USA, 2002. Regie: Brett Ratner.
Buch: Ted Sally, Thomas Harris (Vorlage). Mit: Edward Norton, Anthony Hopkins,
Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Mary-Louise Parker, Philip Seymour
Hoffman, Anthony Heald, Ken Leung, Frankie Faison, Tyler Patrick Jones u.a.
Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray
erhältlich.
Story:
FBI-Profiler Will Graham hat sich
eigentlich zur Ruhe gesetzt, als ihn sein Vorgesetzter Crawford um die Mithilfe
bei einem Fall bittet. Der Serienkiller „Die Zahnfee“ tötet bei Vollmond ganze
Familien, die Ermittler haben keine heiße Spur. Widerwillig nimmt Graham an,
steht aber bald selbst auf dem Schlauch. Da der nächste Vollmond naht, muss er
einen Pakt mit dem Teufel eingehen: Er sucht die Unterstützung von Dr. Hannibal
Lecter, dem kannibalischen Psychiater, den er zu Letzt hinter Gitter brachte
und dabei fast sein Leben verlor.
Meinung:
Nach der von der Kritik zwar
umstrittenen, kommerziell dafür sehr erfolgreichen Wiederbelebung des
ikonischen, kultivierten Kannibalen Dr. Hannibal Lecter in „Hannibal“ wollte
man sich die Chance auf einen weiteren Hit nicht entgehen lassen. Da ein Jahr
später natürlich noch keine neue Geschichte von Autor Thomas Harris vorlag, ging
man eben den Weg der Neuverwertung. Harris‘ erster Lecter-Roman wurde einfach
nochmal verfilmt. Bereits 1986 entstand unter der Regie von Michael Mann mit „Manhunter“
eine filmische Adaption des Stoffs, ging seiner Zeit allerdings an den
Kinokassen gnadenlos unter. Vielen Menschen war der Film gar kein Begriff, als
1991 mit der Umsetzung des Folgeromans „Das Schweigen der Lämmer“ ein Welthit
geschaffen wurde, der fünf Oscars abräumte und Anthony Hopkins für seine
unfassbare Interpretation des gebildeten, hochintelligenten und
diabolisch-manipulativen Monsters hinter Plexiglas zum Superstar machte.
Back in the Game...
Der Neustart ist somit vom
wirtschaftlichen Standpunkt bald logisch, birgt natürlich dennoch ein großes
Risiko, aus unterschiedlichen Gründen. Mal unabhängig zu der teilweise zwar
nachvollziehbaren, nichtsdestotrotz in der Radikalität zu massiven
Unterschätzung von Michael Manns Film (dazu gleich), schon „Hannibal“ blieb
weit hinter den Erwartungen zurück und musste sich einiges an herber Kritik
gefallen lassen. Der Regisseurs des Film, Ridley Scott, trägt daran die
geringste, um nicht zu sagen gar keine Schuld. Ganz im Gegenteil, gerade durch
ihn und seine Leistung ist die Verfilmung von „Hannibal“ eigentlich mehr wert,
als es die Grundlage hergibt. Der schwarze Peter zu dem deutlichen
Qualitätsabsturz von „Das Schweigen der Lämmer“ zu „Hannibal“ liegt eindeutig
bei Thomas Harris, der schlicht nicht das Niveau halten konnte. War „Das
Schweigen der Lämmer“ in Buch und Film noch ein exzellenter Psychothriller, war
„Hannibal“ bereits in der literarischen Version getrüffelter Pulp.
Exploitativer Edel-Trash, den Scott bald irritierend elegant auf die Leinwand
brachte und der Diskrepanz aus brutalem Blödsinn und berauschender
Inszenierung eine ganz eigene Note verlieh, eigentlich doch den Geist des Buchs
einfing, besser als es dieses wohl selbst geplant hatte. „Hannibal“ war extrem
wüstes, teils absurdes Kino mit überkandidelten Figuren und Konstellationen, serviert
als elitäres Dinner im klassischen Ambiente. Exakt damit traf Scott die
merkwürdige Wechselwirkung des Hannibal Lecter auf den Punkt: Ein abscheuliches,
perverses Monster, gleichzeitig der eloquente, gebildete und angepasste
Weltbürger. Ein Wiederspruch in sich, was Scott damals grandios (und meistens
verkannt) in Bilder verpacken konnte.
Von hinten schöner als von vorne...
Das nächste „Problem“ einer
Neuverfilmung hat zwei Seiten: Obwohl „Manhunter“ damals ein Flop war,
inszenatorisch ist er über jeden Zweifel erhaben. Michael Mann gelang ein
betörender, beinah hypnotischer Großstadtthriller, dem er einen ganz eigenen,
individuell-mutigen Stempel aufdrücken konnte. Von den Bild- und
Tonarrangements mitten in seinem Entstehungszeitraum verankert und trotzdem
sehr visionär, gewagt ging Mann zu Werke, tauchte die Handlung in einen
aufsaugenden Strudel, dessen Klasse (flächendeckend) erst später entsprechend
gewürdigt wurde. Künstlerisch ist der Film heute noch bemerkenswert, sein
größtes Mängel – abgesehen von der Tatsache, dass er damals einfach eine B-Movie-Version
einer noch nicht kultisch verehrten Romanvorlage war - ist aber weiterhin
vorhanden. „Manhunter“ änderte speziell das letzte Drittel des Buchs extrem
ab, beraubte sich selbst des ursprünglichen Finales. Mann orientierte sich am
Werk von Harris, was aber nicht akribisch auf eine getreue Abhandlung fixiert.
Um nun (endlich) zu diesem „Roter Drache“ zu kommen: Der ist ganz dicht am
Buch, was ein klarer Vorteil ist. Denn qualitativ sind die Romane von „Roter
Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ nicht so weit voneinander entfernt,
zumindest nicht so weit wie zu „Hannibal“. Der psychologische Schwerpunkt liegt
klar bei „Das Schweigen der Lämmer“, allein durch das penible, sezierende
Psycho-Duell zwischen Clarice Starling und Hannibal Lecter, von seiner
durchdachten und spannungsfördernden Dynamik sind sie sich sehr ähnlich.
Maßnehmen fürs Glasauge.
„Roter Drache“ hat somit eigentlich
alles, was es für einen erstklassigen Thriller braucht. Er hat eine tolle
Geschichte, er hat die entsprechenden Mittel aus der Produktionskasse, einen
grandiosen Cast und den Hype um Hannibal Lecter im Rücken, wo ist denn das
Problem? Es klingt so schlicht, aber es ist entscheidend: Dieser „Roter Drache“
hat keine eigene Handschrift, nicht im Ansatz. Ihm fehlt es an dem brillanten
Moment von Jonathan Demme sowie dem autarken Dasein von Michael Mann und Ridley
Scott. Es ist eine sehr solide, brave und konforme Transformation des
geschriebenen Wortes auf die große Leinwand mit (nun) viel Budget und Starpower. Der erlaubt sich keine Ausreißer, keine Fehler aber auch keine
Experimente, verlässt sich rein auf seine Rahmenbedingungen und fährt damit
mutlos-sicher. Brett Ratner ist dafür der ideale Mann, der hat nie und wird nie
so was wie einen eigenen Stil entdecken, der macht halt. Man sieht alles, man
hört alles, Text war okay, die Darsteller sind erprobt genug, super, fertig. „Roter
Drache“ ist lupenreines und jederzeit spannendes Thriller-Kino, das leider zu
konform und austauchbar daherkommt. Die einzigen Abänderungen sind auch nur berechnend,
klar muss Anthony Hopkins als „Star“ (obwohl die besten Szenen einzig und
allein Ralph Fiennes auf sich vereint) mehr Raum bekommen als in der Vorlage,
selbst das ist eher ein Kritikpunkt. Erstmal ist Hopkins zu alt für die Rolle
(als Prequel, also bitte, das sieht man) und „seine“ Szenen wirken bald schon
dreist bei „Das Schweigen der Lämmer“ kopiert, da merkt man schon die Mutlosigkeit
bzw. die Planungssicherheit, alles bloß „richtig“ zu machen.
„Roter Drache“ ist ein durchaus
guter Film, aber er könnte so toll sein. Ihm fehlt nicht nur die Kirsche,
sondern gleich die ganze Sahne auf dem Eis. Bei Demme hatte man alles, bei Mann
und Scott fehlten entweder Kirsche, Sahne oder Eis, aber dafür gab es Gründe.
Die Gründe hier sind eher schleierhaft bzw. eben nicht, da beruhend auf dem konventionellen Dasein: Guter Standard, für die
Möglichkeiten schon zu wenig.
Fakten: Hannibal –Staffel 2
USA. 2014. Regie: David Slade, Michael Rymer, Peter Medak, Guillermo Navarro,
Tim Hunter, Vincenzo Natali. Buch: Bryan Fuller, Steve Lightfoot, Andy Black
u.a. Mit: Mads Mikkelsen, Hugh Dancy, Laurence Fishburne, Gillian Anderson, Caroline
Dhavernas, Hettienne Park, Scott Thompson, Cynthia Nixon, Michael Pitt,
Katharine Isabelle u.a. Länge: 13 Folgen á ca. 43 Minuten. Demnächst DVD und
Blu-ray erhältlich.
Story: Will Graham wurde von Hannibal reingelegt. Nun sitzt er im
Hochsicherheitsgefängnis und gilt als psychopathischer Serienkiller und niemand
schenkt ihm Glaube, dass Dr. Lecter ein kannibalisches Monstrum ist. Graham
muss versuchen seine Unschuld zu beweisen.
Meinung: Die
erste Staffel von „Hannibal“ hatte mit erheblichen Startschwierigkeiten
mannigfacher Causa zu kämpfen und schmälerte zu Anfang noch die Hoffnungen
darauf, erneut in den Genuss eines ähnlich hochkarätigen Formats à la „Game of Thrones“, „The Walking Dead“ oder „Mad Men“ zu kommen. Ja, die Qualität von
„Hannibal“ blieb vorerst im Verborgenen, der Erzählfluss stagnierte gewaltig
und den Charakteren gelang es einfach nicht, ein rechtes Interesse für ihre
misslichen Lagen zu generieren. Das Blatt wendete sich schließlich noch, Mads Mikkelsen
bewies erneut, warum er inzwischen zu den Besten seiner Zunft gehörte und
„Hannibal“ zog die Daumenschrauben von Folge zu Folge, bis zum tollen Finale,
gekonnt fester und fester. Nun sorgt die zweite Staffel der NBC-Serie im World
Wide Web für reichlich Furore und kassierte sowohl Schelte als auch reichlich
Ehrenbezeigung. Fakt ist in erster Linie aber, dass die gesamte Crew mit der
zweiten Staffel wirklich ganze Arbeit geleistet hat und die eigentliche Klasse
des Sujets bis auf wenig Aussetzer schrankenlos ausreizt.
Hannibal Lecter ist mit seinem durchtriebenen Spiel tatsächlich durchgekommen
und hat es geschafft, Will Graham die Morde anzuhängen, für die er sich
verantwortlich gezeigt hat. Will ist es letztlich zwar noch gelungen, Hannibals
Plan zu durchschauen, war aber aufgrund der offensichtlichen Beweisgrundlage
chancenlos und ist gezwungen, sein Dasein von nun an hinter schwedischen
Gardinen zu fristen. Als es dann aber, trotz der Inhaftierung Wills, zu
weiteren grauenvollen Morden kommt, die nach einem ähnlichen Motiv gestrickt
sind, kommen auch der Außenwelt um Will immer mehr Zweifel, während Will selbst
damit beschäftigt ist, Jack Crawford davon zu überzeugen, dass Hannibal der
Chesapeake Ripper ist und ein Doppelleben führt. Es geht also äußerst verzwickt
vonstatten und vor allem Will Graham mausert sich in Staffel 2 zu einem
Charakter, der endlich Autonomie beweisen kann und den Zuschauer aufgrund
seiner Situation (und den Umgang mit dieser) zu bannen weiß. Will entwickelt
sich weiter, seine Halluzinationen beschreiten eine Dimension, der ein
greifbares Fundament bereitet wurde, deren Tragik endlich verständlich scheint.
Und auch Hannibal, der in Staffel 1 durch seine kognitiven Fähigkeiten noch
unbezwingbar erschien, darf endlich menscheln und einen Blick in sein Inneres
erlauben: Menschen definieren sich nun mal durch ihre Schwächen – Hannibal
höchstpersönlich stellt da bei gewiss keine Ausnahme dar. Wenn man der zweiten
Staffel wirklich etwas vorwerfen möchte, dann ist es nicht seine zuweilen
relativ berechnende und durch überbordende Konstruktion, sondern der schludrige
Umgang mit dem weiblichen Personal. Charaktere wie Dr. Alana Bloom, Dr. Bedelia
Du Maurier und auch Abigail Hobbs besitzen viel mehr Potenzial, als es ihnen
das Drehbuch gönnt und so verkommen sie oftmals nur zu funktionellen
Lückenbüßern, die zwischendurch gerne mal eine ganze Folge übergangen werden.
Dass der Sex – und ja, das scheint eine äußerst sexistische Überleitung – in
Staffel 2, wie von Bryan Fuller verkündet, nun wirklich Einzug in die Serie
erhält, ist natürlich einerseits ein wichtiger Aspekt um die Emotionalität
seiner Charaktere wesentlich zu grundieren. Dass der Geschlechtsakt aber in
einem gar mythisch elektrisierten Fünfer kulminiert, zählt zu den wirklich brillanten
Einfällen.
„Hannibal“ erlaubt sich in einem Beziehungsgeflecht einen zunehmend präsenten
homoerotischen Subtext, der die Bindung zwischen Hannibal Lecter und Will
Graham viele neue Facetten offeriert. Es mag paradox klingen, wenn Hannibal
Lecter über Humanität und Ethik schwadroniert, bevor er noch um Wills Vergebung
bittet, Reue verkündet, um ihm dann ein „ganz“ besonderes Geschenk zu
unterbreiten, dass Hannibals Verzweiflung akkurat auf dem Punkt bringt.
„Hannibal“ gewinnt endlich einen gefühlvollen Unterbau, der mehr Spannung inne
trägt, als die, natürlich durch ihren Suspense ebenfalls aufregende, Hetzjagd
um den Killer an und für sich. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel jedoch steht
die ambivalente Freundschaft zwischen Will Graham und Hannibal, es sind die
Illusionen, denen Hannibal sich insgeheim hingibt, die ihn durch Hand mehr oder
weniger demaskieren. „Hannibal“ hat es geschafft, sich von dem hemmenden
Schubladendenken zu befreien und verwebt wie verstärkt seine Handlungsfäden mit
elementare Fragestellungen, auf die wir vorerst noch keine Antwort geben
dürfen. Doch wie schwer lässt sich die Triebhaftigkeit in der menschlichen
Natur nun wirklich kontrollieren? Wie schnell verfällt man der Lust an
Zerstörung, wenn man einmal Blut geleckt hat?
Formal brauchen wir wohl nicht viele Worte über „Hannibal“ verlieren und
inzwischen sind wohl alle Superlativen erlaubt, die das Wörterbuch so hergibt:
In einer synästhetischen Finesse zieht „Hannibal“ den Zuschauer durch seine
famosen Bildkompositionen in den Bann. Symbolisch aufgeladene Sequenzen werden
durch farbliche Kontraste akzentuiert, die sich in dieser Pracht postwendend
ins Gedächtnis brennen. Der Maskerade des Wahnsinns im Zentrum begegnen
adäquat-kalibrierte, hochgradig stimulierende Fotografien, die letztlich durch
ihre akustische Untermalung vollständig überwältigen. Neben den freudianischen
Referenzen, dem Fan-Service, den Allegorien und der poetischen Metaphorik
gebührt ein letztes großes Lob noch zwei Nebenfiguren: Zum einen lehrt uns Jonathan
Tucker in Folge 5 als Pfleger der Einrichtung, in der Will Graham einsitzt,
kräftig das fürchten. Und zum anderen ist Micheal Pitt („Boardwalk Empire“),
der dem jungen Mason Verne ein Gesicht verleiht, schlichtweg überwältigend. Wie
von der Tarantel gestochen lässt Michael Pitt den Psychopathen raushängen und
bekommt dann eine Szene geschenkt, die den Gore-Höhepunkt der Reihe darstellt.
Unfassbar! Das Warten auf Staffel 3 wird eine echte Geduldsprobe.
Fakten: Hannibal –Staffel 1
USA. 2013. Regie: David Slade, Michael Rymer, Peter Medak, Guillermo Navarro,
Tim Hunter, John Dahl. Buch: Bryan Fuller, Jennifer Schuur, David Fury u.a.
Mit: Mads Mikkelsen, Hugh Dancy, Laurence Fishburne, Caroline Dhavernas,
Hettienne Park, Scott Thompson, Kacey Rohl u.a. Länge: 13 Folgen á ca. 43
Minuten. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: FBI-Profiler kann sich wie kein anderer in den Täter hineinversetzen. Eine
Gabe, die ihm zu gefragten Helfer bei der Fahndung nach Psychopathen macht.
Doch diese Gabe ist auch ein Fluch und Graham ein menschliches Wrack. Als Hilfe
besucht Graham den Psychiater Dr. Hannibal Lecter, der bei Wills neustem Fall
ihn sogar unterstützt. Dabei ist Lecter selbst ein Monster.
Meinung: Wenn
literarische Entitäten auf die Leinwand projiziert werden, sind es,
logischerweise, die Anhänger jenes Stoffes, deren Welt erst mal einmal ins
Wanken gerät, die sich das laute Aufschreien nicht verkneifen und dem Projekt
per se jedwede Daseinsberechtigung abzusprechen versuchen. Natürlich ist es ein
Ding der Unmöglichkeit, einen Roman bis ins kleinste Detail ganz und gar
vorlagengetreu filmisch umzusetzen, würde diese Behandlungsweise doch
eigentlich jeglichen zeitlichen wie dramaturgischen Rahmen des Kinos an und für
sich sprengen. Wie aber würde der Umgang mit einer Buchvorlage aussehen, wenn
man sie in Serie gießt, um ihr so eine enorme künstlerische Spannweite zur
Entfaltung entgegenzubringen? Das BBC-Format „Sherlock“ beweist mit ihrer
launigen Generalüberholung des wohl renommiertesten Detektiv Großbritanniens,
dass ein solches Vorhaben durchaus funktionieren kann. Mit der NBC-Serie
„Hannibal“ versucht sich Bryan Fuller nun daran, Thomas Harris' Klassiker
„Roter Drache“ eine mit Blut geschriebene Vorgeschichte zu ermöglichen, hat
dabei aber nicht nur mit den üblichen Stolpersteinen einer ersten Staffel zu
ringen.
Ist das Kunst oder kann das weg?
Der berühmteste Kannibale der Literatur- wie Filmgeschichte also bekommt das
Privileg, auch auf dem derzeit unermesslich florierenden Serienmarkt
mitzumischen. Ein durchaus ansprechender Kasus war die Vita des Hannibal Lecter
ja ohnehin schon immer, die Serie beruft sich allerdings darauf, Vorarbeit zu
leisten. Drehbuchautor Bryan Fuller aber ist gleichwohl nicht darauf erpicht,
Synchronizität in der Adaption bekannter Figuren und chronometrischer
Richtlinie zu wahren. „Hannibal“ spielt in der heutigen Zeit, verfügt damit all
die modernen technischen Spielereien, die der forensischen Polizeiarbeit in der
Vorlage (Hannibal wurde bekanntlich von Will Graham Mitte der 1970er Jahre
überführt) natürlich noch nicht zur Verfügung standen. Auch
Geschlechtsumwandlung sind gegeben: Dr. Alan Bloom wird hier zu Dr. Alana
Bloom, eine enge Freundin Hannibal, der es gestattet ist, im Gespräch mit ihm
Höflichkeitsformen zu missachten, während Freddy Lounds, im famos besetzten
„Roter Drache“ von 2002 noch vom kürzlich verstorbenen Philip Seymour Hoffman
verkörpert, nun zur weiblichen Promibloggerin Fredericka Lounds wird.
Mikkelsen war schon toll in "Dänische Delikatessen"
Aber all diese Revisionen stellen kein Problem in der Konsumierung von
„Hannibal“ dar, hat Bryan Fuller schließlich im Vorfeld angekündigt, die Serie
auch als eine Art Neuinterpretation zu verstehen. „Hannibal“ krankt in erster
Linie daran – und da tun es ihm viele weitere Gleichgesinnte dieser Klasse
gleich -, dass sich nicht nur Charaktere, sondern auch der Zuschauer vorerst
akklimatisieren muss. Wir müssen Schritt für Schritt mit den Figuren vertraut
gemacht werden, uns in das neue Umfeld einleben und ein Gefühl für die hiesige
Dynamik bekommen. „Hannibal“ aber gelingt es nicht, anders als beispielsweise
„Sons of Anarchy“ oder „Breaking Bad“, die gewiss auch Startschwierigkeit
hatten, ihr interessantes Sujet aber immer mit dem nötigen Feeling
auskleideten, sich anfangs von der Stelle zu bewegen. Der Schwerpunkt wird
vorerst auf Will Graham verlagert, einem Profiler, der im Dienst des FBI
Tatorte durch seine übernatürliche Empathie rekonstruiert und somit tatkräftig
dabei hilft, Serienkiller zu überführen. Will Graham wird als psychotischer Soziopath
beschrieben, der die Dunkelheit der Welt etwas zu weit in sein Herz hat blicken
lassen.
Wenigstens sind sie an der frischen Luft
Ist es also der Weg zurück ins Licht, der das Spannungsfeld von „Hannibal“
ausmacht? Wohl kaum. Will Graham wird pathologisiert, bis sich die Balken
biegen und verschwimmt fortwährend in sämtlichen Bewusstseinsebenen. Anstatt
diesem Wechselspiel aus Realität, Halluzinationen und der symbolhaften
Traumebene einen eigenen, mystischen Reiz zu verleihen, labt sich „Hannibal“ an
morbider Körperkunst. Die Mordfälle sind innovativ und bestialisch, aber sie
wirken in ihrer bizarr-abstrakten Kreation nie organisch, sondern wie frisch
aus dem Katalog für Wahnsinnige schabloniert. „Hannibal“ ist eine ungemein
artifizielle Serie, die beinahe die Hälfte ihrer Laufzeit anstrengt, weil sie
nicht weiß, wie sie sich recht nach vorne bewegen soll. Das „Killer of the
Week“-Konzept ist schnell abgenutzt und Will Graham strapaziert das
Nervenkostüm mit verheultem Blick und tranceartiger Motorik mit Wonne. Hugh
Dancy ist eingekesselt in seiner Figur, muss theatralischen Gesten huldigen und
dadurch immer mal wieder den Spott des Zuschauers auf sich ziehen. Mit Mads
Mikkelsen („Die Jagd“) als Hannibal Lecter ist der Serie allerdings ein echter
Besetzungscoup gelungen.
Hier kocht und killt der Chef noch selbst
Immer im feinsten Zwirn gekleidet, besticht Mads Mikkelsen durch seine sublime
Diabolik, die sich primär durch seine strahlenden Augen herausbricht und der
emotionslosen, der intellektualisierenden Haltung seiner Person neue Facetten
abverlangt. Der sich anbahnende Konflikt zwischen Hannibal und Will Graham
beginnt hier noch in gemeinsamer Arbeit für das FBI und glücklicherweise findet
„Hannibal“ nach gut sechs verstrichenen Folgen in die Spur und kann endlich den
Suspense sukzessiv ausschöpfen, der von Folge zu Folge mit zum Teil peinlich
bemühten Cliffhangern versprochen wird. Dass eine Serie allerdings ganze sechs
Folge vergeudetet, wiegt sich gewiss negativ auf das Resümee aus. Und doch
verschmelzen in der zweiten Hälfte die künstlerischen Ebenen ineinander. Mads
Mikkelsen reißt das Ruder an sich, Hugh Dancy wirkt in seinem Spiel nicht mehr
wie verstopft und selbst ein Laurence Fishburne als Agent Jack Crawford fügt
sich wunderbar in das Ensemble. Brillieren darf „Hannibal“ dennoch
vordergründig durch seine technische Finesse: Vor allem die auditive Suggestion
durch dumpfe und verzerrende Streicher, durch mechanisches Hämmern und
hölzernes Prellen lässt den Zuschauer selbst wie paralysiert durch einen
luziden Traum schwelgen.
Die auratische Atmosphäre, die die Serie langsam dadurch heraufbeschwört, legt
sich wie ein Fluch um den Zuschauer, zerrt ihn mit, um ihn dann mit einem
Finale zu beglücken, das nicht auf großes Tamtam setzt, sondern in seiner
Stille frösteln lässt. Der kultivierte Manipulator, der fingerfertige Gourmet
(Seine kulinarischen Kabinettstücke sehen auf dem Teller ebenfalls aus wie
Kochbuchillustrationen), der antizipierende Anthropologe Hannibal Lecter sitzt
am längeren Hebel, doch wie lange wird er seinem blutigen Handwerk noch
nachgehen dürfen? Wer hätte gedacht, dass „Hannibal“ nach diesem derart
misslungenen Start noch einmal eine solch einnehmenden, psychologisch
verstörenden Schlussspurt einlegen würde und nicht nur seine teils wirklich
heftige Gewalt als nach Aufmerksamkeit gierendes „Highlight“ fungieren lässt?
Die Vorfreude auf Staffel 2 jedenfalls darf groß sein, schließlich hat das Team
nun nicht mehr damit zu kämpfen, einen Startpunkt zu manifestieren, den man
erst mühevoll überqueren muss, sondern darf gleich in die Vollen gehen.
Fakten: Hannibal
Rising – Wie alles begann
USA, UK, Frankreich, Tschechien, Italien. 2007. Regie: Peter Webber. Buch:
Thomas Harris (Vorlage). Mit: Gaspard Ulliel, Gong Li, Dominic West, Rhys
Ifans, Kevin McKidd, Aaran Thomas, Ivan Marevich, Stephen Walters, Richard
Brake u.a. Länge: 126 Minuten (Unrated Fassung), 116 Minuten (Kinofassung).
FSK: freigegeben ab 18 Jahren (beide Fassungen). Auf DVD und Blu-ray
erhältlich.
Story: Die Geschichte von Hannibal Lecter. Wie wurde aus dem Sohn wohlhabender,
guter Eltern solch ein Monstrum?
Meinung: Jonathan
Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ von 1991 darf sich nicht nur als
cineastisches Grundwissen titulieren lassen, sondern auch als ein Klassiker,
der selbst den Menschen ein klarer Begriff ist, die ihre Filmaffinität nicht
rund um die Uhr ausleben - oder als reine Attitüde exponieren. Hannibal Lecter
ist eine Ikone des Psycho-Horrors, eine fiktive Kunstfigur, die literarisch
genauso begehrt auftritt, wie sie es auch auf der Leinwand tut. Mit der
Stilsicherheit eines Michael Manns („Heat“) im Schlepptau entpuppte sich der
filmische Franchise-Auftakt mit „Blutmond“ 1986 als echtes Meisterwerk des
Suspense-Kinos, welches dem allseits gefeierten Nachfolger „Das Schweigen der
Lämmer“ sogar noch einen kleinen Schritt voraus ist. Danach ging es allerdings
immer weiter bergab: „Hannibal“ von Ridley Scott war zu zäh und erklärte die
Gore-Szenen zu Spannungsklimaxen, während „Roter Drache“ - eine Neuauflage von
„Blutmond“ - noch durch seine exzellenten Schauspieler (Ralph Fiennes als
Zahnfee!) überzeugte, darüber hinaus aber zunehmend in der Beliebigkeit versank.
Bevor jetzt Fragen kommen: Nein, das ist nicht souli
Derzeit sorgt auch die qualitativ äußerst volatile NBC-Serie „Hannibal“ für
Furore, in der der dänische Mime Mads Mikkelsen („Michael Kohlhaas“, „Die Jagd“) dem kultivierten Serienkiller ein Gesicht verleiht. „Hannibal Rising –
Wie alles begann“ von 2007 jedoch manifestiert den absoluten Tiefpunkt der
Reihe und lässt sich ohne Mühe als pure, unverschämte Geldmacherei entlarven.
Analog zur Filmproduktion nämlich schrieb Thomas Harris das Drehbuch zum Film,
merzte dem nach Sensation lechzenden Publikum wegen jedwede Subtilität im
Umgang mit Lecter aus und degradierte ihn zum austauschbaren Psychopathen von
der Stange. Harris ist es gelungen, sein personifiziertes Opus magnum im
(anti-)künstlerischen Sauseschritt zu demontieren. Alles beginnt zur Zeit des
zweiten Weltkrieges, in dem Hannibals Eltern bei einem Fliegerangriff in den
litauischen Wäldern zu Tode kommen und ihn mit seiner Schwester Mischa in einer
abgelegenen Jägerhütte zurücklassen. Wenn sich dann ein Trupp Marodeure zu
ihnen gesellt, beginnt die psychologische Simplifizierung seiner Person.
souli, äh, Hannibal findet in seiner Tante eine Vertraute
Woher sein kannibalischer Trieb kommt, kann „Hannibal Rising“ uns nicht
erklären, er lässt nur Andeutungen im hanebüchenen Stil anklingen und dann
hinten raus im Nirgendwo versacken. Woher die Kultiviertheit Hannibals kommt,
bleibt ebenso fraglich, irgendwann jedenfalls ist er mitten in seinem Medizinstudium
und obduziert Leichen. Hier wird ein Setting eingeführt, welches einzig dazu
dient, Hannibal einen klischeesierten Spielraum für weitere Schweinereien zu
bieten. Hannibal nämlich ist nun von Rache getrieben, möchte die Männer zur
Schlachtbank führen, die einst seine kleine Schwester im illustrer Runde
verspeisten und kennt dabei in seinem Sadismus keine Grenzen: Erst singt er
Kinderlieder, dann dreht er ihnen den Hals um. Wer dieser Mensch wirklich ist?
Das steht in den Sternen, aber nicht im Drehbuch. Zwischen platten
psychologischen Signalen und mehr als unterforderten Darstellern, wird eine
Thriller-Farce der minderwärtigen Klasse herausgearbeitet. Gaspard Ulliel als
Hannibal darf finster gucken, bekam aber wohl keinerlei Anweisung, wohin denn überhaupt
genau, Gong Li drischt permanent Phrasen, während Rhys Ifans einfach nur den
Antagonisten gibt und nur böse Dinge tun muss (Kinder essen, Frauen schlagen
und verkaufen, diese Dinge eben).
Bis Hannibal dann seinen alttestamentarischen Racheplan vollzogen hat und das
Drehbuch ihm seine langersehnte Katharsis spendiert, vergehen viele
nichtssagende und einige blutige Augenblicke. Schmerzhaft für jeden Fan der
Reihe ist, wie wenig Interesse das Skript an der Figur des intelektuellen
Monsters zeigt, wie wenig Aufmerksamkeit es für zwischenmenschliche Nuancen und
sublime Entwicklungen es zollt. „Hannibal Rising“ kursiert einzig um das
Plakative, um das Reißerische, geht jeder Inhärenz aus dem Weg und
ist dramaturgisch nicht mal für den Anfängerkurs in Sachen 'Wie schreibe ich
ein Drehbuch' akzeptabel. Thomas Harris beschmutzt Hannibal Lecter, zeigt sich
profitgierig und fern einen jeden beruflichen Ethos. Eine Schande.