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Review: DOCTOR STRANGE – Kommt ein Arzt ins Multiversum...

1 Kommentar:

Fakten:
Doctor Strange
USA. 2016. Regie: Scott Derrickson. Buch: C. Robert Cargill, Jon Spaihts,Scottt Derrickson. Mit: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Benedict Wong, Mads Mikkelsen, Tilda Swinton, Michael Stuhlbarg, Benjamin Bratt, Scott Adkins, Zara Phythian, Alaa Safi, Katrina Durden, Topo Wresniwiro, Umit Ulgen, Linda Louise Duan, Mark Anthony Brighton u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 9. März 2017 auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.


Story:
„Doctor Strange“ erzählt von dem egozentrischen Neurochirurgen Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch), der nach einem Autounfall nicht mehr operieren kann, da seine Hände verletzt wurden. Verzweifelt begibt er sich nach Tibet zu der Einsiedlerin The Ancient One (Tilda Swinton), von der er sich Heilung verspricht. The Ancient One verwehrt ihm jedoch seinen Wunsch und ist zudem nicht nur eine Eremitin, sondern auch die magische Verteidigerin der Welt. Sie unterrichtet Doctor Strange in den mythischen Zauberkräften und bildet ihn zum Obersten Zauberer, zum Sorcerer Supreme, aus. Doch ein weiterer Schützling von The Ancient One, Baron Mordo (Chiwetel Ejiofor), könnte für Doctor Strange zu einer großen Gefahr werden.





Kritik:
Marvel wird endlich ehrlich! Oder zumindest teilweise, vor allem in zweierlei Hinsicht, wenn es um Neuling „Doctor Strange“ geht. So ist zum Einen im Presseheft weniger von einem Film, denn von einem Event die Rede, was die nicht allzu großen Anstrengungen in Sachen abgewetzter Dramaturgie im Vergleich zu den spektakulären Spezialeffekten motiviert. Zum Anderen gerät der Bösewicht des magischen Helden dadurch in die Bredouille, dass Strange ihn zum Gefangenen der Zeit macht, in welcher sich das Prozedere vom Erscheinen jenes Doktors bis ins Unendliche wiederholt, weil dieser zur Rettung der Erde schlicht nicht locker lassen kann. Die ungefähre Bewusstwerdung des Wiederkäuer-Franchise ist Scott Derrickson zu verdanken – sonst immer auf Horrorfilme („Sinister“) und den gelegentlichen Blockbuster-Gau („Der Tag, an dem die Erde stillstand“, 2008) abonniert, versucht er nun, den mystischen Touch im Superhelden-Genre zu etablieren, was er in vielerlei Hinsicht aus der Multiversums-These zu gründen versteht. Es wird da schon bezeichnend, dass dauernd von minimal variierten Dimensionen an parallelen Welten die Rede ist, wo hier doch das geläufige Narrativ der Heldensage/Origin-Topoi in gewohnter Manier das Abenteuer der Weltenrettung anvisiert, welches Derrickson jedoch seinem Metier gemäß schon früh mit Profundem wie „Orlac's Hände“ zu verbandeln scheint.

 
Mit Tapetenmuster der  1970er zur inneren Erleuchtung
Der talentierte und (sporadisch) gewitzte Chirurg Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) wacht nämlich nach einem folgenschwer computeranimierten Autounfall ohne Gefühl in seinen arg verunglückten Händen auf, welche bis dahin eben seine gesamte Behandlungskunst ausmachten. So sehr Regisseur Derrickson via jenem Milieu blutige Eindrücke des klinischen Horrors - auch mal mit suggestiver Dimensionsverschachtelung per Röntgenbild - in die Disney-Produktion einzuschmuggeln versucht, werden dem Stranger leider keine mörderischen Spenderhände angenäht. Stattdessen muss ein anderer Weg jenseits westlicher Medizin herhalten, welcher unseren Stephen auf eine Reise nach „Batman Begins“-Manier zusteuern lässt, die sich fortan zwischen Versatzstücken aus „Matrix“, „Inception“, „Casper“ und „Duell der Magier“ einzupegeln versucht. Jene Etablierung ist gewiss kein Kinderspiel, schließlich gibt sich Derrickson in seiner Inszenierung zwar geerdeter als manch anderer Kollege aus dem näheren Umfeld, flacht anhand dessen allerdings des Öfteren in der Dynamik ab. Diese will sich grundsätzlich im Kanon der „Avengers“-Bande wissen, beißt in krampfhaft konstruierten Charaktermomenten aber erst recht auf Granit, wenn der Dialog mit eingebauten Witzen aufzutrumpfen vermag, die man eben wortwörtlich nur als eingebaut bezeichnen kann - tolle Leistung, Dan Harmon...

 
Doctor Strange setzt auf Stil und Innenarchitektur
Eine Schande bei dem Ensemble, möchte man meinen, doch selbst wenn sich potenziell illustre Figuren wie Strange-Kollegin/Ex Christine Palmer (Rachel McAdams), der mysteriöse Zauberkrieger Mordo (Chiwetel Ejiofor) oder Die Älteste (Tilda Swinton) auf des verzweifelten Doktors Pfad der Erkenntnis versammeln, bleiben diese stets der umfassenden Mythologie unterworfen sowie teilweise ungenutzt zurück. Immerhin hat der Film seine thematischen Grundpfeiler sicher im Griff, wenn so oft auf Stranges Verhältnis zur Zeit hingewiesen wird, bis er eben Stück für Stück zum Meister eben dieser avanciert und somit ein gewisses Kurzweil aus Lernprozessen inklusive dimensional biegsamer Action schöpfen kann. Die Zeit drängt ohnehin, da der abtrünnige Magierscherge Kaecilius (Mads Mikkelsen - eindimensional, wenn auch ein bisschen sarkastisch) mit seinen Lakaien finstere Mächte heraufbeschwört, doch bis dahin dürfen trotzdem noch vielerlei Sparten der Zauberei ebenso ihr Showcase darbieten. Die Älteste z.B. lehrt das Geheimnis der Astralprojektion, damit jene außerkörperlichen Erfahrungen nicht als Geister bezeichnet werden müssen und der Film somit Regularien umschifft, die eine Aufführung im Box-Office-Mekka China verhindern könnten. Daneben verstehen es unsere deftigen Druiden ohnehin, global zu operieren, wenn sie Portale in jede unsichtbare Wand der Gegenwart einbrennen können, die Gegenseite im Zwischenraum der Dimensionen sodann willkürlich an der irdischen Architektur formt und expandiert. 

 
Frisbee spielen mit dem Multiversum
Ganz viele Gimmicks im Kaleidoskop der Effekte also am Start, die sich in ein stimmiges Paket schnüren lassen, wenn es auf die Zielgerade unter Übernatürlichen zugeht. Ben Davis' Kamera kann da auch noch so unbeholfen in der Kampfchoreographie wackeln und einen Kampfsport-erprobten Widersacher wie Scott Adkins verwässern: Was hier alles metaphysisch bewegt wird, darf sich als Bombast des Psychedelischen konzentriert hochjubeln. Tiefer gestapelt sind dagegen so manche Running Gags mit dem stoischen Zaubersprüche-Bibliothekar Wong (Benedict Wong). Ganz zu schweigen von diesem merkwürdigen Fetisch, Strange (als eine Art Charakterentwicklung?) mehrmals beim Rasieren zu zeigen. Unter jenem Merkmal männlichen Wachstums hat auch seine Beziehung zu Christine zu leiden, die der Film im Verlauf höchstens noch an die zwei Mal besucht, um an sein Ursprungsszenario der Chirurgie zu erinnern, sich danach aber mit einem Kuss von ihr verabschiedet, da er das alles jetzt allein unter Magiern regeln muss, babe. Manchmal erfüllt der Film eben Erwartungen, die einem wie aus der Steinzeit des Mediums scheinen (siehe z.B. den archetypischen Hinterhalt in einer düsteren Gasse), manchmal macht er aber auch Laune, wenn Morpheus Swinton der Skepsis des selbstunterschätzenden Strange zum kontinuierlichen Learning-by-Doing verhilft, ehe der Master mit den gebrochenen Händen sein ihn auswählendes Relikt zur Rettung der Menschheit erhält.


Der Simplizissismus der Marvel-Filme macht sich hier eben nicht allzu viel vor, aus ihrer Formel noch eine Aufregung fürs Oberflächliche zu schöpfen, so entschleunigt Derrickson menschliche Interaktionen durchkaut, erst im Strudel der Farben und magischen Möglichkeiten wirklich aufwacht und sogar Jumpscares anwendet, um Strange das eine oder andere Mal aus dem Herzstillstand aufspringen zu lassen. Natürlich kann ein Film nicht nur aus Höhepunkten bestehen und auch wenn ein Genre-affiner Zuschauer das meiste am Prozedere für sich vorkalkulieren könnte, ist wie gehabt für solide Unterhaltung im Sinne eines Mainstream-Konsens gesorgt. Wenn man ganz nett sein will, kann man sogar Sympathie für das Schicksal des Doktors empfinden, auch wenn es jenseits wahrer Verinnerlichung ausschließlich auf eskapistische Impulse der potenziell abgefahrenen Superkräfte trifft. Im Endeffekt wird so oder so ein Film hinterlassen, der gerne noch weiter nach allen Seiten ausschlagen, mehr noch, ein Event sein will (eine Fortsetzung im „Highlander“-Format kündigt sich dazu an), aber an jene Houdini-Zwangsjacken der Monetenzugänglichkeit gebunden ist, die insbesondere ein Scott Derrickson nimmer hätte lösen können – selbst mit Pink Floyd auf dem kultverdächtig zusammengestellten Soundtrack.


5,5 von 10 Rasierklingen


vom Witte

Review: HAIL, CAESAR! - Spott und Anerkennung für Hollywood

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Fakten:
Hail, Caesar!
USA. 2016. Regie und Buch: Joel und Ethan Coen. Mit: Josh Brolin, George Clooney, Alden Ehrenreich, Tilda Swinton, Scarlett Johansson, Max Baker, Channing Tatum, Heather Goldenhersh, Ian Blackman, Ralph Fiennes, Jonah Hill, Fisher Stevens, David Krumholtz, Frances McDermand, Christopher Lambert, Jack Huston, Tom Musgrave, Veronica Osorio, Patrick Fischler, Clancy Brown, Michael Gambon u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Ab 18. Februar 2016 im Kino.


Story:
Im Mittelpunkt der Story steht ein sogenannter "Fixer", der sich im Hollywood der 1950er Jahre für Filmstudios um die Imageprobleme ihrer Stars kümmert. Er sorgt dafür, dass aufkeimende Skandale mit allen Mitteln vertuscht und ähnlich Probleme diskret gelöst werden.




Meinung:
Mit „Hail, Caesar!“ bringen uns die oscargekrönten Regiebrüder Joel und Ethan Coen zurück zu der goldenen Ära des Studiosystems von Hollywood, also die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als Schauspieler noch bei Studios unter Vertrag standen und von diesem System bis ins kleinste Detail, sei es bei der Entscheidung der Rollen oder die Auswahl eines Lebenspartners, gesteuert wurden. Es ist die Heimat von Eddie Mannix (wie immer ganz wundervoll: Josh Brolin), der sich für die fiktiven Capitol Films um seine Schäfchen kümmert. Das alles inszenieren die Coens als wunderbare Geschichte, die angetrieben wird von Bewunderung und Spott. Zum einen huldigen sie der damaligen Zeit, ihrer Professionalität, künstlerischen Akribie und Strebsamkeit, zum anderen lassen sie auch immer einen ironischen Ton walten. Das was „Hail, Caesar!“ dabei so überzeugend macht, ist  dass er diese beiden Elemente nicht voneinander trennt, sondern immer miteinander vermengt.


Kennt sich aus in Hollywood: Eddie Mannix
Doch „Hail, Caesar!“ reicht es nicht aus das System oberflächlich zu karikieren. Auch die gesellschaftliche und vor allem politische Dimension spielt eine entscheidende Rolle. Wenn George Clooney, der hier wie immer bei den Coen Brüdern sich eigenes Image mit Wonne und Esprit verballhornt, von einer Gruppe Kommunisten entführt wird, dann wird klar, dass „Hail, Caesar!“ sich auch vor allem darüber amüsiert, wie sehr sich Hollywood damals bemühte, in den Zeiten als ein dritter Weltkrieg unvermeidbar schien, sein Publikum in andere, perfekte Welten zu entführen und dies nicht bloß auf der Leinwand, sondern auch abseits davon. Etwa wenn man versucht die Stars als universelle Saubermänner darzustellen.  Das alleine bietet eine Menge komödiantisches Potenzial und natürlich betreiben die Coens dieses Spiel mit einer großen Dosis Absurdität, wie natürlich auch immer wieder ganz plötzlich in Erscheinung tritt und doch immer auch zum damaligen Weltbild passt. Seien es zwei Zwillingsschwestern, die als Boulevard-Kolumnistin versuchen wollen Götter des Kinos zu erschaffen, um sie dann wieder zu zerstören, oder aber Starlets, die ohne Trauschein schwanger sind und nun vom Studio dazu angehalten werden, ihr eigenes Kind zu adoptieren.


Ein Star und sein Chef bei der Aussprache
Der genutzte Humor pendelt dabei stets von offensiv zu subtil. „Hail, Caesar!“ mag nicht die Komödie sein, in der man im Minutentakt die großen Lacher serviert bekommt, aber die perfektionistische Kopie der goldenen Ära Hollywood ist dennoch stets amüsant, weil sie stets durchdrungen ist von einer Künstlichkeit, die längst die Realität verdrängt hat. Selbst die Bedrohungen von außerhalb wirken herrlich überzogen und teilweise schon äußerst clownesk. Und dennoch lädt „Hail, Caesar!“ mehr als nur einmal zum ehrfürchtigen Staunen ein. Wenn die Coen Brüder mit höchster Konzentration damalig beliebte Genre wie Tanz- oder Synchronschwimmfilme reproduzieren glänz die Leinwand. Mit erstaunlicher Liebe zum Detail und einer inszenatorischen Perfektion die Demut erzeugt, schubsen die ihr Publikum für drei, vier Minuten in diese Welt der Formen und Farben. Natürlich wird das alles kurze Zeit später wieder ironisch durchdrungen und hinterfragt, das ändert aber nichts daran, dass die Matrosentanzszene mit Channing Tatum oder Wasserballett mit Scarlett Johansson schlicht und ergreifend ganz großes Kinos ist.


Hobie Doyle, der heimliche Star des Films
„Hail, Caesar!“ selbst ist hingegen nicht wirklich großes Kinos. Dafür hat der Film hier und da schon ein paar Hänger zu viel und verliert sich gerne auch einmal in Nichtigkeiten. Dennoch weiß die Komödie zu überzeugen und dass nicht nur wegen ihrer formidablen Besetzung, bei der man allerdings erwähnen sollte, dass die meisten Superstars nur in kurzen Nebenrollen auftreten. Der wahre Star des Films ist sowieso Alden Ehrenreich als Cowboy-Darsteller Hobie Doyle. Eine Figur die schon ein wenig zu sehr als Comic Relief aufgebaut wird, die letztlich aber dann doch vielleicht die ehrlichste und aufrichtigste ist, die „Hail, Caesar!“ zu bieten hat. In ein paar Jahren wird man sich gewiss nur an manche Szenen des Films erinnern und es werden die mit Hobie Doyle sein, von denen man sagen wird, dass sie wohl das Beste am ganzen „Hail, Caesar!“ waren. Wobei die Coens – ganz nach ihrer Art – natürlich wieder Unmengen von kleinen Späßen eingebaut haben, die sich vermutlich erst nach einer weiteren Sichtung offenbaren.


Für alle die, die einen neuen „The Big Lebowski“ erwarten sei gesagt, dass sich „Hail, Caesar!“ nicht an diesem messen lassen kann. Es sind dafür einfach zu verschiedene Welten und Ansätze, die die Coens hier verfolgen. Aber selbstverständlich bietet auch dieser Film der legendären und kultig verehrten Regiebrüder durchdachte, vielschichtige und überaus gelungene Unterhaltung, die einen wunderbaren Schlusspunkt findet: Am Ende steht Eddie Mannix nämlich vor der Wahl was das richtige ist: Die Traumfabrik oder eine Todesmaschinerie zu unterstützen. Seine Entscheidung erweist dabei als wohl beste, ehrvollste aber auch durchdachteste Huldigung des Kinos seit langem.



7,5 von 10 Spaghetti-Lassos

Review: DATING QUEEN – Vergesst die weibliche Selbstbestimmtheit

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Fakten:
Dating Queen (Trainwreck)
USA. 2015. Regie: Judd Apatow. Buch: Amy Schumer. Mit: Amy Schumer, Bill Hader, Brie Larson, Tilda Swinton, John Cena, Ezra Miller, Colin Quinn, Jon Glaser, LeBron James, Method Man, Randall Park, Marisa Tomei, Daniel Radcliffe, Norman Lloyd u.a. Länge: 124 Minuten. FSK: freigegebe ab 12 Jahren. Ab 21. Januar 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
„Monogamie ist unrealistisch“ – mit diesem Mantra wurde die kleine Amy von ihrem Vater großgezogen und als erwachsene Reporterin eines Männermagazins lebt sie danach auf der Dauerparty-Überholspur. Sex, Drugs und Rock’n‘Roll – ungebunden, frei und ohne die einengende Langeweile des romantischen Beziehungslebens. Doch als sie für einen Magazin-Artikel auf den charmanten Sportarzt Aaron Conners trifft, beginnt ihr langsam klarzuwerden, dass es da draußen vielleicht doch mehr, als nur einen Haufen Spaß und reihenweise Dates geben könnte.




Meinung:
Ernüchternd. Genau so lässt sich das Gefühl beschreiben, welches „Dating Queen“ nach dem Abspann als erstes freisetzt: Pure Ernüchterung. Judd Apatow, den man ja gemeinhin als einen Filmemacher kennengelernt hat, der seine Figuren nicht zu bloßen Abziehbildchen erklärt hat und als vollautomatisierte Folie für das Drehbuch ausnutzte, sondern ihnen ja durchaus in ihre Gefühlswelt zu folgen versuchte, soweit es die produktiven Umstände zugelassen haben. Mit „Dating Queen“ aber ist Apatow wieder im konservativen Niemandsland seines Spielfilmdebüts „Jungfrau (40), männlich, sucht...“ angekommen und setzt seiner Protagonistin Amy (Amy Schumer) einer vollkommen verklemmten Bedingung aus, um die Glückseligkeit in ihrem Leben zu finden: Monogamie, das höchste Gut im heteronormativen System! Und eigentlich hat man den Braten ja schon gerochen, als es zu Anfang noch eine Rückblende zu sehen gab, in der Amy und ihre Schwester Kim (im Erwachsenenalter gespielt von Brie Larson) von ihrem Vater (Colin Quinn) mantraartig eingetrichtert bekommen, dass Monogamie schlichtweg unrealistisch ist. Amy jedenfalls hat sich an die Worte ihres Vaters gehalten und vögelt sich unbekümmert durch New York, während Kim eine Familie hat und Amys (angebliches) Fehlverhalten so den Spiegel vorhält: „Dating Queen“ nämlich ist der festen Überzeugung, dass Amys polygames Leben tatsächlich verwerflich ist und die vollkommene Erfüllung grundsätzlich in einer Beziehung mit einem rechtschaffenen Mann steht (in diesem Fall Bill Hader als Schwiegermuttis Liebling). Und dass es da wirklich noch Leute geben soll, die in „Dating Queen“ subversive oder gar feministische Tendenzen eruieren, stimmt schon irgendwie traurig.


4 von 10 Arschlöchern zum Frühstück


von souli





Meinung:
Amy Schumer, die unter anderem mit einem Sketch über die Eigenarten des hollywood’schen Umgangs mit seinen Schauspielerinnen, wechselt nun also vom Fernseh- in das Kinofach. „Dating Queen“, der Originaltitel lautet „Trainwreck“, heißt die Chose und wurde von ihr geschrieben und in wahrscheinlich enger Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Comedy-Hans Judd Apatow inszeniert. Und auch wenn man das bekommt, was ein Film verspricht, auf dem Amy Schumer draufsteht, kommt man nicht um ein wenig Enttäuschung umhin. Der Film macht zwar einen auf anarchistisch und subversiv in der Darstellung der Frau und rüttelt damit das alte Klischeedenken ein wenig auf, traut sich aber nicht, diese Gedanken ordentlich zu Ende zu führen. In Nebensätzen wird das zwar gerne immer mal wieder angehauen, aber dann auch schon wieder ein wenig abgeschwächt, fast so, als wolle man das Publikum nicht überfordern. Wie wenn man ein böses Wort aufschreibt und es dann ganz hastig wieder bis zur Unkenntlichkeit durchstreicht. Und ansonsten? Nun, ansonsten ist das hier eine ganz normale Liebeskomödie mit den altbekannten Mustern und Handlungswegen. Die frischesten Momente sind einmal mehr die Cameo-Auftritte, wobei die auch nur bedingt hinhauen. Lebron James ist da tatsächlich ein Lichtblick. Ansonsten ist es die gleiche Nummer, wie bei Melissa McCarthy-Filmen. Inszenatorisch so interessant wie der Mitschnitt eines Stand-Up-Programmes, dramaturgisch und humoristisch so überraschend wie Regen in Deutschland. Nicht wirklich toll, aber auch nicht wirklich schlecht, weil Amy Schumer und Bill Hader halt irgendwie gut funktionieren. Durchschnittskost mit einer zu langen und nicht zu rechtfertigenden Laufzeit, mit einigen netten Momenten. Neue Ideen sucht man aber vergebens.


5 von 10 unerkannten Stars


von Smooli

Review: THE ZERO THEOREM – Warten auf eine Erklärung

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Fakten:
The Zero Theorem
UK. 2013. Regie: Terry Gilliam. Buch: Pat Rushin.
Mit: Christoph Waltz, Mélanie Thierry, David Thewlis, Lucas Hedges, Matt Damon, Tilda Swinton, Peter Stormare, Ben Whishaw u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In einer nicht näher benannten Zukunft sucht der Programmierer Qohen Leth abseits seiner Arbeit nach dem Sinn des Lebens. Die Suche nach dem alles erklärenden „Zero Theorem“ wird für ihn dabei mehr und mehr zur Obsession.





Meinung:
Terry Gilliams "The Zero Theorem", der nach "Brazil" und "Twelve Monkeys" den Abschluss der sogenannten Orwell-Trilogie bildet, ist selbst für Gilliams Verhältnisse ein eigensinniger Film. Das fällt vor allem dann auf, wenn man versucht, die Handlung zusammenzufassen: Der soziophobe und latent autistisch wirkende Qohen (großartig dargestellt von Christoph Waltz) arbeitet für ein großes Unternehmen am sogenannten Zero Theorem, während er privat fieberhaft auf einen mysteriösen Anruf wartet. Punkt. Das ist, grob gesagt, die Handlung. Doch worin genau besteht Qohens Arbeit? Was ist sein Hintergrund, sein Werdegang? Was steckt hinter dem Zero Theorem? Und welchen Plan verfolgt der Chef des Unternehmens (Matt Damon), für das Qohen arbeitet?


Qohen ist in guten Händen
Vieles bleibt hier verborgen, vieles wird angedeutet, stellenweise expliziert, aber dann - offenbar bewusst - wieder verwischt. Wir sehen Qohen bei der Arbeit zu, schauen mit ihm auf seinen Bildschirm, und verstehen doch nicht. Die Visualisierung seines Jobs - Würfel mit Formeln und Zahlen darauf, die im virtuellen Raum umhergeschoben werden - stellt bereits die höchste Stufe des explizierenden Entgegenkommens dar. Den Rest müssen wir uns selbst zusammenreimen.Das liegt jedoch weniger an der Faulheit Gilliams, und ebensowenig am bescheidenen Produktionsbudget (für das auf visueller Ebene absolut Beachtliches geleistet wurde). Vielmehr scheint "The Zero Theorem" mit diesem Verwirrspiel die Bedeutung seiner Botschaft direkt am Publikum praktisch zu illustrieren: Es gibt Dinge, in denen sich kein intrinsischer Sinn erkennen lässt. Darum konstruiert euch den Sinn selbst! Denn genau das ist - Spoiler Alert - die Einsicht, die auch Qohen im Laufe dieser initiatorischen Geschichte hat, beziehungsweise: Die ihn von außen mit aller Härte trifft. Schließlich wartet er schon seit Jahren auf den einen Anruf, der ihm den Sinn seines Lebens mitteilt. Ein Anruf, der jedoch niemals kommen wird - so viel weiß Qohen am Ende. 


Es gibt Dinge, in denen sich kein intrinsischer Sinn erkennen lässt. Das Leben ist eines davon. "The Zero Theorem", wenn man ihn von all jenen 'klassischeren' Genreelementen befreit, die er durchaus auch besitzt (Überwachungswahn, virtuelle Realitäten, übermächtige Konzerne, et cetera), ist daher im Kern ein zutiefst existentialistischer Film. Dabei vermeidet das Drehbuch von Pat Rushin jeglichen Selbstfindungskitsch, aber auch allzu großen Zynismus, und verdeutlicht anhand des Protagonisten und dessen schwieriger Sinnsuche vor allem eines: Leben bedeutet "zur Freiheit verurteilt zu sein" (Jean-Paul Sartre). Dass dies in extremen Fällen in eine einzige bedrohliche Angstspirale führen kann, führt der Film uns ebenso vor Augen wie die stets vorhandene Möglichkeit des Ausstiegs aus derselben. Wie ein solcher Ausstieg aus dem Gefühl existentieller Verlassenheit aussieht, wissen wir nicht einmal - auch nicht in Bezug auf Qohens konkreten Fall - dann, wenn der Abspann läuft, denn dazu werden gegen Ende verschiedene Realitäts- und Wahrnehmungsebenen zu sehr verwischt. Im Geiste des Filmes heißt es somit schließlich für den Zuschauer, sich seinen eigenen Sinn des Ganzen zu konstruieren. Wo die Arbeit von Gilliam und Konsorten endet, beginnt die Arbeit im Kopf des Rezipienten. Das ist Genrekino mit Anspruch.


7 von 10 virtuellen Zahlenwürfeln


von Ben Kenobi

Review: SNOWPIERCER – Mit der Revolution in die südkoreanische Königsklasse

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Fakten:
Snowpiercer
Südkorea, USA. Regie: Bong Joon-ho. Buch: Kelly Masterson, Bong Joon-ho,
Jacques Lob (Vorlage), Benjamin Legrand (Vorlage), Jean-Marc Rochette (Vorlage). Mit: Chris Evans, Song Kang-ho, Ko Ah-seong, Jaime Bell, Tilda Swinton, John Hurt, Octavia Spencer, Ed Harris, Alison Pill, GoAh-sung u.a. Länge: 126 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 23. September auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Menschheit hat eine neue Eiszeit verursacht und befindet sich nun am Rande der Ausrottung. Die wenigen Überlebenden fahren in einem großen Zug durch die eisigen Reste der zivilisierten Welt. Dabei herrscht im Zug eine klare Hierarchie: die armen leben in den hinteren Abteilen, die Reichen in den vorderen. Es kommt zu einem Aufstand.





Meinung:
Jetzt muss es sein - Revolution! Wir wissen nämlich schon schnell Bescheid: totalitärer Horror im Aufdrängen, Enge und Verrottung in der hintersten Ecke, die einem in diesem letzten Aufgebot der Menschheit übrig bleibt. Ein Zugabteil in Leid & Schmerzen, groteske Fratzen regieren mit eiserner Hand von vorne heraus. Doch eingepfercht in diesem Endzeit-Szenario ist auch bei ihnen Rationierung der Mittel unumgänglich - der Vorstoß aus der Misere gelingt, die Unterschicht bricht Abteil für Abteil hindurch in der Hoffnung auf Freiheit. Eine ganz simple Angelegenheit, ein nachvollziehbares Aufbegehren - was dahinter steckt, wird auf dem Weg erklärt, der Schuss nach vorne ist aber zunächst mal die Faustregel. Dafür muss man räudigst schlagen, reißen, schlitzen, zerhämmern...bluten ohne Ende. Nicht lange fackeln ist die Devise, doch die irrwitzigen Offenbarungen häufen sich - Regisseur Bong Joon-Ho entlädt ordentlich Wut und Schmerz in seine dampfende, ratternde Maschine, doch die kleinen, wundersamen und verzahnten Rädchen im Komplex bringen sie erst zum Laufen. Und so bauen sie sich auf zu unmöglichen Barrieren - brachial-nervöse Zurückhaltungs- und Durchschlagsmaßnahmen auf kleinstem Raum: eine Schlacht für die Gerechtigkeit vs. den Status Quo, aufgelöst in spannender und eigenwilliger Virtuosität. Doch auch diese Wahnsinnsvision beherbergt ein Gleichgewicht, ein Streben nach Harmonie auf ökonomischer Grundlage - mit jedem noch so perfiden Mittel.

 
Und jetzt alle: Cheese
Das spiegelt sich auch in der Gestaltung des Films wieder: geradliniger Powerstoff, vermengt mit einem schelmischen Zynismus. Aber auch mit einer makabren Poesie, eine südkoreanische Spezialität: die Faszination mit Armen und Amputationen als bereitwillige Opfer und Täter; die eigentliche, faux-darwinistische Verbundenheit und gegenseitige Ergänzung von Arm und Reich in diesem konzentrierten Ambiente; der Pathos von Volksbegehren und auserwähltem Schicksal - alles im Grunde auch melodramatisches Hollywood- oder Eisenstein-Material, hier jedoch mit bizarrem Charme in hitzige und verräterische Manie eingetaucht, solange man aber noch nach vorne kommt. Doch ist man einmal angekommen, ist der Zauber von Freiheit nur eine Lüge, Mittel zum Zweck - dort steht man dann von vorne aus mit dem schnaufenden, zerbeulten Gesicht, schaut nach hinten durch: dort drüben am stählernen Horizont ist die letzte Bastion der Menschheit, nichts sonst ist erhalten geblieben. Was bleibt einem da noch übrig, außer die Maschine am Leben zu erhalten? Antwort: ein Hauch von Hoffnung, von Selbstbestimmung und offener Menschlichkeit - der Weg aus der ökonomischen Enge, hinein in das weite Risiko der Eiszeit...ein zwiespältiger, schimmernder Wahnsinn mit göttlicher Fügung.


Snowpiercer: eine allgemein-verständliche Dystopie in aufbrausender, cineastischer Zersetzung. Und doch hat jede noch so lockere Schraube zum gnadenlosen Schub der Emotionen, der Wunder, des zelebrierten & bitter-nüchternen Blutvergießens und der astrein-originären Pointen formvollendet beigetragen. Kein Wunder, dass das Raus- und Herumschneiden nicht gelingen wollte. Die südkoreanische Königsklasse individueller, gewitzter Provokateure hat nämlich die Oberhand behalten - die wissen, was sie tun und ziehen selbstbewusst mit jedem Atemzug auf jedem Meter, mit einer Kiste voller Überraschungen durch. Eine außergewöhnliche, direkte Liebschaft mit Genre-affiner Gefahr, ohne Tempomat, im zackigen Schleudergang. Ich gebe mein Herz für diese Revolution - jetzt und auf ewig.


8,5 von 10 vereisten Schienen


von Witte