DK, FR, US. 2016. Regie: Nicolas Winding Refn.
Buch: Mary Laws, Polly Stenham, Nicolas Winding Refn. Mit: Elle Fanning,
Karl Glusman, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Christina Hendricks,
Keanu Reeves u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.
Story:
Die hübsche und zurückhaltende
Jesse kommt mit gerade einmal 16 Jahren nach Los Angeles, um dort als Model zu
arbeiten. Die Branche ist begeistert von ihrer Natürlichkeit, doch alsbald ruft
das auch zahlreiche Neider auf den Plan. Bald verwandelt sich Jesses Traum in
einen Alptraum.
Meinung:
Von der Kritik zerrissen und in
Cannes ausgebuht, dazu ein Titel, den sich selbst der größte Refn-Fanboy nicht
besser hätte ausdenken können. Ja, auch Nicolas Winding Refns neuster Streich
ist ein Dorn im Auge zahlreicher Zuschauer. Nach dem bereits mehr als
kontrovers diskutierten „Only God Forgives“ treibt der eigensinnige Regisseur
seinen Stil weiter auf die Spitze, provoziert dadurch fast schon seine
Kritiker. Dass auch „The Neon Demon“ ein inszenatorischer Augenschmaus ist,
steht außer Frage, was der Film jedoch darüber hinaus zu bieten hat ist ein
streitbares und dadurch enorm interessantes Thema.
Tödlich schön?
Wo soll man anfangen, bei einem
Film, dessen Anfang bereits unmissverständlich auf das Ende verweist?
Vielleicht bei einer Spoilerwarnung (die sich in Anbetracht des
minimalistischen Narratives fast schon als lächerlich erweist), denn ohne kann
kaum eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Film stattfinden. „The Neon
Demon“ setzt sich von den gängigen Mechanismen einer klassischen Erzählung ab,
zumindest auf der inhaltlichen Ebene. Auf der formalen Ebene kann man jedoch
keinesfalls von einer komplett neuartigen Herangehensweise sprechen, zwar
schafft Refn es durchaus etwas Eigenes zu schaffen, und doch ist sein Stil
sicherlich auch ein Rückbezug. Die Einflüsse sind dabei vielfältig, sicherlich
haben die Giallis rund um Dario Argento („Suspiria“) und Mario Bava („Blutige
Seide“) etwas mit der Atmosphäre und Farbgebung des Films zu tun. Gewissermaßen
bezieht er sich sogar auf die Stummfilmzeit, denn Refn macht unmissverständlich
klar, dass sein Kino ein visuelles ist. Vielmehr ruft er sogar dazu auf, dass sich
die Kunstform Film stärker auf ihre Bilder verlassen soll, ja „The Neon Demon“
ist ein Plädoyer für die Macht der Bilder und das visuelle Erzählen. An einer Stelle heißt es: „Beauty
isn’t everything, it’s the only thing“, laut Refn könnte es auch lauten:
„Pictures aren’t everything, they’re the only thing“.
Der Anfang vom Ende?
Essentiell ist natürlich auch das
Sujet, mit dem sich Refn hier auseinandersetzt. Von vielen Seiten wird ihm
vorgeworfen, er wäre lediglich daran interessiert die Oberflächlichkeit der
Modebranche zu porträtieren und würde sich dadurch mit seinem Fokus auf
optische Schauwerte selbst deklassieren. Das stimmt einerseits zumindest
insofern, dass der dänische Regisseur in Hinblick auf die Model-Industrie
natürlich nichts Neues ans Tageslicht fördert. Wir sehen selbstverliebte
Menschen, exzentrische Fotografen, neidzerfressene Konkurrentinnen und
durchlaufen die üblichen Klischees von Schönheitsoperationen über Diäten bis
hin zum drohenden Karriereende mit 21. „The Neon Demon“ reduziert seine Figuren
maßgeblich auf ihre äußere Form, jedoch nicht, weil Refn sich nicht für sie
interessiert, sondern weil ihr Umfeld es fordert, weil sie sogar selbst auf
diese Oberflächlichkeit beschränkt werden wollen. Immer wieder treibt der Film
diesen Punkt auf die Spitze, wenn er menschliche Körper in geometrische Formen
überführt und dadurch unmissverständlich deutlich macht, dass diese reine
Oberflächlichkeit nichts Natürliches oder Menschliches mehr an sich hat. Es
gibt viele Filme, die sich mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigen, doch
nur wenige, die sich im selben Maße mit Äußerlichkeiten auseinandersetzen. Refn
reflektiert darüber und unverdienterweise wird ihm deswegen fehlender Tiefgang
vorgeworfen.
Figur oder Körper?
Vordergründig ist „The Neon
Demon“ natürlich ein Film über die Model-Industrie, doch im eigentlichen Sinne
beschäftigt sich Refn mit menschlichen Oberflächen. Zu Beginn arbeitet er
unermüdlich mit Spiegeln, fängt die Körper und Gesichter der Figuren dadurch
oft mehrmals in jeder Einstellung ein. Es betont die Oberflächlichkeit, die
Reduktion auf äußere Formen, die unweigerlich beim ersten Kontakt zweier
Individuen entsteht. Bald zerbrechen jedoch diese Spiegel (im wahrsten Sinne
des Wortes) und natürlich ist es die Scherbe aus einem solchen, mit der sich
die Protagonistin Jesse an der Hand verletzt. Ihre Oberfläche ist durchtrennt,
die Grenze zwischen Innen und Außen geöffnet. Doch Jesse selbst beharrt
weiterhin auf die äußere Form, sie will nicht, dass jemand sich ihren inneren
Werten nähert, Liebe weist sie zurück. Es ist unklar, ob Unsicherheit oder
Unverständnis dahintersteckt, doch für sie, wie auch für fast alle anderen
Figuren des Films, gibt es nur Äußerlichkeiten. Und das ist nicht, wie
fälschlicherweise angenommen, eine Abrechnung mit der Modewelt, sondern
vielmehr eine überspitzte Kritik an der Oberflächlichkeit in unserer heutigen
Gesellschaft. Ein Zerrspiegel, denn nur in einem geeigneten Umfeld kann eine
solche Branche überhaupt gedeihen.
Schöne Menschen sieht man reichlich
Doch „The Neon Demon“ ist
keinesfalls ein Film, der rein auf interpretatorische Ansätze angewiesen ist.
Davon abgesehen ist er ein inszenatorisch wie atmosphärisch wirkungsvolles
Werk, welches sich unmöglich auf ein Genre festmachen lässt. Wenn die
psychedelische Technokulisse über die Szenerie wabert und Refn gewohnt
kryptisch und vage erzählt, dann generiert das an erster Stelle Unbehagen und
Anspannung. Jede Aktion, jede Bewegung scheint mit ausreichend Wirkung versehen
zu sein. Ein Film, der zunächst erlebt werden muss, ein Film, der seine
Zuschauer in einem Rausch aus Farben und Bilder bindet. Dabei ist „The Neon
Demon“ überaus angreifbar, vielleicht noch mehr als andere Filme Refns, denn er
ist über die Maße schwer zu fassen und man hat das Gefühl er bestünde aus
unzähligen Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, bei denen nicht jede zu überzeugen
vermag und noch mehr gar nicht gedeutet werden können. Doch den Film zu sehen
ist eine überaus persönliche Erfahrung, weil er das Medium Film und auch die
eigenen Sehgewohnheiten an bestimmte Grenzen treibt. Denn letztlich ist „The
Neon Demon“ selbstreflexives Kino, nicht wie wir es bisher kannten, aber so wie
es im Jahr 2016 sein muss.
Über „The Neon Demon“ zu
schreiben ist eine undankbare, bisweilen auch frustrierende Aufgabe. Auch wenn
es die Länge des Textes nicht unbedingt impliziert, so werden diejenigen, die
den Film bereits gesehen haben, diese Empfindungen durchaus nachvollziehen
können. Denn es ist schwer Worte für ein
Werk zu finden, das so sehr von seinen Bildern lebt und noch schwerer die
unzähligen und zum Teil auch widersprüchlichen Gedanken, die einem während der
Sichtung durch den Kopf schweben, in produktive Bahnen zu lenken. Abschließend
bleibt lediglich zu sagen: Schaut euch diesen Film an, egal ob ihr ihm
letztlich etwas abgewinnen könnt oder nicht, denn „The Neon Demon“ verdient es
gesehen zu werden.
CA/US,
2015. Regie & Buch: Robert Eggers. Mit: Ralph Ineson, Kate
Dickie, Anya Taylor-Joy, Julian Richings, Bathsheba Garnett, Harvey
Scrimshaw, Lucas Dawson, Ellie Grainger. Länge: 88 Minuten. FSK:
Ungeprüft. Ab 19. Mai 2016 im Kino.
Story:
In
New England um 1630 wird eine streng gläubige Familie von ihrer
Gemeinde verstoßen. Am Rande eines Waldstücks wollen sie mit der
Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer Farm beginnen. Als
die älteste Tochter eines Tages mit dem Neugeborenen spielt, ist das
Baby von einem Moment auf den anderen im Wald verschwunden. Der
Familienvater glaubt daran, dass ein Wolf Schuld ist, doch insgeheim
macht sich die schleichende Angst breit, dass eine Hexe in den
Wäldern haust, die es auf die Familie abgesehen hat.
Meinung:
"Nature
is Satan´s Church", äußert die Frau in "Antichrist",
bevor sich Lars von Triers Meisterwerk langsam zu einer ungemein
verstörenden, sehr brutalen und nachhaltig bewegenden Orgie von
Abscheulichkeiten hochschaukelt, in der die Verarbeitung von Trauer,
Verlust und Schuld aus unterschiedlicher Geschlechtersicht
aufeinanderprallt. Das zentrale Motiv der Natur als Kirche Satans
könnte auch eine bedeutende Inspiration für Robert Eggers "The
Witch" gewesen sein.
Sie ahnt das Unheil bereits...
Kaum
zu glauben, dass man es hier mit einem Langfilmdebütanten zu tun
hat. "The Witch" ist unglaublich stilbewusstes,
selbstsicheres Horror-Kino der Superlativen, das wirkt, als wäre ein
langjähriger Meister am Werk gewesen, der sich vorab bereits an
mehreren Filmen dieser Art ausprobiert hat, um nun auf dem Zenit
seiner Fertigkeiten anzukommen. Der Regisseur hat sich für dieses
Werk tief in die Materie eingegraben, die altenglischen Dialoge aus
der Geschichte, welche im 16. Jahrhundert in Neuengland angesiedelt
ist, entstammen direkt von originalen Schriftstücken, überlieferten
Sagen, Märchen und Tagebucheinträgen dieser Zeitepoche. Eggers
erzählt von einer streng gläubigen Familie, die von ihrer Gemeinde
aus dem Dorf vertrieben wird und in der Nähe eines Waldstücks mit
der Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer kleinen Farm
beginnen will. Als das jüngste Kind eines Tages spurlos
verschwindet, ist die Familie hin- und hergerissen zwischen dem, was
sie glauben, was sie meinen, zu wissen und was sie in ihren
schlimmsten Albträumen fürchten.
Jedes Bild gleicht einem Gemälde
In
"The Witch" ist die Atmosphäre bereits ab der ersten
Minute zum Schneiden dicht. Mithilfe der düsteren, unheilvollen
Cinematographie, bei der Eggers den sprichwörtlichen Teufel in jedem
einzelnen Detail versteckt, und des grandiosen Scores von Mark
Korven, der mit seinen schrillen Geigen und schrägen Kompositionen
zu Beginn beinahe wie eine Parodie wirkt, später aber zu ungeahnten
Momenten puren Grauens überleitet, entfesselt der Regisseur ein
intensives, unbehagliches Schauermärchen. Auch wenn der Bedrohung
recht früh ein klares Gesicht verliehen wird, appelliert Eggers
immer wieder an die Kraft der Suggestion, was seinem Film einen
zwiespältigen, interpretierfreudigen Anstrich verleiht, bei dem
nicht immer eindeutig ersichtlich ist, ob die titelgebende Hexe real
existiert oder nur eine Manifestation darstellt, die aus den immer
stärker werdenden Konflikten innerhalb der Familie heraufbeschworen
wurde, welche in ihrem unerschütterlichen, an religiösen Fanatismus
grenzenden Glauben auf die Probe gestellt wird. Der Regisseur nutzt
die bedrohliche Kulisse des Waldstücks, symbolträchtige
Einstellungen sowie unheilvolle Ankündigungen in Gestalt von Tieren,
um einen Keil zwischen die Familie zu treiben.
"The
Witch" sympathisiert mit seinen Figuren, zeigt aber auch auf
erschreckende Weise, was es bedeutet, wenn Menschen ihrem religiösen
Glauben blind verfallen. Im Kern ist der Film weniger klassischer
Horrorfilm, denn auf übermäßig blutige Eskalationen oder schlichte
Jump-Scares verzichtet Eggers beinahe vollständig, als viel mehr ein
bedrückendes Psychodrama, das auf ebenso langsame wie unangenehme
Weise unter die (Netz-)Haut des Betrachters eindringt und
stellenweise Impressionen erzeugt, die zu den verstörendsten der
letzten Zeit zählen dürften. Am Ende offenbart "The Witch"
aber auch eine faszinierende Lesart, bei der sich der direkte und
indirekte Terror durch eine potentielle Hexe als mögliche
Alternative entpuppt, bei dem sich die älteste Tochter der Familie,
welche selbst als Ziel der Hexenbeschuldigungen herhalten muss, für
einen Weg aus der religiösen Unterdrückung und in die freie
Selbstbestimmung entscheiden kann. "The Witch" zeigt sich
somit als inhaltlich überaus reichhaltiges Werk, funktioniert aber
auch als geradlinige Schauergeschichte, sozusagen eine verrohte
Variante der Gebrüder Grimm, in der Regie-Neuling Robert Eggers
durch kraftvolle Impressionen, wunderbare Schauspieler und Momente
puren Horrors jeden Ton trifft. Von diesem Mann ist zukünftig Großes
zu erwarten.
Fakten: Dressed to Kill USA,
1980. Regie & Buch: Brian De Palma. Mit: Michael Caine, Angie
Dickinson, Nancy Allen, Keith Gordon, Dennis Franz, David Margulies, Ken
Baker, Susanna Clemm, Brandon Maggart u.a. Länge: 105 Minuten. FSK:
Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray (beides Import)
erhältlich.
Story: Das Luxus-Callgirl Liz wird Zeugin eine
brutalen Mordes. In einem Fahrstuhl wird eine Frau von einer anderen mit
einem Rasiermesser aufgeschlitzt. Identifizieren kann Liz sie nicht.
Nun hat es die Täterin auch auf sie abgesehen. Hilfe bekommt sie von
Peter, dem Sohn des Opfers. Gemeinsam wollen sie das Verbrechen
aufklären. Die Spur führt zu Dr. Elliott, dem Psychiater von Peters
Mutter. Die Täterin scheint dort auch in Behandlung zu sein.
Meinung: Das Brian De Palma ein großer Fan von
Altmeister Alfred Hitchcock war und ist, hat er mehrfach bewiesen. Viele
seiner Filme beinhalten deutliche Verneigungen vor dem Schaffen des
pummeligen Ausnahmekönners. Sein leicht verruchter, sleazig-seifiger
"Dressed to Kill" darf als pure Hommage an Hitch gesehen werden,
allerdings auch an das italienische Giallo-Kino. Tolle Kombination und
von einem De Palma in Höchstform (lange ist es her) technisch astrein
serviert.
Immer gesünder: Die Treppe nehmen.
In erster Linie ist "Dressed to Kill" eine überdeutliche
Huldigung vom Meilenstein "Psycho", von dem De Palma gleich mehrere
Dinge übernimmt. Um genau zu sein, es ist die gleiche Blaupause, mit
anderem Setting und Ablauf, das Ding ist an sich identisch. Darf man so
was? So was könnte man in der Form bald Diebstahl nennen, aber
selbstredend ist es das nicht. Nein, De Palma erweißt einem Klassiker
die Ehre und dreht quasi seiner Version. Das ist nicht nur vollkommen in
Ordnung (nicht zuletzt in Anbetracht der Frechheit a.k.a. "Psycho" von
Gus Van Sant) sondern viel eher mutig. Dafür kannst du böse auf die
Fresse bekommen oder ganz viel Schulterklopfen. Hier muss Letzteres der
Fall sein, ohne Kompromisse. Natürlich darf im Detail an dieser Stelle
nicht auf die unzähligen Parallelen eingegangen werden, mehr Spoiler
geht ja gar nicht. Wer "Psycho" nicht kennt dürfte mindestens genauso
viel Freude haben wie Eingeweihte, die wohl sogar mehr. Sonst könnte man
eventuell sich an Details stören, sei es eine etwas klischeehafte
Figurenzeichnung oder diverse Logikhänger. Das ist hier allerdings nicht
der geringste Maßstab. Da wären wir auch schon bei dem Bezug zum
Giallo, der hinter den ganzen Hitch-Referenzen fast schon zur Nebensache
verkommen könnte, letztendlich aber unübersehbar sind und "Dressed to
Kill" eigentlich zu einem waschechten US-Beitrag des Genre macht, was
ziemlich selten ist.
Harry Potter im falschen Film.
Noch bevor dies deutlich wird, scheint De Palma einen
Hinweis darauf zu geben. Nach der unglaublich inszenierten Museums-Szene
(Kamera, Musik und narrative Wirkung in Perfektion) winkt ein Handschuh
aus einem gelben Taxi. Zufall? Bei De Palma (zu der Zeit) mit
Sicherheit nicht. Kurz darauf wird in schwarzen Handschuhen eine scharfe
Klinge geschwungen, wie zu besten Genre-Zeiten. "Dressed to Kill" ist
ein einziges Fest, zitiert am laufenden Band, ganz unverblümt und gerade
dadurch so bemerkenswert. Was De Palma hier technisch veranstaltet ist
schlicht sagenhaft. Mit so viel Liebe, Hingabe und Können gemacht, eine
Freude. Natürlich und konsequent übernimmt er auch die klassischen
Schwächen des Genres, sprich eine eher bräsige Auflösung, die grob
gesehen als alberner Quatsch eingestuft werden könnte. Nur auch das ist
bewusst und halt die Materie. Gerade weil sich der Film so direkt an den
Vorlagen orientiert, wäre es anders gar nicht möglich oder
wünschenswert. Nein, so und nicht anders muss das sein. Wer sich darauf
einlässt, bekommt ein virtuos inszeniertes, enorm stimmungsvolles und
spannendes Potpourrie aufgetischt, vor dem man angesichts heutiger,
uninspirierter Nullnummern nur den Hut ziehen kann. Starkes Stück,
gerade weil er "nur" kopiert. Dafür mit Respekt und Talent. Klasse.
Ob Norman Bates noch lachen kann, wenn er die "Psycho"-Sequels gesehen hat?
Alfred Hitchcocks
„Psycho“, der neben „Die Teuflischen“ zu den Geburtshelfern des
Psycho-Thriller-Genres gehört, ist ohne Zweifel ein absolutes Meisterwerk,
welches auch heute, nach über 50 Jahren, zur cineastischen Speerspitze gehört.
Doch ein Klassikerstatus schützt nicht vor Sequels und Remakes. Unser souli hat
sich mal die drei „Psycho“-Fortsetzungen angesehen und stellt konsterniert
fest: „Ein stetiger Weg abwärts.“
Hier geht’s zur
Review des ersten und besten Teils.
Eigentlich
müsste man „Psycho II“ verabscheuen – einfach aus Prinzip. Allerdings darf man
sich allen Unkenrufen zum Trotz über die mutige Fortsetzung von Alfred
Hitchcocks Meisterwerk aus dem Jahre 1960 in gewisser Maßen freuen, schließlich
ist hier weder die respektlose Entmystifizierung des Originals eingetreten, die
vorab wohl jeder erwartet hat, noch erweist sich Richard Franklin, der
angeblich engen Kontakt zum pummeligen Master of Suspense pflegte, als
profitgeiler Dilettant, der ein einst erfolgreiches Konzept noch einmal auf
Sparflamme nach allen Regeln der Kunst instrumentalisieren möchte. Nein,
„Psycho II“ ist allein aufgrund seiner Ausgangslage, in der Norman Bates nach
über 20 Jahren aus der Psychiatrie entlassen wird und durch die Dämonen der Vergangenheit
an der erstrebten Resozialisierung scheitert, interessant gestaltet. Dabei
oszilliert das Drehbuch zwischen schizophrener Charaktertragik und
tributzollenden Horrorelementen, während Anthony Perkins in seiner Paraderolle
eine erhebliche Bandbreite an Emotionen abdecken muss, ohne sich komplett zum
Affen zu machen. Mit der intensiv-komplexen Klasse von „Psycho“ kann „Psycho
II“ natürlich nicht mithalten, dennoch erweist sich Franklins Werk als nahezu
durchgehend spannend, atmosphärisch gefilmt und von Jerry Goldsmith stimmig
unterstrichen, auch wenn Meg Tilly in den Seilen hängt und das Finale…Naja.
Durchatmen.
6 von 10 mütterlichen Ratschlägen
Endlich hat sich das bestätigt, was der geneigte Fan von Alfred Hitchcocks
„Psycho“ schon bei Richard Franklins Fortsetzung erwartet hat: Norman Bates ist
im Reich der psychotischen Knallchargen angekommen. Besonders tragisch, da sich
Anthony Perkins höchstpersönlich auf den Regiestuhl gehievt hat und es
kaltschnäuzig zulässt, das seine legendäre Rolle als introvertiertes
Muttersöhnchen beinahe bis zum Anschlag diffamiert wird. Perkins selbst actet
sich dabei über die Grenzen der charakterbezogenen Schmach hinaus und stellt
sein inszenatorischen Unvermögen kläglich unter Beweis, in dem er sich
zunehmend in parodistischen Denkzetteln des Originals verirrt und durch die
aufgesetzt-religiöse Bumssymbolik einen Ton anschlägt, der im Kontext seiner
80er-Jahre-Entstehung zeitgemäß sein mag, dem „Psycho“-Franchise aber gezielte
Magentritte verpasst, die wohl vor allem dem Meister im Grabe schmerzen
dürften. Am Ende bleibt ein infantil-alberner Teenie-Slasher, mit
durchgeschnittenen Kehlen und blanken Titten, aber mit dem einstigen
Meisterwerk hat der Rotz nur noch äußerst rudimentär zu tun.
3 von 10 toten Nonnen
Die modrige Perücke passt endgültig nicht mehr auf den Kopf des schizoiden
Muttersöhnchens, und wer gedacht hat, dass das „Psycho“-Franchise nach dem
desaströsen dritten Teil nicht noch respektloser in die pejorativen Untiefen
taumeln könnte, der täuscht sich in rigorosem Ausmaß. Mick Garris' strunz
dummer TV-Ableger mit dem unheilvollen Beitel „The Beginning“ ist eine
grenzenlose und über jeden Zweifel erhabene Impertinenz sondergleichen, die
nicht nur den Anhängern des ersten Teils zu kinski'schen Tobsuchtsanfällen
zwingt, „Psycho IV“ glänzt auch als autonomes Stückwerk in ausnahmslos jedem
Bereich mit wahrhaft erstaunlichen Inkompetenz. Norman Bates (Ein Schatten
seiner selbst: Anthony Perkins) ruft bei einem amerikanischen Radiosender mit
dem passenden Tagesthema Matrize an, bei dem ein weiblicher Domian-Verschnitt
auf der anderen Seite wartet, und jammert sich den Kummer richtig schön vom
psychotischen Seelenkäfig. Anhand von billigen Flashbacks wird der Zuschauer
dann mit dem Teenie-Norman (Milchbubihaft und ebenso ausdruckslos: Henry
Thomas) konfrontiert, einem weinerlichen Ödipussi, der mit Dauerlatte in
Frauenkleidern im Wandschrank lümmelt und seinen dominanten Elternteil auch
gerne mal beim Bumsen durchs Guckloch in der Wand beobachtet. Eine wirklich
schlüssige, ansatzweise substanzielle Auseinandersetzung mit Normans
psychischen Probleme und der daraus resultierenden Motivation für seine
mörderischen Taten sind utopische Gedankenschleifen optimistischer Randläufern.
Die effektuierte Konzeption beharrt auf ihrer dumpf-debilen
Küchenpsychologie(sierung) und lässt Norman – demonstrativ banal –
schlussendlich das einst so schaurige Bates Hotel abfackeln, um dem einst
bemitleidenswerten wie angsteinflößenden Psychopathen als Familiendaddy in sein
weißes Suburbia zurückzuschicken. Denkmal-, Grab- und Kunstschändung.
USA, 1960. Regie: Alfred Hitchcock. Buch: Joseph Stefano, Robert Bloch (Vorlage). Mit: Anthony Perkins, Vera Miles, John Gavin, Janet Leigh, Martin Balsam, John McIntire, Simon Oakland, Frank Albertson, Patricia Hitchcock, Vaughn Taylor, Lurene Tuttle, John Anderson u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Die Sekretärin Marion Crane stiehlt 40.000 Dollar aus dem Tresor ihres Chefs und flüchtet aus der Stadt. Das Unwetter zwingt sie, in dem abgelegenen Bates-Motel einen ungeplanten Zwischenstop einzulegen. Der Rest ist Spoiler wie Geschichte...
Meinung:
Glück gehabt, Zimmer frei, Dusche warm...
Eine hübsche Blondine, 40.000 $, ein Platzregen, ein entlegenes Motel, das dunkle Haus auf dem Hügel, eine Silhouette am Fenster, 12 meist leere Zimmer, ausgestopfte Vögel, Butterbrote, ein Loch in der Wand, eine Dusche, ein Wischmopp, ein Sumpf,... Eine Legende.
...die ist aber KALT...
"Psycho" ist für mich Hitchcocks bester Film, ein Meisterwerk vom Meister, ein Lehrstück für Spannung und Atmosphäre, ein Film für die Ewigkeit. So zeitlos sind ganz wenige Filme. Selbst wenn noch mal 50 Jahre ins Land ziehen, er wird auch dann noch das Publikum in seinen Bann ziehen. Hitchcock bewieß Mut und verfilmte eine Geschichte, an die sich zur damaligen Zeit wohl kaum jemand gewagt hätte. Zu sehr brach sie mit den damaligen Sehgewohnheiten, zu verstörend hätte sie für die Zuschauer sein können, speziell das Ende, dass selbst heute noch für nachhaltige Gänsehaut sorgt. Kaum vorzustellen, wie das 1960 gewirkt haben muss. Wie ich die unwissenden Leute beneide, die damals sicherlich vollkommen aufgelöst und wild diskutierend das Kino verlassen haben müssen. Hitchcocks Risikobereitschaft hat sich voll ausgezahlt, zu recht ist "Psycho" ein Klassiker und Pflichtprogramm für jeden Filmfreund.
...oh, sorry, Mutter kümmert sich darum.
Das liegt nicht ausschließlich an der Geschichte, ganz entscheidend ist die Art der Inszenierung. Die beklemmenden Sets, in erster Linie natürlich das unheimliche Bates-Haus, das geniale Spiel mit der Kamera, die cleveren Einstellungen, das brillante Gespür für Timing, die durch Mark und Bein gehende Musik. "Psycho" würde nie so wirken, wenn das alles nicht so unglaublich perfekt abgestimmt wäre. Die Stimmung saugt einen förmlich auf und lässt einen selbst nach dem Abspann lange nicht mehr los.
Nicht unschuldig daran: Anthony Perkins in der Rolle seines Lebens. Eine grandiose Vorstellung, bei der es ihm tatsächlich gelingt, diese schwierige Figur bis ins kleinste Detail von Mimik, Gestik und Körperhaltung perfekt zu erfassen. Allein seine letzte Einstellung...woha!
Einer der handwerklich besten Filme, die ich jemals gesehen habe, in der Hinsicht eigentlich perfekt. Selbst wenn man das Ende kennt oder es schon erahnt (heutzutage nicht mehr ganz so schwer, dafür hat der Film zu viele Filmemacher inspiriert und das Thema wird gerne immer wieder verwendet) verliert er nichts an seiner Magie.
Zudem ist "Psycho" ein Beispiel dafür, dass man so etwas nicht kopieren kann. Das Remake hat kopiert was zu kopieren ging, ist trotzdem ein kompletter Reinfall. Magie lässt sich nicht kopieren.