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Review: mother! - Ein Film, der sich in die Synapsen frisst

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Fakten:
mother!
USA. 2017. Regie und Buch: Darren Aronofsky. Mit: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Domhnall Gleeson, Kirsten Wiig, Jack Gleeson, Stephen McHattie u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 14. September im Kino.

Story:
Ein Dichter und seine junge Ehefrau leben allein in einem großen viktorianischen Haus auf dem Land. Eines Tages steht ein fremder Mann  und kurz darauf dessen Gattin vor der Tür, die der Dichter beide begeistert einlädt, bei ihnen zu wohnen. Als überraschend auch noch die Söhne des Ehepaars auftauchen, eskalieren die Spannungen im Haus...




Meinung:
Jedes Wort zu mother! wäre eines zu viel. Der neue Film von Darren Aronofsky ist ein Werk, welches definitiv das Publikum spalten, ja vermutlich sogar auseinanderreißen wird. In Zeiten von ewigem Konsens in den Multiplexen hat solch ein filmischer Faustschlag durchaus etwas belebendes. Aber damit es funktioniert, ist es wohl wirklich zwingend notwendig ohne Vorwissen sich die Leinwand zu setzen und hinab zu tauchen, in die Vision von Aronofsky, der nach seinem Noah... nein, wir schweigen.

Was gesagt werden kann von unserer Seite ist aber, dass mother! mehr Ereignis als wirklich Film ist. Anhänger von Kohärenz, klar definierter Logik und einem deutlich erkennbaren Storystrang werden hier wohl nur mit hängenden Schultern, schüttelnden Köpfen und enttäuschten Blicken den Saal verlassen. Aronofsky ist die vordergründige Geschichte erst mal ziemlich egal. Es geht um das, was dahinter steckt und vor allem um die Gefühle, die es auslöst. Wer sich darauf einlassen kann und will, könnte vielleicht ein unvergesslichen Trip im Kino erleben. Denn mother! ist wüst, löst zunehmend Unbehagen aus, konfrontiert sein Publikum mit der eigenen Machtlosigkeit und versilbert dies alles dazu mit einer großen Portion Orientierungsverlust. Ein Werk welches stetig und wankend umherspringt: Sanft und aggressiv, leise und laut, Lachen und Weinen, Singen und Schreien, energetisch und katatonisch, lebendig und tot. Ein Drahtseilakt, bei dem jeder Absturz zum Konzept gehört und einem Schlag in den eigenen Körper gleichkommt. Verstörender war Kino eines großen US-Studios seit Jahren nicht mehr.

Zu mother! kann und sollte wohl nur ein Rat erteilt werden: Hingehen und ansehen. Am besten im Kino, wo sich das superbe Sound Design und die fokussierten Bilder richtig in die Synapsen brennen und hineinfressen können. Ob einem das gefällt steht auf einem anderen Blatt Papier. Aber alleine die Erfahrung sollte es wert sein. In diesem Sinne: Willkommen in der Apokalypse.

8 von 10 unerwarteten Besuchen

Review: PIRATES OF THE CARIBBEAN: SALAZARS RACHE – Das beste Sequel der Reihe

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Fakten:
Pirates of the Caribbean: Salazars Rache (Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales)
USA. 2017. Regie:
Joachim Rønning, Espen Sandberg. Buch: Jeff Nathenson. Mit: Johnny Depp, Javier Bardem, Geoffrey Rush, Brenton Thwaites, Kaya Scodelario, Kevin McNally, Golshifteh Farahani, David Wenham, Stephen Graham, Angus Barnett, Martin Klebba, Adam Brown, Giles New, Orlando Bloom, Keira Knightley, Paul McCartney u.a. Länge: ca. 129 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 25. Mai 2017 im Kino.


Story:Ein vom Pech verfolgter Captain Jack Sparrow findet sich in einem völlig neuen Abenteuer wieder: Tödliche Geister-Piraten, angeführt von seinem alten Erzfeind, dem furchteinflößenden Captain Salazar, entkommen aus dem "Teufels-Dreieck" und sollen jeden Piraten auf See töten - einschließlich Jack Sparrow. Seine einzige Überlebenschance besteht darin, den legendären "Dreizack des Poseidon" zu finden, ein mächtiges Artefakt, das seinem Besitzer völlige Kontrolle über die Meere verleiht.






Kritik:Da ist er wieder. Johnny Depp als Kajal-Pirat Jack Sparrow. Vor allem er und seine aktuell festgefahrene Karriere brauchen dieses Comeback. Walt Disney hat mit Marvel, Star Wars und anderen Projekten genügend Moneymaker im Kader, aber für Depp heißt eine Rückkehr zum alten Seebeuter-Franchise auch eine große Chance wieder einen profitablen Hit zu landen. Die Chancen stehen gut. Zwar sind die drei Sequels des immer noch unerreichten Erstlings für viele Fans nicht mehr als eine unschöne Erinnerung, dennoch dürften sich wohl viele für den nun mehr fünften Teil interessieren.


Pirates of the Caribbean: Salazars Rache versucht, im Gegensatz zu vierten Teil, Fremde Gezeiten, nicht etwas komplett Neues in der Welt der Piraten und Geister zu etablieren. Stattdessen nutzt das Drehbuch von Jeff Natheson alte Storyseile und hängt sich an diese heran. Es wird versucht Vergangenheit und Zukunft des Franchise miteinander zu verknüpfen und das gelingt zu Beginn auch wirklich ganz gut. Als besonders aufwendig oder gewitzt erweist sich das Script dabei nicht. Genügsam beschreibt es wohl am besten, wenn hier die einzelnen Handlungsstränge und Figuren miteinander verbunden werden. Das ist durchaus effektiv und stellt dazu keine Stolpersteine her, die die Hauptattraktionen des Films, Depp und das Spektakel, aufhalten oder sogar gefährden. Pirates of the Caribbean: Salazars Rache ist im Großen und Ganzen grundsolide durchgeplant und so konstruiert, dass die Fans genau das bekommen, wofür sie ins Kinos gekommen sind.


Wer sich allerdings einen Dosis Frischwind erhofft hat, wird enttäuscht. Auch wenn Charakter eingeführt werden, die dem Franchise in Zukunft erhalten bleiben könnten (sollte Teil 5 ein Erfolg werden), so bringen diese nichts von Belang mit. Es bleibt ein Soloshow für Depp, der seine Revue auf Autopilot abspielt. Wer genau das will, erhält mit Pirates of the Caribbean: Salazars Rache wahrscheinlich den Sommer-Blockbuster schlechthin und wird sich wohl auch nicht daran stören, dass die Handlung des Films arg uninspiriert ist und im Laufe der Geschichte eine Enthüllung parat hält, die weder sonderlich gut vorbereitet noch umgesetzt wird, ganz zu schweigen von einem großen dramaturgischen Wendepunkt gen Ende, der nicht wirklich mitreißend ist. Zum einen weil das Franchise schon oft bewies, dass nichts wirklich endlich ist in der Welt von Jack Sparrow, zum anderen weil dieser, als Höhepunkt verkaufte Plotpoint, keine zufriedenstellende Vorbereitung genossen hat.


Wie bereits gesagt, wer Johnny Depp noch einmal in seiner Paraderolle erleben will, kommt um Pirates of the Caribbean: Salazars Rache nicht vorbei. Das Hollywood-Debüt der beiden skandinavischen Regisseure Joachim Rønning und Espen Sandberg ist insgesamt sauber inszeniert, besitzt ein gutes Tempo und die Besetzung scheint mit Spaß an der Sache dabei gewesen zu sein. Nur Schurke Javier Bardem bleibt unschön blass, was dem Script geschuldet ist, welches es niemals wirklich schafft aus ihm mehr zu machen als ein weiteres Anhängsel für die Vita des Kajal-Piraten. Beim sechsten Teil wäre ein Widersacher mit mehr Verve und Kraft in den Segeln wünschenswert. Nach dem Abspann von Pirates of the Caribbean: Salazars Rache gibt es dazu übrigens einen ersten Hinweis.


6 von 10 Schläfchen im Tresor

Review: THE GUNMAN - Sean Penn als Söldner mit Gewissen

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Fakten:
The Gunman
USA. 2015. Regie: Pierre Morel.
Buch: Pete Travis, Don Macpherson, Sean Penn. Mit: Sean Penn, Jasmina Trinca, Mark Rylance, Ray Winstone, Javier Bardem, Idris Elba, Peter Franzén, Billy Billingham, Daniel Adegboyega, Ade Oyefeso u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 3. September 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Jahre nach seinem letzten Einsatz holt den Ex-Söldner Jim Terrier die Vergangenheit ein. Getarnt als NGO-Mitarbeiter hatte Terrier vor Jahren im Auftrag eines Wirtschaftskonzerns einen tödlichen Anschlag auf einen hochrangigen Minister im Kongo ausgeführt. Doch jetzt gerät er selbst ins Visier seines ehemaligen Auftraggebers und eine tödliche Verfolgungsjagd von Afrika über London quer durch Europa beginnt. Terrier muss nicht nur um sein eigenes Leben kämpfen, sondern auch um die Frau, die er liebt.





Meinung:
Unter dem neumodischen Begriff „Geriaction“ versteht man die Art von Action-Filmen, die sich durch ihr durchaus in die Jahre gekommenes Zugpferd auszeichnen: „96 Hours“ gab 2008 dafür den Startschuss und ließ Liam Neeson unter der Ägide von Pierre Morel als vor Wut schäumenden Berserker durch Frankreichs Hauptstadt meucheln. Diesem kommerziell äußerst ergiebigen Feldzug folgten Mel Gibson („Auftrag Rache“), Denzel Washington („The Equalizer“) und auch Michael Caine (Harry Brown), wenngleich nicht mit demselben Box-Office-Renommee, aber grundsätzlich immer noch so ansprechend, dass man den gestandenen Darstellern gerne dabei zusieht, wie sie sich ebenfalls als Ein-Mann-Armee profilieren wollen. Ist es im Kontext dieser florierenden Konzeption daher noch verwunderlich, dass auch ein eigenbrötlerischer Künstler wie Sean Penn irgendwann zu den Waffen greift, um sich auf diesem raubeinigen Metier zu beweisen? Ja und nein. Die ledrige Körperlichkeit, um in dem Genre zu bestehen, bringt Penn definitiv mit, genauso die schauspielerische Klasse, ein pointiertes Charakter-Porträt anzulegen.


Schießt scharf für den guten Zweck: Sean Penn
Man merkt „The Gunman“ an, dass es hier um mehr gehen soll; dass Sean Penn, der hier als Hauptdarsteller, Co-Autor und Produzent in Personalunion auftritt, sich ins Zeug legen wollte, ja, sich gar einer missionarischen Maxime verschrieben hat. Das Endergebnis aber ist so ernüchternd wie verärgernd. Das Problematik von „The Gunman“ beginnt schon in den Marginalien der Herangehensweise: Was für einen Film wollen wir überhaupt drehen? Pierre Morel, der auch bei „The Gunman“ auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, möchte man noch zugestehen, dass ihm ein durchaus zackiger Action-Flic mit für pittoreske Aufnahmen garantierender World-Hopping-Mentalität im Sinne lag. Sean Penn aber strebt es nach mehr. Der zweifache Oscar-Gewinner und Polit-Aktivist möchte auf die vorherrschenden Missstände im postkolonialen Kongo aufmerksam machen: Als Schauplatz einer humanitärer Krise benutzt „The Gunman“ die Demokratische Republik Kongo, um Jim Terrier (Sean Penn) vor Ort als Teil einer privaten Sicherheitsorganisation einzuführen, der nach einem Attentat auf den hiesigen Bergbauminister das Land (und seine Freundin) verlassen muss, seine Gewissensbisse aber nicht abwerfen kann.


Sean Peann hat ordentlich Muckis zugelegt
Diese Grundlage würde an sich keine sonderliche Gefahr darstellen, heftig auf die Nase zu fallen, wählt „The Gunman“ doch nach dieser Exposition ebenfalls den dramaturgisch obligatorischen Weg und Jim Terrier wird zunehmend von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt, die sich auch in Form eines tückischen Komplotts verdinglichen. „The Gunman“ scheitert an seinen Ansprüchen, daran, den drahtigen Action-Helden als Weltverbesserer zu definieren und den ruppigen (Genre-)Gestus mit jede Menge gewollter politischer Relevanz zu codieren: Seht nur hn, der Kongo ist gespickt mit Menschenrechtsverbrechen! Fatalerweise aber zeichnet sich „The Gunman“ indes nicht durch seine inhaltliche Tiefe aus, es ist vielmehr der Geltungsdrang seines durchtrainierten Hauptdarstellers. Sean Penn lässt seinen sehnigen Oberkörper wann immer es geht in Szene setzen, spannt die beeindruckenden Muskelpakete an und kneift die Augen zusammen, damit auch allen klar wird: Mit diesem Mann legt man sich besser nicht an! Die Botschaft (Verschließt euch nicht vor den Brandherden und Krisenregionen in Afrika) ist plakativ, Penn kläglich unterfordert, die Behandlung politischer Dynamiken reine Behauptung.


Man glaubt es Sean Penn durchaus, dass ihm dieses Thema am Herzen liegt. Dass er aber in jedem Interview negiert, „The Gunman“ wäre ein Genre-Film, lässt erst recht Fragen aufkommen: Warum der aufgepumpte Physis, wenn es doch eh nicht um die Körperlichkeit gehen soll? Und warum das immanente Sträuben dagegen, das eigene Arrangement zu akzeptieren? Mit Pierre Morel hätte man jedenfalls einen Filmemacher gehabt, der in der Lage ist, energetische und vor allem sauber staffierte Set Pieces aufzubereiten. Doch „The Gunman“ gerinnt zur verklausulierten Lachnummer, fortwährend transparent in seinem angeblich so „bedeutsamen“ Gebaren, ist der Film letzten Endes doch nur das Ablassventil eines mit seiner persönlichen Gesinnung hausieren gehenden Stars, der das Wachrütteln anvisierte, aber schlussendlich nur zur Frustration verleiten konnte. Um eine stichhaltige, zum Nachdenken anregende Aussage zu treffen, benötigt es nun mal schlichtweg mehr, als das bloße Ausstellen von nationalen respektive kulturellen Notständen. Immerhin macht Sean Penn in den spärlich gesäten Action-Sequenzen eine gute Figur, aber die scheinen ihn ja ohnehin nie interessiert zu haben, was „The Gunman“ in seinem Niedergang noch vermessener erscheinen lässt.


3 von 10 rotsehenden Toreros


von souli

Review: THE COUNSELOR - Die Sucht nach obsessiver Dekadenz

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Fakten:
The Counselor
USA. 2013. Regie: RidleyScott. Buch: Cormac McCarthy. Mit: Michael Fassbender, Cameron Diaz, Penelope Cruz, Brad Pitt, Javier Bardem, Rosie Perez, Natalie Dormer, Bruno Ganz, Edgar Ramirez, Goran Visnjic, Toby Kebbell, Emma Rigby, John Leguizamo, Dean Norris, Sam Spruell, Richard Brake u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 31. März auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der angesehene, aber namenlos bleibende Südstaatenanwalt, nur bekannt als 'Der Berater', genießt inmitten von edler Arroganz und gelecktem Luxus das Leben mit seiner Freundin Laura. Aber der Berater ist noch nicht auf dem elitären Standard angekommen, auf dem er sich gerne sehen möchte, vor allem deshalb, um seiner Freundin ein Dasein zur vollsten Zufriedenheit zu ermöglichen – verführerisch funkelnde Diamanten zur Verlobung inklusive. Als ihm der extrovertierte Reiner und seine zwielichtige Freundin Malkina einen exorbitanten Drogendeal vorschlagen, der den Berater schlagartig um ganze 20 Millionen Dollar reicher machen könnte, willigt der junge Anwalt ein und arrangiert ein Treffen mit Westray, um die letzten Formalitäten zu klären. Doch der angezielte Transport geht schief und schon bald sieht sich der der Berater in einer Falle sitzend, die nur darauf wartet, sadistisch zuzuklappen.





Meinung:
Erwähnt man Cormac McCarthy in literarischen Fachkreisen, so zucken die Anwesenden, vornehmlich amerikanischer Natur, bereits vor der Aussprache der letzte Silbe seines Namens ehrfürchtig zusammen und verfallen in nachfolgenden Diskussionen in tranceartige Heiligsprechungen des Mannes. McCarthy, seines Zeichens Gewinner des renommierten Pulitzer-Preises und adaptierter Vorlagengeber für „The Road“ mit Viggo Mortensen und das Meisterwerk der Coen-Brüder „No Country for Old Men“, ist ohne Zweifel echtes Kulturgut der Stars and Stripes-Nation, sein Können hingegen steht auch auf dem globalen Markt vollkommen außer Frage. Wenn sich also eine Größe seines Kalibers dazu entscheidet, einem Film auf direktem Wege ein Drehbuch zu spendieren, dann schreit das förmlich nach einem exquisiten Jahrhundertwerk. Bei solch astronomischen Vorablorbeeren konnte das befindende Resümee von „The Counselor“ natürlich nur entgleisen.


Bereut Malakina ihre Sünden?
Was neben der illuminierenden Mitwirkung McCarthys etwas unter den Tisch gefallen ist, scheint, gerade für der Filmwelt, nicht minder bedeutend. Auf dem Regiestuhl nämlich hat niemand geringeres Platz genommen, als Ridley Scott. Gut, mit Verlaub, heutzutage wird der Name nicht mehr so hoch gehandelt, wie er es noch vor 20 bis 30 Jahren wurde, doch seinen Status als guter Filmemacher hat Scott keinesfalls verloren, es krankte seinen Outputs vielmehr an der inhaltlichen Ebene, die zuletzt entweder in seichten Gewässern fischte oder schlichtweg mit platten Versatzstücken jonglierte. Dieses Manko auszuradieren wäre McCarthy natürlich problemlos in der Lage, nur fällt auch das Endergebnis seiner Arbeit zuweilen erschreckend nichtssagend und unnötig narzisstisch respektive aufgeblasen aus: „The Counselor“ ist tatsächlich ein Film geworden, der sich blasiert in der überqualifizierten Rhetorik seines Autors wälzt und alles um sich herum am liebsten vergessen möchte.


Westray gibt dem Counselor wertvolle Tipps
Während Ridley Scott seinen Job also wie gewohnt mit handwerklicher Akkuratesse erfüllt, den stilistisch makellosen Fotografien aber dummerweise den allegorischen Mehrwert entzieht, in dem „The Counselor“ in eine aalglatte Hochglanzoptik gewickelt wird, anstatt sich dem dreckigen Tonus der Geschichte anzupassen und so das konterkariertes Profil zu vermeiden, hat sich das Drehbuch von McCarthy ganz dem individuellen Riesenego verschrieben. Den Plot um den geplatzten Drogendeal kurbelt das Skript dementsprechend desinteressiert herunter, dass sich die Narration aus diesem Blickwinkel schon als eine echte Anti-Klimax erweist und von einer handfesten Dramaturgie oder einem gekonnten Spannungsaufbau rein gar nichts hält. Dinge passieren eben; und wie sie passieren, ist kaum der Rede wert. Interessant ist, wenn „The Counselor“ denn mal funktioniert, wie die fatalen Zwischenfälle und deren analoge Konsequenz durch Dialoge eingeleitet und wie eine Drehspule aufgezogen werden.


Durchgeknallter Geschäftsmann: Reiner
McCarthy kann die Leinwände brodeln lassen und verdrängt damit genau die Askese, die sich gerne an der Oberfläche und auch in der informalen Thematik des Films breitmachen möchte. Ridley Scott hat ohnehin zu großen Respekt vor dem anerkannten Schreiberling, als dass er sich es hier wirklich erlauben würde, seine Dia- wie Monologe nicht in grenzenloser Zelebration in Szene zu setzen. Nur hat „The Counselor“ die meiste Zeit nichts Relevantes zu verkünden und suhlt sich in Banalitäten, die, anders als beispielsweise in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“, den Zuschauer nicht an den Lippen der namhaften Darsteller kleben lässt, sondern sie immer weiter und weiter vom Geschehen distanziert. Wie schwer es für die Schauspieler gewesen sein muss, den Wortgefechten eine adäquate Performance zuzuweisen, ist mühelos vorstellbar. Selbst wenn man es mit Michael Fassbender, Javier Bardem und Brad Pitt zu tun bekommt, die alle gute Vorstellungen abliefern, sich aber nie wirklich entfalten, weil das Skript die entsprechende Tiefenauslotung ihrer Figuren – gelinde gesagt – negiert.


Also passt die Floskel „Außen (relativ) hui, innen pfui“ auch auf „The Counselor“? Nein, nicht ganz. Wenn man etwas aus der doch unzufrieden stellenden Kollaboration von McCarthy und Scott ziehen möchte, dann sind es Aussagen (Keine Hypothesen!), die sich zwar schon in vielen weiteren Genre-Streifen wie Milieu-Studien entdecken ließen, ihre Signifikanz aber dennoch nicht verlieren: Wer mit dem Feuer spielt, der verbrennt sich zwangsläufig. Und der Berater hat einen Tanz mit einem Flammensturm gewagt, dessen stürmische Gewalt er nicht im Ansatz erahnen konnte, einzig und allein der Raffgier wegen. Die Sucht nach obsessiver Dekadenz verschlingt die Individuen häppchenweise, Sex und Gewalt müssen in ihrer Fertilität natürlich nicht weiter signiert werden, die sind in dieser egozentrisch wie verruchten Welt genauso Gang und Gäbe wie in unserer kleinbürgerlichen Existenz. Eines aber ist gewiss: Der Berater würde sich im Nachhinein nichts sehnlicher wünschen, als eine solche Existenz, doch die Falle hat noch nicht zugeschnappt...


5 von 10 gefickten Ferraris


von souli

Review: DAS MEER IN MIR – Wenn das Leben keine Würde mehr hat

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Fakten:
Das Meer in mir (Mar adentro)
Spanien, Frankreich, Italien. 2004. Regie: Alejandro Amenábar. Buch: Alejandro Amenábar, Mateo Gil. Mit: Javier Bardem, Belén Rueda, Lola Duenas, Mabel Rivera, Celso Bugallo, Tamar Novas u.a. Länge: 125 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Der gallicische Seemann Ramón ist seit 27 Jahren nach einem Badeunfall querschnittsgelähmt. Dieses für ihn menschenunwürdige Dasein will er nun endlich beenden, doch da er sich nicht bewegen kann, braucht er Hilfe. Diese wird ihm aber von Staat und Kirche in Spanien verwehrt, Sterbehilfe ist strengstens verboten. Also kämpft er. Mit den Behörden, aber auch mit unterschiedlichen Ansichten dazu innerhalb seiner Familie und seinem Freundeskreis und begibt sich auf eine Reise, von der es vielleicht kein Zurück geben wird.





Meinung:
Zwischen Leben und Tod kann manchmal nur ein kleiner Wimpernschlag liegen. Einen Augenblick nur nicht aufgepasst, eine kleine Unaufmerksamkeit nur. Pech. Leichtsinn. Doch für den Gallicier Ramón (Javier Bardem) scheint der Tod unendlich weit entfernt, auch wenn er ihn sich mehr wünscht als alles andere. Aber warum? Warum will dieser Mann sterben? Nun, im Alter von 25 Jahren sprang er, er weiß heute selbst nicht mehr wieso, mit den Kopf voran ins Meer. An einer Stelle, an der es nicht tief genug war. Er sprang, sah das Wasser auf sich zukommen, tauchte ein und prallte auf den Boden. Sein Genick brach und Ramón war vom Hals abwärts gelähmt.


Rosa bringt Lebensfreude zu Ramón...
Das ist 27 Jahre her und Ramon ist seitdem auf Pflege angewiesen. So viele Selbstverständlichkeiten kann er nicht mehr selbst erledigen. Er kann nicht alleine essen, nicht auf die Toilette gehen, ja, er kann sich nicht mal am Kopf kratzen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber für Ramón ist das kein menschenwürdiges Leben mehr. Er will sterben. Doch wie bereits erwähnt, scheint das unendlich weit entfernt. Selbstmord ist nicht möglich, ein „Unfall“ im Haushalt oder sonst wo ebenso wenig. Er braucht also Hilfe und Sterbehilfe scheint in der Tat der einzige Ausweg für Ramón zu sein. Doch die ist in Spanien von Staat und Kirche verboten. Und auch seine Familie und Freunde, hin und her gerissen vom Plan Ramòns, können und wollen ihn in letzter Konsequenz nicht unterstützen. So kämpft er dafür, endlich sterben zu können, seinen größten Wunsch zu erfüllt zu bekommen.


...und Julia Tabak, doch Ramón will Selbstbestimmung.
Ramón wird gespielt vom spanischen Charaktermimen Javier Bardem, der hier, mal wieder mit anderer Frisur, dem echten Ramón optisch sehr nahe kommt. Bardem schafft es, dem Gelähmten Lebensfreude zu schenken und doch gleichzeitig deutlich zu machen, dass ihm das Leben, so wie es für ihn ist, nichts mehr bedeutet. Freude am Leben, das er nun nicht mehr hat und das er nun beenden will, eben weil er das für sich wahre Leben liebt. Zu sehr belastet ihn die ewige Gefangenschaft in seinem Körper. Frei ist nur sein Geist, frei ist er nur in seinen Träumen. Dort kann er laufen und das Meer sehen. Emotional und analytisch gleichzeitig. Bardem ist fantastisch. Dazu kommen überzeugende Nebendarsteller, die als Arme und Beine des Gelähmten fungieren und verschiedene thematische Aspekte symbolisieren wie Liebe, Freundschaft, Religion, Tradition, Familie und Trauer.


Der Film thematisiert aber in erster Linie die Selbstbestimmung des Menschen. Wie weit sie gehen kann, wie weit sie gehen darf. Und wo sie endet, eingeschränkt von Behörden und Gesetze, und ob das alles richtig ist. Darf man selbst entscheiden, wann man stirbt, wie man stirbt? Damit einher geht die ethische Frage, wann ein Leben lebenswert ist. Ist es einfach nur das Atmen, ein schlagendes Herz? Sind es emotionale Dinge wie Liebe oder Freundschaft? Oder aber sind es die kleinen, die alltäglichen Dinge, die uns erst wirklich auffallen, wenn wir sie nicht mehr haben? Schwimmen, Gehen, die Berührung einer Hand auf der eigenen. Für Ramón sind es eindeutig die kleinen Dinge. Doch auch für die anderen Sichtweisen gibt es Vertreter.


Wer glaubt, dass der Film aufgrund seiner Thematik rund um den Tod ein schweres, depressives Monstrum ist, das den Zuschauer mit sich in die Abgründe zieht, der irrt gewaltig. Denn irgendwie schwingt trotz dieses Themas der Sterbehilfe und des nahenden Todes eine Leichtigkeit mit, die den Film angenehm macht. Dadurch wird die Figur des Ramón sympathisch, zugänglich und wir als Zuschauer können uns viel leichter in ihn hineinversetzen. Der Film wirkt aber nie aufdringlich. Gut, natürlich ist er ziemlich klar in Schwarz und Weiß unterteilt, aber der Film will auch nicht das Thema der Sterbehilfe bis ins kleinste Detail ausdiskutieren, dazu ist ein Spielfilm ohnehin nie in der Lage, sondern anhand der wahren Lebensgeschichte von Ramón Sampedro auf dieses heikle Thema aufmerksam machen. Das schafft er auf unglaublich berührende und emotionale Weise. Kein Film über das Sterben, sondern ein Film für das Leben. Ein Leben, wie man es nicht von außen aufgedrückt bekommt, sondern wie man es sich selbst wünscht und erträumt. Ein Leben in Freiheit und wahrer Selbstbestimmung.


9 von 10 Becher mit Trinkhalm