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Review: DAS PENDEL DES TODES & SATANAS - DAS SCHLOSS DER BLUTIGEN BESTIE - Corman, Price & Poe

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Fakten:
Das Pendel des Todes (Pit and the Pendulum)
USA, 1961. Regie: Roger Corman. Buch: Richard Matheson, Edgar Allan Poe (Vorlage). Mit: Vincent Price, John Kerr, Barbara Steele, Luana Anders, Anthony Carbone, Patrick Westwood, Lynette Bernay, Larry Turner, Mary Menzies u.a. Länge: 78 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Nachdem er von dem plötzlichen Tod seiner Schwester Elizabeth erfahren hat, macht sich Francis Barnard auf zu dem Schloss seines ihm bisher unbekannten Schwagers Nicholas Medina. Der trauernde Witwer nimmt ihn auf, doch bald häufen sich merkwürdige Ereignisse. Nachts soll angeblich die Stimme von Elizabeth zu hören sein. Francis vermutet nicht nur einen Schwindel, darüber hinaus verdächtigt er Nicholas nicht unschuldig am Tod seiner Schwester zu sein. Schließlich richtete schon dessen Vater im Folterkeller der Burg grausame Dinge an…


                                                                                               

Meinung:
Edgar Allan Poe frei nach Roger Corman: Wie bei allen seiner zwischen 1960 und 1964 entstandenen Adaptionen des legendären Schauerpoeten legt der sonstige Trash-Papst wenig Wert auf eine werkgetreue Umsetzung, bis auf das namensgebende Pendel hat dieser Film eigentlich überhaupt nichts mit der Geschichte von Poe zu tun. Vielmehr bedient sich Corman verschiedener Bausteine aus Poes Vita (nicht zu Letzt sehr deutlich aus „Das verräterische Herz“) und bastelt daraus sein ganz eigenes Ding zusammen, marketingtechnisch (wie immer) geschickt-dreist unter dem bekannten Titel „Das Pendel des Todes“ veröffentlicht.


Wenn schon Vincent Price Fracksausen bekommt...
Das könnte man bemängeln, aber bei Corman konnte man nichts anderes erwarten. Wer sich darüber beschwert, ist selbst schuld. Das Resultat aus diesem Allerlei an Inspirationsquellen ist dafür einer seiner besten Regiearbeiten geworden, bei der sich erkennen lässt das der alte Sparfuchs mehr kann als ihm allgemein zugesprochen wird. Für die (trotzdem natürlich noch) bescheidenen Verhältnisse ist „Das Pendel des Todes“ ein kleiner Augenschmaus geworden, geprägt von einer kräftigen Farbgebung, stimmungsvolle Sets und eine liebevolle Ausstattung, durch die souveräne Kameraführung exzellent umrahmt. In seinen besten Momenten erinnernd an die Aura der guten Produktionen aus dem Hause HAMMER, mit leicht psychedelischen Farbtupfern geschmückt. Trotz der nur 78 Minuten Spielzeit zwar schwerfällig in seinem Spannungsaufbau, niemals wirklich unheimlich oder gar erschreckend, gleicht Corman dies atmosphärisch nahezu aus und irgendwo schwebt doch noch der Geist von Edgar Allan Poe durch die Gänge des Schlosses und seines morbiden Hobbykellers. Unverzichtbar natürlich: Das ikonische  Grusel-Bärtchen Vincent Price, der bei seinem theatralischen Spiel aus den Vollen schöpfen darf. Mit Runzel-Stirn und hochgezogener Augenbraue gibt er gesten- und ausdrucksreich den verängstigten Schlossherr mit Kindheitstrauma an der Klippe zum Wahnsinn, darf sich zum Schluss gar in feinstem Overacting austoben, alles im Rahmen von Geschichte wie Inszenierung nicht störend, sondern absolut angemessen.


Auf den letzten Metern, wenn das gigantische Käsemesser endlich pendelt, gewinnt der Film gar eine sarkastische Note hinzu. Wer mit den Geistern der Vergangenheit spielt, wird von ihnen eingeholt. Geschichte wiederholt sich und wenn sich der Kreis wie die Grabespforten (erneut) schließen beendet Corman alles mit einer zynisch-pointierten Schlusseinstellung, die zu einem schadenfrohen Grinsen einlädt. Als Horrorfilm nicht nur aus heutiger Sicht sicherlich nur bedingt brauchbar, als im besten Sinne altmodische „Gutenachtgeschichte“ bei Kerzenschein sehr wohl, für Corman- und Price-Fans ohnehin eine Pflichtübung.

6,5 von 10 Stimmen aus dem Grab

                                                                                  

Fakten:
Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie (The Masque of the Red Death)
USA, GB, 1964. Regie: Roger Corman. Buch: Charles Beaumont, R. Wright Campbell, Edgar Allan Poe (Vorlage). Mit: Vincent Price, Hazel Court, Jane Asher, David Weston, Nigel Green, Patrick Magee, Paul Whitsun-Jones, Skip Martin u.a. Länge: 86 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der grausame Prinz Prospero entführt das Bauernmädchen Juliana, ihren Liebhaber und ihren Vater auf sein Schloss. Dort feiern er und seine dekadenten Freunde ein rauschendes Fest, das von einem Maskenball gekrönt werden soll, während jenseits der Burgmauern die Pest das verarmte Volk dahinrafft. Juliana soll seine neue Gemahlin werden, ihre Liebsten sich zur Belustigung gegenseitig töten. Prinz Prospero und sein Gefolge fühlen sich in ihrer Festung sicher vor dem roten Tod, schließlich haben sie ihre Seelen schon lange dem Teufel verkauft. Ein Trugschluss…


                                                                                                 
                                                                                     

Meinung:
„Wenn ein Gott der Liebe und des Lebens wirklich existiert hat, dann ist er schon lange tot. Irgendjemand, irgendetwas hat jetzt seinen Platz inne.“

Mit der vorletzten seiner insgesamt sieben Edgar Allan Poe-Adaptionen (oder aufgrund der sehr freien Auslegung eher Kreationen) schuf Roger Corman gleichzeitig den kreativen wie künstlerischen Höhepunkt seines Œuvres, dem oft (und nicht immer zu Unrecht) ein eher zweifelhafter Ruf anlastet. „Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie“ (alternativ auch als „Die Maske des roten Todes“ veröffentlicht) hebt sich erstaunlich von den üblichen Arbeiten Cormans ab, sowohl von seiner inszenatorische Qualität, Reife und sogar seinem inhaltlichen Subtext.


Mein Freund, der Tod.
Für einen hochwertigen Nägelkauer im traditionellen Sinne fehlt es eindeutig am dramaturgischen Geschick, „Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie“ (wie auch immer der Film damals zu diesem reißerischen deutschen Titel kam) lebt zugegeben nicht von seiner herausragend erzählter Geschichte und flacht in seinem Spannungsbogen immer mal wieder deutlich ab. Dieser Film funktioniert eindeutig über das Erlebnis, seinen rauschartigen Zustand, den Corman in Zusammenarbeit mit seinem Kameramann Nicholas Roeg (später selbst besser bekannt als Regisseur von Meisterwerken wie „Wenn die Gondeln Trauer tragen“) entfesselt. Ein Sog aus Farben, Beleuchtung und Ausstattung, wie ein Mix aus Mario Bava und Andy Warhol, hinter dem selbst der große Zampano Vincent Price in die zweite Reihe degradiert wird. Selbst Dario Argentos Prunkstück „Suspiria“ scheint unweigerlich inspiriert von Cormans faszinierendem Farbenspiel: Wenn Vincent Price und Hazel Court durch die in immer neuen Tönen schimmernden Räume des Palastes streifen, kommt man aus dem Staunen kaum heraus (man achte nur mal auf die zahlreichen Kerzen und deren Anordnung, irre) und der Vergleich zwingt sich praktisch auf. Ein aberwitziger Genuss für die Sinne. Kein Film zum reinen Ansehen, einer zum Aufsaugen, zum Erleben. Doch das ist noch nicht alles, denn selbst als Diskurs über Religion, Gesellschafts- und Machtstrukturen eröffnen sich Ebenen, die man Corman so ganz sicher nicht zugetraut hätte.


Hinter der scheinbar sicheren Mauern seiner Festung verschanzt sich der sadistische Prinz Prospero vor der wütenden Pest, der Plage für das gemeine Fußvolk, meint den roten Tod ausgesperrt zu haben. Dort drinnen feiern sie ihr dekadentes Gelage, benehmen sich im wahrsten Sinne des Wortes wie gemästete Tiere und huldigen dem Fürst der Finsternis als ihrem Erlöser. Leid, Qualen, Erniedrigungen, Folter und Tod als Belustigung für die hässliche Fratze des Adel, den Glauben der Bauern an einen barmherzigen Gott überheblich verspottend, denn sie selbst haben sich in diesen Stand erhoben. Zwischen rauschenden Festen wird die Realität abseits der Schlossmauern ausgeklammert, als Seuche und Plage des Pöbels ignoriert. „Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie“ kann als Parabel wie Sozialstudie betrachtet werden, die interessante Denkanstöße liefert und in einem ästhetischen Ballett des Todes mündet. Besser, hochwertiger hat Roger Corman davor und danach nie gearbeitet. Für seine Verhältnisse schon ein Meisterwerk, aber auch allgemein ein intensiver, packender Trip.

7 von 10 Gesichtern des Todes

Review: MACABRE & SPINE TINGLER! - Das William Castle-Double-Feature

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Fakten:
Macabre
USA, 1958. Regie: William Castle. Buch: Robb White, Theo Durrant (Vorlage). Buch: William Prince, Jacqueline Scott, Jim Backus, Christine White, Susan Morrow, Philip Tonge, Jonathan Kidd, Dorothy Morris, Ellen Corby, Howard Hoffman u.a. Länge: 68 Minuten. FSK: Ungeprüft. Auf DVD erhältlich.


Story:
Dr. Rodney Barrett verlor vor Jahren seine Frau, nun ist auch seine Schwägerin gestorben. Dorfsheriff Jim Tyloe gibt ihm an beiden Toden zumindest eine Teilschuld und würde nichts lieber sehen, als wenn er die Kleinstadt für immer verlässt. Doch jetzt verschwindet Barretts kleine Tochter spurlos. Ein unbekannter Anrufer gibt an, die Kleine entführt und lebendig begraben zu haben. Es bleiben nur wenige Stunden Zeit, ihr Leben zu retten. Gemeinsam mit seiner Sprechstundenhilfe Polly sucht Rodney verzweifelt nach ihr, ohne zu wissen, wem er wirklich trauen kann.






Meinung:
„Macabre“ war William Castles erster „abendfüllender“ Kinofilm, was bei einer Laufzeit von nur 68 Minuten etwas merkwürdig klingt. Es war zumindest sein erster eigenständig produzierter Film, der nicht den kleineren Part eines Double-Features darstellt, womit er sich zuvor seine Brötchen als Auftragsregisseur für COLUMBIA verdienen durfte. Viel mehr Mittel als sonst standen ihm nicht zur Verfügung. Zehn Drehtage, ein Budget von knapp 100.000 $, für die er sein Haus verpfändete, alles auf eigene Rechnung und Risiko. Es sollte sich auszahlen.


Zumindest er erschreckt sich zu Tode.
Der Schlüssel zum Erfolg war wohl weniger der eigentliche Film, eher die clevere Vermarktungstaktik, die zu Castles Steckenpferd werden sollte und in den folgenden Jahren noch deutlich kreativer wie einzigartiger wurde. Das Castle-Gimmick zu „Macabre“ war noch lange nicht so spektakulär wie später, nichtsdestotrotz effektiv und für die Publicity enorm effektiv: Jeder Kinobesucher erhielt eine (tatsächlich reale) „Death-by-Fright“-Versicherungspolice über 1000 $, die den nächsten Angehörigen im Falle eines schreckbedingten Todesfalls während der Vorstellung ausgezahlt würde. Um das Ganze noch wirksamer zu gestalten, stand ein Leichenwagen vor dem Kino und Krankenschwestern waren jederzeit anwesend. Zudem wurde das Publikum in den ersten Filmsekunden „gewarnt“ und ihm „die Chance gewährt“, den Saal noch rechtzeitig zu verlassen. Was für ein frecher, klug konzipierter Nonsens. Besonders hinsichtlich der Tatsache, dass Castle sich auch 1958 schon sicher sein konnte, dass nicht eine der Policen jemals ausgezahlt würde. Denn – um nun mal zum Film zu kommen – selbst für damalige Verhältnisse war „Macabre“ zu keiner Zeit ernsthaft schockierend oder gar zum Sterben aufregend, obwohl die Geschichte an sich sogar ziemlich hinterhältig und fies ist. Gefesselt von seinen begrenzten Möglichkeiten ist Castle lediglich nicht in der Lage, das gesamte Potenzial ausspielen zu können. Bei weniger als 70 Minuten musste sich notgedrungen auf das Nötigste beschränkt werden, für ausgefeilte Sequenzen und herausragende Darsteller war weder Zeit noch Geld übrig; „Macabre“ wirkt wie eine hastig produzierte, (nicht nur) aus heutiger Sicht leicht skurrile Mischung aus Autokino-Billiggrusel und Film noir, dafür mit viel Liebe und Engagement gemacht.


Mit einigen guten Inszenierungsideen kann der Regisseur punkten. Die wenigen und an sich unspektakulären Sets werden schlau ausgeleuchtet, wie der nebelige Friedhof oder das Leichenschauhaus mit seinem nervösen, flackernden Licht. Es entwickelt sich ein zwar nie hochspannender, dennoch interessanter Low-Budget-Whodunnit, dessen Geschichte leicht an Henri-Georges Clouzots Noir-Meisterwerk „Die Teuflischen“ erinnert, der Castle einst dazu anspornte, den großen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, obgleich seinem Film selbst eine Romanvorlage zu Grunde liegt. Wahrscheinlich suchte er gezielt nach einer ähnlichen Geschichte, der alte Fuchs überließ wohl nie irgendwas dem Zufall. Was dabei letztlich herauskommt, ist weit entfernt von großem Kino und auch nur im Gedanken in der Nähe von Castles Vorbildern, teilweise naiv und manchmal drollig. Im Gesamtpaket – besonders in Anbetracht des sichtlichen Enthusiasmus und der bescheidenden Rahmenbedingungen – trotz alledem ein nostalgisches, ungemein sympathisches Stück B-Movie-Geschichte aus einer Zeit, als ein Träumer mit wenig Kohle und ganz viel Herz noch zur Ikone werden konnte. 

6 von 10 Kindersärgen


                                                                          

Fakten:
Spine Tingler! – The William Castle Story
USA, 2007. Regie: Jeffrey Schwarz. Mit: Terry Castle, Forrest J. Ackerman, John Waters, John Badham, Joe Dante, John Landis, Diane Baker, Sidney D. Balkin, Roger Corman, Stuart Gordon, Fred Olen Ray u.a. Länge: 82 Minuten. FSK: Ungeprüft. Auf DVD erhältlich.


Story:
Eine Dokumentation über William Castle, der vom Laufburschen zum gefeierten B-Movie-Regisseur aufstieg. Familienmitglieder, Weggefährten, Fans und Kollegen liefern einen Einblick in das bewegte Leben des Mannes, der den Kinobesuch stets zu einem Event machte.



                                                                                      




Meinung:
„Eines Tages möchte ich etwas Anspruchsvolles machen, doch bin in meiner Karriere dazu verbannt, Unterhaltung für ein bestimmtes Publikum zu machen…Leider komme ich da nicht raus.“

Wehmütige Worte eines Mannes, der doch eigentlich das liebte, was er tat: Menschen zu unterhalten und sich dabei als großer Zampano zu präsentieren. Nur der ganz große Wurf, die Regie bei einem Studiogroßprojekt und Kritikerliebling, blieb ihm Zeit seines Lebens verwehrt, obwohl er einmal ganz kurz davor stand. William Schloss, wie der Sohn jüdischer Einwanderer bürgerlich hieß, entdeckte schon früh seine Liebe zum Theater und Film, immer mit dem Ziel vor Augen, selbst im Rampenlicht zu stehen. Nicht unbedingt als Schauspieler, er wollte inszenieren, Dinge erschaffen. Über das Theater (bei dem sich zum ersten Mal die Wege von ihm und Legende Orson Welles kreuzten) kam er nach Hollywood, stieg bei COLUMBIA vom Laufburschen zunächst zum Regieassistent (hier z.B. wieder unter Welles bei „Die Lady von Shanghai“) und später zum Auftragsregisseur günstiger Double-Feature-Filmchen auf. Als er 1955 sah, wie sich vor einer Kinovorstellung von Henri-Georges Clouzots „Die Teuflischen“ Schlangen bildeten, wusste er, das wollte er auch erreichen. Auf eigene Faust, mit seinem Namen auf dem Filmplakat. Er setzte alles auf eine Karte, verpfändete sein Haus und finanzierte so seinen ersten, eigenen Spielfilm „Macabre“. Um für Aufmerksamkeit zu sorgen ließ er sich etwas Besonderes einfallen: Eine 1000-Dollar-„Death-by-Fright“-Versicherung für jeden Kinobesucher, falls sie seinen Film aus Furcht nicht überleben sollten. Es funktionierte, Castle war schnell in aller Munde und in den Folgejahren wurden er und seine Filme Publikumsmagneten.


Immer nah am Publikum: William Castle.
Sein Markenzeichen wurde das Gimmick, das jeden seiner Filme zum Event machte. Dabei bestritt Castle ganz neue Wege, um sein Publikum über die Geschehnisse auf der Leinwand hinaus zu integrieren. Das nahm teilweise kuriose Formen an: Von Skeletten, die wie in einer Geisterbahn über die Köpfe der Zuschauer hinweg sausten („The House on Haunted Hill“) , Brillen, mit denen man wahlweise Gespenster sehen konnte oder nicht („13 Ghosts“) bis hin zu Kinosesseln, die anfingen zu vibrieren und Filmhandlungen, die ihren Höhepunkt direkt in den Saal verlegten („The Tingler“). Bei Castle war nichts normal, Kino zum Anfassen und Mitmachen, ein Happening. Dass die Filme selbst billig, schnell produziert und unter objektiven Kritikpunkten nicht besonders gut waren, wurde zur Nebensache degradiert. Er sah sich als Hitchcock der kleinen Leute und dafür wurde er geliebt. Seine große Chance auf mehr hatte er Ende der 60er Jahre, als er sich vorrausschauend die Rechte an dem Roman „Rosemary‘s Baby“ sicherte. Mit PARAMOUNT erzielte er einen Mega-Deal, wurde als Produzent etabliert, bekam jedoch den aufstrebenden Jungregisseur Roman Polanski vor die Nase gesetzt. Castle wollte natürlich selbst Regie führen und sich gegen Polanski aussprechen, doch nach einem Treffen mit ihm gestand er sich schweren Herzens ein, dass der Mann wohl die bessere Wahl sei. Vom Gegenteil werden wir uns nie überzeugen können, doch es ist anzunehmen, dass Castle eine weise Entscheidung traf. 

Ein echter Fan: John Waters.
In der Doku selbst wird sich natürlich hauptsächlich auf die Arbeit von William Castle konzentriert, aber auch der Mensch hinter dem Herzblutfilmemacher wird beleuchtet, u.a. durch seine Tochter Terry, die wie andere Kollegen, Fans und Filmschaffende zu Wort kommt. Zum Teil persönliche Erfahrungen mit der Person William Castle wie mit seinen Werken werden berichtet, besonders Regie-Nerd John Waters hat ein Leuchten in den Augen, wenn er aus seiner Jugend erzählt und wie sehr ihn diese Filme geprägt haben. In 80 Minuten bleibt leider wenig Zeit für die ganz tiefen, ausführlichen Einblicke und „Spine Tingler! – The William Castle Story“ versteht sich natürlich als eine einzige Liebeserklärung und Huldigung, kritische Töne in irgendeiner Form haben dort nichts verloren. Vielleicht gab es aber auch wirklich nichts, was man an dieser positiv-verrückten Rampensau zu beanstanden hätte. Wie seine Filme ist auch die Doku über ihn nicht der ganz große Hit, dafür enorm sympathisch, kurzweilig und durchaus informativ. Für Fans von Castle unverzichtbar (auch wenn vieles schon bekannt sein dürfte), für alle Interessierte definitiv den Blick wert. Was einen wirklich etwas traurig stimmt: Die Momente, die die Zuschauer damals in den Vorstellungen seiner Filme hatten, werden wir so wohl kaum erleben. Bei der deutschen Kinokultur, die manchmal eher einem Museums- oder Bibliothekenbesuch gleicht, ist das nicht praktizierbar. Nicht falsch verstehen, das hat natürlich auch seine Vorzüge bei den meisten Filmen, doch so was wie der interaktive Castle-Kino-Wanderzirkus passt da nicht rein.

6,5 von 10 Gimmicks

Review: SADOR - HERRSCHER IM WELTRAUM - Weltall-Western ohne Hemmungen

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Fakten:
Sador – Herrscher im Weltraum (Battle Beyond the Stars)
USA, 1980. Regie: Jimmy T. Murakami, Roger Corman. Buch: John Sayles, Anne Dyer. Mit: Richard Thomas, Robert Vaughn, John Saxon, George Peppard, Darlanne Fluegel, Sybil Danning, Sam Jaffe, Morgan Woodward, Earl Boen, John Gowans, Steve Davis, Larry Meyers, Lara Cody u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Weltraumtyrann Sador hat mit seinem Stellarkonverter schon etliche Planeten ausgelöscht und unterjocht, nun ist das friedliche Bauernvolk der kleinen Sterns Akir an der Reihe. Der junge Heißsporn Shad stemmt sich gegen die Vernichtung und nimmt mit dem einzigen Raumschiff die Reise ins All auf, um Söldner für den Kampf gegen den Despoten zu rekrutieren. Glorreiche Sieben sollen es sein…






Meinung:
„Wie heißt es in der Varda: Wer flieht, holt sich selber nicht mehr ein.“

Ach was? Diese unschlagbare Weisheit sollte noch ergänzt werden: Wer vor „Sador – Herrscher im Weltraum“ flieht, verpasst echt was. Kein cineastisches Meisterwerk, ganz sicher jedoch einen denkwürdigen Auswurf der kreativ-dreisten Rip-Off-Schmiede von Roger Corman, dem kein Copyright zu heilig war und stets wusste, wie man mit wenig Drehzeit um kaum Geld sich an großen Vorbildern labt, daraus kaum einen Hehl macht und gerade dadurch sogar punktet.


Sador, Herrscher des blauen Auges
Nach seinem unverblümt-billigen, mordmäßig unterhaltsamen Star Wars-Raubbau „Star Crash“ hatte der Budget-Jongleur wohl entweder noch zu viel Kulisse, zu wenig Eigenkapital oder einfach (und im Endeffekt ist es wohl die clevere Mischung aus allem) ein zu gutes Gespür, wie er wohl erneut einen kuriosen Unsinn massentauglich, absurd und effektiv verschachern konnte. Corman (und der eigentlich betitelte Regisseur Jimmy T. Murakami, was der genau zu sagen hatte, reine Spekulation) reitet auf der immer noch heißen Welle von George Lucas und verlegt seine „Adaption“ von „Die sieben Samurai“ bzw. John Sturges Western-Remake „Die glorreichen Sieben“ in den Weltraum. Ein grimmig dreinschauender John Saxon (Der Nancy-Papa aus „Nightmare on Elm Street“) hat seinen unglaublich gruseligen Stellarkonverter scharf gestellt und auf das arg beschauliche Planetchen Akir (Akiro Kurosawa, Regisseur von „Die sieben Samurai“, nur eins von etlichen Details) gerichtet. Die sind alle so unterwürfig und langweilig, schon verloren, wenn nicht der blinde Großvater-Krieger Zed und sein kuhäugiger und nur dezent Muttermal-geschädigter Azubi Shad wären. Da Opi nicht mehr ganz frisch auf der Linse ist, steigt Shad (Richard „John-Boy Walton“ Thomas) in das einzige Raumschiff des Waldorf-Planeten ohne Eier, die ihm auch nicht gerade in voller Pracht aus der Hose baumeln. Wenn er welche hätte, die künstliche (wen wundert es) weibliche Intelligenz – Nell – würde sie ihm eh gnadenlos abquetschen.


Das Ding aus dem Aquarium
Die schnippische Schwester von HAL 9000 ist offenbar in der Menopause und nicht gerade auf die Kontakte gefallen, sagt dem viel zu pazifistisch eingestelltem Lappen auch gerne mal, wann er denn bitte mal feuern möge, aber das geht nicht, weil John-Boy es nicht gerne „von hinten“ macht. Schade. Nach der Enttäuschung gibt es dafür viel zu entdecken, besonders die Mitstreiter, Karneval im Weltall. Ganz vorne natürlich nicht der Ü-Ei-Wissenschaftler mit dem inzestuösen Fortpflanzungsplan, sondern der Sohn von der Creature from the Black Lagoon und dem Ding aus dem Sumpf, hier mit dem Namen Cayman versehen, und seinem Harpunen-Lustknaben im schicken Swinger-Club-Outfit. Wer war nicht schon im All unterwegs und hat die Harpune vergessen? Weltraum-Wale, die unterschätze Gefahr. Das ist noch lange nicht alles, da gibt es auch das Kollektiv Nestor, die zufällig sehr freizügig-bekleidete Porno-Walküre Saint-Exmin, der Han Solo-Verschnitt „Cowboy“ (so heißt der wirklich!) – gespielt von „Hannibal Smith“ George Peppard – und besonders Robert Vaughn als intergalaktischer Kopfgeldjäger „Geld“.


Twenty Years later...
Ja, der Robert Vaughn, der auch in „Die glorreichen Sieben“ spielte, hier halt in den komischen Sieben. Entweder ist das die ultimative Selbstironie oder traurige Realität, beides denkbar. Für Corman ein Glücksfall, für Vaughn…das muss er selber wissen. Sobald die Intention vom Diebstahl-Künstler komplett offensichtlich ist, gibt es kein Halten mehr. Da wird ungeniert kopiert, mit selbstironischen Momenten nicht gegeizt, mit Absurditäten um sich geworfen. Ob das Raumschiff um Trottel Shaun und Zicke Nell wirklich aussehen sollte wie ein fliegendes Skrotum, die Schergen von Sador wie Frankensteins Schweine und deren Armee (genau drei) von Angriffsschiffen wie große Mistkäfer, keine Ahnung. Möglich ist hier fast alles. An ulkigen Einfällen mangelt es grundsätzlich nicht. Hannibal Solo zapft sich Scotch und Eiswürfel aus der Gürtelschnalle, ein buntes Xylophon-Spiel kitzelt einen Kristall zum Gräberausheben, und es werden sehr aufklärende Gespräche geführt („Wie macht ihr es?“ „Männer und Frauen tun sich zusammen.“ „Nur zwei Geschlechter?“), dabei ist wohl jedem bewusst, was hier gerade abgeht. Corman sowieso und Vaughn zwangsweise, beim Rest, wer weiß…? Dazu gibt es eines der schrägsten, dabei tatsächlich witzigsten Attentatsversuche auf politische Oberhäupter.


Alles ist so drastisch verwurstet, bewusst Banane und gerade in seiner Dreistigkeit fast schon brillant. Ein schräges, zwinkerndes  Panoptikum voller Zitate und Kopien, satirisch, billig, bemüht, sich immer seiner Rolle glasklar. Schon cool.

6 von 10 Stellarkonvertern-Irgendwas-Dingsbums