Review: CROSSBONES (Staffel 1) – John Malkovich verleiht der bärtigen Legende ein Gesicht



Fakten:
Crossbones (Staffel 1)
USA. 2014. Regie: Daniel Attias, David Slade, Deran Sarafian u.a. Buch: Neil Cross, Michael Oats Palmer, Elizabeth Sarnoff, Colin Woodward (Vorlage) u.a. .
Mit: John Malkovich, Richard Coyle, Claire Foy, David Hoflin, Yasmine Elmasri, Chris Perfetti, Peter Stebbings, Julian Sands u.a. Länge: 9 Episoden á ca. 45 Minuten. Ab 15. Januar auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
1729. Edward Teach, besser bekannt als Blackbeard, lebt auf der Insel Santa Compana und gilt als einer der schrecklichsten wie aber auch erfolgreichsten Piraten der Weltmeere. Unter seine Flagge lassen sich Seemänner genauso finden wie Diebe und Mörder, die ihm in viele Abenteuer folgen. Doch seine große Schlacht steht noch bevor: Als Blackbeard eine eigene Piraten-Republik ausruft, fordert er damit das britische Empire heraus.





Meinung:
Die filmgewordene Freizeitparkattraktion „Fluch der Karibik“ hat unseren Blick auf das historische Piratendasein verzerrt und quasi auf einen neuen eskapistischen Stand gehievt. Natürlich hat Gore Verbinskis Millionenschlager, der bis heute drei Fortsetzungen nach sich zog, nicht auf geschichtliche Exaktheit insistiert, sondern basierte auf reiner Fiktion, man möchte aber wohl lieber nicht in Erfahrungen bringen, wie viele Zuschauer nach der Sichtung des Franchise zu dem abenteuerlichen Fazit gekommen sind, dass ein Leben als enternder Freibeuter ja eigentlich doch ganz schön gewesen sein muss. Auch wenn der Hype um den extravaganten Jack Sparrow und seine mal mehr, mal weniger loyalen Mitstreiter inzwischen reichlich abgeflacht ist, ein neuer Teil ist selbstverständlich trotzdem in der Mache, kommt es nun auf dem florierenden Serienmarkt zur zähnefletschenden Kontingenz: Die für den Kabelsender Starz entwickelte und von Michael Bay produzierte Serie „Black Sails“ so wie das NBC-Format „Crossbones“ stechen in See.


Der König der Piraten: Blackbeard
Showrunner Nick Cross aber hat - gelöst von allen Referenzen und Konkurrenzgedanken – mit „Crossbones“ so gar nicht reüssieren können. Nach der ersten Staffel wurde die Serie eingestampft, hat sich NBC doch Dank stetig herabfallender Einschaltquoten logischerweise dafür entschieden, „Crossbones“ abzusetzen und keine weitere Staffel zu ordern. Dabei wäre es doch vielleicht ein nicht uninteressantes Unterfangen gewesen, den harschen Usus unter wehend-autonomer Flagge im 17. Jahrhundert in serieller Narration zu dokumentieren. Und wenn man dann noch zu hören bekommt, dass der Hauptcharakter in „Crossbones“ den Namen Blackbeard trägt, eröffnet sich noch eine weitere Ebene: Nämlich eine, die der literarisch-romantisierten Legendenbildung in die Augen blickt, sich auf ihre Mechanismen bezieht und den von Sagen umklammerten Piraten auch als Menschen, als Edward Teach, der dem britischen Empire seiner Zeit einige graue Haare wachsen ließ, präsentiert. „Crossbones“ bezieht sich zwar lose auf den Roman „The Republic of Pirates“ von Colin Woodard, ist aber ebenfalls eher als fiktionalisierte Abenteuerserie zu rezipieren.


Blackbeard im Wut-Modus
Auch dieser Umstand muss nicht bedeuten, dass kein Anspruch mögliche wäre, der über die Gesinnung simplistischer Unterhaltungsformeln hinausgeht. „Crossbones“ aber ist vor allem eine Serie, die ubiquitären Trägheit erliegt. Während Tom Lowe (Richard Coyle) von der königlichen Flagge dazu beauftragt wird, Blackbeard (John Malkovich) verdeckt in seinem Domizil, die idyllische Karibikinsel New Providence, aufzuspähen und aus dem Weg zu räumen, verschränken sich dem Haupthandlungsstrang unzählige narrative Nebensächlichkeiten, die nicht nur eigens jeden dramaturgischen Ertrag infrage stellen, sondern auch den eigentlichen Topos, das Aufeinandertreffen zweier Männer, zweier Feinde, die doch gewisse Sympathien füreinander hegen, kontinuierlich verwässern. Da können sich noch so viele finstere Gesellen vor der Kameralinse in Stellung rücken und mit aschfahlem Gebiss den nächsten Gegenschlag ankündigen, der die effiziente Streitmacht der Navy in die Knie zwingen soll – Im Endeffekt passiert rein gar nichts und elendig in die Länge gezogene Dialogsequenzen drehen sich wie ein Kreisel besinnungslos um die eigene Achse.


Immerhin ist schauspielerisch nicht gänzlich von jener inhaltlichen wie inszenatorischen Stagnation zu sprechen, auch wenn „Crossbones“ optisch natürlich ziemlich gut anzusehen ist. Richard Coyle bringt seinen Charakter entsprechend seines Talents solide rüber, es ist dabei wohl auch eher dem durchwachsenen Drehbuch geschuldet, dass seine Figur daran leidet, die ins Schwanken geratene Meinungshaltung hinsichtlich Blackbeard nicht sonderlich eindringlich darzubieten. Der hingegen wird von John Malkovich verkörpert, einem wunderbaren Darsteller, dem der Wahnsinn so manches Mal aus den Augen zu quellen scheint und die Janusköpfigkeit seiner historischen Figur hätte eindrucksvoll zu Tage fördern können. Blackbeard, der zwar für seine martialischen Taten bekannt wurde, war auch eine Person, die sich für philosophische Grundsätze interessierte, die in Gott einen Uhrmacher sah, der genüsslich zusieht, wie der Sand langsam hinunter rieselt. Malkovich agiert affektiert, zieht die Oberlippe so manches Mal bis zur Nasenspitze hoch, besitzt jedoch genügend Charisma, um „Crossbones“ wenigstens einen Funken Lebendigkeit einzuhauchen. Ansonsten bleibt nur zu sagen: Vollkommen zu Recht abgesetzt.


4 von 10 Löchern im Kopf


von souli

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