KR. 2016. Regie & Buch: Na
Hong-jin. Mit: Kwak Do-won, Hwang Jung-min, Chun Woo-hee, Jun Kunimura, Kim
Hwan-hee u.a. Länge: 156 Minuten. FSK: ungeprüft. Noch kein deutscher
Starttermin.
Story:
Eine seltsame Krankheit macht
sich breit in dem kleinen Dorf in Südkorea. Menschen zerfleischen sich
gegenseitig, haben seltsame Blasen auf der Haut und verfallen dem Wahn. Der
etwas trottelige Polizist Jong-Goo soll Gerüchten auf den Grund gehen und stößt
an seine Grenzen, als seine eigene Tochter ebenfalls betroffen ist. Alsbald
deckt sich mehr auf, als irgendein Mensch je wissen wollte.
Meinung:
Schon seit einigen Jahren ist
Südkorea der neuentdeckte Markt für knallharte Action, kompromisslose
Genrefilme und ungezügelte Thrillerkost. Von einem Geheimtipp kann man
mittlerweile gar nicht mehr sprechen, haben einige der erfolgreichsten
Regisseure doch bereits weltweiten Ruhm erlangt und in den vergangenen Jahren
auch Hollywoodprojekte realisiert. Dennoch handelt es sich bei den Filmen, die
es auf unseren westlichen Markt schaffen meistens um Kollaborationen der
gleichen Ansammlung an Akteuren und Regisseuren. Abseits davon ist es um die
Veröffentlichungspolitik jedoch deutlich schwieriger bestellt und so muss ein
Film wie The Wailing auch nach
lobender Festivalteilnahme auf einen deutschen Release warten – und das obwohl
sein Regisseur Na Hong-jin bereits
zwei bekanntere Vertreter dieses neuen Kinos abgeliefert hat.
Schlechtes Wetter steht auf der Tagesordnung
The Wailing beginnt ruhig, geradezu bedächtig fängt er ein optisch
beeindruckendes Landschaftspanorama ein und präsentiert daraufhin einen älteren
Mann beim entspannten Angeln. So friedlich und unbeschwert soll es in den
darauffolgenden zweieinhalb Stunden freilich nicht mehr zugehen, denn schon im
nächsten Augenblick wird unser Protagonist Jeon Jong-gu in den frühen
Morgenstunden geweckt und als Polizist zum Tatort eines grausamen Verbrechens
beordert. Der blutige Mord an einer kompletten Familie und der mit seltsamen
Auswüchsen bedeckte Täter sind jedoch nur der Anfang eines blutrünstigen
Abstrusitätenkabinetts, welches zusehends die komplette Kleinstadt in Beschlag
nimmt. Der Wahnsinn hält Einzug und die Bewohner sind ratlos. Auch der ohnehin
etwas tollpatschige Jeon und seine Kollegen kommen bei den Ermittlungen nicht
recht weit und sitzen eher ihre Zeit ab als wirkliche Nachforschungen
anzustreben. The Wailing lässt sich
einiges an Zeit, bevor er seinen Konflikt zuspitzt, verdichtet währenddessen
jedoch gekonnt seine Atmosphäre und erzeugt Spannung, indem er die verfluchte
Stadt weiter in den Abgrund reißt. Von persönlichen Motiven angetrieben muss
auch Jeon seine Grenzen überschreiten, bevor er das Schicksal seiner Familie in
dem emotional äußerst wirkungsvollen Schlussakt selbst in der Hand hat.
Besser draußen bleiben!
Für manche Zuschauer dürfte The Wailing durchaus zu einer Geduldsprobe
verkommen, erzählt er seine Geschichte doch keinesfalls pointiert und direkt,
sondern schweift immer wieder ab um sich in atmosphärischer Tristesse dem Leid und
der Verwirrung seiner Figuren zu widmen. Dabei reichert der Film seine
Erzählung früh mit religiöser Symbolik an, die sich größtenteils jedoch erst
nach dem Ende erschließt und zuvor reichlich nebulös zur allgemeinen
Verunsicherung beiträgt. Über weite Strecken ist man der Hauptfigur gleich im
schieren Wahnsinn der Situation gefangen ohne dabei einen wirklichen Ausweg zu
erkennen und so gilt es fröhlich im Dunkeln zu tappen, bis man irgendwann das
Licht am Horizont erblickt. Das liegt wohl auch daran, dass sich der dritte
Film von Na Hong-jin nur bedingt an
dramaturgische Konzepte und bewährte Elemente hält und somit im Laufe des Films
vieles offenbleibt. Somit ist The
Wailing wohl gerade für Genrekenner interessant, weil bekannte Stereotypen
immer wieder von neuartigen Seiten betrachtet und damit beinahe subversiv
montiert werden.
Selbst wenn man die ohnehin
grundverschiedenen Sehgewohnheiten außenvorlässt, ist The Wailing immer noch ein sehr eigensinniger und andersartiger
Film. Als düsteres Potpourri bedient er zahlreiche Elemente des Dramas, sowie
des Horror-, Mystery- und Thrillergenres, gibt sich jedoch nicht mit den
typischen Mustern zufrieden, sondern denkt viele Aspekte auf interessante Weiße
um. Lange tappt man als Zuschauer ebenso wie der tollpatschige Protagonist im
Dunkeln, ehe sich gegen Ende alle Fäden vereinen und die bisherigen
Geschehnissen in einem anderen Licht beleuchtet werden. Erst dann offenbart The Wailing seine inhaltliche
Raffinesse, ebenso wie einen Bezug zu weltlichen Geschehnissen, was ihm final
noch eine deutlich stärkere Tragkraft verleiht.
US. 2016. Regie: James Wan. Buch:
Chad Hayes, Carey Hayes, James Wan, David Leslie Johnson. Mit: Vera Farmiga,
Patrick Wilson, Madison Wolfe, Frances O’Connor, Simon McBurney, Maria Doyle
Kennedy, Franka Potente, Sterling Jerins u.a. Länge: 134 Minuten. FSK:
Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.
Story:
England, 1977. Die
alleinerziehende Mutter Peggy lebt mit ihren vier Kindern in einem Haus in
Enfield. Immer wieder kommt es nachts zu mysteriösen Vorkommnissen, die sich
immer Laufe der Zeit stetig verschlimmern. Das ruft zahlreiche Geisterforscher
und Dämonologen auf den Plan, darunter auch Ed und Lorraine Warren, die nach
einem besonders schwierigen Fall in Amityville jedoch auch noch mit eigenen
Problemen zu ringen haben.
Meinung:
Es ziemlich genau drei Jahre her,
dass James Wans Horrorfilm „Conjuring“ in den internationalen Kinos lief und
einen nicht zu verachtenden Hype generierte. Was für viele Zuschauer der beste
Horrorfilm der letzten Jahre ist, stellt für andere einen völlig überbewerteten
Streifen dar. Unbestritten ist jedoch der finanzielle Erfolg, und deswegen war
es auch nur eine Frage der Zeit, dass uns nach dem letztjährigen Spin-off
„Annabelle“ nun die offizielle Fortführung „Conjuring 2“ in den Kinos erwartet.
Geister sorgen gerne mal für Unordnung!
Zunächst macht „Conjuring 2“ da
weiter, wo sein Vorgänger aufgehört hat. Einige Jahre nach dem Spuk in Rhode
Island heißt es bei den Geisterjägern Ed und Lorraine Warren business as usual
und sie ziehen weiterhin kreuz und quer durchs Land um Familien von dämonischen
Erscheinungen zu befreien. Zeitgleich richtet der Film sein Augenmerk auf eine
Familie in Enfield, die erwartungsgemäß ebenfalls den typischen Kreislauf der
Haunted-House Heimsuchungen durchmacht. Was mit weggezogenen Decken, knarrenden
Türen und Stimmen in der Dunkelheit beginnt, nimmt alsbald extremere Züge an. Aufgrund
Wans gekonnter Regie erzeugt der Film dadurch immer wieder unheimliche Momente
und sorgt stellenweise sogar für Gänsehaut. Überraschenderweise erreicht
„Conjuring 2“ seinen Höhepunkt dabei schon gegen Ende der ersten Hälfte, noch
bevor die Geisterjäger überhaupt in England ankommen. Das macht die erste
Stunde des Films zu einer spürbar konzentrierten Steigerung an wirkungsvollen
Horrorszenen, obgleich sich Wan einmal mehr etwas zu sehr auf Jump Scares
verlässt. Atmosphärisch dicht, stilsicher inszeniert und stellenweise wirklich
schaurig könnte die erste Hälfte daher fast schon als eigener Film fungieren.
Dass „Conjuring 2“ danach noch über eine Stunde dauert, spricht dann leider
doch gegen den Film.
Nur ein Gemälde?
Denn sobald die selbsternannten
Geisterjäger Ed und Lorraine in Enfield ankommen, gerät der Film zusehends aus
dem Gleichgewicht. Immer wieder wiederholt Wan dann seine Spuksequenzen, bis
sich die Heimsuchung letztlich erschöpft hat und jeglicher Wirkung im Nichts
verpufft. Dazu streut der Regisseur immer wieder persönliche Elemente der
Figuren mit ein und zieht das Ganze dadurch nur weiter in die Länge. Es hat
durchaus seinen Grund, dass Filme dieses Subgenres zumeist eine Laufzeit von 90
Minuten haben. Wan wäre durchaus dafür zu loben die bestehenden Mechanismen des
Genres etwas aufzulockern, doch leider funktioniert genau das im fertigen Film
eben nicht. Er verändert Erzählrhythmus und versucht den Film gegen Ende sogar
in ein Charakterdrama zu verwandeln, ein Konzept das schlichtweg nicht aufgeht.
Was hängen bleibt sind einzelne Szenen, die für sich genommen wirklich gelungen
sind, doch als zusammenhängender Film funktioniert „Conjuring 2“ nur bedingt.
Hier verschenkt man einiges an Potential, hätte eine straffere Version der
Geschichte doch wirklich gut sein können. Dafür gibt sich Wan dem Genre dann
aber doch zu wenig hin und vertraut vielleicht auch ein Stück weit zu wenig auf
seine eigenen Fähigkeiten.
Kurzum gesagt, auch „Conjuring 2“
hält sich wie sein Vorgänger stark an die altbekannten Mechanismen des
Haunted-House Genres. Das muss, wie „Conjuring“ vor einigen Jahren bereits
bewiesen hat, jedoch keinesfalls negativ sein. Vielmehr ist es das gekonnte
Vermengen dieser Elemente, was vor allem in der ersten Hälfte für gelungenen
Grusel sorgt. Wer also dem ersten Teil etwas abgewinnen konnte, der wird auch
mit der Forstsetzung seine Freude haben. Auch wenn man gegen Ende dann doch
einige Abstriche machen muss, weil Regisseur Wan kaum mehr das richtige Tempo
findet und es zuvor bereits zu sehr übertrieben hat, um den Zuschauer noch
wirklich zu erschrecken.
In
einem thailändischen Krankenhaus liegen mehrere Soldaten, die alle
unter einer mysteriösen Schlafkrankheit leiden. Die meiste Zeit über
befinden sie sich im Tiefschlaf und falls sie doch mal aufwachen
sollten, kann es jederzeit passieren, dass sie von einem auf den
nächsten Moment sofort wieder einschlafen. Jen ist eine
ehrenamtliche Helferin, welche die Patienten betreut, ihnen
Aufmerksamkeit spendet oder sie wäscht. Zu einem der Patienten spürt
die Frau eine besondere Verbindung und so beginnt sie, mithilfe einer
anderen Frau, welche mediale Fähigkeiten zu haben scheint, mit ihm
in seinen Träumen in Kontakt zu treten.
Meinung:
Apichatpong
Weerasethakul ist mit einem neuen Werk in die Kinos zurückgekehrt.
Fünf Jahre, nachdem er mit „Uncle Boonmee erinnert sich an seine
früheren Leben“, ein spirituell-mystischer Trip zwischen Jenseits
und Diesseits, Wachzustand und Traumwanderung, die goldene Palme bei
den Filmfestspielen in Cannes gewonnen hat, meldet sich der
thailändische Auteur mit einem neuen Langfilm zurück. Dieser trägt
wenig überraschend die unverwechselbare, eigenständige Handschrift
des ungewöhnlichen Regisseurs und ist bereits nach wenigen Minuten
und Szenen als eindeutiges Schaffenswerk von Weerasethakul erkennbar.
Dezente Nachtbeleuchtung
Eine
zum Krankenhaus umfunktionierte Schule dient als Unterbringung
mehrerer Soldaten, die alle unter einer mysteriösen Schlafkrankheit
leiden. Die meiste Zeit über befinden sie sich im absoluten
Tiefschlaf und sollten sie mal wach sein, kann es jederzeit
überraschend passieren, dass sie auf der Stelle wieder in den
Tiefschlaf fallen. Inmitten dieses bereits außergewöhnlichen
Szenarios beleuchtet der Regisseur die Beziehung zwischen Jen, einer
ehrenamtlichen Pflegerin mit körperlicher Behinderung sowie
chronischem Schlafmangel, und Itt, einem Patienten, zu dem die ältere
Frau eine besondere Verbindung zu spüren scheint. Die eigentlichen
Handlungselemente sind für Weerasethakul abermals bloße
Stützpfeiler, im extremsten Fall grob angedeutete Skizzierungen, die
dem Regisseur erneut eine Spielwiese für dessen Stil bieten.
„Cemetery of Splendour“ verschreibt sich gänzlich seiner äußerst
ruhigen und langsamen Erzählart, sodass der Betrachter aufgrund der
statischen, langen Einstellungen sowie der markanten Tonkulisse in
eine Art meditative Trance verfällt, die einem oftmals wie ein
wohliger Dämmerschlaf erscheint. Der Regisseur setzt wieder auf
seine liebsten Motive, bei denen er Traum und Realität zunehmend
miteinander verschmelzen lässt und dabei Elemente wie
Seelenwanderung, Reinkarnation, Geistererscheinungen, poetische
Spiritualität sowie politische Bezüge seines eigenen
Herkunftslandes anschneidet.
Der Himmel? Der Fluss? Der Fluss im Himmel??
Einzelne
Szenen fließen wohlig ineinander, das Zirpen der Grillen, das
Rauschen des Windes durch die Blätter und das Knarzen des
Unterholzes bilden eine geradezu hypnotisierende Einheit und vor
allem das auffällige Spiel mit Licht und pulsierenden Farben,
Bewegung und Entschleunigung bilden den inszenatorischen Teppich für
diese eigenwillige Geschichte. Um diesem Film komplett verfallen zu
können, ist sicherlich Geduld, Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit
nötig. Weerasethakul stellt sein Publikum in vielen Momenten
durchaus auf die Probe, wenn er manche Einstellungen fast schon
provokativ langgezogen hält und augenscheinliche Nichtigkeiten
gefühlt endlos ausdehnt. Hinzu kommen einige Einlagen, die
vermutlich humorvoll gemeint sind und das Geschehen auflockern
sollen, aufgrund ihres ziemlich albernen Tonfalls allerdings eher
irritieren und den ansonsten gemäßigten, zurückgenommenen
Erzählfluss unsanft aufbrechen. Weshalb der Regisseur gefühlt eine
Minute lang einen Mann zeigt, welcher seinen Stuhlgang in einem
Gebüsch verrichtet oder Szenen monotoner Gymnastik, mag sich einem
auch nach der Sichtung nicht wirklich erschließen. Bei der
Figurenzeichnung hingegen lässt sich dieser Vorwurf nicht anbringen,
denn vor allem die sympathische Hauptfigur Jen, die immer wieder mit
einer warmen Altersweisheit und sarkastischen Bemerkungen glänzt,
ist der ideale Fixpunkt in diesem mystisch-wirren Ausflug.
Ob
die Soldaten nun unter einer Art posttraumatischem Stresssyndrom
leiden oder wirklich von den Geistern jahrhundertealter Könige in
Besitz genommen werden, welche durch deren Energie alte Schlachten
kämpfen, bleibt ebenso ein Geheimnis wie die Frage, ob sich in einer
Szene die Geister zweier Prinzessinnen zu Jen an den Tisch gesellen
oder diese gerade träumt. „Cemetery of Splendour“ ist Kino als
Meditation, Film gedacht als schummriger Spaziergang zwischen
mystischer Naturkulisse, banalen Alltagssituationen und verwirrender
Verschmelzung von Realität und Traumzustand. In den faszinierendsten
Momenten gewinnt Apichatpong Weerasethakul seinen Bildern eine fast
schon transzendentale Magie ab. In anderen Szenen wiederum stellt
sich das Werk als wahre Geduldsprobe heraus, welches mit unnötig
langgezogenen, unbedeutend erscheinenden Einzelmomenten und
unpassender Humorfärbung irritiert wie herausfordert. Zudem könnte
man bemängeln, dass der Regisseur hier inszenatorisch und
hinsichtlich seiner inhaltlichen Motive Stillstand auf hohem Niveau
betreibt und eine wirkliche Weiterentwicklung eher schwierig
auszumachen ist. Ein echter Weerasethakul eben.
6,5
von 10 im plötzlichen Tiefschlaf endende Kinobesuche
Fakten: Crimson Peak
USA. 2015. Regie: Guillermo Del Toro. Buch: Matthew Robbins, Guillermo Del
Toro. Mit: Mia Wasikowska, Tom Hiddleston, Jessica Chastain, Charlie Hunnam,
Jim Beaver, Burn Gorman, Leslie Hope, Doug Jones, Emily Coutts, Javier Botet,
Laura Waddell, Sofia Wells u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 25. Februar 2016auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: England im 19. Jahrhundert: Die junge Autorin Edith Cushing ist noch nicht
lange mit Sir Thomas Sharpe verheiratet, doch schon kommen ihr erste Zweifel,
ob ihr so ungemein charmanter Ehemann wirklich der ist, der er zu sein scheint.
Edith spürt immer noch die Nachwirkungen einer schrecklichen Familientragödie,
und sie merkt, dass sie sich immer noch zu ihrem Jugendfreund Dr. Alan
McMichael hingezogen fühlt. Durch ihr neues Leben in einem einsamen Landhaus im
Norden Englands versucht sie, die Geister der Vergangenheit endlich hinter sich
zu lassen. Doch das Haus – und seine übernatürlichen Bewohner – vergessen nicht
so einfach…
Meinung: Der mexikanische
Regisseur, Autor und Produzent Guillermo Del Toro hat sich über die Jahre eine
erstaunliche Fanbasis aufgebaut. Kein Wunder. Kaum jemand anderer
personifiziert kreative Inbrunst so sehr wie der bärtige Brillenträger, der mit
Filmen wie „Hellboy“, „Hellboy 2“ oder „Pans Labyrinth“ grandiose Phantastik
auf die Leinwand zauberte, die immer auch etwas Persönliche innehatte. Del
Toro, das ist sicher, dreht Filme, weil er ein Geschichtenerzähler ist, nicht
aus Profit oder Wirtschaftlichkeit. Das ist dann auch einer der Gründe, warum
die meisten seiner Projekte nie die Phase der Entwicklung verlassen. Seine Film
sind leider Gottes am Box Office nur selten ertragreich und wenn, dann auch nur
weil das Ausland kräftig mitmischt, wie im Falle von "Pacific Rim“.
Wetten, dass gleich was aus der Ecke ins Bild springt
Sollte sein neuster Film „Crimson Peak“ nun ein Hit werden, wäre es schön für
Guillermo Del Toro, aber gleichzeitig auch pure Ironie, denn seine gotische
Romanze erweist sich als einer der schwächsten Del Toro-Filme, nicht sogar als schwächster
seiner bisherigen Laufbahn. Gewiss ist dieser Gruselfilm kein wirkliches
Ärgernis und er besitzt deutlich die unverkennbare Handschrift des Mexikaners,
doch in seiner Gesamtheit fühlt sich „Crimson Peak“ seltsam unbefriedigend und
teilweise sogar regelrecht lustlos an. Dabei stimmt eine der
Hauptvoraussetzungen schon einmal. Das gesamte Setting, die Kostüme, die
Bauten, das Licht, die Kamera und was sonst noch alles für Stimmung und
Atmosphäre sorgt, wirkt wunderbar adäquat. Das Problem bei „Crimson Peak“ sind
viel mehr die Geschehnisse innerhalb dieser vom Flair verzauberten Welt. Die eigentliche
Geschichte ist es, die zunächst nicht wirklich in Gang kommen will und dann
elendig versucht Suspense aufzubauen, obwohl die Handlung nicht die notwendige
Dosis Cleverness besitzt, um einen als Zuschauer wirklich hinters Licht zu
führen. Kurz: „Crimson Peak“ bekommt keinen funktionieren Spannungsbogen hin.
und auch die Romantik wirkt eher dahin geschludert als wirklich überzeugend.
In Crimson Peak gibt es keine Geheimnisse
Spannung verwechselt Del Toro hier aber scheinbar mit belanglosen jump scares.
Sobald die Musik von Fernando Velázquez wieder anzieht und Hauptfigur Edith
Cushing (eine Nachname wie ein Hommagehammer)mal wieder durch die verfallenen
Gemäuer ihrer englischen Neuheimat tapst, sollte jedem im Publikum klar sein,
dass gleich etwas Geisterhaftes ins Bild springen wird. Woher man es weiß? Weil
genau das in „Crimson Peak“ alle 10 bis 15 Minuten passiert und bereits beim
zweiten Mal hat sich dieser Erschreck-Effekt so ausgepowert, dass man sich voll
und ganz auf die Frage konzentrieren kann, warum „Crimson Peak“ vornehmlich auf
kurze Schocks setzt, stattdessen aber keine konstante Aura des Schreckens zu
generieren vermag? Vielleicht versucht Del Toro hier seine eigenen, detaillierten,
träumerischen Welten mit der des James Wan zu verbinden? Wan, Schöpfer von „Saw“,
erreichte mit seinen Gruselfilmen und deren Sequels („Insidious“ und „Conjuring“)
ein Millionenpublikum, auch dank Mundpropaganda. Eventuell sah sich Del Toro
genötigt „Crimson Peak“ so zu gestalten, dass Fans vom effekthascherischen
Horrorlager auch einen Blick riskieren? Aber lassen wir die Mutmaßungen außen
vor.
Kein Geist, nur Mia Wasikowska
Die laue Geschichte sowie die Fokussierung auf billige Schocks sind maßgeblich
für das Scheitern von Del Toros „Crimson Peak“ verantwortlich – da hilft dann
auch das schönste Setting nichts. Aber auch die auf Autopilot agierenden
Darsteller sind unterstützend dabei den Gruselfilme mit romantischem Einschlag
in Richtung Enttäuschung zu zerren. Tom Hiddleston verkommt als schlaffer Dandy
zur Witzfigur, Jessica Chastain hakt alle Punkte der Antagonisten-Checkliste
ab, während Charlie Hunnam – selbst wenn er im Bild ist – nicht wirklich
anwesend erscheint. Und Hauptdarstellerin Mia Wasikowska? Nun die säuselt,
erschreckt und tippelt sich durch den Film und bleibt so blass, dass es ein
Anschein hat, sie sei der einzig wahre Geist, den es im Film zu sehen gibt.
Aber natürlich gibt es eine Menge gruseligen Gestalten zu bestaunen. Dass die meist
aus den Hochleistungsrechnern stammen stimmt schon etwas enttäuschend, dennoch
merkt man hier Del Toros Faible und Leidenschaft für die Kreaturen der Nacht
und ganz nebenbei huldigt er in einer Szenen sogar Stanley Kubricks „Shining“.
Leider bleibt „Crimson Peak“ hinter den Erwartungen zurück. Dabei lebten die
vorherigen Filme von Guillermo Del Toros von einer überbrodelnden Phantastik sowie
Detailliebe und auch „Crimson Peak“ besitzt diese Attribute, nur leider werden
sie nicht wirklich konsequent eingesetzt. Der Film bleibt eine
Geisterbahnfahrt, an deren Ende nichts zurück, nichts haften bleibt. Eine von
vielen Attraktionen ohne wirklichen Mehrwert. Ein Gros voller verschenktem
Potenzial. Das kommt also dabei raus wenn cineastisches Horror-Fast-Food in den
synthetischen Mantel der Kunstfertigkeit gekleidet wird. Drum merke: Ein
vertrockneter Snack, bleibt ein vertrocknete Snack. Aber wenigstens hat man was
im Magen.
USA, 2013. Regie: Mike Flanagan.
Buch: Mike Flanagan, Jeff Howard. Mit: Karen Gillan, Brenton Thwaites, Katee
Sackhoff, Rory Cochrane, Annalise Basso, Garrett Ryan, James Lafferty, Miguel
Sandoval, Kate Siegel u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren.
Ab dem 5. Dezember 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Als 10jähriger wurde Tim in eine
psychiatrische Einrichtung gebracht, nachdem er in Notwehr seinen Vater
erschoss. Er und seine Schwester Kaylie behaupteten damals, dass ihr Vater –
der kurz zuvor ihre Mutter tötete - unter dem Einfluss einer bösen Macht stand,
deren Ursprung der antike Spiegel in seinem Büro war. Nun, elf Jahre später,
gilt Tim als erfolgreich therapiert und wird entlassen. Als er sich mit Kaylie
trifft, beginnt der Albtraum jedoch erneut. Sie glaubt weiter fest daran, dass
der Spiegel an allem Schuld war. Ihr ist es gelungen, ihn wieder aufzuspüren.
Sie platziert ihn in ihrem alten Elternhaus und möchte die dunklen Mächte
heraufbeschwören, um dies als Beweis aufzuzeichnen. Keine gute Idee…
Meinung:
Einen Euro. Nur einen Euro müsste
man bekommen für jeden Geister/Spuk/Paranormalen-Dingsbums-Flick der Monat für
Monat auf dem Heimkinomarkt veröffentlicht wird, das wäre ein akzeptables
Taschengeld. Originell ist davon höchstens ein Bruchteil und da macht auch „Oculus“
von Mike Flanagan keine Ausnahme. Nichts Neues an der Gruselfront, gerade der
hier in den Mittelpunkt des Hokuspokus gerückte Spiegel durfte schon in einigen
Horrorfilmen als Brutstätte des Bösen herhalten. Um es ganz klar zu sagen:
Eigentlich ist das Thema mehr als durch und nur auf seinen Inhalt reduziert
bräuchte niemand seine Zeit für diesen Film zu opfern. Zumindest niemand, der
in seinem Leben mehr als zehn vergleichbare Streifen gesehen hat. Rein formell
ist „Oculus“ allerdings keinesfalls schlecht gemacht und wirkt dank seiner
Erzählweise noch halbwegs unterhaltsam.
Bei seinen Möbeln versteht Vati keinen Spaß.
Wie schon einige seiner Kollegen
vorher bekam Flanagan hier die Möglichkeit, einen seiner eigenen
No-Budget-Kurzfilme auf Spielfilmlänge aufzublähen („Oculus: Chapter 3 – The Man
with the Plan“ ist auch im Bonusmaterial der DVD/BR enthalten). Dem ursprünglichen
Ein-Personen-Stück wurden etwas Rahmenhandlung und zusätzliche Figuren
hinzugefügt, entscheidend neue Ideen leider nicht. Dabei werden zu Beginn noch
Hoffnungen geweckt, dass es sich vielleicht nicht um den üblichen Geisterkram
aus der Konserve handelt. Tim (Brenton Thwaites) klammert sich vehement an
seine erfolgreiche Therapie und widerlegt zunächst standhaft jedwede Theorien
seiner Schwester mit Logik und psychologischen Verdrängungsmechanismen. Als
Zuschauer ist man durchaus geneigt ihm Glauben zu schenken und gerade die
Ungewissheit, ob wir es wirklich mit übernatürlichen Phänomenen oder einer
ausgeprägten Psychose zu tun haben macht einen nicht zu leugnenden Reiz aus. Lange
hält der nicht vor, denn selbstverständlich bewegt man sich bei „Oculus“ auf
ganz herkömmlichen, ausgetrampelten Genrepfaden. Natürlich lassen sich auch die
immer mal wieder ansprechend nutzen, was hier so lange gelingt, bis das Grauen
zu greifbar und eindeutig wird. Am besten funktioniert der Film in seinem Spiel
mit den gesichtslosen Ängsten, dem Vorgeplänkel und dem Abgleiten von der
Realität in die Halluzination. Gerade Letzteres sorgt für die wohl gelungensten
Situationen des gesamten Films.
War wohl spät gestern...
Mit fortlaufender Spielzeit gerät „Oculus“
schlicht zu austauschbar und plakativ in seinem Grusel, als das er sich
nachhaltig im Gedächtnis festsetzen könnte. In einem Punkt geht Flanagan dann
jedoch relativ geschickt vor: Rückblenden auf die Geschehnisse der
Vergangenheit und der aktuelle Psychoterror werden parallel vorgetragen,
überlappen sich immer wieder und sorgen so für ein schwungvolles Tempo.
Narrativ zeigt sich der Film erstaunlich spritzig und abgeklärt, obwohl er de
facto eigentlich nichts erzählt, was jetzt wahnsinnig interessant wäre. So wird
einer 08/15-Geisterbahn mehr Leben eingehaucht, als ihr eigentlich zustehen
würde. Handwerklich und darstellerisch wird sich ohnehin grundsolide präsentiert,
da mag man kaum großartig kritisieren. In den Bereichen wurde man schon weitaus
dürftiger bedient, speziell in dem Genre und bei der Größenordnung der
Produktion. So verhältnismäßig beliebig „Oculus“ in den meisten Belangen ist,
er hat seine Momente. Einzelne Szenen sind effektiv in Szene gesetzt, insbesondere
das Ende verfehlt seine Wirkung nicht gänzlich, ohne für Begeisterungsstürme zu
sorgen. Bedauerlich, wie durchgekaut und unzählige Male wiederholt der Rest dagegen
wirkt. Aufgrund seiner Vorzüge hätte der Film vielleicht das Zeug gehabt, als
kleine Empfehlung bestehen zu können. Es gibt definitiv ödere und nutzlosere
Vertreter, doch mehr als graues Mittelmaß springt hier – bei Berücksichtigung
aller Aspekte - schlussendlich auch nicht heraus.
Für Leute, die sich zwanghaft jeden
Haunted-House, -Spiegel oder was auch immer Beitrag geben müssen oder eben das
sehr selten tun, ist „Oculus“ bestimmt keine komplette Enttäuschung. Die Einen
haben schon deutlich größeren Mist gesehen, die Anderen werden sich vielleicht
leichter erschrecken lassen und nicht behaupten können, alles schon dutzendfach
gesehen zu haben. Gestandene Genrefreunde verpassen eher nichts, das Wort
Zeitverschwendung wäre dann doch zu hart. Typischer Fall von „geht so“.