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Review: ANT-MAN - Kleiner Mann ganz groß

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Fakten:
Ant-Man
USA. 2015. Regie: Peyton Reed.
Buch: Joe Cornish, Edgar Wright, Paul Rudd, Adam  McKay. Mit: Paul Rudd, Michael Douglas, Evangeline Lilly, Corey Stoll, Michael Pena, Bobby Cannavale, Judy Greer, T.I. Harris, David Dastmalchian, Anthony Mackie, Wood Harris, Martin Donovan, Hayley Atwell, John Slattery, Greg Turkington u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 23. Juli im Kino.


Story:
Scott hat mit seinem Dasein als erfolgreicher Meisterdieb abgeschlossen, als er dem Biochemiker Hank Pym begegnet. Und der bringt sein Schicksal noch einmal ordentlich ins Wanken. Mit dem von Pym entwickelten Anzug gelingt Scott das Unfassbare: Er schrumpft auf die Größe einer Ameise und verdoppelt seine Kräfte – Ant-Man ist geboren. Dank seiner neuen Fähigkeiten wird Scott alias Ant-Man zu einem noch besseren Dieb. Aber diesmal ist die Beute von größerer Bedeutung: Die Welt steht auf dem Spiel.





Meinung:
Wenn der vielleicht beste lebende Regisseur nach jahrelanger Arbeit ein Projekt verlässt, weil es "kreative Differenzen" mit dem Studio gibt, dann kann das eigentlich nichts Gutes bedeuten. Und es ist wie Musik in den Ohren von Verächtern des millionenschweren Konzerns, von dem hier die Rede ist. Marvel Studios, die gierige Produktionsfirma, bei der Mut, Kreativität und Vielseitigkeit zugunsten von pro­fi­ta­bler Fließbandarbeit unterdrückt wird. Nicht jeder der vielen Vorwürfe ist unbegründet und über Disneys Verleihpolitik muss wahrscheinlich auch nichts mehr gesagt werden, aber alle Marvel-Produktion deswegen über einen Kamm zu scheren und ihnen jeglichen kreativen Mehrwert abzusprechen (wie zum Beispiel Alejandro González Iñárritu es mit "Birdman" getan hat), wäre ebenfalls unfair. Denn der problematischen Vorgeschichte und allen schwachen Trailern zum Trotz ist "Ant-Man" ein richtig guter Film geworden.


Ant-Man im Inneneinsatz
Dass Edgar Wright aus "Ant-Man" lieber einen Edgar-Wright- und nicht einen MCU-Film gemacht hätte, ist ihm keineswegs übel zu nehmen, es ist sogar sehr gut nachvollziehbar - Marvel dies nun vorzuwerfen macht aber genau so wenig Sinn, wie das fertige Ergebnis an einer alternativen Version des Films zu messen, die es nie gegeben hat und nie geben wird. Obwohl "Ant-Man" nun unweigerlich ins MCU integriert wird, ist der Einfluss von Wright noch deutlich zu spüren. Immer wieder gibt es Montage-Szenen, Kameraeinstellungen oder Plot-Points, unter denen seine visuelle und erzählerische Handschrift durchschimmert. Vielen wird dies schmerzlich bewusst machen, dass der Film unter seiner Regie womöglich noch um einiges besser hätte sein können, denn an die Inszenierung eines "Shaun of the Dead" oder "Scott Pilgrim" reicht "Ant-Man" leider nicht heran - er ist aber immer noch das, was einem Marvel-Blockbuster von Edgar Wright am nächsten kommt und alleine das macht ihn zu einem der interessantesten und erfrischendsten Filme des ganzen Franchise.


"Und deswegen, lieber Paul, hab ich bei 'Wallstreet 2' mitgemacht"
Als ich vor knapp zwei Monaten "Avengers: Age of Ultron" gesehen habe, beschlich mich die Befürchtung, dass ich der Superhelden-Filme plötzlich überdrüssig geworden bin. Ich war sogar der festen Annahme, dass wir im MCU nun einen Punkt erreicht haben, an dem kein Film mehr auf eigenen Beinen stehen kann, da stets Set-Up für zukünftige Abenteuer erfolgen muss. "Ant-Man" widerlegt nun Theorie und Befürchtung: Die ironische Tagline des Films lautet zwar "Heroes don't get any bigger", der Film gibt sich ganz in Manier der Superkraft seines Helden aber angenehm klein skaliert und weniger spektakulär. Er erzählt seine eigene Geschichte, ohne die anderen Filme komplett zu ignorieren, ohne aber auch jemals krampfhaft Bezug zu ihnen herzustellen. Wenn einer der Avengers seinen Gastauftritt absolviert, dann nicht um einen späteren Film anzuteasen, sondern nur, um einen schönen Fanservice-Gag zu liefern. Diese charmante Unbeschwertheit ist nach dem eher finsteren zweiten "Avengers"-Film eine echte Wohltat.


Von der Zwergengeliebten zur Ameisen-Gefährtin: Ein Karrieresprung
Vor allem aber eins sitzt bei "Ant-Man" so gut wie bei keinem anderen MCU-Film bisher: Der Humor. Das wahnsinnig lustige Drehbuch bietet Impro-Experte Paul Rudd und Michael Peña die perfekte Vorlage, um komödiantisch das Bestmöglichste aus ihren Rollen herauszuholen. Und das tun sie auch: Paul Rudd ist bis jetzt der "most likeable" Marvel-Held und füllt seine Rolle unglaublich sympathisch und humorvoll aus. Peña funktioniert nahezu perfekt als Comic-Relief und selbst Michael Douglas darf sein Talent voll und ganz zeigen - in Hank Pym und seine Hintergrundgeschichte ist mehr Herzblut geflossen, als viele im Vorneherein angenommen haben. Dass "Ant-Man" ab einem gewissen Punkt einen Lachanfall nach dem anderen auslöst, liegt aber nicht nur am großartigen Timing der Darsteller, sondern auch an den kreativen, zuweilen sehr humorvollen Actionszenen. Das gipfelt in einer visuell überwältigenden, beinahe psychedelisch anmutenden Finalsequenz, die anders als alles ist, was Marvel je zuvor gemacht hat.


Also Yellowjacket ist mal ein Scheißname
Man liest beinahe überall, dass "Ant-Man" der bis jetzt emotionalste und warmherzigste Marvel-Film ist, was in Anbetracht von "Guardians of the Galaxy", der sich äußerst liebevoll mit seinen Figuren auseinandersetzte, eine gewagte Aussage ist. Und wirklich zustimmen kann ich auch nicht: Zwar fließt hier die eine oder andere Träne und insbesondere die Beziehung zwischen Scott und seiner kleinen Tochter ist äußerst süß dargestellt, aus altbekannten Klischees ausbrechen möchte der Film aber nicht und so reicht es leider nicht für die ganz großen Emotionen. Womit wir bei den Schwächen des Films wären: Corey Stoll ist zwar nicht gänzlich schwach, weil er eine logische Entwicklung zum Bösewicht durchmacht (bzw. off-screen durchgemacht hat, in den Jahren vor den Ereignissen in "Ant-Man"), aber wirklich Akzente setzen kann er nicht und im direkten Vergleich zum anderen Marvel-Schurken dieses Jahres zieht er sowieso den Kürzeren.


Warum eine lange Kritik schreiben, wenn's auch einfachr geht?
Und auch der Plot des Films krankt zuweilen an seiner Formelhaftigkeit, ist schlicht zu vorhersehbar, um je das Gefühl von echter Bedrohung zu erzeugen. Was der Film mit der von Evangeline Lily gespielte Hope anstellt, ist auch nicht zu 100% in Ordnung: Immer wieder nennt sie gute, sinnvolle Gründe, warum nicht Scott, sondern sie den Anzug benutzen sollte. Der Film wischt das aber gekonnt mit daddy issues weg (beziehungsweise mit daughter issues, denn Hank Pym hat Angst davor, seine Tochter zu verlieren und erlaubt ihr deswegen nicht, sein Erbe anzutreten). Dieser Umstand wird im weiteren Verlauf sehr nachvollziehbar erklärt und Lily ist als Hope auch nie damsel in distress, aber trotzdem kommt man nicht von dem Gefühl los, dass Marvel weibliche Superhelden (in der Hauptrolle) weiterhin als großes Wagnis einstuft. Auch wenn sie immerhin nicht völlig inexistent sind, sondern mittlerweile nur noch "aufgeschoben" werden (wenn man der Post-Credit-Szene Glauben schenken darf). Ebenfalls schade: Im Gegensatz zu seinen Kollegen bekommt Ant-Man kein einprägsames Musik-Thema spendiert. Der Score von Christophe Beck fällt leider ziemlich belanglos aus.


Nach 80s-Buddy-Comedy, Science Fantasy, politischem Agenten-Thrill und Space-Opera bietet "Ant-Man" nun den Rahmen für ein Heist-Movie, was der Plot auch gleich mehrfach sehr clever ausnutzt. Ein Konzept, das sich wie ein roter Faden durch die zweite Phase des MCU zieht und erneut hervorragend aufgeht. Dabei vergisst der Film zum Glück nie, seine bunte, spaßige, comic-book-y Seite zu betonen - jegliches nervige "Is it too late to change the name?"-Augenzwinkern ist im fertigen Film zum Glück nicht mehr enthalten. "Ant-Man" leugnet den Quatsch nicht, er umarmt ihn geradezu - und das ist gut so. Denn auch wenn er nicht frei von Schwächen ist, an den wichtigen Stellen macht er dafür so gut wie alles richtig. Es kommt eben doch nicht auf die Größe an.


8 von 10 Verabschiedungsschlägen


Wir danken Nikolas Friedrich für seine Gastkritik. Mehr von ihm gibt’s bei Lethal Critics

Review LAST VEGAS - "Hangover" in der Ü60-Variante

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Fakten:
Last Vegas
USA 2013. Regie: Jon Turteltaub.
Buch: Dan Fogelman. Mit: Michael Douglas, Robert DeNiro, Morgan Freeman, Kevin Kline, Mary Steenburgen, Romany Malco, Michael Ealy, Bre Blair, Keith Middlebrook, Jerry Ferrera, Roger Bart, Joanna Gleason, Curtis “50 Cent” Jackson, Stefan "Redfoo" Gordy u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Ab 27. März 2014 auf DVD und Blu-ray in Handel erhältlich.


Story:
Sie kennen sich seit ihrer Kindheit, doch nun sehen sich
Archie, Paddy, Billy und Sam nur noch unregelmäßig. Doch als Billy eine jüngere Frau heiraten will, kommen seine drei besten Freunde zu ihm nach Las Vegas, um gemeinsam eine Junggesellenabschiedsparty zu feiern. Doch dabei bleibt es nicht, denn alte Zwistigkeiten, neue romantische Verwicklungen und jede Menge Chaos warten auf die alten Herren.





Meinung:
Das Kino ist heute schon weit mehr als 100 Jahre auf dem Buckel, da verwundert es doch schon ziemlich, dass die Filmschaffende erst jetzt auf die brillante Idee gekommen sind, das Zielpublikum 60+ massentauglich für sich zu entdecken. Nach äußerst erfolgreichen Tragikomödien wie „Das Beste kommt zum Schluss“, „Zwei vom gleichen Schlag“, „Wenn Liebe so einfach wäre“ und „Best Exotic Marigold Hotel“ (der es dieses Jahr auch zu einem Sequel bringen wird) zeichnete sich ein fluffiger Trend ab, der nun in Jon Turtletaubs „Last Vegas“ fortgesetzt wird. Dabei steht in erster Linie aber nicht das Thema im Mittelpunkt, sondern die prominente Besetzung um Hollywoodgrößen wie Kevin Kline („Silverado“), Robert DeNiro („Wie ein wilder Stier“), Morgen Freeman („Sieben“) und Michael Douglas („Wall Street“), für die man einzeln noch vor gut 20-25 Jahren den Kinosaal aufgesucht hätte.


No Country for Old Men? Pah, von wegen!
Möchte man es sich ganz einfach machen und „Last Vegas“ in einem Satz beschreiben, so könnte man den Film als 'bemüht selbstironisch erzählte Geriatrieversion eines belanglosen „Hangover“-Verschnitts bezeichnen'. Nur, steht hier nicht das inzwischen ikonisch vermarktete Wolfsrudel, welches in „Hangover 3“ seinen hoffentlich letzten Atemzug getan hat, im Mittelpunkt, sondern eben eine vierköpfige Truppe Senioren unterschiedlichster Couleur, die in Vegas die Fetzen fliegen lassen wollen: Da hätten wir den gutsituierten Womanizer (Douglas), den trauernden Griesgram (De Niro), den ulkigen Opi von nebenan (Kline) und Morgan Freeman (Freeman). Wie schon die in der Einleitung erwähnten Filme von ähnlicher Statur, behandelt auch „Last Vegas“ die Höhen und Tiefen des Alters. Der Verlust von langjährigen Beziehungen, freundschaftlich wie zwischenmenschlich, die körperliche Gebrechlichkeit und die Reduktion auf den physischen und psychischen Verfall durch Mitmenschen. Jedoch ist „Last Vegas“ nicht sonderlich daran interessiert, den Alterungsprozess (über-)sentimental herauszuarbeiten oder sich in Theatralik zu wälzen.


Zwischen Paddy und Billy gibt es noch einiges zu klären
Vielmehr setzt das Drehbuch von Dan Fogelman ("Crazy Stupid Love", "Unterwegs mit Mum") auf unnötig  schnelllebige, inkomplexe, schnellverständliche Situationskomik, die vor allem auf die Kosten des Alters der Hauptprotagonisten gehen. Das bringt den Nachteil mit sich, dass die Gags schon nach wenigen Minuten so riechen, wie die Darsteller unter dem Arm nach drei Stunden in der prallen Wüstensonne Nevada. Was man „Last Vegas“ allerdings zugutehalten kann, ist die Tatsache, dass er seine Figuren dahingehend ernst nimmt, dass er ihnen allen durchweg den gleichen Spielraum erlaubt und niemanden auf halber Strecke im Regen stehen lässt. Vor allem aber sticht Kevin Kline aus dem spielfreudige Altersensemble heraus, der nach einer gefühlten Ewigkeit und unnötigen Auftritten in Filmen wie „Freundschaft plus“ mal wieder richtig ungebremst mit Vollbart und Baskenmütze agieren darf. Man muss „Last Vegas“ in seiner Altersthematik so verstehen, dass er sich weder an Heucheleien labt, noch wirklich Tiefgang ermöglichen möchte. Ziel ist es hier, Kurzweil zu entfachen und das Publikum über 100 Minuten bei Laune zu halten – ohne dieses auch nach dem Abspann noch weiter mit dem Gezeigten beschäftigen zu wollen.


Jon Turtletaub, der sich zuvor mit Filmen wie „Das Vermächtnis der Tempelritter“ schon mit antiken Schätzen beschäftigte, serviert mit „Last Vegas“ einen anspruchslose, aber nie verlogene Rentner-Komödie, die sich ganz auf die namhafte Besetzung und die daraus entstehende Dynamik verlässt. Das ist zwar fast durchgehend oberflächlich, aber gerade noch sympathisch, auch wenn man den Film zwei Stunden nach dem Abspann wieder vergessen hat. Trotzt Altersbonus eine durch und durch redundantes Lustspiel.


4 von 10 Viagras von der Gattin


von souli und stu

Review: LIBERACE – ZU VIEL DES GUTEN IST WUNDERVOLL – Michael Douglas und Matt Damon präferieren Poposex

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Fakten:
Liberace (Behind the Candelabra)
USA. 2013.
Regie: Steven Soderbergh. Buch: Richard LaGravenese, Alex Thorleifsen (Vorlage), Scott Thorson (Vorlage). Mit: Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Rob Lowe, Dan Aykroyd, Debbie Reynolds, Boyd Holbrook, Nicky Katt, Paul Reiser, David Koechner, Tom Papa, Cheyenne Jackson u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: freigegeben ab 12Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Mit 17 lernt Scott den Pianisten Liberace kennen, der in den 1970er Jahre einer der bekanntesten und beliebtesten Entertainer sowie der größten Showact von Las Vegas ist. Scott und Liberace werden ein Paar und genießen ein Leben im Luxus und im Glamour. Doch ihre Homosexualität bleibt ein Geheimnis und nach und nach kriselt es in der Beziehung.





Meinung:
Immer wieder beteuerte der renommierte Star- und Showpianist Wladziu Valentino Liberace in der Öffentlichkeit seine Heterosexualität - Selbst vor Gericht schwor er sie unter Eid. Die Angst davor, ein Outing könnte seine durch und durch flamboyante Karriere im streng konservativen Amerika geradewegs verpuffen lassen, war stets präsent. Liberace war eine extravagante Koryphäe, die die Massen durch seine pure Ausstrahlung mühelos um die Finger wickeln konnte. Mit einem geschätzten Vermögen von 100 Millionen Dollar, 13 Villen, 17 Hunden und einer in ihrer gefälligen Dekadenz gar absurd anmutenden Pianosammlung, suhlte sich der Entertainer mit den polnisch-italienischen Wurzeln seit seinem Durchbruch in den 1960er Jahren im ausufernden Luxus. Der Mann hatte alles, die Menschen lagen seinem Talent zu Füßen und doch war es ihm nie vergönnt, unbeschwert zu seiner Sexualität zu stehen. Es mag ironisch klingen, doch für sein Outing sorgte letztlich sein viel zu früher Tod an den Folgen von AIDS. Aber das Leben im Rausch, im ständigen Überdruss, bringt seine schweren Opfer nun mal so mit sich und auch eine prominente Größe wie es „Mr. Showmanship“ war, ist vor einem derartigen Schicksal nicht geschützt. Wer aber war Liberace wirklich? Was für eine Person verbarg sich wirklich hinter dem geliebten Chinchillapelz, hinter den markant-funkelenden Ringen an beiden Händen? Steven Soderbergh liefert darauf mit seiner Biografie „Liberace“ eine äußerst interessante Antwort.

 
Glamour pur: Liberace
Dass „Liberace“ Amerika auch heute noch „zu schwul“ war, von unzähligen Produktionsfirmen abgelehnt wurde und erst dank HBO Films verwirklicht werden konnte, spricht nicht unbedingt dafür, dass sich die engstirnigen Maschen der heteronormativen Gesellschaft im Umgang mit Homosexualität in der heutigen Zeit etwas gelockert haben – Was natürlich einem Armutszeugnis gleichkommt. Traurig ist es auch, dass Steven Soderbergh hiermit, ausgerechnet mit seinem wohl besten Film, den Abschied aus der Branche kundtat, um sich anderen künstlerischen Projekten ganz in Ruhe widmen zu können. Dabei zeigt sich die Ägide Soderbergh so pointiert und versiert wie nie und verlässt sich nicht einfach auf ihre formelhafte Nüchternheit, auf ihre kühle Distanz zum jeweiligen Sujet, mit der er zuvor Werke wie „The Girlfriend Experience“, „Contagion“ und „Side Effects“ auszeichnete. „Liberace“ hingegen erlaubt Gefühle und schafft es auch, den Zuschauer auf seine ganz eigene Art zu berühren, selbst wenn sich die charakteristische Note in Soderberghs auch hier nicht gänzlich vermeiden lässt. Menschlichkeit nämlich wird in „Liberace“ endlich groß geschrieben und dank des fantastischen Hauptdarstellerduos um Michael Douglas und Matt Damon auch ohne ein Mindestmaß an Zynismus in zwei vortrefflich geschliffenen Charakter-Portriäits herübergebracht. Michael Douglas spielt sich nach seiner schweren Krebserkrankung sichtlich frei von jedem Ballast und Matt Damon ist wohl endlich an einem Punkt angekommen, an dem er auch die letzten Zweifler in den hintersten Reihen verstummen lassen darf.

 
stu macht souli eine Freude
Die Einführung in die glitzernde Welt des Liberace beginnt wunderbar campy wie verspielt und labt sich in seiner ironischen Überspitzung genüsslich an jeder Menge Pomp und Kitsch. Liberace (Michael Douglas) ist längst Liberace und seine Show ein klares Muss eines jeden Besuches in Las Vegas. In diese permanent aus allen Winkeln wie ein Kaleidoskop strahlenden Welt, stolpert Scott (Matt Damon), der eigentlich das Ziel hatte, irgendwann als Tierarzt durchzustarten, sich vom Charme des deutlich älteren Liberaces aber schnell angezogen fühlt und auf Wunsch des Entertainers zu ihm zieht: Der glamouröse Lifestyle hat ein neues Mitglied. Schön an „Liberace“ ist, dass er sich nicht auf eine dämliche Gender-Debatte herablässt und in seiner zentrierten Figurenkonstellation geschlechtsspezifischen Brennpunkten hinterhereifert. Die Probleme, die Liberace und Scott in ihrer gemeinsamen Zeit durchstehen, könnten so – oder ganz ähnlich – auch in einer heterosexuellen Beziehung aufkommen. Während sich Scott nämlich noch von den Illusionen des hedonistischen Umfelds zehren kann, ist Liberace längst kein Träumer mehr, sondern vollständig in der Realität angekommen. Und zu dieser Realität gehören Perücken, Pillen und Schönheitsoperationen nun mal dazu, während sie alle nur den oberflächlichen Versuch in einem ebenso oberflächlichen Terrain darstellen, bloß nie in der Einsamkeit zu versinken. Liberace ist genauso exaltierte Diva, genuso der eitle Gockel mit allem Drum und Dran, wie er auch der kleine Junge ist, der nach Liebe fleht, auch wenn seine ständigen Partnerwechsel in diesem Kontext keine klare Konstante erlauben.


Im Kern folgt „Liberace“ einem relativ konventionellen Erzählschema, angereichert mit schickem Schmuck, üppigen Roben und dem materiellen Reichtum, von dem noch die vierte Generation seiner Nachfahren leben könnte. Doch das Drehbuch verankert sich nicht in der Karriere auf der Bühne; das Zwischenmenschliche steht ganz eindeutig im Mittelpunkt, der einfühlsame Blick hinter den Kandelaber. „Liberace“ ist dabei niemals ausschweifend, sondern betont feinfühlig und durchwandert die emotionalen Stadien von der Liebe zur Ernüchterung mit einer taktvollen Zärtlichkeit, die ihre Lacher, die aber nie herablassend oder böswillig auf Kosten der Charaktere gehen, gewiss mit sich bringt, wie man sie von einem Film von Steven Soderbergh wohl in dieser Form nicht erwartet hätte. „Liberace“ ist ein egozentrisches Liebes-Drama, in dem sich zwei Männer, die doch eigentlich nie wirklich erwachsen geworden sind, die schönsten, die glücklichsten Jahre ihres Lebens teilen und doch wissen, dass ihre Beziehung nicht auf Dauer halten kann. Das wohlige Gefühl der Zweisamkeit jedoch bleibt bestehen, wenn auch nur als Teil unvergesslicher Erinnerungen.


7 von 10 legeren Garderoben


von souli

Review: THE GAME - Alles nur ein Spiel?

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Fakten:
The Game
USA, 1997. Regie: David Fincher. Buch: John D. Brancato, Michael Ferris. Mit: Michael Douglas, Deborah Kara Unger, Sean Penn, James Rebhorn, Peter Donat, Carroll Baker, Anna Katarina, Armin Müller-Stahl u.a. Länge: 123 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Multimillionär Nicholas Van Orten ist ein abgebrühter, aber ebenso verbitterter und einsamer Geschäftsmann. Sein Geburtstag ist für ihn jedes Jahr wieder eine lästige Tatsache, doch seinen 48. Ehrentag wird er nie wieder vergessen. Sein Bruder Conrad schenkt ihm die Teilnahme an einem Spiel. Mehr aus Neugier als echtem Interesse begibt sich Nicholas zum Sitz der Firma CRS. Was genau das Spiel sein soll, wird nicht verraten. Nicholas muss einige physische wie psychische Tests über sich ergehen lassen, mehr erfährt er nicht und lebt sein Leben weiter. Bis es plötzlich komplett aus den Fugen gerät. Merkwürdige Dinge häufen sich, sein Alltag wird vollkommen auf den Kopf gestellt, sogar in Lebensgefahr gerät er. Ist das alles Teil des Spiels? Ist es noch ein Spiel, oder war es überhaupt jemals eins? Nicholas gerät in einen Alptraum, der ihn an seine Grenzen führt.






                                                                                   





Meinung:
Mit kühler Eleganz führt uns David Fincher in die Welt von Nicholas Van Orten ein. Einem zynischen Unsympathen, der in seinem selbst gewählten goldenen Käfig hockt, sich von seinen lästigen Mitmenschen abschottet – zumindest auf emotionaler Ebene – so weit es ihm möglich ist. So elegant zieht Fincher diesem Ekelpaket dann zunächst auch den Perserteppich unter den 2000-Dollar-Schuhen weg, bricht den goldenen Käfig auf und zerstört mit sichtlicher Freude die kalte, heile Arschloch-Welt. Ja, „The Game“ ist durchgehend sehr stimmungsvolles, enorm stylisches Paranoia-Kino, welches in seinen besten Momenten wie ein moderner Hitchcock wirkt und seine grandiose Grundidee gelegentlich sehr geschickt auslotet. Leider nicht konstant, mit sichtbaren Schwächen und sie am Ende gnadenlos verpuffen lässt.


Er hat gar nicht gebohrt...
Bedacht entwickelt „The Game“ einen kribbeligen Spannungsbogen, baut nicht auf urplötzlich herbeigeführte Tempo-Thrills, sondern lässt seinen zunächst so unnahbaren Protagonisten langsam in seine persönliche Hölle schlittern, die in erster Linie aus dem Verlust der totalen Kontrolle besteht. Wenn ihm bewusst wird, wie hilflos er dem Treiben ausgeliefert ist, wie sehr er als Marionette in einem unberechenbaren Real-Life-Theater gefangen ist und ihm zusehends seine als selbstverständlich erachtete Dominanz aus den Händen gleitet, bröckelt die steinharte Fassade des Alphamännchens nicht nur, sie gleicht bald einem Trümmerfeld. Van Orten – hervorragend von Michael Douglas verkörpert – wird vom Raub –zum Fluchttier und der Zuschauer darf sich wie er immer wieder die Frage stellen, wann er sich in einem „sicheren“ Spiel befindet, wann nicht (mehr) oder ob er von vornherein in etwas hinein geraten ist, was nichts damit zu tun hat. Lässt man sich darauf ein, kann „The Game“ enorm fesseln, auch wenn die Spannung manchmal etwas zu sehr auf leisen Sohlen schleicht. Worauf das Ganze hinaus laufen könnte deutet sich immer mal wieder an, doch bis kurz vor Schluss scheint jede Option noch möglich. Nur gerade und tragischerweise in seinem Finale lässt „The Game“ so unbefriedigend die Hosen runter, dass es einen leider die vorher aufgebaute Stimmung rückwirkend leicht zerstört.


Ein Bonze sieht rot.
Man kann es mit der Show einen Magiers vergleichen. Der entwickelt über fast 2 Stunden eine Illusion, baut sie geschickt auf, schafft es sogar, den eher skeptischen und immer hinterfragenden Zuschauer ab einen gewissen Punkt voll mitzunehmen, um ihn schlussendlich dann mit seiner verpatzten Pointe wieder ruckartig auf den Boden der Realität knallen zu lassen. Viel mehr noch, als wenn er am Ende seine Tricks sogar selbst entlarfen und erklären würde, statt das Publikum in dem wohligen Gefühl zurückzulassen, gerade so was wie Magie erlebt zu haben. Das ist das Ding. So gut die Nummer mal funktioniert hat, ein zweites Mal klappt das nicht mehr und selbst die Uraufführung verliert enorm an Wirkung. So ähnlich ist das bei „The Game“. Egal, wie hervorragend er zwischendurch wirken mag, wie knisternd spannend er es schafft sich zu verkaufen, am Ende plumpst man voll in ein banales Simsalabim, mit Löchern wie ein schweizer Käse und dem müden Kaninchen aus dem Zylinder. Das beschert ihm reichlich Abzug in der B-Note und macht ihn eigentlich nur einmalig vernünftig konsumierbar.


Doch zugegeben, dieses einmalige Erlebnis ist zeitweise verdammt gelungen, solange es noch den Anschein macht, dass es der ganz große Clou und nicht nur ein schicker Taschenspielertrick ist. Wer sich im Idealfall überhaupt nicht über den Film informiert und einfach mit ihm treiben lässt, wird mindestens über ¾ der Zeit gekonnt unterhalten. Nur wenn am Ende der Show das Licht angeht, ist der Zauber aus und riecht doch etwas faul. Schade...


6,5 von 10 extravaganten Geburtstagsgeschenken.