Fakten: Toni Erdmann
BRD. 2015. Regie und Buch: Maren Ade. Mit: Peter Simonischek, Sandra Hüller,
Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell,
Ingrid Bisu, Vlad Ivanov, Victoria Cocias, Radu Banzaru, Anna Maria Bergold,
Niels Bormann, Ingrid Burkhard, Manuela Ciucur, Cezara Dafinescu u.a. Länge:
162 Minuten. FSK: noch keine Freigabe. Ab 14.Juli 2016 im Kino.
Story: Winfried Lau (Peter Simonischek) ist 65 Jahre alt, Musiklehrer und für
jeden Spaß zu haben. Als allerdings sein langjähriger Begleiter und treuer Hund
stirbt, entschließt er sich zu einer spontanen Reise nach Rumänien. In
Bukarest, der Hauptstadt des osteuropäischen Landes, will er seine Tochter Ines
Conradi (Sandra Hüller) mit seinem Auftauchen überraschen.
Meinung: So langsam hat es sich ja allmählich herumgesprochen, dass der deutsche
Beitrag der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes, „Toni Erdmann“, mit
reichlich Wohlwollen beschenkt wurde. Maren Ade hat offenbar den Nerv der Zeit
getroffen und bereits Meinungen eingeholt, nach denen es schwer wird, noch
Ergänzungen zu finden. Ich weiß nicht, ob bereits jemand anderes darauf
gekommen ist, aber von der grundlegenden Geschichte her könnte man ja zunächst
etwas vom Kaliber eines „Tommy Boy“ erwarten.
Toni und Ines auf engstem Raum
Was aber jener eben genannte und thematisch ähnliche Vertreter von Komödien,
welche die Wandlung von Karrieremenschen in bodenständige Zeitgenossen der
Eigenarten zeichnen, eher aus dem Auge lassen, ist die Empathie jenseits der
Stilisierung ins bewusst Komödiantische. Regisseurin und Autorin Ade erdet
ihren Humor stattdessen in der Schlichtheit der Menschenkenntnis, lenkt die
Dynamik von Vater Winfried (Peter Simonischek) und Tochter Ines (Sandra Hüller)
ohne externe Emotionalisierungen, aber dennoch treffsicher zu Konflikten, Herz
und Verständnis. Wie sieht es da mit Klischees und Lebensweisheiten aus?
Gründlich mager gottseidank. Ade lässt ihre Charaktere keine Szene machen,
wenn die Individuen sich aneinander reiben, dafür wird das mehr oder weniger
gebilligte Einverständnis zur Demut zentral angewandt. Selbst ein notorischer Witzbold
wie Winfried findet da also nicht den Anschluss, bleibt aber der nette Chaot
sowie die Art von Vaterfigur, die sich nicht zu forciert ins Leben (also auch
das seiner Kinder) einmischen und dennoch daran teilhaben will. Solche
Eigenarten reflektiert man wohlgemerkt in der Beobachtung der Person an sich,
weniger an dialoggeschwängerter Erklärungsmasche.
Nicht das Einzige Mal, dass Ines eine Peinlichkeit durchstehen muss
Im Kontrast dazu ist Tochter Ines als Unternehmensberaterin binnen Rumänien
ebenso etwas abgetrennt vom Leben dort, eben in der Männerwelt der Chefetagen
unterwegs. Im Rahmen des Team Spirit des Kapitalismus, der entkoffiniert
auf die Bilanz menschlicher Ressourcen blickt und Frauen sowieso nicht wirklich
ernst nimmt, versucht sie sogar ihre Hoffnung auf echtes Glück der Diplomatie
halber auszuklammern, doch sobald das Patriarch zu Besuch kommt, gerät jenes
Gerüst ins Wanken. Winfried nimmt die Herrschaften und Hierarchien eben doch
nicht ganz so ernst, begegnet ihnen eher vom face value her, auch wenn
diese von oben herab auf ihn blicken. In jenen Begegnungen mausert sich Ade's
Film recht natürlich zum Crowdpleaser, trotz 162 Minuten an Laufzeit.
Die Erfahrung bleibt aber stets bittersüß, wenn Ines sich für das Leichtfüßige
und Clowngehabe ihres Vaters schämt, obgleich die Scham der Contenance halber
kein Vergleich zur Misogynie der Vorstandslappen mit Wanst im Boss-Jackett
darstellt. Die Unterdrückung des Eigenen hat hier eben echtes Gewicht und muss
sich nicht als Cartoon äußern, wenn die reale Lage globalen Finanzmanagements
eben soziales Taktgefühl vermissen lässt. Man wird aber auch sehen, dass Ines
Kontrolle über die Unverschämtheiten der Männlichkeit haben kann, Biss vorweist
und Ideale vertritt, doch es stehen noch zu viele Hürden der Verletzlichkeit im
Raum, solange sie als Tochter ihren Vater rechtfertigen zu müssen glaubt. Also
denkt der sich eine abgekoppelte Identität aus und überrascht mit Furzkissen,
ohne die Liebe zu seiner Tochter direkt mit hineinziehen zu müssen, wenn er
spielerisch die High Society unterwandert.
Vater Winfried in Natura
An seinem Ansatz findet Ines schon Gefallen, auf dass sie ihn sogar ohne
Vorankündigung mit ins Geschäft reinlässt, so ein Spiel der Identitäten ist an
sich aber durchaus auch ein trauriger Umstand fürs Vater-Tochter-Verhältnis,
der in seinen Pointen sowohl den größten Lacher als auch den emotionalen
Herzstich schlechthin zurücklässt. In der Wechselwirkung einer klassischen
Dramödie muss man hier aber festhalten, dass Ade eben nicht auf Gagdichte setzt
oder Dialoge bewusst mit dem anhäuft, was man für gewöhnlich an vermeintlich
witzigem Schlagabtausch und popkulturellen Referenzen serviert bekommt.
Improvisatorische Impulse vermengen sich durchaus mit Alltäglichkeit und an
sich schon absurdem Business-Talk, aber es wird sich gewiss nicht durch
reißerische Eindrücke gehetzt, so wie ja im Folgenden nicht nur behauptet
werden soll, dass sich Ines wieder dem Eigenen und Menschlichen nähert. Die
Schere von ihrer Stellung und derer anderer wird auch nicht mit Nachdruck in
den Vordergrund gerückt, gleichsam werden die Antagonisten in diesem
Rahmen nicht grundlos Arschlöcher bleiben.
„Toni Erdmann“ (den Kontext zu diesem Namen lass ich mal ausgeklammert) besitzt
da reelles Feingefühl und schöpft seine Liebe abseits jedweder Genre-Regeln aus
dem Unausgesprochenem, konstruiert die Katharsis in seinen Charakteren auch
nicht aus vorgefertigten Wegbeschreibungen, sondern eben aus der Wertigkeit des
Moments, aus Impuls und Willkür das zeigend, was man wirklich ist und was man
sich zu schenken hat. Wie viel Kitsch in solchen Pfaden drin stecken könnte,
braucht man mit fixem Blick aufs Feelgood-Programmkino ja wohl nicht
erwähnen (siehe „Ein Hologramm für den König“), für etwaiges Spießertum bietet
Maren Ade höchstens zum Schluss einen womöglichen Sinn des Lebens an, ansonsten
macht sie es durchweg ihrem Winfried gleich: Ein freier und wuschiger Umgang
mit der Welt und den Erwachsenen ihrerseits, keineswegs deren Belange
aus den Augen lassend, Kurzweiligkeit und Stille, Leichtes wie Schweres wertschätzend,
wie die menschliche Erfahrung in ihrer Offenheit eben für immer spannend
bleibt, wenn man sie denn fördert.
Fakten: Alice im Wunderland:
Hinter den Spiegeln (Alice Through the Looking Glass)
USA.2016. Regie: James Bobin. Buch: Linda Woolverton. Mit: Mia Wasikowska,
Sacha Baron Cohen, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Rhys Ifans, Anne
Hathaway, Andrew Scott, Ed Speleers, Lindsay Duncan, Matt Lucas, Geraldine
James u.a. Orig. Stimmen u.a. von Stephen Fry, Alan Rickman, Timothy Spall,
Barbara Windsor, Toby Jones, Michael Sheen. Länge: 108 Minuten. FSK:
freigegeben ab 6 Jahren. Ab 26. Mai im Kino.
Story: Alice kehrt von einer langen, abenteuerlichen Seereise heim, in der die
junge Frau als Kapitän ein Schiff kommandierte. Doch in der Heimat wird sie
weiterhin als weibliches Anhängsel angesehen. Als ihr früherer Verlobte sich an
Alice rächen will, findet die erneut einen Weg ins Wunderland. Dort wird ihre
Hilfe auch dringend benötigt, denn der verrückte Hutmacher wird von einer
schwerwiegenden Traurigkeit geplagt. Um ihm zu helfen begibt sich Alice in ein
gefährliches Abenteuer, in dem sie es nicht nur erneut mit der roten Königin,
sondern auch mit der Zeit zu tun bekommt.
Meinung: Knapp drei Monate
nachdem James Cameron das heutige 3D-Kino mit „Avatar – Aufbruch nach Pandora“
populär gemacht hat, erschien mit Alice im Wunderland der zweite Blockbuster,
der bewies, dass das dreidimensionale Kinoformat äußerst ertragreich sein kann.
Über eine Milliarde US-Dollar erwirtschaftete die Disneyproduktion. Bis heute
der erfolgreichste Film von Regisseur Tim Burton, aber nach seinem „Planet der
Affen“-Remake wohl auch der Film seiner Karriere, der am zwiegespaltesten
aufgenommen wurde. Ist Burton normalerweise dafür bekannt, seine Filmwelten so
zu realisieren, dass sie immer haptisch und authentisch wirken, versumpfte
seine Adaption des Romans von Lewis Carroll in einem digitalen Sumpf auf
grell-verwaschenen Bonbonfarben und seelenlosen Spektakel-Tableaus.
Mad Hatter und Alice endlich wiedervereint
Jetzt, sechs Jahre nach dem Kinostart des ersten Teils, wird die Geschichte von
Alice Kingsleigh (Mia Wasikowska, „Stoker – Die Unschuld endet“) fortgesetzt.
In „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ kehrt die Titelheldin gerade von
einem großen, wagemutigen Abenteuer auf hoher See, durch die von Stürmen und
Piraten durchzogenen Gewässer des fernen Ostens, zurück. Bei einer eleganten
Abendveranstaltung fällt ihr jedoch ein wunderschöner Schmetterling ins Auge,
dem sie schließlich bis durch einen wundersamen Spiegel hindurch folgt. So
landet sie erneut im Unterland. Kein Zufall, denn ein guter, alter Freund
benötigt dringend ihre Hilfe: Der verrückte Hutmacher. Diesmal führt James
Bobin Regie, der zwar noch nicht so viel Erfahrung hat wie Burton, der hier nur
noch als Produzent tätig ist, doch mit seiner Serie „Flight of the Conchords“
sowie die beiden letzten Muppets-Filmen bewies, dass auch er ein Connaisseur
und Liebhaber der Art des Kinos ist, in der nicht alles aus der CGI-Fabrik
stammt.
Zeit kommt gebürtig aus Kasachstan und heißt eigentlich Borat
Bedauerlicherweise ist das Sequel zum 2010er Erfolg aber genauso eine pappige,
klebrige und artifizielle Angelegenheit geworden. Erneut agieren die wenigen
Darsteller wieder vorm GreenScreen und heben sich von diesem mehr als deutlich
ab. Eine Immersion ist so nicht möglich. Das Phantastische des Wunderlands
verkommt zu einem digitalen Budenzauber, der immer mehr in die Höhe getrieben
wird und dabei jedwedes Gespür für Progression vermissen lässt, was die
Enttarnung der Tricktechnik nur noch mehr unterstreicht. Die Charaktere, vor
allem natürlich Alice, versagen bei den mannigfaltigen Versuchen die Illusion
aufzubauen, sie würden tatsächlich mit ihrer Umwelt interagieren. Alles was
übrig bleibt ist eine steife Simulation ohne stilistische oder gar narrative
Stimulation. Denn auch erzählerisch liegt "Alice im Wunderland: Hinter den
Spiegeln" brach. Zugegeben, es ist schön, dass Alice, die im Vorgänger wie eine
Depri-Barbie auf Valium durch die digitalen Kulissen schritt, nun als starke
Frau dargestellt wird, nur macht dies ihre Figur keinen Deut interessanter,
weil auch diese Charakterisierung nicht mehr ist, als eine Schablone, die zu
keiner Zeit vollkommen ausgefüllt wird und wie der Rest des Films an einer
elendigen Über-Künstlichkeit leidet, die als Stilmittel wirklich jeden
kleinsten Funken von greifbarer Phantastik überwalzt.
Immerhin, mit Sacha Baron Cohen („Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der
Fleet Street“) als Zeit besitzt Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln einen
Widersacher (wobei diese Bezeichnung nicht wirklich passt), der durchaus
fasziniert. Cohen spielt die Zeit als ebenso weise, unerbittliche wie
allerdings auch verletzliche und naive Figur, die einige durchaus charmante
Wortspielereien mit sich bringt und sich größtenteils so artikuliert, als wäre
er mit Regisseur Werner Herzog verwandt. Das generiert zumindest hin und wieder
die eine oder andere unterhaltsame Minute, in dieser ansonsten eher
anstrengenden Ansammlung aus aneinandergereihten Digital-Panoramen und zu
gewollten und sehr mutlosen, weil angepassten, Andersartigkeiten. Dass es
gerade „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ ist, in dem Alan Rickman („Tatsächlich…
Liebe“) seinen letzte (Sprech-)Rolle hatte, macht das Ganze nicht schlechter
oder ärgerlicher, aber zumindest ein gutes Stück trauriger. Emotionen, die
direkt aus dem Film stammen, bleiben hingegen Mangelware.
Fakten: The Hateful Eight
USA. 2015. Regie und Buch: Quentin Tarantino. Mit: Samuel L. Jackson, Walton
Goggins, Jennifer Jason Leigh, Kurt Russell, Demir Bachir, Tim Roth, Michael
Madsen, Bruce Dern, Channing Tatum, Zoe Bell, Lee Horsley, Gene Jones, James
Parks u.a. Länge: 167 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Wyoming, einige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg: Eine Kutsche
bahnt sich mühsam ihren Weg durch den Schnee in Richtung der Stadt Red Rock. An
Bord befinden sich der Kopfgeldjäger John "The Hangman" Ruth, dessen
Gefangene Daisy Domergue sowie der Anhalter Major Marquis Warren, der früher
Soldat war und nun ebenfalls als Kopfgeldjäger sein Geld verdient, und Chris
Mannix, ein Deserteur aus den Südstaaten, der behauptet, der neue Sheriff der
Stadt zu sein. Ein Schneesturm zwingt die Gruppe zu einem Zwischenstopp in
Minnies Kleinwarenladen. Sie treffen dort zwar nicht auf Minnie aber dafür auf
den mysteriösen Mexikaner Bon, auf den verschwiegenen Cowboy Joe Gage, auf den
Konföderierten-General Sandford Smithers sowie auf Oswaldo Mobray. Während der
Sturm draußen immer heftiger tobt, begreifen die acht Fremden, dass ihr
Zusammentreffen vielleicht gar nicht so zufällig ist und sie Red Rock
möglicherweise nie erreichen werden...
Meinung: Cast und Crew brechen in gelben Lettern über die
Leinwand, in Ennio Morricones Streichern dräut die sich anbandelnde Gefahr,
während eine Jesusfigur, die den Schnee wie Lasten auf den Schultern trägt, im
ewigen Weiß langsam zu verschwinden droht. Und mittendrin eine Kutsche, die
sich mühevoll ihren Weg durch die Schneemassen zu bahnen versucht, bevor sie
wirklich die Muskeln spielen lassen, die einschüchternden
Witterungsverhältnisse, die das zerstreute Amerika des 19. Jahrhundert hier
heimgesucht haben. Schon die ersten Minuten von „The Hateful Eight“ sind
beeindruckend, weil Quentin Tarantino es wieder einmal verstanden hat, wie
signifikant es sein kann, Bilder für sich allein sprechen zu lassen, um ein
Gefühl präzise zu vermitteln. Tatsächlich, und darin liegt ein Großteil des
Genies, mit dem Quentin Tarantino „The Hateful Eight“ angegangen ist, werden
die süffisant ausgekosteten Dialogsequenzen der visuellen Ebene im weiteren
Verlauf der Handlung keinesfalls den Mund verbieten, sie gehen vielmehr eine
vor Cinephilie gar brodelnde Allianz ein.
Aprés-Ski im Western-Stil
„The Hateful Eight“ nimmt den Zuschauer mit in das
Herz eines Landes, welches nach wie vor mit den Verheerungen des
Sezessionskrieges zu ringen hat. Und das ist der Punkt, an dem man dem Glauben anheimfallen
könnte, Quentin Tarantino hätte erneut eine historische Projektionsfläche gewählt,
um seinen Gewaltphantasien ein stattliches Ablassventil zu überreichen. So viel
sei gesagt: Mit Sicherheit zählt „The Hateful Eight“ zu den brutalsten (rein
vom viszeralen Einschlag) Filmen, die Quentin Tarantino bisher unter seine
Ägide genommen. Gerade im letzten Drittel werden Gliedmaßen vom Torso gehackt,
Blut schwallartig aus den Kehlen befördert und auch Köpfe dürfen ein ums andere
Mal orgiastisch explodieren, damit der rote Lebenssaft die Wände auch endgültig
neu bestrichen hat. Die Tarantino'esken Exzesse sind durchaus vorhanden,
allerdings erleben wir in „The Hateful Eight“ kein primitives Spielkind,
welches sich an sinnloser Brutalität ergötzt; keinen geifernden Voyeur, der
sich zum Ziel gesetzt hat, möglichst viele Menschen möglichst garstig ins
Jenseits zu befördern. Tarantino operiert hier auf politischer Ebene.
Endlich wieder mit an Bord: Tim Roth
Natürlich baut der Mann bewusst auf offenkundig
Dissonanzen in der Tonalität, in der Essenz, neben all seinen spielerischen
Zugeständnissen an Genre-Eigenheiten, ist „The Hateful Eight“ ein Film, der das
Post-Civil-War-America beschreibt und damit einen Kampf der Ideale in einer
urigen Hütte austragen lässt, der zwar zwangsläufig in einem Blutbaden enden
muss, aber keinesfalls einem reservierten Nihilismus einwilligt, sondern – und
das jetzt wird es für Tarantino Verhältnisse ungewöhnlich sanft – an die
Hoffnung appelliert. In dieser Hütte auf einem Gebirgspass, in der acht
verschiedene Persönlichkeiten nach und nach aufeinandertreffen, um einem
Schneesturm, der sich bereits über der Bergkette im Umkreis in Formation
gebracht hat, zu entwischen, findet sich der Norden als auch der Süden wieder.
Ein Panoptikum der Selbstdarsteller, möchte man meinen, dieses achtköpfige
Gespann bildet eine grelle Ansammlung aus Falschspielern, Scharlatanen und
Nutznießern. Allerdings vollbringt Quentin Tarantino es, die Beteiligten in
diesem Kammerspiel nicht zu bloßen, zweckdienlichen Karikaturen verkommen zu
lassen.
Diesmal nicht als Sklavenhändler unterwegs: Walton Goggins
Er geht tiefer, jedenfalls in Bezug auf Major
Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und Chris Mannix (Walton Goggins), die zu
Beginn noch ideologische Konflikte auszutragen haben, nach und nach aber zu
einer Gemeinschaft heranwachsen, die nicht nur für den Moment Freundschaft
möglich macht, sondern die Nord- und Südparteien auch für die Zukunft in der
Herstellung respektive Erhaltung von Gerechtigkeit (gerade, weil sich Justitia
als flüchtige Schattengestalt präsentiert) zusammenschweißt. Wie Quentin
Tarantino diesen Hoffnungsschimmer herstellt, ist natürlich von einem
charakteristischen Zynismus begleitet, doch es steht außer Zweifel, dass
Tarantino weit darüber hinaus gegangen ist, mit Figuren aufzuwarten, die einzig
über das schiere Schlagwortbedienen funktionalisiert wurden. Man hat sich also
nach „Django Unchainend“ durchaus weiterentwickelt und verstanden, welch
immensen Wert man einer dreidimensionalen Prägnanz innerhalb der
Charakterbeschreibung beimisst, gerade bei einem solch komprimierten Setting.
Da passt es natürlich auch wieder einmal wunderbar ins Bild, dass sich das
gesamte Ensemble herrlich spielfreudig (ein Samuel L. Jackson sogar
awardwürdig) gibt.
Neben seiner Lust am Parlieren, die Tarantinos rhetorische Finesse mal wieder
überdeutlich zur Geltung bringt, birgt „The Hateful Eight“ auch ein herrliches
Vexierspiel um Realität und Fiktion in sich, wenn er nicht nur den
geschichtlichen Kontext nutzt, um eine fiktive Geschichte zu erzählen, sondern
auch mit Charakteren aufwartet, die sich ihrer verschmitzten Janusköpfigkeit
schlicht nicht verschließen können und damit den Diskurs über Wahrheit und Lüge
vom Subtext geradewegs in den Primärtext transferieren. Es ist die erneute
Meditation über die mannigfachen Möglichkeiten der Narration und die einzelnen
Plateaus der Erzählmethodik, die allesamt einen neuen Blickwinkel offenbaren.
Ohne Frage, es macht Spaß, diesem Film zu folgen, weil er nicht nur die
üblichen Tarantino-Manierismen voller dialogisch-ästhetischem Schwung auf die
Leinwand knallt, sondern auch, weil er den Zuschauer durch sein formidables
Handwerk ohne Anlaufschwierigkeit in die Leinwand zieht. Weit über 20 Jahre
dürfen wir nun Zeuge davon werden, wir sich Tarantino quer durch die Popkultur
fräst und paraphrasiert, und sein Hunger scheint noch lange nicht gestillt. Zum
Glück, möchte man angesichts „The Hateful Eight“ meinen.
S, FR, N, DK, 2014. Regie &
Buch: Ruben Östlund. Mit: Johannes Bah Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Kristofer
Hivju, Fanni Metelius, Vincent Wettergren, Clara Wettergren, Karin Myrenberg,
Brady Corbet u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD
und Blu-ray erhältlich.
Story:
Das schwedische Ehepaar Tomas und
Ebba ist gemeinsam mit den beiden Kindern auf Skiurlaub in den französischen
Alpen. Beim Mittagessen auf der Hotelterrasse rollt plötzlich eine Lawine
gefährlich dicht auf sie zu. Während Ebba sich schützend über ihre Kinder
wirft, ergreift Tomas panisch die Flucht. Am Ende ist niemanden etwas
geschehen, doch das Verhalten von Tomas hat Ebba zu tiefst schockiert. Der
Urlaub wird zum Nervenkrieg.
Meinung:
Sekundenbruchteile können alles
verändern. Selbst wenn die vordergründige Katastrophe abgewendet werden konnte
bzw. man Glück im Unglück hatte. Wenn schlagartig das Bild zerbricht, das man
bisher von einem Menschen hatte und dadurch alles ins Wanken gerät, was als selbstverständlich und Basis der gemeinsamen Existenz vorausgesetzt wurde.
Mit „Höhere Gewalt“ gelingt dem Schweden Ruben Östland eine über die meiste
Zeit sehr eindringliche und präzise Studie dieses plötzlich auftretenden, die
Grundfesten einer Ehe erschütternden Konflikts, der in seinen besten Momenten
beinah an die Arbeiten eines weltberühmten Landsmannes erinnert.
Rette sich, wer kann...
Eigentlich soll der gemeinsame
Urlaub Workaholic Tomas und seinen Liebsten eine unbeschwerte Zeit familiärer Harmonie
bescheren, tatsächlich fällt bereits am zweiten Tag alles in sich zusammen und
droht irreparablen Schaden davon zu tragen. Durch einen kurzen, unvorbereiteten
Moment, den man im Eifer des Gefechts eventuell gar nicht großartig wahrnehmen und
aufgrund des eigentlichen „Happy-End“ weiter thematisieren oder gar werten würde,
doch für Ehefrau Ebba ist es wie ein markerschütternder Tiefschlag, der ihr
Prioritätenverständnis völlig in Frage stellt. Ihr Mann machte sich im
überraschenden Angesicht der Gefahr reflexartig aus dem Staub, während sie nur
den Schutz ihrer Kinder im Auge hatte. Nachdem sich der Schneenebel gelichtet
hat und alle wohlauf sind, der Schreck aus den Gliedern gefahren ist, soll
alles wieder beim Alten sein, aber es nagt an Ebba. Während Tomas so tut, als
wäre nichts geschehen. Ein abgebrochener Pfahl im Eheherz, der ich immer tiefer
bohrt und innerhalb weniger Tage droht, alles zu zerstören.
Der Lange Tunnel des Schweigens
In den ersten 70, 80 (von knapp
120) Minuten ist „Höhere Gewalt“ ein wahrlich großartiger Film, der in seinen
stillen, langsamen, wohlgewählten und scharf analysierenden Einstellungen an
Werke von Michael Haneke erinnert, auch thematisch dürfte das ein Stoff sein,
an dem der Österreicher seine helle „Freude“ haben dürfte. Gleichwohl drängen
sich Parallelen zu Ingmar Bergman auf und die braucht Ruben Östland bis zu seinem
leicht überfrachteten Endspurt auch nicht zwingend zu scheuen. Wie ein Ereignis,
eine unbewusste Tat den Charakter eines Menschen schonungslos demaskiert – was sich
der Betreffende zwanghaft nicht eingestehen will, obwohl sich schmerzlich
diesem bewusst – und ein vorher intaktes Gefüge, gar die Sichtweise auf
Partnerschaft und Familie im Allgemeinen komplett erschüttern kann, das zeigt
der Film glaubhaft und exakt beobachtend auf. Nicht nur Familie, Verantwortung
und Opferbereitschaft werden in Frage gestellt und seziert, auch und zu einem
nicht geringen Anteil der männliche Stolz und das Selbstverständnis, die
alteingesessenen Rollenverteilungen, die tiefe Wunde davonträgt.
Am Ende sitzen alle im gleichen Bus...
Der Höhepunkt dieses aufgestauten
Konflikts – der zunächst im Wischiwaschi-Verfahren wegdiskutiert, dann lächelnd
versucht wird zu ignorieren und in schließlich entblößender Art eskaliert –
stellt eine Konfrontation im Beisein eines befreundeten Pärchens dar, die einem
Gerichtsverfahren gleichkommt. Mit Stellungnahmen aller Parteien („Ich teile
die Interpretation dessen was passiert ist nicht“), Kreuzverhören,
Beweisvorlagen und dem in die Rolle des unfreiwilligen Verteidigers gedrängten
Freundes. Was einen Grundsatzdiskurs auch für die eigentlich nur Anwesenden hervorruft.
Eine kleine Lawine löst eine noch größere aus, reißt mehr mit und begräbt mehr
unter sich, als man denken könnte. Bis zu diesem Punkt ist „Höhere Gewalt“ ganz
dicht dran an den (indirekten) Vorbildern. Verdammt nah. Nur am Ende will man
sichtlich zu viel oder war sich unsicher, was denn nun angemessen ist.
Es wirkt bald so, als wolle Ruben
Östlund seine Auswahl an alternativen Enden dem Publikum nicht vorenthalten,
auch ohne eventuelles Bonusmaterial auf DVD/BD. Oder wollte sich nicht von
einer Idee trennen. Oder konnte sich nicht entscheiden. Oder meint ernsthaft,
dass dies alles nur in der Kombination sinnvoll und stimmig ist. Letzteres kann
man guten Gewissen verneinen. Der Schlussakkord ist über Gebühr ausformuliert,
überstrapaziert. Schon vor dem Abspann erreicht der Film bereits zweimal den
Punkt, an dem er mühelos ausklinken könnte, jedesmal mit einer leicht
differenten Note. Alles zusammen wirkt nicht entschlossen, zu viel des Guten.
Ein bedauerlicher Wehrmutstropfen, der dem Werk nicht seine Intensität und
Klasse nimmt, aber sie unnötig aushöhlt.