KR, JP. 2016. Regie: Park
Chan-wook. Buch: Chung
Seo-kyung, Park Chan-wook, Sarah Waters (Romanvorlage). Mit: Kim
Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-sook, Moon So-ri u.a.
Länge: 145 Minuten. FSK: nicht geprüft. Ab 05. Januar 2017 im Kino.
Story:
Die Taschendiebin spielt in
den 1930er Jahren in einem von Japan kontrollierten Korea. Hier verliebt sich
eine reiche Erbin in eine Diebin, was in der Folge zu zahlreichen
Komplikationen und einigen sehr überraschenden Enthüllungen führt, die keine
der beiden Frauen unberührt lassen.
Meinung:
Der südkoreanische Regisseur und
Autor Park Chan-wook, der uns Werke
wie Oldboy oder Durst geschenkt hat, kehrt nach seinem Ausflug in die amerikanische
Filmbrache glücklicherweise (obgleich Stoker
kein kompletter Reinfall war) in seine Heimat zurück und inszeniert mit Die Taschendiebin (der im weiteren
Verlauf The Handmaiden genannt wird –
aus offensichtlichen Gründen) eine visuell betörend eingefangene und unheimlich
stimmig erzählte Thriller-Romanze, die man durch ihre ruhige Erzählstruktur und
dem feinfühligen Umgang mit der Mise en Scène guten Gewissens als sein
erwachsenstes Werk beschreiben könnte.
Strenge Sitten
Schon auf den ersten Blick
offenbart The Handmaiden eine
Vielzahl an optischen Reizen, sei es seine düstere Atmosphäre, die stilsicher
durchgetakteten Bilder oder die ungewohnt zurückhaltende Schauspielführung, aus
der nur gelegentlich das für asiatische Filme typisch Übertriebene und Skurrile
heraussticht. Doch nicht nur Freunde des visuellen Kinos werden an Parks neuestem Film Gefallen finden,
denn vor allem erzählerisch beweist der südkoreanische Filmemacher sein ganzes
Talent. Ähnlich wie sich die beiden Protagonistinnen Schicht für Schicht
entkleiden, tut es ihnen der in drei Akte unterteilte Film gleich – und unter
jeder Schicht offenbaren sich neue Blickwinkel, Wendungen und Sichtweisen. Die
zunächst simpel anmutende Geschichte wird dadurch zusehends interessanter und
offenbart erst spät ihre komplette Tragweite. Dabei ist vor allem Parks Blick für Kleinigkeiten von
Belang. Oftmals wird der Fokus nur für Sekunden auf ein Objekt gelegt oder eine
scheinbar nebensächliche Aktion verläuft im Hintergrund der Szenerie. Die wahre
Bedeutung des Gezeigten erschließt sich erst in einem späteren Kapitel und
ermöglicht neue Blickwinkel auf vorangegangene Ereignisse. Vor allem der
konsequent eingesetzte Perspektivwechsel trägt zu dieser behutsamen Erzählweise
bei.
Eine ungewohnte Umgebung
Wenn es gegen Ende des zweiten
Aktes dann zur emotionalen Befreiung der beiden Frauen kommt, dann gehört
dieser Moment zu den kraftvollsten der jüngeren Filmgeschichte. Von einem
wunderbaren Soundtrack untermalt treibt die Kamera unaufhaltsam vorwärts,
vermittelt spürbar die Euphorie und Kraft der Protagonistinnen und setzt damit
klar ein emanzipatorisches Ausrufezeichnen. Denn neben seiner äußerst fein und
behutsam konstruierten Thrillerstruktur ist The Handmaiden natürlich auch ein sehr emotionales Werk, welches
sich mit der untergeordneten Rolle der Frau im Japan und Korea der 1930er
beschäftigt. Dabei kontrastiert Park
gut den äußeren Widerspruch, der damalige Situation umspannt hat. Während sie
einerseits mit Samthandschuhen gepflegt, behütet und behandelt werden, bis sie
in Ausstrahlung, Aussehen und Verhalten von dermaßen nobler und vornehmer
Erscheinung sind, dass man fürchtet, sie würden bei jeder Berührung wie
Porzellan zerbrechen, werden sie hinter geschlossener Tür geschlagen,
eingesperrt, gedemütigt und zu lüsternen Zwecken vorgeführt. Den beiden
Hauptfiguren gibt Park jedoch eine
weitere Facette, indem er sie letztlich über ihre männliche Dominanz obsiegen
lässt und damit den Stellenwert der Frau unterstreicht. Ihre lesbische
Beziehung ist letztlich nicht mehr als die komplette Losgelöstheit von männlichen
Vormundschaft in ihrer eindringlichsten Form.
Einen Vorwurf, den sich The Handmaiden vor allem auf den
diesjährigen Filmfestspielen von Cannes immer wieder gefallen lassen musste,
war die Darstellung von lesbischen Sexszenen. Zugegebenermaßen erscheint die
allerletzte Szene des Werkes unnötig, doch in den gut zwei Stunden zuvor kommt
es wenn überhaupt zwei Mal zu Momenten, in denen eine intimere Beziehung
porträtiert wird. Und diese sind, dem stilisierten Grundton des Films
angepasst, zwar durchaus ästhetisiert, verkommen aber nie zu einem
voyeuristischen Zweck. Vielmehr bringen sie die Bewunderung, Leidenschaft und
auch Liebe der Frauen zueinander zum Ausdruck – und sind damit in letzter
Konsequenz gewiss nicht überflüssig.
Korea. 2013. Regie und Buch: Geun-Seop
Jeong. Mit: Sang-kyung Kim, Jeong-hwa Eom, Young-chang Song, Hie-bong Jo u.a.
Länge: 120 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray
erhältlich.
Story: Ein Mädchen ist verschwunden. Das ist aber bereits fünfzehn Jahre her. Der
zuständige Kommissar Cheong-ho (Sang-kyung Kim) tat damals alles, um das
Mädchen wiederzufinden, aber vergeblich. Kurz, bevor der Fall nun verjährt, schlägt
der Entführer erneut zu und ein anderes Kind verschwindet. Cheong-ho will nun
alles tun, um den Kidnapper diesmal zu schnappen und sein Scheitern von vor
fünfzehn Jahren wieder gut zu machen.
Meinung: Fast genau vor zwei Jahren
ist „Verjährung“ in Südkorea in den Kinos angelaufen und kam bei Kritikern und
Publikum sehr gut an. Grund genug, dass auch der deutsche Markt auf diesen Film
aufmerksam wurde und ihn nun auch hierzulande veröffentlicht hat. Doch eins
gleich vorneweg: Mit den koreanischen Genregrößen wie Oldboy, „The Man from
Nowhere“ oder I saw the devil kann der Film nicht mithalten, das war aber
auch beim Debütfilm von Regisseur und Autor Geun-Seop Jeong nicht unbedingt zu
erwarten. Dennoch ist ihm ein ordentlicher Film gelungen, der den Zuschauer zwar
nicht so sehr mitnimmt wie andere Filme aus Korea, aber dennoch knapp zwei
Stunden spannende Unterhaltung bietet.
Mist. Schirm vergessen.
Aber der Reihe nach. Die Story ist schnell erklärt. Fünfzehn Jahre nach dem
Verschwinden eines Mädchens, welches Kommissar Cheong-ho nie aufklären konnte,
schlägt der Täter erneut zu, kurz bevor der andere Fall verjährt wäre. Der
Kommissar setzt nun alles daran, den Entführer von damals nicht ein zweites Mal
entwischen zu lassen, schon weil sich der Mutter des ersten Kindes verpflichtet
fühlt. Die Geschichte ist natürlich altbekannt und alles andere als neu. Schon
Friedrich Dürrenmatt hatte ja seinerseits mit dem Drehbuch zu „Es geschah am
hellichten Tag“ eine ähnliche Grundstory konstruiert und man ist unweigerlich
an den sympathischen Kommissär Matthei (Heinz Rühmann) erinnert. Mit dem kann
jedoch Hauptdarsteller Sang-kyung
Kim nicht wirklich mithalten. Er wirkt zwar lässig und
seine Hartnäckigkeit auf der Entführersuche bringt er glaubhaft auf den
Bildschirm, doch fehlt ihm ein wenig die Ausstrahlung, um den Film wirklich zu
tragen. Vielleicht sind ihm auch deshalb übermäßig viele Nebenfiguren zur Seite
gestellt worden, die aber den Film ungewollt aufblähen.
Das Feuerchen wärmt mich zum Glück wieder auf.
Der Film zeichnet sich optisch durch sein düsteres Sujet aus, ist in starken
Kontrasten zwischen kühlem Blau und gelblichen Lichtschimmern gehalten. Auch
sonst sind starke, fast schon antithetische Elemente in „Verjährung“ erkennbar.
Wenn, gerade bei Übergängen, sehr hektisch geschnitten wird und der Film hier
eine enorme Geschwindigkeit aufnimmt, nimmt er sich dazwischen immer wieder
Zeit, um mit ruhigen Einstellungen das Tempo zu drosseln. Hektik und
Entspannung – die Kamera und die Schnitte untermalen das Geschehen
eindrucksvoll. Ähnlich ist es mit der Musik. Insgesamt ist sie sehr sparsam
eingesetzt, oft mehr ein Rauschen oder ein Klangteppich verschiedener Geräusche
als richtige Musik, bedrohliche Wirkung inklusive. Auch ist es ein nettes
Gimmick, dass immer wieder Situationen aus der Sicht verschiedener Personen gezeigt
werden. So ist ein Nachvollziehen der Emotionen leichter möglich. Dennoch
drängt sich den ganzen Film über der Eindruck auf, man sieht hier einen
besseren Fernsehfilm. Vieles wirkt glatt, ein bisschen aufgesetzt und ein
bisschen zu sehr auf Hochglanz gebügelt. Mit etwas mehr Rauheit, vielleicht
auch Ungenauigkeit wäre hier schon sehr viel getan gewesen.
Vielleicht ist die Geschichte ein bisschen zu klischeelastig geworden. Immer
wieder tauchen Szenen auf, die so prototypisch für dieses Genre erscheinen,
dass man es nicht mehr unbedingt ernst nehmen kann. Ob es nun das Klappern des
Handys in einer Situation ist, in der das keinesfalls passieren sollte, oder
aber das verzweifelte Schreien, das ungehört im Nirgendwo verhallt – man hat es
alles schon gesehen. Und vor allem auch schon besser. Die verzweifelten
Versuche, Witz in den Film zu bringen, funktionieren ebenfalls nicht wirklich.
Man hätte gut und gerne auf sie verzichten können. Dennoch bietet der Film gute
Unterhaltung. Das liegt wohl vor allem daran, dass, ähnlich wie bei David
Finchers Sieben der Täter zwar immer wieder gezeigt wird, man jedoch sein
Gesicht lange nicht zu sehen bekommt. Die Jagd nach einem Phantom ist eben doch
spannender, als wenn man ihn ohnehin schon kennt. Darum kommt der Film auch
durchaus als spannender Entführungsthriller weg. Zwar ohne wirklich bleibenden
Eindruck zu hinterlassen, ohne an die großen Korea-Filme heranzukommen oder
auch nur annähernd in ähnliche Fahrwasser wie „Es geschah am hellichten Tag“ zu
kommen, aber unterhaltsam ist er allemal und Regisseur Geun-Seop Jeong sollte
man für die Zukunft im Auge behalten.
Südkorea.
2012. Regie und Buch: Kim Ki-duk. Mit: Lee Jung-jin, Cho Min-soo, Jo Jae-ryong,
Eunjin Kang, Kim Jae-rok u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren
freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.
Story: Lee Kang-do (Jung-jin Lee) ist ein Schuldeneintreiber. Aber nicht wie der
nette Herr vom Finanzamt, sondern ein brutaler Schläger, der mit größter Gewalt
vorgeht. Er arbeitet für skrupellose Hintermänner und kennt keinerlei Erbarmen.
Wenn seine „Kunden“ die Schulden nebst horrenden Zinsen nicht bezahlen können,
dann werden sie eben zum Krüppel geprügelt – für Kang-do eine
Selbstverständlichkeit. Bis zu dem Tag, als eine merkwürdige Frau (Cho Min-Soo )
in sein Leben tritt, die doch tatsächlich behauptet, sie sei seine Mutter.
Kang-do, der bisher immer glaubte, er sei eine Waise, kann das nicht glauben
und doch ändert sich damit alles…
Meinung: Drei Jahre lang hat sich Kim
Ki-duk vom Filmgeschäft gänzlich zurückgezogen. Er brauchte eine Pause, musste
sich neu sortieren und neue Kraft tanken. 2012 meldete er sich dann mit seinem
Film „Pieta“ eindrucksvoll zurück, gewann sogar den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen
von Venedig und bedeuete für Kim auch eine Art Neubeginn als Regisseur, wie er
selbst erklärte. Kraftvoll und intensiv inszeniert Ki-duk Kim dieses
koreanische Thriller-Drama über Schuld, Vergebung und vor allem Mitleid,
welches auch im Titel des Films wiederzufinden ist. Die Pieta ist nämlich die
italienische Bezeichnung für Mitleid und gleichzeitig der Titel einer Skulptur
Berninis, die Maria zeigt wie sie den Leichnam Jesu in ihrem Schoß hält. Dazu
ist die Liebe ein zentrales Motiv des Films. Die Liebe von Eltern zu ihren
Kindern und die Leere, die entsteht, wenn man von dieser Liebe nichts erfahren
kann. Eine Liebe aber eben auch, wie sie Maria für Jesus übrige hatte.
Mutti mischt das Leben des wortkargen Mannes auf
Allerdings lässt sich Kim ein paar Mal zu oft auf die christliche Symbolik ein
und auch wenn die Inspiration für diesen Film eben aus dem Vatikan kommt, so
wirkt es dann doch immer wieder ein bisschen zu aufdringlich. Jedoch nur in
diesen Szenen, denn ansonsten wirkt der Film unglaublich subtil. Die eigentlich
extrem brutale Gewalt wird angenehmerweise oft nur angedeutet und eher indirekt
präsentiert. Natürlich fließt auch das Blut in rauen Mengen, aber der Akt der
Gewalt wird dem Zuschauer eher durch Reaktionen, durch Blicke und Schreie näher
gebracht. Das ist dann allerdings noch viel heftiger, als wenn man die
Brutalität mit eigenen Augen sehen muss, und sicher nichts für zarte Gemüter.
Brutal und gleichzeitig zurückgenommen und sensibel, das gibt es nicht oft und
Kim baut diese Zurückgenommenheit noch weiter aus, wenn er den Score nur sehr
ruhig einfließen lässt und selbst die Darsteller für koreanische Verhältnisse
sehr dezent agieren, zumindest nicht so übertrieben, wie man es in anderen
Filmen aus Fernost zu sehen bekommt. Die Wandlung von Lee Kang-do (Jung-jin
Lee) vom eiskalten, skrupellosen Geldeintreiber hin zum liebenden Sohn wirkt
dadurch enorm glaubwürdig und auch seine Filmmama Mi-Son (Cho Min-Soo) schafft
es, gleichzeitig Wärme auszustrahlen und doch stets undurchsichtig zu bleiben.
Sie erscheint diszipliniert und gleichzeitig so unglaublich zerbrechlich. Toll.
Besonders sehenswert ist es aber, wenn man den dritten Hauptdarsteller
betrachtet, nämlich das Geld. Der schnöde Mammon ist Ursache allen Übels,
Auslöser dieser Geschichte und ihrer Entwicklung. Das Gewinnstreben der
unbekannten Geldverleiher bringt die Sache erst ins Rollen. Und im Grunde ist
es somit der Kapitalismus, der für Gewalt, Verletzung, Leid und Tod
verantwortlich ist. Dies vor allem in eine Art verspätete
Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mannes und seiner vermeintlichen Mutter
einzubauen, das ist schon aller Ehren wert und bringt dem Film auch die
zusätzliche Würze, die anderen ähnlich gelagerten Filmen oft fehlt.
Fakten: Brotherhood (Taegukgi hwinalrimyeo) COR,
2004. Regie: Kang Je-gyu. Buch: Han Ji-hoon, Kang Je-Gyu, Kim Sang-don.
Mit: Jang Dong-gun, Bin Won, Lee Eun-ju, Kong Hyeong-jin, Lee
Yeong-ran, Ahn Kil-kang, Jin Jung, Jeon Jae-hyeong u.a. Länge: 149
Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: 1950
bricht der Krieg zwischen Nord- und Südkorea aus. Die Brüder Jin-tae
Lee und Jin-seok Lee werden für den Süden rekrutiert. Jin-ae will seinen
jüngeren, kranken Bruder vor der Front beschützen und schliesst einen
Deal mit seinem Vorgesetzten: Er geht freiwillig durch's Feuer, dafür
wird sein Bruder geschont. Jin-seok ahnt erst nichts von dieser
Absprache, was zu einer tiefen Kluft zwischen den Brüdern führt.
Meinung: Zitat der New York Times: "Kang Je-gyu ist der Steven Spielberg Südostasiens."
Bitte
nicht! Anfangs ist dieser Vergleich aber gar nicht so falsch. Ähnlich
wie bei (dem wohl angespielten) "Der Soldat James Ryan" startet der Film
in der Gegenwart und betreibt ordentlich Pathos-Kitsch. 15-20 Minuten
sind etwas schwer erträglich, aber dann...
North and South...
...bricht die
Hölle los. "Brotherhood" ist einer der konsequentesten, gnadenlosesten
Kriegsfilme, die jemals gedreht wurden. Der kitschige Pathos hat nur
ganz kurz mal Spielraum, dann aber sogar angemessen, weil wichtig für
die Handlung bzw. das Brüderverhältnis, um das sich alles dreht. Die
Story ist fast eher Rahmenprogramm in einer unglaublich vorgetragenen
Schilderung des Kriegswahnsinns. "Brotherhood" ist bildgewaltig,
erschütternd und so perfekt inszeniert, wie wenige Genrevertreter.
Allein die Arbeit von Kamera, Ton und Schnitt ist sensationell. Das
dröhnt, fetzt und schmerzt, Dynamik pur. Die Laufzeit von 2 1/2 Stunden
ist nicht von der Geschichte abhängig, sondern von der ausgiebigen
Bebilderung der Szenen. Da wird nichts verschönigt, im Gegenteil.
"Brotherhood" macht keine Gefangenen, hält voll drauf und es verwundert
schon, das unsere spießigen FSK-Miesepeter den mit der blauen (!)
Plakete durchwinken. Selbst ich Gewalt-wenn-nötig-Freund zuckt da mehr
als einmal mit den Achseln, deftiger geht es kaum. Vor allem: Es ist ja
niemals lustig, drollig, trashig, das ist das Grauen, unzensiert und
ungefiltert. Da wird der Zuschauer mal ernst genommen, toll, warum nicht
immer so?
Sterben gehört zum Spiel
"Brotherhood" hat so viel Druck, so viel
inszenatorisches Können, das kleine Hänger absolut keine Geige spielen.
Der etwas übertriebene Pathos-Teil der ersten Minuten wäre schon
vergessen, wenn ich nicht so ein Elefantengedächtniss hätte. Ab dann
knüppelt "Brotherhood" so wuchtig seinen Weg, aber niemals als Eye-Catcher, sondern als reine Darstellung eines irrsinnigen
Bürgerkriegs, der bis heute existiert. Unglaublich gut in Szenen
gesetztes, schonungslos-brutales Asia-Kino, das die Kitsch-Pflaume von
Spielberg ganz locker in die Tasche steckt. Allein deshalb ist das
Eingangszitat kein Kompliment.
Fakten: Confession of Murder - Tödliches Geständnis (Nae-ga sal-in-beom-i-da) COR,
2012. Regie & Buch: Jeong Byeong-gil. Mit: Jeong Jae-yeong, Park
Si-hoo, Kim Yeong-ae, Choi Won-yeong, Min Ji-a, Jo Eun-ji u.a. Länge:
121 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray
erhältlich.
Story: In Südkorea gilt ein Mord
nach 15 Jahren als verjährt. Das macht sich Lee Du-seok zu nutze: Er
veröffentlicht ein Buch, in dem er die Morde an etlichen Frauen gesteht,
nun aber nicht mehr dafür angeklagt werden kann. Ein Schlag ins Gesicht
für die Angehörigen der Opfer, wie auch für Detective Choi, dem damals
ermittelnden Polizisten. Lee inszeniert sich in der Öffenbtlichkeit,
scheffelt Millionen mit dem Buch und wird zum Medienstar. Doch dann
kommen Zweifel daran auf, ob er wirklich der Killer ist...
Meinung: "Confession of Murder" bringt eingentlich alles mit, um als weiteres Highlight des
koreanischen Thrillerkinos funktionieren zu können. Die Story klingt
äußerst interessant und verspricht neben einem clever-perfiden
Katz-und-Maus-Spiel provokante Seitenhiebe auf das Rechts- und
Mediensystem. Das aus Korea allgemein gute Handwerkskost kommt, versteht
sich da eigentlich von selbst. Fängt auch dementsprechend an, die
ersten Minuten können sich wahrlich sehen lassen, um so erstaunlicher ist
es, wie sehr sich Regisseur und Autor Jeong Byeong-gil ab dann
verzettelt.
Mord und Totschlag verkauft sich prächtig
Der temporeiche, düster verregnete Auftakt
hält eine dynamisch inszenierte Hetzjagd bereit, bietet eigentlich die
perfekte Grundlage für einen kompromisslosen Rachethriller made in Asia.
Nach nicht mal einer halben Stunde ist dieser Flair leider fast schon
vergessen. Unerklärlicherweise verliert sich der Streifen immer wieder
in peinlich-unpassenden Albernheiten, die eher in ein Buddy-Movie passen
würden. Die eigentlich einfach umzusetzende Medienschelte verkommt zur
total überspitzten Zirkusnummer, die so schlicht nicht ernstzunehmen ist.
Fast die gesamte Grundstimmung geht baden, düster oder bedrohlich
erscheint "Confession of Murder" schon lange nicht mehr. Dazwischen gibt
es übertrieben-bekloppte Actioneinlagen, die sich eher in der
Fast-and-Furious-Reihe erwarten liessen, was das hier soll, ein Rätsel,
dazu einige eher mäßige CGI-Effekte, die es so auch nicht gebraucht
hätte. Diese unbeholfene Mischung aus Thriller, Satire, Humor und
Unsinns-Action wirkt niemals homogen. Es wird einfach wahllos
zusammengeschmissen und kräftig umgerührt, wird schon schmecken. Aber
ich mach mir ja auch kein Nutella auf's Mettbrötchen, das muss schon
zusammenpassen.
Mörder oder Scharlatan?
Das Problem des Films: Er behält
einfach keine klare Linie ein, springt von seiner Stimmung hin und her,
versucht scheinbar möglichst viele Geschmäcker irgendwie zu bedienen,
dabei aber nichts richtig. In der zweiten Hälfte wird dann fleißig
getwistet, wodurch der Film Stück für Stück mehr Glaubwürdigkeit
verliert, das letztendliche Resultat ist recht hanebüchener Quatsch. Da
soll es dann auch plötzlich wieder ernst, hart und mitreissend sein, der
Zug ist inzwischen leider völlig abgefahren. Das Ganze ist so
haarstreubend konstruiert, dass es schon viel guten Willens bedarf, sich
darauf noch einlassen zu können. Den konnte ich kaum noch aufbringen.
Schade, denn die Darsteller sind gar nicht schlecht, die Grundprämisse
stimmt und hat irre viel Potenzial und es gibt immer wieder vereinzelte
Momente, die durchaus gut umgesetzt sind. Nur das Paket stimmt nicht und
das in einem solchen Ausmaß, dass das Filmvergnügen darunter massiv
leidet. So bleibt am Ende fast schon etwas Ärger, warum diese
Steilvorlage nicht entsprechend verwertet wurde.
Südkorea, 2009. Regie: Park Chan-wook. Buch: Park Chan-wook, Chung Seo-kyung. Mit: Song Kang-ho, Kim Ok-vin, Kim Hae-sook, Shin Ha-kyun, Park In-hwan u.a. Länge: 134 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Der Priester Sang-hyeon nimmt freiwillig an einem riskanten Impstofftest teil, mit dem eine tödliche Krankheit bekämpft werden soll. Wie bei den anderen Testpersonen greift das Medikament bei ihm nicht. Während einer Not-OP wird ihm eine Bluttransfusion gegeben, die ihn in einen Vampir verwandelt. Zunächst versucht er krampfhaft, sein altesLeben weiterzuführen, obwohl er nun auf menschliches Blut angewiesen ist. Dann lernt er Tae-ju kennen, die in einer Zwangsehe lebt. Sie beginnen eine Affäre, Sang-hyeon offenbart sich ihr und die Ereignisse nehmen ihren Lauf.
Meinung:
Wie nicht anders zu erwarten ist Park Chan-wooks "Durst" kein herkömlicher Vampirfilm geworden. In einer mitunter atemberaubenden Ästhetik präsentiert er eine Mischung aus Horrorfilm, Charackterstudie, bitterer Lovestory mit, im wahrsten Sinne des Wortes, bissigem Humor. In Zeiten von "Twilight" und ähnlich gelagerten Vampir-Hype-Glamour erscheint "Durst" wie ein gezielter Gegenentwurf, obwohl bzw. gerade weil er sich bestimmter Versatzstücke eben dieser bedient.
Zwei Vampire unter sich
Der Gegensatz besteht in der stetigen Unberechenbarkeit, mit der Park Chan-wook seinen Film vorantreibt. Dem ungewöhnlichen Beginn folgen viele bekannte Muster, an denen sich "Durst" zwar bis zum Schluß entlang hangelt, dennoch immer darum bemüht, das Interesse des Zuschauer durch Abweichung, surreale Momente und die niemals eindeutig festzulegenden Charaktere hochzuhalten. Manchmal stellt sich das Gefühl ein, Park würde der Versuchung erliegen, auf den damaligen bzw. noch gegenwärtigen Zug aufzuspringen, was sich jedoch als reines Kalkül herausstellt. Letztendlich bedient er diese Standards bewusst, um sie zum erzählen seiner eigenen Geschichte zu benutzen, sie neu und anders zu interpretieren. Dahinter steht der Kampf gegen die eigenen Triebe, der Verfall der selbstauferlegten Werte. Der Diener Gottes, der gegen alles verstößt, was ihm einst heilig war, da er sich erstmals seiner Begierde hingibt. Dieses geschieht so konsequent, wie er es schlußendlich beendet. Die letzten Minuten sind so großartig, scheinen fast endlos und sind ungemein packend.
"Durst" entfernt sich deutlich von der Massentauglichkeit und ist auch etwas zu lang geraten. Es dehnt sich hier und da unübersehbar, entscheidend bleibt aber immer das, was nach dem Abspann hängen bleibt. In dem Fall verdammt viel.