Verantwortlich für meisterhafte Genrefilme und
echte Klassiker wie „Blow Out“, „Scarface“, „The Untouchables“ und „Die Verdammten des Krieges“, hat Brian De Palma mit der Jahrhundertwende
offenkundig viel seines ehemaligen Mojo verloren. Richtig, richtig schlecht
wurde es dabei zwar nur selten, doch von der einstigen visuellen Kraft und der
informalen Intelligenz scheint nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. Ein
Meister auf Sparflamme. Hier ein kleiner Überblick über einige Werke von Brian
de Palma, die er mit dem Jahre 2000 auf die Beine stellte.
MISSION
TO MARS (2000)
Im Kino von Brian De Palma ging es immer um die Wahrnehmung wie die Auffassungsgabe
des Zuschauers und darum, wie schnell diese dann durch gewitzte Kniffe mehr
oder weniger leichte Risse davon tragen kann. „Mission to Mars“ wird mit einer
Szene eröffnet, die in ihrer Konzeption und ab-sichten patentiert für De Palma
scheint: Eine Rakete steigt anmutig in den Himmel empor, ein dumpfer Knall
ertönt und kräuselnde Luftschlangen verteilen sich über dem Bildschirm. Von
derlei wirksamer Manipulation ist De Palma im Folgenden allerdings nur noch
weit entfernt, stattdessen aber entpuppt sich „Mission to Mars“ als ein
waschechter Blender – Und das Drehbuch dreht De Palma zum ersten Mal einen
Strick, weil es ihm keinerlei Chance auf ein reflexives Hintertürchen gewährt.
Verschleiert als große Antiklimax, die, wie es heute mal Gang und Gäbe im Science-Fiction-Genre
ist, fortwährend auf „2001“ schielt, sich in Elegie situiert und doch keine
adäquaten Bilder findet, die dem Weltall gerecht werden. Richtig ärgerlich wird
„Mission to Mars“ allerdings erst gegen Ende, wenn das Drehbuch die Evolutionstheorie
auf Links krempelt und eine ungemein reaktionäre Sichtweise propagiert: Der
weiße Mann muss entdecken (erobern), weil es seine Aufgabe ist, weil es ihm als
Bestimmung im Blut liegt. Esoterischer und artifizieller Unfug, fernab von
extraterrestrischen Naturalismus oder den horizonterweiternden, visionären
Denkanstößen eines Stanley Kubricks.
4 von 10 friedlichen Gesten
FEMME FATALE (2002)
Eine Frau ohne Gewissen findet sich selbst in der gedrungenen Doppelung und
entzweit sich wieder im symbolischen Bekenntnis ihrer Identität: Brian De Palma
lässt die titelgebende Femme Fatale zu Luft kommen, anstatt sie untergehen zu
lassen. Nachdem sich De Palma mit Zitaten und der für ihn standardisierten
motivischen Aufbereitung seiner Vorbilder in den letzten Jahren zurückgehalten
hat – oder zurückhalten musste -, darf er sich mit „Femme Fatale“ mal wieder
ganz der Cineastik hingeben und das vermengen, was sein Herz höher schlagen
lässt. Alfred Hitchcock ist genauso präsent wie De Palmas eigene Vita und der
klassische Film Noir. Ob De Palma den Mythos rundum die verführerische Frau
wirklich verstanden hat, darf nach Konsumierung gerne infrage gestellt werden,
bricht der einstige Visionär ihren Habitus doch oftmals nur die auf Darstellung
einer objektivierten Männerphantasien herunter, damit wir uns mal wieder als
Voyeur in dem von Reizen der Femme Fatale überrollten Antonio Banderas zu
spiegeln. Aber das war bei De Palma ja, wenn man ehrlich ist, überhaupt nicht
anders zu erwarten. Der Rest ist wieder das übliche, hier leider schon etwas
abgeschmackte Vexierspiel zwischen Realität und Illusion, visueller
Manipulation und nackten Brüsten auf dem Silbertablett. Die 12-minütige
Cannes-Heist-Sequenz zu Anfang ist allerdings großartig und so was von De Palma
pur.
5 von
10 lasziven Tänzen im Kneipenkeller
BLACK DAHLIA (2006)
Der künstlerische Verwesungsprozess hatte Brian De Palma 2006 schon reichlich
gezeichnet. Und während der filmverrückte Schmierfink in seiner Hochzeit mit
geradezu adaptiver Raffinesse glänzte, scheint er im neuen Millennium nur noch
an der saftlosen Pose interessiert zu sein. Mit akuter Ideenarmut gesattelt,
kraxelt De Palma wie eine abgenutzte Schachfigur über das kinematographische
Spielfeld und „The Black Dahlia steht als Sinnbild für den ärmlichen Werdegang
seiner Person: Die Story will sich durch sämtliche Schlaufen wirbeln,
verschwendet sich aber in der spannungsbefreiten Stagnation; genau wie die
Charaktere, die zu billigen Schablonen verkommen, deren Konturen das Drehbuch
mit dem Bleistift nur müde nachgezogen hat und mit Schauspielern besetzt, die
entweder desinteressiert oder von Grund von fehlbesetzt wirken. Es gilt hier
schon als ganz große Kunst, ein Kaliber wie Scarlett Johansson, die doch gerade
für den Film Noir prädestiniert scheint, zu keiner Zeit adäquat in Szene zu
setzen. Dass De Palmas Werke nie gravierende Angriffsflächen im visuellen oder
auditiven Bereich boten, bleibt auch in „The Black Dahlia“ erhalten; der
Unterschied ist nur, dass hier stupides Abfilmen ästhetisierter Bezugspunkte
betrieben wird, anstatt eine echte Sogwirkung zu beabsichtigen - Von
zeitgenössischem Flair ganz zu schweigen, wenngleich das Dekor passend
erscheinen mag. Auch stilistische Bezüge zu klassischen Noirismen bleiben bloße
Behauptung und mögen auf dem Papier nach einem cinephilen Kleinod klingen, sind
in der Umsetzung hingegen sicher nicht als die revitalisierte Huldigung zu
verstehen. Von verruchtem Schattenkabinett scheint De Palma nicht mehr viel zu
halten. „The Black Dahlia“, die blasierte Verschmähung der Schwarzen Serie.
3,5 von 10 mondänen Abendgarderoben
REDACTED (2007)
Weg von Alfred Hitchcock, wegvon Billy Wilder und weg von Dario Argento, dafür
gibt es Parallelen zu seinem persönlichen Meisterwerk „Die Verdammten des
Krieges“ wie auch der legendären Skorpionszene aus Sam Peckinpahs „The Wild
Bunch“. Von ausbalancierten Fotografien, einer optimalen Kadrierung, der
formvollendet Mise en Scène im Allgemeinen distanziert sich Brian De Palma und
„Redacted“ besitzt aus technischer Sicht mal wieder richtigen Stallgeruch.
Seine Digitalkamera springt von einer Perspektive zur nächsten, der Film von
einem Medium ins andere und führt damit die Interferenz unseres medialen
Bewusstseins vor. Die fiktionalisierte Dokumentation „Redacted“ soll ein Aufruf
an die Transparenz sein und wie ein Elefant im Porzellanladen spielt sich De
Palma als politisch-motivierter Agitator auf, der endlich nicht mehr von seinem
Land an der Nase herumge-führt werden möchte. Recht hat er, doch wirklich etwas
Neues im polarisierenden Umgang mit dem Irakkrieg wird nicht geboten, dafür ist
De Palma offenkundig zu wütend auf die verdeckte Berichterstattung seines
Heimatlandes. Zum Glück aber legt De Palma keinen Anspruch darauf, gnadenloses
Relevanzkino in Form gießen zu wollen – Dafür ist er auch viel zu ungestüm in
jeder Hinsicht. Was „Redacted“ anbei nicht unwesentlich schadet, ist der Cast,
bestehend aus Amateuren, mit denen De Palma nicht umzugehen weiß und ein die
Aufnahmen (Unverfälschter Realätsanspruch) mit dem gesprochenen Wort
(Gekünstelt bis zum Gehtnichtmehr) in einen schweren Konflikt straucheln lässt
und seiner eigentlichen Intention damit vollkommen im Wege steht.
5 von 10 Sprengsätzen in der Sofagarnitur
von souli
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von Brian De Palma
Die
Feststellung ist wenig neu: Der kommerzielle wie mediale Auftrieb geht nicht
immer Hand in Hand mit der filmischen Qualität. Und gemessen an seiner
Popularität, ist „Der Stadtneurotiker“ gewiss das ikonische Prunkstück im Œuvre
von Woody Allen – Schlussendlich geht das aber vollkommen klar, denn die feinen
geschmacklichen Differenzierungen übernimmt ja letztlich die Subjektivität. Mit
„Der Stadtneurotiker“ offeriert Allen hingegen einen effektuierten Mittelweg,
der in seiner beflügelten Funktionalität sowohl seine unleugbare
Massenkompatibilität unter Beweis stellt, dabei aber nie in die stur-strukturierte
Banalität abdriftet. Allen erzählt von einer neuen Liebe sowie verblühten
Techtelmechteln, über die diffizile Schneise zwischen beruflicher Potenz und
intimer Disparität. Man muss den Moment leben, denn rückblickend werden diese
Augenblicke die berechtigten Hoffnungsschimmer dafür sein, dem leidigen Gefühl
zu entgehen, umsonst gelebt zu haben. Entzückend, wie gewichtig die
Leichtigkeit des Seins doch manchmal ist.
8 von 10
Privaten Scherbenhaufen
Innenleben (1978)
Was für ein
effizienter Bruch, was für ein nachhaltiger, performanter Schmerz. Woody Allen
kniet nieder vor seinem Idol Ingmar Bergman und artikuliert sich in seiner
fröstelnden Hommage keineswegs mit kleinlauter Ehrfurcht. „Innenleben“ - und
das ist unter keinerlei Bedingung vermessen intendiert – muss sich nicht hinter
den Werken des schwedischen Meisterregisseurs verstecken. Der New Yorker
blickt, ebenso wie es sein skandinavisches Vorbild häufig getan hat, auf
innerfamiliäre Strukturen und lässt die zerrütteten Verhältnisse dieser in
ihrer psychologischen Division vereinigt zersplittern. Allens präziser
Nihilismus im porträtierten Niedergang einer Familie, ist so erschreckend
apodiktisch wie unverhofft belastend: Vom neurotisch-intellektuellen
Pausenclown ist keine Spur mehr zu finden. Die Wellen peitschen ein letztes Mal
an den Strand, danach gibt es nur noch Stille und innere Leere. Woody, bist du
es wirklich?
9 von 10
Schicksalsschlägen
Manhattan (1979)
Ein Film über
die elementare Selbsterfahrung und willensstarke Einsicht, über das Wagnis,
alles auf eine Karte zu setzen und dadurch – möglicherweise - in
Sekundenschnelle in den Dunstkreis gesellschaftlicher Stigmata zu rutschen: Am
Ende zählt einzig und allein die Courage, sich nicht von äußeren Einflüssen
beirren zu lassen und genau den Weg einzuschlagen, den das eigene Herz auch
vorgegeben hat. Natürlich wird diese Aussage von Woody Allen nicht derart
phrasenhaft wie in jeder trivialen 08/15-Schnulze publiziert, „Manhattan“ ist
lakonisches, melancholisches und sublimes wie subversives Gefühlskino der
vollends versierten Kategorie. Kino, wie es eben nur unter der
charakteristischen Allen-Obhut entstehen konnte, herzerwärmend, humorvoll und
ehrlich. Wer bekommt das heute schon noch so fulminant unter einen Hut, ohne
sich anzubiedern und damit selbst zu belügen? Eben.
9 von 10
neurotischen Liebeleien
Zelig (1983)
Seinen
autobiographischen Prinzipien bleibt Woody Allen auch in „Zelig“ treu,
wenngleich das Multitalent im Stile einer Mockumentary eine fiktive
Persönlichkeit fokussiert, repräsentiert das Chamäleon Leonard Zelig natürlich
auch den wandelbaren Konformismus Allens: Ein Mann, der alles sein konnte,
außer er selbst. Mit gestellten Tonband- und Archivaufnahmen tauchen wir in ein
Leben, das es nie gab und werden so von Allen an die fingierte
Manipulationskraft des Mediums erinnert, gleichzeitig aber auch mit einem
Aushängeschild der Realität konfrontiert, wie es die Zeiten konsequent
überbrückt: So schnell ein Personenkult entsteht, so schnell kann sich dieser
auch in Luft auflösen oder gar zum Feindbild konvertieren. Die Figur Zelig wird
im Laufe der Narration zu einer Art Symbol, in dem jeder Intellektuelle etwas
anderes zu erkennen glaubt, aber „Zelig“ an sich ist in seiner psychologischen
Motivation ein Mahnmal, das nicht nur an den Individualismus appelliert,
sondern auch aufzeigt, in welche Extreme der Anpassungsdrang ausufern kann. Ein
Film über den Persönlichkeitsverlust, aber auch ein Film über den Weg zurück
zum wahren Ich und der dazugehörigen Selbstverbesserung.
7,5 von 10
meisterlichen Verwandlungskünstlern
Purple Rose of Cairo (1985)
Es ist der
feuchte Traum eines jeden Fans, einmal vor sein Idol treten zu dürfen, das Wort
an eben dieses zu richten und ein echtes Gespräch zu entfachen, anstatt sich
nur in platten Branchefloskeln zu kugeln und die peinlichen Posen aus dem Scheindasein
abzuarbeiten. Cecilia (Mia Farrow) wird in „Purple Rose of Cairo“ Teil einer
solch prägenden Erfahrung und der von ihr angehimmelte Tom Baxter (Jeff
Daniels) steigt während einer Kinovorstellung urplötzlich aus der Leinwand und
stolziert geradewegs auf die Frau zu. Es kommt, wie es kommen muss: Eine
Liebesgeschichte bahnt sich an, doch Tom Baxter ist eine Illusion, die nach dem
Küssen auf die Abblende wartet. Als dann auch noch der echte Darsteller des
galanten Stars vor Cecilia auftaucht, kollidieren nicht nur drei Welten, sie
stolpert auch in einen Konflikt mit ihrer Gefühlen – Für wen soll sie sich nur
entscheiden? Woody Allen huldigt der Kraft des Kinos, er liebt es abgöttisch,
verpasst „Purple Rose of Cairo“ am Ende aber eine so bittere Note, dass es
schmerzt, dieser naiven Dame bei ihren fortlaufenden Fehlentscheidungen zu
beobachten. Derartiges schafft aber auch nur unser Woody: Er verschenkt sein
Herz, vergisst aber nie die Schattenseiten, hier den hungrige Egoismus, der
hinter der Leinwand lauert. Romantisch, oh ja, und doch immer mit dem Blick auf
den wahren Lauf der Dinge.
8 von 10
Unvergesslichen Kinobesuchen
Hannah und ihre Schwestern (1986)
Auch „Hannah
und ihre Schwestern“ verdeutlicht wieder einmal Woody Allens innige Liebe für
Ingmar Bergman; und es wird infolgedessen natürlich auch mit einem Lächeln
angenommen, den tollen Max von Sydow in diesem komplexen Netz aus
zwischenmenschlichen Beziehungen und familiären Gefügen mitmischen zu sehen.
„Hannah und ihre Schwestern“ ist in erster Linie zwar hervorragend gespieltes
Schauspielkino, exquisit besetzt mit gestandenen Größen von Michael Caine bis
Mia Farrow – und dem Meister höchstpersönlich als Hypochonder auf
Selbstfindungskurs. Die wahre Genialität lässt sich aber (erneut) im Drehbuch
finden, das es nicht nur schafft, eine ganze Bandbreite an Charakteren
aufmerksam wie plastisch zu fokussieren, „Hannah und ihre Schwestern“ ist auch
eine ebenso philosophische wie reflektierte Sensation, in der Allen jeden
Zuschauer unentwegt anspricht: Warum machen wir es uns immer so schwer? Warum
sind wir glücklich, realisieren diesen Zustand aber nicht oder erst dann, wenn
es zu spät ist? Warum sind wir so unfähig zu leben und warum schätzen wir
nicht, was wir haben? Wir müssen endlich lernen zu genießen, Vernunft spielt
keine Rolle! Recht hat er.
8,5 von 10
Familienkomplexen
Verbrechen und andere Kleinigkeiten (1989)
Woody Allen ist
sich nicht nur seiner Sterblichkeit bewusst geworden, er unterbreitet dem
Zuschauer in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ auch fundamentale Fragen um
die individuelle ethische wie religiöse Instanz des Menschen. Er lotet ihre
tiefenpsychologische Semantik aus und projiziert sie auf einen gutsituierten
Arzt (Martin Landau), der langsam Probleme mit seiner Affäre bekommt und diese
kurzerhand aus dem Weg räumen möchte und den erfolglosen Dokumentarfilmer Cliff
Stern (Cliff Stern), für den das Schicksal, sagen wir einfach mal, einige
Überraschungen parat hält. Es sind Fragen von existenzialistischer
Beschaffenheit, mit denen Allen hantiert, sie in ein überaus unterhaltsames
Korsett verpackt, aber den Ernst der Situation nie in den blanken Klamauk
fließen lässt. „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ ist scharfsinnig und
anspruchsvoll, und trotzdem kommt Spaß in der moralischen Brisanz nicht zu kurz
– Beeindruckend. Woody Allen, der Meister der tonalen Balance.
8 von 10
Gesprächen am Piano
Vicky Cristina Barcelona (2008)
Vor der
gemütlichen Kulisse des sonnigen Kataloniens lädt uns Woody Allen mit „Vicky
Cristina Barcelona“ dazu ein, den ungleichen Charakteren Vicky, Cristina, José
und Maria dabei zuzusehen, wie sie allesamt die gleichen Ziele im Leben
verfolgen: Der Versuch, die wahre Liebe zu erreichen. Unterstrichen mit sanftem
Gitarrenzupfen und begleitet durch das südländische Flair, werden wir in die
Beziehungskonstellationen eingebunden und folgen den Menschen, die sich darum
bemühen, ein festes Zusammensein mit der persönlichen Philosophie zu
komprimieren und dadurch in einen konformen Einklang zu führen. Das Leben wird
genossen, der Verführung hingegeben, neue Erfahrung angenommen und doch kann
niemand die unendlichen Dimensionen der Liebe erklären oder begreifen. „Vicky
Cristina Barcelona“ steckt voller Hingabe und Aufgabe, voller Charme und
Esprit, aber letzten Endes sind die Enttäuschung und die Überforderung exakt
die Gefühle, mit denen sich die Betrachter am besten identifizieren kann, genau
wie die Protagonisten, die zwischen ihren Liebeleien und emotionalen Ausbrüchen
– die immer wieder mit herrlichen Klischeebrüchen verknüpft sind – dem Wunsch
des ständigen Etikettierens entfliehen wollen, ihren Moralvorstellung aber
dennoch unterlegen sind. Hier geht es um viel, doch konstatieren kann und will
auch Woody Allen nicht, was im Menschen vorgeht, wenn sich die Liebe in ihm
entfaltet. Ein erfrischend ehrliches und ebenso treffendes Abschlusswort,
zwischen all den regellosen Aufs und Abs.
Jean-Claude Van
Damme, the muscles from brussels, und
seine Filme sind heute ein ewiger Gast in deutschen Videotheken. Doch früher,
man glaubt es kaum, war er auch ein echter Kinostar. souli und stu wagen sich
an einer kurzen Retrospektive des belgischen Schauspielers und Kampfsportlers, der
mit dem biographisch geprägten „JCVD“, „Universal Soldiers: Day of Reckoning“
und seinem Schurkenauftritt in Stallones „The Expendables 2“ ja ein Mini-Comeback
gelang. Hier also nun eine Sammlung von Kurz-Reviews seiner Filme von 1986 bis
1995, also von seinem Karrierebeginn bis zu dessen Höhepunkt. Viel Spaß.
KARATE TIGER (1986)
Eine Art
Billigvariante des ersten, populären „Karate Kid“. Hier gibt es zwar keinen Mr.
Miyagi, dafür erscheint dem jungen Kampfnovizen der Geist von Bruce Lee. Kein
schlechter Meister, immerhin muss der blasse Held sich gegen niemand geringeren
behaupten als Jean-Claude Van Damme, der hier zum ersten Mal wirklich
wahrnehmbar in Erscheinung trat. Mehr als böse zu gucken und Spagat zu machen
hat er aber nicht zutun, dennoch war es genau diese Rolle, die ihm sein
Mitwirken in „Bloodsport“ ermöglichte. „Karate Tiger“, der eigentlich „No
Retreat, No Surrender“ heißt, war nicht nur der Beginn von Van Dammes Karriere,
sondern gleichzeitig auch der Start für eine damals beliebte und äußerst
lukrative Prügelfilmreihe. Innerhalb von Deutschland kamen mehrere „Karate
Tiger“-Filme heraus, die meistens hatten aber bis auf den Titel und ihre einfache
Prügel-Mentalität nichts gemeinsam. Der Beginn der Reihe erweist sich
als eher hemdsärmeliger Versuch etwas vom „Karate Kid“-Boom der damaligen Zeit
abzubekommen. Funktionierte damals ganz gut, ist heute aber nicht mehr als
geballtes Videotheken-Zeitkolorit ohne sonderlichen Reiz.
3 von 10 Erscheinungen
BLOODSPORT (1987)
Eine echte
Handlung gibt es genaugenommen nicht. „Bloodsport“ beschränkt sich genügsam
darauf, seine Charaktere dem pulsierenden Destruktivitätstrieb zu überlassen
und den Zuschauer dann für 90 Minuten daran teilhaben zu lassen, wie sich
irgendwelche Typen gegenseitig mit Fäusten, den Ellenbogen oder den Knien
gehörig die Fressen bearbeiten. Im Mittelpunkt steht Jean-Claude Van Damme als
Frank Dux, der mit einer beeindruckenden, legendären Athletik auftritt und
dadurch nicht selten von seinem eher dürftigen Schauspiel ablenken kann. Dass
„Bloodsport“ vollkommen eindimensional und vorhersehbar ist, tut dem Ganzen nun
keinen echten Abbruch, man sollte ihn letztlich einfach als testosterongeladenes
und durchaus kurzweiliges Relikt der 1980er Jahre verstehen. Funktioniert aber
auch nur einmal, und ist bereits dort nicht gerade spektakulär.
5 von 10 blinden Treffern
KARATE TIGER 3 – DER KICKBOXER (1989)
Van Damme darf
als Kickbox-Rookie hart trainieren, um sich bei einem fiesen, gnadenlosen Muay-Thai-Schläger
zu rächen. Dieser hat nämlich Van Dammes Filmbruder in einen Rollstuhl
verfrachtet. Im Prinzip ist „The Kickboxer“ (so der Originaltitel) genau das,
was bereits der erste „Karate Tiger“-Film war (ohne dass die beiden Werke bis
auf den Titel und Van Damme etwas gemeinsam haben): eine Kopie von „Karate Kid“,
hier nur noch einmal aufgepusht mit mehr Gewalt, mehr Stereotypen und durchaus
nett anzusehenden Kampfszenen. Im Vergleich zu heutigen Martial-Arts-Filmen
wirkt das Ganze aber schon recht blass, von der Beliebigkeit des Stoffes einmal
ganz zu schweigen. Auch wenn man sich dem Film aus der Sicht der damaligen Zeit
nähert, lässt sich nur schwer verleugnen, dass es im Grunde – selbst für’s Genre
– ein ziemlich hohles Nichts ist. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass
eben auch dumme Filme Spaß machen können und diese Qualität kann „The Kickboxer“
zumindest zeitweilig für sich verbuchen.
4,5 von 10 Querschnittslähmungen
CYBORG (1989)
Es ist
schlichtweg beeindruckend, was Albert Pyun seinem Publikum mit der verblödeten
Endzeit-Vision „Cyborg“ zumutet. Eigentlich schreit alles hier nach einem
waschechten Trashfest; das billige Setting, die grauenhaften Schauspieler und
die unzähligen technischen Fehler (Kommt eigentlich ein einziger Übergang ohne
Schnittfehler daher?!). Eigentlich sollte man „Cyborg“ angesichts dieses
wirklich extremen Unvermögens doch stehenden Applaus spendieren und ihn zur
Krönung der illustren Runde mit den grölenden Saufkumpanen küren. Eigentlich.
Aber „Cyborg“ nimmt sich viel zu ernst, ist viele Male durchaus amüsant in
seiner Debilität (Ralf Moeller – Wow!), schliddert dann aber von diesem äußerst
dünnen Grat der Belustigung herunter und ist nur noch dumm, träge und schlecht.
Abnormal schlecht. Naja, es gibt ja noch Jean-Claude Van Damme, der spielt zwar
wieder furchtbar, darf seinen Spagat aber auch mal mit interessanten Angriffen
kombinieren und sich im lachhaften Finale gegen einen stampfenden Adonis mit
billigen Kontaktlinsen (Keinerlei Ausstrahlung, dafür aber durchgehend grunzend
unterwegs: Vincent Klyn) beweisen. Unfassbar mies, aber doch
irgendwie…niedlich.
3,5 von 10 fragwürdigen Haarschnitten
LEON (1990)
Dramaturgisch
gewohnt dünnhäutig und mit dem zuweilen höchstseifigen Charakter einer Seifenoper
im Repertoire, will Jean-Claude Van Damme in „Leon“ eigentlich nur noch einmal
seinem verkohlten Bruder zum Abschied in die Augen blicken, wird dafür
schlagartig zum Fremdenlegionsdeserteur und kommt trotzdem zu spät. Danach will
Leon seiner verwitweten Schwägerin und ihrer Tochter unter die Arme greifen, um
den hinterlassenen Schuldenberg abbezahlen zu können, nur haben die so gar
keinen Bock auf ihn. Also zieht Leon mit hängenden Schultern durch die Gassen
und trifft auf den Krüppel Joshua, der Straßenkämpfe organisiert und ihn
aufgrund seiner Durchschlagskraft an die Schnepfe Lady weiterempfiehlt, die
Tiefgaragenfights für die arroganten Krawattenträger der Stadt austrägt.
Löwenherz wird geboren und bollert seine Gegner regelmäßig aus den Schuhen. Ja,
und auch „Leon“, der durchaus zu den besseren Van Damme-Vehikeln zählt, kommt
kaum über den Durchschnitt hinaus, dafür ist sein emotionales Plateau nicht nur
unnötig, sondern auch zu aufgesetzt und im Abschluss furchtbar kitschig. Die
Fights hingegen sind schon nett, vor allem in Kombination mit diesem urigen
Hitsound. Aber im Endeffekt ist es der gleiche Film, den Van Damme nun seit gut
30 Jahren dreht und sein Endgegner Attila wie so oft eine verschwitzt-haarige
Lachnummer. Aber! Im Anschluss des finalen Kampfes gibt es eine wirklich schöne
Szene, in der sich Löwenherz und Joshua in den Armen liegen und gemeinsam
Tränen vergießen. Wie echte Männer, versteht sich, aber auch die dürfen mal
weinen. Selbst in einem solchen Klopper.
4,5 von 10 Schlägen in die Weichteile
MIT STÄHLERNER
FAUST (1990)
Jean-Claude Van
Damme legt den maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug samt überzogenem
Perlweißgrinsen ab und schlüpft in die orangefarbene Häftlingsklamotte, um im
Knast auf Undercovermission einige Morde aufzudecken. Dabei wird unser Supercop
selbst zur Zielscheibe der Insassen und Wärter, als nach und nach seine wahre
Identität ans Tageslicht kommt, denn Bullen werden noch mehr verachtet als
Kinderschänder. Danach finden wir uns im üblichen, aber in diesem Fall doch
erschreckend harmlosen Van Damme-Schema wieder: Hier etwas Klappermesseraction,
da eine Schlägerei, bis Van Damme den Endgegner, der zufälligerweise noch ein
Hühnchen mit ihm zu rupfen hat, meterweit durch die Luft kicken darf. Neben der
öden und immer abstruser verlaufenden Geschichte, besitzen auch die Fights
keinerlei Dynamik – Van Damme darf ja nicht mal seinen kultigen Spagat
vorführen! Sicher ist „Mit stählerner Faust“ mit einem gewissen Nostalgiebonus
behaftet, aber am Ende bleibt es doch nur ein äußerst lascher Reißer.
3,5 von 10 rachsüchtigen Sandmännern
GEBALLTE LADUNG (1991)
Drei Jahre
nachdem Schwarzenegger in Danny DeVito seine Zwillingsbruder fand („Twins“)
fand auch Van Damme sein Ebenbild und zwar sich selbst. „Double Impact“ erzählt
die fast schon vor Hirnrissigkeit liebenswerte Geschichte getrennter Zwillinge,
die sich wiederfinden und zusammenraufen, um den Mord an ihren Eltern zu rächen.
Es war das erste Mal, dass versucht wurde the
muscles from brussels nicht nur auf einer kämpferischen Ebene, sondern auch
auf einer komödiantischen dem Publikum schmackhaft zu machen. Letztlich ein
weder geglückter noch gescheiterter Versuch, der im Jahre 1991 recht
erfolgreich in die Kinos und Videotheken kam.
5 von 10 Gymnastikkursen
UNIVERSAL SOLDIER (1992)
Bevor sich das
schwäbische Spielbergle (Roland Emmerich) in Hollywood mit "Stargate"
etablierte, drehte er diesen Zombie-Übersoldaten-Quatsch, der vielleicht 1992
noch den einen oder anderen Schauwert besaß, aber bereits wenige Jahre später
seine makellose Dummheit nicht mehr verbergen konnte. Low-Hollywood-Trash, der
aus seiner Van-Damme-vs.-Lundgren-Attitüde wesentlich mehr herausholen könnte und
wohl auch sollte. Wenigsten wirken die Inszenierung und ein paar gewollte
Witzelein aus heutiger Sicht noch einiger Maßen amüsant.
3,5 von 10 Heißhungerattacken
OHNE AUSWEG (1993)
„Hitcher“-Regisseur
Robert Harmon gelang es! Er inszenierte mit „Ohne Ausweg“ den bis dahin wohl
besten Film mit Van Damme. Als Sträfling auf der Flucht, der einer
alleinerziehenden Witwe gegen skrupellose Immobilienhaie hilft ist
unterhaltsame Massenware, in der Van Damme durchaus beweisen kann, dass er auch
als Schauspieler überzeugen kann, wenn das Script sowie die Arbeitsbereitschaft
des Regisseurs stimmt. Gewiss ist „Ohne Ausweg“ nicht mehr als eine Art
Fernsehspielfilm mit Actionelementen, aber die Mischung ist wirklich gut
abgestimmt und wurde technisch wunderbar glatt und homogen in Szene gesetzt.
Schon etwas traurig, dass gerade dieser Film mit Jean-Claude Van Damme
so oft übergangen wird.
6 von 10 bösen Bankern
HARTE ZIELE (1993)
John Woos
Hollywood-Debüt . Eine Art „Graf Zarloff“ meets Western und Prügelaction.
Jean-Claude Van Damme muss sich gegen ein paar Snobs zur Wehr setzen, die als
Hobby Obdachlose jagen. Für 1993 ist das Werk durchaus erbarmungslos sowie hart
inszeniert und die recht kurze Laufzeit lässt keine sonderlichen Längen
aufkommen. Dennoch funktioniert „Harte Ziele“, anders als etwa „Ohne Ausweg“,
nur dann richtig gut, wenn Action angesagt ist. Dann zeigt John Woo was er
kann, auch wenn das immer noch nicht an seine alten Hongkong-Tage heranreicht.
Viel mehr erinnern die Kampf- und vor allem die Shootout-Szenen an eine
Fingerübung für Woos späteren „Face/Off“ mit John Travolta und Nicolas Cage.
Als Actionsnack ist „Harte Ziele“ aber noch heute durchaus empfehlenswert.
6 von 10 Klapperschlangen ohne Rassel
STREET FIGHTER – DIE
ENTSCHEIDENE SCHLACHT (1994)
Steven E.
deSouza, immerhin Autor von „Stirb Langsam“, drehte diese Videospieladaption
und versagte in allen Belangen. Der Zuschauer darf/muss Zeuge werden, von
müden, fürs jüngere Publikum eher zurückhaltend inszenierten Actionszenen, jumping-the-shark-Charakteren (die
auch wenig mit ihren Spielvorbildern zu tun haben) und einer Story, die wohl
nicht einmal 12jährige ernst nehmen können. Als Sahnehaube versucht sich noch
Popstar Kylie Minogue als Darstellerin. Dieser Film ist ein Ärgernis, ein
Ärgernis dass viele Jahre später von seiner Direct-to-DVD-Fortsetzung (diesmal
ohne Van Damme) sogar noch „getoppt“ wurde. Schade, dass es gerade dieser Film war, mit
dem sich der großartige Schauspieler Raul Julia verabschiedete. Allerdings
wusste er wohl, auf welchen Mist er sich da einließ. Der todkranke Julia wollte
vor seinem Ableben noch einen Film drehen, den seine Kinder lieben würden. Und
so besitzt „Street Fighter“ in seiner ganzen Masse von Versagen doch noch einen
kleinen, hellen Schimmer.
1,5 von 10 Blauhelmen
TIMECOP (1994)
[...] "Timecop" schafft es nicht einmal, aus seiner Idee wirklich was zu machen. Zu Beginn ganz kurz mal in den wilden Westen, dann zum Börsencrash von 1929, sonst nur in der Dauerschleife zwischen 2004 und 1994. Das spart Sets, Kostüme und Ideen, alles in einem. Bravo. [...] Das klingt nach einem ganz bösen Verriss, aber ein Mindestmaß an Unterhaltung hat der Streifen gerade so noch. Es gibt in der Tat noch viel größeren Schrott (auch von Le Claude) und zumindest ist das noch relativ solide Inszeniert. Nur bedenkt man, was hier alles nicht oder unzureichend genutzt wurde, wird es finster. [...]
Zu „Timecop“
haben wir eine ausführliche Review, die ihr HIERlesen könnt.
SUDDEN DEATH (1995)
"Sudden
Death" ist nichts weiteres als eine weitere Variante des Action-
Klassikers "Stirb Langsam". Statt eines Hochhauses, einem Flughafen,
einem Schiff, einer ganzen Großstadt oder einem Zug ist es hier ein Stadion
welches von bösen Männern mit Maschinenpistolen eingenommen wird. Regisseur Peter
Hyams, der im Laufe seiner Karriere schon so ziemlich jedes Genre bedient hat,
setzt ganz auf Action mit etwas Ironie und macht so aus einer drittklassigen
Story einen unterhaltsamen Zeitvertreib ohne größere Überraschungen. Dafür gibt
sich Van Damme als Schauspieler aller Mühe und Powers Boothe gibt einen herrlich
fiesen Bösewicht ab. „Sudden Death“ ist im Umgang mit seinem Genre nicht
sonderlich eloquent oder einfallsreich, wurde aber durchaus packend und
kurzweilig in Szene gesetzt. Hyams ist eben ein Handwerker alter Schule und
dank dieses Attributs wird aus der x-ten Wiederholung der „Die Hard“-Storyline
ein knackiger Actionfilm der ohne Zweifel Van Dammes beste Arbeit ist. Danach begann er, die teils unrühmliche Abstieg des Jean-Claude Van
Damme.