Posts mit dem Label Stellan Skarsgard werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Stellan Skarsgard werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: GOOD WILL HUNTING – Traum von Unendlichkeit

Keine Kommentare:


Fakten:
Good Will Hunting
USA. 1997. Regie: Gus van Sant. Buch: Ben Affleck, Matt Damon. Mit: Matt Damon, Robin Williams, Minnie Driver, Ben Affleck, Stellan Skarsgard, Casey Affleck, Cole Hauser, Colleen McCauley, John Mighton u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Will Hunting verdient sein Geld als Putzhilfe in der Uni, zieht abends mit seinen Kumpels um die Häuser und ist auch der einen oder anderen illegalen Schandtat nicht abgeneigt. Aber hinter seiner rebellischen Fassade verbirgt sich nicht nur ein mathematische Genie, sondern auch eine verletzte Seele. Als Will in der Uni problemlos eine schwierige, öffentlich ausgehängte Aufgabe löst, wird ein Professor auf ihn aufmerksam und möchte ihn fördern, doch nachdem der vorbestrafte Will eine Schlägerei anzettelt, droht ihm Gefängnis. Damit dies nicht geschieht, vermittelt der Professor Will einen Therapeuten. Zu Beginn kann Will mit diesem nicht viel anfangen, doch langsam bricht das Eis.





Meinung:
Der Traum von Unendlichkeit: Manche brauchen dafür nicht einmal ihre Augen schließen und sind mittendrin, während andere ihm Zeit ihres Lebens hinterher eifern und infolgedessen unter ihm begraben werden. „Good Will Hunting“ berichtet von beiden Segmenten, um seinen Fokus aber auf eine weitere Möglichkeit zu legen, die sich quasi zwischen alle Stühle setzt: Will Hunting (Matt Damon, „Liberace“) nämlich könnte sich durch sein kognitives Vermögen problemlos für die Nachwelt unsterblich machen. Er könnte nicht nur das Titelplatt renommierter Zeitschriften zieren, ihm würden ganze Bücher gewidmet, Kapitel in Geschichtsbüchern würden die Leserschaft mit seinem Namen einführen, wahrscheinlich dürften sogar Universitäten nach ihm benannt werden und 'Will Hunting' würde freiweg sich als verbale Analogie auf ein wahres Genie in das allgemeine Vokabular einbürgern. Doch Will rennt seiner ihm mit Omnipotenz ausstattenden Gabe immerzu davon und wühlt sich viel lieber aus falschem Pflichtgefühl tief in die lokalen Gepflogenheit von South Boston.


"A Beautiful Mind" mit dem Wischmopp
Dass Gus Van Sant schon immer reges Interesse daran gezeigt hat, sich mit gesellschaftlichen Randläufern zu befassen, hat sich bis heute nicht geändert: Ob „My Private Idaho“, „Forrester – Gefunden!“, „Elephant“ oder „Restless“. Überall nehmen Außenseiter das Zentrum des Geschehens ein und werden von Gus Van Sant durch die Höhen und Tiefen begleitet. Natürlich ist dieser Will Hunting ebenfalls ein Außenseiter, wenn auch kein obligatorischer Einzelgänger: Wie der mit dem Fields-Preis honorierte Mathematiker Professor Gerald Lambeau (Stellan Skarsgard, „Nymph()maniac“) richtig feststellt, kann Will Hunting, der sich zum Spaß mit organischer Chemie auseinandersetzte und mathematische Gleichungen löste, an denen schon reihenweise Akademiker verzweifelten, niemand das Wasser reichen. Aber Will macht nichts aus seiner Intelligenz, er buckelt sich lieber auf dem Bau den Rücken krumm, prügelt sich und kippt mit seinen Kumpels abends einige Biere: Ein mechanischer Alltag, der gewiss auch etwas für sich haben kann, für eine Person wie Will aber auf Dauer die pure Verschwendung seiner Existenz bedeutet.


Will findet in Skylar seine große Liebe
Seine große Klasse entfaltet „Good Will Hunting“ dann, wenn der Psychoanalytiker Sean Maguire (famos gespielt von Robin Williams, „Insomnia“) ins Spiel kommt, der sich von einem neunmalklugen Burschen aus der Gosse zuerst einmal anhören muss, wie beschissen sein Malen-nach-Zahlen-Aquarell doch ist, kurz bevor er ihm nach einigen missfälligen Worten über seine Frau an den Hals springt. In den Dialogen steckt eine ungemein suggestive Wirkung, der man sich nicht entziehen. Sean ist durch den Tod seiner Frau vom Leben gezeichnet und sieht sich nicht mehr in der Lage dazu, einen Neubeginn zu starten, während Will durch grauenhafte Kindheitserfahrungen mit dem Maulschlüssel und seinem Pflegevater unfähig ist, eine echte emotionale Bindung mit einem anderen Menschen einzugehen. Es wäre falsch zu behaupten, „Good Will Hunting“ würde durch seine Nuanciertheit im Umgang mit der Psychologie seiner Charaktere bestechen, denn letzten Endes verfällt das oscarprämierte Drehbuch von Matt Damon und Ben Affleck (der hier auch als Wills bester Freund Chuckie zu sehen ist) einigen Klischees und simplifiziert innerseelische Prozesse mit Wonne.


Therapeut Sean und Genie Will sind sich sehr ähnlich
Doch „Good Will Hunting“ packt, weil er ehrlich wirkt, weil er seine Figuren authentisch konturiert, selbst wenn er als Film über die Psychoanalyse schlussendlich als 'Gescheitert' deklariert werden muss (aber daran ist ja bekanntlich auch schon ein gewisser David Cronenberg gescheitert). „Good Will Hunting“ erzählt über den Wert der Individualität, der Signifikanz der freien Entwicklung. Sean weiß, dass er Will zu nichts zwingen darf, doch Ratschläge, die dem egoistisch-affektiven Will endlich zur Selbstreflexion verhelfen, sind immer legitim. Dass Gus Van Sants Inszenierung hier auch verhältnismäßig konventionell ausfällt, tut dann auch nichts mehr zur Sache, schließlich konzentriert sich sein Sozial-Drama weitestgehend darauf, als Entwicklungsgeschichte die richtigen Töne anzuschlagen – Und das gelingt ihm (wenn auch mit manipulativen Mitteln), sieht man den Film aus der emotionalen Perspektive. Es steht außer Frage, dass „Good Will Hunting“ objektiv betrachtet klare Defizite vorzuweisen hat, doch wenn Robin Williams seinen Monolog am See hält und Will Hunting endlich in die Schranken weist, versteht man, wie viel Aufrichtigkeit in dieser Story doch wirklich vergraben liegt. Ein wunderschönes, immer und immer wieder berührendes Erlebnis.


"And look at you...
I don't see an intelligent, confident man... I see a cocky, scared shitless kid. But you're a genius Will. No one denies that. No one could possibly understand the depths of you. But you presume to know everything about me because you saw a painting of mine, and you ripped my fucking life apart. You're an orphan right? You think I know the first thing about how hard your life has been, how you feel, who you are, because I read Oliver Twist? Does that encapsulate you? Personally... I don't give a shit about all that, because you know what, I can't learn anything from you, I can't read in some fuckin' book. Unless you want to talk about you, who you are. Then I'm fascinated. I'm in. But you don't want to do that do you sport? You're terrified of what you might say. Your move, chief."


8,5 von 10 ellenlangen Vorstrafenregistern


von souli

Trailerpark: Simon Pegg macht auf Walter Mitty - Trailer zur Bestseller-Verfilmung HECTOR AND THE SEARCH FOR HAPPINESS

Keine Kommentare:



„Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ von Autor Francois Lelord war eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahre. Nun wartet auch die Verfilmung darauf, die Welt zu erobern. Simon Pegg spielt darin den Psychiater Hector, der durch die Welt reist, um nach dem wahren Glück zu suchen. Der neue Trailer wirkt wie eine etwas europäischere Version von Ben Stillers letzter Regiearbeit „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“. Bei „Hector and the Search for Happiness“ geben sich allerdings wesentlich mehr internationale Schauspieler die Klinke in die Hand. Mit dabei sind: Rosamund Pike, Jean Reno, Stellan Skarsgard,  Toni Collette, Christopher Plummer, Togo Igawa sowie Marianne Sägebrecht und Veronica Ferres (!). Regie führt Peter Chelsom („Funny Bones“, „The Mighty“). Wir wünschen viel Spaß mit dem Trailer. Uns sieht das Ganze etwas zu glatt aus.


Review: NYMPH()MANIAC: VOLUME I & II – Vergiss die Liebe

Keine Kommentare:


Fakten:
Nymph()maniac: Volume I & II
Dänemark, BRD, Belgien, UK, Frankreich. 2013. Regie und Buch:Lars von Trier. Mit: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Stacy Martin, Uma Thurman, Jaime Bell, Connie Nielsen, Christian Slater, Daniele Lebang, Mia Goth, Willem Dafoe, Shia LaBeouf, Sophie Kennedy Clark, Maja Arsovic, Michael Pas, Caroline Goodall, Udo Kier, Jean-Marc Barr u.a. Länge Teil 1: 145 Minuten (Uncut-Fassung), 117 Minuten (Cut-Fassung). Länge Teil 2: 124 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.
Ab 20. November 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der ältere Junggeselle Seligmann rettet Joe in einer Gasse vor einer Schlägerei. Daraufhin nimmt er die 50-jährige Frau mit zu sich nach Hause, um sie zu pflegen. Dabei erzählt Joe ihre Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte einer Nymphomanin.





Meinung:
Nach seinem irritierenden „Okay, ich bin ein Nazi“-Statement in Cannes, das die Filmwelt 2011 postwendend zu einem echauffierten Tal keifender Furore konvertierte, erteilte sich Lars von Trier selbständig Redeverbot und lud sich gleichwohl aus allen folgenden Pressekonferenzen aus: Das dänische Enfant terrible wurde seinem Ruf als kontroverser Filmemacher wieder einmal gerecht, auch wenn er diese Äußerung hinter der Kamera gewiss mit einem leichtfertigen Augenzwinkern traf. Mit der losen Ankündigung zuvor, einen „echten Porno“ drehen zu wollen, entlockte er nicht nur seiner Fangemeinde erwartungsvolles Frohlocken, sondern zog mit einem gar brillanten Marketingfeldzug nach und lenkte den Fokus der gesamten Branche auf sein neustes Werk: Clips als Appetizer, Orgasmus-Poster und eine Laufzeit von angeblich über fünf Stunden, ließen die virtuelle Gerüchteküche Tag und und Nacht brodeln. Wie weit wird der Kopenhagener dieses Mal nun wirklich gehen, wie viel Porno steckt wirklich in „Nymphomaniac“, im Abschluss seiner Depressions-Trilogie? Expliziter Geschlechtsverkehr sollte nach seinem Opus Magnum „Antichrist“ keine Neuheit in seinem Œuvre darstellen.


 
Ob die Kollegen der CineCouch so ihre Podcasts aufnehmen?
Um die Lage zu Anfang schon gleich zu entschärfen: Nein, „Nymphomaniac“ ist kein handelsüblicher Pornofilm geworden, der seinen Sex willkürlich in das Geschehen integriert und diesen dann nur zur reinen Wichsvorlage für das Publikum degradiert. „Nymphomaniac“ ist hingegen ein echter Von Trier, durch und durch provokativ in seinen Anlagen, umso menschlicher im Umgang mit seiner Protagonistin Joe in der Gesamtansicht. Begrüßt werden wir mit einer Schwarzblende, die eine gefühlte Ewigkeit visuell die Leinwand für sich bestimmt, während sich die Regentropfen im Hintergrund leise einen Weg durch die Düsternis bahnen, um dann mit einer elegische Kamerafahrt durch die kalte Hinterhoftristesse fortzusetzen. Eine ästhetische Sequenz, die schließlich durch Rammsteins lospolterndes „Führe Mich“ vollkommen konterkariert wird. Irgendwann erreichen wir dann auch Joe, unseren Leitfaden, dessen geschundener, mit sanft auf sie herabfallenden Schneekristallen bedeckter Körper, der dann von Seligman aufgelesen wird. Er will ihr helfen und nimmt sie mit in seine Wohnung; sie jedoch macht ihm unmissverständlich klar, dass sie diese Hilfe nicht verdient hat.

 
Das werden die Klitschkos ganz wuschig: ein lebende Milchschnitte
Joe bietet Seligman an, ihm von ihrem Leben als Nymphomanin zu erzählen und nimmt ihn zusammen mit den Zuschauer mit auf eine episodische Reise durch einzelne, prägenden Stationen ihrer Vergangenheit. Von der frühen Kindheit, das Erwachen sexueller Bedürfnisse, ihrer Entjungferung, die Gründung eines Clubs für Nymphomaninnen, die das katholische Schuldbekenntnis „Mea culpa“ mal schnell zu „Mea vulva“ formen, bis hin zu ihrer ersten und letzten festen Beziehung mit Jerome. „Nymphomaniac“ zeigt sich im ersten Teil noch als vitales Erlebnis, das nicht nur jeden Rahmen seiner Erzählstruktur negiert, er funktioniert einfach auf derart vielen Ebenen, dass sich Lars von Trier für sein künstlerische Verständnis erneut breit grinsend auf die Schulter klopfen darf. Während Joe ihren Leidensweg Schritt für Schritt offeriert und sich permanent als schlechter Mensch versteht, versucht sie Seligman, die Enzyklopädie auf zwei Beinen, durch allerhand Exkurse und Analogien wieder in das richtige Licht zu rücken und ihre erdrückenden Schuldgefühle durch Gegenargumentationen zu entkräften. Zwischen Joe und Seligman entsteht ein zuweilen unbekümmerte Wärme, die in Joes dargebotener Tour de Force spätestens im zweiten Teil vollständig verschwindet.

 
Joe und Jerome sind voll in ihrem Element
Seligman fungiert als moralische Stütze, während Lars von Trier einen Teufel tut, das Verhalten seiner Joe in irgendeiner Weise zu moralisieren. Er intellektualisiert und psychologisiert es, und das durch verschiedenste Mittel, doch er verurteilt nicht, dafür liebt er seine Nymphomanin viel zu sehr. Wenn Seligman auf die Fibonacci-Folge zurückgreift oder die Beutejagd Joes, die bis zu 10 Männer pro Nacht zur Lustbefriedigung benötigt, durch das Fliegenfischen versinnbildlicht, dann ist die Spielfreude Von Triers geweckt und „Nymphomaniac“ entpuppt sich zur humorvollen Groteske, die jener depressiven Disposition entgeht, die noch „Antichrist“ und „Melancholia“ regierte. Über die gallige Note in „Nymphomaniac“ darf gelacht werden, nur man sollte sich darauf gefasst machen, dass von Trier mit den letzten drei der insgesamt acht Episoden die Tonalität wechseln wird. Von der jungen Frau, die sich zusammen mit ihrer Freundin von Zugabteil zu Zugabteil schlägt und mit ihr um die Wette mit Männern schläft, nur um eine Tüte Schokopralinen zu gewinnen; die junge Frau, die noch unverständlich dreinblickt, als ein Passagier ihr erklärt, dass er sein Sperma eigentlich für seine Frau aufbewahren wollte, um ihr 2 Minuten später schon in den Mund zu spritzen, wird im zweiten Teil eine Frau, deren Vagina sich empfindungslos zeigt, die sich auf neue, sado-masochistische Bahnen schlägt, um endlich wieder etwas zu fühlen.

 
Joe und K haben eine ganz besondere Beziehung
Joe ist unfähig zu lieben, sie kann sich nicht um das gemeinsame Kind mit Jerome kümmern, dem sie ihre Taubheit genau dann gesteht, als eigentlich alles perfekt schien; in dem Moment, in dem Von Trier Joes Nymphomanie durch Bachs Polyphonie in grandiosen Split-Screens deutet. Danach geht es – bis auf die amüsante Szene mit zwei Schwarzen, die sich darum streiten, wer Joe denn nun anal und wer sie vaginal penetrieren darf - düster und pessimistisch einher. Ihre vordergründige Liebe zu erweist sich als unerreichbar, Jerome lässt sie gehen, damit sie ihre Vagina reaktivieren kann und trifft auf K, der ihr mit 40 Peitschenhieben auf den nackten Hintern, endlich wieder ein Gefühl schenkt, ohne das sie nicht mehr existieren kann: Ihre wütend-frigile Obsession zerfrisst sie langsam von innen heraus. Dass Lars von Trier hier natürlich auch die Hintergründe der Pornomaschinerie, wie auch die prüden Konventionen unserer Gesellschaft dekonstruiert, versteht sich angesichts des Themenspektrums natürlich von selbst. Wie offen und ehrlich er Joe, ihrer Sucht und ihrer Emanzipation, aber durchweg entgegentritt, das hat schon etwas ungemein Berührendes. „Nymphomaniac“ ist ein Psychogramm, das sich nicht für äußerliche Normen interessiert, sondern für den fatalen Werdegang seiner Akteurin – Und dabei darf sich der gute Lars inzwischen natürlich so manche Selbstreferenz leisten.


Schwach sind im ungemein philosophischen und feministischen „Nymphomaniac“ nicht die Opfer ihrer Gelüste, es sind die Personen, die sich und anderen zwanghaft emotionale Selbstverständlichkeit einreden möchten. In der Selbsthilfegruppe wird das illustrativ auf die Spitze getrieben: Joe besteht auf ihre Anrede als Nymphomanin, sie ist nicht sexsüchtig, sondern eine Nymphomanin. In Teil 2 hat sich die Narrative von „Nymphomaniac“ auch gänzlich vom zerstückelten Episodenhaften verabschiedet und lässt seine Maschen näher, bitterer zusammenwachsen. Wo Joe landen wird, macht uns Lars von Trier schon zu Anfang deutlich, wie sie das Leben aber in diese Situation manövrieren wird, das schmerzt und setzt einen Stich in das Herz, wie ihn nur Lars von Trier setzen kann, um dann, wenn sich die Wogen angeblich geglättet haben, wenn alle Entscheidungen getroffen sind, noch einmal zum letzten Schlag auszuholen. Mensch heißt Mensch heißt Widersprüche, das hat Lars von Trier erkannt, genau wie er richtig erkannt hat, dass manche Menschen sich nun mal mehr vom Sonnenuntergang, als von ihrem Aufgang erhoffen.


8 von 10 erigierte Penisse


von souli

Review: DOGVILLE - Lars von Trier und der epischste aller Filme

Keine Kommentare:


Fakten:
Dogville
Dänemark, UK, Schweden, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Niederlande, Finnland, Italien. 2003. Regie: Lars von Trier. Buch: Lars von Trier. Mit: Nicole Kidman, Lauren Bacall, Jean-Marc Barr, Paul Bettany, James Caan, Udo Kier, Stellan Skarsgard, Patricia Clarkson, Jeremy Davies, Ben Gazzara, Philip Baker Hall, Chloe Sevigny, John Hurt u.a. Länge: 177 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
In den frühen dreißiger Jahren kommt Grace in das abgeschieden in den Rocky Mountains gelegene Dörfchen Dogville, auf der Flucht vor zwielichtigen Männern. Der Schriftsteller Tom Edison will ihr Unterschupf gewähren und versucht, die misstrauische Dorfgemeinschaft davon zu überzeugen, Grace in Dogville aufzunehmen. Unter der Bedingung, dass sie sich dem Gemeinschaftsleben anpasst und ihnen bei den Arbeiten hilft, stimmen die Einwohner zu. Grace gelingt es, das Vertrauen der Bewohner Dogvilles zu gewinnen, doch als die Polizei einen Steckbrief mit Graces Gesicht verteilt, da kippt die Stimmung gegen Grace und sie wird von den Einwohnern im Wissen, dass sie Grace in ihrer Hand haben, immer mehr ausgebeutet uns gedemütigt.




Meinung:
Lars von Trier dürfte mittlerweile jedem Filmfreund in Begriff sein. Er gilt als enfant terrible der Filmemacher, besitzt aber auch die wunderbare Gabe, Kreativität und Provokation in seinen Filmen zu vereinen. Selten sind es Wohlfühlfilme, meistens dringt von Trier tief in die Abgründe der menschlichen Psyche hinein, stellt das menschliche Verhalten in extremer Weise dar und will dadurch den Zuschauer aufrütteln. Genau so macht es der dänische Regisseur bei „Dogville“, der mit „Manderlay“ und dem noch nicht gedrehten „Wasington“ seine USA-Trilogie bilden soll.



Als Sklavin wird Grace auch von den Kindern ausgenutzt
Hier nimmt er das fiktive, kleine, abgeschieden in den Hügeln der Rocky Mountains liegende Dorf Dogville her, um die Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes exemplarisch zu veranschaulichen. Eigentlich führen die Bewohner ein ruhiges Dasein, haben alles, was sie zum Leben brauchen, keinen Streit, jeder tut nur das, was notwendig ist. Als Grace auftaucht, da wissen sie auch erst gar nicht, wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollen. Erst misstrauisch, ablehnend und eigentlich weiter ihrem Trott nachgehend wollen sie ihr gegenüber freundlich auftreten, aber eben auch distanziert. Sie ist ja keine von ihnen. Aber als sich Grace immer mehr versucht, in die Gemeinschaft einzubringen, ihnen Arbeiten abzunehmen, da verändern sich die Bewohner des Dörfchens. Sie erkennen, dass die blonde, fremde Frau auf die Einwohner angewiesen ist, dass sie Macht über Grace haben. Und nach und nach nutzen sie diese Macht immer mehr aus. Anfangs noch einfach Arbeiten, wird sie irgendwann zu Sklavin in Ketten, zum Lustobjekt für die Männer, zum Fußabtreter für die Frauen. Und gerade hier dringt von Trier wieder tief in die Psyche des Menschen und der Gesellschaft als Ganzes vor, stellt sie bloß, zeigt ihre Ängste und ihre Triebe, ihre Entwicklung und ihre Gnadenlosigkeit.


„Dogville“ ist aber nicht nur eine Charakterstudie einer Gesellschaft, der Film ist zusätzlich noch die vollkommene Dekonstruktion und Reduktion des Mediums Film. Eigentlich nie war ein Film weniger Film und mehr Theater. Episches Theater, und zwar nicht in der Form, wie heute jeder zweite Jugendliche alles „episch“ findet, sondern episches Theater in Anlehnung an Bertolt Brecht. Es gibt den auktorialen Erzähler, der fast schon ununterbrochen das Geschehen beschreibt, nacherzählt und kommentiert. Die Schauspieler agieren unterkühlt und behalten stets eine große Distanz zu ihren Rollen, Gefühle werden sowieso so gut wie keine gezeigt. Und doch sind die Figuren unheimlich ambivalent. Die Kamera steht stellvertretend für den Zuschauer, der sich ohne Hindernisse und mal nach links, mal nach rechts schauend, mitten im Geschehen befindet. Alles kann er beobachten, da ihn keine Wände oder dergleichen aufhalten. Auch die Einführung in den Film durch einen Prolog und die Einteilung in Kapitel, die mit ausführlichen Überschriften bereits die Handlung (zugegeben, hier sehr grob) zusammenfassen erinnern stark an Brechts Spruchtafeln, die er vor jedem Kapitel auf der Bühne zeigen ließ. Verfremdungseffekte sind ebenso zu finden wie die eben gerade nicht eingängig wirkende Handlung.


Keine Wände, stattdessen Kreidestriche - das ist Dogville
Aber der auffälligste Teil des epischen Theaters ist wohl das Bühnenbild. Nur das Nötigste hat von Trier in seinem Film auch optisch dargestellt. Mal ein Stuhl, mal ein Tisch oder ein Tasse. Aber keine Wände, kaum Türen und Fenster. Lediglich was wichtig sein könnte, kann man auch sehen. Stattdessen malt von Trier Kreidestriche in sein ansonsten abgedunkeltes oder aufgehelltes, weißes Filmstudio. Kreidestriche und Beschriftungen, die zeigen, wo die Wände verlaufen, wo ein Strauch steht, wo eine Tür ist. Und doch sind die Geräusche vorhanden, wenn die Türen geöffnet werden oder wenn sich ein Fenster schließt. Man kann sie hören, sie sind vorhanden, aber wichtig sind sie nicht. Reduktion auf das Wesentliche. Das hat zur Folge, dass sich der Zuschauer eben wie in einem Theater fühlt, in einer modernen Inszenierung und sich zusätzlich noch mehr auf die Figuren und auf das, was sie sagen, konzentrieren kann.


Aber durch diese Reduktion aller filmischen Mittel entsteht auch das einzige aber dafür umso auffälligere Problem des Films. Beinahe drei Stunden sind einfach viel zu lang für einen Film oder fast besser gesagt für ein verfilmtes Theaterstück, wenn man so wenige Schauwerte hat, denn die Geschichte reicht nicht für diese drei Stunden aus. Eigentlich komisch, denn es fällt normalerweise keine überflüssige Stelle ein, keine wirklich störende Szene. Trotzdem zieht sich der Film, in jeder einzelnen Szene nur ein kleines Stück. Aber eben doch etwas. Optisch ist der Film etwas ganz Besonderes, thematisch ist er hervorragend. Die Darsteller spielen im Rahmen der Theorie des epischen Theaters ausgezeichnet und überhaupt ist der Film ein Erlebnis, einfach, weil wir so eine Art von Film eigentlich nie zu Gesicht bekommen. Und schon deshalb sollte man ihn unbedingt gesehen haben.


8,5 von 10 Glockenschläge der Dorfkirche