Fakten: Glengarry Glen Ross
USA. 1992. Regie: James Foley. Buch: David Mamet. Mit. Jack Lemmon, Al Pacino,
Ed Harris. Kevin Spacey, Alan Arkin, Alec Baldwin, Jonathan Pryce u.a. Länge:
96 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.
Story:
Als die vier Immobilienmakler Richard "Ricky" Roma (Al Pacino),
Shelley Levene (Jack Lemmon), Dave Moss (Ed Harris) und George Aaronow (Alan
Arkin) nach zu niedrigen Umsatzzahlen von ihrem Boss erfahren, dass ein Verkaufs-Wettbewerb
zwischen den vieren veranstaltet werden soll, an dessen Ende der Beste ein Auto
erhalten und der Schlechteste entlassen werden soll, entbrennt zwischen den
trickreichen und hinterlistigen Angestellten ein Kampf um Kunden und die vier werden
immer misstrauischer.
Meinung:
Wenn man nach einem Film gefragt wird, der einen großen, fast schon
überirdischen Cast gespickt mit Ausnahmekönnern und Stars hat, dann fällt
sicher die Ocean’s-Reihe von Steven Soderbergh. Manch einer wird „Harry Potter“
nennen. Im Action-Bereich ist es wohl „The Expendables“ und ein heute eher
unbekannter Vertreter mit einer Vielzahl an grandiosen Darstellern ist Sidney
Lumets „Mord im Orient-Express“. Natürlich würde es hier noch viele Filme mehr
geben. Aber kaum einer ist von seiner schauspielerischen Klasse und Größe so
gut wie der All-Star-Cast in „Glengarry Glen Ross“.
Zwei der vielen tollen Darsteller: Spacey und Lemmon.
Darum die wichtige Frage: Seid ihr bereit für einen absoluten Hammercast? Für
die Creme de la Creme, die Hollywood zu Beginn der Neunziger zu bieten hatte? Für
den feuchten Traum unter den Altherrenriegen (auch wenn nicht mal alle so alt
sind)? Seid ihr tatsächlich bereit? Gut, dann die Ohren gespitzt: Jack Lemmon.
Al Pacino. Ed Harris. Alan Arkin. Jonathan Pryce. Alec Baldwin. Und Kevin
Spacey. Und die Kerle spielen auch mit so viel Enthusiuasmus, mit so viel Spielfreude,
dass es einfach Spaß macht, ihnen zuzusehen. Es hat ihnen sogar selbst Spaß gemacht,
denn sie haben sich auch gegenseitig beim Dreh der Szenen zugekuckt. Die
Darsteller pushen sich gegenseitig zu absoluten Höchstleistungen. Dialoge, die
geschliffener und besser kaum vorgetragen werden könnten. Eine fast schon
lehrbuchartige Studie über hervorragendes Schauspiel – von jedem einzelnen
Akteur.
Alec Baldwin und der beste Auftritt seiner Karriere
Problem aber ist, dass „Glenngary Glen Ross“, ein Film über vier ältere
Immobilienmakler, die um ihren Job bangen müssen und deswegen versuchen, sich
gegenseitig mit ihren Tricks und Old-School-Fähigkeiten auszustechen, sonst
doch recht zäh ist, über weite Strecken fast schon langweilig wirkt. Die megamäßig
gut vorgetragenen Dialoge sind zwar geschliffen, wirken aber dennoch wie Zuckerwatte beim Aufwickeln auf das Stäbchen - extrem in
die Länge gezogen und sehr einfach zerreißbar. Einfach schade. Spannung oder
filmische Originalität vermisst man leider ebenso, alles verläuft sehr stringent und
konventionell. Die beinahe altertümlich wirkende Inszenierung hilft auch nicht,
den Film ein wenig runder zu machen. Alles scheint schon reichlich angestaubt
zu sein, genauso wie die Methoden unserer vier Immobilienmakler.
Aber verdammt, der Film ist trotz seiner ewig in die Länge gezogenen Dialoge, trotz seiner altbackenen Optik, trotz seiner sehr
konventionellen und langsamen Inszenierung verteufelt unterhaltsam. Und das
liegt an den Schauspielgöttern, die hier miteinander spielen, sie gegenseitig
anschreien, niedermachen, verarschen, anlügen, betrügen und hintergehen. Ihnen
hängt man an den Lippen und wegen ihnen bleibt man die ganze Zeit dieser
Theateradaption am Ball. Schon wegen dieser umwerfenden Darbietungen muss man „Glengarry
Glen Ross“ unbedingt gesehen haben.
Fakten: John F.
Kennedy – Tatort Dallas/JFK – Tatort Dallas (JFK)
USA. 1991. Regie: Oliver Stone.
Buch: Oliver Stone, Zachary Sklar. Mit: Kevin Costner, Tommy Lee Jones, Joe
Pesci, Sissy Spacek, Kevin Bacon, Gary Oldman, Jack Lemmon, Walter Matthau,
John Candy, Sally Kirkland, Michael Rooker, Dondald Sutherland, Vincent
D’Onofrio, Tony Plana, Wayne Knight u.a. Länge: 189 Minuten (Kinofassung), 206
Minuten (Director’s Cut). FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.
Handlung:
Zwei Jahre nach dem öffentlichen Mord an John F. Kennedy setzt sich
Bezirksstaatsanwalt Jim Garrison mit dem wahren Ursprung des Verbrechens
auseinander, denn für ihn ist die Einzeltätertheorie um den angeblichen Lee
Harvey Oswald mehr als zweifelhaft. Zusammen mit seinem Team sucht er nach
Hinweisen und Anhaltspunkten, die seine Vermutungen verfestigen könnten, doch
je tiefer er gräbt, desto mehr Fragen kommen auf, genau wie er sich mehr Feinde,
als Freunde dadurch macht.
Meinung: Das Opening von „John F. Kennedy –
Tatort Dallas“ ist bereits ein inszenatorischer Geniestreich: Originalaufnahmen
von Kennedys Ankunft in Dallas, breitgrinsend verlässt er den Privatflieger und
besteigt die für ihn vorgesehene Limousine, um sich der jubelnden Menschenmasse
ohne Verdeck auf der linken und rechten Seite im Stadtkern zu widmen; Kennedy
ist ein Superstar, ein politisches Vorbild, einige seiner aufgebrachten
Anhänger fallen in Ohnmacht, während sich die riesige Uhr am Dealey Plaza mit
bleierner Schwere unerbittlich auf 12 Uhr 31 vorkämpft. Die folgenden Bilder
sind allseits bekannt, drei Schüsse ertönen, Kennedy sackt in seinem Sitz
zusammen, heilloses Chaos und Panik auf den Straßen. Oliver Stone verleiht
diesem Augenblick jedoch ein ganz neues, beängstigendes Klima, in dem er die
Archivaufnahmen wie in einer Dokumentation als einen mechanischen Ablauf
selektiert, dabei aber die Militärtrommeln eines John Williams unaufhörlich
wabern lässt; jeder Schlag gleicht dem Hall des Gewehrschusses, jede neue Perspektive,
jedes neue Stilmittel dient nicht nur der Illustration, sondern auch der
Kombination.
Garrison
kämpft um die Wahrheit.
Die Ermordung Kennedys ist ein bedrückendes Puzzle aus Millionen von kleinen
Teilchen, die in ihrer Verbindung und öffentlichen Positionierung vollkommen
deplatziert erscheinen und einen gesellschaftskritischen Zweifler wie den
oftmals kontrovers diskutierten wie gerne verschmähten Regisseur Oliver Stone
zur künstlerischen Höchstleistung antreiben. Dabei war Oliver Stone immer ein
Filmemacher, der sich den relevanten Themen seiner Generation und Nation
gestellt hat, der eine eigene Meinung vertreten hat, die sich auch als
selbstreflexives wie bewältigendes Statement durch die Filmhistorik bewegte,
wenngleich er nicht immer den richtigen Ton getroffen hat und auch mal zu einem
Resultat gelangte, welches ihm während der Herstellung des Werkes rein gar
nicht in den Sinn gekommen ist. Bestes Beispiel: Michael Douglas' schmieriges
Kapitalistenschwein Gordon Gecko, ein Scheusal, der plötzlich einen mehr als
heldenhaften Rang zugesprochen bekam. In „John F. Kennedy – Tatort Dallas“
kommt es zu einem ähnlichen Problem, nur, ist in diesem Fall nicht die
Perzeption des Zuschauers schuldig zu sprechen, sondern Stones' undifferenzierte
Charakterisierung.
Mit der Figur des Jim Garrison möchte Oliver Stone seinem Publikum einen
idealistischen Saubermann vorstellen; einen Bezirksstaatsanwalt aus New
Orleans, der sich für Recht und Ordnung einsetzt und nach dem strengen Kodex
der Gerechtigkeit agiert, ohne sich selber in so manches Schlagloch zu
katapultieren. Verkörpert wird dieser engagierte Strahlemann von dem damals
überaus beliebten Kevin Costner, ein Frauenschwarm und Kassenmagnet – Und
frischgebackener Oscargewinner. Es liegt nun keinesfalls an Costners
Darbietung, der macht seine Sache außerordentlich gut und weiß sein Charisma
auf die Rolle des nach Wahrheit eifernden Anwalts problemlos zu übertragen, nur
die weiße Weste, die Oliver Stone seinem Dreh- und Angelpunkt zusprechen
möchte, die ist genauso heuchlerisch wie seine Medien-Kritik im drei Jahre
später folgenden „Natural Born Killers“, schließlich war Garrison in Kontakten
zum organisierten Verbrechen verstrickt und soll Zeugen reichlich indiskret
bedroht haben. Ein kleiner Riss in dem ansonsten mehr als beeindruckenden
Gesamtbilde.
Recherchieren,
recherchieren, recherchieren…
Wenn wir uns aber auf den eigentlichen Inhalt konzentrieren und uns von Oliver
Stones audiovisuelle Vorliebe für die stilistische Vielfalt, die auch hier
wieder konsequent auftritt und in den verschiedensten Formaten und Ausmaßen
ausgelebt wird, distanzieren, gerade weil sie die informale Ebene nicht
bedrängt, und auch den famosen Cast mit Leuten wie Jack Lemmon, Walter Matthau,
Joe Pesci, Gary Oldman, Tommy Lee Jones und Donald Sutherland in den
Hintergrund rücken, dann wird es auf dem handlungstechnischen Plateau im
höchsten Maße interessant. Zu allererst ist es schon erfreulich, dass der
strahlende Protagonist Jim Garrison noch kundtun darf, dass er sich für sein
Vaterland mehr als schämt und Oliver Stone ihm entgegen jeden Patriotismus derartige
Sätze in den Mund gelegt hat. Dabei ist diese Aussage eben nicht nur irgendeine
Phrase, eine intuitive Momentaufnahme, „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ ist
auch ein auf Zelluloid gebannter Lanzenstoß in das Gewissen einer von A bis Z
getäuschten Nation, die sich in ihrer Blauäugigkeit dem medialen Lügenkonstrukt
und den politischen Hypokriten leichtsinnig hingegeben haben.
Kein Wunder also, dass die damalige Presse beinahe Amok gelaufen ist, dass
Oliver Stone Drehbücher gestohlen wurden und er sich der Verachtung unzähliger
Personen stellen musste: Die Wunden klafften auch noch 28 Jahre später, und sie
werde auch weiterhin schmerzen, wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit. In „John
F. Kennedy – Tatort Dallas“ geht es deshalb auch nicht nur allein darum, eine
Verschwörungstheorie um den Tod des Präsidenten glaubwürdig zu chiffrieren, es
ist auch ein Appell an die globale Bevölkerung, die nicht immer das fressen
soll, was ihnen durch sogenannte „Respektspersonen“ und die Medien vorgegaukelt
wird. Vor allem doch dann nicht, wenn die Ungereimtheiten in einem derart
eklatanten Umfang auftreten und keinerlei analoge Aufklärung zulassen. Mit Lee
Harvey Oswald hatte man dann einen Verantwortlichen, die Achse des Bösen und
ein greifbares Bild des Attentates. Oliver Stone schüttelt entrüstet den Kopf,
denn die Diskrepanz beginnt bereits bei der zeitlichen Schussfolge, in der in
wenigen Sekunden drei Schüsse abgegeben wurden, die nie und nimmer nur von
einer Person getätigt werden konnten.
Weiß der mysteriöse Mister X
mehr?
In „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ stehen drei Fragen im Zentrum des
Geschehens: Wieso wurde Kennedy getötet? Wer profitiert von seinem Tod? Wer hat
die Macht dieses Verbrechen zu (ver-)decken? Dabei lässt sich Oliver Stone
knapp 200 Minuten Zeit um diesen Fragen eine Antwort zu ermöglichen und
analysiert Details, präzisiert Einzelheiten und dringt in ein Gefilde aus
Manipulation, Machtmissbrauch, Korruption und Sabotage – Die Einzeltätertheorie
wird nicht nur hinterfragt, sie wird dekonstruiert und stellt sich problemlos als
völliger Mumpitz heraus. In einem Dreieck aus Exilkubanern, rechtradikalen
Schattengestalten und ehemaligen FBI- und CIA-Agenten wird recherchiert, bis
die Spur irgendwann ins Sammelbecken des militärisch-industriellen Komplexes
(MIK) führt. Natürlich versteift sich Oliver Stone auf fiktive Vermutungen;
Vermutungen auf starke außenpolitische und ökonomische Zusammenhänge, die sich
faktisch natürlich (noch) nicht belegen lassen. Doch die Adaption von Garrisons
eigener Sichtweise ist auch die akribisch katalysierte Hoffnung, einem Land die
verlogenen Splitter aus dem Auge zu ziehen.
„John F. Kennedy – Tatort Dallas“ lebt von seinen Thesen, von Theorien und
Spekulationen, doch je tiefer Oliver Stone seinen Hauptdarsteller bohren lässt,
desto größer werden die Schnittstellen und Hohlräume, desto größer die Fragen,
auf die es keine Antworten zu geben scheint, irgendwo im stickigen Dickicht aus
Krieg und dem elendigen Geld. Wenn Kevin Costner am Ende in einem Gerichtsaal
explodiert, Lincoln-Zitate am laufenden Band abfeuert und das moralische
Plädoyer auf den orgastischen Höhepunkt zusteuert, dann ist das überzogen, dann
hat das nichts mit der Realität zu tun, doch es passt letztlich in das
evozierte Bild, seinen eigenem Konzept ein Fundament zu verleihen, es wenigstens
zu versuchen, auch wenn man scheitern muss. Dabei wird dem Film auch genau das
Feeling zugesprochen, wie es sich lediglich die echten
70er-Jahre-Polit-Thriller aneignen durften. Oliver Stone ist mit „John F.
Kennedy – Tatort Dallas“ auf der Höhe seines Schaffens angekommen, ein mutiges,
hochspannendes und höchste Konzentration forderndes Mammutwerk. Da können die
Amis auch heute noch gerne so viel Feuer spucken wie sie wollen, Stones Opus
Magnum trifft genau die richtigen Töne, auch wenn sie das nicht wahrhaben
wollen/können/dürfen.