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Review: ROTER DRACHE - Altes neu aufgetischt

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Fakten:
Roter Drache (Red Dragon)
USA, 2002. Regie: Brett Ratner. Buch: Ted Sally, Thomas Harris (Vorlage). Mit: Edward Norton, Anthony Hopkins, Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Mary-Louise Parker, Philip Seymour Hoffman, Anthony Heald, Ken Leung, Frankie Faison, Tyler Patrick Jones u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
FBI-Profiler Will Graham hat sich eigentlich zur Ruhe gesetzt, als ihn sein Vorgesetzter Crawford um die Mithilfe bei einem Fall bittet. Der Serienkiller „Die Zahnfee“ tötet bei Vollmond ganze Familien, die Ermittler haben keine heiße Spur. Widerwillig nimmt Graham an, steht aber bald selbst auf dem Schlauch. Da der nächste Vollmond naht, muss er einen Pakt mit dem Teufel eingehen: Er sucht die Unterstützung von Dr. Hannibal Lecter, dem kannibalischen Psychiater, den er zu Letzt hinter Gitter brachte und dabei fast sein Leben verlor.



Meinung:
Nach der von der Kritik zwar umstrittenen, kommerziell dafür sehr erfolgreichen Wiederbelebung des ikonischen, kultivierten Kannibalen Dr. Hannibal Lecter in „Hannibal“ wollte man sich die Chance auf einen weiteren Hit nicht entgehen lassen. Da ein Jahr später natürlich noch keine neue Geschichte von Autor Thomas Harris vorlag, ging man eben den Weg der Neuverwertung. Harris‘ erster Lecter-Roman wurde einfach nochmal verfilmt. Bereits 1986 entstand unter der Regie von Michael Mann mit „Manhunter“ eine filmische Adaption des Stoffs, ging seiner Zeit allerdings an den Kinokassen gnadenlos unter. Vielen Menschen war der Film gar kein Begriff, als 1991 mit der Umsetzung des Folgeromans „Das Schweigen der Lämmer“ ein Welthit geschaffen wurde, der fünf Oscars abräumte und Anthony Hopkins für seine unfassbare Interpretation des gebildeten, hochintelligenten und diabolisch-manipulativen Monsters hinter Plexiglas zum Superstar machte.


Back in the Game...
Der Neustart ist somit vom wirtschaftlichen Standpunkt bald logisch, birgt natürlich dennoch ein großes Risiko, aus unterschiedlichen Gründen. Mal unabhängig zu der teilweise zwar nachvollziehbaren, nichtsdestotrotz in der Radikalität zu massiven Unterschätzung von Michael Manns Film (dazu gleich), schon „Hannibal“ blieb weit hinter den Erwartungen zurück und musste sich einiges an herber Kritik gefallen lassen. Der Regisseurs des Film, Ridley Scott, trägt daran die geringste, um nicht zu sagen gar keine Schuld. Ganz im Gegenteil, gerade durch ihn und seine Leistung ist die Verfilmung von „Hannibal“ eigentlich mehr wert, als es die Grundlage hergibt. Der schwarze Peter zu dem deutlichen Qualitätsabsturz von „Das Schweigen der Lämmer“ zu „Hannibal“ liegt eindeutig bei Thomas Harris, der schlicht nicht das Niveau halten konnte. War „Das Schweigen der Lämmer“ in Buch und Film noch ein exzellenter Psychothriller, war „Hannibal“ bereits in der literarischen Version getrüffelter Pulp. Exploitativer Edel-Trash, den Scott bald irritierend elegant auf die Leinwand brachte und der Diskrepanz aus brutalem Blödsinn und berauschender Inszenierung eine ganz eigene Note verlieh, eigentlich doch den Geist des Buchs einfing, besser als es dieses wohl selbst geplant hatte. „Hannibal“ war extrem wüstes, teils absurdes Kino mit überkandidelten Figuren und Konstellationen, serviert als elitäres Dinner im klassischen Ambiente. Exakt damit traf Scott die merkwürdige Wechselwirkung des Hannibal Lecter auf den Punkt: Ein abscheuliches, perverses Monster, gleichzeitig der eloquente, gebildete und angepasste Weltbürger. Ein Wiederspruch in sich, was Scott damals grandios (und meistens verkannt) in Bilder verpacken konnte.


Von hinten schöner als von vorne...
Das nächste „Problem“ einer Neuverfilmung hat zwei Seiten: Obwohl „Manhunter“ damals ein Flop war, inszenatorisch ist er über jeden Zweifel erhaben. Michael Mann gelang ein betörender, beinah hypnotischer Großstadtthriller, dem er einen ganz eigenen, individuell-mutigen Stempel aufdrücken konnte. Von den Bild- und Tonarrangements mitten in seinem Entstehungszeitraum verankert und trotzdem sehr visionär, gewagt ging Mann zu Werke, tauchte die Handlung in einen aufsaugenden Strudel, dessen Klasse (flächendeckend) erst später entsprechend gewürdigt wurde. Künstlerisch ist der Film heute noch bemerkenswert, sein größtes Mängel – abgesehen von der Tatsache, dass er damals einfach eine B-Movie-Version einer noch nicht kultisch verehrten Romanvorlage war - ist aber weiterhin vorhanden. „Manhunter“ änderte speziell das letzte Drittel des Buchs extrem ab, beraubte sich selbst des ursprünglichen Finales. Mann orientierte sich am Werk von Harris, was aber nicht akribisch auf eine getreue Abhandlung fixiert. Um nun (endlich) zu diesem „Roter Drache“ zu kommen: Der ist ganz dicht am Buch, was ein klarer Vorteil ist. Denn qualitativ sind die Romane von „Roter Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ nicht so weit voneinander entfernt, zumindest nicht so weit wie zu „Hannibal“. Der psychologische Schwerpunkt liegt klar bei „Das Schweigen der Lämmer“, allein durch das penible, sezierende Psycho-Duell zwischen Clarice Starling und Hannibal Lecter, von seiner durchdachten und spannungsfördernden Dynamik sind sie sich sehr ähnlich.


Maßnehmen fürs Glasauge.
„Roter Drache“ hat somit eigentlich alles, was es für einen erstklassigen Thriller braucht. Er hat eine tolle Geschichte, er hat die entsprechenden Mittel aus der Produktionskasse, einen grandiosen Cast und den Hype um Hannibal Lecter im Rücken, wo ist denn das Problem? Es klingt so schlicht, aber es ist entscheidend: Dieser „Roter Drache“ hat keine eigene Handschrift, nicht im Ansatz. Ihm fehlt es an dem brillanten Moment von Jonathan Demme sowie dem autarken Dasein von Michael Mann und Ridley Scott. Es ist eine sehr solide, brave und konforme Transformation des geschriebenen Wortes auf die große Leinwand mit (nun) viel Budget und Starpower. Der erlaubt sich keine Ausreißer, keine Fehler aber auch keine Experimente, verlässt sich rein auf seine Rahmenbedingungen und fährt damit mutlos-sicher. Brett Ratner ist dafür der ideale Mann, der hat nie und wird nie so was wie einen eigenen Stil entdecken, der macht halt. Man sieht alles, man hört alles, Text war okay, die Darsteller sind erprobt genug, super, fertig. „Roter Drache“ ist lupenreines und jederzeit spannendes Thriller-Kino, das leider zu konform und austauchbar daherkommt. Die einzigen Abänderungen sind auch nur berechnend, klar muss Anthony Hopkins als „Star“ (obwohl die besten Szenen einzig und allein Ralph Fiennes auf sich vereint) mehr Raum bekommen als in der Vorlage, selbst das ist eher ein Kritikpunkt. Erstmal ist Hopkins zu alt für die Rolle (als Prequel, also bitte, das sieht man) und „seine“ Szenen wirken bald schon dreist bei „Das Schweigen der Lämmer“ kopiert, da merkt man schon die Mutlosigkeit bzw. die Planungssicherheit, alles bloß „richtig“ zu machen.


„Roter Drache“ ist ein durchaus guter Film, aber er könnte so toll sein. Ihm fehlt nicht nur die Kirsche, sondern gleich die ganze Sahne auf dem Eis. Bei Demme hatte man alles, bei Mann und Scott fehlten entweder Kirsche, Sahne oder Eis, aber dafür gab es Gründe. Die Gründe hier sind eher schleierhaft bzw. eben nicht, da beruhend auf dem konventionellen Dasein: Guter Standard, für die Möglichkeiten schon zu wenig. 

6 von 10 brennenden Rollstühlen

Review: DIE ASCHE MEINER MUTTER – Once Upon a Time in Ireland

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Fakten:
Die Asche meiner Mutter (Angela’s Ashes)
Irland, USA. 1999. Regie: Alan Parker. Buch: Laura Jones, Alan Parker, Frank McCourt (Vorlage). Mit: Emily Watson, Robert Carlyle, Joe Breen, Ciaran Owens, Michael Legge, Ronnie Masterson, Andrew Bennett, Pauline McLynn, u.a. Länge: 145 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Frank McCourt zieht mit seinen Eltern von den Vereinigten Staaten in das schäbige Limerick, eine Stadt in Irland. Das irisch-stämmige Ehepaar McCourt hat aufgrund der Wirtschaftskrise in den 1930ern nämlich keine Arbeit gefunden. Allerdings sieht es für den nordirischen Vater aufgrund diverser Vorurteile auch in seiner neuen Heimat nicht besser aus und so muss der kleine Frank in Armut und einer Mischung aus Familienglück, Verzweiflung und Frust aufwachsen. Und er nimmt sich vor, sobald er genug Geld verdient hat, selbst das hässliche Limerick zu verlassen und in die Vereinigten Staaten zurückzukehren.




Meinung:
Eines scheint klar zu sein: Frank McCourt, Hauptfigur und Autor der Romanvorlage zu „Die Asche meiner Mutter“ mag Limerick nicht. Dieses kleine, schäbige Städtchen in Irland, aus dem seine Mutter stammt und in das er, gerade mal vier Jahre alt, mit Papa, Mama und Geschwistern aus den USA zurückkehrt, weil sie dort keine Arbeit fanden. Dies wird nicht nur in den Beschreibungen McCourts von Stadt und Leuten deutlich, sondern auch aus dem großen Wunsch Franks, genug Geld zu verdienen, um so schnell wie möglich wieder zurück in die Vereinigten Staaten zu kehren. Aber Geld, besonders dessen Fehlen, ist ein heikles Thema. Denn auch in Irland findet sein Dad keine Arbeit, als saufender Nordire hat er es im katholischen Irland ohnehin noch schwerer.


Mit Sack und Pack kommen die McCourts in Irland an
Mit Emily Watson (Breaking the Waves) und Robert Carlyle (Trainspotting) sind zwei gute Darsteller für die Rollen der Eltern Franks besetzt worden, wobei sie beide eher am Rand des Filmes stehen und nur wenige, dafür aber auch sehr intensive Momente bekommen, um zu glänzen. Stattdessen liegt der Fokus aber klar auf Frank, der mit Joe Breen, Ciaran Owens und Michael Legge insgesamt von drei verschiedenen Jungschauspielern in den verschiedenen Altersstadien zwischen sechs und 16 Jahren verkörpert wird. Die machen das aller erstaunlich gut, wobei besonders der Mittlere, Ciaran Owens, die meisten Sympathiepunkte für sich verbuchen kann. Besonders hervorzuheben ist auch der Erzähler, der die Bilder kommentiert, die Gedanken unserer Hauptfigur ausspricht und so reichlich zum Verständnis und zur Unterhaltung beiträgt. Der Erzählstil ist dabei zwar einerseits sehr trocken, aber gleichzeitig doch süffisant und wirkt stets unglaublich emotional, sodass er einen wichtigen Teil beisteuert, der zum Gelingen des Films beiträgt. Tragisch und lustig – für den Zuschauern wechseln sich Tränen und Lachen in hoher Geschwindigkeit ab.


Es ist ja auch verdammt kalt hier...
„Die Asche meiner Mutter“ gibt keine Hinweise darauf, warum der Film ausgerechnet diesen Namen trägt, wobei man ihm zu Gute halten muss, dass auch in Frank McCourts Roman davon in keiner Weise gesprochen wird. Erst im Nachfolgebuch wird diese Geschichte aufgeklärt. Statt um eine eingeäscherte Mutter geht es also um die Kindheit und Jugend von Frank, die in drei Blöcken erzählt wird. Dabei werden nicht nur die Probleme des Jungen mit Familie, Schule und der katholischen Kirche angesprochen, die sein Leben stark geprägt haben, es wird auch ein Gesellschaftsbild der Leute in Limerick gezeichnet, das für die dortigen Bewohner wenig schmeichelhaft erscheint. Konservativ, borniert, streng und wenig Mitgefühl für das Leid der schlechter Gestellten. Dabei sind sie stark in ihrem Glauben verbunden und lehnen alles ab, was anders ist. Das bekommen eben auch die McCourts zu spüren und führt zu einer Mischung aus dramatischen und komischen Situationen.


Als Coming-of-Age-Geschichte kann der Film mehr packen als der aktuell so hoch gepriesene Boyhood und hat darüber hinaus auch mehr Erzählenswertes zu bieten. Allerdings ist der Ansatz dafür konventioneller, indem eben verschiedene Darsteller für die unterschiedlichen Entwicklungsphasen des jungen Frank verpflichtet wurden. An Genregrößen wie „Die Reifeprüfung“ oder Vielleicht lieber morgen kann er ohnehin nicht rankommen, aber die Darstellung eines Jungen in seinem Städtchen um die Zeit des zweiten Weltkrieges, in das viele historisch-politische Elemente aus dessen kindlicher Sicht eingebaut wurden, ist sehr schön anzusehen. Da eine wunderbare Mischung aus Witz und Tragik und die Möglichkeit, auch emotional tief mit den Figuren verbunden zu sein, den Film sehr gut abrunden und die Darsteller durch die Bank weg vor allem authentisch spielen, ist „Die Asche meiner Mutter“ ein äußerst sehenswerter Film geworden. Zumindest für alle, die nicht aus Limerick kommen.


7,5 von 10 Gruppenmasturbationen vorm Fenster der Schwester



Review: DER BOXER - Punktsieg gegen Hass und Terror

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Fakten:
Der Boxer (The Boxer)
IE, USA, 1997. Regie: Jim Sheridan. Buch: Jim Sheridan, Terry George. Mit: Daniel Day-Lewis, Emily Watson, Brian Cox, Gerard McSorley, Ken Stott, Ciarán Fitzgerald, Kenneth Cranham u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: Freigegeben an 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Nach 14 Jahren wird IRA-Aktivist Danny Flynn aus dem Gefängnis entlassen. Die Zeit hat ihn geläutert, sein altes Leben will er hinter sich lassen. Wieder in Freiheit nimmt der einst talentierte Boxer das Training wieder auf und ruft zusammen mit seinem ehemaligen Coach Ike den alten Box-Club wieder ins Leben. Deren Ideologie, keinen Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken zu machen, ist einigen seiner alten Weggefährten ein Dorn im Auge. Speziell Harry, einem extrem radikalen IRA-Soldat, der sich innerhalb der Organisation einen Machtkampf mit dem eigentlichen Anführer Joe liefert. Joe ruft zum Waffenstillstand auf, will durch Diplomatie die Ziele durchsetzen, Harry kennt nur die Sprache des Terrors. Zusätzlicher Sprengstoff: Danny und Maggie, die Tochter von Joe, waren vor 14 Jahren ein Paar. Nun ist sie mit Danny ehemals besten Freund verheiratet, der jedoch noch inhaftiert ist. Die Liebe zwischen Danny und Maggie flammt wieder auf, doch für die Ehefrau eines IRA-Mitglieds ist so was eine Todsünde.


                     

                                                                                 
Meinung:
Nach "Mein linker Fuss" und "Im Namen des Vaters" die dritte Zusammenarbeit des irischen Regisseurs Jim Sheridan und seinem Landsmann Daniel Day-Lewis. Wie schon bei "Im Namen des Vaters" widmet sich Sheridan dem allesbeherrschenden Themas seiner Heimat, dem jahrzehntelang tobenden, blutigen Terror-Kriegs der IRA gegen die britische Regierung. 



Aus dem einen Käfig in den nächsten...
Im Mittelpunkt des Geschehens steht allerdings nicht die Darstellung dieses Konflikts, wobei er natürlich eine entscheidende Rolle spielt. Sheridan vermischt verschiedene Zutaten aus Polit-Thriller, Sportdrama und tragischer Lovestory zu einem leider nicht immer homogenen, im grossen und ganzen dennoch gelungenen Film, dem das Herzblut des Regisseurs jede Sekunde anzusehen und zu spüren ist. Mit seinem Liebling Day-Lewis ist er im Besitz eines leistungsstarken Zugpferds, der sich diesmal jedoch etwas zurückhaltender präsentiert als oft gewohnt. Das soll keine Kritik an seiner Leistung bedeuten, die Rolle erfordert schlicht kein so extrovertiertes Spiel. Ausgenommen die Box-Szenen, in denen mal wieder zu sehen ist, wie sehr sich der Perfektionist auf seine Rollen vorbereitet. Es macht den Anschein, als wenn Day-Lewis schon jahrelang im Ring stehen würde, bemerkenswert. Die Sportszenen sind dabei aber, wie der IRA-Konflikt, nur eine Facette der Geschichte, letztendlich ist es eventuell das, was sich an "Der Boxer" kritisieren lässt. Irgendwie ist der Film nie so richtig greifbar, schwer einzuordnen, eine etwas deutlichere Festlegung hätte ihm vielleicht gut getan. Aber wirklich nur vielleicht.


Seltene Momente des Glücks
Denn Sheridan geht es nicht um die Bedienung von Genre, die Message sowie die Millieu- und Zeitcharakterisierung stehen im Vordergrund. Er zeigt Belfast, zumindest dessen Problemviertel, als zerrüttetes Schlachtfeld im Krieg zwischen Untergrundrebellen, Militär und Polizei, als sozial-religiös gespalteten Brennpunkt. Die deprimierende Stimmung vermittelt Sheridan grandios und präsentiert besonders an einer Stelle auf schockierend-bedrückende Weise, wie aufgeladen die Situation ist und der fragile, vorrübergehend ausgerufenen Waffenstillstand jederzeit in purem Chaos und blanker Gewalt eskalieren kann. In diesen Momenten ist "Der Boxer" unglaublich stark und kann es mühelos mit den ganz Grossen aufnehmen. Am Ende hinterlässt er ein unbehagliches Gefühl, da er die Hilflosigkeit aufzeigt, welche sich aus Jahrzehnten von Hass und Gewalt ergibt. Allein deshalb sollte Sheridans Werk unbedingt gesehen werden, auch wenn es nicht an seinen "Vorgänger" "Im Namen des Vaters" herankommt. Und bevor ich es vergesse: Der Cast, neben Day-Lewis, ist richtig stark. Besonders Gerard McSorley als verblendeter Hassprediger hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

 
7 von 10 Knockouts

Review: ANNA KARENINA - Liebe und Illusion

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Fakten:
Groß Britannien, Frankreich. 2012. Regie: Joe Wright. Buch: Tom Stoppard, Lew Tolstoi (Vorlage). Mit: Keira Knightley, Aaron Johnson, Jude Law, Kelly McDonald, Matthew Macfadyen, Olivia Williams, Ruth Wilson, Emily Watson, Damhnall Gleeson, Holliday Grainger, Bill Skarsgard, Michelle Dockney, Shirley Henderson, Cara Delevingne Alexandra Roach, Here Hilmar u.a. Länge: 130 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story‘:
Die Geschichte dreier russischer Adelsfamilien im  19. Jahrhundert. Gesellschaftlich angesehen aber nicht verschont von Krisen und Kummer, heraufbeschworen durch Liebschaften und Missgunst.





Meinung:
Es erweist sich schon als äußerst mühsames Unterfangen, Joe Wrights „Anna Karenina“-Adaption in angemessene Worte zu fassen, denn eigentlich ist seine Tolstoi-Verfilmung nominell mit Sicherheit kein schlechter Film, vor allem beweist der britische Regisseur viel Mut in seiner Inszenierung und lässt die Schauplätze zum symbolischen Theater der adligen Verlogenheit und universellen Bedürfnisse werden. Natürlich ist das weitentfernt von der reduzierten Radikalität eines „Dogville“ und doch sind die bühnenhafte Permutationen und die flüssigen Verschiebungen der Kulissen mehr als reizvoll. Und genau in diesen Aspekten lässt „Anna Karenina“ keinerlei Wünsche offen. Die prächtigen Kostüme, das historische Ambiente, die klassische Untermalung und die gesamte Szenerie sind sowohl preisverdächtig als auch in ihrer partikulären Positionierung einfach eine üppige Wucht.



"Schiri, wir wissen wo dein Auto steht!"
Wenn wir uns nun einmal daran zurückerinnern, was Leo Tolstoi in seiner weltberühmten Romanvorlage aussagen wollte, welche Intention er beim Schreiben verfolgte, dann treffen wir auf die Worte Liebe und Illusion. „Anna Karenina“ steht für die desillusionierende Devastation der romantischen Hingabe, am Ende stürzen sämtliche Fassaden, Obsession, Verzweiflung und Eifersucht verschmelzen und was bleibt ist die Explikation der gesellschaftlichen Künstlichkeit. Joe Wright greift diese bedeutsamen Gliederungspunkte ebenfalls auf, wir tauchen ein in eine Geschichte, die von Trugbildern, Sehnsüchten und der brodelnden Konventionsflucht bestimmt ist. Anna Karenina ist in einer monotonen Ehe gefangen, sie sehnt sich nach Leidenschaft, nach Freiheit und ihr bourgeoises Dasein, in dem nur die gute Miene zum „bösen“ Spiel aufrechterhalten werden soll, fehlt der schwärmerische Anstrich, den sie schließlich im Graf Wronski findet und sich dadurch selber zur gesellschaftliche Geächteten degradiert.


Man muss Joe Wright auch dafür loben, dass er den Charakter Anna Karenina zu keiner Zeit in den allesüberschattenden Fokus stellt, wie schon in Tolstois-Vorlage sind es die Beziehungen zwischen Anna und Wronski, Dolly und Stepan und Kitty und Konstatin, die immer wieder eingestreut werden und so gleichermaßen Erwähnung finden. Wenn wir als Zuschauer dann mit allen Beteiligten vertraut sind, wir verstanden haben, dass Anna in ihrer Theaterwelt nur eine der wenigsten Personen ist, die dem verzogenen Lügenkonstrukt dieser russischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert entfliehen will und vor allem Kitty und Konstantin den deutlichen Gegenpart darstellen, gerade auch dadurch, dass ihre Szenen mit der russischen Natur verknüpft werden, die der fessellosen Allegorik problemlos in die Hände spielt, dann bleibt unter der opulenten Schale nicht viel übrig.



Geliebt und gehasst: Keira Kni...äh Anna
Die Bühne als Projektionsfläche für das verstellte Schauspiel der Schönen und Reichen, der Adligen und Mächtigen. Kleider machen Leute, Geld aber nicht glücklich. So viel ist klar. Wenn wir tiefer graben, uns durch die feudale Äußerlichkeit gekämpft haben und die informale Bedeutung ergreifen wollen, stoßen wir auf Wrights unterkühlte Distanz. Für eine gefühlvolle Ergreifung seitens der Inszenierung ist hier keinen Platz, was dementsprechend auch jeden emotionalen Zugang zum Geschehen verweigert, wir stoßen auf das wahre Problem von „Anna Karenina“: Die allgemeine Oberflächlichkeit. Alles ist ziseliert bis in die silbernen Kleiderbügel und wenn Wright die vielfältigen Empfindungen konträr zerbrechen lässt, dann sehen wir nur dabei zu, aber wir fühlen nichts – Wright hat sein Ziel erreicht. Anna Karenina begeht Ehebruch, schlimm ist diese Tatsache nicht, es ist viel schlimmer, dass sie ihre Zuneigung gegenüber Wronski in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellt hat. Dabei ist diese Thematik durchaus epochenübergreifend und wenn wir einen solchen Vorfall in die Gegenwart verlegen, in einer Zeit, in der es keine zwischenmenschliche Geheimnisse gibt und Gerüchte sich wie Lauffeuer verbreiten, hätte sich „Anna Karenina“ als Sinnbild für jeden Periode verstehen lassen.


Der hinderliche Abstand ist der ausschlaggebende Punkt, der den Zuschauer nicht nur zum Beobachter macht, sondern auch zum Forscher. Wir wollen in die reichhaltige Erzählung eintauchen, wollen die Charakter-Tiefe ausloten, die Ambivalenz erfahren, doch wir stoßen nur auf den unsichtbaren Widerstand, der sich auch in Keira Knightleys manierierter Anstrengung reflektiert, die weder Identifikationsfläche bietet noch den Zuschauer um den Finger wickeln kann. Es fehlt ihr schlichtweg an Ausstrahlung, an Leinwandpräsenz und ihre weibisch-aufmüpfige Performance ist entsetzlich kontraproduktiv. Wirklich überzeugend sind im Cast eigentlich nur Jude Law und Matthew Macfadyden, die das Beste aus ihren Rollen holen, aber zu wenig Screentime bekommen, um das Ruder noch irgendwie rumzureißen. Der Abspann rollt, die Gedanken versuchen sich sammeln, doch es gibt letztlich nichts, was nachdenklich stimmen könnte. Äußerlich ansprechend angerichtet, innen maximal lauwarm.

5 von 10

von souli