Posts mit dem Label Colin Clive werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Colin Clive werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: FRANKENSTEINS BRAUT - Wer kann schon ein Monster lieben?

Keine Kommentare:


Fakten:
Frankensteins Braut (Bride of Frankenstein)
USA. 1935. Regie: James Whale. Buch: William Hurlbut. Mit: Colin Clive, Boris Karloff, Elsa Lanchester, Valerie Hobson, Ernest Thesiger, Una O’Connor, E.E. Clive, Gavin Gordon u.a. Länge: 78 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Frankensteins Kreatur, gejagt vom Mob, versteckt sich im Wald bei einem blinden Eremiten. Dort erlernt die Kreatur nach und nach menschliche Wesenszüge. Doch auch dort wird es aufgespürt und muss fliehen. Es findet Unterschlupf bei Dr. Prätorius, der wie einst Dr. Frankenstein auch davon besessen ist den Tod zu besiegen. Gemeinsam versuchen sie für das Monster eine Braut zu erschaffen und entführen dafür Dr. Frankenstein und dessen Geliebte.





Meinung:
Während „Frankenstein“ von 1931 noch in emphatischen Linien residierte und seinen markanten Figuren in unschwere Differenzierungsmöglichkeiten schleuste, verhält es sich mit „Frankensteins Braut“ - gerade aus moralische Sicht – ungleich schwerer. Das erste Zusammentreffen mit dem aus vom Friedhof gestohlenen Leichenteilen erschaffenen Monster war ein von Empathie gezeichnetes Erlebnis, in dem sich auch der Zorn der Zuschauers nach und nach gegen die eigenen Artgenossen richtete, während das Monster selbst als unschuldiges und dennoch gestraftes Wissenschaftsfabrikat charakterisiert wurde. Von Grauzonen konnte dort nicht wirklich gesprochen werden und die Umsetzung mag im Nachhinein betrachtet auch reichlich oberflächlich und einfach wirken. Allerdings stützt diese augenscheinliche Unkompliziertheit zweie effektive Schachzüge.


Händchen halten? Beim ersten Date!? Ein Affront.
Zum einen wird ein reziprokes Horror-Stilmittel kreiert, in dem sich das vermeintlich „Böse“, also der obligatorische Antagonist, gar nicht in diese plakative Schablone gießen lässt: Wir sympathisieren schließlich mit dem Monster. Zum anderen entblättert „Frankenstein“ auch mahnend das defizitäre Verhalten des Menschen – Und damit folgt der legendäre Klassiker – ob filmisch oder literarisch - ohne Frage einem mehr als universellen Duktus. Vom Simplizität kann also doch keine Rede sein. Aber wie gesagt, in „Frankensteins Braut“ wird nach einer anderen Pfeife getanzt. In der Exposition begrüßt uns vorerst noch die Vorlagenautorin Mary Shelley höchstpersönlich, die ganz zur Freude des renommierten Dichters Lord Byron kundtut, dass die Geschichte rundum Dr. Frankenstein und seinem Geschöpf noch lange nicht abgeschlossen wurde und das Bedauern des abrupten Endes des Erstlings nicht weiter nötig ist.


Ein sympathischer Kniff, aber bereits nach dieser Einführung betritt „Frankensteins Braut“ einen zwiespältigen Pfad, der den Zuschauer in seiner Zuneigung für das gescholtene Monster auf eine mehr als harte Probe stellen soll: Das Monster tötet, und das vollkommen bewusst und gradlinig. Wo wir also im ersten Teil noch erfahren haben, dass das Geschöpf zwar zu affektiven Handlungen in der Lage ist, diese aber nicht gezielt und mit einem böswilligen Hintersinn vollstreckt, eben weil er seine Handlungen nicht reflektieren kann, ist er nun in der Lage, seiner Wut durch das Töten zum Ausdruck zu bringen. Die Karten der wissenschaftlichen Schuldfrage werden nicht nur ganz neu gemischt, sie greifen auch gleichzeitig noch viel tiefer, ohne zu forciert weiterhin auf die „Du darfst dich nicht Gott gleichstellen“-Moral einzugehen. Man kann sagen, „Frankensteins Braut“ ist eine reifere Fortführung ohne dem bloßen Plagiatismus zu verfallen.


Dr. Prätorius
Dabei erweist sich auch die Entwicklung von Frankensteins Monster nun als deutlich humanoider. Er eignet sich bestimmte Verhaltensweisen an; isst, raucht, trinkt Rotwein und lernt es ebenfalls zu sprechen und so verbal mit anderen zu kommunizieren. Hurlbuts Skript arbeitet immer mit einer gehörigen Portion schwarzen Humor, immer passend in das Geschehen involviert, ohne Überhand zu nehmen und „Frankensteins Braut“ letztlich noch in eine humoristische Ecke zu verdrängen oder gänzlich zur Lachnummer zu formieren. Auch „Frankensteins Braut“ steht weiterhin im ernsthaften Tonusdienste seines Vorgängers, in dem er dem Monster zwar menschliche(re) Facetten anheftet, ihn dadurch aber auch umso heftiger leiden lässt: Es sehnt sich nach Wärme und Zweisamkeit und möchte sein tristes Dasein nicht länger als einsames Wesen im Schatten der einheitlichen Verachtung fristen. Und hier beginnt die wahre Tragik des Szenarios.


Der exzentrische Dr. Prätorius kommt ins Spiel und möchte dem Monster diesen Wunsch erfüllen – natürlich keinesfalls ohne eigene Vorteile daraus zu ziehen - und holt damit ebenfalls den wahren Schöpfer des Monsters zurück ins Boot, Dr. Frankenstein, der durch die Entführung seiner Gattin an der kurzen Leine gehalten wird und dem Monster selbst eine Frau zur Seite konstruierten soll. Was James Whale mit „Frankensteins Braut“ dann in den letzten Minuten auf den Zuschauer zulässt, vernichtet all die Hoffnungen, all die Zuversicht auf ein glimpfliches Ende in einer einzigen Sekunde. Das Monster muss schweren Herzens, gar mit Tränen in den Augen erkennen, dass es seine Schale nicht ablegen kann und ihm nie die Zuneigung zuteilwird, die es sich so ersehnt hatte, die ihm in der so herzlichen Episode mit dem Blinden – Die einzige Person, die ihm urteilsfrei begegnete – beinahe greifbar gemacht wurde. Am Ende bleibt nur die Tragödie.


7,5 von 10 Tränen des Monsters


von souli

Review: FRANKENSTEIN - Wenn der Hass des Menschen auf die Unschuld des Monsters trifft

Keine Kommentare:


Fakten:
Frankenstein
USA. 1931. Regie: James Whale. Buch: John L. Balderston Francis Edward Fargoh, Mary Shelley (Vorlage). Mit: Colin Clive, Elizabeth, Boris Karloff, John Boles, Edward Van Sloan, Dwight Frye, Lionel Belmore, Marilyn Harris, Frederick Kerr u.a. Länge: 71 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der junge Wissenschaftler Dr. Henry Frankenstein hat es sich zur Aufgabe gemacht nach dem Ursprung des Lebens zu forschen. Dieses Unterfangen beschert ihm viele Probleme, doch er gibt nicht auf und beginnt sogar aus Leichenteilen eine Kreatur zu erschaffen. Nachdem er das letzte Puzzlestück, ein Gehirn, beschafft hat, nutzt er ein Gewitter um seine Kreatur ins Leben zu holen.





Meinung:
„Frankenstein“ muss zwangsläufig als moralische Lektion verstanden werden, in der das blasphemisch anmaßende Wetteifern mit Gott und seinen übernatürlichen Stärken angeprangert wird: Jeder möchte doch einmal das kontrollierende Zepter gen Himmel strecken und im hellsten Glanz vor seinen Mitmenschen erstrahlen, doch das Recht über Leben und Tod entscheiden zu dürfen, ist ein heidnischer Schritt zu weit und gleichzeitig ein Regelverstoß, der mit der unausweichlichen Resonanz der eigenen Rücksichtslosigkeit bestraft werden muss. Distanziert man sich aber von diesem religiösen Scheitelpunkt, bleibt die kritische Leseart dennoch beständig, nur eben aus einem anderen, wahrscheinlich greifbareren Blickwinkel beleuchtet. James Whales Mary Shelleys-Adaption ist auch eine Parabel über die Selbstüberschätzung und den daraus resultierenden Kontrollverlust des Menschen.

 
Erstes Bild einer olympischen Fackelübergabe
Dabei hat „Frankenstein“ im Gegensatz zu 
anderen Genre-Urgesteinen wie beispielsweise „Dracula“ und „Der Wolfsmensch“ nach wie vor um Längen die Nase vorn, wenngleich auch James Wahles Klassiker niemanden mehr aufgrund seines Gruselfaktors hinter die Sofalehne scheuchen wird. Es ist die informale Klasse, die „Frankenstein“ auch in heutiger Zeit unzerstörbar erscheinen lässt, denn mit dem Grundthema des wissenschaftlichen Fortschritts sind wir hier mehr den je in der Gegenwart verwurzelt. Wenn Dr. Frankenstein euphorisch mit aufgerissenen Augen in seinem Labor lauthals über das Ergebnis seiner langwierigen Arbeit jubelt und eine Kreatur aus Leichenteilen zurück ins Leben gerufen hat, dann ist das fachlich ohne Frage eine Revolution sondergleichen. Es verdeutlicht aber auch gleichermaßen die schon im Vorfeld fehlende Reflexion im subjektiven Umgang mit Dr. Frankensteins Motivation.


Auch ein Monster braucht mal frische Luft
Nun liegt diese Kreatur auf dem Operationstisch, bewegt sich, keucht und versucht mit den klotzigen Händen die durch die Luke schimmernden Sonnenstrahlen zu erfassen. In dieser Szene wird deutlich, dass Dr. Frankenstein es zwar geschafft hat, aus den Gebeinen verschiedener Körper etwas Lebendiges zu erschaffen, doch fehlt es diesem nicht nur an einer Seele, sondern auch an einem Gewissen und der moralischen Instanz. Wenn das Monster sich dann im ersten Moment noch darüber freut, dass die Blumen im Wasser treiben und er gleiches im nächsten Moment mit dem kleinen Mädchen versucht, was ihm ohne jedes Anzeichen von Panik die Blumen überreicht hat, dann hebt die Gedankenlosigkeit des Wissenschaftlers in eine ganz neue Dimension ab. Die romantische Morbidität, die „Frankenstein“ gerne streichelt, weicht in diesem Augenblick einer bitteren Schwärze.


Bitter, weil das Monster die Sympathien auf seiner Seite hat und weil wir als Zuschauer längst begriffen haben, dass für das Volk nicht der Erfinder als Sündenbock gelten wird, sondern die willenlose, unschuldige Kreatur: Kollektiver Hass straft ein Wesen, dessen Schuldbewusstsein und Selbstreflexion gleich Null ist. Mit den expressionistischen Stilreferenzen beweist auch Kameramann Arthur Edeson, was er im künstlerischen Repertoire bereithält und reichert „Frankenstein“ visuell als mehr als überdurchschnittliches Cineasten-Grundwissen an. Am Ende bleibt eine so schöne wie tragische Geschichte im Gedächtnis und die wiederholte Erkenntnis, dass wir Menschen in unserer überheblichen Sehnsucht nach intensivierter Steigerung auch immer den unstillbar ignoranten Drang zu vernichten vergessen. Das Monster wusste es nicht besser, konnte es nicht besser wissen. Und genau das macht alles so ergreifend.


7 von 10 brennenden Windmühlen


von souli