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Review: DAS BRANDNEUE TESTAMENT – Gottes Tochter hat die Schnauze voll

1 Kommentar:
Fakten:
Das brandneue Testament (Le tout nouveau testament)
BE/FR/LU, 2015. Regie: Jaco Van Dormael. Drehbuch: Jaco Van Dormael, Thomas Gunzig. Mit: Benôit Poelvoorde, Pili Groyne, Yolande Moreau, Catherine Deneuve, Laura Verlinden, Marco Lorenzini, Didier De Neck, Anna Tenta u.a. Länge: 112 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Gott lebt als gewöhnlicher Mensch mit Frau und Kind in Brüssel. Charakterlich ist er allerdings nicht der barmherzige Allmächtige, von dem sich alle erzählen, sondern ein abscheulicher Mistkerl, der mit dem Schicksal der Menschen ständige Späße treibt und seine Familie wie Dreck behandelt. Seine kleine Tochter hat eines Tages genug davon und setzt sich gegen den Vater zur Wehr. Sie veröffentlicht sämtliche Todesdaten aller Menschen auf einen Schlag, flüchtet von zu Hause und macht sich auf die Suche nach sechs Aposteln, mit deren Hilfe sie ein brandneues Testament schreiben will.




Meinung:
Jaco Van Dormael macht es seiner Fangemeinde nicht leicht, denn als wirklich produktiver Regisseur lässt sich der Mann wohl kaum bezeichnen. Im Zeitraum von 24 Jahren hat er gerade einmal vier Spielfilme gedreht und trotzdem ist Van Dormael für viele ein Unikat, was nicht zuletzt an seinem ungewöhnlichen Stil liegt, den man eigentlich nur lieben oder ablehnen kann. Zuletzt setzte der Regisseur die Erwartungshaltung für nachfolgende Werke recht hoch an, denn sein "Mr. Nobody" aus dem Jahr 2009 war ein derartig ambitioniertes, fantasievoll überbordendes, inszenatorisch vor Kreativität nur so explodierendes sowie emotional ergreifendes Werk über das Leben, die Liebe und überhaupt so ziemlich alles eigentlich.


Mit dem Gott aus der Bibel hat er hier nichts gemeinsam
Diese außergewöhnliche Handschrift wird auch in "Das brandneue Testament" zu Beginn bereits klar ersichtlich, wenn Van Dormael eine gleichermaßen absurde wie interessante Geschichte einleitet, in der Gott höchstpersönlich als gewöhnlicher Mensch mitten in Brüssel mit Frau und Tochter lebt und darüber hinaus charakterlich ein absolut verachtenswerter Mistkerl ist. Seine vernachlässigte Tochter will nicht länger mit ansehen, wie der Vater Späße auf Kosten der Schicksale anderer treibt und veröffentlicht sämtliche Sterbedaten aller Menschen auf einen Schlag. Zusätzlich macht sie sich daran, sechs Apostel zu versammeln, mit deren Hilfe sie die bisherige Bibel völlig umschreiben und somit das titelgebende brandneue Testament erschaffen möchte. Was zunächst als einfallsreicher Auftakt beginnt, der mit schrägen Ideen und einem auffällig fiesen Humor besticht, entwickelt sich allerdings schnell zu einem filmischen Totalausfall, bei dem Van Dormael den gesamten Film unaufhaltsam, aber dafür umso härter völlig an die Wand fährt. Als regelrechtes K.O.-Kriterium erweist sich dabei der misslungene Spagat zwischen den verschiedenen Erzählrichtungen, durch die der Streifen von einer extremen Richtung in die andere schlägt und alles über den Haufen wirft, was teilweise vielversprechende Momente vorab errichtet haben.


Eine Szene, so kurios wie sinnlos...
"Das brandneue Testament" ist als kaum definierbares Gesamtwerk, was erstmal nichts schlechtes zu bedeuten hat, der seit langer Zeit mit Abstand merkwürdigste, unrundeste und fehlgeschlagenste Versuch, schwarzen Humor, religiöse Satire und ekelhaft sich anbiedernden Wohlfühlkitsch unter einen Hut zu bringen. Im Kern der Handlung stehen die einzelnen Hintergrundgeschichten der Apostel, die von Gottes Tochter aufgesucht werden. Durch diesen Erzählstil, der sich hier generell ziemlich früh abnutzt und lediglich durch die gewohnt verspielte Inszenierung des Regisseurs aufgewertet wird, wirkt der Film wie eine Aneinanderreihung skurriler Episoden, deren Inhalte zwischen banal, uninteressant oder vollkommen deplatziert schwanken. Wenn ein sexbesessener Mann den großen Schwarm seiner Kindheit und gleichzeitig Indikator seines Lasters wiedertrifft, weil er mit ihr gemeinsam einen Porno synchronisiert oder eine Frau im reifen Alter die Erfüllung in Gestalt eines Gorillas findet, mit dem sie sich schließlich zärtlich ein Bett teilt, dann sind das schon mehr als nur unkonventionelle Formen, Spielarten der Liebe auszudrücken und man muss sich als Zuschauer verwundert fragen, was sich der Regisseur bei derart hanebüchenem Quatsch nur gedacht hat.


Was ebenfalls kaum miteinander harmonieren will, sind die bedeutungsschweren Klaviertöne auf der Tonspur, die große Tragik und selbstgefällige Poesie vermitteln wollen, sowie die vereinzelt eingestreuten Szenen von Gott, der wutentbrannt seiner Tochter hinterherjagt und dabei ständig von anderen Menschen, also seiner eigenen Schöpfung, verprügelt oder anderweitig körperlich geschädigt wird, was vermutlich beißende Ironie darstellen soll, im Angesicht der plumpen Umsetzung aber wirkungslos verpufft. Als kleiner Lichtblick erweist sich kurz vor dem Ende die letzte Geschichte, welche von einem todkranken Jungen handelt, der in der wenigen Zeit, die ihm noch bleibt, einfach nur seine bereits entdeckte Transsexualität ausleben möchte. Zerstört wird diese eigentlich würdevoll inszenierte Episode durch ein unglaublich feiges, ärgerliches Ende, bei dem der Streifen endgültig jegliche Hoffnungen auf einen wenigstens stimmigen Abschluss krachend begräbt. "Das brandneue Testament" ist eine schmerzhafte Enttäuschung, vor allem in Anbetracht dessen, was der Regisseur bisher an bemerkenswerten bis einzigartigen Werken geschaffen hat. Ein erschreckender Ausrutscher, bei dem man sich wünscht, dass wenigstens dieser einzigartig bleibt.


3 von 10 Schleudergänge in der Waschmaschine




von Pat

Review: THE WITCH – Das Grauen in den Wäldern oder doch nur pure Einbildungskraft?

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Fakten:
The Witch
CA/US, 2015. Regie & Buch: Robert Eggers. Mit: Ralph Ineson, Kate Dickie, Anya Taylor-Joy, Julian Richings, Bathsheba Garnett, Harvey Scrimshaw, Lucas Dawson, Ellie Grainger. Länge: 88 Minuten. FSK: Ungeprüft. Ab 19. Mai 2016 im Kino.


Story:
In New England um 1630 wird eine streng gläubige Familie von ihrer Gemeinde verstoßen. Am Rande eines Waldstücks wollen sie mit der Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer Farm beginnen. Als die älteste Tochter eines Tages mit dem Neugeborenen spielt, ist das Baby von einem Moment auf den anderen im Wald verschwunden. Der Familienvater glaubt daran, dass ein Wolf Schuld ist, doch insgeheim macht sich die schleichende Angst breit, dass eine Hexe in den Wäldern haust, die es auf die Familie abgesehen hat.




Meinung:
"Nature is Satan´s Church", äußert die Frau in "Antichrist", bevor sich Lars von Triers Meisterwerk langsam zu einer ungemein verstörenden, sehr brutalen und nachhaltig bewegenden Orgie von Abscheulichkeiten hochschaukelt, in der die Verarbeitung von Trauer, Verlust und Schuld aus unterschiedlicher Geschlechtersicht aufeinanderprallt. Das zentrale Motiv der Natur als Kirche Satans könnte auch eine bedeutende Inspiration für Robert Eggers "The Witch" gewesen sein.


Sie ahnt das Unheil bereits...
Kaum zu glauben, dass man es hier mit einem Langfilmdebütanten zu tun hat. "The Witch" ist unglaublich stilbewusstes, selbstsicheres Horror-Kino der Superlativen, das wirkt, als wäre ein langjähriger Meister am Werk gewesen, der sich vorab bereits an mehreren Filmen dieser Art ausprobiert hat, um nun auf dem Zenit seiner Fertigkeiten anzukommen. Der Regisseur hat sich für dieses Werk tief in die Materie eingegraben, die altenglischen Dialoge aus der Geschichte, welche im 16. Jahrhundert in Neuengland angesiedelt ist, entstammen direkt von originalen Schriftstücken, überlieferten Sagen, Märchen und Tagebucheinträgen dieser Zeitepoche. Eggers erzählt von einer streng gläubigen Familie, die von ihrer Gemeinde aus dem Dorf vertrieben wird und in der Nähe eines Waldstücks mit der Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer kleinen Farm beginnen will. Als das jüngste Kind eines Tages spurlos verschwindet, ist die Familie hin- und hergerissen zwischen dem, was sie glauben, was sie meinen, zu wissen und was sie in ihren schlimmsten Albträumen fürchten.


Jedes Bild gleicht einem Gemälde
In "The Witch" ist die Atmosphäre bereits ab der ersten Minute zum Schneiden dicht. Mithilfe der düsteren, unheilvollen Cinematographie, bei der Eggers den sprichwörtlichen Teufel in jedem einzelnen Detail versteckt, und des grandiosen Scores von Mark Korven, der mit seinen schrillen Geigen und schrägen Kompositionen zu Beginn beinahe wie eine Parodie wirkt, später aber zu ungeahnten Momenten puren Grauens überleitet, entfesselt der Regisseur ein intensives, unbehagliches Schauermärchen. Auch wenn der Bedrohung recht früh ein klares Gesicht verliehen wird, appelliert Eggers immer wieder an die Kraft der Suggestion, was seinem Film einen zwiespältigen, interpretierfreudigen Anstrich verleiht, bei dem nicht immer eindeutig ersichtlich ist, ob die titelgebende Hexe real existiert oder nur eine Manifestation darstellt, die aus den immer stärker werdenden Konflikten innerhalb der Familie heraufbeschworen wurde, welche in ihrem unerschütterlichen, an religiösen Fanatismus grenzenden Glauben auf die Probe gestellt wird. Der Regisseur nutzt die bedrohliche Kulisse des Waldstücks, symbolträchtige Einstellungen sowie unheilvolle Ankündigungen in Gestalt von Tieren, um einen Keil zwischen die Familie zu treiben.


"The Witch" sympathisiert mit seinen Figuren, zeigt aber auch auf erschreckende Weise, was es bedeutet, wenn Menschen ihrem religiösen Glauben blind verfallen. Im Kern ist der Film weniger klassischer Horrorfilm, denn auf übermäßig blutige Eskalationen oder schlichte Jump-Scares verzichtet Eggers beinahe vollständig, als viel mehr ein bedrückendes Psychodrama, das auf ebenso langsame wie unangenehme Weise unter die (Netz-)Haut des Betrachters eindringt und stellenweise Impressionen erzeugt, die zu den verstörendsten der letzten Zeit zählen dürften. Am Ende offenbart "The Witch" aber auch eine faszinierende Lesart, bei der sich der direkte und indirekte Terror durch eine potentielle Hexe als mögliche Alternative entpuppt, bei dem sich die älteste Tochter der Familie, welche selbst als Ziel der Hexenbeschuldigungen herhalten muss, für einen Weg aus der religiösen Unterdrückung und in die freie Selbstbestimmung entscheiden kann. "The Witch" zeigt sich somit als inhaltlich überaus reichhaltiges Werk, funktioniert aber auch als geradlinige Schauergeschichte, sozusagen eine verrohte Variante der Gebrüder Grimm, in der Regie-Neuling Robert Eggers durch kraftvolle Impressionen, wunderbare Schauspieler und Momente puren Horrors jeden Ton trifft. Von diesem Mann ist zukünftig Großes zu erwarten.


8,5 von 10 Häuschen mitten im Wald


von Pat

Review: GOTTES GENERAL - SCHLACHT UM DIE FREIHEIT - Für Gott und Vaterland

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http://splendid-film.de/wvg/viewhigh/view_pi_pdf/article=4260428050223R/4260428050223R_high.jpg


Fakten:
Gottes General – Schlacht um die Freiheit (For Greater Glory: The True Story of Cristiada)
MEX, 2012. Regie: Dean Wright. Buch: Michael Love. Mit: Andy Garcia, Oscar Isaac, Santiago Cabrera, Rubén Blades, Eva Longoria, Catalina Sandino Moreno, Bruce Greenwood, Peter O’Toole, Bruce McGill u.a. Länge: 145 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 11.2. 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Mexiko, 1926: Nur wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg erklärt Präsident Calles das Praktizieren des katholischen Glaubens als illegal. Als friedlicher, aber intensiver Protest der Bevölkerung aufkommt, lässt er Taten in Form von Todesschwadronen sprechen. Es formiert sich ein bewaffneter, paramilitärischer Widerstand, die Cristeros. Sie heuern den ehemaligen Revolutionsgeneral Gorostietas an, um ihre Armee anzuführen.


                                                                             

Meinung:
Satte vier Jahre nach seiner Premiere schleicht sich „Gottes General – Schlacht um Freiheit“ erst jetzt heimlich, still und leise auf den deutschen Markt, natürlich gleich ins DVD/Blu-ray-Regal. Oft kein gutes Zeichen, gerade wenn es sich um eine gar nicht so kleine (wenn auch mexikanische) Produktion handelt, die sich zudem mit einigen bekannten Namen schmücken kann. In erster Linie Andy Garcia, Oscar Isaac und Filmlegende Peter O’Toole in einer seiner letzten Rollen. Letzterer selbstverständlich nur mit einem kleinen Part, zu mehr war er in seiner augenscheinlich schlechten Verfassung wohl gar nicht in der Lage gewesen. Erschreckend, wie ausgemergelt und gebrechlich der einstige Wüstensohn aus David Leans Jahrhundertwerk „Lawrence von Arabien“ sich mühevoll auf den Beinen hält, ein Schatten seiner selbst. In Anbetracht seines Gesundheitszustands kann er immerhin einen kleinen Funken seiner früheren Klasse andeuten…wenn er nicht gerade wirkt, als hätte man ihn gewaltsam aus seinem Mittagsschlaf gerissen.


https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEitX_jekEDhRJ5ikCgrPt3jXr0tFGJ2V9cSoU4MSYpKag5mnGbJgMG3_TfsxFtENRWBGyiu0xzOInq5fqbv5psXYbYGstvnXVycs35oKvvG8Ik62OVsQOOwMLMfHwFvd9PN7ccGXUaNnUyw/s1600/cristiada-jose.jpg
Keine gute Zeit für Katholiken.
Keine guten Vorzeichen, doch ganz so schlimm wie befürchtet ist der Film keinesfalls. Seine handwerkliche Präsentation kann sich allemal sehen lassen. Mit einigen hervorragenden Bildern und zwar nicht sonderlich zahlreichen oder ausgiebigen, dafür effektiven Action- und Schlachtszenen muss sich „Gottes General – Schlacht um die Freiheit“ nicht zwingend hinter größeren US-Produktionen verstecken. Die hauen in der Regel mehr auf den Putz, sind deshalb in der Wirkung nicht unbedingt besser. Das ist schon gehobenes Niveau, wie auch der Cast. Speziell Oscar Isaac versieht seine Rolle als ungestümer Rebell „El Catorce“ mit darstellerischem Profil, womit er dem eigentlichen Platzhirsch Andy Garcia deutlich die Show stiehlt. Der schlägt sich routiniert-souverän, warum sich ihre Karrieren in den letzten Jahren in exakt gegensätzliche Richtungen entwickelt haben wird hier – bei allem gebührenden Respekt vor Garcia – jedoch klar verdeutlicht. Der eine hat seine besten Jahre hinter sich, der andere noch vor sich. Der Rest vom Schützenfest (mit Ausnahme von Rubén Blades als diktatorischer El Presidente) hat zu wenig Raum, um besonders auf sich aufmerksam zu machen, was nicht gegen ihre Leistungen spricht. Was das Grobe, das Oberflächliche angeht, kann man dem Film kaum viel vorwerfen, das ist alles völlig in Ordnung. Nicht schlechter, manchmal sogar deutlich besser als so manches aus Hollywood. 


"Junge, gehe rechtzeitig in Rente."
Geschichten dieser Art – insbesondere, wenn ein religiöser Hintergrund besteht – bieten naturgemäß den idealen Nährboden für Pathos bis die Schwarte kracht, dem scheint sich der Film (zunächst) nicht kampflos geschlagen geben zu wollen. Ganz ohne geschwollene Brust und dem großen Appell an Gott, Ehre und Vaterland kann er nicht auskommen, das wäre bei dem Backround auch kaum zu vermeiden. Der Protagonist (Garcia) als Atheist zieht nicht aus religiösen Motiven in die Schlacht, ihm geht es um die Meinungsfreiheit, die Gerechtigkeit und dem Aufstand gegen die Unterdrücker, mit denen er vor nur wenigen Jahren Seite an Seite kämpft, um genau diese Werte zu verteidigen. Das nimmt der Story den schalen Beigeschmack eines reinen Glaubenskrieges, in dem eine Weltanschauung der anderen ihre Sichtweise einprügeln will. Hier geht es tatsächlich um etwas Höheres, etwas Wichtigeres: Um Grundrechte, um Menschlichkeit, und nicht wer den falschen oder richtigen Gott anbetet. Man ahnt zwar schon, wie sich das Ganze noch entwickeln wird (spätestens wenn Eva Longoria als fromme Ehefrau prophezeit: „Vielleicht wirst du dadurch zum Glauben finden.“), bis dahin hält sich das übliche Einst-war-ich-blind-nun-kann-ich-sehen-Gedöns vornehm zurück. Die Ansprachen vom General enthalten die göttliche Botschaft lediglich, um seine Mannen zu pushen. Er kennt eben ihren Trigger.


Erst wird gebeichtet, dann geballert.
Zudem wirft der Film eher nebenbei einen ganz interessanten, kritischen und (leider) zeitlosen Aspekt mit in den Topf: Die Rolle der USA in dem staatlich organisierten Massakern. Wenn unschuldige Menschen in "der Nachbarschaft" sterben, wird das zur Kenntnis genommen und eventuell kurz mal angesprochen, aber bevor diplomatische und besonders wirtschaftliche Beziehung gefährdet werden, greift man lieber nur zur Wahrung der eigenen Interessen ein. Öl öffnet den gut bestückten Waffenschrank auch für Massenmörder, anstatt ihm damit auf die Finger zu klopfen. Geschichte wiederholt sich, wohl die besten, wichtigsten Momente in „Gottes General – Schlacht um die Freiheit“, der im letzten Drittel leider seinem schwülstigen Titel und den vorher angedrohten Tendenzen gerecht wird. Es dürfte wohl niemanden überraschen, das General Gottlos am Ende doch endlich zum Herren findet, das entsprechend märtyrerhaft präsentiert wird und dazu Starkomponist James Horner irgendwo aus seinem Archiv ein 08/15-Heldentheme gekramt hat, das alles angemessen ummantelt. Abgestimmt mit einigen, mindestens fragwürdigen Szenen, die suggerieren, der Tod eines SEHR nahen Angehörigen sei zwar traurig, aber für die gute Sache letztlich richtig. Da wird dann noch bestätigend zugenickt, was sind wir stolz. Oh je.


Heftige Wehrmutstropfen am Ende, die den Film runterziehen, aber nicht ganz zerstören können. Es gibt genug (auch gerne und ausgiebig gefeierte Beispiele, mindestens drei mit Mel Gibson in der Hauptrolle) die das wesentlich schlimmer, penetranter und vor allem durchgehend praktizieren. „Gottes General – Schlacht um die Freiheit“ funktioniert eine ganze Weile mit wenig von der Grütze, sieht für seine Verhältnisse erstaunlich gut aus und ist auch ohne historisches Hintergrundwissen schnell verständlich und teilweise auch eindringlich. An sich nicht schlecht, nur hinten raus wird es verdammt eng.

5 von 10 aufgeknüpften Priestern

Review: DER MEDICUS – Ein deutscher Monumentalfilm: Außen hui, innen pfui.

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Fakten:
Der Medicus
Deutschand. 2013. Regie: Philipp Stölzl. Buch: Jan Berger. Mit: Tom Payne, Ben Kingsley, Emma Rigby, Stellan Skarsgard, Olivier Martinez, Elyas M’Barek, Michael Marcus, Fahri Yardim u.a. Länge: 150 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben.Ab 22. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Zu Beginn des 11. Jahrhunderts muss der junge Rob Cole (Tom Payne) mit ansehen, wie seine Mutter an der so genannten Seitenkrankheit stirbt und seine beiden Geschwister von ihm weggenommen werden. Rob schließt sich einem Bader (Stellan Skarsgard) an, von dem er in die Grundkenntnisse des Heilens eingeführt wird. Doch er will mehr und so macht er sich auf den beschwerlichen Weg nach Persien, wo er beim Meister der Heilkunst Ibn Sina (Ben Kingsley) lernen will, alle Krankheiten zu besiegen. Auf seiner Reise muss er viele Gefahren überstehen, doch sind sie erst der Anfang, denn vor ihm wird noch eine turbulente Zeit stehen, geprägt vom Aufeinanderprallen unterschiedlicher Religionen, Mentalitäten und Auffasssungen von Liebe.




Meinung:
1986 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Noah Gordon einen historischen Roman namens „The Physician“. Ein Jahr später erschien auch die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Der Medicus“ und avancierte weltweit zu einem Bestseller. Allein in Deutschland wurden über 6 Millionen Exemplare verkauft. Eigentlich verwunderlich, dass sich Hollywood einen solchen Stoff nicht sehr schnell geschnappt hat. Über 25 Jahre dauerte es. Und dann waren es nicht mal die Leute aus Hollywood, sondern eben wir Deutschen. Aber können wir das? Einen so großen, langen Roman auch adäquat auf die Leinwand bringen? Versucht haben wir es zumindest, sogar mit internationaler Besetzung.


Der weise Ibn Sina inmitten seiner Studenten
Nun, optisch braucht sich die Koproduktion der UFA Cinema, der ARD Degeto und Beta Cinema keinesfalls hinter den Historienfilmen aus Hollywood zu verstecken. Dreck und Schutt in Britannien, Prächtige Bauten und prunkvolle Gewänder im Morgenland. Schmutz und Schmuck liegen so nah beisammen und dazu wirkt das ganze Mittelaltersetting äußerst glaubhaft und ansehnlich. Das größte Plus sind die Naturaufnahmen, die tatsächlich den Atem stocken lassen. Ob nun Klippen in Großbritannien oder die steinigen und sandigen Wüstenlandschaften im Orient. In seinen größten Momenten erinnern die Bilder von der Wüste tatsächlich ein kleines wenig an „Lawrence von Arabien“. Ein größeres Kompliment könnte man einem Wüstenfilm wohl kaum aussprechen. Auch die CGI-Effekte sind durchaus gelungen und die Musik von Ingo Ludwig Frenzel schließt sich ebenfalls schön an die alten Monumentalschinken an.


Dann aber fängt es schon leicht an. Hauptdarsteller Tom Payne sieht mit seinen stechend blauen Augen zwar interessant aus, kann aber den Film nie wirklich alleine tragen. Gut, dazu stehen ihm ja mehr oder weniger etablierte Schauspieler zur Seite. Anfangs ist es noch Stellan Skarsgard als proletenhafter Bader, der sich hier herrlich gehen lassen kann, später Ben Kingsley als weiser Lehrmeister Ibn Sina. Auch Olivier Martinez als Shah kann durchaus überzeugen. Zwar sind auch die kleineren Rollen wie die von Robs Traumfrau Rebecca (Emma Rigby) oder seinen Studienkollegen (Michael Marcus, Elyas M’Barek) nicht unbedingt fehlbesetzt, aber irgendwie fehlt hier das letzte kleine Quäntchen Esprit, dass sie auch an den übrigen Cast heranreichen können.


Der Bader will den jungen Rob nicht gehen lassen.
Bisher könnte man meinen, der Film läuft, abgesehen von ein paar Schönheitsfehlern, wirklich gut. Aber zwei riesige Probleme lassen den Film einfach nicht über das Mittelmaß hinauskommen. Zum einen ist das die Erzählweise des Films. Anfangs noch wirklich angenehm dargestellt, scheinen schon bald größere Sprünge die Handlung unrund zu machen. Immer wieder fehlen scheinbar wichtige Teile der Handlung, die nur, mehr oder weniger intensiv, angedeutet werden und dann (scheinbar) einem Schnitt zum Opfer fallen und man springt einfach ein Stück weiter. Da es aber meist sehr interessante Elemente sind, die nicht gezeigt werden, immerhin sind hier Schlachten, Sandstürme oder Liebesnächte dabei, wirkt die übrige Handlung doch sehr langweilig und einfach nur so vor sich hinplätschernd, echte Höhepunkte sucht man vergeblich. Immerhin die Szenen, in denen es um die Praxis der medizinischen Behandlung geht, sei es nun eine Pestepidemie oder die vielen kleineren Eingriffe, können die Langeweile kurz unterbrechen.


Eine Operation kann eine blutige Sache sein.
Und der zweite große Mangel ist die fehlende Möglichkeit, mit den Figuren mitzufühlen. Natürlich mit es fast unmöglich, in zweieinhalb Stunden einen solch ausschweifenden Roman wie diesen hier auch nur annähernd angemessen umzusetzen, doch wurden von Drehbuchautor Jan Berger und Regisseur Philipp Stölzl so viele teilweise auch für die nähere Charakterisierung der Figuren wichtige Elemente weggelassen und komplett verändert, dass es am Ende einfach nicht mehr möglich ist, das Handeln wirklich nachzuvollziehen. Vielmehr bleiben Rob und die übrigen Menschen recht oberflächlich und eindimensional. Außerdem kann man kritisieren, dass der Film nur noch sehr wenig mit der eigentlichen Romanhandlung zu tun hat. Lediglich die Entwicklung der Behandlungsweisen und der Medizin kann man noch relativ gut nachvollziehen.


Unterm Strich ist „Der Medicus“ zwar eine ambitionierte und optisch auch wirklich großartige Sache, doch leider könne die langweilig und emotionslos erzählte Geschichte hier nicht im Ansatz mithalten. Als Romanverfilmung aufgrund der unglaublich vielen, gravierenden Änderungen ohnehin gescheitert, kommt der Film auch als solcher nicht übers Mittelmaß hinaus.


5 von 10 amputierte Zehen