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Review: VERTIGO - AUS DEM REICH DER TOTEN - Alfred Hitchcock kann auch emotional

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Fakten:
Vertigo - Aus dem Reich der Toten (Vertigo)
US. 1958. Regie: Alfred Hitchcock. Buch: Samuel A. Taylor, Alec Coppel, Maxwell Anderson. Pierre Boileau & Thomas Narcejac (Vorlage). Mit: James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore, Henry Jones, Ellen Corby, Konstantin Shayne, ua. Länge: 128 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Nachdem Scottie seine große Liebe nicht vor dem Tod retten kann, versucht er eine offensichtliche Doppelgängerin seiner verstorbenen Geliebten an seine Erinnerungen an jene anzupassen. Er beginnt, die Frau seinen Anforderungen gemäß anzupassen.




Meinung:
Alfred Hitchcock. Bei dem Namen klingeln natürlich sofort alle Glocken. Norma(n) Bates, Dollyzoom, „Das Fenster zum Hof“, „Der Unsichtbare Dritte“, „Cocktail für eine Leiche“. Wer schon einmal Zeuge der technischen Perfektion von Hitchcocks Filmen werden durfte, der wird verstehen können, weshalb die Filme des Briten bis heute teils gar noch als Vorreiter gelten. Nicht zu ignorieren sind jedoch die Stimmen, die sich heben und dem Regisseur verachtende Ansichten vorwerfen. Allgemein bekannt sind Aussagen von Hitch, in denen er Schauspieler als „Vieh“ betitelt. Er sei menschenverachtend, misogyn. Das wirft dann die Fragen auf, inwiefern sich das in seinen Filmen widerspiegelt und inwiefern man diese dann noch gut finden darf. „Vertigo“, der ursprünglich wegen seiner Langsamkeit eher zwiegespalten aufgenommen wurde - neben der genannten technischen Perfektion - interessant, weil er sich auf diese Vorwürfe bezieht.


Scottie wägt  seine Optionen ab
Der Film nutzt seine Geschichte nämlich geschickt, um als Selbstreflexion des Regisseurs zu funktionieren. James Stewarts Charakter Scottie verliert in diesem Film seine Liebe an den Sensenmann. Wenig später trifft er auf eine Frau die seiner Angebeteten unheimlich ähnlich ist. Manisch macht Scottie sich daran, die geheimnisvolle Frau nach seinem Gedankenbild zu formen. Er will sie verändern, seiner Erinnerung, gar einer Leiche anpassen. Er verliert sich in Wunschbildern, in dem dunklen Raum zwischen Sein und Schein. Scottie sucht die Liebe, die erotische Erfüllung in dem Reich der Toten. Der deutsche Nebentitel ist dabei (endlich einmal) überaus wichtig, wenn man dort seinen Denkansatz ansetzt und tiefer in die Gefilde des Filmes vorstoßen möchte. Ganz sinnbildlich nutzt Hitchcock hier eine Schwelle zur „anderen Seite“. Sei es die Golden Gate Bridge, ein Friedhof oder ein Museum. Sie alle fungieren als Portal zu einer neuen Existenz, die Befriedigung verspricht. Aber wieso findet Scottie kein Glück in der unseren Welt? Fühlt er sich als Ausfallprodukt, als Ausschussware in einer Gesellschaft, die ihm erklären will, was er zu fühlen hat und was nicht? Seine Höhenangst, also seine Angst vor dem Fall, wird von seiner besten Freundin und Wissenschaftlern als bloße „Emotion“ abgetan. Eine Krankheit sei das nicht. In Scotties Fall aber führt diese harmlose Emotion zum Verlust des Halts.


Tolle Aussicht, super Treffpunkt für gemeinsame Selbstmorde
Neben James Stewart und der gefeierten Kim Novak ist aber noch ein dritter Star ein Protagonist des Films. Und das, obwohl er nur einmal kurz durch das Bild läuft. „Vertigo“ ist ein astreines Beispiel dafür, wie der Zuschauer nach dem Sichten eines Filmes oft ein unfassbar klares Bild von einem Menschen haben kann, der wenig bis gar nicht im Film zu sehen ist. Alfred Hitchcock absolviert seinen Cameo-Auftritt bereits zu Beginn des Films. Er ist ein Passant, man sieht ihn, die Aufmerksamen im Publikum freuen sich einen Ast. Alles durchkalkuliert von Hitch, denn der Zuschauer soll sich nicht vom Inhalt ablenken lassen. Der ist ihm ein Anliegen. Hitchcock wurde als finstere Person tituliert, sein (angeblicher) Umgang mit Schauspielern wurde oben beschrieben. Hitchcock bezieht sich auf seine Kritiker, macht deutlich, dass auch er sich derartigem annimmt. Er rechnet nicht wirklich ab, er prüft, erklärt, zeigt auf, rechtfertigt sich gewissermaßen. Vor allem aber sucht er. John Scottie Ferguson versucht, eine Frau nach seinem Belieben umzuformen. Er gönnt ihr keine eigene Gestalt. Das ist verachtend. Im gleichen Sinn versucht Hitchcock, die Schauspieler zu anderen Menschen zu formen. Er will nicht James Stewart sehen, er will Scottie sehen. Erst mit der vollkommenen Transformation des Menschen wird Hitch befriedigt. In diesem Sinne diagnostiziert der Meister sich selbst als Opfer der tiefschwarzen (Todes-)Sehnsucht der Romantik. Der Vorstellung vom perfekten Untergang. Der Vorstellung vom perfekten Ende.


Mit „Vertigo - Aus dem Reich der Toten“ hat Alfred Hitchcock einen großartigen Film geschaffen. Die renommierte (aber auch nicht unkritisierte) Filmzeitschrift Sight & Sound wählte diesen Film 2014 an die Spitze der besten Filme aller Zeiten. Und tatsächlich ist Hitch hier auf der Höhe seines Könnens (souli würde sagen: „Er steht voll im Saft.“). Ein technisches Können, das er tatsächlich durch eine tiefere und sehr emotionale Ebene erweitern kann, ohne die typischen Hitchcock-eigenen Effekte seiner Filme zu verfehlen. Da hilft auch die grandiose Titelsequenz von Legende Saul Bass, die die Thematik und das Gefühl der Unsicherheit, des Ausgeliefertseins auf den Punkt genau übermittelt. Da kann man sich nur verneigen. Faszinierend anzusehen, reich an Ansätzen zum Analysieren und wahrlich zerreißend. Wer Hitchcock vorwirft, er würde alles Gefühl seiner mechanischen Handlung unterordnen, der wäre bei „Vertigo“ an der richtigen Adresse, um sich eines anderen belehren zu lassen.


8,5 von 10 roten Rosen


von Smooli

Review: KURT COBAIN - TOD EINER IKONE - Das Flair von Leichenfledderei

1 Kommentar:



Fakten:
Kurt Cobain – Tod einer Ikone (Soaked in Bleach)
USA. 2015. Regie: Benjamin Statler. Buch: Richard Middleton, Benjamin Statler. Mit: Tom Grant, Dnaiel Roebuck, Sarah Scott, Tyler Bryan, Julie Lancaster, August Emerson u.a. Länge: 90 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 9. Juni 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Innerhalb weniger Jahre wurde Kurt Cobain mit Nirvana zum Idol einer ganzen Generation. Doch der schnelle Ruhm setzte den eher scheuen Grungerocker immer mehr unter Druck. Drogen schafften ihm trügerische Erleichterung. 1994 flüchtete er aus einer Entzugsklinik und schoss sich, vollgepumpt mit Heroin, in den Kopf. Ein tragischer Selbstmord! - Das ist die offizielle Version der Geschichte. Privatermittler Tom Grant war ganz nah dran an den Ereignissen im April 1994. Denn Courtney Love, Cobains Ehefrau, hatte ihn beauftragt, den verschwundenen Rockstar zu finden. Von Anfang an konnte Grant das schnelle Urteil der Polizei nicht nachvollziehen. Es gab zu viele Ungereimtheiten. Cobains Schicksal ließ Grant nicht mehr los. Er ermittelte weiter und heute ist er überzeugt, dass Cobain Opfer eines Mordkomplotts wurde...





Meinung:
„Dieser Film untersucht den Tod von Kurt Cobain. Er zeigt persönliche Schlussfolgerungen und Meinungen von Fachleuten, die auf der Fallakte und Tonaufnahmen von Privatdetektiv Tom Grant basieren. Sie bestätigen, was Tom Grant herausgefunden hat. Es ist unwahrscheinlich, dass Courtney Love mit dem Inhalt des Films einverstanden ist. Aus Respekt vor der Tatsache, dass es sich um den Tod ihres Ehemanns handelt, wurde Mrs. Love Sichtweise des Geschehens der des Polizeidepartments in Seattle angeglichen. Sie entscheiden…“


Gestatten, das Kurt-Double
Mit diesen Worten in Form einer Texttafel beginnt „Kurt Cobain – Tod einer Ikone“ und gibt dabei bereits von  Beginn an die Marschrichtung vor, in der Regisseur Benjamin Statler und seine Dokumentation sich bewegen. Statler montiert Aussagen von forensischen Experten, ehemaligen Zeugen und Privatermittler Tom Grant mit Spielfilmsequenzen, die hauptsächlich zwei Dinge zeigen: Zum einen wie korrekt und engagiert Tom Grant seiner Arbeit nachging und wie verlottert, zu gedröhnt und kriminell Courtney Love doch war. Das Ergebnis dieser Mischung ist dann, dass Nirvana-Frontmann und Generation X-Messias Kurt Cobain ermordet wurde und dass seine Gattin etwas damit zu tun hatte. Dass sie den Auftrag erteilt hat, wagen Statler und seine Interviewpartner, wohl aus Furcht für mögliche, juristischen Konsequenzen, nicht auszusprechen, aber genau diese Behauptung schwelt dauerhaft, unausgesprochen im Raum. Nach knapp eineinhalb Stunden, wenn die Dokumentation zu einem Ende kommt, fühlt man sich als Zuschauer dennoch manipuliert. „Tod einer Ikone“ wiederholt sein Mantra, dass die offizielle Todesursache Selbstmord nicht stimmen kann und so häufig und schmettert jede andere Theorie so vehement wie stur nieder, dass man hier nicht von einer objektiven Dokumentation sprechen kann. Dass viele Aussagen über den mentalen Zustand Cobains  dazu von Leuten stammen, die ihn zwar privat kannten, allerdings während seiner Nirvana-Zeit keinen Kontakt zu ihm hatten, unterstreicht den manipulierenden Eindruck von "Tod einer Ikone" immens.


„Kurt Cobain – Tod einer Ikone“ gießt wieder Öl ins Verschwörungsfeuer des (mysteriösen) Todesfalls, der im April 1994 die Popwelt schockte und angeblich mehr Teenager zum Selbstmord bewegte, als die Trennungen der großen Boybands. Wirklich Neues kann Regisseur Statler aber nicht vorweisen. Mehr wirkt „Tod einer Ikone“ wie ein erneuter Ausverkauf des Cobain-Mythos. Der Versuch, auch nach über 20 Jahren, noch ein Quäntchen Aufmerksamkeit und wahrscheinlich auch den einen oder anderen Dollar aus der Tragödie herauszuquetschen. Zugegeben, so pietätlos wie etwa der Vater von Courtney Love, der seine eigene Tochter seit Jahren des Mordes an ihrem Ehemann bezichtigt, ist „Tod einer Ikone“ nicht. Dennoch umgibt die Dokumentation das Flair einer sehr einseitigen Aufarbeitung – und der Leichenfledderei.


3 von 10 Cobain-Doubles

Review: HARAKIRI - One Samurai-Movie to rule them all…

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Fakten:
JP. 1962. Regie: Masaki Kobayashi. Buch: Shinobu Hashimoto. Mit: Tatsuya Nakadai, Rentaro Mikuni, Shima Iwashita, Akira Ishihama, Tetsuro Tamba, ua. Länge: 132 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Der einsame Samurai Tsugumo Hanshiro bittet einen Fürsten darum, auf seinem Hof den ehrenvollen Selbstmord durchführen zu dürfen. Aber ist das wirklich sein einziges Anliegen? Und wieso scheint er mehr zu wissen als alle anderen?





Meinung:
Masaki Kobayashi beeindruckte in den Jahren 1959 bis 1961 mit drei langen, wichtigen und kräftigen Filmen über die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges. Die „Barfuß durch die Hölle“-Trilogie ist ein Monstrum. Und niemand hätte es Kobayashi übelnehmen können, hätte er danach seine Hände abgeputzt und die Kamera an den Nagel gehängt. Hat er aber nicht, stattdessen veröffentlichte er ein Jahr später einen verhältnismäßig kleinen Film. Zwei Stunden Laufzeit, eine absolut begrenzte Zahl von Figuren und Handlungsorten. Was er aber mit diesen Komponenten anstellt, was er aus den limitierten Möglichkeiten alles rausholt, das sprengt jeglichen Rahmen.


Für die Ehre, oder zumindest einfach so zum Spaß
Das Harakiri, oder auch Seppuku genannt, war eine Art der Selbsttötung, mit denen herrenlose Samurai, die sogenannten Ronin, sich selbst auf ehrenhafte Weise in die nächste Welt befördern konnten. Was sie dazu machen mussten, ist sich ein Schwert in den Bauch zu stechen und rumzurütteln, bis alles rausfiel, was rausfallen konnte. Danach wurde ihnen von einem Sekundanten der Kopf abgeschlagen. Alles höchst ehrenwert. Kobayashi nutzt dieses Zeitalter des 17. Jahrhunderts, rüttelt gehörig an den Fundamenten der Zeit und ihren (Moral-)Vorstellungen und stößt dem Samurai-Genre kräftig vor den Latz. Besonders deutlich in diesem Film, der lediglich zwei Kampfszenen beinhaltet und ansonsten aus Dia- und Monologen besteht, ist wie sehr es Kobayashi am Herzen liegt, den romantisierten Mythos des Samurai freizulegen, und ihn in seiner realen rauen Wahrheit zu zeigen. Sich selbst den Bauch aufzuschneiden, um ehrenhaft zu sterben ist Schwachsinn. Kobayashi weiß das und nimmt sich dem Beispiel des Harakiri an, um eben dies deutlich zu machen. Der Begriff der Ehre dient bei den Meistern als Vorwand, um sich die Untertanen gefügig zu machen. Das wird solange zelebriert, bis die Untertanen selbst glauben, was ihnen von oben eingetrichtert wird. Die Macht der Ehre geht dabei so weit, dass die Samurai Liebe, Familie und Gesundheit an zweite, dritte und vierte Stelle packen, und so unwissend ins verblendete Elend laufen.


"Jemand Lust Flaschendrehen zu spielen?"
Und diese unwissende Zerstörung des eigenen Lebens wird nicht nur von ihren Herren in Kauf genommen, sondern wissentlich so inszeniert. Sie predigen Begriffe der Ehre und erheben diese Eigenschaft zur Tugend aller Tugenden. Selbst daran glauben, was sie da erzählen tun sie jedoch nicht. Sie handeln, wie es ihnen grad in die Karten spielt. Von Anfang an. Es hat etwas Tyrannisches bloß um die Komponente der Gehirnwäsche erweitert, sodass der Tyrann gar nicht als solcher wahrgenommen wird. Hanshuro schließlich ist es, der die Definitionen der Ehre und Wortvorstellungen der Herren anzweifelt und offen kritisiert. Wo bleibt seine Ehre, wenn er materiellen Besitz über das Leben seiner Familienmitglieder setzt? Wo bleibt seine Ehre, wenn er im Eifer nach jener vergisst, was zu Lieben bedeutet? Erst werden diese Fragen und Anmerkungen von den Meistern als Schwachsinn abgetan. Bis eine Grenze überschritten wird und abgeschnittene Zöpfe ins Spiel gebracht werden. Winzig, absurd und unbedeutend liegen sie auf dem Kies. Desto wahnsinniger erscheint das, was sie bedeuten. Ein abgeschnittener Zopf eines Samurai ist die größte Schande, die ihn ereilen kann. Nicht einmal ein Freitod durch Harakiri würde ihn davon befreien. Kobayashi muss gar keine inszenatorischen Kunststücke aufführen, damit dem Zuschauer klar wird, wie kaputt und scheinheilig dieses System ist.


"Gibt's die auch in Größe 34?"
Wie erwähnt bestehen die zwei Filmstunden zur überwältigenden Mehrheit aus Dialogen. Von Langeweile ist dieser Film dennoch so weit entfernt, dass man stattdessen aus der Begeisterung nicht heraus kommt. Quentin Tarantino sagt zwar viel, wenn der Tag lang ist, aber er sagt auch viel Schlaues. Zum Beispiel, dass eine Geschichte nicht chronologisch erzählt werden muss, um zu fesseln. Es kommt ganz und gar darauf an, wie sie sich entfaltet. Deshalb macht es nicht nur Sinn, es fühlt sich auch verdammt gut an, wenn Vincent und Jules am Ende von „Pulp Fiction“ aus dem Diner gehen. Es fühlt sich komplett an. Auch „Harakiri“ erzählt in mehreren Zeitebenen und springt mittels Erzählungen von der Gegenwart in die ferne Vergangenheit, ein paar Tage weiter noch vorne, wieder zurück in die Gegenwart, … Und das alles ist derart elegant und mit Bravour gelöst, dass man, sollte man sich die Zeit nehmen, mit diesem Film eine der dichtesten und spannendsten 130 Minuten vor sich, die bis jetzt auf Film gebannt wurden. „Harakiri“ ist ein dramaturgisches Meisterwerk. Aber nicht nur das, das Drehbuch, das Zeitgefühl, die Dialoge und die Bildregie, alles, wirklich alles ist derart großartig geplant und ausgeführt, dass man wünschte, man könne eben ein paar neue Superlative erfinden.


Martin Scorsese war es, der, nachdem er Eastwoods Western „Erbarmungslos“ gesehen hat, sagte, es sei alles zum Western-Genre gesagt worden, was es zu sagen gibt. Gleiches könnte man über das Samurai-Genre sagen, nachdem die Sichtung von „Harakiri“ erfolgte. Kobayashi nimmt die Zügel in die Hand und bedient sich einiger Komponenten, wandelt sie jedoch ab ebenso geschickt wie gekonnt ab und schafft etwas Großartiges. Etwas, das selten geschieht und diesen Film in die Liga der ganz Großen katapultiert. Wenn filmische Akribie und Perfektion, ein beeindruckend konsequenter Hintergrund und die tiefgreifende Doppelbödigkeit ineinandergreifen wie perfekt laufende Zahnräder, dann wird das Sehen eines Films zu einem Erlebnis. „Harakiri“ ist definitiv eines und zeugt von den grandiosen Fähigkeiten eines Regisseurs, der selbst zu dem Zeitpunkt der Entstehung schon niemandem mehr irgendwas beweisen musste.


9 von 10 ehrenhaften Kaiserschnitten


von Smooli

Review: COBAIN: MONTAGE OF HECK - Die ultimative Rock-Dokumentation?

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Fakten:
Cobain: Montage of Heck
2014. USA. Regie und Buch: Brett Morgan. Mit: Kurt Cobain, Krist Novoselic, Courtney Love u.a. Länge: 132 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 28. Mai 2015 auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Es wird versucht, Kurt Cobains Leben und Schaffen auf den Grund zu gehen. Interviews gibt es mit seinen Eltern, seiner Frau, dem Bassist von Nirvana und anderen.





Meinung:
Es ist wahrscheinlich überaus schwierig, sich dem Wesen Kurt Cobains und seinem Vermächtnis zu entziehen. Schwierig, ihn nicht interessant zu finden und manchmal gar schwierig, nicht begeistert zu sein. Von der rohen Musik, die man schnell als „Krach“ abstempeln kann, ihr dabei aber viel Wert und vor allem Wahrheit abspricht. Montage of Heck wird beinahe universell gefeiert und ist fast schon eine Sensation. Als Kinoerlebnis gedacht, wurde sie nun auf HBO ausgestrahlt, kam dennoch vereinzelt in die internationalen Kinosäle, um Fans, Musiker und Interessierte zu erfreuen und ist bald im freien Handel erhältlich.


Wirklich ein Engel, oder doch mehr ein Teufel?
Was macht eine Dokumentation zu einer guten Dokumentation? Was sind ihre Aufgaben, ihre Pflichten, wovon sollte sie Abstand halten, um nicht an Wirkung und Glaubwürdigkeit zu verlieren? Reicht es als Qualitätsmerkmal, wenn die Dokumentation dem Zuschauer eine Meinung solange eindröhnt, bis dieser am Ende der gleichen Meinung ist? Der Film ist ein mächtiges Medium mit vielen Möglichkeiten. Nicht selten wird das ausgenutzt, wie zum Beispiel Al Gores Prestige-Werk „An Inconvenient Truth“ zeigte. Zu vergleichen sind die beiden Dokumentation jedoch keineswegs, da die Intentionen grundlegend verschieden sind. Brett Morgan wollte mit dieser Dokumentation einen tiefen Einblick in den Menschen Kurt Cobain liefern. Nicht umsonst ziert ein Zitat das Plakat, das dieses zweistündige Werk als die „most intimate rock doc ever“ bewirbt. Anfangs scheint das auch zu stimmen, wenn dem Zuschauer Videoaufzeichnungen aus Kurts Kindheit gezeigt werden und Interviews mit den Hinterbliebenen aus der Familie Cobain geführt werden. Anderen Dokumentationen über Cobain wird vorgeworfen, ihn nicht als Menschen, sondern als Legende zu inszenieren, wodurch Nähe zum Zuschauer ganz einfach nicht gegeben sein kann. Das ist hier glücklicherweise anders. Man lernt über Cobains Sehnsucht, Hass und Einsamkeit. Nähe zur Person Cobain wird vor allem mit Fortschreiten der Laufzeit erreicht, wenn man ihm mit seiner Tochter und Frau beim Herumspaßen zusehen kann.


Cobain mit Töchterchen Francis Bean
Doch schon bei den Interviews bilden sich erste Schwierigkeiten. Die Interviewten wirken nämlich, mit Ausnahme von Nirvana Bassist Krist Novolesic, als würden sie die Möglichkeit nicht zur Aufklärung über Cobain nutzen, sondern um sich selbst darzustellen beziehungsweise zu erklären. Das ist befremdlich, nimmt die Freude und lindert die Überzeugung, dass man den Menschen wirklich Glauben schenken möchte. Mit der Zeit wird dies leider alles andere als besser, wodurch die Qualität der Aussagen der Interviewten abnimmt. Einzig die Eltern schaffen mit dazugehörigen Videoaufnahmen aus dem eigenen Haus ein Bild von Kurt, der als Kleinkind das Zentrum jedes Geschehens und von Anfang an hyperaktiv, emotional, sensibel, interessiert aber auch verwirrt war. Er fühlte sich ausgestoßen, abgewiesen, anders, so wie man ihn sich eben vorstellt, wenn man ihn singen hört. Mit der Zeit wurde aus ihm ein Mann, der einen Traum hatte und ihn erreichte. Doch anstatt Erfüllung erwartete ihn Enttäuschung, weil er sich mehr versprochen hatte. Die unheimlich graphischen und privaten Aufzeichnungen von Cobain schreien dem Betrachter förmlich diese zerrissene und verletzte Seele entgegen. Interessant anzusehen, alarmierend und damit stets mit dem bitteren Beigeschmack verbunden, dass es zu spät ist. Wäre es nicht um diese Kritzeleien, Zeichnungen und andere Werke; die Dokumentation wäre nicht halb so interessant.


Cobain wie man ihn kennt
Es sind nämlich diese hinterlassenen Dinge, die der Welt ein Geschenk sind, weil sie mehr über Cobain aussagen, als je irgendein Film im Stande wäre. Sie beweisen, dass Cobain ein Expressionist war, der seine innere Seele, das Ungewisse, Fremde und Extreme verarbeitete. Die Animationen der Werke sind gut, erschreckend, informativ, unterhaltsam, fordern aber auch einen aufmerksamen Zuschauer, der Willens ist, sich damit auseinanderzusetzen. Umso erschreckender ist es, dass die Dokumentation nachlässig mit diesen Notizen, Zeichnungen, etc. umgeht. Sie werden instrumentalisiert, um den Zuschauer zu manipulieren. Textzeilen von Notizen werden vollkommen aus dem Zusammenhang geblasen, um zu schocken und Eindruck zu schinden. Das ist nicht nur schade, sondern auch einer sogenannten „intimen Dokumentation“ in höchstem Maße unwürdig. Zudem strahlt der Film zuweilen die gleiche Sensationsgeilheit aus, die Cobain Zeit seines Musikerdaseins verachtete, gegen die er kämpfte. Dadurch verliert die Arbeit von Brett Morgan unheimlich viel Glaubwürdigkeit, denn so scheint es, als hätten die Macher aber auch gar nichts von dem verstanden, wofür Kurt Cobain stand. Dadurch wirkt das Werk weniger wie ein Herzensprojekt der Macher, sondern wie Kalkül, wie ein Bedienen der Massen ohne wirklichen Sinn und Verstand.


Bessere Zeiten für Cobain, trotz Chaos
„Cobain: Montage of Heck“ instrumentalisiert einen Mann, der sich gegen den Strom stemmte, gegen an arbeitete, Anarchie versprühen wollte. Dessen Anarchie schließlich instrumentalisiert wurde, was ihn verwirrte, seinem noch jungen Lebenswerk widersprach und ihn wahrscheinlich in den Suizid trieb. Diese Ironie muss man sich erst einmal verdeutlichen, bevor man diese Dokumentation dafür abfeiert, dass sie Kurt Cobain verstünde. Es stimmt, dass die Archivaufnahmen sehr interessant sind, den Menschen Cobain an sich zeigen. Auch eine Intimität zwischen Zuschauer und Cobain entsteht zuweilen. Aber dennoch lassen sich nach einem überraschend unspektakulären Ende folgende Fazits ziehen: Wer sich schon vorher mit Kurt Cobain auseinandergesetzt hat, der erfährt nicht viel Neues und kann sich nur ein paar privaten Bildern und Videos aus der Wohnung der Cobains erfreuen. Die Doku scheint die Aussagen hinter Cobains Werk entweder zu ignorieren oder unwissentlich gegen sie zu arbeiten. Beide Fälle sind gleichermaßen zu verachten, weil sie eine intime und intensive Auseinandersetzung mit der Person Kurt Cobain ausschließen. Die Dokumentation geht zuweilen kalkulierend mit Dokumenten um, damit sie die Regeln der Dramatik erfüllen kann. Da bekommt die Aussage des Regisseurs, der Film sei für das Kino gedacht, eine ganz neue Dimension. Was macht eine Dokumentation zu einer guten Dokumentation? Dies sicherlich nicht.


In Kurt Cobains Abschiedsbrief stand der Satz „It’s better to burn out than to fade away.“
Etwas, was sich die Dokumentation nicht zu Herzen genommen hat, da der Abspann anfängt und den Zuschauer mit einem seltsamen Gefühl der Unfertigkeit sitzen lässt. Fans und Interessierte erfahren hier sicherlich nicht viel Neues. Stattdessen kann man hier über zwei Stunden hinweg sein Wissen abnicken, bis der Bildschirm schwarz wird und zum ersten Mal die legendären Klänge der  Gitarre von Smells Like Teen Spirit ertönen. Wer wirklich mehr über den sagenumwobenen Menschen erfahren will, der sollte sich einen ganz bestimmten Satz zu Herzen nehmen, den Kurt Cobain in einem Interview sagt: „It’s all in the music.“


5 von 10 tollen Kritzeleien


von Smooli