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Review: LAST MAN STANDING - Wahre Kerle gegen falsche Kerle

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Fakten:
Last Man Standing
USA. 1996. Regie: Walter Hill. Buch: Walter Hill, Akira Kurosawa (Vorlage), Ryuzo Kikushima (Vorlage). Mit: Bruce Willis, Christopher Walken, Bruce Dern, Leslie Mann, William Sanderson, Michael Imperioli, Ken Jenkins, Alexandra Powers, Karina Lomard, David Patrick Kelly, R.D. Call, Ned Eisenberg, Ted Markland u.a. Länge: 96 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Texas, in den 1930er Jahren: Ein Fremder, John Smith, kommt zufällig in ein kleines Wüstenkaff, in dem sich zwei rivalisierende Gangsterbanden bekriegen. Smith, der lieber schießt als redet, wird von beiden Bandenchefs angeheuert, um die Feinde kaltzustellen. Für Smith eine gute Gelegenheit beide Parteien gegeneinander auszuspielen.





Meinung:
In meinen objektiven Augen ein etwas unterschätzter Film. Klar, wir können Tage lang darüber diskutieren, welch großen Impact die Story-technischen Vorgänger 'YOJIMBO' und 'FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR' auf unsere hochentwickelte Filmkultur hatten, während dieser Film von Walter Hill hier nicht mal einen Bruchteil davon erreichte. Kann ich ja verstehen, auch wenn ich nicht glaube, dass er es überhaupt darauf angelegt hatte. Auf jeden Fall hat er sich ein bisschen respektvoller an die Sache gemacht, als 2 Jahre später John G. Avildsen mit seinem Van-Damme-INFERNO, aber die eigenen, stilistischen Qualitäten dieses Films sprechen ohnehin ausgezeichnet für sich selbst - da will ich mal nicht vergleichen, sondern mich einfach nur freuen, dass Hill seiner Linie für furcht- und kompromissloses Genrekino treu geblieben ist und durchweg eine schwüle Spannung in die Luft injiziert, die jeden in diesem texanischen Gangster-Hort von Jericho bis zur härtesten Paranoia brodeln lässt.


Hier zu sehen ist eine Dialogszene
Denn der Tod wartet schon entspannt mit der Sense um jede Ecke, die Hölle unter den Füßen sowieso und mittendrin das fatalistische Ventil dafür anhand eines Mannes, genannt John Smith (Bruce Willis), dem es als abgebrühter, sperriger Opportunist scheißegal ist, ob er blutig zusammengeschlagen oder angeschossen wird, solange das Geld hinein fließt (Ok, wütend ist er dann schon - aber keiner, der sich davon zu unbedachten Dummheiten hinreißen lässt, wie all die anderen dort). Ehrenkodex? Bei solch einer Gesellschaft gar nicht nötig - die einzige Sympathie spürt man beim allgemeinen Volk und bei den Frauen, die er aus den schlampig-brutalen Griffen der Mobsters rausholt und in so eine Art Freiheit schickt (weshalb jene pseudo-taffen Arschgeigen auch langsam ihre Macht beim Schwinden zusehen können, auch wenn sie es nicht glauben mögen). Denn es wird bald nicht nur mächtig dreckig und staubig in diesen Gefilden (den Look hält der Film durchweg vor die Augen), sondern vorallem blutrot und in Flammen brutzelnd, wenn die Gemüter der Intrigen eskalieren, durch Doppelbeschuss der Colts und Magnums in die Stratosphäre gepfeffert werden.


Langsam sterben ist okay, aber zielen muss man schnell
Da ist Smith im Grunde zwar ein nihilistischer, doch von allen Seiten betrachtet auch (un)freiwillig rechtschaffener Katalysator des Karmas, gegen das nicht mal das Gesetz wirklich was zu sagen hat, bis es zwangsläufig einschreiten müsste - was es bezeichnenderweise nie tut (dass es ab und an mal regnet, kann man auch nicht als Deeskalation werten). Das wirkt hier eh nur noch verloren, inmitten dieses zerschmelzenden Wirbelsturms keifender Machtspiele und rabiater Gewaltausbrüche - unterlegt von einem Soundtrack aus dem Hause Ry Cooder, der wie das quälend-lang-über-die-Haut-angesetzte Abstreifen von Klingen wirkt und wie der Gesamtfilm dazu erst recht keine Hoffnung auszuteilen versucht. Da werden dann auch schon mal Unbewaffnete erschossen oder ein Auge in Matsch verwandelt, aber in jener unsicheren 'Männer'-welt sind das auch nur überhastete Zeichen der Schwäche - vorallem dann, wenn Smith dagegen trotz allem noch gerade steht und keine Miene verzieht. Da scheißt sich schon jeder in die Hosen - aber abwarten, bis er schließlich mit Narben im Gesicht zurückkommt, angepisst in den vermurksten Spiegel schaut, seinen Hut aufsetzt und zum schnittig-schnörkellosen Gemetzel der feigen Banden ansetzt.


Mifune und Eastwood haben dafür schon den Weg geebnet, total, aber diese Eminenz eines transparenten, Bullshit-freien Kerles lässt sich ebenso wenig verarschen. Eben ein typischer, vorausschauender Hill-Charakter, wie auch Christopher Walken als Hitman Hickey, die einzig-ebenbürtige Eigenmacht in dieser aneinander reibenden Darbietung ideologischer Souveränität (ein durchgängiges Thema im Werk des Regisseurs). Sicherlich beherbergt ihr brachiales Handeln dann auch eine stumpfe Direktheit und eine gleichsam zynische Aura, mit einer zu erwartenden, schroffen Reaktion von der Gegenseite dazu - aber das ist dann wenigstens ehrlicher, konsequenter Mumm, jenseits von schicken Anzügen und Bündeln an Geldscheinen, die Macho-mäßig was hermachen wollen, aber eher nur Furcht projizieren. Und wer das nicht begreift, wird von einem nackten Bruce Willis erschossen, nachdem er gerade noch zur Entspannung seinen Prügel in eine Dame der Nacht gesteckt hat und selbstverständlich bereits zwei Knarren in der Hand hat, sobald er angegriffen wird - wichtig ist dabei aber auch: er prahlt nicht damit herum und reißt One-Liner, sondern bleibt wie der Film ein scharfer, methodischer und dennoch heißblütiger Beobachter. Ist das nicht einfach die coolste, righteous Sau? Oder doch eben ganz einfach und ohne Frage der LAST MAN STANDING.


7 von 10 Rückenschüssen


vom Witte

Review: JIM CARROLL - IN DEN STRASSEN VON NEW YORK - Zwischen Kunst und Absturz

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Fakten:
Jim Carroll – In den Straßen von New York (The Basketball Diaries)
USA. 195. Regie: Scott Kalvert. Buch: Bryan Goluboff, Jim Carroll (Vorlage). Mit: Leonardo DiCaprio, Lorraine Bracco, Ernie Hudson, Mark Wahlberg, Bruno Kirby, Juliette Lewis, James Madio, Michael Imperioli, Brittany Daniel, Alexander Chaplin u.a. Länge: 90 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Nach einer wahren Geschichte. New York in den 1960er Jahren: Teenager Jim Carroll lebt für den Basketball. Er gilt als talentierter Spieler, doch noch mehr als der Sport wird er und seine Teamkameraden von Drogen angezogen. Und so gerät Jim immer mehr in einen Strudel aus Sucht und Verbrechen.





Meinung:
Wenn Jim Carroll, inzwischen längst in den Klauen der Abhängigkeit gefangen, wieder mal vollkommen benebelt von der letzten Line in der Badewanne liegt und dabei krampfhaft versucht, seine Augen irgendwie offenzuhalten, um in seinem Tagebuch die letzten Zeilen seines gegenwärtigen Gefühlszustands zu dokumentieren, kommt es zu einem memorablen Augenblick von ungemein symbolischer Natur: Der Junge aus Manhattan, der sein geliebtes Basketballtraining aufgrund des Drogenkonsums aufgeben musste, der von seiner katholischen Schule geflogen ist und sich auch von seinem letzten familiären Bezugspunkt, seiner Mutter, abwendete, der quasi alles verloren hat, schliddert mit geweiteten Pupillen langsam seinem Ende entgegen. Doch seine Passion, die Rhetorik, die Poesie, die Kunst im Allgemeinen, will ihn nicht loslassen, rüttelt ihn in mahnender Manier immer wieder wach, fleht um seine Besinnung, schreit nach Vernunft, kämpft freimütig gegen Windmühlen.


Voll am Arsch: Jim Carroll
Diese Kunst hat ihm zwar letztlich nicht das Leben gerettet, seine Erlösung, die ihm den entscheidenden Entzug ermöglichte, tritt schließlich in einer ganz anderen Form auf, sie machten ihn und seine in der Literatur hochgeschätzten Basketball Diaries aber zu einer abschreckenden, aufklärenden und auch hoffnungsvollen Referenz für all die, die sich in einer ebenso ausweglosen Situation wie einst Carroll in seiner Jugend befanden und den Glauben an sich selbst und die Welt verloren haben. Dass das Drehbuch die autobiographische Vorlage nun aus den 1960er Jahren hebelt und in 1990er Jahre verpackt, büßt gewiss einen Bruchteil an realitätsbezogener Authentizität ein, tut der filmischen Narration  aber keinen Abbruch, weil sie sich dennoch genau auf die elementaren Aspekte konzentriert, die für ihre Entfaltung keinen festen zeitlichen Rahmen beanspruchen: „Jim Carroll“ ist sowohl Milieu- als auch eine Charakterstudie, aber kein konkretes Zeitportrait.


Scott Kalvert und Bryan Goluboff gelingt es, die signifikante Botschaft Carrolls zu vermitteln, ohne sich aber in überstilisierten Melodramatik oder falscher Glorifizierung seiner Charaktere, vor allem natürlich Jim Carroll, zu wälzen. Obgleich man „Jim Carroll“ gerne in die Sparte des obligatorischen Drogenfilms einquartieren möchte, ist Scott Kalvert doch eher an einem Film gelegen, der sich nicht allein auf den Konsum und Entzug fokussiert, sondern seinem titelgebenden Protagonisten ein facettenreiches Innenleben verleiht, in dem den Drogen und Carrolls schrecklichen Exzessen natürlich eine große Rolle zu Teil wird, der emotionale Ursprung hingegen, seine Entwicklung und das Verlangen nach Ablenkung und Verdrängung, genauso zentriert wie honoriert. „Jim Carroll“ geht letzten Endes allerdings nur deshalb so gut auf, weil er mit Leonardo DiCaprio einen herausragenden Hauptdarsteller vorzuweisen hat, der sich nach „This Boys Life“ und „Gilbert Grape“ erneut in schauspielerische Höhenlagen katapultiert und bereits mit diesem Auftritt in seiner noch so jungen Karriere bewiesen hat, dass er ein absoluter Ausnahmeperformer ist. Groß.


7 von 10 Tagebucheinträgen


von souli

Review: OLDBOY - Näher dran und doch weit entfernt

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Fakten:
Oldboy
USA. 2013. Regie: Spike Lee. Buch: Mark Protosevich. Mit: Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Sharlto Copley, Samuel L. Jackson, Michael Imperioli, Lance Reddick, Richard Portnow, Max Casella, Rami Malek, Greg Damon, Pom Klementieff, James Ransome, Linda Emond u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.Ab 10. April 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Als Joe eines Morgens seine Augen öffnet befindet er sich mitten in einem Alptraum wieder: Er ist in einem kleinen, fensterlosen Zimmer gefangen. Aus dem Fernseher erfährt er, dass seine Frau ermordet wurde und er als Verdächtiger gilt. Wer tut ihm das an? Warum? Wieso? Diese Fragen wird er sich die nächsten 20 Jahre stellen, bis er überraschend freigelassen wird. Nun zählt für Joe nur noch eines: Rache.





Meinung:
Die Einleitung dieser Review möchte ich nutzen um klar zu stellen, dass ich ein großer Verehrer des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook („Durst“, „Stoker“) und seiner Werke bin. Vor allem „Oldboy“ ist für mich eine Perle von Film. Ein grandioser, cineastischer Schatz. Ein Meisterwerk bei dem es mir schwer fällt die Worte zu finden, die die Größe dieses Werk richtig beschreiben und zusammenfassen (mein Kollege Kobbi hat es in seiner Review versucht). Als Fan von „Oldboy“ war ich natürlich wenig angetan von den diversen Remakeplänen bei denen auch Namen wie Will Smith und Steven Spielberg zu hören waren. Nun ist es Regisseur Spike Lee („Malcolm X“, „InsideMan“), der die US-Fassung des asiatischen Kultfilms übernahm. Das dabei herausgekommende Endergebnis zählt für mich als Cineast wie auch als Fan des echten Oldboys zu einem der größten Kinoenttäuschung des bald beendeten Kinojahrs 2013. Wenig überraschend, ich weiß, aber ich habe für diese Meinung meine Gründe.


Joe und Krankenschwester Marie auf Spurensuche
Ein gutes Remake ringt der Vorlage neue, vielleicht noch völlig unbekannte oder vernachlässigte Facetten ab. Im Plagiat sollte ein neuer Ausdruck zu finden sein. Neue Ansichten- und evtl. Herangehensweisen, die das Bekannte in ein neues Licht stellen. Auch wenn der Remakewahn immer fratzenhaftere Züge annimmt, so gibt es doch eine Vielzahl von Filmen, die eine Neuinterpretation durch aus anbieten würde (ein paar dieser Filme haben wir hier zusammengetragen). „Oldboy“ gehört nicht dazu. Das hält die Produzentenmeute aus Hollywood aber natürlich nicht auf, immerhin besitzt der Film gefühlt dutzende von gut kopierbaren Einstellungen und Bildern. Ein Basar feinster visueller Spielerein und Kostbarkeiten. Und dieser Basar wird auch ordentlich geplündert. Doch was hinter den ikonischen Bildern steckt, die Bedeutung, das wahre Innere, wird dabei mit Füßen getreten. Warum? Weil es unbeachtet bleibt.


Egal ob Original oder Remake: Kein "Oldboy" ohne Hammer
Während Spike Lee bekannte physische Motive des Originals noch aufgreift – nur um sie plump als handelsüblichen Fan Service darzubieten – bleibt die psychologische sowie poetische Ebene des Remakes ein kaltes Nichts. Ein lustloses Abarbeiten all jener Szenen und Bilder, die den Kult rund um Chan-wooks Mittelteil seiner Rache-Trilogie seit Jahren zur verlässlichen Quelle von Postern und anderen dekorativen Devotionalien machen. Hier jedoch wird dem Zuschauer der Schlüssel zur Imagination, zur Erstellung eigener Bilder und Ansichten verwehrt. Alles wird gezeigt. Für den Augenblick der Betrachtung mag dies härter und kräftiger erscheinen als beim südkoreanischen Rachefeldzug, doch diese Wirkung haftet nur einen kurzen Augenblick. Danach entschwindet sie wieder. Nichts setzt sich fest. Vor allem Joe nicht. Das besonderer an Oh Dae-su war, dass seine Figur etwas Animalisches hatte. Die Zeit in seiner Zelle, sie vernichtete nicht nur Träume und Hoffnungen, sondern auch seine Menschlichkeit. Lees „Oldboy“ hingegen fehlt dieses Attribut. Dafür erweitert er die Exposition des Charakters, macht aus ihm sogar einen Alkoholiker. Dabei ist es gewiss durchaus mutig, dass nicht versucht wurde Joe, den amerikanischen Oh Dae-su, sympathisch darzustellen, aber wie krampfhaft versucht wird dem Zuschauer zu beweisen, ja regelrecht unter die Nase gerieben wird, welcher antisoziale Persönlichkeit er ist, wirkt verkrampft, unnötig und raubt der Film einiges an Tempo. Nicht nur bei der Charakterisierung der Hauptfigur beweist „Oldboy“ durchaus Mut. Auch die Auflösung hätte schlimmer ausfallen können, aber obwohl diese durchaus an den Magentritt des Originals heranreichen könnte (eine Eigenschaft die das erste „Oldboy“-Remake, der indische Thriller „Zinda“, schmerzlich vermissen ließ), wirkt es eher schwächlich umgesetzt. Der Grund? Der liegt an der Umsetzung des Masterminds hinter Joes Gefangenschaft. Der südafrikanische Darsteller Sharlto Copley („District 9“ „Elysium“) gleicht der Parodie eines Schurken. Mit seiner körperlichen Erscheinung und seiner gesamten Körpersprache würde eher als Bond-Gegenspieler passen. Dazu wirkt die gesamte Dramatik des Films viel zu schwächlich. Es ist nicht mehr eine donnernde Faust die gegen Stein schlägt, sondern mehr ein impertinentes Kratzen gegen den Juckreiz der Ideenlosigkeit.


Kellermeister Chaney
Spike Lees Versuch einer der (zumindest für den Autor dieses Textes) besten Filme aller Zeiten neu zu interpretieren ist misslungen. Vollständig. Dieser „Oldboy“, er wirkt so als ob die Macher nicht verstanden haben oder es verstehen wollten, dass es in der Geschichte  um Rache geht, aber eben auch um eine Entwicklung und vor allem um Einsamkeit. Die Szenerie mit Joe in seiner Zimmerzelle entbehrt jedweder Intensität. Während bei Chan-wook ein Off-Kommentar von Oh Dae-su die Ereignisse begleitete und so ins Seelenlebe des Protagonisten einen Einblick gewährte, bleibt Joe im Remake profillos. Es sind die Details des Originals etwa wenn Oh Dae-su erklärt wie wichtig der Fernseher ist, die eine wirkliche Kraft haben, nicht die Kampfszenen. Auf die versteift sich das Remake aber und hier verfestigt sich der Gesamteindruck des Films. In der legendären Schlacht, innerhalb der Flure des Zellenkomplexes, hatte die Kamera weit größeren Abstand als bei Lee. Das ist bezeichnend. Lee geht überall näher heran, außer bei dem was wirklich zählt. Mehr optische Nähe, weniger Phantasie und Psychologie. Zugegeben nicht der eleganteste Vergleich aber er drängt sich auf.


Joe winselt nach Freiheit
Weniger aufdringlich und damit ein weiteres Teilstück im Versagens-Mosaik des Remakes ist der fehlende Exzess. Park Chan-wook gelang es meisterlich die aufgestauten Gefühle der Hauptfigur, bestehend aus Wut, Misstrauen und Einsamkeit, in einen aggressiven Sturm zu wandeln. Ein Sturm, der auch sexuelle und vor allem Komponenten der Verzweiflung innehatte. Jederzeit spürbar dank des grandiosen Spiels von Choi Min-sik („New World - Zwischen den Fronten“, „I see the Devil“). Josh Brolin gelingt es nicht diese mit ausreichend Stärke zu transportieren. Sein "Oldboy" bleibt eine müde Nachskizzierung, deren Akt der Vergeltung im Fokus steht. Die essentiellen Fragen des Originals nach Menschlichkeit, Schuld und der Zerstörung der Seele wird außen vor gelassen, stiefmütterlich aufgerollt oder fragmentarisch behandelt ohne dabei ein glaubwürdiges, eindringliches Ergebnis zu erzielen. Dabei versteht es Lee den Film auf westliche Geschmäcker umzustellen. Das kurios Groteske des 2003er „Oldboy“ (was bereits dem ersten Remake "Zinda" fehlte) kommt hier nicht vor, einmal abgesehen von Samuel L. Jacksons Rolle des Kellermeisters Chaney. Logik vor Leidenschaft. Blutrünstigkeit vor seelischer Grausamkeit. Die Simplizität siegt über das Verspielte. Die Schönheit sowie die Poesie aus Entsetzen und Grausamkeit ist im Remake ganzheitlich getilgt. Es bleibt ein gewöhnlicher Rachetrip übrig.


Spike Lees „Oldboy“ ist ein schlechtes Remake und leider auch ein schlechter Film. Dass das Schicksal von Joe nicht mehr weckt als ein lethargisches Schulterzucken liegt nicht an fehlender Empathie sowie Sympathie, sondern einfach auch an der bleieren Inszenierung ohne echten Tiefgang. Die herausstechenden Szenen sind bloße Kopien, deren wahre Bedeutung und visuelle Kraft niemals erreicht werden. Es wirkt fast so, als ob Regie, Produktion und Drehbuch den Originalfilm zwar kennen, sich aber niemals mit dessen Tiefe und Aussage wirklich auseinander gesetzt haben. Die Money Shots waren das, was wichtig war. Alleine auf sie wird sich hier wirklich konzentriert. Sehr müßig und enttäuschend ist das Endergebnis. Egal ob nun als loser Film oder als Remakes betrachtet. So oder so fehlt die Raffinesse, das Herz, das namenlose Besondere des Originals. Nennen wir es einfach Seele.


1 von 10 frisch servierten Mäusebabys

Review: THE CALL – LEG NICHT AUF – Halle Berry und die glühende Telefonleitung

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Fakten:
USA. 2013. Regie: Brad Anderson. Buch: Richard D’Ovidio, Jon Bokenkamp. Mit: Halle Berry, Abigail Breslin, Michael Imperioli, Ella Rae Peck, Morris Chestnut, Rom Maffia, Justin Machado, José Zuniga, Tara Platt u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab 20. 11. 2013 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Seitdem die 911-Operaterin Jordan ein Mädchen nicht vor dem Tod durch einen Einbrecher schützen konnte, leidet sich unter einem schweren Berufstrauma, welches bei jedem neuen Anruf erwachen könnte. Als Jordan eines Tages von einem jungen Mädchen merklich verzweifelt angerufen wird, welches angibt, in einem Kofferraum gefangen zu sein, steht Jordan erneut in Konflikt mit ihrer Vergangenheit, muss sich den Schmerzen jedoch stellen, um das Mädchen aus den Fängen des Psychopathen zu retten. Das Problem ist jedoch, egal wie detailliert die Schilderungen der 16-jährigen Casey auch sind, das Automobil kann nicht auf geortet werden. Jordan muss sich einen neuen Plan ausdenken, um den vermeintlichen Mörder zu stoppen, selbst wenn sie dafür ihr Callcenter verlassen muss…




Meinung:
Was wären wir heutzutage nur ohne Mobiltelefone? Man kann sich ein Bild ohne Handy im Griff der Zivilisation längst nicht mehr vorstellen, zu abhängig sind wir von der immer weiter fortschreitenden Technologie, zu fixiert auf den Reizüberschuss, den die immer versierter werdenden Apparate auf ihre Besitzer ausüben. Geht man also durch die Stadt, ist es schlichtweg unmöglich geworden seinen Blick fernab der Menschen mit Handys in der Hand oder am Ohr zu richten – Eine elektronische Invasion. Aber auch in der Filmwelt sind die Telefone und Handys bereits nicht mehr von der Leinwand wegzudenken und Drehbücher widmen sich voll und ganz ihrem immensen Wert, der hier auch mal ganz klar über Leben und Tod entscheiden kann. Man denke nur an den in einer Telefonzelle eingekesselten Colin Farrell in „Nicht auflegen!“ oder auch Kim Basinger in David R. Ellis‘ Hochgeschwindigkeitsthriller „Final Call“. Nun hat sich auch Halle Berry in die illustre Runde dazu gesellt und muss in Brad Andersons „The Call“ erfahren, dass manche Telefonate nicht immer freudige Entspannung versprechen.


Jordan muss immer bereit sein
Diese Telefon-Thriller laufen nach einem ähnlichen Prinzip ab, wie es Jan de Bont in seinem revolutionären Action-Thriller „Speed“ im Jahre 1994 festhielt: Es wird eine Opferrolle stilisiert, der keinerlei Schuld an ihrem eigenen Ableben zugesprochen werden kann, es gibt einen Täter, der wie ein Geist aus dem Hinterhalt agiert und die Helden, die sich den Regeln des Psychopathen anpassen müssen, ohne ihre eigenen Ideale zu verraten. Im Fall von „Speed“ war das ein Bus, dessen Geschwindigkeit nicht unter 50 Meilen pro Stunde fallen durfte, in Telefon-Thrillern sind es meistens die Brennpunkte, dass keinesfalls die Verbindung zwischen Person A und B unterbrochen werden darf. Dass kann richtig spannend werden, vor allem hat sich das in „Nicht auflegen!“ gezeigt, in dem nahezu der gesamte Handlung auf eine Telefonzelle komprimiert wurde und die Gefahr mit dem durchgeladenen Scharfschützengewehr in einem der drum herumliegenden Hochhäusern lauerte. „The Call“ folgt der gleichen Prämisse und will das Kofferraumopfer tunlichst vom Auflegen abhalten. Mit leichtem Sarkasmus gewappnet muss man als Konsument jedoch feststellen, dass die zwei Drehbuchautoren eine Geschichte zusammengeschustert haben, die in ihrer Konstellation der missgünstigen Bezeichnung „hanebüchen“ wirklich blind in die Arme rennt.


Dabei hat man es mit Brad Anderson mit keinem untalentierten Regisseur zu tun, man erinnere sich vor allem an sein Suspense-Sahnestück „The Machinist“, in dem er Christian Bale nicht nur an seine physischen Grenzen gezwungen hat, sondern auch einen Psycho-Thriller entwarf, der in seiner symptomatischen Blässe einfach durchgehend packen konnte. Es war unschwer zu erkennen, dass das große Vorbild Andersons auf den Namen Alfred Hitchcock hörte, dessen Methodik und Systematik der aufstrebende Regisseur präzise analysierte – Und doch ist der Mann nahezu ausschließlich in der Direct-to-DVD-Abteilung zu finden. Inzwischen muss man jedoch sagen, dass er diesem Platz mehr als gerecht geworden ist, obgleich „Transsiberian“ ein kühler Lichtblick war, hat ihn das Endzeit-Debakel „Die Herrschaft der Schatten“ mit Anti-Schauspieler Hayden Christensen wieder gewaltig in den Dreck gezogen. „The Call“ passt sich diesem despektierlichen Nischenbereich ebenfalls wunderbar an, genau wie Hauptdarstellerin Halle Berry („Monsters Ball“), die Zeit ihrer Karriere vollkommen überbewertet durch die Kinematographie flaniert.


Caseys letzter Blick in die Freiheit?
Die Ingredienzien von „The Call“ sind standardisiert und klischeedurchtränkt: Es gibt den psychopathischen Entführer mit reichlch wässriger Psychologisierung, ein jugendliches, knackiges Opfer, dass den empathischen Zugang zum Publikum schnell ermöglichen soll und die unverkennbare Heldin, die ihre eigentlich tief eingebrannten Probleme hinter sich lässt und den Dämonen ihrer Vergangenheit einen Kampf ansagt, den sie nie und nimmer gegen die taffe Lady gewinnen werden. Wie die Geschichte von „The Call“ endet, ist bereits nach der routinierten Exposition klar, dass das Drehbuch jedoch derart durchwandert von heftigsten Logikschlaglöchern ist, die die Verbindung zum Zuschauer beim besten Willen nicht aufrechthalten können, war in dieser bierernsten Tonlage wirklich nicht zu erwarten. Alles und jeder wirft sich hier dem dramaturgischen Zweck zum Fraß vor, ohne in einem Bruchteil einer Sekunde zu reflektieren, wa für debiler Schwachsinn im stereotypischen Genre-Korsett hier eigentlich fabriziert wurde. Keine Frage, „The Call“ ist nicht langweilig, aber seinen mehr als minderwertigen Unterhaltungswert zieht er nicht aus augenzwinkernder Spannung, sondern aus der effektuierten Blödheit, die in ihrem reaktionären Abschluss allerdings einen mehr als ärgerlichen Beigeschmack hinterlässt.


Fazit: Die Prämisse ist schwachsinnig, die Ausführung jedoch ein Schlag ins Gesicht des für blöd verkauften Rezipienten. „The Call“ wartet  mit einem Drehbuch auf, dass einfach viel zu viele Logiklöcher zu bieten hat und vom guten Willen des Zuschauers nicht kompensiert werden kann. Halle Berry actet sich gewohnt unscheinbar und reizlos durch die technologisierte Szenerie und die platte Charakterisierung rennt der reaktionären Abschluss geradewegs in die Arme. Spannend ist das nicht, unterhaltsam aufgrund seiner Debilität manchmal schon, letztlich ist „The Call“ aber unbrauchbar inszeniertes Thriller-Kino, welches breits im nächsten Jahr in den Krabbelkisten untergangen sein wird.


3 von 10 ausgetretenen Rücklichtern


von souli