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Review: TOTALLY STRIPPED – Die Rolling Stones Unplugged

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Fakten:
Totally Stripped
US. 2016. Regie: Jim Gable. Mit: Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Ronnie Wood, Jack Nicholson, Jerry Hall, Lisa Fischer u.a. Länge: 90 Minuten. FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung. Auf DVD und Blu-ray inklusive CD erhältlich.


Story:
„Totally Stripped“ ist eine neue überarbeitete Version des Studio-Films, der ursprünglich im November 1995 im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Rolling Stones-Albums „Stripped” auf den Markt kam. Sie erzählt die Geschichte von zwei Studiosessions und drei Konzerten, die in das „Stripped”-Projekt eingeflossen sind. „Stripped“ folgte im Anschluss an die „Voodoo Lounge“-Mammut-Tour und umfasste neue abgespeckte Versionen aus dem Back-Katalog der Rolling Stones sowie sorgfältig ausgewählte Covernummern, die teils im Studio, teils in kleinen Clubs aufgenommen wurden. Vor allem die Clubshows standen im krassen Kontrast zu den riesigen Arenen und Stadien der „Voodoo Lounge“-Tour. „Totally Stripped“ zeigt die Stones hautnah und nimmt den Zuschauer mit auf eine über 90 minütige Reise zu den Aufnahmesession zu „Stripped“. Exklusive Einblicke in das Studio- und Tourleben der Helden und alles angereichert mit bisher unveröffentlichtem Material. Die CD bietet eine Best-Of der drei Konzerte, die zum Stripped-Projekt gehörten.




Meinung:
Sie zählen unumstritten zu den größten Bands der Musikgeschichte. Ihre beliebtesten Songs sind längst in die Popkultur eingegangen und werden immer wieder, sei es im Radio, Fernsehen oder Film, wiederholt. Auch musikalische völlig desinteressierte Gesellen kennen ihre Lieder und ihr Logo schmückt noch immer unzählige T-Shirts. Die Rolling Stones haben völlig zurecht Musikgeschichte geschrieben und auch Jahre nach ihrer erfolgreichsten Zeit sind sie aus dem Musikgeschäft nicht wegzudenken, auch wenn es logischerweise deutlich ruhiger um sie geworden ist. Umso erfreulicher ist es, dass nun mit „Totally Stripped“ eine überarbeitete Version der 1995 erschienen Dokumentation „Rolling Stones: Stripped“ erscheint, in der man die kultige Rockband aus einer anderen Perspektive sehen und hören darf.


Hat man als Rockstar damals so getragen!
Die Dokumentation „Totally Stripped“ umfasst zwei Studiosessions und drei Konzerte im Sommer 1995, in denen vor kleinerem Publikum Aufnahmen für das „Stripped“-Album gemacht wurden. Besagtes Album ist inspiriert von den populären Unplugged Alben diverser Künstler und zielt auf eine intimere Atmosphäre als bei den gigantischen Bühnenshows der Stones ab. Dabei finden sich auf dem Album sowohl einige Cover-Versionen, darunter „Like a Rolling Stone“ von Bob Dylan, sowie Neuinterpretationen eher unbekannter Songs der Rolling Stones. „Totally Stripped“ lässt seine Zuschauer an diesem Entstehungsprozess teilhaben und bedient sich bei den typischen Mitteln einer Musik-Dokumentation. Mitschnitte der Konzerte wechseln sich mit Reaktionen der Fans und Zuhörer ab, während dazwischen immer wieder Mitglieder und Freunde der Band zu Wort kommen. Besonders amüsant ist der Moment, in dem auf einmal Schauspieler Jack Nicholson („Chinatown“) bei einer Liveshow auftaucht und sich selbst unter die Zuschauer mischt. Zwar ist dieses Konzept aus filmischer Sicht weder sonderlich neu noch wirklich kreativ, doch schafft es „Totally Stripped“ durch eine ausgewogene Mischung ein perfektes Tempo vorzulegen. Letztlich sind es wohl auch die grandiose Stimmung und die Präsenz der Musikgrößen selbst, die dafür sorgen, dass sich die Doku irgendwie magisch anfühlt.


Für Fans der Rolling Stones stellt die neuerschiene Veröffentlichung definitiv eine Kaufempfehlung dar. Auch Freunde von Musik-Dokumentationen oder generell musikalisch Interessierte können über eine Anschaffung nachdenken, denn neben der überarbeiteten Dokumentation liegt auch eine CD mit einem Best-Of der drei gezeigten Konzerte bei. Wie in der Dokumentation zu sehen ist, spielt die Band dabei vor allem unbekanntere Songs in akustischen beziehungsweise überarbeiteten Versionen, was in Verbindung mit der Atmosphäre der drei abgespeckten Konzerte für einen ganz besonderen Charme sorgt.


7 von 10 ikonischen Liveshows

Review: ABOUT SCHMIDT - Ein Mann auf seiner letzten Mission

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Fakten:
About Schmidt
USA, 2002. Regie: Alexander Payne. Buch: Alexander Payne, Jim Taylor, Louis Begley (Vorlage). Mit: Jack Nicholson, Hope Davis, Dermot Mulroney, Kathy Bates, June Squibb, Howard Hesseman, Harry Groener, Connie Ray, Len Cariou u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Warren Schmidt ist frisch pensioniert und hat nun alle Zeit der Welt, um mit seinem Leben unzufrieden zu sein. Als unerwartet seine Frau verstirbt, sieht er nur noch eine wirklich sinnvolle Aufgabe im Leben: Die Hochzeit seiner einzigen Tochter mit ihrem seiner Meinung nach unbrauchbaren Verlobten zu verhindern. In seinem Wohnmobil macht sich Schmidt auf zu einer Reise, die ihm viel mehr über sich selbst eröffnen wird, als er zunächst gedacht hat.


                                                                               



Meinung:
Alexander Payne ist wahrlich einer der interessantesten Regisseure der letzten 15 Jahre, auch wenn er nur wenige Filme in dieser Zeit auf die Kinoleinwände losließ. Dafür merkt man jedem einzelnen von ihnen die absolute Hingabe, die Herzensangelegenheit an. Kein Auftragsregisseur, kein Mann für den prallen Geldbeutel, einfach ein engagierter, motivierter, womöglich (rein aufgrund seines filmischen Outputs interpretiert) sogar leicht kauziger Kerl, der offensichtlich das Herz am rechten Fleck hat. Nah an seinen Figuren, ihren Schicksalen. Mit der notwendigen Portion Humor, Satire, aber – und das ist entscheidend – ohne Häme. Er veräppelt niemanden, kitzelt nur aus den Tücken, den kleinen und großen Schlaglöchern des Alltags, von theoretisch banal („Election“) bis niederschmetternd („The Descendants – Familien und andere Angelegenheiten“) diese oft nicht zu beschreibende Essenz aus Komik und Tragik. Wie das Leben so oft, nicht schwarz oder weiß. Zart-Bitter.


Früher war das alles knackiger.
Mit 66 Jahren fängt das Leben an… oder endet, alles eine Frage der Sichtweise. Für Warren Schmidt ist es Anfang und Ende zugleich. Mit warmen Worten und der gebührenden Ehre in den wohlverdienten Ruhestand geschickt aus seinem Dasein als leitende Kraft einer Versicherungsgesellschaft, oder vor die erschreckend-perspektivlose Tür seines Lebens gesetzt. In fast katatonischer Schockstarre lässt er die Prozedur über sich ergehen, wohl wissend, dass nun das große, schwarze Loch der Bedeutungslosigkeit droht ihn zu verschlingen. Was nun? Dort draußen steht das Schlachtschiff von einem Wohnmobil, angeschafft für den befürchteten, nie ernsthaft in Erwägung gezogenen Tag X, drinnen die alte Frau, in die sich seine Partnerin im Laufe der Zeit verwandelt hat. Die verspätete Midlifecrisis trifft ihn wie einen Vorschlaghammer. Aus die Maus, Feierabend. Vorher war das Leben anstrengend, fordernd, sinnvoll. Nun ist es einfach…ruhig… nutzlos. Das Warten auf das Ende. Für manche unvorstellbar schön, angenehm, frei, für Menschen wie Warren Schmidt das Grauen. Einfach leben um zu existieren, ohne klare, zwingende Aufgabe? Unmöglich. Ein nicht spleeniges, sondern oft tatsächliches Problem von Arbeitstieren, die „plötzlich“ (wie die schockierende Tatsache, dass jedes Jahr am 24.12. wieder Weihnachten ist) nichts mehr zu tun haben. Aus ihrer Sicht. Muss man persönlich nicht, aber kann man realistisch betrachtet durchaus verstehen. Freud und Leid liegen im Leben oft dicht beieinander…Alexander Payne, voilà.


Warren schaut in eine perspektivlose Zukunft...
Auch ohne die Selbstverständlichkeit des Protagonisten als seine eigene zu betrachten, versteht es der Regisseur sie unmissverständlich, hervorragend auf den Zuschauer zu übertragen. Das letzte Ticken der Dienstuhr, das (Akten)Lebenswerk auf dem Müll, die Marotten des eigentlich geliebten Partners als plötzlich unerträglicher Schleifstein, der einen langsam zermürbt. Als Schmidt sich ein Ziel, einen Ausweg aus dieser hässlich-schönen Hölle wünscht, bekommt er es auf die undankbarste Weise serviert. Alles fällt in sich zusammen, jede Konstante, das Nichts ist allgegenwärtiger und in seiner Endgültigkeit präsenter denn je. Was tut man nun? Man lässt das Schlachtschiff zu Wasser, segelt auf die letzte, sinnergebende Mission…und findet, ganz anders als erwartet, darin die Bestätigung für das eigene Dasein. Klingt das anstrengend? Durchaus. Ist es das? Niemals. Alexander Payne kreiert ein herzliches, melancholisches und ein zu nicht geringem Anteil urkomische Roadmovie, das ganz behutsam zwischen Spaß und Ernst wechselt, spielend leichtfüßig, sich nie in auf einer Spur festfährt. Manchmal hat es den Anschein, doch genau im richtigen Moment wird das Ruder nie ruckartig herumgerissen, um diesen fließenden, scheinbar einfachen Pfad zu treffen, der eigentlich unglaublich schwierig ist.


...oder auch mal dumm aus der Wäsche.
Der alles zusammenhaltende Baustein ist (natürlich) Jack Nicholson, der nicht nur eine grandiose Performance abliefert, sondern gleichzeitig ein altes Image demontiert. Hochbegabt, das wusste und hat man oft gesehen, aber auch eitel. Davon ist hier nichts zu sehen. Mad-Jack geht mit seinem Alter, mit dem natürlichen Erscheinungsbild offensiv um, schert sich einen Dreck um sein Ego und diverse Allüren, investiert alles für die Rolle, stemmt den Film auf seinen runzligen Schultern. In diesem Jahrtausend eine seiner unbestritten besten Leistungen, gemeinsam mit "Departed - Unter Feinden" seine letzte auf diesem Niveau , der Ruhestand ist aktuell ja beschlossenen Sache. Sag niemals nie, aber selbst Connery hat das irgendwann gesagt. Ist manchmal auch besser. Aber wenn wir schon über eitel oder nicht sprechen: Die mutigste Szene gönnt Alexander Payne der großen Kathy Bates. Was diese gestandene, sensationelle Darstellerin in ihrem Alter hier wagt, dafür wären sich die meisten weiblichen Stars (30 und mehr Jahre jünger) zu schade…und das für bestimmt eine unverhältnismäßig  gesteigerte Gage. Das spricht sowohl für sie als auch für den Regisseur. „About Schmidt“ ist großes Kino der kleinen, umso wichtigeren Dinge. Nuanciert, nie albern, trotzdem manchmal skurril und wahnsinnig witzig, gleichzeitig bewegend, ohne zu nerven.


Der schönste, wichtigste Moment wird eh am Ende gesetzt. Als die Odyssee schon als unbefriedigender Erfahrungsbericht abgestempelt ist, der müde Warren droht wieder in sein Loch zu fallen, werden ihm die Augen geöffnet. Obwohl klar vorhersehbar, das ist schön. Treffend. Und einfach ehrlich, richtig. Am Ende ist es der ganze Film. Womit wir am Anfang wären…Alexander Payne. Nicht immer Gold, aber nie Blech. Das hier ist Gold.

8 von 10 Briefen nach Tansania

Review: DAS BESTE KOMMT ZUM SCHLUSS – Ein letztes gemeinsames Abenteuer

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Fakten:
Das Beste kommt zum Schluss (The Bucket List)
USA. 2007. Regie: Rob Reiner. Buch: Justin Zackham.
Mit: Jack Nicholson, Morgan Freeman, Sean Hayes, Rob Morrow, Beverly Todd, Alfonso Freeman, Rowena King, Verda Brdiges, Brian Copeland, Ian Anthony Dale, Destiny Brownridge u.a. Länge: 93 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Ein ungleiches Paar: Der vermögende Edward Cole und der einfache Mechaniker Carter Chambers. Was sie vereint? Beide sind alt und unheilbar krank. Im Krankenhaus lernen sie sich kennen und beschließen ihre letzten Tage noch einmal richtig auszuleben.





Meinung:
Eine spezifische Handschrift hatte der New Yorker Rob Reiner nie vorzuweisen, was selbstredend nichts daran ändert – Ridley Scott („Gladiator“) kann davon ebenfalls ein Liedchen trällern -, gute bis sehr gute Arbeiten zu realisieren. Bevor sich Reiner nämlich durch Martin Scorseses Exzess-Satire „The Wolf of Wall Street“ fluchte, zeigte er sich verantwortlich für echte Klassiker wie „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“, „Harry und Sally“ und natürlich „Misery“. Der Mann hat durchaus etwas auf dem Kasten, auch wenn man einem Film an und für sich eben niemals wirklich ansehen würde, dass er von Rob Reiner in Szene gesetzt wurde. Seit Mitte der neunziger Jahre aber hat sich Reiner leider im ausgebrannten RomCom-Sumpf („An deiner Seite“, „Wo die Liebe hinfällt“) festgefahren und nichts mehr auf die Reihe bekommen, was die Zeiten aus irgendeinem Grund überdauern könnte. Mit „Das Beste kommt zum Schluss“ ist das im Prinzip gleich, nur ist Reiner mit der prominent besetzten Tragikomödie sympathischer Einheitsbrei gelungen.


Ein Hoch auf die Gefahr
Und hat es ein Film erst mal vollbracht, die Sympathien des Zuschauers zu schüren, dann ist doch ein Teil der Miete schon mal eingefahren, impliziert dies doch, dass man sich als Konsument der Geschichte anhängt und interessiert daran ist, wie es denn nun ausgehen wird. Dass „Das Beste kommt zum Schluss“ einem nicht in Gänze egal ist, liegt eindeutig an seinen beiden Hauptdarstellern: Jack Nicholson („Chinatown“), der einfach zu famos ist, um sich für jedes Projekt herzugeben und Morgan Freeman („Sieben“), der einfach zu freundlich ist, um irgendein Angebot auszuschlagen. Beide liefern sie in ihren Rollen keine Ausnahmeleistungen ab, dafür verlangt ihnen das Skript von Justin Zackham auch viel zu wenig ab, aber ein solider Jack Nicholson, der hier im Endeffekt nochmal seine „Besser geht’s nicht“-Nummer abzieht, ist ja bekanntlich schon wertvoller, als neunundneunzig Prozent seiner Kollegen. Da zieht auch das ruhige Gemüt eines Morgan Freeman schnell mal den Kürzeren und beschränkt zeitweise darauf, dem Großmeister die Bälle schnittig zuzuspielen und vielleicht einen verwertbaren Rückpass gekonnt anzunehmen.


Wow, schon 2007 gab es Selfies
Über „Das Beste kommt zum Schluss“ thront auffällig und beinahe schon schlagzeilenträchtig folgender Satz: „Alte Menschen sterben!“ Und ja, „Das Beste kommt zum Schluss“ dreht sich permanent um dieses diffizile Thema, sieht sich aber tunlichst vor, dieses einer, im zwischenmenschlichen wie gesellschaftlichen Kontext, feinfühligen Handhabung zu unterziehen. Rob Reiner inszeniert weitestgehend lockeres Wohlfühlkino, in dem die beiden rüstigen Rentner an ihrer Krebsdiagnose nicht verzagen wollen, sondern all die Dinge noch auf dem letzten Drücker nachholen, die sie in ihrem bis dato Leben vermissen mussten. Der gutsituierte Edward Cole (Nicholson) lässt dafür die Kröte springen und der gebildete Mechaniker Carter Chambers (Freeman) willigt der wilden Fahrt nach kurzem Geplänkel ein. Es wäre auch gelogen, würde man postulieren, „Das Beste kommt zum Schluss“ besäße keinen Funken Kurzweil, denn der Film weiß über weite Strecken gut zu unterhalten und es macht einfach Spaß, den Opas bei ihren Aktivitäten zuzusehen.


Es ändert nur nichts daran, dass „Das Beste kommt zum Schluss“ einfach durchweg austauschbares Entertainment ist, dass erst auf die Tube tritt und dann seine unterschwellig eh immer präsente Dramatik an die Oberfläche zu kehren, um das grobe Spiel auf der Manipulations-Klaviatur doch noch anzustimmen – Und das zeigt keine Wirkung. Natürlich nicht, dafür wissen wir nicht nur viel zu wenig über diese Figuren, dafür wurden sie schlichtweg viel zu seicht in diesen gut 90 Minuten aufgebaut, um irgendwie mit ihnen mitfühlen zu dürfen, wie auch die To-Do-Liste nur als schriftliche Anbiederung an den American Dream dient. Ein nettes Vergnügen, dessen Rührseligkeit am Ende noch einmal Überhand nehmen darf, was ja absehbar war, bleibt „Das Beste kommt zum Schluss“ dennoch und hält sich als einer dieser Streifen, die man gemütlich am Sonntagnachmittag schaut, tapfer auf den Beinen (oder Krücken).


5 von 10 durchgedrehten Reifen


von souli

Review: DEPARTED - UNTER FEINDEN - Remake ist kein Schimpfwort

2 Kommentare:


Fakten:
Departed – Unter Feinden (The Departed)
USA, 2006. Regie: Martin Scorsese. Buch: William Monahan, Alan Mak & Felix Chong (Vorlage). Mit: Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Alec Baldwin, Vera Farmiga, Ray Winstone, Anthony Anderson, James Badge Dale, Kevin Corrigan, David O’Hara u.a. Länge: 151 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Billy Costigan und Colin Sullivan beenden gleichzeitig die Polizeischule von Boston. Während Musterschüler Colin direkt zum Detective aufsteigt, wird Billy aufgrund seiner Herkunft aus dem kriminellen Milieu aussortiert. Zum Schein. Denn Captain Queenan sucht einen Mann, den er glaubhaft in die Gang von Gangster Costello einschleusen kann. Nur er und sein Kollege Dignam wissen von der Aktion, denn überall im Department gibt es undichte Stellen. Tatsächlich gelingt es Billy, in Costello’s engsten Kreis zu kommen. Allerdings scheint es in den Reihen der Polizei auch einen Maulwurf zu geben, denn Costello ist immer im richtigen Moment gewarnt. Der Doppelagent ist niemand anderes als Wunderkind Sullivan, insgeheim der Ziehsohn von Costello. Bald wissen beide Seiten von der jeweiligen Ratte, kennen allerdings nicht ihre Identität. Die Jagd beginnt…







Meinung:
Es war mindestens so verwunderlich wie überfällig, dass Martin Scorsese ausgerechnet für „Departed“ erstmals den Oscar als bester Regisseur und für den besten Film entgegen nehmen durfte. Nicht auf die Qualität des Films gemünzt, eher auf den Zeitpunkt und die Rahmenbedingungen. Man muss sich nur mal vor Augen führen, was der Mann bis dahin schon für eine filmische Vita vorweisen konnte, wann immer er leer ausging und das er nun „nur“ für ein Remake endlich den verdienten Lohn einstreichen durfte. Nach fast 40 Jahren als Kinoregisseur. Unglaublich. Da gab es Filme wie „Taxi Driver“ – sicher einer der wichtigsten Filme seiner Zeit und vielleicht einer der besten Filme überhaupt -, „Wie ein wilder Stier“, „GoodFellas“ oder „Casino“, den eigentlich als „Lebenswerk“ geplanten (allerdings vom Studio unübersehbar zerstörten) „Gangs of New York“, das hervorragende Bio-Pic „Aviator“, immer stand Marty lediglich als Meister der Herzen da. Nun also ein Remake. Ob für Scorsese ein Ritterschlag oder ein Armutszeugnis für die Kreativitätsschmiede von Hollywood, dass dies in der Tat einer der besten US-Filme dieses Jahrtausends ist, muss sehr differenziert betrachtet werden, soll allerdings jetzt keine große Rolle spielen. Ist eher einen eigenen Text wert.



Vater-Sohn-Gespräche in der Bums-Bude.
Scorsese nimmt hier nicht  – wie sonst üblich, einfach und billig – einen erfolgreichen Film aus Übersee und kleistert ihn möglichst konturlos für den neuen Markt zusammen, er drückt ihm seinen eigenen Stempel, seine unverkennbare Handschrift auf. Wenn man es nicht besser wüsste, man würde „Departed“ wohl ohne Frage als einen „selbstständigen“ Scorsese durchwinken. Aus dem Reich der Mitte bis nach Boston ist es nur ein Katzensprung, Scorsese inszeniert „seine“ Ostküste als die achte Hölle mit irischem Anstrich. Mit enormen Stallgeruch lässt er die Ursprünge früh vergessen, baut wie gewohnt auf einen präzise ausgewählten Cast, seine brillante Umsetzung in Bild, Schnitt und Ton und macht „Departed“ zu der spannendsten Mäuse-, oder eher Ratten,-Jagd, die seit Jahren die große Leinwand heimsuchte. Wenn sich überhaupt was kritisieren lässt, dann eventuell die Wahl für Matt Damon und Mark Wahlberg, aber auch das nur eingeschränkt. Damon dürfte wohl zu den überschätztesten A-Stars seiner Zeit gelten, obwohl er auch hier nichts zerstört. Als Gegenpart für den furiosen DiCaprio ist er eigentlich nicht der Rede wert, ein Phänomen seiner Zeit, der unvermeidliche Damon. Wahlberg war sogar für den Oscar nominiert, kann natürlich mit lokaler Schnauze pöbeln, daher gut gewählt. Mehr ist das nicht, scheint ja allgemein gewirkt zu haben, nun gut, so gesehen halt exakt besetzt. Selbst solche „Mängel“ lassen nur minimale Luft nach oben, denn ansonsten spielt Scorsese alle seine Stärken aus.



Im Gespräch mit der Bestie.
Mit der Sprengkraft einer scharfen Handgranate lässt er den Plot bis zur finalen Detonation überkochen und letztlich explodieren, baut auf die ihm in die Wiege gelegte Mischung aus rasanter, gleichzeitig episch-ausführlich angelegter Erzählweise, die niemals an Tempo einbüßt, selbst wenn 2 ½ bis 3 Stunden ins Land gehen. Kein Wort zu viel, keine verschenkte Szene, alles – selbst die im ersten Moment vielleicht als überflüssig anzusehende Romanze – ist Baustein und nicht Bremsklotz. Wie sich jedes Detail so brutal, dynamisch und unglaublich druckvoll am Ende zu einem kompakten Packet schnürt, das verstehen nur wenige. Scorsese spielend. Hinter dem hochspannenden Plot verpackt er zudem fast beiläufig eine sehr deutliche Kritik am durch Korruption hervorgerufenen Unsinn – oder eher Missstand – des Polizeisystems. Niemand vertraut niemanden, jeder kocht sein eigenes Süppchen, Spitzel bespitzeln Spitzel, Informationsfluss gleich null, am Ende steigt keiner mehr durch. Freund und Feind sind nicht mehr trennbar, weil jeder Angst vor der unsichtbaren Lücke hat, das nicht mal unberechtigt. Eine Ratte beißt der anderen nicht den Schwanz ab, mag man denken, eigentlich fressen sie sich gegenseitig auf. Die Frage ist nur, wer hat den längeren Schwanz.


Ratten unter sich.
Verzuckert wird das Glanzstück der Hochspannung und narrativen Extraklasse noch durch einen Jack Nicholson, der ursprünglich nicht die erste Wahl war. Eigentlich sollte Robert De Niro die Rolle spielen, sagte ab, weil er seinen eigenen Film – „Der gute Hirte“ – drehte. Kurios: DiCaprio hatte für diesen Film schon Szenen gedreht, sprang wegen „Departed“ ab, seinen Part übernahm…Matt Damon, der kaum weniger Screentime hier hatte. Ein Durcheinander, De Niro war sauer auf Leo, Matt hatte zwei dicke Hauptrollen, Mad-Jack war im Spiel und nutzte dieses grandios. Wild improvisierend, wohl etwas anstrengend, im Resultat allerdings sensationell und seine bis heute letzte, famose Leistung. Mit De Niro wäre das schon super, mit Nicholson ist es das Sahnehäubchen. Als vulgärer, diabolischer, intelligenter und mit allen Gossen-Wassern gewaschener Straßenköter ist er so ideal, selbst ein De Niro auf seinem Höhepunkt hätte kämpfen müssen. Manchmal hat man Glück im Unglück. Scorsese hatte es und ob „Der gute Hirte“ mit DiCaprio wesentlich besser gewesen wäre, eher unwahrscheinlich.


Um zur Ausgangsdiskussion zurück zukommen: „Departed“ ist wohl nicht der beste Film von Scorsese. Nicht mal unter den Top-3. Dennoch ist es der beste Film seines Jahrgangs und für ein Remake besser, als jemals denkbar. Wenn ein Oscar mal verdienter war, hier nicht. Wenn er überfälliger und zur der Zeit richtiger war, absolut. Nervenkitzel auf höchstem Niveau, ruppig, knüppeldick und aufreibend. Sensationell.

9 von 10 CITIZENS