Posts mit dem Label Sundance werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sundance werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: CAFÉ BELGICA - Lost on the Dancefloor

Keine Kommentare:


                                                                         
                                                                               

Fakten:
Café Belgica (Belgica)
B, FR, 2016. Regie: Felix van Groeningen. Buch: Arne Sierens, Felix van Groeningen. Mit: Stef Aerts, Tom Vermeir, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Ben Benaouisse, Boris Van Severen, Sara De Bosschere, Charlotte Vandermeersch u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 14.11.2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Jo betreibt seit Kurzem die Musik-Bar Café Belgica. Sein älterer Bruder Frank ist sehr angetan von dem Laden und den durchzechten Nächten. Kurzerhand schmeißt der Familienvater seinen ihn nie ausfüllenden Job als Gebrauchtwagenhändler und steigt bei seinem Bruder als Partner ein. Durch seinen kreativen wie finanziellen Input wird aus der intimen Kneipe bald ein angesagter Nachtclub, in dem jedem Abend exzessive Partys mit Live-Musik steigen. Das Geschäft boomt, doch Probleme sind unvermeidlich und besonders Frank verliert sich immer mehr in der kreierten Parallelwelt.

                                                                               
Meinung:
Der Belgier Felix van Groeningen erlangte in den letzten Jahren auch außerhalb seiner Heimat einen gesteigerten Bekanntheitsgrad, bei uns speziell mit „The Broken Circle“. Sein aktuellstes Werk „Café Belgica“ feierte seine Premiere auf dem diesjährigen Sundance-Festival und wurde dort mit dem Preis für die beste internationale Regie ausgezeichnet. Das schürt gewisse Erwartungshaltungen, die im Gesamten jedoch nicht bestätigt werden können. Reduziert auf seine optische, akustische und atmosphärische Darbietung macht „Café Belgica“ stellenweise gehörig was her, bleibt bei seiner Dramaturgie jedoch überschaubar und viel zu beliebig.


Noch ist die Stimmung bestens, gibt ja auch reichlich Stoff.
Zwei Brüder finden sich nach einigen Jahren der Funkstille wieder zusammen. Der etwas introvertiertere „kleine“ Jo und der rastlose, stetig latent unzufrieden wirkende Frank. Dabei hat seine Frau fürs Leben bereits gefunden, einen kleinen Sohn und einen nicht unbedingt erfüllenden, aber soliden Job als Gebrauchtwagenhändler. Doch gerade dieses konservative, unspektakuläre Leben scheint ihn enorm einzuengen. In der hippen Kneipe seines Brüderchen kann er der Realität entfliehen und seinem Drang nach Freiheit, Unabhängigkeit und Nach-mir-die-Sinnflut-Gesinnung scheinbar ungeniert ausleben. Hals über Kopf stürzt er sich in das Abenteuer Nachtclub, steckt mit seinem Enthusiasmus bald auch Jo hoffnungslos an. Gemeinsam wird massiv expandiert und aus der heimeligen Bude um die Ecke wird ein Tempel des Exzesses, jede Nacht rappeldicke voll, in dem sich die angesagtesten Musik-Acts jenseits des Radio-Pops die Klinke in die Hand geben. Auf den schnellen Höhenflug folgt naturgemäß der noch rasantere Abstieg: Während Frank bald nur noch die Nase in den Schnee und sein bestes Stück in anderen Frauen steckt, gänzlich den Bezug nach der Welt da draußen verliert, sehnt sich Jo insgeheim nach dem, was sein Bruder gerade mit beiden Händen aus dem Fenster wirft. Eine geregelten, ganz normalen Beziehung, was sich einfach nicht mit ihrem „Baby“ und dessen Begleiterscheinungen vereinbaren lässt.


Irgendwann wird eine Aussprache fällig.
Im selbst ernannten Ort der Verdorbenheit verschwimmen Tag und Nacht im ewigen Rauschzustand; hervorgerufen durch wummernde Bässe, kratzige Gitarrenriffs und natürlich auch zu einem nicht unerheblichen Anteil durch flüssige und feinpulvrige, Realitäts-ausblendende Spaßbeschleuniger. Wenn Felix van Groeningen den Zuschauer mitten in das Geschehen seines bebenden Sündenpfuhls  befördert und zu einem Teil von ihm macht, ist „Café Belgica“ eine impulsive Stimmungsbombe, nah an der atmosphärischen Explosion. Fast noch mehr Anteil als der Regisseur hat daran die fantastische Band SOULWAX (als Turntable-Team 2 MANY DJs mindestens genauso populär), die alle (live-gespielten) Tracks im Film eigens für diesen komponierte und mit denen als auftretende (fiktive) Bands gecasteten Musikern einstudierte. Der Soundtrack zum Film ist besser als viele „echte“ Alben, offenbart die große Spannweite des belgischen Duos. Von Electro bis Indie-Rock, Techno, Neo-Punk, Ska, Jazz und eigentlich jeder erdenklicher Musikrichtung wird die Palette im rhythmischen Crossover durch den Attacke-Ventilator gedreht, heraus kommt der pure Wahnsinn. Leider ist das hier keine (reine) Szene-Dokumentation, denn hinter der wuchtigen Präsentation soll in erster Linie ein von A wie austauschbares bis Z wie zu oft gesehenes Drama um zwei (halbwegs) ungleiche Brüder und ihren naiven, sich zerfeiernden Traum einer idealistischen Party-Oase-Seifenblase erzählt werden.


Gut gespielte, aber hauptsächlich oft unsympathische Arschloch-Figuren reiten extrem vorhersehbar und ohne narrativ interessante Einfälle auf ihrer hedonistischen Welle, bis diese bricht und sich die Erkenntnis einstellt, dass man auch nach der geilsten Party irgendwann nach Hause gehen sollte. Es gibt eigentlich nur einen (recht kleinen) Moment, in dem „Café Belgica“ den sehr treffenden, eindringlichen Blick gewährt, der das Wesen seiner vor dem Ernst des Lebens weglaufenden Feierbiester hervorragend zum Ausdruck bringt („Manchmal wenn ich tanze denke ich: Was machen die Typen denn alle hier, haben die nichts Besseres zu tun?!“). Der Rest der Geschichte ist bedauerlich oberflächlich geraten. Auf inhaltlicher Eben mehr oder weniger gescheitert bleibt dafür immerhin die volle Dröhnung mit dem inszenatorischen Club-Dampfhammer…und der brillanten Arbeit von Soulwax. 

5 von 10 Lines auf der Neugeborenenstation

Review: A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT - Einer der schönsten Gruselfilme der letzten Jahre

Keine Kommentare:

Fakten:
A Girl Walks Home Alone At Night
US. 2014. Buch und Regie: Ana Lily Amirpour. Mit: Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh, Mozhan Marno, Dominic Rains, Rome Shadanloo, ua. Länge: 104 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
 

In einer Stadt irgendwo im Nirgendwo taucht eines Nachts eine junge Frau auf, die nachts den Einwohnern folgt, um ihren Blutdurst zu stillen. Als sie auf einen jungen Mann trifft, der ihre Gefühle der Verirrung teilt, scheint sich zum ersten mal etwas in ihrem Leben zu verändern.




 

Meinung:
Als Nachrichten zu dem Film „A Girl Walks Home Alone At Night“ zum ersten Mal ihre Runde machten und auch einige überschwängliche Stimmen nach Europa kamen, waren es wohl vor allem zwei Dinge, die die Aufmerksamkeit noch potenzierten. Erstens die Tatsache, dass eine junge Frau mit ihrem Debüt einen Vampir-Western ablieferte (und dann auch noch einen abseits von schmachtenden Blicken und triefenden Liebensbekundungen) und zweitens die Herkunft der Filmschaffenden. Ana Lily Amirpour ist iranisch-amerikanisch und nutzt ihre Arbeit an diesem Genrefilm, der auf der Berlinale und in Sundance gezeigt wurde (beides Festivals, die man mit gutem Recht als politisch einstufen darf) überaus schlau, um ein Statement anzubringen. Dass der Film nebenher auch noch überaus gut gelang, macht dieses Debüt nur noch umso liebenswerter.

 

Wenn James Dean wüsste, dass Rauchen tötet...
Der Film spielt in einer tristen Gegend, eine Stadt ohne Namen. So möchte man zumindest denken, doch wird  der Ort später noch als „Bad City“ namentlich definiert werden. Die Stadt ist zwar zivilisiert aber karg, leer, ruhig und mit einem offenem Geheimnis ausgestattet. Jeder weiß um es, niemand redet darüber. Wortlose Männer kommen und rollen die wortlosen Leichen in eine Grube neben einer Straße. Die Menschen, die dort leben schauen schon gar nicht mehr auf, wenn sie an der Grube vorbeigehen. Manche Menschen sterben halt und irgendwo müssen sie dann ja hin. Also wieso nicht dort. In Bad City also wird die Handlung spielen, ein Ort, dem man einen Charakter zuschreiben würde, wenn er einen hätte. Stattdessen dominiert die Leere. Die Einwohner sind zwar von der Präsenz der Stadt beeinflusst, aber insofern, dass sie sich nicht kümmern. Es herrscht quasi Anarchie, nur dass sich niemand deshalb aufregen würde. Amirpour nutzt diesen Ort überaus geschickt, um die Figuren und die Vampir-Thematik einzuführen. Die Parallelen zu Klassikern der Postmoderne werden schnell deutlich, wenn Amirpour Marcellus Wallace aus „Pulp Fiction“ zitiert und sich generell einem Hauptmerkmal der Postmoderne annimmt; dem Rückbezug auf die klassische Ära.

 

I'm walking on sunshine ♪
Dieser Rückbezug funktioniert vor allem über allerlei Witz und Nostalgie. Der Protagonist ist überaus stark an James Dean angelehnt, er fährt ein altes und sehr gepflegtes Auto, hat wuschelige Haare, trägt eine Sonnenbrille und ein weißes T-Shirt. Ebenso deutlich wird diese Retro-Ansicht der Geschichte über das Schwarzweiß des Bildes und der Gut-Böse-Schematik: Der Bösewicht hat sich das Wort „SEX“ auf den Hals und ein zerbrochenes Herz auf den Nacken tätowieren lassen. Zudem hebt er Gewichte, als er die Protagonistin beeindrucken möchte. Sein Anrufbeantworter plärrt dem Anrufer „Hinterlass `ne Nachricht, du Schlampe!“ entgegen. Derartige plakative Schematik ließe sich dem Film bestimmt negativ anrechnen, wenn man den Humor darin nicht sehen würde. Humor, der nicht immer so brachial, sondern auch überaus elegant und genial daherkommt. Die Vamp (gibt es ein Wort für einen weiblichen Vampir?) fährt nachts auf einem Skateboard durch die Straßen, Amirpour lässt damit verschmitzt das Klischee des schwebenden Vampirs auflaufen. Der Humor verkommt aber nie zum Selbstzweck, viel mehr bewirken diese Momente in den Straßen, dass die junge Frau wie eine Hüterin auf Patrouille wirkt. Wie ein Wesen auf einer Mission - eine Tatsache die sie selbst von sich nie behaupten würde. Sie sieht ihren Platz in der Welt gar nicht. In einer Szene wird sie gefragt, was das letzte Lied sei, das sie gehört habe. „Hello“ von Lionel Richie sagt sie.

 

Sabber, schmatz, lechz.
Amirpour nutzt die Vampir-Thematik schlau, um in „A Girl Walks Home Alone At Night“ eine Geschichte über Sucht, Abhängigkeit und Ausbeutung zu erzählen. Eine Verbindung, die sich sehr gut mit dem Subgenre verträgt, dass die Regisseurin für ihr Debüt gewählt hat. Während die Bewohner der Stadt von ihrer Drogensucht gegeißelt werden, erliegt die junge Frau immer wieder ihrer Abhängigkeit vom menschlichen Blute. Die Sucht ist dabei ein und dieselbe; destruktiv, egoistisch. Eine Welt der Ausbeutung, Eigensucht und gewissermaßen des Fremdenhasses, in der eines ganz elementar ist, was die Einwohner allerdings wohl vergessen haben. Empathie ist es, die ausgerechnet von einem Vampir schließlich Einzug in diese Welt findet - und das gleich auf mehreren Ebenen. Wenn die Protagonistin nachts durch die Straßen schleicht, trägt sie ein Gewand, das stark an die Burka erinnert, die Frauen in muslimisch geprägten Gesellschaften zu tragen haben. Und einfach so, ohne viel Aufregen oder aufgeplusterte Dramatik, hinterlässt Amirpour hier ein feministisch-politisches Statement, das sie schon durch den Filmtitel ankündigte. Grandios ambivalent wird ihre Arbeit dann, wenn der Film seinen Mittwendepunkt überschreitet, Vampir auf Mensch trifft - im Wesen verschieden, im Schicksal gemein - wenn die Kamera ganz ruhig bleibt und Licht und Musik alles erzählen, was es zu erzählen gibt. In solchen Momenten nimmt die Macht des Kinos Überhand, und vereint Gegensätze auf so stille Weise, dass man nie wieder was anderes sehen möchte.


Mit ihrem Erstlingswerk „A Girl Walks Home Alone At Night“ ist der Regisseurin Ana Lily Amirpour genauso ein Märchen der Tristesse gelungen wie eines der Versuchung. Ein Film wie eine Annäherung dessen, was zusammen gehört. Auf viele verschiedene Wege kodiert, mit gelungener Bildsprache und einer jungen Kraft, die stets zu überzeugen weiß. Tatsächlich fallen einem noch lange nach der Sichtung immer wieder Kleinigkeiten auf, bei denen man sich freut, sie bei der nächsten Sichtung erneut zu entdecken. Ein etwas anderer Genrefilm ist das geworden und ein Hit noch dazu, so ist der nächste Film von Amirpour schon angekündigt. Als Mischung aus „El Topo“ und „Dirty Dancing“ beschreibt sie ihr neues Werk, das sich klar und deutlich als Kannibalen-Romanze definieren lassen soll. Und wenn man sich bewusst macht, wie sehr sich die Risiken bei diesem Vampirfilm gelohnt haben, dann kann man es gar nicht mehr aushalten, bis man das nächste Werk von Amirpour im Kino begutachten darf.



7 von 10 Pantomimen

Reviews:TYRANNOSAUR - Liebesfilm ohne Kuschelstimmung

Keine Kommentare:
http://www.filmosphere.com/wp-content/uploads/2012/04/tyrannosaur-affiche.jpg
                                                                                                 


Fakten:
Tyrannosaur
Großbritannien, 2011. Regie und Buch: Paddy Considine. Mit: Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan u.a.. Länge: 93 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Joseph ist ein verbitterter Choleriker, dem nichts mehr geblieben ist. Er ist verwitwert, sein bester Freund liegt im Sterben, sogar seinen Hund hat er in einem Wutanfall getötet. Er ist einsam, wütend, nur der Alkohol rettet ihn durch seinen tristen Alltag in einem sozialen Brennpunkt der englischen Unterschicht. Durch einen Zufall lernt er Hannah kennen, die einen kleinen Laden betreibt. Auf den ersten Blick scheinen er und die streng gläubige Christin nichts gemeinsam zu haben. Doch auch sie frisst, wie Joseph, den Schmerz in sich hinein, den sie tagtäglich in ihrer Ehe erlebt. Ein Alltag voller Gewalt, Demütigung und Erniedrigung. Zwischen ihnen bahnt sich eine Beziehung an, doch wie viele Chancen kann diese haben?






Meinung:
Mit einem, im wahrsten Sinne, Tritt in den Magen startet "Tyrannosaur", dass Regiedebüt von Schauspieler Paddy Considine, der gleichzeitig auch das Drehbuch verfasste. Noch bevor der Zuschauer irgendwelche Informationen über die Hauptfigur Joseph besitzt, ist sofort klar, mit was für einem Menschen man es die nächsten 90 Minuten zu tun bekommt. Auch auf was man sich insgesamt einlässt, denn das ist schon ein tonnenschwerer Brocken für's Gemüt. Feel-Good-Movies sehen anders aus.


Peter Mullan strahlt von der ersten Sekunde Wut, Traurigkeit und Verbissenheit aus, man spürt und fühlt seine Figur, ohne mehr über sie zu wissen. Man hat kaum das Gefühl, Mullan spielt diese Figur, er scheint sie zu sein. So präzise schildert Considine auch das Millieu der Geschichte. Eine von Hoffnung und Perspektive befreit wirkende Zone, irgendwo in den Slums der Arbeiterklasse. Mit dem Auftritt von Olivia Colman als Hannah wird bald darauf der weibliche Gegenpart zu Joseph vorgestellt. Hinter der Fassade der herzensguten Christin kommt schnell eine weitere gebrochene Seele zum Vorschein. Während Joseph seinem Schmerz durch unkontrollierte Wutausbrüche kompensiert, igelt sich Hannah ein um das Martyrium zu ertragen, das sie nach Feierabend in den heimischen vier Wänden erwartet. Ihr Ehemann (Eddie Marsan) ist ein Sadist der keine Gelegenheit auslässt, sie auf's menschenunwürdigste zu traktieren.



https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEgv45lOQRBSE7LkM1lqg5-6034oL2aIJB6tu8eBmGNRC3MWkY8w_rkNpYTW6mOJ5JFWl6VivDZ88lEKWWBhJ3LgRtiV_uhVwzAL5UHrON32fKsJiDCBPUx_Khdp340HQB3GUlQU5ZyalqJD/s1600/tyran_6.jpg
Frustabbau läuft bei Joseph nicht zimperlich ab.
Considine erspart dem Zuschauer rein gar nichts. Schonungslos führt er seine brillant aufspielendes Dreigestirn durch eine tottraurige und tief berührende Geschichte. Der deutsche Untertitel "Eine Liebesgeschichte" mag da irritierend sein, obwohl "Tyrannosaur" genau das ist. Allerdings gibt es hier keine roten Rosen, ein romantisches Tête-à-tête im Mondlicht oder den Himmel voller Geigen. All das liegt begraben unter Leid, Seelenqualen und den Geistern der Vergangenheit und Gegenwart. So was wie glückliche oder herzliche Momente erscheinen nur am Rande und sind dann kaum als solche wahrzunehmen. Gerade dieser kaum zu erkennende Balanceakt zeichnet diese rohe Filmperle aus.


Considine betreibt keinen schlichten Elendstourismus, sondern bringt dem Zuschauer seine gebrochenen Figuren unglaublich nahe und lässt schmerzlich mitfühlen. "Tyrannosaur" packt einen von Beginn an, schlägt mehrfach mit Wucht in die Magengrube und lässt einen nicht mehr vom Haken. Das Kunststück: So schockierend und grausam real das Szenario wirkt, beim Abspann hat man doch das Gefühl, dass da ein Licht am Ende des Tunnels ist. So stellt sich fast so etwas wie Versöhnlichkeit ein, ohne zu sehr von dem eingeschlagenen Pfad abzuweichen.


Ergreifend, erschütternd, wahnsinnig intensiv und dabei unter dieser rauen Schale so feinfühlig erzählt und gespielt, ein kleines, großes Meisterwerk. "Tyrannosaur" ist mit Sicherheit kein Film für jedermann, aber dann wäre er auch nicht so exzellent.
Doppeldaumen in die Luft.

9 von 10 

Review: OUR IDIOT BROTHER - Ned und seine Schwestern

Keine Kommentare:

Fakten:
Our Idiot Brother
USA. 2011.Regie: Jesse Peretz. Buch: Evgenia Peretz, Jesse Peretz, David Schisgall. Mit: Paul Rudd, Emily Mortimer, Zooey Deschanel, Elizabeth Banks, Adam Scott, Steve Coogan, T.J. Miller, Rashida Jones, Hugh Dancy, Kathryn Hahn, Janet Montgomery, Peter Hermann, Matthew Mindler, Shirley Knight u.a. Länge: 91 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Ned ist ein absolut freundlicher Zeitgenosse und erwartet vom Leben und seinen Mitmenschen nichts Böses. Vielleicht hat er deshalb einem Cop Marihuana verkauft und musste für einige Monate ins Gefängnis? Als er wieder draußen ist, wird er von seiner Freundin und Arbeitskollegin ver- und entlassen. Zum Glück hat Ned ja seine drei Schwestern. Bei denen kommt er unter und bringt deren Alltag ordentlich durcheinander. Doch dies scheint auch bitter nötig zu sein.





Meinung:
Mit Evan Dando gründete er die von der Musikwelt sehr verehrte Independent-Band Lemonheads, nun schreibt und inszeniert er Filme: Jesse Peretz. Doch auch wie bei der Musik, bleibt er im Filmgeschäft seinen unabhängigen Wurzeln treu. Nach dem eher enttäuschenden „Fast Track“ (dt. Titel: „Dein Ex – Mein Alptraum“) mit Jason Bateman, Amanda Peet und Zach Braff erzählt er nun, ebenfalls hochkarätige besetzt, vom naiven wie herzensguten Ned, der von seiner Familie nicht ganz ernst genommen wird, aber trotz allem zu der Minderheit der Familie gehört, die glücklich ist. Warum dies so ist und was Neds Schwestern fehlt, davon erzählt „Our Idiot Brother“ auf äußerst charmante Art und Weise.


Ned und seine drei Schwestern
„Our Idiot Brother“ ist einer von vielen. Der Stil des Films, sein Umgang mit seinen Figuren und seiner Geschichte ist klassisches, amerikanisches Independent-Kino. Regisseur Peretz der mit seiner Schwester am Drehbuch mitschrieb, erzählt keine wirklich bahnbrechende Story und entwirft auch weder sonderlich herausragende Charaktere, noch ist die Zielrichtung des Films sonderlich innovativ. Ähnlich wie bei den großen Blockbustern verläuft auch das unabhängige Kino Hollywoods (was eigentlich gar nicht so unabhängig ist) auf bekannten, sicheren Bahnen. Der Unterschied zwischen den großen und kleinen Produktionen besteht nicht nur aus Effekten, großen Namen und Promotion, sondern auch darin, dass Film wie etwa "Our Idiot Brother“ trotz ihrer deutlich erkennbaren Mechanik sympathisch und ehrlich wirken. Der dumme Bruder Ned ist einfach ein heiterer wie liebenswerter Zeitgenosse, der seinen Schwestern einiges Voraus hat. Das sehen diese natürlich anders und während sie nach und nach erkennen müssen, welche Fehler sie begangen haben, kann sich der Zuschauer daran erfreuen, das Ned (übrigens herzig gespielt von Paul Rudd) von seinen Angehörigen endlich Respekt und Anerkennung bezieht. Im Grunde ist „Our Idiot Brother“ eine leicht tragische Komödie, die damit arbeitet, dem Zuschauer das Gefühl zu geben recht zu haben. Simpel aber effektiv.


Der wirklich große Wurf ist Jesse Peretz auch mit diesem Film nicht gelungen, was nicht bedeuten soll, dass die Geschichte rund um Ned und seine drei Schwestern Zeitverschwendung wäre. Es ist nur so, dass der Film nichts besitzt, was wirklich in der Erinnerung zurück bleibt. „Our Idiot Brother“ ist einfach ein netter Film. Ja, nett und in diesem Falle ist dies nicht der kleine Bruder von scheiße, aber auch nicht der direkte Nachkomme von sehenswert. Es geht dem Film quasi genau wie seiner Hauptfigur: es ist nicht immer einfach ein netter Kerl sein.

6 von 10

Review: HESHER - DER REBELL - Pöbelnde Supervision

Keine Kommentare:

Fakten:
Hesher – Der Rebell (Hesher)
USA. 2010. Regie: Spencer Susser. Buch: David Michod, Spencer Susser. Mit: Devin Brochu , Joseph Gordon-Levitt, Natalie Portman, Rainn Wilson, Piper Laurie, Brendan Hill, John Carroll Lynch, Frank Collison, Allan Graf, Biff Yeager, Paul Bates, Lyle Kanouse, Audrey Wasilewski, Milt Kogan, Van Epperson, David Hill, Barry Sigismondi, Monica Staggs, Ralph P. Martin, Brian Lally, Rafael J. Noble, Timothy Davis, Nicolai Dorian, Cristian Nicolae, Helen Slayton-Hughes, Dajine Colon, Richard Susser, Steve Fox, Mary Elizabeth Barrett, Cole Hockenbury u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der 13-jährige TJ fühlt sich verloren. Vor wenigen Wochen starb seine Mutter bei einem Unfall, seitdem vegetiert sein Vater, vollgepumpt mit Psychopharmaka auf der Couch, während TJs Großmutter versucht sich so gut es geht um die zwei zu kümmern. Als TJ seine angestaute Wut auf einer Baustelle ausleben will, trifft er auf den langhaarigen Rowdy Hesher, der sich nach einem kurzen Intermezzo bei TJs Familie einquartiert und ihren Alltag umkrempelt.



Meinung:
Wir alle brauchen mal Hilfe. Nicht nur für Arbeiten, für die wir nicht ausgebildet wurden, sondern das Eine oder Andere Mal auch bei emotionalen Angelegenheiten, wie dem Treffen einer wichtigen Entscheidung oder zur Weiterentwicklung. Vor allem im Film brauchen diverse Protagonisten oft eine zweite Person, die nicht unbedingt beratend zur Seite steht, die dafür aber durch ihre Charakteristik und /oder ihre Handlung den Hauptprotagonisten zu einer Art Supervision verhilft. Ein gutes Beispiel hierfür wäre „Rain Man“ von Barry Levinson aus dem Jahre 1988. Dort muss sich ein eiskalter Yuppie, gespielt von Tom Cruise, selbst die Frage stellen, was er eigentlich vom Leben will und diese Frage wird letztlich durch seinen autistischen Bruder Raymond (Dustin Hoffman) ausgelöst. Im Independent-Drama „Hesher – Der Rebell“ geht es zwar nicht um Autismus, aber auch hier braucht es einen menschlichen Fremdkörper, der einem kleinen Jungen sowie seiner Familie dabei hilft den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten.


TJ bekommt dank Hesher große Probleme
Der titelgebende Rowdy und Überlebenskünstler tritt  völlig unvorbereitet ins das Leben des 13jährigen TJ, der traumatisiert vom Unfalltod seiner Mutter gegen seine Umwelt rebelliert. Doch gegen Hesher, mit seiner langen Zottelmähne, den auffälligen wie äußerst diffizilen Tätowierungen und seinem schrottreifen Van wirkt TJs Rebellion ziemlich verloren. Doch auch wenn der Raufbold den von Trauer zerfressenen wie absolut überforderten Jungen ohne Samthandschuh behandelt, so ist dennoch jederzeit klar, dass es dem Kleinen nur gut tun kann und dies ist auch schon das größte Problem des Films, denn alles was im Drama von Spencer Susser passiert, geschieht äußerst vorbestimmt. Dass Hesher TJ und seiner Familie durch seinen, na sagen wir mal unorthodoxen Lebensstil, dazu verhilft ihre Krise zu erkennen und zu überwinden ist unverkennbar und so verkommen seine angewandten Methoden, auch wenn diese abstrus bis absonderlich erscheinen mögen, zu klar erwartbaren Maßnahmen. Überraschend ist bei „Hesher – Der Rebell“ gar nichts und der Film versucht auch nie sein Anliegen zu kaschieren, doch auch wenn es immer heißt, dass der Weg das Ziel ist, so schadet es doch der dramaturgischen Spannung. Da hilft es auch nicht viel, dass Rebell Hesher keine wirkliche Background-Story hat und fast schon wie ein großes Mysterium, ein pöbelnder Samariter, in die Handlung eingeführt wird.


Hesher hat ganz eigene Vorstellungen von Spaß
„Hesher – Der Rebell“ ist ein gut gemeinter Film, doch hinter seiner subversiven Attitüde, bezogen aus seiner Titelfigur, ist er nicht mehr als absoluter Standard. Ein Drama welches nach üblichen Schemata verläuft und einfachste und bekannteste Handlungsstrukturen als different verkaufen möchte. Schade, denn aus darstellerischer Sicht ist Spencer Sussers Werk durchaus hochwertig. Nicht nur was die Crowd Pleaser Joseph Gordon-Levitt und Natalie Portman angeht, sondern auch in den Nebenrollen. Besonders erwähnt muss Piper Laurie als Großmutter werden. Laurie, wohl am ehesten bekannt als fanatische Mutter in „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, darf zusammen mit Hesher für wohlwollende, komische Momente sorgen und ist innerhalb der Krisengebeutelten Familie wohl die interessanteste Person, da die Funktion ihrer Rolle nicht gefühlt mit Leuchtschrift über ihrem Kopf schwebt, so wie es etwa bei Hesher und TJ der Fall ist.


Specer Susser ist mit „Hesher – Der Rebell“ leider nicht das erhoffte, mitreißende Drama gelungen, sondern nur ein in Rebellion gekleidetes Standardwerk des Genres. Ein paar drollige und auch hin und wieder einige bewegende Szenen hat der Film zu bieten und aus darstellerischer Sicht ist der Film auch kein wirklicher Misserfolg, doch seine Geschichte ist im Vergleich zu seiner Haltung zu weit von wahrer Individualität entfernt und vertraut zu sehr auf altbekannte Trampelpfade.

5 von 10