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Review: BLOW UP – Weil wir nur das sehen, was wir sehen wollen.

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Fakten:
Blow Up (Blowup)
GB/IT. 1966. Regie: Michelangelo Antonioni. Buch: Michelangelo Antonioni, Julio Cortaza, Tonino Guerra. Mit: David Hemmings, Vanessa Redgrave, Sarah Miles, John Castle, Veruschka von Lehndorff, Jane Birkin, Gillian Hills. Länge: 111 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Als der Photograph Thomas in einem Park Bilder von einem Pärchen macht, wird er entdeckt. Die Frau verfolgt ihn bis zu seinem Atelier, wo sie um jeden Preis den Film haben will, auf dem sie verewigt ist. Thomas gibt ihr einen anderen Film und entdeckt auf den Bildern Verdächtiges: Er glaubt, einem Mord auf die Spur gekommen zu sein.




Meinung:
Michelangelo Antonioni gilt als einer der zentralen Regisseure der europäischen Filmgeschichte. Seine Werke hatten nachweislich großen Einfluss auf die Entwicklung der Bildästhetik und unter den italienischen Filmschaffenden nimmt er neben Fellini eine Sonderstellung ein. Obgleich er zahlreiche bewegende und tiefgehende Filme geschaffen hat, kann keiner davon seinen Meilenstein „Blow Up“ das Wasser reichen. Die Geschichte rund um einen englischen Modefotografen, die Brian de Palma später auch gekonnt nach Hollywood gebracht hat, zählt zu den vielschichtigsten der kompletten Filmgeschichte. Ein Film, der sich in seinem flüchtigen Ideenreichtum gerne einer eindeutigen Interpretation entzieht.


Ein Blick hinter die Kulissen
In seiner Deutung bleibt „Blow Up“ sehr ambivalent und viele Facetten erschließen sich erst beim wiederholten Schauen des Meisterwerks. Gerade nach der ersten Sichtung dürfte das viele Zuschauer verunsichern, denn Antonionis bester Film fordert einiges, belohnt im Gegenzug aber auch im selben Maße. Wer also keinen Zugang findet oder dem Gefühl erliegt die Gedankenwelt des Films nicht hinreichend greifen zu können, der sollte ihm wohl eine zweite Chance geben, denn „Blow Up“ ist durchaus ein Film, der sich bei weiteren Sichtungen sehr intuitiv erschließt. Aber was steckt nun dahinter? Antonionis Werk lässt sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht aufspalten, nur, dass diese Ebenen darüber hinaus alle ineinandergreifen. Zunächst steht natürlich die filmische Handlung per seim Zentrum, losgelöst von allen weiterführenden Gedanken und Interpretationen. Die Geschichte eines Londoner Fotografen, der zunächst seinen alltäglichen Tätigkeiten nachgeht und dadurch später durch Zufall einen vermeintlichen Mord dokumentiert. Dieser kurzmöglichste Abbruch des Inhalts führt zur zweiten Schicht, der reinen Gefühlsebene. Darin verkörpert „Blow Up“ natürlich das Lebensgefühl Swinging Sixties in London, welches sowohl durch die latenten sexuellen Spannungen im zwischenmenschlichen Bereich, als auch durch die stimmige Nachbildung der Musik-, Mode- und Gefühlswelt besticht (Der Jazz-Soundtrack von Herbie Hancock tut sein Übriges).


Prost!
Natürlich betrachtet er das damalige Lebensgefühl auch sehr kritisch und ironisiert einen Großteil davon, hauptsächlich natürlich in der bekannten Konzertszene. Und dennoch kann man sich einer gewissen Faszination dahinter nicht entziehen. Dahinter steht nämlich auch eine Auseinandersetzung mit Voyeurismus, etwas, dass das Kino per se seit jeher definiert. Denn als Fotograf ist Thomas genau das, und somit trotz seiner unsympathischen Art eine Identifikationsfigur, weil er hinter der Kamera den selben sicheren und überheblichen Standpunkt hat, den auch wir Zuschauer einnehmen können. In gewisser Weise hält uns Antonioni damit einen Spiegel vor und zeigt, dass wir als Betrachter nur reflektieren, jedoch nie eingreifen oder sogar etwas erschaffen können. Um sich davon zu lösen müsste man die Oberfläche selbst durchdringen und das gelingt uns Zuschauer paradoxerweise dann, wenn wir erkennen, dass Thomas dazu nicht im Stande ist. Ein Punkt, der im letzten Teil des Textes noch an Bedeutung gewinnt. Möchte man „Blow Up“ nun noch weiter untersuchen, so könnte man auch auf die postmodernen Aspekte des Films eingehen. Doch kommen wir an dieser Stelle besser zur essentiellen Deutung und Zusammenführung der bisherigen Erkenntnisse.


In seiner Einsamkeit verloren
Die wohl interessanteste und sicherlich auch zentrale Frage des Films lautet: Hat Thomas wirklich einen Mord fotografiert oder spielt sich alles nur in seiner verzehrten Wahrnehmung ab? Das wirklich Entscheidende daran ist, dass man dieser Frage auf allen Ebenen nachgehen kann und dabei unterschiedliche Antworten erhält. Auch die Gewichtung der Frage verschiebt sich, denn man könnte gegen Ende durchaus zu dem Schluss kommen, dass die Beantwortung der selbigen komplett nebensächlich ist und lediglich die persönliche Wahrheit zählt. Eine These, die von der genialen Schlussszene durchaus bekräftigt wird. Folgt man diesem Gedanken dann kommt man aber auch zu dem Schluss, dass Thomas daran glauben will einen Mord fotografiert zu haben. Und hier wird es interessant, denn gerade diese bewusste Entscheidung führt zur entscheidenden Thematik des Films, nämlich der verzehrten Selbstwahrnehmung eines Mannes über seinen eigenen Status in der Gesellschaft. Ja, Thomas sieht sich selbst als Künstler, lebt mit dem wohligen Gefühl der Überlegenheit, welches er auch spürbar an seiner Umwelt ablässt. Die Lustlosigkeit mit der er seiner kommerziellen Arbeit (Modefotografie) nachgeht ist konsequent spürbar, und gewiss stammt sein Missmut darüber auch daher, dass sie ihm vor Augen führt wie bedeutungslos er eigentlich ist.


Das Fotografieren im Park und die darauffolgende Scheinerkenntnis eines Mordes ist der verzweifelte Versuch sich als Künstler zu rehabilitieren, Bedeutung in seinem Schaffen zu finden. Er projiziert seine Wunschvorstellungen, und wenn er in der Schlüsselszene des Films seine Aufnahmen immer weiter vergrößert, damit verzweifelt versucht die Oberfläche zu durchdringen und in seinem Scheitern Bedeutung zu finden, dann bringt dieser Versuch sein künstlerisches Versagen auf den Punkt. Der Schlussakkord wird damit zu etwas extrem Tragischen, gibt sich Thomas doch vollends seiner persönlichen Wahrheit hin und schafft es dadurch nicht seine eigene Impotenz als Künstler zu überwinden, gar zu erkennen.


10 von 10 Tennisspiele ohne Ball 

Review: FOXCATCHER - Der tragische Kampf um Respekt

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Fakten:
Foxcatcher
USA. 2014. Regie: Bennett Miller. Buch: Dan Futterman, E. Max Frye.
Mit: Channing Tatum, Steve Carrell, Mark Ruffalo, Vanessa Redgrave, Sienna Miller, Anthony Michael Hall, Brett Rice, Guy Boyd, Samara Lee, Jackson Frazer, David Bennett, Jane Mowder u.a. Länge: 134 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 25. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story.
Ringer Mark Schultz gewann 1984 die Goldmedaille. Doch aus dem Gold am Bande, welches er hin und wieder für Vorträge an Schulen aus der Vitrine holt, ist vom einstigen Glanz nicht mehr viel übrig. Marks Bruder Dave, in dessen Schatten Mark immer steht und der sich stets um seinen kleinen Bruder kümmerte, hat mittlerweile auch eine Familie, so dass sich Mark allein- und fallengelassen fühlt. Seine Hoffnungen liegen auf der nächsten Ringerweltmeisterschaft sowie den Olympischen Spielen in Seoul, für die Mark täglich hart trainiert. Als Mark einer Einladung von einem gewissen John Du Pont folgt, ahnt er noch nicht, dass dies sein Leben verändern wird. Du Pont ist Erbe eines vermögenden Familienclans, der sich sehr für das Ringen interessiert und vor hat ein eigenes Ringer-Team für die kommende Olympiade zusammen zustellen und will den jungen Schultz-Bruder an seiner Seite haben. Mark willigt ein und John wird sein neuer Mentor. Als Dave jedoch auch zum Ringer-Team stößt und John erkennen muss, dass Mark seinem Bruder immer mehr vertrauen wird als ihm, erhält das einst so euphorisch begonnene Projekt Foxcatcher deutliche Risse.





Meinung:
„Foxcatcher“ ist erst der dritte Spielfilm von Regisseur Bennett Miller, doch zementiert er bereits mit diesem seinen Ruf, dass er ein Filmschaffender ist, der immer die Figuren im Fokus hat. War dies bei seinem Biopic „Capote“ mit Philip Seymour Hoffman und Cathrine Keener offensichtlich, so überraschte Miller mit seinem gefeierten Baseball-Film „Die Kunst zu gewinnen - Moneyball“ (mit Jonah Hill und Brad Pitt), weil er auch hier den Überzeugungen und Gefühlswelten seiner Protagonisten eine zentrale Bühne errichtete und diese mit einem real-historischen Kontext verband. „Die Kunst zu gewinnen - Moneyball“ befasste sich nicht bloß über der Umstrukturierung des amerikanischen Baseball-Betriebes, sondern behandelte auch die Menschen dahinter. Mit „Foxcatcher“ hat sich Miller erneut eine wahre Geschichte ausgesucht, die auch einen sportlichen Background bietet. Diesmal ist der Sport aber noch reduzierter. „Foxcatcher“ ist kein Sport-Drama mit charakterlichen Bezügen. Es ist ein Charakter-Drama mit leichten sportlichen Tendenzen und der bislang beste Film von Miller. Ein Film über eine Dreiecksbeziehung zwischen den Brüdern Mark und Dave Schultz sowie dem Dynastieerben John DuPont.


Alleine: John Du Pont
John du Pont und Mark Schultz  sind sich ähnlich. Beide suchen Anerkennung, Respekt, Erfolg. Beide wollen etwas Großes hinterlassen, wollen verehrt werden. Doch während Mark seinen Bruder Dave hat, steht John alleine da. Seine Mutter (Vanessa Redgrave) unterstützt ihn nur finanziell, verwehrt ihm aber jedwede Art von Zuspruch und sagt ihm klar und offen, dass sie das Ringen für eine barbarische wie zweitrangige Sportart hält. Doch auch Mark steht unter Druck, den er sich zu großen Teilen selbst auferlegt hat. Seine Goldmedaille von der olympischen Spielen 1984 in Los Angeles, sie bestimmt sein Leben. Zum einen weil er durch sie eine Art Statussymbol besitzt, die ihn vom Rest der Welt abhebt, zum anderen ist sie auch eine stetige Erinnerung dass er einmal der Beste war. Doch Mark kann dieses „war“ nicht akzeptieren. Das „war“ soll immer ein „ist“ sein. So gesehen tragen er wie auch Du Pont eine große Bürde, die individuell von einzelnen Faktoren noch einmal erschwert werden, die sie sich letztlich aber doch selbst auferlegt haben, durch ihre Gier nach Ansehen.


Mark und sein neuer Mentor genießen ihren Erfolg
Dem gegenüber steht Dave Schultz. Ein ruhender, fast schon weiser Pol innerhalb der Figurenkonstellation, der mit seiner Frau und seinen Kindern etwas besitzt, was weder John noch Mark haben: Liebe. Zwar kümmert sich Dave um seinen kleinen Bruder, seitdem sich die Eltern haben scheiden lassen, doch für Mark, das wird immer wieder von Bennett Miller deutlich gemacht,  ist Daves „neue“ Familie  auch immer eine Konkurrenz. Mark weiß, dass er die Nummer zwei ist. Eine Position mit der sich der oftmals krankhaft ehrgeizige Sportler nicht abfinden kann. Auch hier gibt es wieder eine Parallele zu John Du Pont. Seine Mutter scheint ihren Zuchtpferden mehr Beachtung und Liebe zu schenken als ihrem eigenen Sohn, der sich außerhalb ihrer Anwesenheit zwar als großer Geschäftsmann und cleverer Menschenkenner ausgibt, der letztlich aber doch nur ein kleiner Junge ist, der am Rockzipfel seiner Mutter zerrt, um das zu bekommen, was er will. Waren es als Kind noch Süßigkeiten so sind es als Erwachsener ausrangierte Kriegsgefährte (Du Pont war leidenschaftlicher Sammler von alten Panzern, was seine Sehnsucht nach Macht noch einmal untermauert) sowie ein ganzes Ringer-Team mitsamt Unterkünften für die Sportler und  Trainingsräumlichkeiten.


Die Schultz Brüder vertrauen sich blind
Dies alles, der Umgang mit verletztem Stolz, fehlenden Respekt und Einsamkeit benötigt zur vollen Entfaltung exquisite Darsteller und die besitzt “Foxcatcher“. Der oftmals belächelte Channing Tatum beweist hier, dass er unter der richtigen Führung zu einer unglaublich authentischen darstellerischen Performance fähig ist. War Tatum früher ein Synonym für den schauspielenden Posterboy, der es versteht Selbstironie für seine Zwecke zu nutzen („21 Jump Street“ und sein Sequel sowie sein Gastauftritt in „Das ist das Ende“), so macht er hier klar, dass er mehr sein kann als der perfekte Schönling, der mit Wonne über sich selbst und sein immer wieder propagiertes Klischee lachen kann. John Du Pont-Darsteller Steve Carrell hat zwar schon einige Mal in etwas ernsteren Rollen sich beweisen können, doch niemals waren diese losgelöst vom Genre der Komödie. Egal ob „Little Miss Sunshine“ oder „Dan – Mitten im Leben“, das Komödiantische haftete immer an Carrell. Als John Du Pont ist davon aber nichts mehr übrig.


Mark wittert seine Chance auf Respekt und Erfolg
Wenn man zügellos anmaßend wäre, könnte man behaupten, es liegt vor allem daran, dass die Make-Up Artists Carrell mit einem stattlichen Zinken ausgestattet haben, die ihn alleine optisch so verändern, dass man als Zuschauer gar nicht erst auf die Idee kommt ein Ensemble-Mitglied von Will Ferrells Chaos-Comedy „Anchorman“ vor sich zu sehen. Gewiss, die physische Veränderung tut ihren Dienst, dennoch braucht es einen Darsteller der die Rolle ausfüllt. Genau dies tut Carrell und er tut dies mit solch einem nuancierten Spiel, dass es einem als Zuschauer teilweise den Atem verschlägt. Du Ponts Charakterzüge und Gedanken, Carrell macht sie für das Publikum sichtbar, mit teils dezidierten Blicken und Gesten. Eine formvollendete Königsdarbietung. Gleiches lässt sich auch über Mark Ruffalo als Dave Schulz sagen. Er, die wahrscheinlich tragischste Figur des Trios, legt jede Menge Empathie in die Waagschale. Seine Aufopferungsbereitschaft, die jedoch niemals seine Ehrlichkeit sowie seinen realistischen Blick auf die Sicht der Dinge korrumpiert, ist zweifelsohne so etwas wie der sichere Halt für das Publikum, in einem stillen Sturm, ausgelöst durch John und Mark und ihre Beziehung sowie ihrer Erwartungen von sich selbst und den anderen. Tatum, Carrell und Ruffalo sind der Herzschlag von „Foxcatcher“. Wie Regisseur Bennett Miller sie leitet und welche Leistung sie erbringen nötigt durchaus Respekt ab.


John ist ein Fan von Macht in jeglicher Form
Aber nicht nur hierfür hat Miller den Preis für die beste Regie 2014 bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen. Auch wie er „Foxcatcher“ erzählt ist meisterlich: Ohne Hektik, mit ruhigen ganz in der Geschichte versunkenen Bildern, formt Miller die Katharsis, eine Zuspitzung bis zur Ausweglosigkeit, die sich durch eine drohende aber niemals selbstzweckhafte oder zu stark überdimensionierte beunruhigende Atmosphäre manifestierte. Dazu gelingt Miller eine Narration sowie Charakterisierung, die zwar auch mit Dialogen voran getrieben werden, die aber dennoch nonverbal funktioniert. Miller hält sich am alte Leitsatz show don’t tell, zumindest weitestgehend. Leider scheint er nicht immer zu 100% darauf zu vertrauen und streckt seinen „Foxcatcher“ immer wieder mit erweiterten Epilogen zur bereits getätigten Argumenten. Auch wenn es im Gesamtbild nur Marginalitäten sind, so ist es doch bedauerlich, dass Miller anscheinend kein wirklich vollkommenes Vertrauen hatte auf eine stringentere wie offenere Erzählweise. Vielleicht fehlte ihm einfach das Vertrauen an sein Publikum?


„Foxcatcher“ ist trotz kleinerere Makel ein hinreißendes Drama über das Kämpfen. Dabei spielt der sportliche Kampf nur eine (wenn überhaupt) sekundäre Rolle. Im Zentrum steht das Ringen um Anerkennung und Respekt, ausgetragenen von zwei (scheinbar) verlorenen Seelen, die mit großer innerer Verbitterung feststellen mussten, das Gold vergänglich, bzw. nicht für alles ein adäquates Ersatzmittel ist. Diese charakterliche Konstellation, die mit Vertrauen und Hoffnung beginnt und sich immer weiter hochkonzentriert, bis es für einen der Figuren scheinbar nur noch einen Ausweg gibt, ist schlicht und ergreifend intensivstes Kino. Ein hochklassiger Film.


8,5 von 10 gefundenen Vaterfiguren

Review: MISSION: IMPOSSIBLE – Brian De Palma definiert den Agenten-Thriller neu

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Fakten:
Mission: Impossible
USA. 1996. Regie: Brian De Palma.
Buch: David Koepp, Robert Towne, Steven Zaillian. Mit: Tom Cruise, Ving Rhames, Emmanuelle Béart, Jean Reno, Jon Voight, Vanessa Redgrave, Henry Czerny, Emilio Estevez, Kristin Scott Thomas u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die CIA hat ein Problem: Ein Verräter bietet einen brisante Liste zum Verkauf an. Wer auch immer dieser Liste erwirbt, besitzt dann Informationen, die dutzende Agentenleben und noch mehr Missionen gefährden. Das Team rund um Jim Phelps und Ethan Hunt sollen in Prag die Liste wieder in ihren Besitz bringen, doch der Einsatz läuft schief. Nur Ethan überlebt und gilt nun beim CIA als Maulwurf. Nun muss Ethan eigenhändig versuchen alles wieder ins Reine zu bringen.





Meinung:
Wir schreiben das Jahr 1996: Brian De Palma hat Höhen genossen, hat Tiefen überwunden. Man wusste nie so recht, woran man bei diesem Regisseur letzten Endes war, auch wenn er vor dem Millennium nur mit „Fegefeuer der Eitelkeiten“ wirklich daneben gegriffen hat. Den Fehler finden wir eher beim Publikum, dass sich nicht immer mit De Palmas unkonventioneller Art anfreunden konnte und ihn auf Oberflächlichkeiten herunterbrechen versuchte: Ein geschmackloser Onkel, der sich an seinem ausgeprägten Gewalt-Fetisch labt und nebenbei noch mit einem Faible für nackte Haut dasteht. Doch 1996 war ein Jahr im Schaffen De Palmas, in dem er allen Erwartungen nicht nur gerecht wurde, nein, er hat sie sogar mühelos übertrumpft: „Mission: Impossible“ kam in Kinos, die Adaption der 70er Jahre Fernsehserie „Kobra, übernehmen Sie!“, mauserte sich zum kommerziellen Kracher und definierte durch eine treffsichere Modernisierung gleichzeitig noch das staubige Agenten-Genre bis auf Weiteres neu.


Hier googelt Tom gerade nach unserem Blog, wirklich!
„Mission: Impossible“ verbindet die formale Stärke De Palmas mit einer ausgeklügelten Story, die, ganz ohne verschiedene Bewusstseinsebenen, zum intelligenten Schlagabtausch des internationalen Casts führt. Stephen H. Burums Kameraarbeit ist schlichtweg famos: Ob es die Aquarium-Szene ist, der ikonische Einbruch in die Stahlkammer oder das Finale auf dem Hochgeschwindkeitszug: Alles schreit nach purer Kinetik, pures Bewegungskino, dynamisch ineinander montiert, aber so pointiert illustriert, dass sich die Bilder niemals um ihre Übersicht sorgen müssen. Dass Titel-Theme zur Serie „Kobra, übernehmen Sie!“ von Lalo Schifrins wurde beibehalten, allerdings in einer etwas abgeänderten Form neuabgemischt – und damit eben auch legendär gemacht. Wenn sich dann noch Danny Elfman, einer der besten Komponisten unserer Zeit, um die weitere Untermalung kümmert, dann liegt die Vermutung, dass wir es hier nicht nur aus visueller, sondern auch aus auditiver Sicht mit einem Meisterwerk zu tun bekommen, gewiss nicht fern. In den 1990er Jahren zählt „Mission: Impossible“ innerhalb dieser beiden Aspekte sicher zu Creme de la Creme.


"Lösch das YouTube-Video!"
Mit seinen Auftritten in „Geboren am 4. Juli“ und „Top Gun“ hat sich Tom Cruise einen Ruf in der Filmwelt gemacht, der ihn gleichwohl als talentierten Schauspieler postulierte, aber auch als Frauenschwarm, der das weibliche Geschlecht aufgrund seines Aussehens in die Kinos locken könnte. Mit „Mission: Impossible“ aber gelang ihm der endgültige Durchbruch und Cruise, hier noch Lichtjahre entfernt von seinen exponierten Manierismus, avancierte zum Superstar. Sein Charakter Ethan Hunt, der nicht mehr auf der zugrundeliegenden Serie basiert, sondern der Feder David Koepps und Co. entsprungen ist, weiß durch eine interessante Kontrastierung zu gefallen: Äußerlich wirkt dieser Ethan Hunt unschuldig und unverbraucht, doch gerade dieses jugendliche Verve in seinem Spiel verlangt ihm eine Reife ab, die es ihm erst ermöglicht, den Film als Hauptdarsteller zu stemmen, anstatt ihn mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen den Bach runtergehen zu lassen. Neben Cruise darf man sich an Jon Voight, Kristin Scott Thomas, Jean, Emilio Estevez und Ving Rahmes erfreuen, deren Auftritte zwar im Vergleich zu Cruise deutlich beschränkt wirken, aber durchaus Spaß bereiten – Anders als Emmanuelle Béart, die hier furchtbar überfordert wirkt.


Typisch Geheimagent, immer am hetzen, immer in Eile
Wer 'Agent' sagt, der muss auch 'James Bond' sagen - Tomas Alfredson wunderbare Genre-Entmystifizierung 
Dame, König, As, Spion“ hat uns inzwischen eines Besseren gelehrt, doch Stand 1996 ließen sich die Dinge noch etwas anders verlauten. In jedem Jahrzehnt seines ersten Auftrittes hielt James Bond das Zepter des Agenten-Sujets fest in den Händen, bis Ethan Hunt kam und endlich wieder frischen Wind mitbrachte: Ein gewitzter Knabe, kokett, antizipierend, aber auch mit Schwächen, dem Verzweiflung genauso gut steht wie der aufbrausende Übermut. Inmitten des ersten Einsatzes, in dem Hunt es mit einem Duplikat der ominösen NOC-Liste zu tun bekommt, in der alle Decknamen osteuropäischer Agenten eingetragen sind, um durch diese an den Maulwurf in den eigenen Reihen heranzukommen, macht „Mission: Impossible“ bereits augenfällig seine Prämisse deutlich: Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Da wären wir bei der symptomatischen Marschroute De Palmas, allerdings ist „Mission: Impossible“ sich der Realität vollkommen im Klaren: Der Zuschauer soll etwas herausgefordert, aber nicht frech für blöd verkauft werden. Der fintenreiche Zyniker De Palma fungiert hier nach den Regeln des Studios und lässt den eigenen Wahnsinn in den heimischen vier Wänden.


Vielmehr ist hier ein Kaugummi nicht einfach nur ein Kaugummi, sondern entpuppt sich als kleiner Sprengkörper; eine Brille dient nicht nur zur Verbesserung der Sicht, sondern besitzt eine integrierte Kamera, die Zielpersonen observiert und feinsäuberlich in einer Datenbank abspeichert. „Mission: Impossible“ ist ein Film, in dem eine Wendung die nächste jagt und spinnt daraus ein Netz aus Lügen, Verrat und Intrigen, in dem man keinem Menschen vertrauen kann – vielleicht sogar nicht einmal sich selbst. In diesem Netz müssen sich Protagonisten wie Zuschauer zurecht finden, denn wenn „Mission: Impossible“ einmal davon braust, wird es nahezu unmöglich, den dramaturgischen Faden wieder aufzunehmen, eben weil das Drehbuch so nuanciert und durchdacht daherkommt, sich aber nie mit pseudo-komplexen Orden schmücken möchte. Obgleich „Mission: Impossible“ zuweilen verstrickt wirkt, bleibt er geerdet, spannend und unterhaltsam, weniger auf den großen Effekt ausgelegt, als auf eine ausgetüftelte Story, die Spannungsklimaxen bewusst positioniert und den Zuschauer nicht übersättigen möchte. Zu Recht ein Klassiker, der heute sogar mit seinem Retro-Charme einen Hauch besser gefällt.


7,5 von 10 halsbrecherischen Einbrüchen


von souli

Review: DER BUTLER – Forrest Gump tafelt auf für das Weiße Haus

Keine Kommentare:


Fakten:
Der Butler (The Butler)
USA. 2013. Regie: Lee Daniels.
Buch: Danny Strong. Mit: Forest Whitaker, Oprah Winfrey, John Cusack, James Marsden, Alan Rickman, Jane Fonda, Robin Williams, Alex Pettyfer, David Oyelowo, Vanessa Redgrave, Mariah Carey, David Banner, Liev Schreiber, Minka Kelly, Melissa Leo, Jesse Williams, Colman Domingo u.a. Länge: 132 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 27. Februar 2013 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Inspiriert wurde eine wahre Geschichte. Der junge Cecil stammt aus ärmlichen Verhältnissen. In Georgia der 1920er Jahre wird er zum Diener ausgebildet und sucht nach der Ausbildung eine Anstellung. Diese findet er im Weißen Haus und erlebt mehrere Generationen von Präsidenten von Lyndon B. Johnson bis Ronald Reagan.





Meinung:
Nach wie vor ranken sich unter den Cineasten die verschiedensten Theorien darum, wie Robert Zemeckis' Klassiker „Forrest Gump“ denn nun wirklich zu deuten ist: Versteckt sich hinter der fiktiven Biographie des zurückgebliebenen Jungen aus Alabama, der es trotz seiner kognitiven Schwächen schafft, Teil relevanter historischen Ereignissen zu werden und die Geschichte Amerikas vor allem durch seine liebenswerte Naivität zu beeinflussen, das tarierende Kalkül, dem Zuschauer nur mittels fingerfertigem Spiel auf der manipulativen Gefühlsklaviatur einige Tränen zu entlocken? Oder ist „Forrest Gump“ tatsächlich eine reichlich zynische Abrechnung mit dem American Way of Life, den nicht nur der größte Vollidiot befolgen kann, sondern ihn sogar maßgeblich gründen? Welche der Lesearten nun der eigenen Ansicht am nächsten kommt, ob Zemeckis nur eine astreine Kitschballade oder doch einen galligen Abgesang auf nationale Illusionen inszeniert hat, keimt in der individuellen Perzeption. Fakt ist nur, die Stärke und der Reiz des Mediums liegen oftmals in der puren Interpretationsmöglichkeit. Mit Lee Daniels „Der Butler“ verhält es sich bei der Betrachtung der inhaltlicher Eckpfeiler relativ ähnlich.


Lässiger Pinguin: Cecil
Angelehnt an den Werdegang des Butler Eugene Allen, der von 1952 bis 1986 tatsächlich im Weißen Haus diente und für acht Präsidenten das Silbertablett tagtäglich polierte, erzählt „Der Butler“ vom Plantagenarbeiter Cecil Gaines (Forest Whitaker), der das Leid das Sklaverei am eigenen Körper erfahren musste und schließlich durch seine Disziplin, aber auch dank einer gehörigen Portion Glück, die Chance bekommt, im Weißen Haus tätig zu werden und den Präsidenten, von Dwight D. Eisenhower bis Ronald Reagen, bei ihrer Arbeit auf die Finger zu blicken – Und sie bei Entscheidungen, vor allem in Bezug auf das Bürgerrecht, durch das bloße Erscheinungsbild in die richtige Richtung zu weisen. Gut, Cecil ist gewiss kein Agitator auf höchster politischer Ebene, er übt eher durch seine Würde Einfluss auf die Staatsoberhäupter Amerikas aus und bekommt so einen klar repräsentativen Charakter der afroamerikanischen Bewegung im progressiven Wandel zugesprochen. Cecil ist ein Ausdruck des stilles Appells geforderter Gleichberechtigung, in dem er sich nicht in den Vordergrund drängt und seiner Loyalität immer den Vorzug vor politische Statements erlaubt: Ein unterschwelliger Mahnruf an das Menschliche, an eine Denke, in der der ethnische Segregation kein Zutritt erlaubt ist.


"Lassen sie uns in Ruhe. Gleich läuft Oprah."
Um nun aber den Vergleich zu „Forrest Gump“ nicht unberührt zu lassen: Forrest und auch Cecil sind dabei, wenn Historisches geschieht, ihnen wird dabei eine absolut klare Bedeutung in diesen Prozessen geschenkt und beide sind schlussendlich an einem Punkt in der Gegenwart angekommen, an denen sie auf ihr Leben zurückblicken können und sagen dürfen, dass sie mitverantwortlich dafür waren, dass die Welt ein Stückchen offener, ein Stückchen besser geworden ist. Während sich „Forrest Gump“ seiner Fiktion aber immer im Klaren ist, möchte „Der Butler“ den beschwerlichen Pfad der Afroamerikaners auf der einen Seite realitätsnah zeichnen, ihn zwischen Auflehnung und Akzeptanz porträtieren und strikt konkretisieren, arbeitet er auf der anderen Seite aber mit furchtbar irritierenden Karikaturen der Präsidentschaft, die womöglich satirischen Anliegen befolgen sollten, sich im Kontext der Intention jedoch alles andere als geglückt erweisen und ihr absolut keinen Gefallen tun. Allgemein bietet „Der Butler“ immer genau das, was der Zuschauer auch sieht, weil er sich auf einer Ebene bewegt, auf der das amerikanische Kino keinen Mut besitzt, Doppeldeutigkeiten einzusetzen und den bitteren Kern der Historie in ein Licht zu setzen, welches nicht nur Rührseligkeiten und Flitter beleuchtet.


„Der Butler“ ist letztlich aber kein Film, der das Durchhaltevermögen, die Stärke der Schwarzen honoriert, sondern eine auf Zelluloid gebannte Glitzerwolke, die den Weißen geradewegs in die Karten spielt. Die Afroamerikaner werden  ihrer Rebellion (hier in Person von Cecils Sohn, mit dem er sich natürlich entzweit, obwohl die Konflikte der Beiden interessante Ansätze offerieren) gegen Rassismus und Ungerechtigkeit gewiss nicht diffamiert, doch es sind immer die Weißen, die hier etwas bewegen, die es dem „Bimbo“, dem „Hausnigga“ ermöglichen, sogar den Präsidentenstuhl im Weißen Haus zu beziehen. Lee Daniels ("Precious", "The Paperboy") und Danny Strong sind in ihrer Erzählung nicht an Ecken und Kanten interessiert, sie wollen nicht eindringen in die tiefen Wahrheiten oberflächlicher Abstimmungen. „Der Butler“ modelliert ein schmalziges, ein glattes und nicht minder verlogenes Bild vom treuen schwarzen Mann, wie ihn die Weißen sehen wollen, nicht aber, wie er von der ganzen Welt gesehen werden sollte. Und dann, wenn Cecil verstanden hat, dass es vielleicht nicht verkehrt ist, einmal die Stimme zu erheben, ist die Sache eh schon wieder gegessen und Obama neuer Regierungschef: Cecil darf niederknien vor seinen einstigen Chefs, denn der Weiße Mann hat es vollbracht, dass sich der Kreis endlich auch für ihn schließen darf. Hut ab.


3 von 10 Rassisten mit heruntergelassenen Hosen


von souli