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Review: CALIGULA - Bunga-Bunga unterm Lorbeerkranz

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Fakten:
Caligula (Caligola)
IT, USA, 1979. Regie: Tinto Brass. Buch: Gore Vidal, Bob Guccione, Giancarlo Lui. Mit: Malcolm McDowell, Helen Mirren, Peter O’Toole, Teresa Ann Savoy, John Steiner, Guido Mannari, Paolo Bonacelli, Anneka Di Lorenzo, Lori Wagner u.a. Länge: ca. 150 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Im Jahr 37 n. Chr. tötet Caligula seinen Onkel Tiberius und ernennt sich selbst zum neuen Herrscher Roms. Unter seiner Regentschaft erreichen die ohnehin schon vorhandene Dekadenz, die Gewalt und sexuelle Ausschweifungen einen neuen Höhepunkt. Mit den Jahren verfällt er immer mehr dem Wahnsinn, ruft sich sogar zum Gott aus. Es entwickelt sich ein Widerstand gegen den Tyrannen.

                                                                              
Meinung:
„Ich bediene mich zwar des Körpers und der Seele des Gaius Caligula, also bin ich ein Mensch. Und bin doch kein Mensch. Also muss ich nur eins sein: Nämlich ein Gott!“

Sogenannte Skandalfilme gab es in der Kinogeschichte immer wieder, dieses meist negativ behaftete Etikett behielten über die Jahrzehnte aber nur wenige. Oft reichte es gegen damals gängige Sehgewohnheiten zu verstoßen. Ein vielleicht besonders heikles Tabuthema anschneiden oder mit dem Status quo von Sex und Gewalt zu brechen. Viele Werke gelten aus heutiger Sicht eher als harmlos, maximal für ihre Zeit gewagt; das dort Gezeigte entspricht in seiner expliziten und drastischen Darbietung meist nicht mal dem, was aktuell gang und gäbe ist. Doch manch speziellen Exemplaren gelingt es, das Publikum über Generationen hinweg immer wieder in Erstaunen und Abscheu zu versetzen, etwas kaum Vergleichbares aufzufahren. Wenn ein Film sich dieses Prädikat verdient hat, dann Tinto Brass‘ kolossales Monstrum „Caligula“.


-"Was zahlen sie dir?" -"Zu wenig, eindeutig zu wenig..."
Dabei hätte alles ganz anders werden sollen und wer weiß, ob man dann über diesen Film überhaupt noch groß sprechen würde. Seine Entstehungsgeschichte ist so chaotisch wie kurios, vom ersten Drehtag bis zu seiner Premiere gingen gut vier Jahre ins Land. „Apocalypse Now“ lässt grüßen, die Gründe lagen jedoch an anderer Stelle. Ursprünglich als nicht besonders große Produktion geplant, verschlang der Film das Budget eines damals großzügigen Mainstreamfilms. Das Skript von Gore Vidal wurde unzählige Male überarbeitet, verunstaltet, am Ende warf der Mann entnervt das Handtuch und distanzierte sich (nicht als einziger) empört vom fertigen Produkt. Etliche Nachdrehs wurden getätigt, meist um den von PENTHOUSE produzierten Film mit zusätzlich Hardcore-Sexszenen „zu verfeinern“, was wiederum dazu führte, das komplette Passagen abgeändert wurden usw.. Eins ergab das Andere und am Ende war von dem, was „Caligula“ wohl mal sein sollte nicht mehr viel übrig. Es ist nur noch schwer zu rekonstruieren, was eventuell der anfängliche Plan war. Sicher ist nur: Ganz bestimmt nicht das. Die Nachbeben waren verheerend. Die Kritiker zerrissen ihn in der Luft, viele Beteiligte beteuerten beschämt selbst in die Irre geführt worden zu sein, radikale Kürzungen und flächendeckende Indizierungen inklusive.


"...aber schon schön hier."
Eigentlich ist es unmöglich, „Caligula“ ernsthaft als guten, gelungen Film zu bezeichnen. Selbst wenn man über den extremen Selbstzweck des reichlich eingefügten, pornografischen Materials hinwegsieht, das ganze Ding ist unabhängig davon ein riesiges, verhackstückeltes Durcheinander. Konfus, brutal, pervers, nicht nur kontrovers und obszön, sondern bewusst seiner künstlerischen Ambitionen durch provozierendes Kalkül teilweise beraubt. Und auf eine merkwürdige Art auch wieder nicht. So etwas gab es vorher nicht und wird es wohl auch nie wieder geben. Eine bombastische Orgie, der „Ben Hur“ des Schundfilms, verschwenderisch riesig aufgeblasen und mit seinem grenzüberschreitenden, vor nichts und niemanden haltmachend Spektakel vielleicht näher dran an dem von Intrigen, Machthunger, Größenwahn und heute nur noch als viehisch zu betrachtenden Zustände jener Zeit als jeder andere Film. Hier wird nicht nur mit der Tür ins Haus gefallen, die ganze Bude wird mit phallischem Gigantismus eingerissen. Zwischen epischem Müll und unter den Trümmern vergrabener Kunst präsentiert sich „Caligula“ als schonungslose, politisch-historische Satire, die mit Ejakulat und Blut kleckert und gleichzeitig mit seinem Pomp und Mut zum Unzeigbaren klotzt. So trieben es die alten Römer wahrscheinlich wirklich, auch wenn der Film es natürlich genießt, mit voller Absicht und ohne Rücksicht auf Verlust die Nadel des guten Geschmacks bis zum Anschlag in den roten Bereich zu penetrieren.


Faszinierend mit beizuwohnen, wie in teilweise verschwenderisch tollkühnen Sets mitunter völlig sinnlose Szenen runtergehobelt werden, während einige in ihrem opulenten Amoklauf einfach nur beeindruckend sind (die gewaltige Enthauptungsmaschine: „Was würde ich mir nur für einen Aufwand sparen, wenn ganz Rom nur einen einzigen Hals hätte.“ Sagenhaft!), wieder andere tatsächlich aus einem großen, wichtigen Werk entsprungen scheinen und sich Weltstars neben Pornosternchen tummeln. Der große, langsam vor sich hin schimmelnde Peter O’Toole vollbringt bereits eine unangemessen hervorragende Leistung, doch nichts geht über einen Malcolm McDowell, der sich voller Inbrunst, sichtlich ungebremst und einmal heiß gelaufen in Rage spielen darf, da wackeln die Wände. Kaum zu übersehen wie hier zu viele Köche den Brei mit immer neuen Stilrichtungen geschmacklich komplett verdorben haben, aber die in den Futtertrog geworfenen Pampe ist definitiv einzigartig. Es ist kein verkanntes Meisterwerk wie Passolini’s auf den ersten Blick grob vergleichbares Scheusal „Salò – Die 120 Tage von Sodom“, vielleicht wollte er es gerne sein. Trotzdem ein Unsittengemälde, dass sich in seinem radikalen, selbstbewussten und natürlich auch fehlgelenkten Auftreten ein sehr merkwürdige Form von tiefen Respekt verdient. Kann man mögen oder nicht, beides aus guten Gründen, aber ein Bild davon machen erweitert definitiv den Horizont. 

6,5 von 10 Live-Geburten

Review: TÖTET MRS. TINGLE! - Versetzung gefährdet

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Fakten:
Tötet Mrs. Tingle! (Teaching Mrs. Tingle)
USA, 1999. Regie & Buch: Kevin Williamson. Mit: Katie Holmes, Helen Mirren, Marisa Coughlan, Barry Watson, Jeffrey Tambor, Michael McKean, Molly Ringwald, Liz Stauber, Vivica A. Fox u.a. Länge: 98 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Um das heißbegehrte Collegestipendium zu ergattern, benötigt die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Musterschülerin Leigh Ann dringend eine gute Note von Geschichtslehrerin Mrs. Tingle, dem meistgehassten Drachen der Schule. Als sie mit den gestohlenen Fragen für deren Abschlusstest, die ihr Mitschüler Luke zugesteckt hat, von Mrs. Tingle erwischt wird, droht ihr Traum zu platzen. Gemeinsam mit Luke und ihrer besten Freundin Jo Lynn sucht sie strenge Lehrkraft zu Hause auf, um die Sache zu klären. Die Situation eskaliert und plötzlich ist Mrs. Tingle an ihr Bett gefesselt. Während die drei Schüler nach einer Lösung für die prekäre Lage suchen, spielt sie die hinterlistige Lady gegeneinander aus…


                                                                                    

Meinung:
Gleich mit seiner ersten Arbeit fürs Kino legte Kevin Williamson 1996 das persönliche Meisterstück ab und war nicht unwesentlich daran beteiligt, dass der kommerziell mausetote Horrorfilm wieder schwer in Mode kam. Sein cleveres, selbstironisches und ganz nebenbei auch noch verdammt spannendes Skript zu Wes Craven’s „Scream“ war das Beste, was das Sub-Genre seit einer gefühlten Ewigkeit gesehen hatte, wenn nicht sogar noch nie. Ein sensationeller Karrierestart, dessen Niveau er fast zwangsläufig nicht halten konnte. Sein Folgefilm „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ ließ viele der vorher gezeigten Qualitäten vermissen und wurde ein x-beliebiger Teenieslasher von der Stange. Zwar deutlich besser, aber keinesfalls brillant fielen die Drehbücher zu „Scream 2“ und der Highschool-Body-Snatchers Variante „The Faculty“ von Robert Rodriguez aus. Nur ein einziges Mal versuchte sich Williamson als Autor und Regisseur in Personalunion, bei eben dem hier vorliegenden „Tötete Mrs. Tingle!“, gleichzeitig der Tiefpunkt seines Schaffens und das Ende seiner Hochphase im Kinogeschäft.


Der American Dream: Dumm, aber sexy.
Dem Highschool-Milieu bleibt Williamson wacker treu, dem Genre nur in leichten Anflügen. „Tötet Mrs. Tingle!“ beinhaltet maximal rudimentäre Ansätze eines Teenie-Horrors, ist am ehesten als schwarzhumorige Thriller-Groteske zu sehen. Oder besser, soll so gesehen werden. Denn ähnlich wie bei dem trotteligen Protagonisten-Trio läuft auch beim Film kaum etwas nach Plan und es reiht sich eine sinnlose Dummheit an die nächste. Fahrlässig und unnötig, denn an sich ist die Grundprämisse nicht unbedingt verkehrt und ein Williamson mit den kreativen Geistesblitzen von „Scream“ hätte hieraus locker einen mindestens brauchbaren Film machen können. Es gibt genau einen Lichtblick, natürlich die große Helen Mirren (wen wundert’s?), die praktisch jedes Projekt im Rahmen ihrer Möglichkeiten aufwertet. Mit süffisanter Eleganz gibt sie die giftige, pedantische Kotzkuh einer Antipädagogin, retten kann sie das Gesamte damit nur geringfügig und maximal für den Moment erträglicher gestalten. Das Gegenstück zum erprobten Spiel der Mirren stellt mal wieder Katie Holmes dar, die sich aus unerklärlichen Gründen in ihrer überschaubaren Laufbahn – als deren Highlight bezeichnenderweise die inzwischen gescheiterte Ehe mit Tom Cruise zu nennen ist – doch gelegentlich mal in einen guten Film geschlichen hat, wenn auch selten. Da prallen Welten aufeinander, von internationaler Spitzenklasse und kulleräugigem Schülertheater. In einem Teeniefilm, der trotz seines bösartigen Potenzials eindeutig für ein Publikum zwischen 12 und 17 konzipiert ist, ist das nicht unbedingt das Hauptproblem, die Krux liegt ganz woanders.


Waldorfpädagogik? Am Arsch...
Der eindeutig als teuflische Antagonistin verwendeten Mrs. Tingle gehören irgendwann die Sympathien des Zuschauers, obwohl sich das auch jetzt völlig falsch anfühlt. Sympathie ist zu viel gesagt, die anderen drei Orgelpfeifen sind nur so verdammt verblödet, unglaublich naiv und ätzend, da sucht man sich eben das kleinere Übel aus. Ein Film dieser Sparte muss nicht zwingend durch logisches Handeln überzeugen. Wenn das die Leute hier machen würden, die ganze Situation würde nicht entstehen. Nur ist das doch kein Freibrief für heillos absurde Vorgehensweisen, die sich selbst unter Berücksichtigung der besonderen Umstände wie Stress, Überforderung und generell wenig gesunden Menschenverstandes nicht akzeptieren lassen. Der Film ist in seinem Ablauf ohnehin knallhart vorhersehbar, aber wenn dann auch noch die handelnden Personen sich treudoof und blind wie Marionetten manipulieren lassen, was jedes Kleinkind durchschauen würde, haarsträubende Fehler begehen und der Film diese einfach als gegeben und selbstverständlich hinnimmt (wenn man daraus eine zwingende Konsequenz erleben würde, wäre das was anderes) macht das nicht im geringsten Spaß. Zumindest nicht so. Im Vergleich sei der zwei Jahre vorher erschienene, weniger bekannte „Suicide Kings“ erwähnt, in dem Christopher Walken als von planlosen Schnöseln gekidnappter Mafiosi die gleiche Nummer durchzog, was erheblich unterhaltsamer und im ambivalenten Wechselspiel mit den eigentlichen „Helden“ prima funktionierte. Williamson verpatzt alles, was sein Skript zu „Scream“ auszeichnete: Das erfrischende Spiel mit Klischees und Dogmen, das Kreieren reizvoller Figuren, smarter Witz und geschicktes Storytelling.


„Tötet Mrs. Tingle!“ ist furchtbar öde, niemals richtig amüsant, total einfallslos und hebt sich zu allem Überfluss den größten Unfug für den Schlussakt auf. Wie bescheuert, wie lächerlich und ärgerlich unüberlegt kann man denn einen solchen Film beenden? Die Pointe oder wie man es nennen will ergibt gar keinen Sinn, egal wie man es dreht und wendet. Fassungslos sitzt man da und überprüft verwundert, ob das tatsächlich DER Kevin Williamson ist. Traurig aber wahr, ist er, aber wer seine scharfe Munition gleich im Debüt komplett verballert hat, schießt ab dann nur noch mit Platzpatronen. Es sollte 12 Jahre dauern, bis er sich mit „Scream 4“ halbwegs rehabilitieren konnte, gemessen an dem hier ist der eine Granate. 

3 von 10 gespannten Armbrüsten

Review: Peter Weir Doppel: DIE LETZTE FLUT & MOSQUITO COAST - Zwei Geschichten vom Ende der Zivilisation

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Fakten:
Die letzte Flut (The Last Wave)
AUS, 1977. Regie: Peter Weir. Buch: Peter Weir, Tony Morphett, Petru Popescu. Mit: Richard Chamberlain, Olivia Hamnett, David Gulpilil, Frederick Parslow, Nandjiwarra Amagula, Vivean Gray, Walter Amagula, Roy Bara, Cedrick Lalara, Morris Lalara u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Mitten im November, der eigentlichen Trockenperiode, prasseln monsunartige Regenfälle, sogar Hagel auf Sydney nieder. Gleichzeitig übernimmt der sonst nicht auf Strafrecht spezialisierte Anwalt David Burton einen Fall von Totschlag. Vier Aborigines sollen einen Artgenossen getötet haben, der Fall gibt allerdings einige Rätsel auf. Zudem ereilen David unheimlich Visionen einer drohenden Apokalypse und einer der Angeklagten, Chris, taucht in ihnen ebenfalls auf. David forscht nach und driftet immer weiter in eine Welt ab, die jenseits seiner Vorstellungskraft liegt.






Meinung:
Zwei Jahre nach seinem hypnotisch-phantastischen Meisterwerk „Picknick am Valentinstag“ widmet sich der Australier Peter Weir dem reizvollen Culture-Clash zwischen den Ureinwohner seiner Heimat und dem weißen Mann, ausgetragen auf urbanen Terrain. In seiner hochinteressanten und durchwegs faszinierenden Mischung aus Justiz-Krimi, Mystery-Thriller und Katastrophenfilm kann er erneut durch surreale, (diesmal nicht nur) subtil-bedrohliche Sequenzen den Zuschauer in seinen Bann ziehen, ganz homogen abgestimmt wirkt „Die letzte Flut“ unterm Strich leider doch nicht, lässt etwas unbefriedigt zurück.


Bei dem Scheißwetter kann man prima den Keller entrümpeln.
In den hervorragend inszenierten Traum- und Halluzinationssequenzen sowie der stetigen, schleichend-apokalyptischen Bedrohung liegen die großen Stärken des Films. Beschränkt auf diese unheimlichen, in düsteren Bildern und mit einem grandiosen Sounddesign ausgeschmückten Momente, lässt sich dem Film wenig vorwerfen, im Gegenteil. Weir spielt mit religiösen Symbolen, Motiven des Öko-Horrors und Katastrophenfilms, prangert gleichzeitig die Verdrängung der Aborigines durch den weißen Mann an. Ein Gefühl von Gerechtigkeit bleibt unvermeidlich, wenn  Richard Chamberlain am Ende die Prophezeiung unaufhaltsam auf sich und seine Welt zurollen sieht. Auf dem Weg zu diesem absolut nachhaltigen, von Ohnmacht und Hilflosigkeit geprägtem Finale verschenkt Weir jedoch einiges, ohne Zweifel hätte „Die letzte Flut“ Potenzial gehabt, sich kaum hinter „Picknick am Valentinstag“ verstecken zu müssen. Die Ermittlungsarbeiten von Anwalt Burton sind nicht unbedingt von großer Spannung getrieben, seine Figurenentwicklung erscheint etwas sprunghaft und das bedeutungsschwangere Geschwurbel um Aborigine-Hokuspokus wirkt dann doch an einigen Stellen eher anstrengend und zu dick aufgetragen. Somit bleiben die Grundstimmung, beklemmende Momente und das Finale sicher langfristig im Gedächtnis, der Film im Gesamten nur durch sie. 

6 von 10 schwarzen Regentropfen





Fakten:
Mosquito Coast (The Mosquito Coast)
USA, 1986. Regie: Peter Weir. Buch: Paul Schrader, Paul Theroux. Mit: Harrison Ford, Helen Mirren, River Phoenix, Conrad Roberts, Andre Gregory, Martha Plimpton, Dick O’Neill, Jadrien Steele u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD (Import) erhältlich.


Story:
Allie Fox, ein kluger Kopf, Erfinder und angewidert von der modernen Zivilisation, packt Hals über Kopf seine Frau und vier Kinder ein, um in Honduras ein neues Leben zu beginnen. Er erwirbt ein Stück Land und erschafft dort mit Hilfe der Eingeborenen eine Gemeinschaft nach seinen Vorstellungen. Prunkstück ist seine selbstentworfene, riesige Eismaschine. Doch der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit hat seine Schattenseiten, die der selbstgerechte Idealist nicht wahrhaben will.





Meinung:
Harrison Ford und Sean Connery verbindet weit mehr als ihre Vater-Sohn-Beziehung aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“. Beide leben (oder eher lebten) durch ihre unnachahmliche Leinwandpräsenz und ihr Charisma, weniger durch darstellerische Wandlungsfähigkeit. Sie gehören zu den Akteuren, die sich eigentlich immer nur selbst spielten, damit allerdings gut gefahren sind. Bei seiner zweiten Zusammenarbeit mit Peter Weir nach „Der einzige Zeuge“ beweist Ford, dass er doch viel mehr kann. Vielleicht die beste Darstellung seiner gesamten Karriere, obwohl er hinter Robert De Niro und Jack Nicholson nur eine „Notlösung“ für die Rolle war.


Tja, im Prospekt klang das alles irgendwie schöner...
Als zivilisationsmüder, abenteuerlustiger und zu einem nicht geringen Anteil narzisstischer Familienvater glänzt Ford wie selten. Ein Besessener, der sich am liebsten selber reden hört und meint, die Wahrheit als einziger für sich gepachtet zu haben. Wie eine Mischung aus Christoph Kolumbus, „Fitzcarraldo“ und allwissendem Halbgott erschafft er sich sein eigenes Königreich im tiefsten Dschungel, erbaut ein Götzenbild in Form einer gigantischen Eismaschine, die wie ein Fremdkörper in der natürlichen Schönheit der Mosquito Coast wirkt. Ein besseres, ein friedliches Leben will er für sich und seine Familie, abseits der ihm verhassten, modernen Welt, die sich seiner Ansicht nach eh bald von selbst vernichten wird. Dabei war es wohl ihr geschützter Rahmen, der Allie Fox in seiner Selbstgerechtigkeit vor dem Schlimmsten bewahrte. Ohne sich unterordnen zu müssen und gesellschaftlichen Normen zu unterliegen schaukeln sich sein Ego und Geltungstrieb in gefährliche, selbstzerstörerische Gefilde. Er wird zu der Bedrohung, die er in seiner alten Heimat fürchtete, ohne es sich eingestehen zu können und zu wollen. Scheitern verboten, stur geht er seinen Weg und reißt auf dem freien Fall seine Familie mit sich. Peter Weir vertraut dem Können seines Hauptdarstellers und wird mit einem intensiven, wandlungsreichen Spiel seinerseits belohnt. Hinter der One-Man-Show steht eine wunderbare Darstellerin wie Helen Mirren leider nur als Anhängsel in der zweiten Reihe herum, darf maximal Stichworte geben. Zugegeben, ohne den grandiosen Harrison Ford und die wunderschöne Inszenierung von Peter Weir wäre „Mosquito Coast“ wohl nur ein recht gutes Abenteuerdrama und Psychogramm, mit den Beiden allerdings ein zum Teil eindrucksvolles Erlebnis um einen Mann, der sich selbst als letzte Moral und Weisheit der Menschheit betrachtet, jedoch keine Götter neben sich duldet und dessen selbstauferlegte Unfehlbarkeit alles zerstört.

7,5 von 10 Eiswürfeln im Dschungel

Review: LOVE RANCH - Große Namen in die Wüste geschickt

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Fakten:
Love Ranch
USA, BRD, 2010. Regie: Taylor Hackford. Buch: Mark Jacobson. Mit: Helen Mirren, Joe Pesci, Sergio Peris-Mencheta, Gina Gershon, Scout-Taylor Compton, Bai Ling, Taryn Manning, Bryan Cranston, Eise Neal, Rick Gomez u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Grace und Charlie Bontempo betreiben Anfang der 70er Jahre das erste legale Bordell in Nevada, die Love Ranch. Ihr Betrieb ist gesellschaftlich wie staatlich mehr als zwiespältig aufgenommen, doch rechtlich ist alles in trockenen Tüchern. Als Grace mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, bröckelt ihre Welt. Noch mehr, als Charlie den Boxer Bruza unter Vertrag nimmt und sich zwischen ihr und dem wesentlich jüngeren Mann eine Romanze anbahnt. Der Anfang vom Ende.





Meinung:
Es erscheint im ersten Moment sehr verwunderlich, dass ein Film von Taylor Hackford hierzulande ohne große Promotion, still und leise im Videotheken-Regal endet, obwohl Thema und Besetzung zudem mehr als interessant klingen. Auf dem Papier ist das pures Gold, in der nackten Realität nur vergoldetes – oder vergeudetes – Blech.


Grace, die Puffmutter der Wüste.
Hackford, speziell in den 90ern eine Bank („Blood In, Blood Out“, „Dolores“, „Im Auftrag des Teufels“) beherrscht sein Handwerk immer noch, an seiner Regie liegt es definitiv nicht, dass „Love Ranch“ so ein belangloser Schnarcher ist. Sicher auch nicht am Cast, gerade der ist kaum sinnloser zu verschwenden. Helen Mirren dürfte zu den selten anerkannten Damen mit ehrlichen Falten gehören, die über jeden Zweifel erhaben sind. Eine der wenigen Darstellerinnen, die mit dem Alter eher an Respekt und (Rollen)Qualität hinzugewonnen haben, absolut berechtigt. Ihr zur Seite steht der fast vergessene Joe Pesci, wie schön, ihn endlich mal wieder in Aktion zu erleben. Seit „Lethal Weapon 4“ (1998) war er quasi verschwunden, tauchte nur kurz für das De Niro Freundschafts-Cameo in „Der gute Hirte“ (2006) wieder auf. Hollywoods Terror-Zwerg (vor wie wohl auch hinter der Kamera) ist sichtlich älter geworden, hat dafür an seiner naturgegebenen Kraft und Ausstrahlung kaum etwas verloren. Selbst nach so einer ewigen Pause kann Pesci noch seine Stärken ausspielen, warum wir die solange entbehren mussten, etwas schade, aber jedem sei sein Ruhestand gegönnt. Gönnen würde man ihm, dass er sein überfälliges Comeback nicht so verschwendet.


Die Geissens der 70er.
Denn obwohl der Cast (neben Mirren und Pesci noch Gina Gershon, Scout-Taylor Compton, Bai Ling und Bryan Cranston, geht durchaus langweiliger) wie der Regisseur, wie die grundsätzliche Geschichte eigentlich alles bieten, das Resultat ist äußerst dürftig. Der schwarze Peter liegt beim schläfrigen Skript, das sich munter gegen die auf tendenziell dynamisch angelegte Inszenierung und die spielfreudigen Stars stemmt und sie letztendlich mühelos auf die Matte drückt. Da können noch so viele Details stimmen, stimmig ist das Gesamtbild nicht, gerade weil sich das Potenzial überdeutlich zu erkennen gibt. Viele Themen werden grundsätzlich tangiert, befriedigend abgeschlossen wenige. Von der namensgebenden (und an sich total reizvollen) „Love Ranch“ gibt es herzlich wenig zu sehen, ist reine Kulisse, obwohl sie allein schon der Star sein könnte. Statt sich auf den „Verfall“ von Moral und Sittenhaftigkeit zu konzentrieren, den dieses Etablissement für das prüde US-Volk damals (und wohl auch heute noch) dargestellt haben muss, steht das kriselnde Eheleben ihrer Besitzer im Fokus, gewürzt mit leichten Gauner-Flair, aber alles nicht wirklich der Rede wert. Die Dramaturgie ist sehr mau, holpert gewaltig und lässt zu viele interessante Momentaufnahmen fahrlässig links liegen. „Love Ranch“ ist der traurige Beweis dafür, wie wichtig ein vernünftiges Drehbuch sein kann, wie elementar entscheidend für großartige Voraussetzungen, die offen auf dem Tisch liegen. Der Film bettelt um Teilnahme, aber er verwehrt sie einem gleichzeitig. Weil er so egal ist, nicht mitreißt, vor sich hin plätschert, eben gar nicht kickt.


Der historisch interessante Hintergrund gerät genauso zur Nebensache wie sein engagiertes Personal. Schändlich, wie viele Filme können das nicht von sich behaupten und stellen trotzdem noch was auf die Beine? Einige. „Love Ranch“ ist gekonnt inszenierte Belanglosigkeit voller Möglichkeiten, die sich bis zum Schluss Türen offen lässt, gerade so unterhält, und am Ende eine einzige Enttäuschung ist. Nicht schlecht, aber niemals mehr als das.

4,5 von 10 beschädigten Boxern

Review: DAS VERSPRECHEN - Es geschah in den hellichten Bergen Nevadas

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Fakten:
Das Versprechen (The Pledge)
USA. 2001. Regie: Sean Penn. Buch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski. Mit: Jack Nicholson, Patricia Clarkson, Benicio Del Toro, Aaron Eckhart, Robin Wright Penn, Vanessa Redgrave, Helen Mirren, Mickey Rourke, Harry Dean Stanton u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Für Jerry Black soll es eigentlich der letzte Arbeitstag als Polizist werden. Doch anstatt eine gemütliche Abschiedsfeier mit Kollegen zu feiern wird er in die verschneiten Berge Nevadas gerufen. Dort wurde die Leiche eines jungen Mädchens gefunden, das wohl Opfer eines Triebtäters geworden ist. Als Black den Eltern des Mädchens die traurige Nachricht überbringen will, gibt er der am Boden zerstörten Familie das Versprechen ab, den Mörder auf jeden Fall zu finden. Und schon bald wird ein Tatverdächtiger festgenommen. Doch Black glaubt als einziger nicht an dessen Schuld und macht sich weiter auf die Suche nach dem Täter – versprochen ist versprochen.




Meinung:
Im Jahr 1958 schrieb der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt an einem Drehbuch zu einem Kriminalfilm. Der Titel? „Es geschah am hellichten Tag“. Das Drehbuch sollte mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle verfilmt werden. Doch irgendwie war er nicht ganz zufrieden mit dem Drehbuch, der gute Fritz. Das Ende, es hätte besser sein können. Und überhaupt, der Fokus im Film war ihm zu stark auf den Kriminalfall gelegt. Darum schrieb Dürrenmatt aus seinem Skript nur kurze Zeit später einen eigenständigen Roman. Psychologischer, den Blick viel mehr auf den Charakter seiner Hauptfigur Kommissar Matthäi gelegt, das Ende anders. Schwer zu sagen, ob diese Geschichte nun besser ist als sein Drehbuch, auf jeden Fall ist sie anders, düsterer, authentischer. Aber sowohl Film als auch Buch wurden zu Kassenschlagern.


Über 40 Jahre später. Der gefragte Schauspieler Sean Penn ist auf der Suche nach einem Stoff für seinen dritten Film als Regisseur. Und so stößt er auf diese psychologische Kriminalgeschichte des bereits verstorbenen Autors. Schnell machte Penn Nägel mit Köpfen: „Das Versprechen“ sollte sein dritter Spielfilm werden. Dazu verlegten er und seine Drehbuchautoren Jerzy Kromolowski und Mary Olson-Kromolowski den Handlungsort von der Schweiz der 50er Jahre in die kargen Landschaften Nevadas um die Jahrtausendwende. Dieser Orts- und Zeitenwechsel hat natürlich auch großen Einfluss auf die Figuren und ihre Ausarbeitung, aber ansonsten lehnt sich der Film stark an die tolle Buchvorlage an.


Jerry muss der Familie die traurige Nachricht überbringen.
Um diese Mischung aus Thriller und Drama, aus Krimi und Charakterstudie kongenial auf die Leinwand zu bannen, brauchte Regisseur Penn aber einen starken Hauptdarsteller und für seinen Detective Jerry Black konnte er niemand geringeren als Jack Nicholson gewinnen. Der spielt seine schnauzbärtige Figur, den müden aber besessenen Cop hervorragend. Man nimmt ihm nicht nur die ganze Last seines Versprechens ab, man sieht auch, wie das Paket immer schwerer auf seinen Schultern wiegt. Das Problem ist auch nicht Nicholson, sondern vielmehr, dass die übrigen Darsteller trotz ihrer großen Namen, immerhin sind Patricia Clarkson, Benicio Del Toro, Hellen Mirren, Harry Dean Stanton, Mickey Rourke oder Robin Wright mit von der Partie, merkwürdig blass bleiben und nur wie Statisten und Stichwortgeber im Schatten Nicholsons verkümmern. Natürlich, die meisten Nebenfiguren bekommen auch nur sehr wenig Raum um sich zu entfalten, aber dennoch bleiben sie vollkommen belanglos.


Vielleicht haben sich vor lauter Konzentration auf die Hauptfigur die Drehbuchautoren auch nicht genügend um die Nebenfiguren gekümmert. Da haben wir zum Beispiel den Indianer zu Beginn, der leider viel zu übertrieben inszeniert wurde, zu sehr zurückgeblieben erscheint. Das Verhör wirkt teilweise einfach lächerlich, ganz im Gegensatz zum Schweizer Hausierer im Roman und dem Geschwisterdrehbuch von 1958. Es war von allem einfach zu viel. Auch die Psychologin kommt in Sean Penns Adaption des Romans nicht glaubhaft rüber, wirkt auf mich zumindest schon fast wie eine Parodie auf eine Psychologin. Dazu wird die Handlung manchmal ein bisschen zäh vorangetrieben.


Jerry geht ungewöhnliche Wege bei der Tätersuche
Auf der anderen Seite gibt es Szenen, die so unglaublich gut die Gefühle von Detective Black aufzeigen und tief in sein Inneres schauen, dass sie wieder hervorragend der Buchvorlage gerecht werden. Ebenfalls eine sehr gute Idee war es, dem Mörder kein Gesicht zu geben, so konnte man sich mit Black besser identifizieren und wusste auch als Zuseher, wie es ist, einem Phantom hinterher zu jagen, ohne jemals zu wissen, ob es den Mörder überhaupt noch gibt. Dazu kommen die pessimistische Weltsicht, die Erkenntnis, dass wohl alles ins Verderben laufen könnte. Das konsequente Ende des Films zeigt dann auch nochmal eindrucksvoll, warum Dürrenmatt schon damals nicht völlig mit dem Schluss des Films „Es geschah am hellichten Tag“ zufrieden war. Und auch Penn hat diesen Film konsequent zu Ende erzählt, ganz im Sinne Dürrenmatts.


Also, was bleibt abschließend zu sagen? „Das Versprechen“ ist ein auf alle Fälle sehenswertes Psychothriller-Drama, das von guten Bildern, passend verstörender Musik und einem gut aufgelegten Jack Nicholson lebt, aber trotzdem über einige Phasen merkwürdig schleppend daherkommt. Das mag vielleicht an den tristen Landschaften liegen, vielleicht auch an den kalten Nebenfiguren. Aber als Gesamtes schafft es „Das Versprechen“ nicht, eine dauerhaft beklemmende und spannungsgeladene Atmosphäre zu schaffen, weswegen die Rühmann-Version und besonders das Buch Dürrenmatts, das die positiven Aspekte der pädagogischen 1958er- und der psychologischen 2001er-Version vereint, trotzdem vorzuziehen sind.


7 von 10 Zauberer mit Igeln