Posts mit dem Label Giallo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Giallo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: SLEEPLESS - Ein Film im freien Fall

1 Kommentar:


                                                                                      
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEj5PHovAn9FvLPIAGoaiRLrECIL_jQaWYINrrISbx2gmsKS1DJIp2HaYlhhbzZZ5tk3GpG0SEI4b9SXII8MS_R_C4rdxPFBod7CljITT5s_zKWHUMk7LIwblFF4TDnAJGMysVfKtZf6DBFA/s1600/non-ho-sonno-mid.jpg

Fakten:
Sleepless (Non ho sonno)
IT, 2001. Regie: Dario Argento. Buch: Dario Argento, Franco Ferrini, Carlo Lucarelli. Mit: Max von Sydow, Stefano Dionisi, Chiara Caselli, Gabriele Lavia, Rossella Falk, Roberto Zibetti, Paolo Maria Scalondro, Roberto Accornero u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Vor 18 Jahren ermittelte Inspektor Moretti in einer Mordserie, an deren Ende der vermeidliche, kleinwüchsige Täter Selbstmord beging. Nun scheint ein Nachahmungstäter sein Unwesen zu treiben. Der inzwischen pensionierte Moretti wird als Berater herangezogen. Gemeinsam mit Giacomo, dessen Mutter damals zu den Opfern zählte, versucht er hinter die Identität des Killers zu kommen.



                                                                           

Meinung:
Seit seinem brillanten Meisterwerk „Opera“ (1987) ist bei Dario Argento aus unerfindlichen Gründen der Lack ab. Genau einen recht gelungenen Film hat er seitdem auf die Beine gestellt, auch wenn „Das Stendhal Syndrom“ (1996) nicht die Klasse vergangener Tage hat. Verglichen mit allem anderen Arbeiten seit „Opera“ ist er allerdings so was wie das Irrlicht in der geistigen Umnachtung des einstigen Meisters, da macht aus „Sleepless“ – bis auf ganz wenige Momentaufnahmen – keine Ausnahme. Zumindest kann man ihn als den besten der missglückten Argentos bezeichnen, ein schwacher Trost.



http://www.hudsonlee.com/wp-content/uploads/2011/01/sleepless1.jpg
Sicher Reisen mit der Bahn
Dabei macht sich zunächst vorsichtiger Optimismus breit, seine besten Szenen feuert „Sleepless“ gleich in den ersten 15-20 Minuten raus, da ist man als geneigter Fan noch guter Dinge. Allein die Wiedervereinigung nach 16 Jahren mit Goblin, die zuletzt bei „Phenomena“ den Soundtrack zu einem Argento beisteuerten, lässt Großes (oder wenigstens Vernünftiges) erhoffen. Wenn Regisseur und Band ihr Können auffahren, dann funktioniert auch „Sleepless“, was leider schon in der ersten wichtigen Sequenz – der panischen Flucht in einem Zug vor dem unbekannten Schlächter – seinen absoluten Höhepunkt findet. So richtig schön losrotzen dürfen die Goblin-Riffs in der Folgezeit nur, wenn auch Argento sich ausnahmsweise mal auf seine Stärke und die alten Zeiten beruft, nur sind das in knapp zwei Stunden Film erschreckend rar gesäte Momente. Aus unerklärlichen Gründen verlässt sich Argento nach diesem rasanten Auftakt viel zu sehr auf seine rätselhafte Mörderjagd, obwohl seine Werke  nie ihre Qualität aus der Story per se bezogen. Da können noch so viele mysteriöse Hinweise gestreut werden, ohne auf sein typisches, das Erleben fokussierte Inszenierungsspiel wird nur noch deutlicher, wie wenig ihm klassisches Erzählen und besonders das Einsetzen von Schauspielern liegt.


https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEj7ce59eCiJXo2eeW7-dA2qaVsj5GbBH3EvzznWogqGMC9ZC_KAUh4SmVnxaN_7Hazt2nmD6UUPzMsRYFdlfQM0w8CLG9H64dFxa-aZrZKoKaxOSAKUgLwaXwdgkjiFsUw0LL9hgrQCMd_I/s1600/Sleepless.jpg
Der Ton macht die Musik
Das einzige Kunststück des Regisseurs liegt darin, den gestandenen Charaktermimen Max von Sydow irgendwie zu dieser Rolle überredet zu haben. Als tatteriges Ex-Ermittler-Mastermind in muffigen Opa-Klamotten, das verzweifelt versucht sich an alte Kinderreime zu erinnern und das mit seinem Papagei bespricht, gibt von Sydow eine ungewohnt lachhafte Figur ab. Manche Szenen sind bald unfreiwillig komisch, was in einem guten Argento nichts verloren hat. Der Rest des Cast schlägt sich mehr schlecht als recht, speziell einige der weiblichen Nebendarstellerinnen liefern Reality-Soap-Niveau ab. Darauf kam es auch bei den guten Filmen eines Dario Argento nicht an, doch die konnte er durch seinen fantastischen Stil auffangen, sogar zu Meisterwerken machen. Viel gibt es davon hier nicht zu sehen. Wenn die Zähne eines süßen Hasen mit Schmackes in den Beton gekloppt werden oder ein Musikinstrument in nicht jugendfreien Maße zweckentfremdet wird, dann mag man das kurz ausklammern. Was Radikalität angeht, braucht sich „Sleepless“ bestimmt nicht verstecken, da wurde Argento in seiner schwachen Phase eher härter als zaghafter. Es gibt in etwa drei, vielleicht vier nette Szenen in diesem Film, die in Kombination mit dem ausgedehnten Opener erkennen lassen, was der Mann mal konnte und irgendwo in seinem chaotischen Oberstübchen auch noch schlummert. Was bringt es, wenn es nur so verstreut von der Kette gelassen wird und der Rest sich in eine ganz merkwürdige Richtung entwickelt?


Spätestens im Schlussdrittel wird es extrem albern. Die Täterenthüllung und die gesamte Auflösung sind natürlich grober Unfug, aber störte das bei einem „Tenebre“? Natürlich nicht, da war das nur ein nebensächliches, eigentlich unwichtiges Element. Hier gibt es ja sonst nichts zu sehen, bis auf den Anwärter für die peinlichste Psychopathen-Darstellung des Laien-Theater-Kreis. „Sleepless“ ist ein ganz sonderbarer Film, dem man beim Schlechterwerden zusehen kann, nur nicht helfend eingreifen. Beginnt verheißungsvoll und entwickelt sich zum Flop. Immerhin gibt es eine Entwicklung, das lässt sich nicht von jedem – genauer gesagt von keinem – Argentofilm seit der Jahrtausendwende behaupten. 

4,5 von 10 Killerzwergen

Review: MALASTRANA - Mehr lebendig als tot

Keine Kommentare:
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEgwiS3c0Dyrf38Ji8uqGWEe1JfpBgjs3V-JJ7jy5r_krX8cvUTXf_T__hX3gt3423HI3V6lQtrESu8FjopMwfI9Plb9gHC-fmNOTt_-sKvCOKfXEPnvFUfjIemSltntZdFJvlUrXfYODDA/s1600/92828590.jpg

                                                                                     
Fakten:
Malastrana (La corta notte delle bambole di vetro)
IT, BRD, CS, 1971. Regie & Buch: Aldo Lado. Mit: Jean Sorel, Ingrid Thulin, Mario Adorf, Barbara Bach, Fabijan Sovagovic, José Quaglio, Relja Basic, Piero Vida, Jürgen Drews u.a. Länge: 97 Minuten. FSK: Ungeprüft. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In einem Park in Prag wird der leblose Körper des amerikanischen Auslandskorrespondenten Gregory Moore entdeckt. Für tot erklärt landet er in einer Klinik, doch Moore lebt. Unfähig, sich der Umwelt zu offenbaren rekapituliert er die letzten Tage um zu begreifen, wie er in diese Situation kommen konnte.


                                                                                       

Meinung:
„An dieser Stadt und ihren Menschen scheint die Zeit vorbei gegangen zu sein.“

Mit dem Fund eines leblosen Körpers eröffnet Aldo Lado sein Regiedebüt „Malastrana“ (nicht gerade wortwörtlich „übersetzt“ von „La corta notte delle bambole di vetro“), für einen Giallo keine ungewöhnliche Ausgangslage. Sehr wohl jedoch das, was dann geschieht. Schon während des Vorspanns, auf dem Weg ins Krankenhaus, setzt die (angenehm zurückhaltende) Musik von Ennio Morricone relativ spät ein, zunächst hört man ein Pochen, wie sich herausstellt einen Herzschlag. Denn der scheinbare Tote ist noch lebendig. Nur bemerkt es niemand und aus unerklärlichen Gründen kann er sich trotz vollen Bewusstseins nicht mitteilen. Mit der grausamen Aussicht, in wenigen Stunden vielleicht lebendig begraben zu werden, versucht er seine verschwommenen Erinnerungen an die letzten Tage zu sortieren, um wenigstens zu begreifen, wie er in diese Lage kommen konnte.


https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEhHomEd1sTblBR1z6TOb0VdVsJLNIm3dJPReMitdRmlzrr-wVlHKiNaklBrPVfAki4NIP6HMZQhnqI7cyIR2pwhVvtyysQQoMbJFQ-jhArEWMX8OukQu7aL4KxhM-9_3vZ3OF8ARtePn4Y/s1600/dolls-1.png
Eine zweite Meinung wäre sinnvoll.
Von diesem Punkt aus präsentiert „Malastrana“ seine Handlung auf zwei verschiedenen Ebenen. Der des hilflosen Protagonisten gefangen in seinem leblos wirkenden Körpers und seinen Erinnerungen, die die Story quasi von hinten aufrollen. Ganz neu ist die Idee des lebenden „Toten“ nicht, der sich in dieser misslichen Situation mit seinem tatsächlichen, baldigen Ableben konfrontiert sieht. Dramatisch, beklemmend und hochinteressant dafür immer und im Giallo gab es davor und auch danach kein vergleichbares Material. Das Whodunnit-Prinzip steht zwar im Vordergrund, die Perspektive aus dem geistigen Blickwinkel des Opfers eröffnet dem Szenario dafür ganz neue Möglichkeiten und schafft einen zusätzlichen Reizpunkt. Während man auf die Lösung des Rätsels wartet, tickt gleichzeitig die Uhr gegen die bemitleidenswerte Hauptfigur, um doch noch einem grausamen Tod von der Schippe zu springen. Allein dadurch hebt sich „Malastrana“ deutlich von der Masse im Genre ab, kreiert eine unverwechselbare Identität und kann seine Spannung konstant bis zum Schluss halten, obwohl er ganz klar nicht zu tempo- und ereignisreichsten Gialli gehört.


http://www.electricsheepmagazine.co.uk/features/wp-content/uploads/2014/02/Short-Night-of-Glass-Dolls.jpg
Also DIE ist ganz sicher hinüber.
Dieser Umstand ist auch der gewählten Perspektive geschuldet. Da wir uns mit dem Resultat von Beginn an konfrontiert sehen, muss „Malastrana“ nicht zwingend den Plot schnell in die Gänge bringen, kann sich etwas mehr Zeit lassen als üblich und nutzt dies für eine (ausnahmsweise mal) , logisch aufgebaute Suspense-Geschichte, die verblüffend blutleer daherkommt. Wer auf rabiate, ausgefeilte und zum Höhepunkt stilisierten Mordsequenzen im Stil eines Dario Argento hofft (die dieser selbst ja erst einige Jahre später in „Profondo Rosse – Die Farbe des Todes“ in dieser direkten Form zeigte), liegt hier definitiv falsch. Grob vergleichbar wäre der Film mit dem im selben Jahr erschienenen „Blutspur im Park“ von Duccio Tessari, der ebenfalls auf Szenen dieser Art verzichtete und klar seine Geschichte in den Vordergrund stellte (das ausgerechnet auch der Schmetterling dort wie hier seinen Platz findet, ist ein erstaunlicher Zufall). Aldo Lado setzt sein Puzzlespiel geduldig zusammen, kann dabei sogar auf einen richtigen guten Cast bauen. Waren darstellerische Leistungen im Giallo sonst eher nebensächlich, schlagen sich die Mimen hier sehr beachtlich, darunter u.a. das bezaubernde Bond-Girl Barbara Bach oder Mario Adorf. Der rückwirkend kuriose „Besetzungs-Coup“ ist natürlich Jürgen Drews (!), der als Straßenmusiker genau eine Szene hat, die dafür gar nicht so unwichtig ist. Im Prinzip trällert er unseren Helden fast zur Wahrheit.


Ganz fehlerfrei ist „Malastrana“ keinesfalls, da muss man ehrlich sein. Irgendwann verliert der Film (unabsichtlich) sein interessantes Wechselspiel der Szenarien leicht aus den Augen, hängt zu sehr in den Rückblenden, wodurch das Tempo dann doch unnötig verschleppt wird, unser armer Todeskandidat in seiner abscheulichen Situation gerät etwas in den Hintergrund. Lado reizt seine grandiose Prämisse über die 97 Minuten nicht immer konsequent aus, lässt einiges an Potenzial liegen. Dafür reißt das durchaus überraschende und bitter-böse Finale wieder einiges raus. Der Volltreffer für die undurchsichtige Stimmung ist ganz klar das gewählte Setting in Prag. Die Goldene Stadt hinter dem Eisernen Vorhang ist der ideale Handlungsort. Die leicht mysteriöse, alt-historische Aura verschmilzt mit damals aktuellen Geheimhaltungs- und Verschwörungsthematiken des Kalten Krieges, was den Film bis zum Schluss nicht ganz durchschaubar macht. Die im Verlauf der Handlung ans Licht kommende Entführungsserie könnte durchaus politisch motiviert sein – was die Hauptperson, einen amerikanischen Journalisten, als störendes Objekt zur Zielscheibe machen würde -, aber auch ein ganz anderen, todgeschwiegenen (okkulten?) Hintergrund haben. Das spielt „Malastrana“ trotz leichter Schönheitsfehler clever aus und nutzt seine wunderschöne wie befremdliche Kulisse erstklassig. Das mögliche Meisterwerk des Genres ist es nicht geworden, aber eine bemerkenswerter Beitrag allemal.

7 von 10 schönen Schmetterlingen

Review: BLUTIGE SCHATTEN - Venedig sehen...und sterben

2 Kommentare:


Fakten:
Blutige Schatten (Solamente nero)
IT, 1978. Regie: Antonio Bido. Buch: Marisa Andalò, Antonio Bido. Mit: Lino Capolicchio, Stefania Casini, Craig Hill, Massimo Serato, Juliette Mayniel, Laura Nucci, Attilio Duse, Gianfranco Bullo u.a. Länge: 109 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der junge Kunstprofessor Stefano kehrt in seine Heimat zurück, eine kleine Vorinsel von Venedig. Sein ältere Bruder Don Paolo ist der Priester der verschlafenen Gemeinde, in der sich in den Jahren von Stefanos Abwesenheit scheinbar nicht viel verändert hat. Einzig ein Medium, das mit einigen prominenten Mitgliedern des Städtchens regelmäßig spirituelle Séancen abhält, ist dem Priester ein Dorn im Auge. Ausgerechnet Don Paolo wird in der nächsten Nacht Zeuge, wie das Medium von einem Unbekannten erwürgt wird. Daraufhin erhält er Drohbriefe des Mörders, der weitere Taten folgen lässt. Außerdem scheint es Bezüge zu einem älteren Mordfall aus der Gegend zu geben, sowie zu den beiden Brüdern. Hat Stefano etwas damit zu tun?



                                                                                


Meinung:
„Der beste Platz für einen Priester. Ein paar Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen, viel mehr gibt’s hier nicht.“

Der Schein trügt, sonst wäre das wohl auch kein Giallo. Eine nicht zu leugnende Idylle, um nicht zu sagen schläfrige Langeweile, strahlt die kleine Insel vor den Toren Venedigs auf den ersten Blick zweifellos aus. Doch hinter der Fassade lauert selbstverständlich mehr. Bereits die Eröffnungssequenz von „Solamente nero“ zeigt die trügerische Diskrepanz, die der gesamte Film beherbergt. Eine junge Frau wird erwürgt, auf einer grünen Wiese, am helllichten Tage und sinkt danieder. Ihr toter Körper wirkt wie auf einem Postkartenmotiv verewigt, ästhetisch positioniert im Vordergrund eines Schlosses. Ein bald malerischer Moment, was im weiteren Verlauf der Handlung sogar wörtlich zu nehmen ist.


Kaum zurück, geht der Ärger los...
Entstanden nach der Blütezeit der Gialli, die ihren Höhepunkt Mitte der 70er Jahre hatten, gelingt Antonio Bido einer der interessanteren Vertreter seiner speziellen Zunft, da er sowohl typische wie atypische Charakteristiken des Genres aufweist. Inspirationsquellen und womöglich sogar als direkte Querverweise gedachte Überschneidungen zu bekannten Vorgängern sind überdeutlich, wo zunächst natürlich unweigerlich Arbeiten von Dario Argento genannt werden müssen. Aufgrund der Genre-bedingten Ähnlichkeiten lassen sich zwar naturgemäß bald alle Gialli mehr oder weniger miteinander in Verbindung setzen und sich Parallelen finden, doch einige Motive und Plotdetails erinnern schon stark an diverse Filme aus den früheren Schaffens Argentos. Das ein Jahre zurückliegender Mord auf einem Gemälde verewigt wurde, kennt man aus seinem Debütfilm „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“, das der Film diesen Mord in seinem Opener präsentiert, die Handlung sich dann zunächst davon entfernt um am Ende die Geschichte nicht nur davon eingerahmt wird, sondern als Dreh- und Angelpunkt fungiert, ist auch das Prinzip von „Profondo Rosso  - Die Farbe des Todes“, dem vielleicht besten Argento-Giallo. Auch stilistisch lassen sich mühelos Anlehnungen an den jungen Argento finden, wobei diese nicht so prägend und überdeutlich sind, schließlich – wie bereits erwähnt – irgendwo sind da alle vernünftigen Gialli dicht beieinander, greifen auf die gleichen Methoden zurück.


Würde dich hier jemand schreien hören?
Interessanter sind eher die Vergleiche, die sich nicht auf Argento beziehen. Grob kann sogar Nicholas Roeg’s Meisterwerk „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ herbeigezogen werden, der sich außerhalb des Sub-Genres bewegt. Inhaltlich sind diese beiden Filme weit voneinander entfernt, atmosphärisch, besonders „räumlich“, lassen die Sets diese Verwandtschaft durchaus zu. Venedig selbst wird in „Solamente nero“ nur wenig gezeigt, der eigentliche Handlungsort ist nur der Umkreis, dennoch sind besonders die engen, verschlungenen Gassen, die alten Bauten, die Kanäle und besonders die immer wieder als Schauplatz verwendete Kirche gedankliche Fixpunkte, die mindestens unterbewusst Erinnerungen an dieses wage Vorbild wecken. Noch deutlicher sind die Ähnlichkeiten zu dem nur im weitesten Rahmen als Giallo zu bezeichnenden „Das Haus der lachenden Fenster“ von Pupi Avati aus dem Jahr 1976, also nur zwei Jahre vor „Solamente nero“. Hauptdarsteller hier wie dort ist Lino Capolicchio, sein Rollenname in beiden Fällen Stefano und er ein Kunstakademiker, der in eine rätselhafte Geschichte um Mord und die Geister der Vergangenheit verwickelt wird, in denen Bilder eine besondere Relevanz haben. Der Plot ist keinesfalls vergleichbar, nicht umsonst ist „Das Haus der lachenden Fenster“ eher ein Mystery-Horror-Thriller denn ein typischer Giallo, aber vielleicht ist es dieser Film, dem ein ganz direkter Tribut gezollt werden sollte.


Sucht das schwarze Schaf in der Herde: Don Paolo.
Mal abgesehen von den zahlreichen Referenzen, „Solamente nero“ ist an sich ein ganz klassischer Giallo, rein vom Inhalt und dem üblichen Muster. Ein unbekannter Mörder treibt sein Unwesen, seine Identität wird erst in den finalen Minuten gelüftet, davor werden etliche Verdachtsmomente gestreut, von denen im Idealfall (wie hier) nicht mal die Protagonisten gefeit sind. Gerade das betreibt Bido im fast exzessiven Ausmaß. Etwas, was man in der (auch nicht mehr ganz so) jüngeren Kinovergangenheit mit Wes Craven’s „Scream“ gleichsetzen könnte, um auch mal auf spätere Filme einzugehen. Im Minutentakt wird wieder eine Figur ins Rennen geworfen, die als potenzieller Täter in Frage kommen könnten und bewusst als solcher inszeniert wird. Das hat seinen Reiz, wobei nicht nur für erfahrenere Zuschauer sehr deutlich wird, das viele davon niemals ernsthaft in den engeren Kreis gehören dürften. Eine nur beiläufig eingeführte Randfigur kann in einem Giallo immer noch später mit einem fragwürdigem Motiv belegt werden, doch gerade hier deutet sich früh an, dass die Auflösung starken Bezug zu der Vergangenheit der Brüder haben wird, damit fallen diverse Figuren relativ schnell durch und werden als eingestreute Blender enttarnt. Zumindest, wenn man auf ein halbwegs brauchbares Ende hofft. Und das sei ruhig verraten, „Solamente nero“ bietet das, natürlich noch im Rahmen des Genres, das immer gewisse Detailfragen offen lässt und bei einer differenzierten Analyse leicht problematisch wirken kann.


Der Tod zeigt sein hässliches Gesicht.
Atypisch wird der Film durch seine Teils eigenwillige Inszenierung bzw. eher durch die Wahl seiner Schwerpunkte. Die Spannungsmomente werden altbewährt eingeläutet, aufgebaut und zunächst auch vorgetragen, sogar auf hohem Niveau. Zwei Dinge fallen dabei jedoch besonders abweichend auf: Bido spielt sehr gezielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, lässt eine Bedrohungssituation entstehen mit den üblichen Mitteln wie Egoperspektiven des vermeidlich lauernden Killers, einem Aufbrausen des Scores (dringend zu erwähnen: Brillante Arbeit von Stelvio Cipriani, der seine Stücke von GOBLIN einspielen ließ, was kaum zu überhören ist), schnellen Zooms und radikalen Schnitte, die teilweise fast Gag-artig verpufft wird. Mal schnellt ein Akkordeonspieler statt des Killers um die Ecke, mal blitzt eine Klinge auf, die sich als Teil einer Statur herausstellt. Das mag im ersten Moment fast enttäuschen, ist in seinem Mut zur beinah-Frechheit schon wieder extrem gelungen. Die weitere Abweichung zu den meisten Gialli ist der bald radikale Verzicht auf explizite Gewaltdarstellung. Es gibt nur eine Szene, die als etwas härter bezeichnet werden kann (und dadurch sofort extrem auffällt), sonst zeigt sich Bido besonders im Gegensatz zu Dario Argento, Lucio Fulci oder Sergio Martino nicht sonderlich interessiert darin, den blutrünstigen Tötungsakt zum Highlight zu stilisieren. Selbst die phallische Klinge kommt nur ein einziges Mal zum Einsatz, da dann aber auch bewusst gewählt, diese Person hätte man nicht einfach erwürgen „dürfen“. Du erntest, was du säst…


„Solament nero“ hat erzählerische Mängel, das darf man nicht unter den Teppich kehren. Die Story zieht sich über 109 Minuten deutlich in die Länge, da auch zu offensichtlich ist, wie sehr man bewusst in die Irre gelenkt wird und nicht jeder lauwarmen Spur somit automatisch gespannt verfolgt. Das Tempo ist gemäßigt, der Fokus auf Figuren und Dialoge lässt zu, sich deutlicher an deren Macken zu stören (es ist wirklich egal, aber dieser potthässliche Rollkragenpulli den Stefano fast den ganzen Film über trägt, ist es da so kalt und warum hat der einen Koffer dabei, wenn er eh nur zwei Kleidungsstücke besitzt?) und die Auflösung ist ehrlich gesagt nicht so mega-überraschend, wie wohl angedacht. Trotzdem, noch deutlich über dem Genre-Durchschnitt und allein die letzte Sequenz im Angesicht der Wahrheit ist super. Kein Film für Blutjünger, für einen Giallo fast emanzipiert ohne misogyne Anleihen (das sich „Suspiria“-Darstellerin Stefania Casini Sellani mal kurz nackig machen darf, gehörte in den 70er schlicht zum guten Ton, wird dafür auch gut behandelt), nicht alles selbst ausgedacht, aber handwerklich astrein und mit seinen Eigenarten sogar individuell umgesetzt.

7 von 10 Druckfehlern