DK, FR, US. 2016. Regie: Nicolas Winding Refn.
Buch: Mary Laws, Polly Stenham, Nicolas Winding Refn. Mit: Elle Fanning,
Karl Glusman, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Christina Hendricks,
Keanu Reeves u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.
Story:
Die hübsche und zurückhaltende
Jesse kommt mit gerade einmal 16 Jahren nach Los Angeles, um dort als Model zu
arbeiten. Die Branche ist begeistert von ihrer Natürlichkeit, doch alsbald ruft
das auch zahlreiche Neider auf den Plan. Bald verwandelt sich Jesses Traum in
einen Alptraum.
Meinung:
Von der Kritik zerrissen und in
Cannes ausgebuht, dazu ein Titel, den sich selbst der größte Refn-Fanboy nicht
besser hätte ausdenken können. Ja, auch Nicolas Winding Refns neuster Streich
ist ein Dorn im Auge zahlreicher Zuschauer. Nach dem bereits mehr als
kontrovers diskutierten „Only God Forgives“ treibt der eigensinnige Regisseur
seinen Stil weiter auf die Spitze, provoziert dadurch fast schon seine
Kritiker. Dass auch „The Neon Demon“ ein inszenatorischer Augenschmaus ist,
steht außer Frage, was der Film jedoch darüber hinaus zu bieten hat ist ein
streitbares und dadurch enorm interessantes Thema.
Tödlich schön?
Wo soll man anfangen, bei einem
Film, dessen Anfang bereits unmissverständlich auf das Ende verweist?
Vielleicht bei einer Spoilerwarnung (die sich in Anbetracht des
minimalistischen Narratives fast schon als lächerlich erweist), denn ohne kann
kaum eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Film stattfinden. „The Neon
Demon“ setzt sich von den gängigen Mechanismen einer klassischen Erzählung ab,
zumindest auf der inhaltlichen Ebene. Auf der formalen Ebene kann man jedoch
keinesfalls von einer komplett neuartigen Herangehensweise sprechen, zwar
schafft Refn es durchaus etwas Eigenes zu schaffen, und doch ist sein Stil
sicherlich auch ein Rückbezug. Die Einflüsse sind dabei vielfältig, sicherlich
haben die Giallis rund um Dario Argento („Suspiria“) und Mario Bava („Blutige
Seide“) etwas mit der Atmosphäre und Farbgebung des Films zu tun. Gewissermaßen
bezieht er sich sogar auf die Stummfilmzeit, denn Refn macht unmissverständlich
klar, dass sein Kino ein visuelles ist. Vielmehr ruft er sogar dazu auf, dass sich
die Kunstform Film stärker auf ihre Bilder verlassen soll, ja „The Neon Demon“
ist ein Plädoyer für die Macht der Bilder und das visuelle Erzählen. An einer Stelle heißt es: „Beauty
isn’t everything, it’s the only thing“, laut Refn könnte es auch lauten:
„Pictures aren’t everything, they’re the only thing“.
Der Anfang vom Ende?
Essentiell ist natürlich auch das
Sujet, mit dem sich Refn hier auseinandersetzt. Von vielen Seiten wird ihm
vorgeworfen, er wäre lediglich daran interessiert die Oberflächlichkeit der
Modebranche zu porträtieren und würde sich dadurch mit seinem Fokus auf
optische Schauwerte selbst deklassieren. Das stimmt einerseits zumindest
insofern, dass der dänische Regisseur in Hinblick auf die Model-Industrie
natürlich nichts Neues ans Tageslicht fördert. Wir sehen selbstverliebte
Menschen, exzentrische Fotografen, neidzerfressene Konkurrentinnen und
durchlaufen die üblichen Klischees von Schönheitsoperationen über Diäten bis
hin zum drohenden Karriereende mit 21. „The Neon Demon“ reduziert seine Figuren
maßgeblich auf ihre äußere Form, jedoch nicht, weil Refn sich nicht für sie
interessiert, sondern weil ihr Umfeld es fordert, weil sie sogar selbst auf
diese Oberflächlichkeit beschränkt werden wollen. Immer wieder treibt der Film
diesen Punkt auf die Spitze, wenn er menschliche Körper in geometrische Formen
überführt und dadurch unmissverständlich deutlich macht, dass diese reine
Oberflächlichkeit nichts Natürliches oder Menschliches mehr an sich hat. Es
gibt viele Filme, die sich mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigen, doch
nur wenige, die sich im selben Maße mit Äußerlichkeiten auseinandersetzen. Refn
reflektiert darüber und unverdienterweise wird ihm deswegen fehlender Tiefgang
vorgeworfen.
Figur oder Körper?
Vordergründig ist „The Neon
Demon“ natürlich ein Film über die Model-Industrie, doch im eigentlichen Sinne
beschäftigt sich Refn mit menschlichen Oberflächen. Zu Beginn arbeitet er
unermüdlich mit Spiegeln, fängt die Körper und Gesichter der Figuren dadurch
oft mehrmals in jeder Einstellung ein. Es betont die Oberflächlichkeit, die
Reduktion auf äußere Formen, die unweigerlich beim ersten Kontakt zweier
Individuen entsteht. Bald zerbrechen jedoch diese Spiegel (im wahrsten Sinne
des Wortes) und natürlich ist es die Scherbe aus einem solchen, mit der sich
die Protagonistin Jesse an der Hand verletzt. Ihre Oberfläche ist durchtrennt,
die Grenze zwischen Innen und Außen geöffnet. Doch Jesse selbst beharrt
weiterhin auf die äußere Form, sie will nicht, dass jemand sich ihren inneren
Werten nähert, Liebe weist sie zurück. Es ist unklar, ob Unsicherheit oder
Unverständnis dahintersteckt, doch für sie, wie auch für fast alle anderen
Figuren des Films, gibt es nur Äußerlichkeiten. Und das ist nicht, wie
fälschlicherweise angenommen, eine Abrechnung mit der Modewelt, sondern
vielmehr eine überspitzte Kritik an der Oberflächlichkeit in unserer heutigen
Gesellschaft. Ein Zerrspiegel, denn nur in einem geeigneten Umfeld kann eine
solche Branche überhaupt gedeihen.
Schöne Menschen sieht man reichlich
Doch „The Neon Demon“ ist
keinesfalls ein Film, der rein auf interpretatorische Ansätze angewiesen ist.
Davon abgesehen ist er ein inszenatorisch wie atmosphärisch wirkungsvolles
Werk, welches sich unmöglich auf ein Genre festmachen lässt. Wenn die
psychedelische Technokulisse über die Szenerie wabert und Refn gewohnt
kryptisch und vage erzählt, dann generiert das an erster Stelle Unbehagen und
Anspannung. Jede Aktion, jede Bewegung scheint mit ausreichend Wirkung versehen
zu sein. Ein Film, der zunächst erlebt werden muss, ein Film, der seine
Zuschauer in einem Rausch aus Farben und Bilder bindet. Dabei ist „The Neon
Demon“ überaus angreifbar, vielleicht noch mehr als andere Filme Refns, denn er
ist über die Maße schwer zu fassen und man hat das Gefühl er bestünde aus
unzähligen Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, bei denen nicht jede zu überzeugen
vermag und noch mehr gar nicht gedeutet werden können. Doch den Film zu sehen
ist eine überaus persönliche Erfahrung, weil er das Medium Film und auch die
eigenen Sehgewohnheiten an bestimmte Grenzen treibt. Denn letztlich ist „The
Neon Demon“ selbstreflexives Kino, nicht wie wir es bisher kannten, aber so wie
es im Jahr 2016 sein muss.
Über „The Neon Demon“ zu
schreiben ist eine undankbare, bisweilen auch frustrierende Aufgabe. Auch wenn
es die Länge des Textes nicht unbedingt impliziert, so werden diejenigen, die
den Film bereits gesehen haben, diese Empfindungen durchaus nachvollziehen
können. Denn es ist schwer Worte für ein
Werk zu finden, das so sehr von seinen Bildern lebt und noch schwerer die
unzähligen und zum Teil auch widersprüchlichen Gedanken, die einem während der
Sichtung durch den Kopf schweben, in produktive Bahnen zu lenken. Abschließend
bleibt lediglich zu sagen: Schaut euch diesen Film an, egal ob ihr ihm
letztlich etwas abgewinnen könnt oder nicht, denn „The Neon Demon“ verdient es
gesehen zu werden.
US,
2015. Regie: Jay Roach. Buch: John McNamara. Mit: Bryan Cranston,
Helen Mirren, Elle Fanning, John Goodman, Michael Stuhlbarg, Peter
Mackenzie, Diane Lane, Louis C.K. u.a. Länge: 124 Minuten. FSK:
Freigegeben ab 6 Jahren. Ab 10. März 2016 im Kino.
Story:
Im
Amerika der 40er Jahre ist Dalton Trumbo ein erfolgreicher,
intelligenter Drehbuchautor. Aufgrund der damaligen politischen
Umstände sieht er sich allerdings mit drastischen Konsequenzen
bedroht, denn Trumbo ist Mitglied der Kommunistischen Partei und wird
somit auf die schwarze Liste Hollywoods gesetzt.
Meinung:
Im
Amerika der 40er Jahre fand ein politischer sowie gesellschaftlicher
Umschwung statt. Prominente Mitglieder der Kommunistischen Partei
wurden vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe (HCUA) geladen
und sahen Bestrafungen entgegen, sollten sie ihre Aussage verweigern.
Eine dieser bekannten Persönlichkeiten war Dalton Trumbo, ein
erfolreicher Hollywood-Autor, der auf der sogenannten "Black
List" von Hollywood landete. Für Menschen, ob Schauspieler,
Regisseure, Autoren oder Musiker, deren Namen auf dieser Liste
standen, war es nahezu unmöglich, noch Arbeit zu finden. Fortan musste Trumbo unter Pseudonymen Drehbücher schreiben, um weiterhin Anstellung zu finden. Dabei gab er nie auf, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass sein richtiger Name womöglich irgendwann wieder in den Credits gelistet werden würde.
Statt Chrystal Meth bleibt es diesmal nur bei der Zigarette
Regisseur
Jay Roach hat mit "Trumbo" nun einen Film über die
gleichnamige Persönlichkeit gedreht und zeichnet anhand dessen
Schicksal die damaligen gesellschaftlichen sowie politischen
Zustände nach. Das Drehbuch von John McNamara vermischt hierfür
reale Fakten und fiktiv eingefügte Figuren zu einem vielschichtigen
Erzählkomplex, welcher über viele Jahre hinweg verschiedene
Themen und Handlungsstränge balanciert. "Trumbo" ist daher
zeitweise faktenbasierte Geschichtsstunde, persönliches
Charakterdrama und unterhaltsame Satire auf das alte Studio-System
von Hollywood in einem. Dabei ist es nicht immer gelungen, all diese
Ansätze stimmig zu vereinen und die Handlung, welche in
unterschiedlichste Richtungen drängt, wirkt mitunter unkoordiniert
und überladen. Die Vergangenheit hat allerdings bereits mehrfach
bewiesen, dass das Kino bestens dafür geeignet ist, den trockenen
Geschichtsunterricht zu ersetzen und so ist "Trumbo" trotz
der inhaltlichen Mängel ein gelungenes Werk geworden. Für die
zahlreichen Situationen und Begebenheiten, welche meist viele
historische Fakten und Informationen beeinhalten, hat McNamara
gewitzte, spritzige Dialoge in sein Drehbuch geschrieben, die dem
Film einen flüssigen Esprit verleihen, der ihn wohltuend von
glatten, zähflüssigen Biopics abhebt.
Harmonische Zeiten wie diese gibt es nicht immer
Inszenatorisch
ist der Film relativ unauffällig ausgefallen und Roach hat einen
Film gedreht, welcher ebenfalls als schicker TV-Film durchgehen
könnte. Bei der hohen Qualität, die beispielsweise hauseigene
Produktionen des Pay-TV-Senders HBO aufweisen, ist dies keineswegs
negativ zu verstehen. Herz und Charme erhält "Trumbo" aber
in erster Linie durch sein tolles Ensemble. Bryan Cranston, der seit
dem Ende der Hit-Serie "Breaking Bad" endlich wieder als
Hauptdarsteller für einen Film verpflichtet wurde, verleiht dem
Menschen Dalton Trumbo viel Charisma und Witz und bringt als
talentierter Autor in existenziellen Nöten dabei sowohl die
ehrgeizige, kluge Seite dieser Figur zum Vorschein wie auch die
vorhandenen charakterlichen Defizite, welche sich im überzogenen
Arbeitseifer und dezenten Alkoholmissbrauch zu Lasten seiner Familie
niederschlagen. Die diesjährige Oscar-Nominierung für Cranston als
bester Hauptdarsteller kommt somit nicht von ungefähr und der
Schauspieler zeigt nach dem kriminellen Mastermind Walter White neue
Facetten, ohne seine gewohnten Qualitäten abzulegen. Unterstützt
wird er zudem von einigen tollen Nebendarstellern, darunter
beispielsweise John Goodman als überdrehter B-Movie-Produzent, Helen
Mirren als hinterlistige Kolumnistin oder Elle Fanning in der Rolle der späteren, älteren Tochter Trumbos, die ein gespanntes Verhältnis
zu ihrem Vater pflegt.
"Trumbo"
ist aufgrund seiner vielen Themenkomplexe hin und wieder überladen,
doch als schwungvoll geschriebene und toll gespielte Geschichtsstunde
überzeugt der Film trotz seiner inhaltlichen Mängel immer noch. Wer
sich für die früheren Hollywood-Zeiten interessiert und wem das
Herz aufgeht, wenn Personen wie Otto Preminger oder Kirk Douglas
auftreten oder Namen wie Stanley Kubrick bezüglich der Entstehung
von "Spartacus" fallen, darf sich von "Trumbo"
mit auf eine Reise in die Vergangenheit nehmen lassen.
6,5
von 10 in der Badewanne arbeitende Drehbuchschreiber
Fakten: Young
Ones
USA. 2014. Regie und Buch: Jake Paltrow. Mit: Michael Shannon, Nicholas Hoult,
Kodi Smit-McPhee, Elle Fanning, Aimee Mullins, Alex McGregor, Robert Hobbs,
Carel Nel, Liah O’Prey, Christy Pankhurst, Andy McPhee u.a. Länge: 100 Minuten.
FSK: freigegeben ab 12 Jahen. Ab 18. November 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Nachdem sich das Klima auf der Erde dramatisch verändert hat, herrscht
Dürre. Aus dem einstigen blauen Planeten ist eine karge Wüste geworden. Wasser
ist von nun an das wertvollste Gut der Menschheit. Gemeinsam mit seinen beiden
Kindern lebt Ernest Holm (Michael Shannon) am Rande der bewohnbaren Zone und
versucht in dieser unwirtlichen Umgebung zu überleben, Notfalls unter Einsatz
von Gewalt. Flem Lever (Nicholas Hoult), der unliebsame Freund seiner Tochter,
hat anderes im Sinn, als einfach nur zu überleben. Mit allen Mitteln will er
die Farm und das dazugehörige Land der Familie übernehmen - und wenn er dafür
über Leichen gehen muss...
Meinung: Dass
Dystopien schon immer ein wesentlicher Bestandteil unserer Kinolandschaft
waren, wird uns dieser Tage erst so richtig bewusst gemacht: Adaptionen jedweder
Young-Adult-Belletristik finden ihren Weg in die Lichtspielhäuser und versetzen
Teenager auf der ganzen Welt in Verzückung. Dass sich hinter Filmen wie „Die
Tribute von Panem – The Hunger Games“, „Seelen“, „Die Bestimmung – Divergent“
oder auch „Hüter der Erinnerung – The Giver“ zumeist eine abstoßend seelenlose
Mechanik verbirgt, die sich mit jedem neuen filmischen Erguss dieser Gattung in
das exakte Muster des Vorgängererfolges pressen lässt, mag den euphorisierten
Heranwachsenden womöglich durch die volle Bandbreite an konstruierten
Plastikgefühlen im Verborgenen bleiben, hat man das pubertäre Stadium
allerdings verlassen, offenbart sich dieser zielgruppenorientierte Output als
ermüdende Tortur. Ein Segen sind daher Künstler, die Dystopie nicht als
Projektionsfläche für schmalzige Rührstücke verstehen, sondern den
klinisch-handzahmen Gestus gegen ein gesundes Maß an physischer wie psychischer
Härte auswechseln.
Die Zukunft ist kein schöner Ort
David Michod ist es beispielsweise mit „The Rover“ zuletzt in famoser Fasson
geglückt, ein Endzeitszenario in all der Orientierungslosigkeit einzufangen,
welches es nun mal auch darstellen würde, das moralische Brachland jener Tage
aber nicht nur über die allgegenwärtige Rohheit zu definieren, sondern den
Menschen immer noch als fühlendes Lebewesen zu porträtieren, anstatt sich in
einem überhobenen Nihilismus zu suhlen. Der Vergleich mag zwar in gewisser
Weise hinken, doch Jake Paltrow beschreitet mit „Young Ones“ ähnliche Pfade,
denn auch für ihn ist das postapokalyptische Ambiente keine Kulisse, die zum
aufgeblasenen Pathos fungieren muss, sondern sich vor allem durch die
Charaktere entschlüsselt, durch die Paltrow veranschaulicht, dass jeder
emotionale Konflikt immer noch die tiefsten Furchen in einer jeden menschlichen
Existenz hinterlässt. Jake Paltrow (übrigens der Bruder von Schauspielerin
Gwyneth Paltrow) ist es vor allem daran gelegen, die ökonomische Entwicklung
durch Wasserknappheit einzufangen, um diese Extremsituation dann auch
symbiotisch auf die Charaktere zu verlagern und zu potenzieren.
Ob Mary wirklich glücklich werden kann?
Der Kampf um das Wasser hat die Region, die Städte und selbst die direkten
Nachbarn zu Feinden gemacht. Während die letzten Menschen von Außerhalb unlängst in die Stadt gezogen sind, hat Ernest Holm (Michael Shannon) noch lange
nicht den Glauben daran aufgegeben, dass das Land auf dem er aufgewachsen ist
immer noch fruchtbar ist. „Young Ones“ visualisiert sein dystopisches Szenario,
in dem Wasser logischerweise der kostbarste Rohstoff ist, als ausgetrocknetes
Ödland und all die Personen, die der ausgedörrten Situation ausgeliefert sind,
sind nicht nur von poröser Haut gezeichnet, sondern durch die Hitze auch mürbe im Kopf. Das Narrativ von „Young Ones“ gliedert sich in Kapitel, um den
jeweiligen Hauptcharakteren auf den Zahn zu fühlen. Neben Ernest Holm gehören
dazu auch sein Sohn Jerome (Kodi Smit-McPhee) und der Nachbarsjunge Flem
(Nicholas Hoult), der eine heimliche Liebelei mit Ernests Tochter Mary (Elle
Fanning) führt. Sie alle folgen einer archetypischen Charakterkonstellation und
bäumen sich vom Opfer zum Täter und schließlich auch zum Rächer auf. Einzig
Elle Fanning fällt etwas aus dem Rahmen und ist in ihrer eindimensionalen Rolle
gefangen.
So gut wie jede Szene endet in einer Überblende, um den nächsten Schritt zu
bahnen: Und wenn Jerome zu Anfang durch den Schnitt aus seinem
heimatverbundenen Vater Ernest entwächst, erst schemenhaft, dann ganz deutlich,
wird konkret eingefangen, in welch dramatische Dimensionen sich „Young Ones“
noch aufschwingen wird. Schwierige Zeiten ändern die Menschen hier in jeder
Lage, selbst die ehrenwerten Gestalten müssen das Unrühmliche in Betracht
ziehen. Wenn Jerome durch das Aufnahmegerät des Hausroboter aber eine
erschütternde Wahrheit erkennt, sieht sich der Sohnemann dazu gezwungen, die
Ordnung im familiären Gefüge nach archaisch-reaktionären Prinzipien
wiederherzustellen – So wie es der unbändige Drang nach Vergeltung von ihm
verlangt. „Young Ones“ ist in seiner Themenbeschreibung vielleicht etwas
überladen und zeitweise zu gemächlich, seiner pointiert-poetischen Visualität
(natürlich wird auch mit Western-Elementen hantiert) und der hochdramatischen Dimension
innerhalb des Charaktergefüges aber gibt man sich nur zu gern geschlagen.
Fakten: Maleficent
– Die Dunkle Fee (Disneys Maleficent)
USA. 2014. Regie: Robert Stromberg. Buch: Linda Woolverton, Ted Sears, Ralph
Wright, Bill Peet. Mit: Angelina Jolie, Elle Fanning, Sharlto Copley, Imelda
Staunton, Juno Temple, Sam Riley, Brenton Thwaites, Kenneth Cranham, Angus Wright,
Hannah New, Sarah Flind, Isobelle Molloy u.a. Länge: 92 Minuten (Kinofassung,
nur auf DVD erhältlich), 96 Minuten (ungekürzte Fassung). FSK: freigegeben ab 6
Jahren (Kinofassung), freigegeben ab 12 Jahren (ungekürzte Fassung). Ab 2.
Oktober 2014 auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.
Story:
Ein hinterhältiger Verrat macht aus der Fee Maleficent eine Dunkle Fee, die
getrieben vom Wunsch nach Vergeltung sich sogar vom König der Menschen abwendet,
der ihr einst sein Herz schenkte. Sogar vor Aurora, der Königstochter, scheint
die Dunkle Fee nicht halt zu machen. Doch ist Maleficent wirklich das pure Böse,
oder steckt doch mehr dahinter?
Meinung: Eigentlich
zeichnet sich dort eine schöne Tendenz in der Traumfabrik ab: Märchen sind
(meistens leider nur auf den ersten Blick, aber immerhin) nicht mehr nur die
grellen, alles verniedlichenden 'Friede, Freude, Eierkuchen'-Erzählungen, die
primär in ihrer Gestaltung Kinder im Vor- und Grundschulalter ansprechen,
sondern, und das fühlt dem Sujet auf den Zahn, in düstere Farben getauchte,
gerne auch mit parabolischen Mehrwert geschwängerte Geschichten, die auch vor
kompromissloser Härte nicht zurückschrecken mögen. Walt Disney hat uns über die
Jahre mit seinen (wundervollen, kein Zweifel) Klassikern ein anderes Bild in
die Köpfe zu pflanzen versucht, doch der gegenwärtige Trend verlangt nach einer
Gangart, die sich wohl der populären 'dark & gritty'-Welle
dezidierter Comic-Adaptionen anschließt. In geleckter Chrome-Optik durften wir
beispielsweise schon Kristen Stewart als ein in stählerner Rüstung gehülltes
Schneewittchen in „Snow White and the Huntsman“ über die Leinwände sausen
sehen.
Welches Geheimnis verbirgt die Dunkle Fee wirklich?
Anders aber als Rupert Sanders inkohärentes Machwerk, das debil mit unsäglichen
Banalitäten jonglierte, darf das neuste Märchen-Flic „Maleficent – Die dunkle
Fee“ auch mal über seine guten Ansätze hinausschauen, wenn auch nur
intermittierend. Von Robert Stromberg in Szene gesetzt, entpuppte sich
„Maleficent – Die dunkle Fee“ als echter Box-Office-Hit, was gewiss nicht
zuletzt an der Hauptrollenbesetzung von Angelina Jolie gelegen hat. Und um es
gleich zu Anfang auf den Punkt zu bringen: Angelina Jolie ist als dunkle Fee
Maleficent schlichtweg die Idealbesetzung. Jolie hat selten in ihren Auftritten
geglänzt, vertritt sie doch immer einen auratischen Effekt, der irgendwie nicht
von dieser Welt scheint. Da scheint es eine logischer Schritt zu sein, das
Sexsymbol zum Fabelwesen zu erklären, mit dem sie endlich eine angemessene
Plattform geboten bekommt. Schon in Clint Eastwoods „Der fremde Sohn“ konnte
Frau Jolie überzeugen, das darf an dieser Stelle nicht unter den Tisch fallen,
doch Maleficent ist ihre Paraderolle; ein Engel mit Hörner; ein schwarzer
Schatten, der das Herz doch auf dem rechten Platz trägt.
Achtung giftig: Maleficent versprüht Gift und Galle
Da fällt es auch nicht schwer zu verstehen, wieso die altbekannte
„Dornröschen“-Story nicht aus der Perspektive der Prinzessin Aurora (Elle
Fanning) erzählt wird, die durch einen Stich an an der Spindel des Spinnrades
in einen vermeintlich ewigen Schlaf fällt, hätte ihr der tapfere Prinz nicht
einen feuchten Schmatzer auf die Lippen gepresst. So war es jedenfalls in der
Disney-Version von 1959. In der Interpretation von Robert Stromberg und Linda
Woolverton ist das nun etwas anders. Maleficent steht im Fokus und es gelingt
dem Drehbuch gelegentlich tatsächlich, diese Figur durch Ambivalenzen
interessant zu gestalten und zwar (im eigentlichen Sinne) keinen menschlichen, aber einen anthropomorphen Dualismus darzubieten. Denn Maleficent weidet sich am Schmerz, den sie anderen
Menschen zufügt, kann sich aber auch im nächsten Moment ihrem Mitleid nicht
entziehen und muss über ihren Schatten springen, eben weil sie gewiss nicht
dieses von Grund auf verrohte Wesen ist. Doch wie es nun mal Gang und Gäbe in
der Blockbustermaschinerie scheint, wartet auf freudige Überraschungen
hintenraus auch immer eine herbe Enttäuschungen.
Denn wenn sich „Maleficent – Die dunkle Fee“ dann in Richtung „Die Schneekönig“
zusteuert und noch einmal verdeutlicht, dass sich heutige Prinzessinnen soweit
emanzipiert haben, dass sie auf den „Kuss der Liebe“ eines Prinzen nicht mehr
angewiesen sind, verfällt auch das Narrativ einer
altbackenen Schematik. Visuell wie tricktechnisch ist das erwartungsgemäß
solide bis beeindruckend. Doch, wenn man ehrlich ist, fehlt „Maleficent – Die
dunkle Fee“ einfach die originäre Bildsprache, was sich gerade dann bemerkbar
macht, wenn er zunehmend auf Nummer sicher geht, nicht zuuuu düster wirken
möchte und forciert auf einen Happy-End-Ausklang hinarbeitet, um sich ganz und
gar der Formelhaftigkeit geschlagen zu geben. Sehr schade. Man möchte gar nicht
daran denken, wie „Maleficent – Die dunkle Fee“ wohl ausgesehen hätte, wenn ein
(in Topform agierender) Tim Burton dieses Projekt übernommen hätte. Hui.