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Review: LOGAN LUCKY - Ocean's Eleven mit Rednecks

1 Kommentar:

Fakten:
Logan Lucky
USA. 2017. Regie: Steven Soderbergh. Buch: Rebecca Blunt (Jules Asner). Mit: Channing Tatum, Adam Driver, Riley Keough, Daniel Craig, Seth MacFarlane, Sebastian Stan, Katie Holmes, Dwight Yoakam, Jim O'Heir, Rebecca Koon, Boden Johnston, Sutton Johnston, David Denman, Charles Halford, Alex Ross, Tom Archdeacon, Eric Perez, William Mark McCullough u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 14. September 2017 im Kino.

Story:
Die Brüder Jimmy und Clyde Logan werden vom Pech verfolgt. Während der impulsive Jimmy einen Job nach dem nächsten verliert, wird Barkeeper Clyde, der nur einen Arm hat, regelmäßig schikaniert. Und dann wären da noch die Geldsorgen. Aber Jimmy hat eine brillante Idee, die den beiden aus der misslichen Lage helfen soll: Ein Raubüberfall im großen Stil! Das prestigeträchtigste und legendärste NASCAR-Rennen der Welt, der Coca-Cola Cup 600, bietet scheinbar die perfekten Voraussetzungen für einen cleveren, unterirdischen Raubzug! Unterstützung erhoffen sich die Brüder vom berüchtigtsten platinblonden Safeknacker des Landes: Joe Bang - der sitzt allerdings noch im Gefängnis fest. Während der Planung des großen Coups tauchen immer neue Hindernisse auf, doch gemeinsam mit ihrer Schwester Mellie setzen die beiden Brüder alles daran, ihre lebenslange Pechsträhne endlich zu beenden...




Meinung:
Mit Kino sei er fertig, sagte Steven Soderbergh einst. Dann drehte er noch ein paar Filme und kümmerte sich dann um die Serie The Knick. Doch nun, nach vier Jahren Pause kehrt der Oscar-Preisträger wieder zur Leinwand zurück. Mit Logan Lucky (nicht Lucky Logan!) liefert er eine Gaunerkomödie ab, die sich am besten und effektivsten mit folgenden Worten beschreiben lässt: Ocean's Eleven mit Rednecks. Dies bedeutet dass die Eleganz, die Grandezza und der Style der Ocean's-Trilogie fehlt, aber die gesamte Taktung der Geschichte lässt sie wie einen vierten Teil erscheinen.

Mit Adam Driver und Channing Tatum als Hauptdarsteller hat Soderbergh zwei Asse im Ärmel und Daniel Craig als blondierter Joe Bang fungiert als Herzbube. Immer wenn er vor der Kameralinse steht, gehört ihm die Szenerie. Mut zur Hässlichkeit, zur Übertreibung und der Dekonstruktion seines 007-Image sind der Grund dafür. Das macht alles Freude, besitzt einen guten Flow und das Herz am rechten Fleck. Problem: Logan Lucky lässt sich Zeit, viel Zeit. Mit seinen knapp zwei Stunden Laufzeit ist die Komödie mindestens 20 Minuten zu lang. Schuld daran sind Figuren, die der Film immer wieder einführt und manchmal sogar regelrecht zelebriert, die letztlich aber den Stellenwert und die Bedeutung einer Randnotiz haben. Sie sind Füllmaterial, die der Film letztlich gar nicht nötig gehabt hätte. Ein weiteres Manko ist das, welches auch die Ocean's-Filme hatten (zumindest Teil 2 und 3): So clever und durchdacht sind die dargebotenen Überfall-Pläne nicht. Am Ende wird ein Twist aus dem Hut gezaubert, der irgendwie recht faul und undurchdacht wirkt. Ohne ihn wäre Logan Lucky zum einen kürzer, zum anderen wäre der Gesamteindruck des Werks wesentlich geerdeter und somit wahrscheinlich auch kompakter. So bleibt ein zerfaserter Nachgeschmack zurück.

Freunde von Gaunerkomödien und den teilnehmenden Schauspielern machen mit einem Kinobesuch aber sicherlich nichts verkehrt. Der große Wurf ist Logan Lucky sicher nicht. Mehr ist es wohl eine Aufwärmübung von Soderbergh, eine Art Wiedererweckungsritual. Neue Stärken hat Soderbergh in seiner Kinopause scheinbar nicht hervorgerufen und seine bekannte Schwäche der Geschwätzigkeit (narrativ wie szenisch) hat sich auch nicht verringert. Aber wie sangen einst Tocotronic in „Let there be Rock“ so schön: „Und alles was wir hassen / Seit dem ersten Tag / Wird uns niemals verlassen / Weil man es eigentlich ja mag“.

6 von 10 hartgekochte Eier aus dem Automaten

Review: LIBERACE – ZU VIEL DES GUTEN IST WUNDERVOLL – Michael Douglas und Matt Damon präferieren Poposex

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Fakten:
Liberace (Behind the Candelabra)
USA. 2013.
Regie: Steven Soderbergh. Buch: Richard LaGravenese, Alex Thorleifsen (Vorlage), Scott Thorson (Vorlage). Mit: Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Rob Lowe, Dan Aykroyd, Debbie Reynolds, Boyd Holbrook, Nicky Katt, Paul Reiser, David Koechner, Tom Papa, Cheyenne Jackson u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: freigegeben ab 12Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Mit 17 lernt Scott den Pianisten Liberace kennen, der in den 1970er Jahre einer der bekanntesten und beliebtesten Entertainer sowie der größten Showact von Las Vegas ist. Scott und Liberace werden ein Paar und genießen ein Leben im Luxus und im Glamour. Doch ihre Homosexualität bleibt ein Geheimnis und nach und nach kriselt es in der Beziehung.





Meinung:
Immer wieder beteuerte der renommierte Star- und Showpianist Wladziu Valentino Liberace in der Öffentlichkeit seine Heterosexualität - Selbst vor Gericht schwor er sie unter Eid. Die Angst davor, ein Outing könnte seine durch und durch flamboyante Karriere im streng konservativen Amerika geradewegs verpuffen lassen, war stets präsent. Liberace war eine extravagante Koryphäe, die die Massen durch seine pure Ausstrahlung mühelos um die Finger wickeln konnte. Mit einem geschätzten Vermögen von 100 Millionen Dollar, 13 Villen, 17 Hunden und einer in ihrer gefälligen Dekadenz gar absurd anmutenden Pianosammlung, suhlte sich der Entertainer mit den polnisch-italienischen Wurzeln seit seinem Durchbruch in den 1960er Jahren im ausufernden Luxus. Der Mann hatte alles, die Menschen lagen seinem Talent zu Füßen und doch war es ihm nie vergönnt, unbeschwert zu seiner Sexualität zu stehen. Es mag ironisch klingen, doch für sein Outing sorgte letztlich sein viel zu früher Tod an den Folgen von AIDS. Aber das Leben im Rausch, im ständigen Überdruss, bringt seine schweren Opfer nun mal so mit sich und auch eine prominente Größe wie es „Mr. Showmanship“ war, ist vor einem derartigen Schicksal nicht geschützt. Wer aber war Liberace wirklich? Was für eine Person verbarg sich wirklich hinter dem geliebten Chinchillapelz, hinter den markant-funkelenden Ringen an beiden Händen? Steven Soderbergh liefert darauf mit seiner Biografie „Liberace“ eine äußerst interessante Antwort.

 
Glamour pur: Liberace
Dass „Liberace“ Amerika auch heute noch „zu schwul“ war, von unzähligen Produktionsfirmen abgelehnt wurde und erst dank HBO Films verwirklicht werden konnte, spricht nicht unbedingt dafür, dass sich die engstirnigen Maschen der heteronormativen Gesellschaft im Umgang mit Homosexualität in der heutigen Zeit etwas gelockert haben – Was natürlich einem Armutszeugnis gleichkommt. Traurig ist es auch, dass Steven Soderbergh hiermit, ausgerechnet mit seinem wohl besten Film, den Abschied aus der Branche kundtat, um sich anderen künstlerischen Projekten ganz in Ruhe widmen zu können. Dabei zeigt sich die Ägide Soderbergh so pointiert und versiert wie nie und verlässt sich nicht einfach auf ihre formelhafte Nüchternheit, auf ihre kühle Distanz zum jeweiligen Sujet, mit der er zuvor Werke wie „The Girlfriend Experience“, „Contagion“ und „Side Effects“ auszeichnete. „Liberace“ hingegen erlaubt Gefühle und schafft es auch, den Zuschauer auf seine ganz eigene Art zu berühren, selbst wenn sich die charakteristische Note in Soderberghs auch hier nicht gänzlich vermeiden lässt. Menschlichkeit nämlich wird in „Liberace“ endlich groß geschrieben und dank des fantastischen Hauptdarstellerduos um Michael Douglas und Matt Damon auch ohne ein Mindestmaß an Zynismus in zwei vortrefflich geschliffenen Charakter-Portriäits herübergebracht. Michael Douglas spielt sich nach seiner schweren Krebserkrankung sichtlich frei von jedem Ballast und Matt Damon ist wohl endlich an einem Punkt angekommen, an dem er auch die letzten Zweifler in den hintersten Reihen verstummen lassen darf.

 
stu macht souli eine Freude
Die Einführung in die glitzernde Welt des Liberace beginnt wunderbar campy wie verspielt und labt sich in seiner ironischen Überspitzung genüsslich an jeder Menge Pomp und Kitsch. Liberace (Michael Douglas) ist längst Liberace und seine Show ein klares Muss eines jeden Besuches in Las Vegas. In diese permanent aus allen Winkeln wie ein Kaleidoskop strahlenden Welt, stolpert Scott (Matt Damon), der eigentlich das Ziel hatte, irgendwann als Tierarzt durchzustarten, sich vom Charme des deutlich älteren Liberaces aber schnell angezogen fühlt und auf Wunsch des Entertainers zu ihm zieht: Der glamouröse Lifestyle hat ein neues Mitglied. Schön an „Liberace“ ist, dass er sich nicht auf eine dämliche Gender-Debatte herablässt und in seiner zentrierten Figurenkonstellation geschlechtsspezifischen Brennpunkten hinterhereifert. Die Probleme, die Liberace und Scott in ihrer gemeinsamen Zeit durchstehen, könnten so – oder ganz ähnlich – auch in einer heterosexuellen Beziehung aufkommen. Während sich Scott nämlich noch von den Illusionen des hedonistischen Umfelds zehren kann, ist Liberace längst kein Träumer mehr, sondern vollständig in der Realität angekommen. Und zu dieser Realität gehören Perücken, Pillen und Schönheitsoperationen nun mal dazu, während sie alle nur den oberflächlichen Versuch in einem ebenso oberflächlichen Terrain darstellen, bloß nie in der Einsamkeit zu versinken. Liberace ist genauso exaltierte Diva, genuso der eitle Gockel mit allem Drum und Dran, wie er auch der kleine Junge ist, der nach Liebe fleht, auch wenn seine ständigen Partnerwechsel in diesem Kontext keine klare Konstante erlauben.


Im Kern folgt „Liberace“ einem relativ konventionellen Erzählschema, angereichert mit schickem Schmuck, üppigen Roben und dem materiellen Reichtum, von dem noch die vierte Generation seiner Nachfahren leben könnte. Doch das Drehbuch verankert sich nicht in der Karriere auf der Bühne; das Zwischenmenschliche steht ganz eindeutig im Mittelpunkt, der einfühlsame Blick hinter den Kandelaber. „Liberace“ ist dabei niemals ausschweifend, sondern betont feinfühlig und durchwandert die emotionalen Stadien von der Liebe zur Ernüchterung mit einer taktvollen Zärtlichkeit, die ihre Lacher, die aber nie herablassend oder böswillig auf Kosten der Charaktere gehen, gewiss mit sich bringt, wie man sie von einem Film von Steven Soderbergh wohl in dieser Form nicht erwartet hätte. „Liberace“ ist ein egozentrisches Liebes-Drama, in dem sich zwei Männer, die doch eigentlich nie wirklich erwachsen geworden sind, die schönsten, die glücklichsten Jahre ihres Lebens teilen und doch wissen, dass ihre Beziehung nicht auf Dauer halten kann. Das wohlige Gefühl der Zweisamkeit jedoch bleibt bestehen, wenn auch nur als Teil unvergesslicher Erinnerungen.


7 von 10 legeren Garderoben


von souli

Review: SIDE EFFECTS - Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Psychologen

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Fakten:
Side Effects
USA. 2013. Regie: Steven Soderbergh. Buch: Scott Z. Burns. Mit: Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Ab 11. Oktober auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Obwohl die junge Emily (Rooney Mara) ihren Ehemann (Channing Tatum) aus dem Gefängnis zurückbekommt, verfällt sie in eine immer größere Krise. Depression! Nach einem Selbstmordversuch begibt sie sich in psychiatrische Behandlung bei Dr. Banks (Jude Law), der ihr ein neues Medikament verschreibt. Die Depressionen scheinen zwar gelindert (sagt man das so?) zu werden, doch es treten vermehrt Nebenwirkungen auf, die schon bald in einer Katastrophe für Emily und die Menschen um sie herum enden sollen.





Meinung:
„Side Effects“. Der letzte Kinofilm von Steven Soderbergh. Angeblich zumindest. Der Film teilt sich in zwei Hälften. Und oft wurde schon geschrieben, dass die zweite Hälfte dieses Films besser sei. Nein, für mich war es Teil 1 des Films. Anfangs ist es nämlich ein hochinteressanter Film. Eine bedrückende Atmosphäre wird geschaffen. Rooney Mara verkörpert die depressive junge Ehefrau hervorragend. Hier zeigt sie für mich nach „Verblendung“ einmal mehr, dass sie eine richtig gute Darstellerin ist. Themen wie Depression, Medikamentenbehandlung/-missbrauch und die Pharmalobby werden angesprochen oder zumindest angerissen.


Zwei Psychiater im Fachgespräch?
Aber leider hört Soderbergh nach der Hälfte mit seiner interessanten Geschichte auf. Wie schon bei „Erin Brockovich“ und „Contagion“ wird eine brisante Ausgangsposition geschaffen, die in der zweiten Filmhälfte nach und nach im Sand verläuft. Die (politische und wirtschaftliche) Relevanz wird zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen wird das Drama zum Verschwörungsthriller. Und gleichzeitig leider auch immer belangloser. In der ersten Hälfte hat man sich Zeit genommen, ist etwas mehr in die Tiefe gegangen, auf Figuren eingegangen. Das wird zwar in der zweiten Hälfte auch noch versucht, aber besonders zum Ende hin rast Soderbergh für meinen Geschmack einfach zu schnell zur Auflösung. Es läuft zu glatt, zu schnell. Manchmal hab ich den Eindruck, dass ein paar Schritte einfach übersprungen wurden. Und auch das Thema "Depression" wird irgendwie nicht mit dem nötigen Ernst behandelt. Ein bisschen zu leichtfertig für meinen Geschmack. Und das, was über Depressionen am Ende hängen bleibt, das wirkt leider durchaus bedenklich. Aber, und das muss man Soderbergh lassen, die Geschichte bleibt in jedem Fall spannend und unterhaltsam.
 


Können die beiden die Depression gemeinsam besiegen?
Das liegt auch an den guten Schauspielern. Jude Law als für mich typischer Brite, den ich sehr gerne in jeder Art von Film sehe (und sei es nur in einer Nebenrolle). Channing Tatum überraschend gut und passend, auch wenn seine Rolle nicht die anspruchsvollste war. Und Catherine Zeta-Jones, die immer noch eine gewisse Erotik in ihre Rolle legen kann und das nicht nur in den eindeutigen Szenen. Neben dem sehr guten und auffälligen Schnitt sind auch die Effekte zu erwähnen. Verschwommene Bilder unterstreichen die Depression und machen den Film eindringlicher. Auch meine ich, häufig ein leicht flackerndes Bild bemerkt zu haben, das manche Szenen etwas dunkler oder düsterer gemacht hat. Da bin ich mir zwar nicht sicher, ob es einfach an einem vielleicht altersschwachen Projektor im Kino gelegen ist oder ob das so von Soderbergh gewollt war, aber wie auch immer, es hat den Depressions-Szenen zusätzliche Dichte und das gewisse Etwas gegeben.


Vielleicht zum letzten Mal (sein Film "Behind the Candelabra" ist lediglich als TV-Film geplant) hat Steven Soderbergh gezeigt, dass er ein grundsätzlich guter Regisseur ist, der optisch ansprechende Filme machen kann und der auch versucht, relevante Themen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Medizin in seine Filme zu packen. Doch einmal mehr hat er auch gezeigt, dass er mit zunehmender Laufzeit diese relevanten Themen nicht adäquat fortsetzen kann, mit Ausnahme von „Traffic“. Dass er zugunsten von Unterhaltung und Spannung leider immer mal wieder in die Belanglosigkeit driftet. „Side Effects“ ist und bleibt deshalb ein gut gespielter Thriller mit zumindest interessanten Ansätzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


7 von 10 Muntermacher-Pillen

Trailerpark: BEHIND THE CANDELBARA - Haariger Trailer

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Ja, unser Trailerpark wurde stark vernachlässigt. Shame on us, aber hey, Trailer könnt ihr auf wo anders sehen. Wir präsentieren euch nur noch die Schätze, d.h. Trailer mit dem gewissen Pfiff, der besonderen Note. Wie BEHIND THE CANDELABRA, einen Film aus dem Hause HBO von Steven "Noch einen Film und dann hör ich auf" Soderbergh mit Matt Damon und Michael Douglas. Was das besondere am Trailer ist? Ganz klar: die Haare und Outfits. Enjoy!





Review: THE GIRLFRIEND EXPERIENCE - Über Geld und die Illusion nicht allein zu sein

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Fakten:
The Girlfriend Experience
USA. 2009. Regie: Steven Soderbergh. Buch: Brian Koppelman, David Levien, Mit: Sasha Grey, Chris Santos, Timothy Davis, Peter Zizzo, Glenn Kenny, Vincent Dellacera, Kimberly Magness, Mark Jacobson u.a. Länge: 77 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Christine Brown arbeitet als Escort-Dame. Unter dem Namen Chelsea begleitet sie Kunden zu Empfängen, hat Sex mit ihnen oder gibt ihnen das Gefühl an ihrem Leben teilzuhaben. Christines Freund Chris, der als Fitness-Trainer arbeitet, weiß von ihrem Beruf und versucht es zu akzeptieren, dass sie mit anderen Männern schläft.




Meinung:
Steven Soderbergh gehört wohl zu den interessantesten Regisseuren unserer Zeit. Der Amerikaner bedient seit vielen Jahren das große Blockbuster-Kino genauso wie ein etwas anspruchsvolleres Publikum. Ob er nun Hochglanz-Produktionen wie die „Ocean’s Elevene“-Reihe inszeniert oder im Sektor des Low Budget Films unterwegs ist, wie etwa „Voll Frontal“, bei dem sich die Darsteller sogar selbst um ihr Catering kümmern mussten, Soderbergh pendelt zwischen den Budgetwelten, verliert dabei aber niemals seinen ganz eigenen Stil. Nun, nach knapp drei Jahren erscheint in Deutschland endlich sein Blick auf das Leben einer Escort-Dame für den Heimkinomarkt. „The Girlfriend Experience“ ist ein ehrlicher wie nüchterner Blick auf die Mechanismen des Berufs und zeitgleich auch ein Kommentar zu unserer heutigen Zeit.




Christina alias Chelsea: Ein Frau für besondere Stunden
Aufmerksamkeit genierte der Film nicht nur durch seine Thematik, sondern vielmehr durch seine Hauptdarstellerin Sasha Grey. Diese war lange Zeit eine Ikone, der modernen US-Pornoindustries. Für viele war Grey nie wirklich eine gewöhnliche Aktrice, sondern mehr ein Phänomen. Mit ihren eigenwilligen, oftmals die Standards der Adult Film Industry sprengenden Filme und Performances, wurde sie zu einem der ganz großen Superstars des Marktes. 2009 stieg sie aus, macht seitdem erfolgreich Musik und ist auch als Künstlerin anerkannt. Soderbergh, der einen Artikel über Grey las uns sie danach unbedingt für die Rolle der Christine/Chelsea wollte, verlässt sich bei „The Girlfriend Experience“ voll und ganz auf ihre Ausstrahlung und auch wenn (Ex-)Pornodarsteller/innen nicht den besten Ruf haben, was schauspielerisches Talent außerhalb des Koitus haben, so spielt Sasha Grey hier doch sehr überzeugend. Vielleicht hat sie Talent, vielleicht hat ihre berufliche Vergangenheit und ihre Rolle auch einfach nur genügend Gemeinsamkeiten? Wer weiß. Wer sich hier aber eine Softcore-Variante von Greys früheren Filmen erhofft, hat sich geirrt. „The Girlfriend Experience“ ist ein ernsthafter Versuch den beruflichen wie auch privaten Alltag einer Escort einzufangen, ohne dabei auf alte, verstaubte Stereotype zurückzugreifen.


Christine gibt einem Journalisten ein Interview
Steven Soderbergh erzählt den Film ohne chronologische Reihenfolge und stichpunktartig. Es gibt nur einen losen Handlungsrahmen. Er springt immer wieder zu einzelnen Szenen. Wir sehen Chelsea, wie sie mit einem ihrer Kunden kuschelt, fast so, als ob sie mit ihm wirklich liiert wäre. Wir werden Zeuge, dass ihre Dienste eine erweitere Fassung von Prostitution sind. Sex ist hier nicht alles, oftmals auch gar nicht existent. Sie verkauft ihren Körper, aber auch ihre Präsenz. „The Girlfriend Experience“ zeigt Bilder voller emotionaler Intimität, die dann zerrissen werden, wenn Chelsea den Raum verlässt, in ein Taxi steigt und ihr Honorar zählt. Gleichzeitig werden wir Zeuge wie ihr Lebensgefährte Chris, der vom Job seiner Freundin weiß, versucht beruflich weiterzukommen, sich aber nur auf der Stelle dreht. Er wirkt verloren in dieser Welt. Die wenigen Momente, die er mit seiner Freundin hat wirken wie Aufzeichnungen aus einer früheren Zeit. Oftmals erzeugt das Zusammensein des Paares auch den Eindruck, dass er auch ein Kunde ist.


„The Girlfriend Experience“ ist ein, vor allem durch seine punktuelle Inszenierung etwas wirr und auch recht anstrengend geratener Versuch sich einer Welt bewusst zu werden, in dem Geld alles ist. Dies ist die Kernaussage des Films: Wir können uns alles kaufen. Nicht nur Sex, sondern auch Zärtlichkeit oder die Illusion nicht allein zu sein. Wir leben in einer Gesellschaft des Geldes. „The Girlfriend Experience“ lässt daran keinerlei Zweifel und erlaubt uns einen kurzen Blick auf eine Form der Prostitution, bei der Sex zweitrangig ist.

8 von 10



von stu






Meinung:
Den beruflichen Ethos heutiger Pornodarstellerinnen vergegenwärtigt Steven Soderbergh vorbehaltlos als selbstbewusst strahlende Gewissen- wie Standhaftigkeit ihrer selbst. Wo Künstler dieser Gattung von der Gesellschaft zwar immer wieder gerne mit angewiderten Blicken abgestraft werden, ist es für diese heute keine wirkliche Schwierigkeit mehr, den stigmatisierten Tellerrand zu überqueren und auch im ernstzunehmenden Fachjargon Fuß zu fassen, anstatt eine solche Karriere von vornherein an suppressiven Klippen in tausend Hoffnungssplitter zerschellen lassen zu müssen. Wen verwundert es da schon, dass Porno-Queen Sasha Grey inzwischen auch Hauptrollen in Spielfilmen übernimmt und sich in diesen tatsächlich nicht in voller Gänze blamiert.



Für Geld gibt es alles, sogar Umarmungen
Geht es aber um das Inhaltliche, dann stellt sich das altbekannte Problem Soderberghs ein: Der Mann überschätzt sich in einem a-b-n-o-r-m-a-l-e-n Ausmaß. In „Girlfriend Experience“ macht der Tausendsassa erneut auf neophil-progressiven Beziehungs- und Gegenwartsanalytiker, und möchte die frigide Zerrissenheit einer jungen Frau mit der kapitalistischen Disparität der amerikanischen Metropolen gleichsetzen - Und das in äußerst knapp bemessenen 70 Minuten. Was Soderberghs hastige Hybris in dieser Sisyphusarbeit zerstört, hält hingegen sein künstlerisches Verständnis für klinisch-sterile Fotografien - die auch hier wieder symptomatisch für eine ganze Generation stehen sollen - in der mäßig rettenden Balance. Ein marginaler Trost.


Zu sagen hat Soderbergh letzten Ende auch in „Girlfriend Experience“ zeitweise erschreckend wenig und lässt dabei die durchaus ansprechende Prämisse mit der bedeutungsschwangeren Modalität seiner Ägide kollidieren, um das hohle Innere seiner Narration freizuschlagen und auch wirklich für jeden Konsumenten erkennbar zu machen. Es ist ein mühevolles Unterfangen, „Girlfriend Experience“ richtig anzufassen und zu kategorisieren; ein Regelfall im Schaffen Soderberghs, aber dieser unfertige und anmaßende Nachgeschmack auf der Zunge währt einfach zu dominant. Wahrscheinlich war es schon ein weiser Schritt, die Filmkarriere (erst mal) an den Nagel zu hängen, obgleich gerade sein Abschiedsprojekt „Side Effects“ Lust auf mehr gemacht hat. Aber man soll bekanntlich gehen, wenn es am schönsten ist, und wirklich "schön" war es mit Soderbergh schließlich nur sehr, sehr selten.


4 von 10 bezahlten Umarmungen


von souli