Posts mit dem Label Michael Haneke werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Michael Haneke werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: DIE KLAVIERSPIELERIN - Sehnsüchte einer gebrochenen Seele

1 Kommentar:

http://joel7663.files.wordpress.com/2010/03/blog-piano-le-pianiste1.jpg
                                                                          

Fakten:
Die Klavierspielerin (La pianiste)
AT, FR, 2001. Regie: Michael Haneke. Buch: Michael Haneke, Elfriede Jelinek (Buchvorlage). Mit: Isabelle Huppert, Benoit Magimel, Annie Girardot, Susanne Lothar, Udo Samel, Anna Sigalevitch, Cornelia Köndgen, Thomas Weinhappel u.a. Länge: 126 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Erika ist Anfang vierzig, Klavierlehrerin am Konservatorium in Wien und lebt zusammen mit ihrer Mutter, die ihr gesamtes Leben kontrolliert. In ihrer Persönlichkeitsentwicklung und besonders Sexualität unterdrückt sucht Erika heimlich Befriedigung in Erotik-Kinos und Peep-Shows. Bis ihr der Student Walter versucht nahe zu kommen. Daraus entsteht eine krankhafte Beziehung mit tragischem Ausgang.





                                                                             
 



Meinung:
Die Geschichte einer verkrüppelten Seele, die abgeschirmt von der Realität sich in Vorstellungen und Wunschträumen verloren hat, um am Ende festzustellen, dass die Erfüllung der Phantasien ebenso grausam ist wie die Fragmente ihrer bisherigen Existenz.

 
Am Boden, physisch und psychisch.
Michael Haneke hat in der Romanvorlage von Elfriede Jenlinek einen Stoff gefunden, der so genau auch von ihm stammen könnte und an dessen Umsetzung sich dementsprechend niemand vorher wagte. Ein zu tiefst trauriger, schauderhafter Blick in menschliche Abgründe. Mit Ruhe und Geduld, objektiv kalter Distanz und dennoch so erschütternd dicht dran erzählt, wie es (scheinbar) nur der umstrittene Österreicher vermag. Es gibt wohl wirklich niemanden im europäischen Kino, der sich so enorm auf die exakte Darstellung des Grauens hinter der gutbürgerlichen Fassade versteht, das so oft als unerklärlich abgestempelt wird, wenn einem nicht der Einblick gewährt wird. Wie immer schildert Haneke nicht den direkten Ursprung, sondern zeigt uns nur eine Bestandsaufnahme. Wir befinden uns durchgehend im Hier und Jetzt. Sehen, was Erika ist, nicht wie sie zu dem wurde. Es lässt sich vermuten, spekulieren, ohne Erklärungen, doch recht klar ersichtlich. Eingesperrt und isoliert, kontrolliert und dominiert, versucht sie die Bruchstücke der eigenen Identität an anderen Stellen auszuleben. Die Zeit ihres Lebens auf sie ausgeübte Dominanz überträgt sie auf ihr einziges Refugium, ihre Arbeit, wo sie als strenge, kalte Regentin die Zügel in der Hand hält. Die unterdrückte Sexualität findet nur verborgen statt. Im Voyeurismus, in Selbstverstümmelung, fern jedem zwischenmenschlichen Kontakt. Bis Walter in ihr Leben tritt, die krankhafte Ordnung durcheinander bringt und eine Spirale auslöst, über die sie bald jede Kontrolle verliert.

 
http://4.bp.blogspot.com/-nEvF5h3k2l0/TushJZM4-zI/AAAAAAAAIdE/x6F1GCsl-lQ/s1600/MOTHER-Die_Klavierspielerin-3.jpg
Mutti hat jetzt Sendepause, na endlich.
Sexualität ist für Erika bis dahin nur Eskapismus, im kleinen Rahmen. Nicht eine Flucht vor der Realität per se, sondern aus ihrem eigenen Mikrokosmos, dem Gefängnis ihrer Mutter, der nicht existenten Individualität. Direkter Kontakt ist nicht möglich, nicht nur durch die „behütende“ Hand der Mama, sondern auch durch die seelische Mauer, die sich um sie herum gebildet hat. Das Bemühen ihres wesentlich jüngeren Studenten um sie wirkt erst verstörend, bis sich die aufgestaute Energie entlädt. Erika hat erstmals die Zügel in der Hand, aktiv statt passiv, dreht den Spieß um. Doch versteht sie nicht, die Kontrolle zu behalten, wie auch? Die hatte sie nie, wurde immer fremdbestimmt, entmündigt. Ein „normaler“ Umgang mit Gefühlen wurde nie erlernt. All die krankhaften, extremen Vorstellungen der letzten Jahrzehnte kommen zum Ausdruck. Ein devotes, sado-masochistisches Verhältnis entsteht, sie verliert die kurz gewonnene Kontrolle schnell wieder aus der Hand und findet die ursprünglich gewünschte Erfüllung, die sich als Albtraum offenbart. Ihr Verständnis von Liebe, ihre unerfüllten Sehnsüchte stellen sich als fatales Trümmerfeld heraus, dem sie letztendlich zum Opfer fällt. So schmerzhaft verständlich, logisch und schrecklich real, das es weh tut.


Haneke ist der perfekte Regisseur dafür und Isabelle Huppert die perfekte Darstellerin. Ihre gebrochene Figur wird nie überzogen oder gar lächerlich, sondern bedrückend glaubhaft und detailliert von ihr verkörpert. Das ist mindestens so schwierig, wie diesen Stoff als Film zu realisieren. Zumindest als einen Film, den man ernst nehmen kann und muss. Einen Film, der nicht mehr zeigt als er muss und dennoch das Gefühl hinterlässt, als hätte man gerade etwas furchtbar grausames und trotzdem (oder deshalb) sehr menschliches gesehen. Der einen mal wieder erschlagen und bedrückt zurück lässt und lange, lange nachwirken wird. Ein Haneke. Furchtbar gut.

8,5 von 10 Briefen mit pikantem Inhalt.

Review: 71 FRAGMENTE EINER CHRONOLOGIE DES ZUFALLS - Die tickende Zeitbombe Alltag

Keine Kommentare:

http://images.derstandard.at/20071003/86-cover-gr.jpg
                                                                   

Fakten:
71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
AT, BRD, 1994. Regie & Buch: Michael Haneke. Mit: Gabriel Cosmin Urdes, Lukas Miko, Otto Grünmandl, Anne Bennent, Udo Samel, Branko Samarovski, Claudia Martini, Georg Friedrich, Alexander Pschill, Klaus Händl, Corina Eder, Dorothee Hartinger u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Ein obdachloser Junge auf den Straßen Wiens, ein Ehepaar bangt um das Überleben seines kranken Babys, ein anderes adoptiert ein Mädchen und gewinnt langsam dessen Zuneigung, ein alter Mann vereinsamt, überall auf der Welt herrscht Gewalt durch Krieg und Terrorismus, Michael Jackson wird der Unzucht mit einem Kind angeklagt und ein Student richtet am Ende ein Blutbad in einer Bank an. Das hat nichts und dabei alles miteinander zu tun.



                                                                               



Meinung:
Wer mal einen richtig sperrigen und dabei eigentlich total exakten, die Handlung direkt erklärenden Filmtitel sucht, Michael Haneke hat ihn bereits gefunden. Dürfte auf ewig mindestens in den Top-5 dieser Kategorie liegen, was soll da noch kommen? Sperrig wie sein Titel ist auch der Film, lässt sich kaum beschönigen. Sein Butterfly Effect (die Theorie, nicht der Film), nur am Rande global, doch irgendwie ist es das doch immer, oder? Michael Haneke ist und war ja nie gerade dafür bekannt, die breite Masse anlocken zu wollen. Manchmal, speziell bei seinen weniger populären Arbeiten (was wohl auch der Grund für diese Bezeichnung sein dürfte) stellt sich bald das Gefühl ein, er will sie bewusst ausschließen. So extrem wie hier wohl noch nie. Das ist schwierig, keine Frage. Das ist fordernd, das ist mehr als nur polarisierend, das ist die Anforderung an den Zuschauer, sich nicht einfach nur berieseln zu lassen. Mehr denn je.


http://oliblog.blogg.de/files/2012/07/71_fragmente_einer_chronologie_des_zufalls_scr.jpg
Kleine Schicksale im großen Ganzen.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die sehr spezielle, bald schon experimentelle Art dieses Werks – an der sich die meisten Filmemacher gnadenlos das Genick brechen würden – sondern auch die Tatsache, dass Haneke sich aus seinem Lieblings-Mikrokosmos entfernt. Statt sich auf den Konflikt und die Dramaturgie innerhalb einer Familie oder eines sonst miteinander in direkten Beziehung stehenden, menschlichen Verbunds zu konzentrieren, gibt es das hier nur – Überraschung –in Fragmenten. Der Fokus liegt auf dem großen Ganzen, das wir jeden Tag erleben, mehr unbewusst als bewusst, dessen großen Zusammenhang wir gar nicht erfassen können, selbst wenn wir es wollten. Das geht auch hier nicht. Nicht im Detail, nicht als allgemein verständlicher und jedem zugänglicher Schalter, der schlagartig Licht ins Dunkel bringt. Das wäre auch zu einfach. Einfach ist diese Welt nicht, nicht planbar und erst recht nicht ist und kann jedem bewusst sein, was das alltägliche Handeln und die kleinen Abzweigungen im Leben, die wir natürlich selbstverständlich nehmen, an anderen Stellen in eine Sackgasse führen. Eventuell sogar gegen eine Mauer. Da hat niemand Schuld dran, man dürfte niemals wieder vor die Tür gehen. Wahrscheinlich wäre selbst das Ursache einer persönliche Katastrophe für jemanden, den wir nicht mal kennen. Oder auch nicht...


Am Rande des Abgrunds, jeden Tag, jeder von uns.
Wer der vielen Menschen, in deren Leben wir im Verlauf der Handlung einen kurzen Einblick erhaschen, hat direkt oder indirekt Schuld daran, dass am Ende des Tages vier Leben ausgelöscht wurden? Alle...keiner...einige...und warum genau? Who knows. Die Möglichkeit besteht, Interpretationen wird freiem Lauf gelassen. Eingefangen in Hanekes typisch ruhigen, beobachtenden, auf den ersten Blick knochentrockenen und oftmals als emotionslos abgehakten Stil. Ruhig und beobachtend ist das zweifellos, im allgemeinen Sinn auch trocken, doch eins bestimmt nicht, emotionslos. Daher kann es eigentlich auch nicht trocken sein... Nüchtern, das trifft es. Nüchtern, niemals erheiternd, auf direkte Wahrnehmung kalkulierend, niemals mit gängigen Mitteln manipulierend, was nicht grundsätzlich eine schlechte Sache sein muss. Klar wollen wir – gerade bei Filmen – gerne auch manipuliert werden. Wir wollen zum Lachen, Fürchten, Mitfiebern und auch Weinen und Leiden eingeladen werden, nur Haneke lädt nicht ein und bittet um die Teilhabe. Er verlässt sich darauf, dass jeder selbst erkennt, was er aus seiner Vorlage erfasst. Hier werden wahre, ungefilterte Emotionen gezeigt, nichts dem Zufall überlassen, ganz im Gegensatz zu dem Thema des Films. Die Plansequenzen sind bis ins Letzte durchdacht, Haneke ist ein Perfektionist durch und durch. Er zeigt Leben, halt nur selten die erheiternden Momente. Er lässt einem die Wahl, was er daraus zieht und mitnimmt, wie fern einen gewisse Szenen fesseln, berühren oder total kalt lassen. Planlos ist das dabei niemals, im Gegenteil. Selbst die oftmals nicht zusammenhängenden Geschehnisse in diesem Film verfolgen unverkennbar ein Ziel. Und wenn es nur der Weg dorthin ist.


Vielleicht tatsächlich der komplizierteste Film von Haneke. Er serviert dir rein gar keine klaren Antworten, wirft nur Brocken hin, die in jede Richtung Spielraum lassen oder in die schon erwähnten Sackgassen bzw. gegen Mauern führen. Doch selbst dann ist alles ein Baustein. Ein Fragment. Des Zufalls? Dieser Film will gar nicht durchgehend anrichten, er will anregen. Über Dinge, Vorgänge, Zusammenhänge, ihre Wichtigkeit und Nichtigkeit nachzudenken, sie zu reflektieren und daraus eventuell Schlüsse zu ziehen. Oder eben nicht...Stark, auf seine eigene Weise.

7 von 10 Fragmenten einer Chronologie der Bewertung

Review: FUNNY GAMES – Wenn Feuer mit Feuer bekämpft wird

Keine Kommentare:


Fakten:
Funny Games
Österreich. 1997. Regie und Buch: Michael Haneke. Mit: Ulrich Mühe, Susanne Lothar, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski, Doris Kunstmann, Christoph Bantzer u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Anna und Georg fahren mit ihrem kleinen Sohn Schorschi raus zum See, um in einem Ferienhaus ein paar entspannte Tage zu verleben. Kaum ist die Familie angekommen steht plötzlich ein junger Mann vor der Tür und bittet im Auftrag der Nachbarn nach ein paar Eiern. Was wie eine alltägliche Bitte beginnt wird rasch zu einem Alptraum, denn der junge Mann, der noch einen Freund dabei ist, nimmt die Familie gefangen und beginnt mit ihr ein perfides Spiel.




Meinung:
Diesen immensen Mut, den Michael Haneke mit „Funny Games“ 1997 an den Tag gelegt hat, muss man in seiner ganzen Eindringlichkeit einfach ohne Bedingungen respektieren, selbst wenn einem der Film letztlich nicht im vollem Ausmaß zugesagt hat. Man sollte sich nur einmal figurativ vor Augen führen, dass eine derartige (Genre-)Intensität wie sie „Funny Games“ absondert im deutschsprachigen Raum eine echte Rarität sondergleichen darstellt. Und dabei ist diese bedrückende Kraft nicht nur in ihrer einschnürenden Rohheit einzigartig, sie ist auch in ihrer hervorragenden Progression so dermaßen intelligent umgesetzt worden, dass sie die konsumierenden Massen folgerichtig zur Weißglut bringt und wütende Gegenstöße am laufenden Band evoziert. Aber genau diese Reaktionen, die allgegenwärtige Abwehr zeigt, dass Haneke doch die richtigen Hebel bedient hat und sein Publikum berühren konnte. Ob dies nun in einer positiven oder negativen Replik mundet spielt dabei erst mal gar keine Rolle.

 
Alles Teil des Spiels
Warum man sich von „Funny Games“ angegriffen fühlen könnte, liegt auf der Hand: Hanekes Film ist eine auf Zelluloid gebannte Provokation. Allerdings keinesfalls so plump, wie andere Werke, die sich nur zum Ziel setzten, das Publikum mal wieder mit billig forcierten Grenzüberschreitungen zu irritieren und erschüttern. Haneke hingegen weiß, dass es keine Grenzen im Kino gibt, es gibt nur die individuelle Grenze des Geschmacks, die aufzeigt, wie weit eine Szene nun wirklich ausgereizt werden darf, von Pauschallösungen kann in einer echten Kontroverse keine Rede sein. Nun kommt es aber zu dem inszenatorischen Kniff, mit dem Haneke den Zuschauer aber wirklich an die eigene Schmerzgrenze führt: Während es in anderen Horrorfilmen Gang und Gäbe ist, die Gewalteskapaden zu zelebrieren und die Kamera alles bedingungslos aufsaugen zu lassen, rückt Haneke die physische Brutalität aus dem Fokus und lässt die Lage damit Off-Screen eskalieren. Schreie bohren sich in ihrer ganzen Härte bis tief ins Mark.

 
Der Ball wird ins Rollen gebracht
Ein psychologisch mehr als rentabler Schritt, kein verlogener Trick, Haneke lässt nämlich jeden dramaturgischen Effekt durchschaubar und möchte nicht torpedieren, der den Zuschauer mit der Angst konfrontiert, das Grauen nicht sehen zu können, sondern es sich einzig in den Gedanken ausmalen zu müssen. Damit hat der Österreicher eben auch bewiesen, dass der offene Konsum von Gewalt nicht den wahren Schrecken inne trägt, wie die, die sich nur im Kopf des Rezipienten abspielen darf. Wenn die beiden höflichen Sadisten ihre Spielchen mit der Kleinfamilie treiben, sie demütigen, falsche Hoffnungen wecken und schließlich auch die vierte Wand durchbrechen, um das Wort direkt an den Zuschauer zu richten, dann fällt der Horror nicht nur direkt auf den ihn zurück, die entlarvende Wirkung, die Haneke dadurch entfacht, ist ebenso mannigfach. Es wird ja nicht nur der Zuschauer allein entblößt, der sich in seinem Voyeurismus wälzt, obwohl der Terror bereits jede konventionelle Barrikade durchbrochen hat.


„
Funny Games“ geht sogar so weit, dass er in seiner Prämisse wohl auch der einzige Film ist, der eigentlich nicht gesehen werden möchte, eben weil er mit genau den Mechanismen spielt, die das Genre seit jeher frönt, diese aber in ihrer medialen Brisanz auch demontiert, während der Zuschauer gleichzeitig zum Komplizen gemacht wird; schließlich wird doch nicht abgeschaltet, egal wie konkret die beiden jungen Männer die direkte Interaktion mit dem Zuschauer suchen und ihn damit herausfordern – Paradox, aber ungemein effektiv. Da kann man Haneke natürlich wieder den abgedroschenen Oberlehrer mit lächerlicher Didaktik vorwerfen, aber der erzürnten Widerhall, den Haneke dank „Funny Games“ bereits zu genüge erfahren musste, ist doch eigentlich Bestätigung genug. Darüber hinaus tut „Funny Games“ auch so weh, dass man ihn nie und nimmer einfach übergehen könnte und als 'uninteressant' brandmarken, die Sorge vor dem Einzug des „Bösen“ in die eigentlich heile Welt betrifft uns doch alle.


8 von 10 kriminellen und schwulen Sadisten


von souli

Review: BENNY'S VIDEO - Gefangen im Treibsand des manipulativen Kontrollzwangs

Keine Kommentare:


Fakten:
Benny’s Video
Österreich, Schweiz. 1992. Regie und Buch: Michael Haneke. Mit: Arno Frisch, Ulrich Mühe, Angela Winkler, Ingrid Stassner u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Teenager Benny kommt aus gutem Hause und ist fasziniert von Filmen, die er sich auf Video ansieht. Er selbst besitzt eine Videokamera und verbringt viel Zeit damit selbst Filme aufzunehmen. Mit der Kamera nimmt er auch eine Szene auf die ihn nachhaltig beeindruckt: Ein Schwein wird mit einem Bolzenschussgerät beim Schlachter getötet. Er spielt das Video auch einem Mädchen vor, welche er kurz zuvor in der Videothek kennengelernt hat und präsentiert ihr ein entwendetes Bolzenschussgerät. Damit bringt Benny das Mädchen um, hält die Tat dabei auf Video fest und zeigt dieses am nächsten Tag seinen Eltern.





Meinung:
Wo der ein oder andere Rezipient fälschlicherweise einen erhobenen Zeigefinger seitens Michael Haneke in »Benny's Video« erkennen möchte, der das heikle Medium Film gerne verteufeln würde und dem Zuschauer daraufhin durch seine puritanische Moral Vorschriften macht, dämonisiert Haneke eben nicht den Film als Ganzes, sondern platziert sein kritisches Hauptaugenmerk an einer ganz anderen Position. Haneke prangert mit Vorsicht die möglichen Auswirkungen der Kraft von permanenten Illusionen an, die natürlich immer im zeitgenössischen Kontext der seelenlosen Mentalität unserer Gesellschaft stehen und für bestimmte Personen, die in ihrer Realität das Gefühl von Annahme vermissen müssen, ein fortschreitendes Risiko werden könnten, denn der Reiz, den Affekt der Fiktion in das reale Dasein zu manövrieren wächst.


Benny hat das Mädchen klar im Fokus
Die Realitätsflucht ist ein ganz anderer Bereich in Bezug auf Film und Wirkung, dem sich jeder Konsument freiwillig und ohne Bedenken unterziehen darf, schließlich ist das auch eines der Ziele – in welchem Genre wir uns auch immer befinden mögen – die ein Werk anstrebt und verüben möchte. In »Benny's Video« steht die titelgebende Figur Benny (Arno Frisch) im Mittelpunkt, für den die Videos nicht nur ein flackernder Ersatz für seine unbefriedigenden Familienverhältnisse mit seinen Eltern (Ulrich Mühe, Angela Winkler) sind, sondern sie verleihen ihm auch das Gefühl von Kontrolle und Macht über Geschehnisse, über Leben und Tod, die er durch seine Fernbedienung nach Belieben bestimmen kann. Aus dieser rein digitalen Macht entspringt jedoch ein Interesse, welches sich auf den Mattscheiben kontinuierlich in jeder Form abspielt und für den Zuschauer längst in konsumierbare Formen gepresst wurde: Die Gewalt. Es kommt dabei nicht von ungefähr, dass die ausschlaggebende Szene des Filmes nicht nur Off-Screen vollzogen wird, der Zuschauer blickt währenddessen auch auf einen weiteren Bildschirm. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.


Michael Haneke ist sich dabei natürlich vollkommen im Klaren, dass man seine Intention von Grund auf missverstehen könnte und seine Funktion als nüchternen Beobachter durchgehend ablehnt, weil man den gravierenden Fehler begeht und das gezeigte Schicksal von Benny breitflächig pauschalisiert. Die Relation zur Wirklichkeit ist greifbar und in Wahrheit natürlich genauso in unserer Nähe anzutreffen, wie sie auch ein Teil des Bekanntenkreises von Benny wurde – Alle eschauffierten Zweifler sollten einmal hin und wieder einen Blick in die Zeitungen werfen, der Rest klärt sich daraufhin von ganz allein. »Benny's Video« steht schlussendlich vielmehr für die Flucht vor den eigenen Verantwortungen, in der das humane Prinzip der Reziprozität die Frage nach Schuld aufwirft. Es ist ein Film über die Gefangenschaft in einer Welt, die sich nicht nur aus Distanz und Manipulation erhebt, es ist auch eine Welt, die gänzlich durch projizierte Bilder verstanden wird. Natürlich ist das ein enorm wichtiges Werk.


7,5 von 10 Schnellspultasten


von souli

Review: DER SIEBENTE KONTINENT - Tödlicher Alltag

Keine Kommentare:
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEh2HkpCt-O-vSRmccuVhmBqq8rXtkTwos37BP2Hy2qoxG5CqvxJbQV52ETS48CAc2nEiYce5lC6lztODFdSyxIUn4So9thM3Ln3RnW23ycjRuZ2DMzkAOVHFHRnxhRDy2QoNjivDBw-dAY/s1600/7.Kontinent.jpg
                                                                                    
Fakten:
Der siebente Kontinent
AT, 1989. Regie: Michael Haneke. Buch: Michael Haneke & Johanna Teicht. Mit: Birgit Doll, Dieter Berner, Udo Samel, Lenzi Tanzer, Silvia Fenz, Robert Dietl, Elisabeth Rath, Georges Kern, Georg Friedrich u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Drei Jahre aus dem Leben der Familie Schober, einer gut-situierten Ober-Mittelstands Familie aus Österreich. Tendenziell läuft alles prächtig, nur am Ende wird brutale Bilanz gezogen...






 Meinung:
Die ultimative Abrechnung mit der Monotonie der Mittelschicht, dem leisen, schleichenden Albtraum, der in soliden Kontoauszügen, schick eingerichteten Wohnungen und schläfrigen Beziehungen lauert. Der Alltag hat Besitzt von einem ergriffen, hat ihn nicht nur erobert, sondern konsequent dominiert, das eigentliche Leben zerstört. Das Ende der Spirale der Langeweile und des ziellosen Leerlaufs ist unaussprechlich, schlußendlich aber die einzig wahre Lösung. Nicht zur Nachahmung empfohlen, doch auf eine gewisse Art nur logisch.


Um eins klar zu stellen: Das ist nicht meiner Ansicht, aber eigentlich traurig-glaubwürdig. Grundsätzlich ist alles erreicht, der Standard und die Rente sind jetzt schon in trockenen Tüchern, aber soll das alles sein? Nein, irgendwo dahinter schlummert die Lebensfreunde, selbst die sollte angesichts der Tatsachen sicher sein, doch irgendwas stimmt nicht.
Warten auf das bittere Ende
Haneke erzählt eine Tragödie in drei Akten:


1987: Alles läuft, die einzigen Probleme sind Alltagserscheinungen.

1988: Kurz und knapp: Oberflächlich alles gut, aber...

1989: Das pure Grauen.

Haneke zelebriert erstmals, aber nicht zuletzt, das Ende der Normalität. Was hier abgeht, fällt deutlich unter den Spoiler-Radar. Grob: Es ist schon lange klar, wie das enden wird, nur jetzt wird alles so schmerzhaft in Kleinarbeit seziert, schauderhaft!
'87 ist der ausführliche Prolog, '88 der knappe Mittelteil, '89 Bauchschmerzen. Schon lange vor dem eigentlichen Finale sind die Weichen gestellt, die Andeutungen nicht mal mehr ansatzweise subtil, Haneke geht direkt nach vorne und erspart überflüssiges Nachdenken, ersetzt das durch Erleben. "Der siebente Kontinent" funktioniert deshalb so gut, da er sein Ende so früh ankündigt, dass alle bis dahin vergehenden Minuten reiner Lockstoff sind. Das Hoffen ist gestattet, das Ende unausweichlich.


Der Mittelstand ersäuft und ertränkt sich in der müden Spirale aus Pflicht und Langeweile, statt sich wohl zu fühlen wird das Todesurteil unterschrieben. Alles gipfelt in einer typisch-eiskalten Haneke-Geisterbahn ohne manipulierendem Firelefanz, so trocken und erschreckend, grauenhaft.

" 'Cause I'm Your Lady..."

8 von 10 Abschiedsbriefen

Review: CACHÉ - Versteckte Geister der Vergangenheit

Keine Kommentare:
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEjN23yiRD96mk61ZezpV5DmQLHtnj4WjIjQvOaIUMvWpL9cXkiCyBYMGWw5fn_XbxFMG5MkP9l5ULRG2ybDKmqKJkA7PN7YbKmdu5YsBObrVqnxa6nnnywvd90WrRA11_hG47gJGTGLPdI/s1600/cache%5B1%5D.jpg
                                                              

Fakten:
Caché
FR, AT, DE, IT, 2005. Regie & Buch: Michael Haneke. Mit: Daniel Auteuil, Juliette Binoche, Maurice Bénichou, Annie Girardot, Bernard Le Coq, Walid Afkir, Lester Makedonsky, Daniel Duval, Nathalie Richard, Denis Podalydès u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.

Story:
Georges, Anne und ihr Sohn Pierrot gehören zur gehobenen Schicht von Paris. George ist Moderator eine Literaturfernsehshow, der Familie fehlt es an nichts. Ihre Oberschichtidylle gerät eines Tages ins Wanken. Jemand schickt ihnen Videokassetten, die stundenlange, von der Straße aufgenommene Aufzeichnungen ihrer Wohnung zeigen. Fast täglich folgen neue Bänder, denen auch groteske, kindliche Zeichnungen beiliegen. Das Paar fühlt sich bedroht, doch die Polizei sieht keinen Anlaß zu ermitteln. Die Aufnahmen zeigen bald schon andere Szenarien, die auf Georges' Kindheit anspielen. Die heile Welt zerbricht und Georges ist gezwungen, sich seiner Vergangenheit zu stellen.

 


Meinung:
Michael Haneke zerlegt den Schutzpanzer des Wohlstands und der augenscheinlich familiären Geschlossenheit durch bedrohliches Unbehagen. Das überträgt sich blitzschnell auf den Zuschauer, der sich zwangsläufig, gerade durch Hanekes knochentrockenen Stil, in die Lage der Protagonisten hineinfühlen kann. Wie erschreckend ist es, dass ein Unbekannter, ohne ersichtliches Motiv, dich verfolgt? Nicht nur verfolgt, dich beobachtet, dich studiert und es dich dann auch noch wissen lässt?

 
Was will uns der Künstler sagen?
Ein Stoff mit zeitlicher Brisanz, dass Thema Stalking ist allgegenwärtig und noch nicht so lange öffentlich behandelt, doch das ist gar nicht mal Hanekes Grundgedanke, denn "Caché" nutzt es nur als Triebfeder. Obwohl es lange so scheint und nach konventionellen Strickmustern nur logisch wäre, es dreht sich nicht darum, wer und warum den Stein ins Rollen bringt, es geht um die Auswirkungen. Er zeigt eindringlich und sehr realitätsorientiert, wie eine Welt aus den Fugen gerät, in der eigentlich schon vorher nichts so schön und beschaulich war, wie es den Anschein machte. Ein Ehepaar wird zermürbt, mit lange nicht angesprochenen Konflikten konfrontiert und muss dadurch feststellen, wie sehr sie sich doch entfremded haben. Der Schein weicht der Realität, all die nie ausgesprochenen Vorwürfe treten zutage. Was gerne sehr grob und unverkennbar aufgetischt wird, geschieht bei "Caché", trotz seiner Deutlichkeit, angenehem-unangenehm durchdacht, direkt-indirekt und fordert durchaus, ohne zu quälen.

 
Endlich wird mal Klartext geredet
Die zweite wichtige Substanz von "Caché" ist seine geschichtliche Essenz, bei der Haneke auf das Polizeimassaker von 1961 zurückgreift. Das wird direkt erwähnt, spielt aber im ersten Moment keine große Geige. Doch es ist nicht zufällig. Georges' Vergangenheit, der Grund für alle Ereignisse, ist dadurch entscheidend beeinflusst und was dieses verursachte, zieht seine Kreise durch die gesamte Geschichte. Haneke scheint damit eine Art Statement abgeben zu wollen, was bei genauerer Betrachtung viel bedeutender ist, als zunächst vermutet. Er greift damit fast politische, aber auf jeden Fall gesellschaftliche Themen auf, die die reine Stalkinghandlung fast überschatten.


"Caché" hinterlässt bewusste Fragezeichen, die im ersten Moment abschrecken mögen, doch insgesamt sehr geschickt sind. Er zeigt damit auf, wo die Leichen im Keller liegen, wie sehr Wunden schmerzen, wenn sie nach jahrzehntelanger Verdrängung wieder aufgerissen werden, und wie sich der Vergangenheit gestellt werden muss, obwohl sie eigentlich schon begraben war. So sehr es erst verwundern mag, wie konsequent sich Haneke gewissen Erwartungen verweigert, so sehr wirkt sein Film nach. Subtil, intelligent und mutig, schwierig aber großartig.

8 von 10 geköpften Hühnern

Review: LIEBE - Die Ballade von Anne und George

Keine Kommentare:


Fakten:
Liebe (Amour)
Frankreich, Österreich, Deutschland. 2012. Regie und Buch: Michael Haneke. Mit: Jean-Louis Trintignant, Emmanuella Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Carole Franck, Dinara Drukarova, Rita Blanco, Laurent Capelluto, Jean-Michel Monroc, Suzanne Schmidt, Walid Afkir, Damien Jouillerot u.a. Länge: 127 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
George und Anne leben in ihrem Pariser Apartment und genießen ihren Lebensabend. Nach einer Arterienverstopfung kommt Anne halbseitig gelähmt aus dem Krankenhaus. George kümmert sich um sie und versucht alles um seiner Frau zu helfen, doch ihr Zustand wird immer schlechter und dementer.




Meinung:
Für die einen gilt er als künstlerischer und kalter Hinterfrager, der mit seinen Filmen wie „Caché“, „Das weiße Band“, „Funny Games“ oder „Wolfszeit“ die Gesellschaft in einem dunklen Rahmen porträtierte. Für andere ist er ein Pauschalisierer, für den das Böse nur ein Erzeugnis von medialer Gewalt ist. Aber wie man auch zu Michael Haneke steht, sein neuestes Werk „Liebe“ hätte ich zumindest so nicht von ihm erwartet, denn Haneke präsentier seinem Publikum keine Obduktion des menschlichen Verfalls, sondern ein so schonungsloses wie aber auch zärtliche Studie über… die Liebe.


Die Zeit des Verfalls, sie hat begonnen
Wir, die Zuschauer, werden Zeuge wie George und Anne es mit dem körperlichen und geistigen Niedergang von Anne aufnehmen. Haneke gelingt es hierbei seine kühle Bildersprache in Wärme zu hüllen, obwohl ein Großteil in langen, starren sowie nüchternen aber dennoch kunstvollen Kameraeinstellungen eingefangen wird. Übrigens vom iranischen Kameramann Darius Khondji, der schon „Sieben“ oder „My Blueberry Nights“ visuell eindrucksvoll glänzen ließ. Uns wird immer ein wenig das Gefühl vermittelt, direkt anwesend zu sein, wie ein stummer Geist, ohne uns die Rolle des Voyeurs aufzudrängen. Derweil füllen die Darsteller die Szenerien mit Leben. Mit Leben, welches sicherlich auch nur eine filmische Illusion ist, das sich aber wahrhaftig anfühlt. Kein Wunder: „Liebe“ IST  wahrhaftig. In all seinen Facetten. Die Ehe zwischen Anne und George wirkt ehrlich, fern von großen Melodramen und romantischer Kalauerei. Die Krankheit, das Alter, der physische wie psychische Verfall von Anne, dies alles geschieht mit einer emotionalen Greifbarkeit. Das ist sicherlich ein Verdienst von Haneke, aber gewiss auch von seinen Darstellern. Jean-Louis Trintignant und Emmanuella Riva spielen in einer Sphäre, in der es schwer zu beurteilen ist, ob sie etwas darstellen, oder ob das Gesehene nicht doch die Wahrheit, die Realität ist.


Anne, die große Liebe von George
„Liebe“ versteht sich nicht als soziales Drama. Es geht nicht darum Öl ins Angstfeuer des Alters zu schütten, um es weiter anzufachen. Der Titel sagt bereits alles worum es hier geht. Haneke zeigt ohne falsche Scham vor dem menschlichen Gebrechen und mit einer großen, wohltuenden Entfernung zum Schmonzentum die Hingabe eines Mannes zu seiner Gattin, aus der im Laufe des Films eine Hülle wird. Tief darin eingeschlossen ist die Frau gefangen die George liebt und für diese tut er alles. Anne und George, sie beide bringen Opfer. Aus Anne wird irgendwann nur noch ein Objekt. Eine wimmernde Person, von Pflegekräften nach besten Gewissen versorgt, von der Tochter betrauert, aber es bleibt ihr Mann, ihr George, der ihr mit der Würde begegnet, die einhergeht mit bedenkenloser Liebe. Dass dies ohne Pathos auskommt ist eine Wohltat und auch das sonst nichts den Film verwässert macht ihn so ehrlich wie ergreifend.


Michael Haneke hat zuvor bereits Filme inszeniert, die mich tief bewegten. „Funny Games“ hat mich verstört wie kein Zweiter, „Die Klavierspielerin“ ließ mich erbarmungslos frösteln und „Das weiße Band“ zog mich in seine schwarzweiße Gesellschaftstudie. Doch „Liebe“ ist anders. Er ist wärmer. In seiner Ausweglosigkeit steckt etwas Befreiendes: Wir brauchen keine Furcht zu haben vor dem sterben. Einzig bei der Vorstellung alleine zu sein, wenn meine Zeit gekommen ist, ja, das ist jetzt ein unangenehmer, ein unbehaglicher Gedanke. Wenn ein Film es schafft, so etwas auszulösen, dann spreche ich gerne von etwas ganz großem. Michael Haneke gelang ein Glanzstück. Ein Meisterwerk. Liebe.

10 von 10 Oscars