsteller, der einen großen Faible für die Zauberei hat. Diese und noch viel mehr Figuren haben eben jeder etwas, was sie zu etwas Besonderem macht in diesem großen Geschäft Sex.
Was ihnen eine Identität verleiht, was sie voneinander unterscheidet und was sie als Menschen zeigt, die wie du und ich sind. Mit den gleichen Hoffnungen, Träumen und Idealen, aber auch mit den gleichen Problemen.


"Ich hab den größten, Alter!"
Aber egal wie genial die Charaktere auch sein mögen, es braucht auch immer Schauspieler, die in der Lage sind, diese Figuren mit Leben zu füllen. Und das hat Andersons Film. Da ist natürlich Mark Wahlberg zu nennen. Besonders zu Beginn des Films verleiht er seinem Eddie eine unglaubliche Natürlichkeit. Die Mischung aus Unsicherheit und Naivität trifft er perfekt, obwohl nicht immer klar ist, ob es denn wirklich Wahlbergs schauspielerisches Talent ist oder eher die wirkliche Unsicherheit von Jungschauspieler Marky Mark, der eben selbst gerade im Geschäft Fuß fassen will. Die Nebenrollen werden von einem illustren All-Star-Cast dargestellt. Unter anderem John C. Reilly, Heather Graham, Don Cheadle, William H. Macy, Philip Seymour Hoffman und vor allem Julianne Moore reihen sich hier ein, ihnen allen merkt man ab der ersten Sekunde den Spaß an, den sie an ihren Rollen haben. Jeder Blick, jede Bewegung scheint perfekt auf die andere abgestimmt zu sein. Und dennoch ragt einer klar heraus: Burt Reynolds. Allein wenn man ihm am Ende bei einer langen Kamerafahrt durch sein Haus folgt, wo er mit verschiedensten Personen spricht, da merkt man, dass Reynolds nicht nur eine Rolle spielt, sondern dass er mit dem Pornofilmregisseur Jack Horner verschmolzen ist. Es gibt bei ihm nicht mehr den Unterschied zwischen Rolle und Schauspieler – bei Reynolds ist es das gleiche.


"Wollen wir nicht lieber 'nen Film kucken?"
Aber nicht nur Geschichte, Figuren und Schauspieler stimmen, auch die Inszenierung ist klasse. Tolle und lange Kamerafahrten, ruhige Aufnahmen, wunderbare Schnitte – diese Aufzählung könnte beliebig weitergeführt werden, gerecht wird man dem Film damit nicht. Aber dennoch muss noch eine Sache gesagt werden und das ist die Musik. Musikalisch wird die Epoche, in der der Film spielt, wunderbar eingefangen, Anderson schafft es, bekannte Hits von unter anderem Hot Chocolate, den Beach Boys oder Ricky Springfield mit der starken und atmosphärischen Filmmusik von Michael Penn zu verbinden. Sie vermitteln eine unfassbar gute Stimmung, die einem auch über in der zweiten Filmhälfte gelegentlich auftretende Längen hinweghilft.


Wieder einmal hat Paul Thomas Anderson bewiesen, dass er das große Talent hat, Geschichten fesselnd auf die Leinwand zu bringen. Gepaart mit interessanten, gut ausgestalteten Figuren und den dazu passenden hervorragenden Schauspielern zeichnet PTA das Bild der Pornoindustrie um das Jahr 1980 anhand seiner Figuren und eben vor allem anhand Dirk Digglers. Einziges, kaum spürbares Manko an diesem Film ist, dass er in der zweiten Filmhälfte dann doch die ein oder andere kleine Länge aufweist. Aber über das kann man in den knapp 150 packenden Minuten, die besonders in der ersten Hälfte wie im Flug vergehen, leicht hinwegsehen.


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