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Review: WIENER DOG – Ein Dackel macht die Runde!

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Fakten:
Wiener Dog (Wiener-Dog)
US. 2016. Regie & Buch: Todd Solondz. Mit: Ellen Burstyn, Kieran Culkin, Julie Delpy, Danny DeVito, Greta Gerwig, Tracy Letts, Zosia Mamet u.a. Länge: 88 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 28. Juli 2016 im Kino.


Story:
„Wiener Dog“ erzählt vier Geschichten rund um den namensgebenden Dackel. In diesen Episoden wechselt der Hund von Besitzer zu Besitzer und sorgt für die unterschiedlichsten Begebenheiten und skurrilen Situationen.


Meinung:
Was haben ein gegen Krebs kämpfender Junge, ein erfolgloser Drehbuchautor, eine verbitterte Großmutter und eine besorgte Tierliebhaberin gemeinsam? Gar nichts wäre in 99% der Fälle die richtige Antwort, bei „Wiener Dog“ würde der Kandidat damit aber keinen Blumentopf gewinnen. Denn der neueste Film von Todd Solondz („Happiness“) verbindet diese Einzelschicksale (und noch so einige mehr) durch einen Hund, genauer gesagt einen Dackel (oder Wiener-Dog im Englischen), der seinen Weg von Besitzer zu Besitzer findet und dabei stets für merkwürdige Situationen sorgt.


Musikliebhaber unter sich!
Schon zu Beginn erstrahlt „Wiener Dog“ im typischen Look des zeitgenössischen, amerikanischen Independent-Kinos. Kontrastreiche Farben finden zu ruhigen, hochauflösenden Bildern und mehr als nur einmal generiert Regisseur Solondz Bildmontagen mit aufpolierter Werbefilmeoptik. Die Bildgestaltung ist interessant, erweist sie sich doch bei genauerer Betrachtung als äußerst widersprüchlich. Denn während die Bildsprache durch ihre Nähe zu den Figuren vermeintliche Echtheit und Bodenständigkeit suggeriert, sorgen die knallige Optik und die reichlich überzeichneten Figuren für einen gegenteiligen Effekt. Es ist die typische Formel des aktuellen Indie-Films, der auch „Wiener Dog“ treu ergeben ist. Ein handwerkliches Geschick dafür muss man Todd Solondz jedoch auf jeden Fall attestieren, auch wenn diese mittlerweile recht generische Herangehensweise auf formaler Ebene wohl nicht mehr für euphorischen Jubel sorgen wird. Es ist jedoch auch kaum die technische Ebene auf der er seine Zuschauer abholen will, vielmehr ist dem amerikanischen Filmemacher an den zwischen- und vor allem innermenschlichen Befindlichkeiten seiner Figuren gelegen, die er mit einer ordentlichen Portion Eigenwilligkeit an die Oberfläche lockt. Das Lachen bleibt dabei immer wieder im Hals stecken, denn die Grenze zwischen skurrilem, zynischem Humor und niederschmetternder Sozialkritik vermengt „Wiener Dog“ gekonnt.


Wiener gefällig?
Für den Dackel selbst bleibt gegen Ende des Films dafür wenig Platz. Ist er zu Beginn noch zentral involviert, verkommt er bei zunehmender Laufzeit zu einem bloßen Indikator für die unterschiedlichsten Situationen. Dramaturgisch gerät „Wiener Dog“ dadurch immer wieder in ein eher schleppendes Tempo, brauchen die unterschiedlichen Episoden doch immer eine gewisse Zeit um zum eigentlichen Kern ihrer Geschichte vorzudringen. Inwiefern dem Film sein episodenhaftes Dasein wirklich zum Vorteil gereicht, darf angezweifelt werden, denn immer wieder entsteht der Eindruck, dass man von ebenjener Situation oder Figur gerne noch etwas mehr beziehungsweise weniger gesehen hätte. Es sind die typischen Probleme von Episodenfilme, die auch „Wiener Dog“ befallen und gegen die er sich kaum wehren kann. Gegen Ende bleibt man als Zuschauer etwas ratlos, denn die verschiedenen Einzelerkenntnisse fügen sich auch nach dem Abspann nicht zu einer Einheit zusammen.


Todd Solondz neuester Film erweist sich als eine mit feinen Pointen gespickte Mischung aus Satire und aufwühlender Gesellschaftsstudie, die sich zuweilen etwas vergeblich an Klischees abarbeitet, im Kern einer jeden Episode aber doch reichlich Interessantes ans Tageslicht lockt. In typischer Indie-Film Manier inszeniert, ist „Wiener Dog“ letztlich zu breit gefächert um für seine angeschnittenen Erkenntnisse wirklich gelobt zu werden, ein sehenswerter Film ist er jedoch allemal geworden.


6 von 10 explosiven Hunden 

Review: AMERICAN WEREWOLF und AMERICAN WEREWOLF IN PARIS – Die Verwandlung im Vollmond

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Fakten:
American Werewolf (An American Werewolf in London)
USA, UK. 1981. Regie und Buch: John Landis. Mit: David Naughton, Jenny Agutter, Griffin Dunne, Brian Glover, Frank Oz, John Woodvine, Michael Carter, Lila Kaye, Rik Mayall, Paul Kember, Linzi Drew, Don McKillop u.a. Länge: 97 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
David und Jack, zwei amerikanische Studenten, reisen mit ihren Rucksäcken durch England. Während einer Wanderung bei einer Vollmondnacht werden die beiden von einer Bestie angegriffen. Jack wird dabei getötet, David hingegen von Dorfbewohnern gerettet. Noch einmal Glück gehabt? Leider nein, denn die Bestie war ein Werwolf und nun hat David den Fluch, sich in Vollmondnächten in ein haariges Ungetüm zu verwandeln.





Meinung:
Trifft der kühle Schein des Vollmondes auf das düster-dunstige Hochmoor Nordenglands, quaken nicht nur die Frösche im melodischen Takt das verhängnisvolle Lied von Metamorphose. Aus der Ferne hallt den studierenden Backpackern David  und Jack auch das Geheul der hiesigen Bestie entgegen, dessen Gegenwart am Wegesrande bei unruhiger Rast von den schrulligen Einheimischen weitestgehend verheimlicht wurde. Ein kryptischer Ratschlag, doch besser der Straße zu folgen, wird bestmöglich mit vorlautem Spott ignoriert und das haarige Unheil nimmt seinen phantastischen Lauf. Diese zu Recht Legendenstatus genießende Exposition von John Landis‘ „American Werewolf“ ist eine inszenatorische Bravourleistung, weil sie die stimmungsorientierte Definition des Horror-Genres in ihrer ganzen Effektivität mit gewissenhafter Handhabung inhaliert und Schritt für Schritt auf den Zuschauer transportiert. Die ersten Minuten, diese nur für sich genommene Eröffnung, ist George Wagners Universal-Urgestein „Der Wolfsmensch“ in allen Belangen überlegen – Ein Ritterschlag für Landis, verehrt er den Klassiker doch über alle Maße.


Gib Pfötchen!
Diese betonte Liebe zum ersten Werwolf der Filmgeschichte spiegelt sich auch im allgemeinen Duktus von „American Werewolf“ wieder, nicht umsonst ist sein Werk im Vereinigten Königreich angelegt. Landis aber begnügt sich nicht damit, „American Werewolf“ als Reminiszenz anzulegen, obgleich sein Wert als Hommage unverkennbar bleibt. Das Drehbuch hingegen zeigt, wie symbiotisch der Horror mit der Komödie fungieren kann, ohne dass eine der beiden Seiten konkret die Überhand gewinnt. Dass 
„American Werewolf“ ein Stück weit hinter seinen Möglichkeiten verbleibt und so die Chance verpasst, zum ganz großen Schlager des 1980er-Jahre-Kinos heranzuwachsen, dämmert dem Zuschauer bereits nach der hervorragenden Eröffnung - und eine ähnliche Stimmung erreicht Landis auch im Anschluss zu keiner Zeit mehr. „American Werewolf“ aber ist aber unwiderlegbar ein unterhaltsamer, überaus stimmungsvoller und durchaus intelligent geschriebener Beitrag zur Werwolf-Thematik, der den Zuschauer geradewegs zurück in seine Entstehungstage zerrt: Das Illustrieren des zeitgenössischen Feelings stimmt in jedem Fall! Dazu kommt dann noch die wunderbare Maskenarbeit, die noch einmal daran erinnert, wie toll die Zeiten ohne CGI-Überdruss doch eigentlich waren. Immer wieder angenehm. Und immer wieder gerne.


7 von 10 plötzlichen Enden


von souli




Fakten:
American Werewolf in Paris (An America Werewolf in Paris)
USA. 1997. Regie: Anthony Waller.
Buch: Tim Burns, Anthony Waller, Tom Stern. Mit: Tom Everett Scott, Julie Delpy, Vince Vieluf, Julie Brown, Phil Buckman, Thierry Lhermitte, Pierre Cosso, Tom Novembre u.a.


Story:
Amerikaner Andy rettet mittels Bungee-Sprung der hübschen Serafine das Leben, als diese sich vom Eifelturm stürzt. Andy ist fasziniert von der Französin und es gelingt ihr, sie wiederzusehen. Doch damit beginnen die Schwierigkeiten, denn Sereafine ist teil einer ganz speziellen Sekte aus Werwölfen.





Meinung:
Herrje, was haben sich die Macher nur bei „American Werewolf in Paris“ gedacht? Eigentlich möchte man dieser Frage nicht auf den Grund gehen, aber der Film wirkt in seiner Art so offensichtlich wie ein Affront mitten ins Gesicht der Fans des Originals und seinen Verantwortlichen, dass man es doch einfach nur im Ansatz verstehen will, wie man einen so grauenhaften Schund fabrizieren kann. Bemerkenswert ist dabei schon erst einmal, dass sich das dreiköpfige Pack von Drehbuchautoren schamlos vom sich angeeigneten Titel distanziert, aber auf der vom Erstling ausgegangenen Erfolgswelle reiten wollen, um dadurch eigene Wege einzuschlagen. Und diese Wege sind das Grauen in pubertärer Reinform. Man muss sich als Protagonisten drei Jugendliche vorstellen (Allesamt blasse Sacknase ohne jede Ausstrahlung), die durch Europa tingeln und jede Menge Mädchen knattern wollen. Genau dieser strunzdoofe Tonus wird dann auch fortwährend beibehalten und in peinlichsten Dialogen gehuldigt. Die Werwölfe selbst, die nun eher wie überdimensionale Grottenolme mit Ganzkörperbehaarung daherkommen, werden vorwiegend plump nebenbei eingestreut.


Andy hat sich das Candlelight-Dinner anders vorgestellt
„American Werewolf in Paris“ ist es eher daran gelegen, seinen Hauptdarsteller (Tom Everett Scott) in unfassbar witzige Situationen stolpern zu lassen, in denen er dann auch mal aufgeblasene Kondome durch ein volles Restaurant sausen lassen darf oder verträumt beim selbstständigen Petting mit Serafine (Julie Delpy) in ihrem Bett erwischt wird. Mit „American Werewolf“ hat das alles nichts mehr zu tun, was hier geboten wird, ist nur der blödsinnige Anpassungsversuch des schwachsinnigen Teenie-Formats der späten 1990er Jahren – Und dafür kam ein populärer Deckname nun mal gerade recht. Wo sich Landis noch durch seine homogene Verbindung verschiedener Genres auszeichnet, wirkt Anthony Wallers Machwerk in seiner unfassbaren Idiotie nur beschämend. Das Alles wird dann noch mit blutigen Einlagen und schlechten Effekten bereichert, bis der Kult des Vorgängers bis auf Letzte beschmutzt und hilflos wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht. „American Werewolf in Paris“ ist daher auch genauso, wie Kino dieser Fasson nicht sein sollte. Aber wie soll man noch mit einem Film umgehen, der keinerlei Daseinsberechtigung besitzt? Schrott. Absoluter Vollschrott. Und nicht mal Paris wird angemessen in Szene gesetzt, was nun wirklich keine Kunst ist.


2 von 10 Sprüngen vom Eifelturm 



von souli

Review: DREI FARBEN-TRILOGIE - Kieslowskis Denkmal für den Geist der Revolution

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Liberté, egalité, fraternité – Die Schlagworte der französischen Revolution – verpackt in die drei Farben der Nationalflagge Frankreichs, blau, weiß und rot. Der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski setzt diesem Wahlspruch mit seiner Drei-Farben-Trilogie sein persönliches filmisches Denkmal, indem er diesen drei Schlagworten in seinen Filmen mit Hilfe von Menschen, die alle etwas verloren haben, ein Gesicht gibt. Es geht immer um ihr Verhalten, um ihren Umgang mit einem Schicksalsschlag und so auch mit ihren Mitmenschen. Wie reagiert man auf den Schicksalsschlag, wie reagiert man auf Verlust. Auf den Verlust eben jener drei revolutionären Schlagworte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und was ist das überhaupt?


Kieslowski inszeniert diese drei Aspekte in antithetischer Form. Erst durch das Fehlen oder dessen geradezu zynische Überspitzung wird deutlich, von welcher fundamentalen Wichtigkeit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eigentlich erst sind. Er lässt sich bei allen drei Filmen viel Zeit und schafft im Zusammenspiel mit der Musik Zbigniew Preisners eine einmalige, oft melancholische Atmosphäre, die den Gemütszustand der Person entweder perfekt unterstreichen (Rot) oder ihmm komplett entgegentreten (Blau, Weiß). Filme über den Umgang mit Menschen, mit Verlust, mit Schmerz. Und trotz ihrer eigentlichen Unterschiedlichkeit doch sehr ähnlich, verbunden durch die Trikolore, durch blau, weiß und rot.






Fakten:
Drei Farben: Blau (Trois couleurs: Bleu)
Frankreich, Polen. 1993. Regie: Krzysztof Kieslowski. Buch: Agnieszka Holland, Slawomir Idziak, Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz, Edward Zebrowski. Mit: Juliette Binoche, Benoît Régent, Florence Pernel, Charlotte Véry, Hélène Vincent, Emmanuelle Riva u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Nach einem Verkehrsunfall, bei dem Julie ihren Mann und ihre Tochter verloren hatte und selbst nur schwerverletzt überlebt hat, versucht sie das alles zu vergessen. Sie bricht alle Kontakte zu ihrem alten Leben ab und geht nach Paris, wo sie neu anfangen will und sich in die Einsamkeit zurückzieht.




Meinung:
Totaler Rückzug – der Versuch, so seine Freiheit von Schuld, von Vergangenheit und Schmerz zu erhalten. Aber ist Flucht und Vergessen wirklich der wahre Weg in die Freiheit? Oder ist es nur eine Möglichkeit, die wahre Freiheit schätzen zu lernen, Freiheit ohne Zwänge, Freiheit ohne Einschränkungen? Julie geht nach Paris, wo sie selbst herausfinden muss, ob sie ihre Leidenschaft, ihre Emotionen, ihre Gedanken und ihre Vergangenheit wirklich wegsperren kann. Auch die Nebenfiguren spielen immer wieder auf das Thema der Freiheit und dadurch auch der Gefangenschaft an. Ein roter, nein, ein blauer Faden, der die Freiheit in unterschiedlichsten Facetten zeigt.


Juliette Binoche in der Hauptrolle der Julie spielt zwar lange sehr unauffällig und zurückgenommen in ihrer Gestik und Mimik und doch schafft sie es mit minimalen Veränderungen des Mundes oder ihren einnehmenden Augen scheinbar alles auszusagen. Eine gespenstisch fesselnde Leistung. Die sehr langsame Erzählweise benötigt eben eine so tolle Darstellerin. Doch auch sie kann nicht alle Phasen des Leerlaufs überdecken. Und auffällig ist, dass hier die anderen beiden Elemente der Trilogie fehlen. Weder Gleichheit noch Brüderlichkeit werden dargestellt. Das macht zwar den Film an sich nicht schlechter, hat aber trotzdem Auswirkungen auf ihn, da man das Fehlen der beiden anderen Aspekte den gesamten Verlauf über doch spürt - vielleicht aber erst am Ende der Gesamttrilogie.


7,5 von 10 unvollendete Europahymnen




Fakten:
Drei Farben: Weiß (Trzy kolory: Biały)
Frankreich, Polen. 1993. Regie: Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Zbigniew Zamachowski, Julie Delpy, Janusz Gajos, Jerzy Stuhr, Aleksander Bardini, Cezary Harasimowicz u.a. Länge: 91 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Der Pole Karol ist schwer verliebt in seine wunderschöne Frau, die Französin Dominique. Da er aber impotent ist, reicht sie die Scheidung ein – Karol verliert seine Liebe zu ihr und all sein Geld. Er fühlt sich ungerecht behandelt, betrogen, ausgenutzt und kehrt tief betroffen nach Polen zurück. Dort beginnt er ein neues Leben und verdient auf einmal sehr viel Geld. Doch noch immer will er nur Gerechtigkeit, Gleichberechtigung - Gleichheit.





Meinung:
Der Film will klar der lustigste und lockerste der Reihe sein, schafft das aber nicht so wirklich. Ein paar Schmunzler sind zwar dabei, aber ansonsten dümpelt der Film einfach lange vor sich hin. Leider sagt er außerdem weniger aus als die anderen beiden Filme, zumindest in Bezug auf die Kernthemen. Anstatt alles auf das umschließende Schlagwort „Gleichheit“ hinauslaufen zu lassen, erscheinen einige Episoden ohne Zusammenhang zur „Überschrift“ eingebaut worden zu sein. Es fehlt einfach zu lange die verbindende Thematik, der Faden, der bei „Blau“ noch so schön vorhanden war.


Dazu macht sich so etwas wie Langeweile breit. Der Film hätte auch in einer guten Stunde abgefilmt werden können – für mehr gibt er eigentlich nicht genügend her. Auch kann mich Zbigniew Zamachowski in der Rolle des Karol nicht wirklich überzeugen und scheint oft ein wenig überfordert zu sein. Nicht immer zwar, aber immer wieder. Allerding ist die Musik Zbigniew Preisner wieder sehr schön anzuhören. Dass Karol am Ende, wie wäre es auch anders zu vermuten, die Gleichheit wieder herstellt, das hilft ihm aber auch nicht wirklich. Denn so wie in „Blau“ zwei der drei Schlagworte fehlten, so verhält es sich hier ebenfalls. Karol kann hier nicht zu einem wirklichen Gewinner werden, denn dazu fehlen in diesem Film einfach Freiheit und Brüderlichkeit.


6 von 10 falsche Leichen





Fakten:
Drei Farben: Rot (Trois couleurs: Rouge)
Frankreich, Polen, Schweiz. 1994. Regie: Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Iréne Jacob, Jean-Louis Trintignant, Samuel Le Bihan, Frédérique Feder, Jean-Pierre Lorit, Marion Stalens, Teco Celio u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: Ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Freundliches Interesse und Ausspionieren – passt das zusammen? Für Valentine und Joseph eigentlich nicht. Valentine ist eine fröhliche, hilfsbereite junge Frau und Model. Joseph ein verbitterter, alter Richter. Als Valentine den verletzten Hund zu Joseph zurück bringt, bemerkt sie, dass Joseph die Telefonate anderer Menschen abhört. Zunächst angeekelt von seinem Verhalten, bemerkt sie schon bald eine merkwürdige Faszination und freundet sich mit dem alten Mann an.




Meinung:
„Rot“ ist mit leichtem Vorsprung der beste Teil der Trilogie. Tolle Kameraeinstellungen und ein interessantes Spiel von Licht und Dunkelheit heben den Film visuell von den anderen beiden deutlich ab. Zwar kommen hier auch einige Phasen des Leerlaufs vor, doch werden sie durch dir Leichtigkeit von Valentine-Darstellerin Iréne Jacob leicht überspielt. Sie zeigt viel Verständnis für die Situation anderer Menschen. Sie versucht nachzufühlen und auch zu helfen - doch das endet alles ab einem gewissen Punkt. Nur solange, wie es selbst angenehm ist. Freundlichkeit gegenüber anderen ja, aber er aus einer Wohlfühlzone heraus. Für den mürrischen, von Jean-Louis Trintignant verkörperten, pensionierten Richter Joseph ist es mit der Freundlichkeit nicht weit her. Er hört seine Nachbarn intensiv ab und beeinflusst teilweise sogar das Leben dieser Menschen. Er handelt immer wieder. Auch hier könnte man so etwas wie Verständnis sehen, aber auf eine sehr zynische Weise.


Aber irgendwie passt das noch nicht. Wo ist die Brüderlichkeit? Nun, die versteckt sich. Denn so ziemlich jede Figur lebt in Einsamkeit, direkter Kontakt mit anderen Menschen ist nur sehr eingeschränkt vorhanden, wird teilweise auch bewusst gemieden. Vieles geschieht eben über Telefone – ziemlich unpersönlich und damit auch unverbindlich. Diese Isolation der Figuren kann nur durch Gemeinsamkeit, durch Brüderlichkeit durchbrochen werden, wie die beiden Hauptfiguren beweisen. Sie tun sich zusammen und verlassen die Isolation, die Einsamkeit. Außerdem sagt der Film, dass man trotz Freiheit und Gleichheit alleine noch kein Glück, noch keinen Erfolg haben kann. Erst wenn auch die Brüderlichkeit dazukommt, kann am Ende auch das Glück, oder anders ausgedrückt, das Leben stehen, wie der Schluss dieses dritten Teiles eindrucksvoll zeigt.


Liberté, egalité, fraternité. Wie schon bei der französischen Revolution müssen diese Elemente zusammenspielen. Nur dann kann sich am Ende auch das Glück, der Erfolg einstellen.


8 von 10 Flaschen im Altglascontainer

Review: BEFORE MIDNIGHT - Akt Drei: Am Scheidepunkt der Liebe

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Fakten:
Before Midnight
USA. 2013. Regie: Richard Linklater. Buch:
Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke. Mit: Ethan Hawke, Julie Delpy, Seamus Davey-Fitzpatrick, Athina Rachel Tsangari, Ariane Labed, Manolis Goussias, Walter Lassally, Anouk Servera, Panos Koronis, Yannis Papadopoulos, Tety Kalafati, Enrico Focardi, Yota Argyropoulou, Jennifer Prior, Serafeim Radis, Charlotte Prior, Xenia Kalogeropoulou u.a. Länge: 108 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Ab 30. Oktober 2013 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Zuerst trafen sie sich in Wien, einige Jahre später sahen sie sich in Prag wieder und nun sind Jesse und Celine ein verheiratetes Paar. Gemeinsam mit ihren Kindern verbringen sie einen Sommer in Griechenland. Dort stellen sich die beiden diversen Problemen und Fragen ihrer Beziehung.





Meinung:
In jeder Dekade seit 1994 gibt es ein filmisches Wiedersehen mit Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy), und mit jedem neuen Aufeinandertreffen entwickelte sich dieses Gespann nicht nur in Echtzeit weiter, Richard Linklater und seine beiden Hauptakteure stellten ebenso unter Beweis, das eine Beziehung und die darin beteiligten Menschen nie exakt gleich bleiben und sich so über all die Jahre eben nicht nur um die eigene Achse drehten, sondern sich kontinuierlich weiterentwickeln, immer einen Schritt nach vorne wagen, um dadurch auch mal zu bemerken, dass sie dieser eben nicht wirklich weiter bringt, sondern zurück hinter die Startlinie manövriert. In „Before Midnight“ sind Jesse und Celine nun an dem Punkt angekommen, an dem sie nicht mehr nur über große Lebensziele und Träume ausgiebig schwadronieren und sich durch philosophische Exkursionen zaghaft in das Herz des anderen einschleichen, Jesse und Celine müssen vielmehr realisieren, dass die Früchte einer wahrhaftigen Liebe nicht nur süß auf der Zunge zergehen.


Celine und Jesse bei ihrem liebsten Hobby: reden
Und genau dieser schwierige Punkt war es, den man Jesse und Celine nach ihren beiden Auftritten in „Before Sunrise“ und „Before Sunset“ nie gewünscht hat, aber insgeheim doch erwartete, weil solche Probleme nun mal der Wirklichkeit entsprechen und eine reelle Gemeinschaft nicht nur aus sanften Annäherungen und umfangreiche Debatten über Gott und die Welt besteht; man muss folgerichtig aneinandergeraten und stellt dabei nicht nur einmal sein gemeinsames Dasein infrage: Gibt es wirklich eine Zukunft zu zweit? War jede Entscheidung wirklich förderlich oder entpuppt sich die Partnerschaft doch als zwischenmenschlicher Ballast? In einem Hotelzimmer sucht Linklater schließlich seinen eruptiven Klimax mit kathartischen Abstrahleffekten. Es kommt zum lautstarken Streit, Celine sucht einen Sinn, Jesse gesteht ihr immer wieder aufrichtig seine Liebe und Hingezogenheit, Celine bäumt sich in ihrer Wut immer weiter auf, der verbale Disput scheint zu eskalieren, doch Linklater verdeutlicht in dieser eine gefühlte Ewigkeit dauernden Szene etwas ganz Elementares. 



Denn, erinnern wir uns einmal an die Hotelszene in „Blue Valentine“, in der Michelle Williams und Ryan Gosling ein letztes Mal versuchten, die Flamme ihrer Liebe neu zu entfachen, aber kläglich scheiterten, etikettiert vorerst unangenehm erscheinende Situation in „Before Midnight“ nur, dass die Kommunikation zwischen Jesse und Celine noch lange nicht am Ende ist und dadurch der signifikante, essentielle Stützpfeiler einer jeden Liierung immer noch aufrecht steht. Und manchmal muss eben auch mal Dampf abgelassen werden, auch wenn dort vielleicht auf ungewollte Ausdrücke zurückgegriffen wird und dem anderen in ungeahnter Prägnanz an den Kopf knallen. Die wahre Stärke von Jesse und Celine waren schon immer ihre standhaften Dialoge, sie hatten sich immer etwas zu sagen, konnten aber auch genauso gut miteinander schweigen. Wenngleich „Before Midnight“ sich gelegentlich zu viel Mühe gibt, seine Charaktere in klare (Geschlechter-)Rollen zu unterteilen die elitäre Note ihrer Unterhaltungen gerne mal in den nichtssagenden Raum driften lassen.


Am Ende ist „Before Midnight“ dennoch eine mehr als sehenswerte Beziehungsstudie geworden - vor allem unter dem Gesichtspunkt der generalisierten Konzeption. Gewohnt dialoglastig wird in die Vollen gegangen und das von Ethan Hawke und Julie Delpy so erfrischend wie plastisch gespielt, dass das Interesse am Miteinander für den Zuschauer nie abflacht – Und da zeigt sich auch die große Qualität des Drehbuches, das nicht dem rein fiktiven Ausdruck folgt, sondern auch den selbstreflexiven Fundus an eigenen Erfahrungen koppelt und in das Geschehen involviert. Wichtig ist es dabei, dass sich „Before Midnight“ nicht zum Rosenkrieg transformiert und Liebe „tot reden“ möchte, er bleibt dem grundsätzlichen Optimismus treu, auch wenn es emotional nicht immer leicht und locker vonstattengeht. Liebe bedeutet auch Kompromisse einzugehen und es bedeutet auch, den eigenen Vorteil zu übergehen, um dadurch der Zweisamkeit einen ehrenhaften Dienst zu erweisen. Schlussendlich entscheidet die Zeit, genau wie bei dem symbolischen Sonnenuntergang, der die Sonne in einem Moment noch am Horizont schimmernd zeigt, um sie im nächsten gänzlich verschwinden zu lassen.


6,5 von 10 Endlosen Dialogen


von souli