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Review: EVERY THING WILL BE FINE – Wenn die schwere Last der Schuld erdrückt

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Fakten:
Every Thing Will Be Fine
CA/DE/FR/NO/SE/US, 2015. Regie: Wim Wenders. Buch: Bjørn Olaf Johannessen. Mit: James Franco, Charlotte Gainsbourg, Rachel McAdams, Marie-Josée Croze, Patrick Bauchau, Peter Stormare u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Ab 15. Oktober 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der Romanautor Tomas fährt gedankenversunken durch dichtes Schneetreiben. Als er beinahe ein kleines Kind überfährt, bringt er den unversehrten Jungen zunächst erleichtert nach Hause zu dessen Mutter. Übersehen hat Tomas allerdings den Bruder des Jungen, der durch den Zusammenstoß ums Leben kam. Fortan muss sich der Autor mit seiner Schuld und seinem Gewissen auseinandersetzen.

                                                                                       

Meinung:
Regisseur Wim Wenders, welcher vor allem in den 70er und 80er Jahren mit vielen geschätzten Spielfilmen für Aufsehen gesorgt hat, stellte seine Anhängerschaft in der letzten Zeit etwas auf die Probe. Nach seinem Werk "Don´t Come Knocking" von 2005 hat Wenders innerhalb von 10 Jahren mit "Palermo Shooting" 2008 gerade mal einen Spielfilm gedreht, der Rest waren Dokumentationen, Kurzfilme oder Werbespots. Nun kommt aber wieder zusammen, was wohl zusammen gehört und Wenders veröffentlichte 2015 vor seinem 70. Geburtstag doch noch einen Spielfilm. Für "Every Thing Will Be Fine" hat sich der Regisseur Workaholic-Chamäleon James Franco als Hauptdarsteller an Bord geholt. 


Das Skript sorgt nicht für Begeisterung.
Franco spielt den Autor Tomas Eldan, der durch ein unbeabsichtigtes Unglück den Tod eines kleinen Jungen verschuldet. Durch einzelne, mitunter sprunghaft geschilderte Stationen und mithilfe von mehreren Zeitsprüngen verarbeitet der Film im Anschluss an die Tragödie über insgesamt 12 Jahre hinweg das von Schuldgefühlen geplagte Gewissen von Tomas, seinen persönlichen Umgang mit dem Unfall und weitere Ereignisse im Leben des Autors, wirft aber auch gelegentlich einen Blick auf die Familie des Opfers. Das schwächste Glied des Films ist dabei das Drehbuch von Bjørn Olaf Johannessen, das sich eine Spur zu oft auf altbackene, vorhersehbare Klischee-Dialoge verlässt und lieber Phrasen statt aufrichtige Gefühle zum Ausdruck bringt. "Every Thing Will Be Fine" bewegt sich in dieser Hinsicht nahe im Radius zahlreicher Verlust-und-Schuld- Aufarbeitungs-Dramen, die man in derartiger Form bereits unzählige Male gesehen hat und die ihrer Thematik wenig bis gar nichts neues hinzuzufügen haben. Viel interessanter hingegen ist die formale Ebene gelungen, bei der vor allem zwei Schlagwörter stellvertretend für den gesamten Film stehen: Reduktion und Gegensätzlichkeit. Gerade die Szenen, in denen das Drehbuch unnötige Dialoge sowie zuviele Worte auch mal weglässt und somit Wenders als Regisseur genügend Spielfläche bietet, um seinen konzentrierten Darstellern Raum für emotional einnehmende Gesten und rührende Blicke zu geben, zeigt "Every Thing Will Be Fine" zumindest in kleinen Momenten immer mal große Augenblicke.



Spaß und Freude auf dem Rummel.
Zumindest James Franco, der hier erneut sein öfters als narkotisiert beschriebenes Schauspiel zum Besten gibt, passt perfekt in die Figur des zurückgenommenen Autors, welcher sein quälendes Seelenleid so fest unterdrückt wie nur möglich. Die erwähnte Gegensätzlichkeit lässt sich auf die gesamte Inszenierung von Wenders anwenden. Auch wenn die Erzählung auf einen hohen Naturalismus abzielt, bricht der Regisseur viele Szenen in Schwarzblenden ab, fügt ihnen hierdurch elliptische Brüche hinzu und setzt Zeitsprünge ein, wenn man sie nicht erwartet. Die typische Handschrift des belgischen Kameravirtuosen Benoît Debie, welcher sich ansonsten für visuelle Feuerwerke wie „Enter the Void“ oder „Spring Breakers“ verantwortlich zeigt, ist hier ebenfalls kaum wiederzuerkennen und setzt in dem in 3D gefilmten Werk in erster Linie darauf, gewisse Elemente stets in den Vordergrund zu rücken und Hintergründe durch mal mehr, mal weniger hohe Tiefenschärfe oder Unschärfen abzutrennen. Der erzielte Effekt einer höheren Intimität zu den Figuren ist dadurch zwar offensichtlich, wirkt aber vor allem in 2D gelegentlich künstlich und nicht allzu authentisch. Die Musik von Alexandre Desplat untermalt das zurückhaltende, minimalistische Geschehen hingegen mit großen Klängen und eingängigen Melodien, was erneut einen starken Gegensatz hervor ruft.


Nähert man sich "Every Thing Will Be Fine" also auf rein narrativer Ebene, ist der Film nicht mehr als ein gewöhnliches, zwar stark gespieltes aber viel zu konventionelles, so schon oft gesehenes Drama, das mit klischeebeladenen Dialogen aufwartet und unter zu wenig Figurentiefe leidet. Entscheidend ist der minimalistisch reduzierte Stil, der in kleinen Gesten kurzzeitig große Gefühle offenbart und durch die gegensätzliche Inszenierung einiges an visueller Spannung anbietet. Somit bleibt der Film letztendlich Mittelmaß mit viel verschenktem Potential, dem Fans von ruhigem Schauspielkino oder generell Wim Wenders durchaus einen Blick schenken können, aber nicht zuviel erwarten sollten.

5 von 10 Karussellfahrten auf dem Jahrmarkt

von Pat

Review: JACKY IM KÖNIGREICH DER FRAUEN - Männer, das schwache Geschlecht

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Fakten:
Jacky im Königreich der Frauen (Jacky au royaume des filles)
FR, 2014. Regie & Buch: Riad Sattouf. Mit: Vincent Lacoste, Charlotte Gainsbourg, Didier Bourdon, Michel Hazanavicius, Anémone, Valérie Bonneton, Noémie Lvovsky, Laure Marsac, William Lebghil, Anthony Sonigo u.a. Länge: 90 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 26. Juni 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In der Volksrepublik Bubunne herrschen die Frauen, während die Männer Schleier tragen, sich um den Haushalt kümmern und vor allem gut aussehen sollen. Pferde sind heilig und das Essen von Pflanzen ist verboten. Der 20jährige Jacky ist unsterblich in die zukünftige Diktatorin Bubunne XVII verliebt. Eines Tages kündigt deren Mutter einen großen Ball an, auf dem sich alle Jünglinge als Heiratskandidaten präsentieren sollen. Jacky wittert seine große Chance. Doch sein Onkel Julin ist davon gar nicht begeistert, er kämpft im Untergrund für die Revolution und die Rechte der Männer…




Meinung:
In der „freien“ und natürlich höchst demokratischen Volksrepublik (wie Staaten mit dieser Bezeichnung in der Regel nun mal sind) Bubunne läuft einiges etwas anders als im Rest der Welt. Aufgrund der dezent zweifelhaften Überlieferung historischer Fakten werden dort Pferdchen als gottesgleiche Geschöpfe verehrt und auch mal mental um Rat gefragt, das Essen von Gemüse (von Fleisch gar nicht erst die Rede) ist unter Strafe verboten, dafür wird (bestimmt) köstlicher und sehr nahrhafter Schleim aus staatseigenem Recycling geschlotzt, die Frauen lenken die Geschicke des Landes, die Männer haben sich zu verschleiern und als Menschen zweiter Klasse unterwürfig darauf zu hoffen, von den Eltern an eine gnädige Herrin verheiratet zu werden.


Frag das Pferdchen...
Eine knuffige Idee von Regisseur und Autor Riad Sattouf, einige mitunter sehr weltfremde, totalitäre Staatsmodellen hier aufs Korn zu nehmen, ohne genau einem Land zu speziell ans Bein zu pinkeln. Es gibt gleich mehrere Kandidaten, die sich in der fiktiven Parallelwelt von Bubunne wiederfinden dürften. Zudem dreht er das „klassische“ Genderbild konsequent auf links, was durchaus Potenzial hat und allein durch diese ganz einfache Tatsache einige ulkige Szenen präsentiert. Dabei liegt es einzig und allein an der verdrehten Rollenverteilung. In der „gewohnten“ Form wären einige Szenen ganz und gar nicht komisch oder absurd, so herum wirkt es extrem schräg. Mit diesem simplen Kniff gelingt es Sattouf tatsächlich, die eigentlich traurige, reale Absurdität einer geschlechtsbedingten „Minderwertigkeit“ zu verdeutlichen. So wirkt das Ganze völlig abstrus, aber sonst nicht? Dahingehend ist „Jacky im Königreich der Frauen“ schon gelungen, er entlarvt den echten Irrsinn mancher Regionen als nicht minder verrückt und bedenklich als das, was er hier als schrille Komödie auffährt. In seinen besten Momenten ist dieser Film somit sogar eine scharfe, mutige, gar leicht heikle Satire, bedenkt man wie schnell sich gewisse, radikale Menschen auf den Schlips getreten fühlen (gerade in Frankreich hatte dies ja schon grausame Folgen). Genau genommen hat er aber nur diese eine Idee und latscht diese eben auf 90 Minuten ausgiebig platt.


So viele Dödel, da fällt die Wahl nicht leicht.
Teilweise mag „Jacky im Königreich der Frauen“ wirklich einen leichten Anflug von dem großspurig angekündigten Monty Python-Vergleich besitzen, wenn auch nur gering und lange nicht so brillant in seinem Blödsinn. Über weite Strecken ist das eher ganz nett-albern, manchmal zu viel, manchmal zu wenig, mit reichlich Leerlauf, da sich im Prinzip immer nur auf das gleiche Gagmodell gestützt wird. Irgendwann ist die Luft aus dem verdrehten Rollenmuster raus, auch wenn natürlich immer mal wieder eine Szene dabei ist, die ganz ulkig ist. Hauptdarsteller Vincent Lacoste (der optisch leicht an Jim Parsons erinnert) hat daran großen Anteil, verkörpert den herzensguten, liebenswert-schüchternen Jacky als eine Art männliches Aschenputtel sehr sympathisch. Man gönnt ihm einfach, das er am Ende wirklich der „große Dödel“ seiner angebeteten Herrscherin (Charlotte Gainsbourg, muss sich nach „Nymphomaniac“ wohl noch in solchen lockeren Rollen etwas erholen) wird, der funktioniert in der Rolle wirklich gut. Die besten Momente hat der Film eindeutig zu Beginn und gerade am Ende, das mit seinem Appellieren um ehrliche Toleranz nicht oberlehrerhaft, sondern frisch unverkrampft und relativ clever wirkt. Dazwischen ist das die typische Ganz-okay-Berieselung für einen Sonntagnachmittag.


Einmal angucken kann man das problemlos und sich an einigen Stellen amüsieren, für eine Zweitsichtung zwingt der sich allerdings nicht auf. Hätte deutlich mehr aus seinen guten Ansätzen machen können, geht so.

5 von 10 heiligen Pferdchen

Review: NYMPH()MANIAC: VOLUME I & II – Vergiss die Liebe

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Fakten:
Nymph()maniac: Volume I & II
Dänemark, BRD, Belgien, UK, Frankreich. 2013. Regie und Buch:Lars von Trier. Mit: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Stacy Martin, Uma Thurman, Jaime Bell, Connie Nielsen, Christian Slater, Daniele Lebang, Mia Goth, Willem Dafoe, Shia LaBeouf, Sophie Kennedy Clark, Maja Arsovic, Michael Pas, Caroline Goodall, Udo Kier, Jean-Marc Barr u.a. Länge Teil 1: 145 Minuten (Uncut-Fassung), 117 Minuten (Cut-Fassung). Länge Teil 2: 124 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.
Ab 20. November 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der ältere Junggeselle Seligmann rettet Joe in einer Gasse vor einer Schlägerei. Daraufhin nimmt er die 50-jährige Frau mit zu sich nach Hause, um sie zu pflegen. Dabei erzählt Joe ihre Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte einer Nymphomanin.





Meinung:
Nach seinem irritierenden „Okay, ich bin ein Nazi“-Statement in Cannes, das die Filmwelt 2011 postwendend zu einem echauffierten Tal keifender Furore konvertierte, erteilte sich Lars von Trier selbständig Redeverbot und lud sich gleichwohl aus allen folgenden Pressekonferenzen aus: Das dänische Enfant terrible wurde seinem Ruf als kontroverser Filmemacher wieder einmal gerecht, auch wenn er diese Äußerung hinter der Kamera gewiss mit einem leichtfertigen Augenzwinkern traf. Mit der losen Ankündigung zuvor, einen „echten Porno“ drehen zu wollen, entlockte er nicht nur seiner Fangemeinde erwartungsvolles Frohlocken, sondern zog mit einem gar brillanten Marketingfeldzug nach und lenkte den Fokus der gesamten Branche auf sein neustes Werk: Clips als Appetizer, Orgasmus-Poster und eine Laufzeit von angeblich über fünf Stunden, ließen die virtuelle Gerüchteküche Tag und und Nacht brodeln. Wie weit wird der Kopenhagener dieses Mal nun wirklich gehen, wie viel Porno steckt wirklich in „Nymphomaniac“, im Abschluss seiner Depressions-Trilogie? Expliziter Geschlechtsverkehr sollte nach seinem Opus Magnum „Antichrist“ keine Neuheit in seinem Œuvre darstellen.


 
Ob die Kollegen der CineCouch so ihre Podcasts aufnehmen?
Um die Lage zu Anfang schon gleich zu entschärfen: Nein, „Nymphomaniac“ ist kein handelsüblicher Pornofilm geworden, der seinen Sex willkürlich in das Geschehen integriert und diesen dann nur zur reinen Wichsvorlage für das Publikum degradiert. „Nymphomaniac“ ist hingegen ein echter Von Trier, durch und durch provokativ in seinen Anlagen, umso menschlicher im Umgang mit seiner Protagonistin Joe in der Gesamtansicht. Begrüßt werden wir mit einer Schwarzblende, die eine gefühlte Ewigkeit visuell die Leinwand für sich bestimmt, während sich die Regentropfen im Hintergrund leise einen Weg durch die Düsternis bahnen, um dann mit einer elegische Kamerafahrt durch die kalte Hinterhoftristesse fortzusetzen. Eine ästhetische Sequenz, die schließlich durch Rammsteins lospolterndes „Führe Mich“ vollkommen konterkariert wird. Irgendwann erreichen wir dann auch Joe, unseren Leitfaden, dessen geschundener, mit sanft auf sie herabfallenden Schneekristallen bedeckter Körper, der dann von Seligman aufgelesen wird. Er will ihr helfen und nimmt sie mit in seine Wohnung; sie jedoch macht ihm unmissverständlich klar, dass sie diese Hilfe nicht verdient hat.

 
Das werden die Klitschkos ganz wuschig: ein lebende Milchschnitte
Joe bietet Seligman an, ihm von ihrem Leben als Nymphomanin zu erzählen und nimmt ihn zusammen mit den Zuschauer mit auf eine episodische Reise durch einzelne, prägenden Stationen ihrer Vergangenheit. Von der frühen Kindheit, das Erwachen sexueller Bedürfnisse, ihrer Entjungferung, die Gründung eines Clubs für Nymphomaninnen, die das katholische Schuldbekenntnis „Mea culpa“ mal schnell zu „Mea vulva“ formen, bis hin zu ihrer ersten und letzten festen Beziehung mit Jerome. „Nymphomaniac“ zeigt sich im ersten Teil noch als vitales Erlebnis, das nicht nur jeden Rahmen seiner Erzählstruktur negiert, er funktioniert einfach auf derart vielen Ebenen, dass sich Lars von Trier für sein künstlerische Verständnis erneut breit grinsend auf die Schulter klopfen darf. Während Joe ihren Leidensweg Schritt für Schritt offeriert und sich permanent als schlechter Mensch versteht, versucht sie Seligman, die Enzyklopädie auf zwei Beinen, durch allerhand Exkurse und Analogien wieder in das richtige Licht zu rücken und ihre erdrückenden Schuldgefühle durch Gegenargumentationen zu entkräften. Zwischen Joe und Seligman entsteht ein zuweilen unbekümmerte Wärme, die in Joes dargebotener Tour de Force spätestens im zweiten Teil vollständig verschwindet.

 
Joe und Jerome sind voll in ihrem Element
Seligman fungiert als moralische Stütze, während Lars von Trier einen Teufel tut, das Verhalten seiner Joe in irgendeiner Weise zu moralisieren. Er intellektualisiert und psychologisiert es, und das durch verschiedenste Mittel, doch er verurteilt nicht, dafür liebt er seine Nymphomanin viel zu sehr. Wenn Seligman auf die Fibonacci-Folge zurückgreift oder die Beutejagd Joes, die bis zu 10 Männer pro Nacht zur Lustbefriedigung benötigt, durch das Fliegenfischen versinnbildlicht, dann ist die Spielfreude Von Triers geweckt und „Nymphomaniac“ entpuppt sich zur humorvollen Groteske, die jener depressiven Disposition entgeht, die noch „Antichrist“ und „Melancholia“ regierte. Über die gallige Note in „Nymphomaniac“ darf gelacht werden, nur man sollte sich darauf gefasst machen, dass von Trier mit den letzten drei der insgesamt acht Episoden die Tonalität wechseln wird. Von der jungen Frau, die sich zusammen mit ihrer Freundin von Zugabteil zu Zugabteil schlägt und mit ihr um die Wette mit Männern schläft, nur um eine Tüte Schokopralinen zu gewinnen; die junge Frau, die noch unverständlich dreinblickt, als ein Passagier ihr erklärt, dass er sein Sperma eigentlich für seine Frau aufbewahren wollte, um ihr 2 Minuten später schon in den Mund zu spritzen, wird im zweiten Teil eine Frau, deren Vagina sich empfindungslos zeigt, die sich auf neue, sado-masochistische Bahnen schlägt, um endlich wieder etwas zu fühlen.

 
Joe und K haben eine ganz besondere Beziehung
Joe ist unfähig zu lieben, sie kann sich nicht um das gemeinsame Kind mit Jerome kümmern, dem sie ihre Taubheit genau dann gesteht, als eigentlich alles perfekt schien; in dem Moment, in dem Von Trier Joes Nymphomanie durch Bachs Polyphonie in grandiosen Split-Screens deutet. Danach geht es – bis auf die amüsante Szene mit zwei Schwarzen, die sich darum streiten, wer Joe denn nun anal und wer sie vaginal penetrieren darf - düster und pessimistisch einher. Ihre vordergründige Liebe zu erweist sich als unerreichbar, Jerome lässt sie gehen, damit sie ihre Vagina reaktivieren kann und trifft auf K, der ihr mit 40 Peitschenhieben auf den nackten Hintern, endlich wieder ein Gefühl schenkt, ohne das sie nicht mehr existieren kann: Ihre wütend-frigile Obsession zerfrisst sie langsam von innen heraus. Dass Lars von Trier hier natürlich auch die Hintergründe der Pornomaschinerie, wie auch die prüden Konventionen unserer Gesellschaft dekonstruiert, versteht sich angesichts des Themenspektrums natürlich von selbst. Wie offen und ehrlich er Joe, ihrer Sucht und ihrer Emanzipation, aber durchweg entgegentritt, das hat schon etwas ungemein Berührendes. „Nymphomaniac“ ist ein Psychogramm, das sich nicht für äußerliche Normen interessiert, sondern für den fatalen Werdegang seiner Akteurin – Und dabei darf sich der gute Lars inzwischen natürlich so manche Selbstreferenz leisten.


Schwach sind im ungemein philosophischen und feministischen „Nymphomaniac“ nicht die Opfer ihrer Gelüste, es sind die Personen, die sich und anderen zwanghaft emotionale Selbstverständlichkeit einreden möchten. In der Selbsthilfegruppe wird das illustrativ auf die Spitze getrieben: Joe besteht auf ihre Anrede als Nymphomanin, sie ist nicht sexsüchtig, sondern eine Nymphomanin. In Teil 2 hat sich die Narrative von „Nymphomaniac“ auch gänzlich vom zerstückelten Episodenhaften verabschiedet und lässt seine Maschen näher, bitterer zusammenwachsen. Wo Joe landen wird, macht uns Lars von Trier schon zu Anfang deutlich, wie sie das Leben aber in diese Situation manövrieren wird, das schmerzt und setzt einen Stich in das Herz, wie ihn nur Lars von Trier setzen kann, um dann, wenn sich die Wogen angeblich geglättet haben, wenn alle Entscheidungen getroffen sind, noch einmal zum letzten Schlag auszuholen. Mensch heißt Mensch heißt Widersprüche, das hat Lars von Trier erkannt, genau wie er richtig erkannt hat, dass manche Menschen sich nun mal mehr vom Sonnenuntergang, als von ihrem Aufgang erhoffen.


8 von 10 erigierte Penisse


von souli

Review: 21 GRAMM - Schuld, Liebe, Rache

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Fakten:

21 Gramm (21 Grams)
USA, 2003. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Guillermo Arriaga. Mit: Sean Penn, Naomi Watts, Benicio Del Toro, Charlotte Gainsbourg, Melissa Leo, Danny Huston, Eddie Marsan, Clea DuVall, Jerry Chipman, John Rubinstein, Marc Musso, Teresa Delgado u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Paul Rivers ist dem Tode geweiht, wenn er kein Spenderherz bekommt. In letzter Sekunde erhält er tatsächlich das lebensrettende Organ. Auch wenn es ihm eigentlich untersagt ist, Paul will wissen, wessen Herz er in sich trägt. Bei seinen Nachforschungen findet er Cristina, die Witwe seines Spenders. Ihr Ehemann Michael und ihre kleinen Töchter wurden von einem Auto überfahren. Paul und Cristina verlieben sich ineinander. Doch Cristina hat den Schicksalsschlag noch nicht verarbeitet. Der Mann, der für den Tod ihrer Familie verantwortlich ist, soll sterben. Paul besorgt sich eine Waffe...




Meinung:
 
"Es heißt, wir alle verlieren 21 Gramm genau in dem Moment, in dem der Tod eintritt."


Bald um 21 Gramm leichter?
Warum? Was sind diese 21 Gramm? Ist es das, was wir als Seele bezeichnen? Was geschieht mit uns, mit diesen 21 Gramm? Und was passiert, wenn unser Herz in dem Körper eines anderen erneut zu schlagen beginnt? Das klingt jetzt alles etwas philosophisch und spirituell, das soll keinen falschen Eindruck erwecken. Denn darum geht es Alejandro González Iñárritu nur am Rande, mehr oder weniger der interpretative Zusatzhappen. Komplett losgelöst davon funktioniert sein kunstvoll, äußerst geschickt erzähltes Drama "21 Gramm" auch problemlos. Ein sehr emotionaler, bedrückender Trip durch Leid, Schmerz, Trauer, Rache, Vergeltung und Vergebung.

Cristina und Paul sind zu allem bereit
Was bei "21 Gramm" schnell hervorsticht und zu gesteigerter Aufmerksamkeit zwingt, ist sein unchronolgischer Erzählstil. Iñárritu springt in der Handlung vor und zurück, zerlegt seine Geschichte in viele, kurze Einzelszenen, die anfangs etwas wild und unübersichtlich wirkend zusammengeschnitten werden, doch das bedarf nur kurzer Eingewöhnungszeit. Genau genommen ist es erstaunlich, wie schnell der Zuschauer dennoch den Überblick behält, selbst zu Beginn, wo Details über Story und Figuren noch nicht bekannt sind. Das spricht für Iñárritu, denn er verwirrt nicht und scheint sich sehr genau Gedanken darüber gemacht zu haben, wann er uns welche Szene serviert. Aber ist dieser Stil denn überhaupt sinnvoll? Würde der Film nicht auch funktionieren, wenn er ganz schlicht von A nach B verlaufen würde? Ist das alles nur selbstverliebte Spielerei, mit der er zeigen möchte, was für ein toller Hecht er ist? Ja, es ist sinnvoll, ja er würde auch so funktionieren und nein, da steckt mehr dahinter. Auch chronologisch wäre "21 Gramm" ein toller, bewegender Film, doch wirkt er durch seinen Stil noch mal ganz anders. So wird dem Zuschauer immer wieder vor Augen geführt, was mit den Figuren passiert, wie sie sich im Laufe der Handlung entwickeln. Klar, das klappt auch auf normalen Weg, nur so ist es intensiver, schmerzvoller, effektiver. Wie ein Blick in die Zukunft, der uns dann wieder zurück in die Realität wirft und später nochmal zu den Punkten befördert, als alles noch ganz anders war. Die Entwicklungen werden somit immer reflektiert, nicht nur im Kopf, sondern direkt vor den Augen. Natürlich ist das irgendwo Spielerei, doch sie wertet das Gesamtprodukt tatsächlich auf. Von großartig auf herrausragend.

Die Schuld lässt Jack bald durchdrehen
Mag die Geschichte auf dem Papier etwas realitätsfremd wirken, so wie es hier geschildert wird, nehme ich das voll ab. Der oben angerissene Ansatz (nur ein neues Herz oder wurde da mehr transplantiert?) ist wirklich nur reiner, möglicher Subtext, darauf muss es sich nicht beziehen, erlaubt nur den Gedankenansatz. Dafür ist es viel zu glaubhaft inszeniert, hier werden Emotionen gezeigt, die zu den menschlichsten überhaupt gehören. Tiefe Trauer nach einem grauenhaften Schicksalsschlag, das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, Auge um Auge, um des Seelenfriedens willen. Auch die Motivation von Sean Penns Figur Paul ist gar nicht so weit hergeholt, wie es im ersten Moment klingt. Er lebt nur, weil jemand anderes sein Leben lassen musste, er will mehr über seinen "Retter" erfahren und fühlt sich verantwortlich, in die Pflicht genommen, das macht für mich so wie es gezeigt wird Sinn. Das liegt nicht nur am Script und der sensiblen Inszenierung, es liegt zu einem nicht geringen Teil an den Darstellern.


Das alles überragende Dreigestirn heißt Sean Penn, Naomi Watts und Benicio Del Toro. Jeder von ihnen geht ans Limit, spielt sich die 21 Gramm aus dem Leib. Von kleinen Nuancen bis zu heftigen Gefühlseruptionen, besonders Watts hat mich schwer beeindruckt. Neben den Riesen Penn und Del Toro gibt sie Vollgas, was nicht in Overacting mündet, sondern einem fast die Schuhe auszieht. Ganz großartig, anders lässt sich das kaum beschreiben.


"21 Gramm" fasziniert von Anfang bis zu Schluss, ist wahnsinnig clever durchkomponiert und kippt niemals in Kitsch oder Klischee, was bei so einem Stoff immer schwierig wird. Im Gegenteil, ein fesselndes, erstklassig umgesetztes Stück Gefühlskino mit exzellenten Darstellern. Wunderbar!

9
von 10 Herzbuben

Review: ANTICHRIST - In den Wald mit Lars von Trier

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http://medienjournal-blog.de/wp-content/uploads/2011/09/antichrist.jpg
Fakten:
Antichrist
D, DK, FR, IT, PL, SE, 2009. Regie und Buch: Lars von Trier. Mit: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg. Länge: 104 Minuten. FSK: ab 18 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach dem Tod ihres kleinen Sohnes zieht sich ein trauerndes Paar in eine einsame Hütte in den Wäldern zurück. Er ist Psychiater und will sie dort therapieren. Doch er muss bald feststellen, dass viel mehr hinter dem Verhalten seiner Frau steckt, und beide stürzen in der Abgeschiedenheit der Hütte in eine Spirale aus Sex und Gewalt.




Meinung:
Gainsbourg und Dafoe mit vollem Körpereinsatz.
Hätte "Antichrist" von einem anderen Regisseur als Lars von Trier gedreht werden können? Nein, hätte wohl auch keiner vorgehabt. Ein provokanter Albtraum, in dem von Trier seinen Gemütszustand und sein (offenkundig) gestörtes Frauenbild reflektiert, eigentlich schon exhibitioniert. Sich als Zuschauer damit zu identifizieren scheint fast unmöglich, was letztendlich auch gut so ist. Es geht nicht darum mitzufühlen, Verständnis aufzubringen, sondern zu beobachten, fast zu gaffen. In einer handwerklichen Perfektion, anders kann ich das kaum beschreiben, nimmt von Trier den Zuschauer nicht wie andere Regisseure an die Hand um sie in den dunklen Wald zu führen, er fesselt sie auf den Rücken, hält ihm das Messer an die Kehle und zwingt ihn, sich mit ihm in den Garten Eden zu begeben.

 
Im Wald regiert nicht nur die Natur...
Was als noch nachvollziehbares Psychodrama beginnt (mit einer unglaublich aufspielenden Charlotte Gainsbourg) wird zu Lars von Triers "Evil Dead". Die grauenvolle Atmosphäre, eingefangen in erschreckend meisterlichen Bildern, verschluckt die Protagonisten wie den hilflos gefesselten Zuschauer. Sie frisst sich durchs Geäst, kriecht durchs Unterholz, die Unendlichkeit der Wälder wird zur Ausweglosigkeit aus der Hölle, zum Spielplatz für den Antichrist. Von Trier offenbart eine nihilistische Weltanschauung, läutet die Selbstzerfleischung eines Paares ein, die nach dem Verlust des einzigen Bindegliedes schon in der Zivilisation beginnt und in der Natur ihren Höhepunkt findet. Analytischer, distanzierter Nüchternheit steht krankhafter Wahnsinn gegenüber. Was am Ende dominieren wird, liegt in der Natur des Menschen.

 
...sondern das Chaos.
Von Trier geizt nicht mit Symbolik, im Gegenteil, daran könnten andere Projekte ersaufen. Zu "Antichrist" passt dieser interpretativer Overkill wie zu kaum einem anderen Werk. Der Film lädt zum mehrmaligen Ansehen ein und stößt gleichzeitig ab, denn freiwillig will ich mich in nächster Zeit nicht wieder in den Vorhof zur Hölle begeben. Doch irgendwann werde ich kaum anders können. Das von Trier das bei mir gelingt (ich bin nicht gerade ein Fan des schwierigen Zeitgenossen) spricht für sein Werk. Wie der Fuchs schon faucht: "Chaos reigns!" Dem ist nichts hinzuzufügen.

 
Verständlich, wenn "Antichrist" einige Zuschauer abstößt, alles andere wäre auch total unmöglich. 

8 von 10