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Review: HERZ AUS STAHL - Technischer Akt und brutaler Verständnisprozess

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Fakten:
Herz aus Stahl (Fury)
USA. 2014. Regie und Buch: David Ayer. Mit: Brad Pitt, Shia LaBeouf, Logan Lerman, Jon Bernthal, Michael Peña, Jason Isaacs, Xavier Samuels, Brad William Henke, Scott Eastwood, Kevin Vance, Jim Parrack, Alicia von Rittberg, Laurence Spellman u.a. Länge: 134 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 7. Mai 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich..


Story:
In den letzten Wochen des zweiten Weltkriegs ist das Team von Don „Wardaddy“ Collier, die 2nd Armored Offenfive, im Gebiet des Deutschen Reiches in ihrem Sherman-Panzer unterwegs. Die Enge des Panzers, die allgegenwärtige Bedrohung und die bereits erlebten Gräueltaten haben die Truppe zu einem Team gemacht, welches nun in Europa ein letztes Mal um ihr Überleben kämpfen muss.





Meinung:
Du liebe Güte, was hatte er sich doch ins Aus geschossen, der David Ayer, als er damit breiten Schrittes um die Ecke gebogen kam und seinen urbanen Thriller „Sabotage“ auf die Filmwelt losgelassen hat. Der Trailer versprach ein nihilistisches Manifest und das Comeback des charismatischen Muskelklotz Arnold Schwarzenegger, dem man schon so lang entgegengefiebert hat. Aber Pustekuchen, „Sabotage“ war ein tiefer Griff in die Toilettenschüssel, inkohärent erzählt, dass man Bezugspunkte beinahe mit der Lupe suchen musste, um trotzdem nichts zu finden und mit einem derart abstoßenden Zynismus signiert, dass es kein Pläsier bereitete, der chauvinistischen Rasselbande beim Arschlochsein zuzusehen. Dieses harsche Urteil wurde vielerorts mit Überraschung aufgenommen, war David Ayer, ähnlich wie Antoine Fuqua („The Equalizer“), doch immer als verlässlicher Genre-Handwerker wahrgenommen, der sich nicht für die weltbewegenden, aber doch die unterhaltsamen Stoffe verantwortlich zeigte: „Harsch Times – Leben am Limit“, „Street Kings“ und „End of Watch“ gefielen durchweg.


Wardaddy und seine Jungs
Was sich motivisch in seiner Vita abzeichnet, ist sein Hang zur kriminalistischen Thematik, zum Konflikt von Polizeiapparat und Delinquenz, wobei die Kollision beider Parteien immerzu in Grauzonen verwischen wurde: Auf beiden Seiten gab es Integrität und Verrat zu beobachten. Mit seinem neusten Film „Herz aus Stahl“ distanziert sich David Ayer vom Gangster-Milieu, hebt sich ab von den korrupten Gepflogenheiten auf Amerikas Straßen und dringt vor in die historische Vergangenheit: Dem zweiten Weltkrieg. Als wäre dieses Kapitel filmisch nicht schon bis zum Exitus aufbereitet worden, schien Ayer das Verlangen getrieben zu haben, ebenfalls seinen nicht gerade zimperlichen Senf dazugeben zu wollen. Ob das was werden kann, nachdem Ayer mit „Sabotage“ eines der miserabelsten Werke des letzten Kinojahres abgeliefert hatte? Es kann! Der mit einem Budget von knapp 70 Millionen Dollar formal hervorragend ausgekleidete „Herz aus Stahl“ wird – gerade im europäischen Raum – mit Sicherheit nicht auf die ihm würdige Gegenliebe stoßen, letztlich aber besinnt sich Ayer auf alte künstlerische Tugenden und vollbringt das, was er kann: Garstige Genre-Kolportage.


Krieg macht keinen Spaß
Selbstredend betreibt David Ayer, der nicht nur den Regieposten abgedeckt hat, sondern auch das Drehbuch schrieb, geschichtliche Klitterung, um eine nachweisbare Exaktheit damaliger Tatbestände ist es dem aus Illinois stammenden Künstler aber sowieso nicht gelegen. Stattdessen macht eine Texttafel zu Anfang schnell deutlich, in welche Richtung sich „Herz aus Stahl“ orientieren wird: Die deutschen Panzer sind denen der Amerika eindeutig überlegen. Kriegstechnik, das Aufeinanderprallen von Stahl, das Bedienen von Hebeln, Schaltern, Knöpfen und Abzügen. Und wenn Brad Pitt als mit zusammengekniffenen Blick dreinblickender Wardaddy in seiner ersten Szene einen deutschen Soldat vom Pferd reißt, um ihm sein Messer durch das Auge zu rammen, ist auch die Marschroute eindeutig festgelegt: Wer keine unvermittelt visualisierte Gewalt ertragen kann, der ist hier (und eigentlich in jedem anderen Kriegsfilm) an der falschen Adresse. „Herz aus Stahl“ geht in seiner eingefangenen Brutalität sogar soweit, dass er zuweilen in eine gar exploitative Dimension vordringt, so beherzt hier am laufenden Bahn Körper durch Gewehrsalven und Granateinschläge deformiert werden.


Brad Pitt hat das längste Rohr
Als Zuschauer nehmen wir die Perspektive des Frischlings Norman Ellison (Logan Lerman) ein, eigentlich ein Schreiberling, der nun an die Front geschickt wird, um dem 1. Panzer Platoon zur Seite zu stehen. Es ist seine Unkenntnis, das Zögern, das anfängliche Erbrechen angesichts der ganzen geballten Gräueltaten, die das Charaktergefüge gelungen, aber keinesfalls sinnstiftend kontrastiert. Das eingeschworene Quartett um Wardaddy, Bible (Nuanciert: Shia LaBeouf), Gordo (Michael Pena) und Coon-Ass (Jon Bernthal) nämlich ist ein haufen rassistischer Machos, die die Deutschen über einen Kamm scheren und nichts lieber täten, als alle Soldaten mit Schwarz-Rot-Goldener Flagge auf dem Oberarm kaltblütig zu eliminieren – Nachdem sie ihre Frauen gepflegt geknattert haben, versteht sich, dafür braucht es ja ohnehin nur eine Tafel Schokolade. Ayer versucht dem Zuschauer zu Anfang noch metaphorisch zu verdeutlichen, dass auch unsere vermeintlichen Helden keine weißen Westen, sondern schlammverkrustete Uniformen tragen; ihre ausgelaugten Gesichter erzählen vom Krieg, von Afrika, Frankreich, Belgien und nun von Deutschland, die vorgeschriebene Heroisierung wird trotzdem nicht umgangen, was der charakterlichen Differenzierung selbstredend schadet.


Immerhin gibt es in den letzten Minuten von „Herz aus Stahl“ einen Moment, in dem Ayer all die nationalistische Ideologie auf einen unangenehm-räudigen Höhepunkt hätte schrauben können, stattdessen aber aufzeigt, dass auch ein SS-Bediensteter irgendwo nur Mensch ist. Das ist im Gesamtblick zu wenig, dafür überwiegen die patriotischen Manierismen der Hauptakteure, die sich zuweilen wie im Saustall gebaren, und doch ein kleiner „erfreulicher“ Funke, zu dem sich andere Regisseure (Gruß an Peter Berg) mit Sicherheit nicht aufschwingen hätten können. „Herz aus Stahl“ heftet sich weiterhin an die Schulter von Norman, er portiert uns über die Schlachtfelder, inmitten durch Blut, Schmutz, Gedärme und abgetrennte Extremitäten, um mit Wardaddys greifender Hand im Nacken zu realisieren, dass auch er nur ein Zahnrad im kriegerischen Getriebe ist, das auf Knopfdruck zu funktionieren hat, auch wenn es dafür seine persönliche Werte durchkreuzen muss: Recht und Unrecht tun hier nichts mehr zur Sache und jede Sekunde der Stille ist trügerisch, trägt der Wind einen Wimpernschlag später doch schon das Echo marschierender Soldaten mit sich. „Herz aus Stahl“ ist ein grimmiger Film, kein relevanter, vielmehr einer, der zubeißt, wenn man seine Hand nicht schnell genug wegzieht. Vielleicht ist das auch richtig so.


7 von 10 halben Gesichtshälften


von souli

Trailerpark: Echte Männer im Panzer - Erster Trailer zu FURY mit Brad Pitt

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Nach dem Kassenflop „Sabotage“, der für uns zu einem der schlechtesten Kinofilme des Jahres zählt, versucht es „Training Day“-Autor David Ayer jetzt einmal mit der guten, alten Weltkriegsthematik. In „Fury“ lässt er echte Männer gegen Ende des zweiten Weltkriegs in einem Panzer durch Deutschland tuckern. Der erste Trailer dazu ist ganz frisch von der Westfront Hollywoods zu uns gekommen. Sieht in unseren Augen etwas arg behäbig, bedeutungsschwanger und pathetisch aus. Geplanter Deutschlandstart ist der 1. Januar 2015. Vermutlich unter dem Titel „Herz aus Eisen“. Alternativ würde uns auch der Titel „Kuscheln im Panzer“ gefallen, denn mit Brad Pitt, Logan Lerman, Michael Peña, Shia LaBeouf, Jason Isaacs, Scott Eastwood und Jon Bernthal ist das Kriegsgefährt äußerst eng besetzt.


Review: NYMPH()MANIAC: VOLUME I & II – Vergiss die Liebe

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Fakten:
Nymph()maniac: Volume I & II
Dänemark, BRD, Belgien, UK, Frankreich. 2013. Regie und Buch:Lars von Trier. Mit: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Stacy Martin, Uma Thurman, Jaime Bell, Connie Nielsen, Christian Slater, Daniele Lebang, Mia Goth, Willem Dafoe, Shia LaBeouf, Sophie Kennedy Clark, Maja Arsovic, Michael Pas, Caroline Goodall, Udo Kier, Jean-Marc Barr u.a. Länge Teil 1: 145 Minuten (Uncut-Fassung), 117 Minuten (Cut-Fassung). Länge Teil 2: 124 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.
Ab 20. November 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der ältere Junggeselle Seligmann rettet Joe in einer Gasse vor einer Schlägerei. Daraufhin nimmt er die 50-jährige Frau mit zu sich nach Hause, um sie zu pflegen. Dabei erzählt Joe ihre Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte einer Nymphomanin.





Meinung:
Nach seinem irritierenden „Okay, ich bin ein Nazi“-Statement in Cannes, das die Filmwelt 2011 postwendend zu einem echauffierten Tal keifender Furore konvertierte, erteilte sich Lars von Trier selbständig Redeverbot und lud sich gleichwohl aus allen folgenden Pressekonferenzen aus: Das dänische Enfant terrible wurde seinem Ruf als kontroverser Filmemacher wieder einmal gerecht, auch wenn er diese Äußerung hinter der Kamera gewiss mit einem leichtfertigen Augenzwinkern traf. Mit der losen Ankündigung zuvor, einen „echten Porno“ drehen zu wollen, entlockte er nicht nur seiner Fangemeinde erwartungsvolles Frohlocken, sondern zog mit einem gar brillanten Marketingfeldzug nach und lenkte den Fokus der gesamten Branche auf sein neustes Werk: Clips als Appetizer, Orgasmus-Poster und eine Laufzeit von angeblich über fünf Stunden, ließen die virtuelle Gerüchteküche Tag und und Nacht brodeln. Wie weit wird der Kopenhagener dieses Mal nun wirklich gehen, wie viel Porno steckt wirklich in „Nymphomaniac“, im Abschluss seiner Depressions-Trilogie? Expliziter Geschlechtsverkehr sollte nach seinem Opus Magnum „Antichrist“ keine Neuheit in seinem Œuvre darstellen.


 
Ob die Kollegen der CineCouch so ihre Podcasts aufnehmen?
Um die Lage zu Anfang schon gleich zu entschärfen: Nein, „Nymphomaniac“ ist kein handelsüblicher Pornofilm geworden, der seinen Sex willkürlich in das Geschehen integriert und diesen dann nur zur reinen Wichsvorlage für das Publikum degradiert. „Nymphomaniac“ ist hingegen ein echter Von Trier, durch und durch provokativ in seinen Anlagen, umso menschlicher im Umgang mit seiner Protagonistin Joe in der Gesamtansicht. Begrüßt werden wir mit einer Schwarzblende, die eine gefühlte Ewigkeit visuell die Leinwand für sich bestimmt, während sich die Regentropfen im Hintergrund leise einen Weg durch die Düsternis bahnen, um dann mit einer elegische Kamerafahrt durch die kalte Hinterhoftristesse fortzusetzen. Eine ästhetische Sequenz, die schließlich durch Rammsteins lospolterndes „Führe Mich“ vollkommen konterkariert wird. Irgendwann erreichen wir dann auch Joe, unseren Leitfaden, dessen geschundener, mit sanft auf sie herabfallenden Schneekristallen bedeckter Körper, der dann von Seligman aufgelesen wird. Er will ihr helfen und nimmt sie mit in seine Wohnung; sie jedoch macht ihm unmissverständlich klar, dass sie diese Hilfe nicht verdient hat.

 
Das werden die Klitschkos ganz wuschig: ein lebende Milchschnitte
Joe bietet Seligman an, ihm von ihrem Leben als Nymphomanin zu erzählen und nimmt ihn zusammen mit den Zuschauer mit auf eine episodische Reise durch einzelne, prägenden Stationen ihrer Vergangenheit. Von der frühen Kindheit, das Erwachen sexueller Bedürfnisse, ihrer Entjungferung, die Gründung eines Clubs für Nymphomaninnen, die das katholische Schuldbekenntnis „Mea culpa“ mal schnell zu „Mea vulva“ formen, bis hin zu ihrer ersten und letzten festen Beziehung mit Jerome. „Nymphomaniac“ zeigt sich im ersten Teil noch als vitales Erlebnis, das nicht nur jeden Rahmen seiner Erzählstruktur negiert, er funktioniert einfach auf derart vielen Ebenen, dass sich Lars von Trier für sein künstlerische Verständnis erneut breit grinsend auf die Schulter klopfen darf. Während Joe ihren Leidensweg Schritt für Schritt offeriert und sich permanent als schlechter Mensch versteht, versucht sie Seligman, die Enzyklopädie auf zwei Beinen, durch allerhand Exkurse und Analogien wieder in das richtige Licht zu rücken und ihre erdrückenden Schuldgefühle durch Gegenargumentationen zu entkräften. Zwischen Joe und Seligman entsteht ein zuweilen unbekümmerte Wärme, die in Joes dargebotener Tour de Force spätestens im zweiten Teil vollständig verschwindet.

 
Joe und Jerome sind voll in ihrem Element
Seligman fungiert als moralische Stütze, während Lars von Trier einen Teufel tut, das Verhalten seiner Joe in irgendeiner Weise zu moralisieren. Er intellektualisiert und psychologisiert es, und das durch verschiedenste Mittel, doch er verurteilt nicht, dafür liebt er seine Nymphomanin viel zu sehr. Wenn Seligman auf die Fibonacci-Folge zurückgreift oder die Beutejagd Joes, die bis zu 10 Männer pro Nacht zur Lustbefriedigung benötigt, durch das Fliegenfischen versinnbildlicht, dann ist die Spielfreude Von Triers geweckt und „Nymphomaniac“ entpuppt sich zur humorvollen Groteske, die jener depressiven Disposition entgeht, die noch „Antichrist“ und „Melancholia“ regierte. Über die gallige Note in „Nymphomaniac“ darf gelacht werden, nur man sollte sich darauf gefasst machen, dass von Trier mit den letzten drei der insgesamt acht Episoden die Tonalität wechseln wird. Von der jungen Frau, die sich zusammen mit ihrer Freundin von Zugabteil zu Zugabteil schlägt und mit ihr um die Wette mit Männern schläft, nur um eine Tüte Schokopralinen zu gewinnen; die junge Frau, die noch unverständlich dreinblickt, als ein Passagier ihr erklärt, dass er sein Sperma eigentlich für seine Frau aufbewahren wollte, um ihr 2 Minuten später schon in den Mund zu spritzen, wird im zweiten Teil eine Frau, deren Vagina sich empfindungslos zeigt, die sich auf neue, sado-masochistische Bahnen schlägt, um endlich wieder etwas zu fühlen.

 
Joe und K haben eine ganz besondere Beziehung
Joe ist unfähig zu lieben, sie kann sich nicht um das gemeinsame Kind mit Jerome kümmern, dem sie ihre Taubheit genau dann gesteht, als eigentlich alles perfekt schien; in dem Moment, in dem Von Trier Joes Nymphomanie durch Bachs Polyphonie in grandiosen Split-Screens deutet. Danach geht es – bis auf die amüsante Szene mit zwei Schwarzen, die sich darum streiten, wer Joe denn nun anal und wer sie vaginal penetrieren darf - düster und pessimistisch einher. Ihre vordergründige Liebe zu erweist sich als unerreichbar, Jerome lässt sie gehen, damit sie ihre Vagina reaktivieren kann und trifft auf K, der ihr mit 40 Peitschenhieben auf den nackten Hintern, endlich wieder ein Gefühl schenkt, ohne das sie nicht mehr existieren kann: Ihre wütend-frigile Obsession zerfrisst sie langsam von innen heraus. Dass Lars von Trier hier natürlich auch die Hintergründe der Pornomaschinerie, wie auch die prüden Konventionen unserer Gesellschaft dekonstruiert, versteht sich angesichts des Themenspektrums natürlich von selbst. Wie offen und ehrlich er Joe, ihrer Sucht und ihrer Emanzipation, aber durchweg entgegentritt, das hat schon etwas ungemein Berührendes. „Nymphomaniac“ ist ein Psychogramm, das sich nicht für äußerliche Normen interessiert, sondern für den fatalen Werdegang seiner Akteurin – Und dabei darf sich der gute Lars inzwischen natürlich so manche Selbstreferenz leisten.


Schwach sind im ungemein philosophischen und feministischen „Nymphomaniac“ nicht die Opfer ihrer Gelüste, es sind die Personen, die sich und anderen zwanghaft emotionale Selbstverständlichkeit einreden möchten. In der Selbsthilfegruppe wird das illustrativ auf die Spitze getrieben: Joe besteht auf ihre Anrede als Nymphomanin, sie ist nicht sexsüchtig, sondern eine Nymphomanin. In Teil 2 hat sich die Narrative von „Nymphomaniac“ auch gänzlich vom zerstückelten Episodenhaften verabschiedet und lässt seine Maschen näher, bitterer zusammenwachsen. Wo Joe landen wird, macht uns Lars von Trier schon zu Anfang deutlich, wie sie das Leben aber in diese Situation manövrieren wird, das schmerzt und setzt einen Stich in das Herz, wie ihn nur Lars von Trier setzen kann, um dann, wenn sich die Wogen angeblich geglättet haben, wenn alle Entscheidungen getroffen sind, noch einmal zum letzten Schlag auszuholen. Mensch heißt Mensch heißt Widersprüche, das hat Lars von Trier erkannt, genau wie er richtig erkannt hat, dass manche Menschen sich nun mal mehr vom Sonnenuntergang, als von ihrem Aufgang erhoffen.


8 von 10 erigierte Penisse


von souli

Review: LANG LEBE CHARLIE COUNTRYMAN - Auf der Suche nach dem großen Glück

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Fakten:
Lang lebe Charlie Countryman (The Necessary Death of Charlie Countryman)
USA, RO, 2013. Regie: Frederik Bond. Buch: Matt Drake. Mit: Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen, Til Schweiger, Rupert Grint, James Buckley, Ion Caramitru, Vincent D'Onofrio, Melissa Leo u.a. Länge: 99 Minuten.
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab 20. Februar auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der Tod seiner Mutter wirft den ohnehin schon sehr ziellosen Charlie total aus der Bahn. Noch in der Klinik erscheint ihm seine Mutter mit einer letzten Nachricht: Er soll nach Bukarest reisen. Warum ist erstmal nebensächlich. Gesagt, getan. Im Flugzeug kommt Charlie mit Victor ins Gespräch, der kurz danach ebenfalls das Zeitliche segnet. Auch er hat noch einen letzten Wunsch post-mortem geäußert: Seiner Tochter Gabi ein Geschenk überbringen. Charlie ist vom ersten Moment verzaubert von der jungen, hübschen, allerdings auch sehr melancholischen Frau. Der Beginn einer zarten Romanze, wenn da nicht Gabis Noch-Ehemann Nigel und sein Kollege Darko wären, zwei berüchtigte Killer.





souli’s Meinung:
Ein junger Mann sackt auf dem Krankenhausflur zusammen, die Haare zottelig, der Bart ungepflegt, die Klamotten fleckig. Sein Atem stockt, nachdem er wenige Sekunden zuvor Zeuge vom Tod seiner Mutter wurde. Doch bevor er sich in einen paralysierenden Zustand tiefer Trauer stürzen kann, bekommt er ein letztes Mal Besuch von seiner Mutter aus dem Jenseits – Und wird unter Tränen auf eine Reise in die rumänische Hauptstadt geschickt. In welch prekäre Situation ihn dieser Auftrag aber bringt, zeigt bereits die Eröffnung, in der dieser junge Mann, der übrigens der titelgebende Charlie Countryman ist und von Shia LaBeouf wirklich beachtlich verkörpert wird, kopfüber mit blutverschmierten Visage an einem Seil in luftiger Höhe baumelt. Bis dahin weiß Fredrik Bonds „Lang Lebe Charlie Countryman“ wirklich zu gefallen und weckt die Lust herauszukommen, wie sich unser Hauptakteur nur in diese missliche Lage manövrieren konnte. Das Problem aber wird relativ schnell deutlich: Fredrik und sein Autor Matt Drake wollen einfach zu viel und muten nicht nur sich, sondern auch dem Zuschauer  viel zu viel zu.


Ein Foto von unserer letzten Weihnachtsfeier
Der Plot kennt keinen Stillstand und scheucht unseren Charlie Countryman von einer chaotischen Situation in die nächste, skurrile Gestalten sind da natürlich inbegriffen. Warum sich „Lang Lebe Charlie Countryman“ aber wie ein Dampflok durch den von neonfarbenden Drogendschungel von Bukarest poltert, obwohl der Film zu Anfang noch den Eindruck einer ruhigen, sensiblen Charakter-Dramas mit Selbstfindungsambition erweckt, lässt sich ganz eindeutig am jeweiligen Kunstverständnis des Regisseurs erklären, der möglichst stylische Bilder des Nachtlebens bevorzugt und seine Hauptfigur durch penetrante Akustikcollagen erdrückt, anstatt sich auf ihr Inneres einzulassen. „Lang Lebe Charlie Countryman“ ist ein seltsam unausgegorenes Konglomerat aus surrealen Märchenanleihen, überkandidelter Gangsterpose und artifiziellem Liebesgedöns in geleckter MTV-Poesie. Ein trendiges Nichts von Film, überlagert von potenziell netten Ideen, die angeschnitten, aber nicht zu Ende gedacht werden: Jenes Potenzial zerbricht durch die unzähligen Schlaglöchern des holprigen Drehbuchs.


Der einzige erkennbare Grund, warum man sich „Lang Lebe Charlie Countryman“ wirklich anschauen könnte, ist die Leistung von Shia LaBeouf, der Rest des Casts (Mads Mikkelsen, Til Schweiger, Evan Rachel Wood, Rupert Grint, Vincent D'Onofrio) bleibt weitestgehend unterfordert oder kann es eben einfach nicht besser.


3,5 von 10 Botschaften aus dem Totenreich


Liebe und Schmerz. Sie gehören zusammen wie souli und Jacko


Jacko’s Meinung:
Die Independent-Produktion von Regie-Debütant Frederik Bond will sicherlich ein ganz besonderer, kleiner Film sein, der als Geheimtipp gehandelt werden möchte. Da wird sich bewusst nicht auf ein Genre festgelegt, verschiedenste Zutaten in den Topf geworfen und möglichst unkonventionell zusammengerührt, nur kommt dabei kein homogenes Ganzes heraus. Wie sein Protagonist wirkt das Skript von Matt Drake fast über die gesamte Laufzeit sehr planlos und lässt sich, ihn und uns mit gezwungener Leichtfüßigkeit durch die Bukarester Nacht taumeln. In erster Linie eine Romanze zweier trauriger Außenseiter, die aufgrund ihrer sozialen und gesellschaftlichen Defizite wie geschaffen für einander scheinen, aber selbstredend ist das in so einem Film alles nicht so einfach. Gut und schön, ist allerdings lange nicht so besonders wie es wohl gerne wäre, auch davon gibt es reichlich ähnliche Kollegen mit mehr Strahlkraft und besonders Inhalt. Zu unentschlossen schmückt sich die träumerisch-melancholische Geschichte dazu mit halbgaren Fantasy-Einlagen, klobig eingestreuten und nicht gerade zündenden Humor-Spritzern (Rupert Grint mit Dauerlatte, na ja...) und harter Gangsterthematik, welche das Finale dann dominiert. Da kommt wenigstens mal etwas Pepp in die vor sich hin blubbernde Handlung und es gelingt zumindest eine wirklich rundum gelungene Sequenz (die Verfolgungsjagd, mit einem grandiosen Track von Moby).


Auf der Flucht: Charlie Countryman
In solchen Momenten schimmert durch, dass es wohl nicht an Frederik Bond liegt, der bei seinem Erstling durchaus Talent erkennen lässt. Wenn der Mann in Zukunft ein besseres Buch in die Finger bekommen sollte, darf man gespannt sein. Und – wenn er sich nicht gerade wieder auf roten Teppichen zum Affen macht – auch auf das, was Shia LaBeouf uns in nächster Zeit noch zeigen wird. Nach seinen klaren Leistungssteigerungen in Filmen wie (dem sonst durchschnittlichen) „Lawless“ und Robert Redfords „The Company You Keep – Die Akte Grant“ kann er wieder durch einen gelungenen Auftritt überzeugen. Gleiches gilt für Evan Rachel Wood, wobei (natürlich) der kantige Däne Mads Mikkelsen jede seiner Szenen spielend für sich einnimmt. Als heftiger Kontrast dazu sein Killer-Kompagnon Darko alias Til Schweiger, der sich mal wieder in eine internationale Produktion geschummelt hat und das mit seinen gewohnten, erschreckend limitierten Mitteln runtereiert. Wenn man dann sieht, dass ein Vincent D’Onofrio nur einen Kurzauftritt als Charlies Vater hat...


„Lang lebe Charlie Countryman“ hat seine Momente, die jedoch in dem Brei aus viel gewollt und wenig gelungen nur kleine Ausreißer. Zwischenzeitlich viel zu lange total belanglos und schläfrig vorgetragen. Nicht der Rede wert.


4 von 10 Dauerständern in Bukarest.