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Review: DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE - Des Meisters erster Streich

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Fakten:
Der Mann, der zuviel wusste (The Man Who Knew Too Much)
GB, 1934. Regie: Alfred Hitchcock. Buch: Charles Bennett, D.B. Wyndham-Lewis. Mit: Leslie Banks, Edna Best, Peter Lorre, Frank Vosper, Hugh Wakefield, Nova Pilbeam, Pierre Fresnay u.a. Länge: 75 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die englische Familie Lawrence lernt im Urlaub in St. Moritz den charmanten Louis kennen. Als Mutter Jill mit ihm am Abend im Hotel das Tanzbein schwingt, wird er durch das Fenster hindurch erschossen. Mit seinen letzten Atemzügen bittet er sie darum, eine wichtige Notiz aus seinem Zimmer sicherzustellen. Gatte Bob findet dort auch eine Nachricht, die augenscheinlich Informationen über ein geplantes Attentat enthält. Kurz darauf entführen Unbekannte ihre Tochter und zwingen das Paar, Stillschweigen zu bewahren. Wieder in England forscht Bob selbst nach und kommt einer Verschwörung auf die Spur.





Meinung:
„Der Mann, der zuviel wusste“ war 1934 für Alfred Hitchcock der große, internationale Durchbruch. Nicht nur in England, sondern auch in den USA lief der Film äußerst erfolgreich und machte seinen Regisseur endgültig berühmt. Trotzdem war Hitch selbst mit dem Film nie so recht zufrieden. 1956 drehte er wohl auch deshalb das allgemein deutlich bekanntere US-Remake mit James Stewart und Doris Day. Hitchcock bezeichnete sein Original später als die Arbeit eines talentierten Amateurs, das Remake als die Arbeit eines Profis. Sehr selbstkritisch, ein Amateur war er damals schon lange nicht mehr. Wobei sich ganz nüchtern attestieren lässt, dass dieser Film hier schon deutlich ungeschliffener wirkt, tatsächlich wie eine Art Rohfassung, nicht nur den zeitlichen und technischen Möglichkeiten geschuldet.


Mit Termin kommt man auch gleich dran.
Das Grundgerüst des Plots blieb unverändert, dafür wurden im Remake etliche Details ergänzt oder runderneuert. Der Ausgangsort der Handlung war hier noch das winterliche St. Moritz, später wurde er unter die glühende Sonne Marokkos verlegt. In seiner zweiten Version erzählte Hitchcock seine Geschichte wesentlich ausführlicher, während hier vieles – speziell zu Beginn – enorm hastig, gehetzt, mitunter sogar sprunghaft wirkt. In straffe 75 Minuten mussten nun mal alles verpackt werden, da blieb das wohl kaum aus. Dementsprechend hoch ist das Tempo, wenngleich dies an diversen Stellen nicht unbedingt als positiv anzurechnen ist, aufgrund der Ruck-Zuck-Dramaturgie. Rein technisches ist das Ganze selbstverständlich auch noch nicht auf dem hohen Niveau, für das Hitchcock später bekannt wurde, obwohl seine  brillanten Ansätze auch hier jederzeit ersichtlich sind. Eine Fingerübung, deren Methoden er nur wenige Jahre später schon erstklassig beherrschte. Unverkennbar wird dies in Schlüsselmomenten, wie dem (beinah)Finale in der Royal Albert Hall, welches knapp zwanzig Jahre später natürlich um einiges imposanter und aufwändiger wiederbelebt wurde. In Sachen Grundspannung und besonders dem typischen Verve ist „Der Mann, der zuviel wußte“ bereits ein Hitchcock, wie es ihn später noch mehrfach zu sehen und lieben gab.


Der Mann, der zuviel qualmte.
Besonders der wunderbare, dezent eingestreute Humor funktioniert prächtig. Eigentlich bedauerlich, dass die lange Vita des Meisters kaum Komödien aufzuweisen hat. Mitunter ist der Film hier (bewusst) witziger, als so manch reine Ulknummer. Wenn sich z.B. aus einem geheimen Treffen der Verschwörer plötzlich ein wildes Stuhlgefecht entwickelt und zum Übertönen heiter die Orgel gespielt wird, ist das einfach saukomisch und nimmt dem Film dabei keinesfalls seine Stimmung. Und dann wäre da ja noch dieser fantastische Peter Lorre. Als kettenrauchender, zwielichtiger Schurke mal wieder ein echter Hingucker. Bemerkenswert vor allem, da Lorre zu dem Zeitpunkt noch gar kein Englisch sprach. Er musste den Text auswendig lernen, was man überhaupt nicht merkt. Bis auf den putzigen Akzent und die etwas harte Aussprache wirkt das nicht wie von jemanden, der die Sprache nicht beherrscht, selbst bei Betonung und Rhythmus. In Anbetracht der Umstände eine beeindruckende Leistung, wie eigentlich immer bei Lorre.


Trotz alle dem lässt sich kaum leugnen, dass hier nicht alles ganz rund läuft. Neben der bereits angesprochenen Holprigkeit in der Narration will auch das erstaunlich schießwütige Ende nicht so recht ins Bild passen. Insgesamt erscheint der Film in der Tat etwas grobschlächtig zusammengebastelt, was nicht nur auf sein Alter geschoben werden kann. Hitchcock präsentierte sich bereits ein Jahr später mit „Die 39 Stufen“ wesentlich reifer und abgebrühter. Unübersehbar hat nicht nur der Zahn der Zeit schon heftig an „Der Mann, der zuviel wusste“ genagt – deutlich mehr, als an einigen anderen Filmen dieser Zeit – er war sicher auch damals noch weit von perfekt entfernt. Zudem gibt es ja nun mal die „überarbeitete“ Version, die heute selbst schon als Klassiker gilt. Für Hitchcock-Fans dennoch ein Must-See, allein um sich den Werdegang dieses Ausnahmekünstlers zu verdeutlichen. Ein Film mit Fehlern, aber ein Hitchcock durch und durch. Und dann ist doch (fast) alles schön.

6 von 10 Zahnarztbesuchen

Review: SPARTAN – Desillusionierung auf nationaler Ebene

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Fakten:
Spartan
USA. 2004. Regie und Buch: David Mamet. Mit: Val Kilmer, William H. Macy, Ed O’Neill, Derek Luke, Kristen Bell, Tia Texada, Geoff Pierson, Kick Gurry, Clark Gregg, Natalie Nogulich, Moshe Ivgy u.a. Länge: 106 Minuten.
FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Robert Scott, Ex-Marine Sergant, erhält den Auftrag, die verschwundene Tochter des Präsidenten, Laura, zu finden, die seit einigen Tagen als vermisst gilt. Eine heiße Spur, führt ihn zu einem Club und später zu einem Strandhaus. Dort findet er eindeutige Beweise, dass Laura vor kurzem hier war, doch dann wird das Feuer auf Scott eröffnet und er muss fliehen. Seinen Auftrag will er aber erfolgreich beenden, vor allem da er zu glauben scheint, dass er Teil einer Verschwörung geworden ist.





Meinung:
Geht es um präzise verschachtelte Dialogsequenzen, dann darf man David Mamet als einen Meister dieses Fachs bezeichnen. Als Theaterautor hat er sein rhetorisches Handwerk stetig erweitern, verfeinern und in seiner Exaktheit explizieren können, gerade auch seine Vorliebe für  Kadenzen, bis auch die Filmwelt auf den in Chicago geborenen Künstler aufmerksam wurde. Dass der moderne Film Noir „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ durch eine ganz bestimmte Szene auf dem Küchen zwischen Jack Nicholson und Jessica Lange in die Filmgeschichte einging, war nicht David Mamet zu verdanken, er aber war für die überzeugende Adaption des zugrundeliegenden Romans von James M. Cain verantwortlich – Und hatte damit auch für die Kinematographie an Wert gewonnen. Perfektioniert hat er sein Können (im Filmwesen, versteht sich) dann im Jahre 1992, wo er mit „Glengarry Glen Ross“ sein eigenes Bühnenstück auf die Leinwände projizierte und mit Dialogen schillerte, die es wirklich würdig waren, Mimen wie Jack Lemmon, Al Pacino und Kevin Spacey in den Mund gelegt zu werden.


Entspannung in der freien Natur mit einem guten Buch
Ob David Mamet aber auch den Regiestuhl ebenso gute Arbeit abliefern kann, wie er es als Autor zu genüge getan hat, lässt sich so nicht bestätigen. Ohne Frage: David Mamet ist sicher kein schlechter Filmemacher und sowohl seine Satire „State and Main“, als auch der mit Gene Hackman, Danny DeVito und Sam Rockwell interessant besetzte Thriller „Heist – Der letzte Coup“ wurde überwiegend positiv aufgenommen. Große Probleme in Sachen Inszenierung werden erst im politisch-motivierten Thriller „Spartan“ von 2004 deutlich. Vorrangig aber gibt es auf dem Cover von „Spartan“ astreinen Etikettenschwindel zu bestaunen: Wir sehen Val Kilmer in ikonischer Pose, die Sonnenbrille sitzt im Gesicht wie geklebt, die schwarze Lederjacke ein unverzichtbares Kleidungsstück, während er ganz lässig gegen seine Schulter eine dicke Wumme lehnt. Eine solche Illustration suggeriert ein handfestes Action-Vehikel, welches sich ganz in den Dienst reaktionärer B-Movie-Mentalitäten stellt. Aber Pustekuchen! Man möchte wohl besser nicht wissen, wie viele Videothekengänger, „Spartan“ ist seiner Zeit direkt auf DVD erschienen, den Film mit gesenktem Haupt zurückgegeben haben.


"Ich bin von der Papierpolizei und das hier ist meine Marke."
Nein, „Spartan“ bietet Val Kilmer nicht die Möglichkeit, als fauchende Dampframme aufzutreten, vielmehr wird David Mamet seinem Ruf treu und kümmert sich in einem ruhigen Tempo um seine Charaktere, versucht sich nach und nach zu erklären, die Gemüter dem Zuschauer aber auch nicht auf dem Silbertablett zu servieren, was zuweilen eine sehr kryptische Charakterisierung offenbart. In „Spartan“ gibt Val Kilmer den ehemaligen Marine Robert Scott, der sich um die Ausbildung von Rekruten kümmert, während er auch für die Polizei als Special Agent tätig ist. In archetypischen Habitus gibt Kilmer diesen Robert Scott, ist gradlinig, unerschrockenen und bis in die Poren linientreu – Ein echter Patriot, der für sein Vaterland einige Male durch die Hölle gegangen ist und es wieder tun würde. Es würde zu weit gehen, würde man Robert Scott als Sympathiefigur titulieren, Mamet schafft es nur, diesen Charakter – trotz einiger gestelzter Phrasen – gekonnt zu zeichnen, in dem er die Menschlichkeit, die sich unter der harten Schale verbirgt, immer mal wieder durchschimmern lässt. Die Mission selbst, natürlich von höchster Brisanz, kommt in ihrer Aussage letztlich einem Pamphlet gleich.


Und geht es um die Mission, um die Rettung der Laura Newton, weist „Spartan“ eklatante Pacing-Probleme auf, weil Mamets Regie nicht nur auf den ersten Blick antiquiert (nicht mit altmodisch zu verwechseln) daherkommt. „Spartan“ wird später zum Verschwörungs-Thriller umfunktioniert und Scott, der immer vom Glauben an sein Land katalytisch angetrieben wurde, demaskiert die Regierung wie den Geheimdienst als eine verlogene Schattengesellschaft. Zynisch, natürlich, und Scott wird hinterrücks in seinen Idealen gebrochen, doch wirklich berühren oder eine Szene, die einer echten Spannungsklimax gleichkommt, hat „Spartan“ kaum zu bieten. Es gibt vereinzelte Augenblicken, die erahnen lassen, welch Potenzial in diesem Szenario und auch in Mamets Führung gesteckt haben (Beides Szene, in denen ein Scharfschütze keine unwesentliche Rolle spielt). Doch schlussendlich ist „Spartan“ in seinen innen- wie außenpolitischen  Verstrickungen ein zuweilen äußerst träges Unterfangen. Wenn Val Kilmer dann von einem Engländer am Ende die Worte „Time to go Home“ gesagt bekommt und er ihm nur mit einem kurzen „Lucky man“ begegnet, wird deutlich, dass er es sein weiteres Dasein nur noch als Mann ohne Heimat fristen wird. Immerhin ein versöhnlicher, ehrlicher Abschluss.


5,5 von 10 gebrochenen Armen


von souli

Review: SPIEL AUF ZEIT – Nicolas Cage inmitten einer politischen Verstrickung

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Fakten:
Spiel auf Zeit (Snake Eyes)
USA. 1998. Regie: Brian De Palma. Buch: David Koepp, Brian De Palma. Mit: Nicolas Cage, Gary Sinise, Carla Gugino, Kevin Dunn, Luis Guzman, Stan Shaw, Michael Rispoli, Joel Fabiani, Mike Starr, Jayne Heitmeyer, Tamara Tunie, David Anthony Higgins, James Whelan u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Sein Name ist Ricky und er ist der King… zumindest in Atlantic City, dem Revier des korrupten Cops, der natürlich beim größten Boxkampf des Jahres in der Halle ist, um nach dem rechten zu sehen und das Event zu genießen. Dort trifft er seinen alten Kollegen und Freund Kevin Dunne, welcher mittlerweile Commander und für die Sicherheit des Verteidigungsminister zuständig ist, der sich den Kampf wie Rick auch nicht entgehen lassen will. Als der Minister von einem Scharfschützen lebensbedrohlich verletzt wird, schlägt Rickys Stunde. Er lässt die Tore der Halle verriegeln, denn obwohl der Schütze von Kevin erschossen wird, glaubt Ricky dass mehr dahinter steckt und jeder Zuschauer ist ein potenzieller Zeuge – oder ein Mittäter.





Meinung:
Mit dem immensen Erfolg des Agenten-Thriller „Mission: Impossible“ im Rücken, der zu einem der ganz großen Kassenknüller der 1990er Jahre avancierte, sollte es Brian De Palma mit seinem nächsten Film noch einmal genauso kommerziell deftig klingeln lassen. Zusammen mit David Koepp, der 1993 schon die Vorlagen für das Gangster-Epos „Carlito's Way“ mit Al Pacino und das Steven Spielberg Wunderwerk „Jurassic Park“ lieferte, verfasste De Palma ein Skript, welches sich voll und ganz um die Suche nach einer objektiven Wahrheit drehen sollte. Michelangelo Antonionis „BlowUp“ lässt augenscheinlich grüßen, dem De Palma schon Anfang der 1980er Jahre mit dem großartigen „Blow Out“ Tribut gezollt hat. Aber nein: „Spiel auf Zeit“ orientiert sich in eine ganz andere Richtung, obgleich das Leitmotiv in gewisser Weise erhalten bleibt, und bietet eine durch und durch modernisierte Hommage an Akira Kurosawas „Rashomon“, in dem der japanische Meister schlussendlich zu der Erkenntnis kam, dass die Wahrheit, unabhängig von Schuld und Motivation, immer relativ ist und damit im Auge des Betrachters liegt.


Hier hat Cage seine Karriere im Visier
Brian De Palmas „Spiel auf Zeit“ ist nicht weise, profitiert keinesfalls von einer eventuellen Lebensreife der Autoren und verrät uns nichts tiefschürfendes über den Mensch selbst. Und dennoch blieben die Hoffnungen beständig, dass De Palma, ein Meister der pointierten Formalität, dem Spiel der Perspektiven seinen eigenen Stempel aufdrücken kann. Das Opening verrät in ihrer beeindruckenden Praktik eine theoretische Marschroute, die die Qualitäten De Palmas in der Handhabung dieser Thematik hätte durchgehend einnehmen können, nicht in dieser Fasson, aber mit diesem Ehrgreiz und unbedingten Akribie: De Palma wartet auf mit einer, für ihn natürlich typisch, Plansequenz, die sich jedoch über einen Zeitraum von beinahe 13 Minuten erstreckt und ohne jeden sichtbaren Schnitt vollzogen wird. Ein Stilmittel, mit dem es De Palma gelingt, der tobende Boxarena ein plastisches Profil zu verleihen, ihre ganzen Hitzigkeit aufzusaugen, den Lärm zu absorbieren, die Massen zu fokussieren, die Übersichtslosigkeit auszuschöpfen. Mitten drin stolziert der sich damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens bewegende Nicolas Cage („Arizona Junior“) in standesamtlicher Extraversion durch die Gänge und liefert mit Detective Rick Santoro ein nicht ganz so ulkiges Update seiner legendären Castor Troy-Performance aus John Woos „Face/Off“ ab.


"Ey du! Mein Agent meint mein Schauspiel sei subtil"
Der Boxer, auf den Rick gesetzt hat, geht zu Boden, ein Schuss fällt und der US-Verteidigungsminister, der neben Rick Platz genommen hat, tut es ihm gleich. Der Niederschlag des Sportlers im Ring wird schnell klar: Schattenboxen. Doch warum wurde der Politiker eliminiert – und wer steckt wirklich dahinter? Wo liegen die Zusammenhänge begraben? Das ist die Ausgangslage zu „Spiel auf Zeit“, einem Echtzeit-Thriller, in dem Zeit dann doch nicht wirklich eine Rolle spielt, sondern nur die subjektive Perspektive, die Sichtfelder der Anwesenden und wahrscheinlichen Blickpunkte des Täters (oder Täter?). Stephen H. Burum (der zum Beispiel auch schon „The Untouchables“, „Die Verdammtes des Krieges“ und „Mein Bruder Kain“ für De Palma exzellent fotografierte) liefert hervorragende Arbeit ab und macht seine Kamera nach und nach höchstpersönlich zum Hauptdarsteller von „Spiel auf Zeit“. Thront sie nicht nur über dem Geschehen – und damit auch über jeder der Figuren -, sondern fängt auch individuelle Standpunkte der Charaktere ein, um sie mit der eigenen Position zu verquirlen: Ein Cocktail der Wahrhaftigkeit, in dem ausgerechnet ein Objekt die Individuen dechiffrieren soll.


Interessant bleibt jedoch nur dieser Aspekt, die Dramaturgie von „Spiel auf Zeit“ verfällt zunehmend, auch weil es das Studio so verlangte, einer handelsüblichen 08/15-Leier, die die temporeichen 45 Minuten nicht mehr einholen kann und sich zum Schluss noch in einer biederen Hollywoodmoral wähnt: Ein (Anti-)Held kann nur dann gefeiert werden, wenn er auch wirklich mit weißer Weste dasteht – Und diese Läuterung erfolgt dann gegebenenfalls auch mal durch das wachsame Rechtssystem der Vereinigten Staaten. Nun ja. Immerhin muss man sagen, dass De Palma sich von „Rashomon“ nur der Form bis zu einem bestimmten Grad angenommen hat, was vollkommen tolerierbar ist und nicht der konkreten Rezitation unterliegt. Wenn man aber dennoch Brücken schlagen möchte, auch spezifiziert inhaltlich, dann könnte man es folgendermaßen zusammenfassen: Hatte Akira Kurosawa noch Futter für den Intellekt geboten, ist „Spiel auf Zeit“ nur für das Auge geeignet – und das sieht sich nun mal an polierter Schönheit schnell satt.


4,5 von 10 Schlägen ins Gesicht


von souli

Review: DER BLINDE FLECK – O'bombt is! „Die Unbestechlichen“ aus Deutschland

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Fakten:
Der blinde Fleck
BRD. 2013. Regie: Daniel Harrich. Buch: Daniel Harrich, Ulrich Chaussy. Mit: Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, August Zirner, Heiner Lauterbach, Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Tessa Mittelstaedt u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Ab 13. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Am 26.9.1980 sprengt ein Attentäter sich selbst und 12 weitere Menschen auf dem Münchner Oktoberfest in den Tod. Hunderte werden teils schwer verletzt. Der Attentäter? Gundolf Köhler, laut Ermittlungsergebnissen ein Einzeltäter. Aber der Journalist Ulrich Chaussy  glaubt nicht daran. Zusammen mit dem Anwalt Werner Dietrich macht er sich auf eigene Faust an die Ermittlungen und deckt dabei immer mehr Merkwürdigkeiten auf und kann bald nicht mehr von dieser Geschichte loslassen.





Meinung:
Freitag, 26. September 1980. Am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes explodiert eine Bombe. 13 Menschen starben, unter ihnen auch der nach den Untersuchungsergebnissen Einzeltäter Gundolf Köhler, der anscheinend in der rechten Szene integriert war. Über 200 Menschen wurden verletzt, 60 davon schwer. Und man fand eine Hand. Eine Hand, die weder einem der Getöteten gehört hatte, noch einem der registrierten Verletzten. Merkwürdigerweise tauchen die Fingerabdrücke dieser Hand im Keller von Köhlers Wohnung auf. Ein Zufall? Allein schon dieser Hinweis lässt zumindest den Schluss zu, dass Köhler nicht alleine gehandelt hatte, wie die Ermittler weismachen wollten. Aber dennoch wurden in diese Richtung keinerlei Ermittlungen angestellt. Und diese Tatsache ist nur die Spitze des Eisbergs.


Chaussy (rechts) und Dietrich (links) gehen Hinweisen nach
Diese kleine Episode wiederholt sich in vergleichbarer Weise immer wieder. Da ist ein Kronzeuge, der von heute auf morgen von der Polizei fallen gelassen wurde und der nur kurz darauf unter merkwürdigen Umständen starb. Da ist das Missachten vieler übereinstimmender Zeugenaussagen, denen nie wieder nachgegangen wurde. Da sind falsche Täterprofile, vernichtete Beweismittel und Asservate und vieles mehr. Dem Journalisten Ulrich Chaussy fällt dies auf. Immer wieder merkt er, dass hier etwas nicht stimmen kann, dort eine Ungereimtheit – und vor allem glaubt er zu keinem Zeitpunkt daran, dass es die Tat eines Einzeltäters war. Vielmehr merkt er, dass vieles vertuscht wird – und seitdem ist er auf der Suche nach der Wahrheit, seit nun schon über 30 Jahren.


Auch zu Hause lässt ihn der Fall nicht mehr los
Diesen Ulrich Chaussy, den gibt es wirklich. Noch heute ist er Journalist beim Bayrischen Rundfunk. Und der Film zeigt wahre Abläufe. Keine Spekulationen, sondern nur Fakten werden verarbeitet. Gut, aus dramaturgischen Gründen wurden die drei Brüder des Attentäters in eine Schwester umgeändert und die meisten Namen, sollten sie nicht von historischer Bedeutung sein, wurden ebenfalls geändert, doch tut dies der Aussage und der Faktentreue des Films keinen Abbruch. Aber ansonsten enthält er bei der Beschreibung der Vorgänge wahre, zeitgeschichtliche und politisch hochbrisante Fakten. Er zeigt, wie von staatlicher Seite wichtigen Indizien scheinbar nicht nachgegangen wurde, wie Informationen vertuscht, gezielt dafür andere Dinge an die Presse weitergegeben wurden, um so ein bestimmtes Bild der Situation zu kreieren. Und er zeigt, dass nicht erst bei den „Döner-Morden“ der NSU so manche Behörde den blinden Fleck auf dem rechten Auge haben musste.


Lange waren Ulrich Chaussy und Werner Dietrich, der Anwalt der Opfer des Wies’n-Anschlags, die einzigen Kämpfer. Doch mit dem jungen Regisseur Daniel Harrich haben sie, hat vor allem Chaussy einen jungen Mitstreiter gefunden. Für die beiden, die auch für das Drehbuch verantwortlich waren, war es darum auch letztlich nicht die Frage, ob, sondern wie man dieses Thema, das konsequent von Behörden verschwiegen und klein gehalten wurde, der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen konnte. Eine Doku mit allen Fakten? Ein Fernsehfilm, irgendwann um halb zwölf auf ARTE? Nein, es sollte ein Kinofilm werden, um so die maximale Aufmerksamkeit zu erreichen. Natürlich mit den bereits angesprochenen Zugeständnissen. Aber die sind nachvollziehbar. Viel wichtiger ist ohnehin, dass dieses brisante Thema endlich möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht und Denkanstöße geliefert werden können.


Auch nächtliche Treffen mit Informanten fehlen nicht
Ein Spielfilm also. Und dafür hat man sich so einige bekannte Namen geangelt. Besonders Benno Fürmann kann in der Hauptrolle des Radiojournalisten Chaussy mit seiner tollen Stimme punkten und so auch die sehr dialoglastigen Sequenzen ordentlich rüberbringen. Zu Beginn wird viel mit Archivmaterial gearbeitet und zusätzlich Authentizität geschaffen. Im weiteren Verlauf konzentriert sich dann der Film auf die Ermittlungen Chaussys und besonders in der ersten Hälfte des Films herrscht auch ordentlich Tempo vor, doch genau wie Chaussys Ermittlungen im Lauf der Zeit immer mehr ins Stocken geraten, so wird auch der Film in der zweiten Hälfte eine Spur langsamer und zäher. Es ist auch kein angenehmes Kino. Bei einem solchen Thema wäre es aber auch schlimm, wenn der Film unterhält. Natürlich tut er das phasenweise, keine Frage, aber es sollte und darf auch nicht der Hauptzweck dieses Films sein. Sehenswert ist er, der Politthriller, auch wenn er keine konkreten Ergebnisse liefern kann. Und er ist schockierend. Schockierend in Hinblick auf das Wegsehen. Wegsehen von Staat, Wegsehen von Gesellschaft, wie auch lange bei den NSU-Morden. Brisant ist „Der blinde Fleck“ deshalb vielleicht mehr denn je.


Was hat Langemann zu verbergen?
Im Hinblick auf die politische Dimension vor der Bundestagswahl 1980 übrigens auch. Kanzlerkandidat Franz-Joseph Strauß (CSU) schob den Anschlag sogleich Linksextremen in die Schuhe, aber Köhler hatte nachgewiesene Verbindungen nach rechts, in die „Wehrsportgruppe Hoffmann“, eine rechtsextreme Organisation, die bewaffnet an Wochenenden durch den Wald robbte und den „Ernstfall“ probte - und die von Strauß als gefahrlos abgetan wurde. In diese Richtung wurde daher nicht einmal ernsthaft ermittelt! Heute, über 30 Jahre nach dem Attentat, da spricht der bayrische Innenminister Joachim Herrmann davon, diese Gruppe „Kolossal falsch eingeschätzt“ zu haben. Irrwitzigerweise sind übrigens nach erneutem Nachhaken etwa 15000 Seiten der angeblich komplett vernichteten und verschollenen Akten wieder aufgetaucht. Nicht bei der Bundesstaatsanwaltschaft, sondern im Keller des bayrischen LKA. Anwalt Dietrich erhält nun Einsicht. Chaussy und Regisseur Harrich erhoffen sich dadurch, dass die Hintergründe des Attentats doch noch aufgeklärt werden können und damit das Ende des Films umgeschrieben werden muss.


8 von 10 verschwundene Hände