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Review: KURT COBAIN - TOD EINER IKONE - Das Flair von Leichenfledderei

1 Kommentar:



Fakten:
Kurt Cobain – Tod einer Ikone (Soaked in Bleach)
USA. 2015. Regie: Benjamin Statler. Buch: Richard Middleton, Benjamin Statler. Mit: Tom Grant, Dnaiel Roebuck, Sarah Scott, Tyler Bryan, Julie Lancaster, August Emerson u.a. Länge: 90 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 9. Juni 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Innerhalb weniger Jahre wurde Kurt Cobain mit Nirvana zum Idol einer ganzen Generation. Doch der schnelle Ruhm setzte den eher scheuen Grungerocker immer mehr unter Druck. Drogen schafften ihm trügerische Erleichterung. 1994 flüchtete er aus einer Entzugsklinik und schoss sich, vollgepumpt mit Heroin, in den Kopf. Ein tragischer Selbstmord! - Das ist die offizielle Version der Geschichte. Privatermittler Tom Grant war ganz nah dran an den Ereignissen im April 1994. Denn Courtney Love, Cobains Ehefrau, hatte ihn beauftragt, den verschwundenen Rockstar zu finden. Von Anfang an konnte Grant das schnelle Urteil der Polizei nicht nachvollziehen. Es gab zu viele Ungereimtheiten. Cobains Schicksal ließ Grant nicht mehr los. Er ermittelte weiter und heute ist er überzeugt, dass Cobain Opfer eines Mordkomplotts wurde...





Meinung:
„Dieser Film untersucht den Tod von Kurt Cobain. Er zeigt persönliche Schlussfolgerungen und Meinungen von Fachleuten, die auf der Fallakte und Tonaufnahmen von Privatdetektiv Tom Grant basieren. Sie bestätigen, was Tom Grant herausgefunden hat. Es ist unwahrscheinlich, dass Courtney Love mit dem Inhalt des Films einverstanden ist. Aus Respekt vor der Tatsache, dass es sich um den Tod ihres Ehemanns handelt, wurde Mrs. Love Sichtweise des Geschehens der des Polizeidepartments in Seattle angeglichen. Sie entscheiden…“


Gestatten, das Kurt-Double
Mit diesen Worten in Form einer Texttafel beginnt „Kurt Cobain – Tod einer Ikone“ und gibt dabei bereits von  Beginn an die Marschrichtung vor, in der Regisseur Benjamin Statler und seine Dokumentation sich bewegen. Statler montiert Aussagen von forensischen Experten, ehemaligen Zeugen und Privatermittler Tom Grant mit Spielfilmsequenzen, die hauptsächlich zwei Dinge zeigen: Zum einen wie korrekt und engagiert Tom Grant seiner Arbeit nachging und wie verlottert, zu gedröhnt und kriminell Courtney Love doch war. Das Ergebnis dieser Mischung ist dann, dass Nirvana-Frontmann und Generation X-Messias Kurt Cobain ermordet wurde und dass seine Gattin etwas damit zu tun hatte. Dass sie den Auftrag erteilt hat, wagen Statler und seine Interviewpartner, wohl aus Furcht für mögliche, juristischen Konsequenzen, nicht auszusprechen, aber genau diese Behauptung schwelt dauerhaft, unausgesprochen im Raum. Nach knapp eineinhalb Stunden, wenn die Dokumentation zu einem Ende kommt, fühlt man sich als Zuschauer dennoch manipuliert. „Tod einer Ikone“ wiederholt sein Mantra, dass die offizielle Todesursache Selbstmord nicht stimmen kann und so häufig und schmettert jede andere Theorie so vehement wie stur nieder, dass man hier nicht von einer objektiven Dokumentation sprechen kann. Dass viele Aussagen über den mentalen Zustand Cobains  dazu von Leuten stammen, die ihn zwar privat kannten, allerdings während seiner Nirvana-Zeit keinen Kontakt zu ihm hatten, unterstreicht den manipulierenden Eindruck von "Tod einer Ikone" immens.


„Kurt Cobain – Tod einer Ikone“ gießt wieder Öl ins Verschwörungsfeuer des (mysteriösen) Todesfalls, der im April 1994 die Popwelt schockte und angeblich mehr Teenager zum Selbstmord bewegte, als die Trennungen der großen Boybands. Wirklich Neues kann Regisseur Statler aber nicht vorweisen. Mehr wirkt „Tod einer Ikone“ wie ein erneuter Ausverkauf des Cobain-Mythos. Der Versuch, auch nach über 20 Jahren, noch ein Quäntchen Aufmerksamkeit und wahrscheinlich auch den einen oder anderen Dollar aus der Tragödie herauszuquetschen. Zugegeben, so pietätlos wie etwa der Vater von Courtney Love, der seine eigene Tochter seit Jahren des Mordes an ihrem Ehemann bezichtigt, ist „Tod einer Ikone“ nicht. Dennoch umgibt die Dokumentation das Flair einer sehr einseitigen Aufarbeitung – und der Leichenfledderei.


3 von 10 Cobain-Doubles

Review: INHERENT VICE – NATÜRLICHE MÄNGEL - Verschluckt von der Ökonomie

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Fakten:
Inherent Vice – Natürliche Mängel
USA. 2014. Regie: Paul T. Anderson. Buch: Paul T. Anderson, Thomas Pynchon (Vorlage). Mit: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Katherine Waterston, Owen Wilson, Reese Witherspoon, Jena Malone, Joanna Newsom, Benicio Del Toro, Maya Rudolph, Eric Roberts, Michelle „Belladonna“ Sinclair, Michael K. Williams, Martin Short, Serena Scott Thomas, Martin Dew, Timothy Simons, Shannon Collis, Hong Chau, Christopher Allen Nelson, Keith Jardine, Katie Schwartz u.a. Länge: 148 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 25. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
1970, Kalifornien: Privatermittler Doc erhält von seiner Ex-Freundin Shasta die Information, dass ihr ehemaliger Geliebter, der Milliardär Mickey Wolfmann, von seiner Frau und deren Liebhaber entführt und in eine psychiatrische Klinik gesperrt werden soll. Shasta hofft, das Doc ihr hilft dies zu verhindern. Doc nimmt an, muss jedoch bald einsehen, dass dies kein einfacher Job wird. Vor allem sein ehemaliger Kollege, der ruppige Cop Bjornsen, macht ihm das Leben und die Ermittlung schwer.





Meinung:
Never change a winning team. Nach “The Master” drehte Paul T. Anderson erneut mit Joaquin Phoenix und suchte sich dafür nichts Geringeres aus, als die Verfilmung eines Romans des gefeierten wie als schwer zugänglich geltenden US-Autor Thomas Pynchon. Im Zentrum steht Privatdetektiv Larry Sportello und seine Suche nach dem verschwundenem Baulöwen Mickey Wolfmann. Die Suche führt den Privatermittler und den Zuschauer in eine abgedriftete Welt aus Sonne, Geld, Drogen und windigen Klischees.


Doc und sein Anwalt bekommen Probleme
Dieser Larry „Doc“ Sportello ist so ein windiges Klischees. Windig, weil er zum einen sämtliche Stereotypen zu erfüllen scheint, nur um wenig später sie dann doch genüsslich zu unterwandern, oder sie sogar komplett zu ignorieren. Doc ist klassischer Privatdetektiv gekreuzt mit den Einsichten und Umgangsformen eines passionierten Cannabis-Anhängers. Fast möchte man Vergleiche zu „The Big Lebowski“ ziehen, doch Regisseur Anderson hat dafür seinem Film sowie den Figuren dann doch einen zu eigeneständigen Drive verpasst. Einen Drive, von dem der gesamte Film durchzogen ist. Das macht ihn so speziell, so besonders, so gut. Allerdings führt dies auch dazu, dass „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ sehr zerfasert erscheint. So ist der Film voll mit Figuren, diese aber bleiben meist nur unscharfe Silhouetten. Wirklich im Fokus sind nur Doc und der Polizist Christian „Bigfoot“ Bjornsen. Beide verbindet eine innige Beziehung aus Hass, Neugier, gemeinsamer Vergangenheit und unausgesprochenerKameradschaft.


Bigfoot und Doc haben eine besondere Beziehung
Doc und Bigfoot, sie repräsentieren zwei Extreme der amerikanischen Kultur: der liberale Slacker und der beharrlich Regelkonforme. Ein Ying und Yang, wie es sie überall gibt, und doch meist amerikanischen Figuren zugesprochen wird. „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ formt daraus einen filmischen Reigen, den man wohl am ehesten als psychedelischen Film Noir beschreiben kann. Und doch ist Reigen eine falsche Formulierung, impliziert es doch stetige Aktivität. Anderson Thomas Pynchon-Verfilmung huldigt aber dem Müßiggang. Alles im Film wirkt entspannt, was zum einen an den (mal wieder) herausragenden Bildern von Kameramann Robert Elswitt deutlich wird, sowie an den Darstellern. Entfachte Joaquin Phoenix in seiner letzten Anderson-Zusammenarbeit, „The Master“, noch einen infernalen, bis zur Erschöpfung und Bedingungslosigkeit geführte Schauspielleistung, agiert er hier gelöst und amüsiert. Wie ein Stahlwerker im wohlverdienten Urlaub. Dieses Losgelöste der Figuren unterstreicht die karikaturhaften Züge der einzelnen Charaktere, auch wenn die meisten im Grunde nur Staffage oder Stichwortgeber sind, damit Doc innerhalb der Narration voran kommt und im Idealfall erneut auf Bigfoot trifft.


 

Shasta führt ihren Ex Doc auf eine heiße Spur - oder hinters Licht?
Doc und Bigfoot sind wie die zwei unterschiedlichen Pole eines Magneten. Sie ziehen sich an. Aber noch mehr als das stehen beide auf dem Verliererposten. Doc als ewiger Kiffer und Bigfoot als stoischer Traditionalist, sie beide werden von der Modernität verschluckt werden. Nennen wir es so... oder der Einfachheit halber Kapitalismus. „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ ist auch ein Grabgesang für zwei kulturelle Extreme, die gerne mit Amerika assoziiert werden, und auch zu einem gewissen Grad die Freiheit verkörpern. Sie werden nach und nach von den Mühlen der Ökonomie vereinnahmt oder gleich verschluckt. Wie sinnbildlich erscheint da die Szene, in der Bigfoot Docs Marihuana–Vorrat vertilgt, als ob er wochenlang gehungert hätte. Diesen subjektiven Subtext drängt „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ allerdings niemanden auf. Die smoothe wie geschwätzige Krimikomödie funktioniert genauso gut als aussageloses Vehikel für hübsch bebilderte und aneinanderreihte Momente, die teils grandiose Darsteller in stetig kurioser werdenden Szenen darbietet. Ein Rausch des Eigensinns, ist der neue Anderson-Film. Damit wird er es gewiss schwer haben, die an ihn gestellte Erwartungen zu erfüllen, aber vielleicht passt zu „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ eine alte Kifferfloskel einfach am besten: Take it, or leave it.


„Inherent Vice – Natürliche Mängel“ ist nicht das Meisterwerk gewurden, was viele erwartet haben. Das ist gut so. Es macht deutlich, dass Paul T. Anderson immer noch einer der besten, kreativsten und vielleicht auch unberechenbarsten Filmemacher unserer Zeit ist. Mag sein, dass „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ ähnlich im Schatten bleiben wird, wie Andersons romantische Komödie „Punch-Drunk Love“, aber gut, im Schatten hat man auch viele Freiheiten und wenig Ökonomie.


8 von 10 Lachgasgespräche

Review: VERONICA MARS - Angenehm unaufgeregt

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Fakten:
Veronica Mars
USA. 2014.
Regie: Rob Thomas. Buch: Diane Ruggiero, Rob Thomas. Mit: Kristen Bell, Jason Dohring, Enrico Colantoni, Krysten Ritter, Tina Majorino, Percy Daggs III, Chris Lowell, Martin Starr, Max Greenfield, Daran Norris, Francis Capra, Ken Marino, Gaby Hoffman, Ryan Hansen, Jerry O’Connell, Sam Huntington, James Franco, Lisa Thornhill, Andrea Estella, Jaime Lee Curtis, Christine Lakin u.a. Länge: 107 Minuten. Ab 31. Juli auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Neptune, Kalifornien. Diese Kleinstadt hat Veronica Mars vor gut zehn Jahren verlassen. Zu viel hat die junge Privatdetektivin dort erleben müssen. Nun ist sie Anwältin und steht kurz davor einen lukrativen Job anzunehmen. Doch als ihr alter Freund Logan, der immer noch in Neptune lebt, beschuldigt wird, seine Freundin ermordet zu haben, kehrt Veronica in ihre Heimstadt zurück, um den Fall zu lösen.





Meinung:
„Veronica Mars“, die Krimiserie von Rob Thomas, wurde vom Sender The CW bereits nach drei Staffel abgesetzt. Der Grund waren die schwachen Quoten. Doch auch nach dem Serienende 2007 gab es immer noch genügend Fans, die darauf drängten erfahren zu wollen, wie es mit Titelheldin Veronica weitergeht, schließlich endete Staffel 3 mit einem Cliffhanger. Thomas versuchte viel, um offene Fragen und neue Ideen in einem „Veronica Mars“-Film zu verarbeiten, doch die Studios schien uninteressiert. Mit Hilfe von Kickstarter, der großen Crowdfunding-Plattform im Internet, gelang es ihm und seinem Team allerdings innerhalb kürzester Zeit über 5 Millionen US-Dollar einzunehmen. Warner Bros. reichte das, stieg mit ins Projekt ein und die Fans bekamen ihren Film rund um die blonde Privatdetektiv aus Kalifornien.


Schießt nur mit der Kamera: Veronica Mars
Problem bei Serien die einen Ausflug sin Kino spendiert bekommen ist immer die Tatsache, dass nicht alle Zuschauer mit dem erzählerischen Hintergrund vertraut sind. Wer z.B. nie „Akte X“ gesehen hat, wird die Hälfte bei „Akte X – Der Film“ wohl nicht verstehen. „Veronica Mars“ hat dazu das Problem, dass der Film erst Jahre nach dem Serienaus erschien Ist der Film also auch wirklich für die konsumierbar, die von „Veronica Mars“ zuvor noch nichts gehört haben? Ganz sicher ist Rob Thomas Film für jene Art von Zuschauer ein Genuss, die die Serie kennen und lieben, doch auch Unwissende (wie der Autor dieses Textes) können mit dieser vom Film Noir inspirierten Kriminalgeschichte bestens unterhalten werden. Das liegt nicht unbedingt am kurzen Prolog, in dem die Vorgeschichte komprimiert zusammengefasst wird, sondern mehr daran, dass es Thomas gelingt die Handlung so zu gestalten, dass Serienfans alte Bekannte wiedersehen und liebgewonnene Rituale wiedererkennen können, dies aber im Blick eines unerfahrenen Zuschauers nicht wie unverständlicher Fan-Service wirkt, sondern wie die Konstruierung eines narrativen Umfeldes.


Veronica bei ihrer alltäglichen Arbeit
Natürlich werden Serienkenner Dinge hier und da schneller erfassen und durchschauen, aber das fällt nicht ins wertende Gewicht. Die Kriminalhandlung ist dafür einfach zu wunderbar unaufgeregt. Ohne Zwang große Schauwerte auf dem Silbertablett servieren zu müssen folgt „Veronica Mars“ ihrer Narration. Es wird ermittelt, recherchiert, ausgefragt, belauscht und manchmal muss die Heldin durch die eine oder andere brenzlige Situation. Der Begriff old school drängt sich da auf und wenn er positiv gemeint ist, so passt er durchaus zum Film. Kombiniert mit dieser Bodenständigkeit werden dazu diverse Schlagfertigkeiten von Heldin Veronica, sowie einige kulturelle wie gesellschaftliche Verweise. Da dürfen dann auch ein paar Gaststars nicht fehlen wie etwa James Franco, Jaime Lee Curtis, Justin Long und Dax Shepard, der im wahren Leben mit Hauptdarstellerin Kristen Bell verheiratet ist. Bell, das verwundert wenig, spielt Veronica übrigens mit vollem Charme und absoluter Hingabe. Nach Sichtung des Films, werden gewiss einige Zuschauer die Serie allein wegen ihrer Präsenz nachholen wollen.


„Veronica Mars“ ist, abseits der Entstehungsgeschichte und TV-Vergangenheit, ein wohltuend einfacher Film. Konzentriert auf seine Figuren sowie dem Kriminalplot, versehen mit smarter Komik und gut aufgelegten Darstellern, füllt er nicht bloß die Lücke, die nach dem offenen Ende der letzten Staffel entstanden ist, sondern rückt den klassischen Krimi, einhergehend mit den Stilmitteln des Film Noir wieder ein wenig ins Bewusstsein. Den stilistischen wie erzählerischen Schick sowie Nachdruck eines „Brick“ erreicht „Veronica Mars“ zwar zu keiner Zeit, aber Rian Johnsons Meisterwerk hat auch eine andere, künstlerisch anspruchsvollere Gewichtung. Man könnte sagen, „Veronica Mars“ ist ein hervorragender Appetizer.


7 von 10 glücklichen Wiedersehen

Review: ALPHAVILLE - LEMMY CAUTION GEGEN ALPHA 60 - Gegenwart ist Zukunft

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Fakten:
Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60 (Alphaville)
Frankreich, Italien. 1965. Regie und Buch: Jean-Luc Godard. Mit: Eddie Constantine, Anna Karina, Howard Vernon, Akim Tamiroff, Christa Lang, Jean-Pierre Léaud, László Szabó u.a. Länge: 89 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Privatdetektiv Lemmy Caution sucht in der Stadt Alphaville nach einem vermissten Agenten. Alphaville steht allerdings unter der Kontrolle von Professor von Braun und dessen Computersystem Alpha 60.





Meinung:
Jean-Luc Godard spaltet die Gemüter mit provokativer Vorliebe. Dabei stellt er für den Großteil der Filmliebhaber so etwas wie den eindrucksvollsten Virtuosen der Filmgeschichte dar, der durch sein gezieltes Vorstoßen gegen herkömmliche Sehgewohnheiten nicht nur an die Fiktion der Illusion des Kinos erinnert und dadurch auf jede tradierte Regel gepfiffen hat, sondern auch durch sämtliche (Re-)Zitierungen und Referenzen aus den verschiedensten Kunstbereichen seinen Platz als unantastbarer Visionär im Herzen der Cineasten gesichert hat. Auf der anderen Seite steht allerdings ein Haufen stirnrunzelnder Zweifler, die Godards filmhistorische Bedeutung ohne Wenn und Aber in ihrem vollem Ausmaß akzeptieren, die Gegenliebe des Publikums aber nicht wirklich nachvollziehen können. Da werden die obligatorischen Beschuldigungen der Inhaltsleere aufgegriffen, die Godard durch angesprochene Versatzstücke aus den angesammelten Chroniken von sämtlichen Philosophen und Politikern aufarbeitete, um sie in seinen formalen (Anti-)Stil zu montieren. Kann man einen Film daher als »Gelungen« bezeichnen, wenn sich ein Regisseur mit den rhetorischen Lorbeeren anderer Künstler schmückt und dadurch enorme literarische Kenntnisse voraussetzt, um dem Zuschauer so auch zu ermöglichen, bis auf den philosophischen Kern vorzustoßen? Dazu kommt natürlich noch die eingekesselte Motivation Godards, die in ihrer angestrebten Tragweite nur funktioniert und sich entfalten kann, wenn sie in ihrem zeitlichen Kontext beleuchtet wird und so durchaus in der Lage ist, gesellschaftliche Missstände zu reflektieren.


Professor von Braun: wirklich sehr vertrauenswürdig
Unkenrufe treffen auf Lobhudeleien, aber ein gemeinsamer Nenner wird in diesem konzeptionellen Kritisieren nie gefunden werden. Es steht jedoch außer Frage, dass Godard ein Filmemacher ist, der viel Aufmerksamkeit verlangt und auch den Personen einiges bieten kann, die sich eher in der widerwilligen Gruppe einquartiert haben. Ein Paradebeispiel ist sein inkomparabler Genremix »Alphaville«. Jean-Luc Godards Œuvre ist eine mathematische Gleichung ohne prinzipielle Replik. Das beschwört in seiner kinematographischen Verzerrung reichlich Gegenwind, bleibt jedoch immer ein unspezifisches und anarchisches Filmerlebnis, welches man schlussendlich liebt oder verabscheut. »Alphaville« macht es dem Zuschauer in seiner Aufmachung deutlich leichter und gewährt ihm – obgleich es natürlich immer noch ein Godard bleibt und daher kaum vergleichbar mit anderen Filmen ist – schnell den nötigen Zugang zum Handlungsschema zu finden. Vor allem ist es doch herrlich zu beobachten, wie ein Filmemacher eine klare Vision verfolgt, sich selbst dabei vollkommen treu bleibt und dennoch die Türen für ein größere Publikum öffnet, gleichzeitig seine Cinephilie nach Lust und Laune frönt. Dabei erweist es sich auch deutlich leichter, das Grundgerüst von »Alphaville« zu erläutern, als einem Außenstehenden zu erklären, in welcher Genrekategorisierung sich Godards Werk am wohlsten fühlt. Man muss sich eine Welt vorstellen, in der jede Art von Gefühl strengstens verboten ist. Eine Welt, in der menschliche Wärme keinen Wert besitzen darf und das Wort »Liebe« vollkommen aus dem Wortschatz der Bevölkerung der Stadt Alphaville gestrichen wurde.


Phantomimenspiele sind auch in der Zukunft noch gefragt
Wer sich in einem Moment der Schwäche von seinen Emotionen leiten lässt, dem droht die Liquidation. Allerdings ist es nicht nur strikt untersagt, seinen Empfindungen freien Lauf zu lassen, auch die schriftliche Form seinen Gefühlsregungen und Stimmungslagen durch beflügelte Worte Ausdruck zu verleihen führt in den Tod. Alphaville wird von einem Supercomputer gesteuert, der seine Theorien über die Stadt schallen und ein Lexikon zur Bibel werden lässt – Jedes nicht eingetragene Wort ist ein Verbrechen. Es ist klar, dass Godard sich hier an einer Ausrichtung der Dystopie versucht und eine Gesellschaft publiziert, die jeden erstrebenswerten Lebenssinn in den inhumanen Vorschriften erdrückt hat. Dennoch versteckt sich hinter der godardschen Dystopie kein Abbild einer durch Sci-Fi-Materialien dominierten Epoche, sondern ein herber Schlag in die Richtung Gegenwart. Das titelgebende Alphaville ist kein Ort in ferner Zukunft, errichtet auf einem fremden Planeten. Dieses Alphaville bekommt den französischen Rahmen durch das Paris des Jahres 1965. Dabei ist der Film nicht auf diese urbane Lokalität konzentriert, sondern verbreitet eine universelle Botschaft: Der Schrecken ist kein Bruchstück unserer entfernten Zukunftsängste, das Schreckensszenario hat in Wahrheit schon längst begonnen und klopft mit eisiger Härte gegen unsere Haustür.


Nicht mal 'ne Energiesparlampe. Sehr futuristisch
Diese Form von Leben scheint so fremd, so unterkühlt, so unnahbar, doch wir werden ihr früher oder später zum Opfer fallen. Es ist eine deprimierende Welt voller Technik-Sklaven, in die Godard uns entführt. Es ist die Welt, in der wir eigentlich bereits angekommen sind; die Abwesenheit von Menschlichkeit wächst von Tag zu Tag – Willkommen in der Entfremdung. »Alphaville« ist somit nicht nur ein dystopisches Szenario, in dem der Zuschauer mit einem eigenerschaffenen Abgrund von entmenschlichenden Sozialstrukturen konfrontiert wird, es ist die Kritik an fehlerhaften Verhaltensweisen und ihrer Gier nach dem technologischen Fortschritt, der sie irgendwann in die Knie zwingen wird. Ganz im Sinne von James Camerons »Terminator«, thematisiert auch »Alphaville« den Kampf zwischen Mensch und Maschine. Interessant ist ebenso die Bestimmung des Protagonisten: Ein Privatdetektiv, der nicht nur aus den schroffen Groschenromanen vom Bahnhofskiosk der 50er Jahre entsprungen sein könnte, sondern tatsächlich aus einer anderen Zeit stammt. Eddie Constantine hat bereits einige Male zuvor den Ermittler Lemmy Caution gegeben, allerdings nie in der qualitativen Ausgangslage wie er es in die Godards »Alphaville« konnte. Jedoch ist diese Reaktivierung eines rauchenden und affektiv handelnden Schnüfflers keine bloße Zitierung, Caution dient als letzter Halt im Vergessen der Metamorphose und dem Untergang der Gefühle, der der Logik des Systems noch etwas entgegenzusetzen hat und sich nicht vollkommen verstrahlt der Resignation hingibt. Caution ist die letzte Verbindung zu der Welt, in der wir unseren Lebensabend verbringen möchten. In der eine Träne nicht zu Todesängsten führt und ein offenes »Ich liebe Dich« nicht direkt ins Grab manövriert. Schlussendlich muss ein Gedicht herhalten, um eine unwürdige Anlage zerbrechen zu lassen und die Furcht vor Zärtlichkeit endgültig zu nehmen.


Wenngleich sich »Alphaville« nicht immer vollkommen ernst nimmt, funktioniert der Film doch hervorragend als entlarvender Zerrspiegel unserer Realität und führt die erschreckenden Mechanismen der eingepflanzten Automatismen zwischen Film Noir und Sci-Fi-Anleihen konsequent vor. Kein Film, der nur für intellektuelle Feingeister bestimmt zu sein scheint, sondern ein Anliegen hat, welches den von vielen verhassten Mikrokosmos Godards problemlos sprengt und natürlich das zentrale Thema in seinem Schaffen – die Liebe – in einem originellen Diskurs über ihre immense Signifikanz behandelt. Am Ende siegen die Emotionen und Alphaville ist nicht mehr länger die Stadt, in der für Gefühle gestorben wird, sondern geht wieder zurück in Richtung Paris, die Stadt, in der die Liebe ihr Domizil zu haben schein.


8 von 10 Kämpfen für die Liebe


von souli