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Review: HEAT - Es brodelt in L.A.

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Fakten:
Heat
USA, 1995. Regie & Buch: Michael Mann. Mit: Al Pacino, Robert De Niro, Val Kilmer, Tom Sizemore, Diane Venora, Amy Brenneman, Ashley Judd, Jon Voight, Wes Studi, Ted Levine, Natalie Portman, Mykelti Williamson, Dennis Haysbert, William Fichtner, Tom Noonan, Kevin Gage, Hank Azaria, Danny Trejo, Henry Rollins, Jeremy Piven, Miguel Ferrer u.a. Länge: 164 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Neil McCauly ist wohl der perfekte Kriminelle. Seit Jahren ordnet er alles seinem „Beruf“ unter. Emotionen sind nur sachlicher Natur, nur der nächste Coup hat Priorität, deshalb ist er nicht zu fassen. Jeder Überfall ist bis ins Detail geplant. Eine spontane Abweichung führt zu einem Schnitzer, der Lt. Vincent Hanna auf den Plan ruft. Wie McCauly ein Besessener, der vielleicht nicht bereit ist alles für seinen Job zu opfern, es aber dennoch triebgesteuert tut. Er kann nicht anders. Die Fährte wird aufgenommen, es wird sich beschnuppert, es kommt zum Kontakt. Beiden ist klar: Niemals wird einer aufgeben. Es wird keinen zweiten Sieger geben, nur Gewinner und Verlierer, mit allen Konsequenzen. 




Meinung:
„Ich tue das, was ich am besten kann, ich dreh´ Dinger. Sie tun das, was Sie am besten können, Leute wie mich davon abhalten.“

Vielleicht das gedrehte Ding der 90er. Die Konkurrenz ist nicht von schlechten Eltern. Scorsese knallte gleich zwei große Mafia-Epen raus, Paul Thomas Anderson ließ den Riesenpimmel von Dirk Diggler durchs Bild baumeln, Léon war der Profi, Tarantino schuf Sternstunden, es gab nur eine Regel im Fight Club, Danny Boyle sagte Ja und gleichzeitig Nein zu einer riesigen Liste, von den übermächtigen Coens ganz zu schweigen. Das will und muss man gar nicht gegeneinander in ein Ranking stellen, aber wenn…weit vorne.


Auf Puck und Bullen bestens vorbereitet.
Niemals, niemals wieder erreichte Michael Mann diesen Level, sein Opus Magnum, wobei er lange auf hohem Niveau agierte. „Heat“ – das Remake seines eigenen TV-Films „Showdown in L.A.“ -  ist der Hexenkessel Los Angeles in seiner massivsten Form, von kühl bis explosiv, jede Nuance ist vorhanden und bis ins Extrem ausgereizt. Welten prallen aufeinander, die eher Paralleluniversen sind. Die zwei Seiten der Medaille verschmelzen zu einer Münze, deren Wurf dennoch ein klares Ergebnis fordert. Kopf oder Zahl, Patt unmöglich. Der Jäger und der Gejagte, auf dem Papier. Wer jagt hier wen, jagen sie sich überhaupt gegenseitig oder doch nur sich selbst und sind sie sich bewusst, dass sie nur ihren Gegenüber theoretisch fangen können, aber nie sich und ihren Frieden? Die Hatz wird immer weiter gehen, bis zum letzten Atemzug. Dafür sind sie geboren, dafür sind sie bereit zu sterben und wenn sie den Sieg erreicht haben lauert da draußen nur die nächste Herausforderung, an der sie unweigerlich irgendwann scheitern werden oder sich selbst zugrunde richten. Raubtiere fressen Beutetiere, doch was wenn zwei Raubtiere sich plötzlich ein Revier teilen müssen? Einer muss zur Beute werden, auf dem Niveau nicht möglich. Dabei zerfleischen sie sich eh schon selbst, bieten gleichzeitig dem Angreifer keinen wunden Punkt. Bis kurz vor Schluss, und das wird der eine, der fatale Fehler sein, wenn der Mensch kurz die Maschine dominiert.


30 Sekunden...eine echte Prüfung.
Sie leben nicht, sie funktionieren. Ausgerichtet auf ihre Bestimmung, mit allen Konsequenzen. Neil McCauly (Robert De Niro, „Häng dich an nichts, was du nicht nach 30 Sekunden wieder vergessen kannst, wenn dir der Boden zu heiß wird“) und Frank Hanna (Al Pacino, „Du lebst nicht mit mir. Du lebst mit deinen Toten und all den Mördern“), die ihr Privatleben schon lange vorher aufgegeben haben. Vielleicht nicht einmal freiwillig, absichtlich, es ist einfach passiert und aus der Spirale werden sie sich nie wieder befreien können. McCauly könnte alles haben, lebt stattdessen immer auf Abruf, in einem nicht möblierten Luxusapartment, das er tatsächlich nach 30 Sekunden problemlos verlassen könnte, packen müsste er nicht. Hanna hat theoretisch alles, schon zum dritten Mal, denn Familie ist bei ihm ein gewolltes, aber nicht integriertes Anhängsel, das ihm immer wieder aus den Händen gleitet, ganz natürlich, verständlich, trotzdem kann er daran nichts ändern. Sie sind Gefangene. Absolute Profis, deren Wege sich nur kreuzen, weil sich in die eine akribische Arbeit das Minimum der Unberechenbarkeit eingeschlichen hat, das den anderen auf den Plan ruft. Schicksal, denn sie mussten in ihrem Gegenüber irgendwann sich selbst begegnen. Die Folgen sind unvermeidlich, der Weg bis dahin lang und von einem Perfektionismus geprägt, das dem seiner Figuren gerecht wird. Details – und die sind zahlreich – sind nicht banal, sie sind Bausteine zum großen Gesamtbild. Selbst wenn (sogar ausführlich) behandelte Einzelschicksale das Ganze nur marginal verändern würden, sie tragen alle einen Wert, besitzen Substanz und ihre Zugehörigkeit. Ohne sie wäre das sicher auch wahnsinnig super, mit ihnen ist das perfekt. Destruktive Charaktere prallen nicht nur aufeinander, wie es in ihren Genen liegt, verzehren sie sich ohnehin schon selbst und schleichend, nun beginnt das große Fressen auf Wettbewerbsbedingungen.


Loyal für echte Freunde.
Ein irrsinnig brillantes Epos, in dem Michael Mann alles auffährt. Das Skript wurde über Jahre entwickelt und immer wieder bearbeitet, das Endergebnis ist kaum zu übertreffen. „Heat“ ist ein urbaner Sprengsatz, dessen Detonation nicht am Stück, sondern schleichend aufgebaut und durch partielle Entladungen daherkommt, die locker für sich einen einzelnen Film stemmen könnten. Der Auftakt ist schon eine Nummer, der Bankraub im Herzen der Stadt und des Plots der pure Wahnsinn. So einen knallenden, massiven Kugelhagel – ohne völlig absurde Explosionen oder andere Just-Another-Action-Movie-Momente – hat man selten erlebt. Mann entfesselt in den ausgewählten Situationen eine Dynamik, eine Druckwelle, die ihres Gleichen sucht und kaum finden wird. Doch auch dazwischen brodelt es, konstant und jederzeit mit dem Streichholz am Pulverfass. Die große Kunst von „Heat“ ist es, sich diese Stimmung über 2 ½ Stunden zu bewahren, nicht in reaktionären Mechanismen zu verfallen, sondern sehr bewusst auf deutliche Höhepunkte zuzuarbeiten, gleichzeitig aber „stille“ Highlights zu setzen, die die brachiale Wirkung der anderen noch locker überbieten


Besser spät als nie: Das Gipfeltreffen.
Einer der bedeutendsten Szenen ist natürlich das Zusammentreffen der Ikonen, auf das man gut 25 Jahre warten musste. Robert De Niro und Al Pacino begannen ihre Filmkarrieren Ende der 60er, schafften ihren Durchbruch Anfang der 70er, beide sogar sehr schnell mit prägenden Rollen in einem Film: „Der Pate 2“. Ihnen war aber nicht eine gemeinsame Szene gegönnt, den unterschiedlichen Zeitebenen geschuldet. Es sollte 21 Jahre (und 1 ½ Stunden) dauern, bis sie sich endlich Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen durften. Nur für wenige Minuten, aber allein wie das eingeläutet wird. Nachdem sich die Alphamännchen schon aus dem Dunkel beschnuppert haben, kommt es zur legendären Tafelrunde, die die meisten Showdowns in die Tasche steckt. Zu einem treibendem Score verfolgt Pacino sein Alter Ego durch den nächtlichen Großstadtjungel, stellt ihn relativ unspektakulär und lädt auf einen Kaffee ein. Hier werden sich alle ungeschönten Tatsachen direkt ins Gesicht gesagt und anstatt sich selbst auf erschreckende Art gespiegelt zu sehen, vertreten sie nur ihre unerschütterlichen Standpunkte, jedoch mit Respekt vor dem Schaffen des Gegenüber vorgetragen. – „Wenn ich mich entscheiden muss zwischen Ihnen und irgend so einer armen Sau, dessen Frau Sie zur Witwe machen wollen…Bruder, dann hast du keine Chance!“ – „…denn egal was passiert, Du stellst dich mir nicht in den Weg!“


Und so verharren sie in ihren Drohgebärden, gehen auf menschlicher Ebene durchaus aufeinander zu, aber sobald das Geschäft auf den Tisch kommt, sind sie sich einig: Du oder ich, koste es, was es wolle. Das Interessante daran, dass die Karten trotzdem leicht neu gemischt werden. Einer hat schon lange alles für sich als Kredo beschlossen, hadert im letzten Moment kurz damit. Der Andere konnte oder wollte sich seine destruktive, aufzehrende Passion nie direkt eingestehen, zieht sie dennoch konsequent durch und am Ende entscheiden dennoch nur Fragmente. Bei der Konfrontation zweier Idealisten kommt es auf die kleinsten Abweichungen an, die werden das Urteil fällen. Erlösung und Befriedigung liegen nah beieinander, nur am Ende ist wohl keiner richtig glücklich. Denn dann ist es vorbei. Was nun? Einer hat es geschafft, der andere nicht. Aber was hat er damit gewonnen? Nur eine Etappe, nicht das Ziel, das ist eh nur noch eine weit entfernte Utopie. Realistisch waren beide schon lange angekommen, sie konnten es nur nicht genießen. Und werden es niemals können. Sie hinterlassen nur verbrannte Erde um sich herum, ein Dunstkreis der Zerstörung, obwohl sie beide sozial kompetent sein können, nur nicht auf sich selbst gemünzt und für die, die sie vorgeben zu lieben...und es "leider" wahrscheinlich sogar tun. Traurig für alle Seiten.


Ein Tsunami von einem Film, der einen in seiner Komplexität, Wucht und emotionalen Dichte radikal überrollt, vernichtet und zerstört wie gleichzeitig unendlich befriedigt zurücklässt. Bis zur nächsten Sichtung…und wieder, und wieder. Ein Hamsterrad, wie für seine Figuren, denn wir werden daran nicht zerbrechen, sie schon. 
 
10 von 10 Spiegelbildern eines Besessenen

Review: ASPHALT-COWBOY - Zwei Loser in der großen Stadt

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Fakten:
Asphalt-Cowboy (Midnight Cowboy)
USA, 1969. Regie: John Schlesinger. Buch: Waldo Salt, James Leo Herlihy (Vorlage). Mit: Jon Voight, Dustin Hoffman, Sylvia Miles, John McGiver, Brenda Vaccaro, Barnard Hughes, Ruth White, Jennifer Salt u.a. Länge: 113 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Joe zieht es aus der texanischen Provinz nach New York, um dort als Callboy für wohlhabende Damen das große Geld zu machen. Das ist selbstverständlich nicht so leicht wie er es sich vorgestellt hat. Schnell ist er abgebrannt und wird auch noch von dem kleinen Gauner Rizzo übers Ohr gehauen. Ausgerechnet er wird sein einziger Freund in der neuen, fremden Heimat. Gemeinsam schlagen sie sich mehr schlecht als recht durch und hecheln ihren großen Träumen hinterher.





Meinung:
Noch wenige Jahre zuvor wäre dieser Stoff wohl kaum von einem großen Studio verfilmt worden, geschweige denn hätte bei den Oscars drei der wichtigsten Trophäen abgeräumt (Film, Regie, Drehbuch). Dank dem aus der finanziellen Not geborenen Vertrauen in die jungen, eigenwillige Filmemacher der New-Hollywood-Ära wurde so mancher Klassiker geschaffen, der den damaligen Zeitgeist auch heute noch spürbar macht. „Asphalt-Cowboy“ von John Schlesinger gehört definitiv dazu.


"...wer ist der schärfste Stecher im Land?"
Schön und voller Manneskraft, das reicht aus Sicht des Texas-Landeis Joe (glänzend: Jon Voight) um im Big Apple das große Geld zu machen. Schließlich warten dort alle gutbetuchten Damen nur auf ihn, auf das er sie für Bares beglücken kann. Das der Plan eventuell nicht ganz bis zum Ende durchdacht war, bekommt er schnell zu spüren. Kaum zu glauben, aber nur im schicken Cowboydress durch die Straßen schlendern und fesch aussehen reicht offenbar nicht, damit einem die willigen Ladys das Leben finanzieren. Die Anonymität der Metropole verschluckt Joe schneller als ihm lieb ist. Noch bevor er es sich selbst eingestehen will (oder kann) ist er ein Niemand, ein Vagabund, ein Stricher, der sich von männlichen Freiern einen Blowjob verpassen lassen muss, in der Hoffnung auf ein paar Dollar. Naiv und einfach gestrickt wie er ist, lässt er sich sogar von einem offensichtlichen Windhund und Verlierer wie dem abgegrabbelten Hinkebein-Halunken Rizzo (glänzt auch ungewaschen locker mit: Dustin Hoffman) aufs Kreuz legen. Zunächst, denn in ihm findet Joe einen Gleichgesinnten, einen Freund. Eine ebenso perspektivlose Von-der-Hand-in-den-Mund-Existenz, die sich stoisch an seinen großen Traum klammert…denn wenn sie das aufgeben würden, nur das Hier und Jetzt realistisch betrachten, gäbe es keine Hoffnung mehr.


Der Hübsche und sein smarter Hobbit.
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und ganz besonders in der Stadt die niemals schläft kann man noch vom Tellerwäscher zum Millionär werden, solange man nur an sich glaubt. Von wegen. John Schlesinger lässt seinen Midnight-Cowboy heftig auflaufen und präsentiert das Scheitern des American Dream in ungewohntem Milieu, im Schatten der grellen Lichter und Neonlettern. Eine Großstadt- und Loserballade, mit Witz, Melancholie und ganz besonders Empathie für seine verlorenen Helden. Sie sind verkrüppelt, von außen wie innen, vegetieren am Rande der Gesellschaft vor sich hin, doch geben sich nicht auf. So werden aus - nach klassischen Heldenstandards der  Filmwelt - unüblichen Figuren Sympathieträger, deren Schicksal nicht etwa als belehrendes Moralstück herhalten soll, sondern einfach die Kehrseite der Medaille zeigt. Ehrlich und ungeschönt, so sehr wie damals kaum ein großer Film. „Asphalt-Cowboy“ ist ein Dokument aus einer Zeit des Umbruchs, in Hollywood wie der Gesellschaft allgemein. Diesen Geist weiß Schlesinger auf die Leinwand zu transportieren, nicht nur durch seine untypische Geschichte mit seinen wenig vorbildlichen Charakteren, er vermittelt anhand ihrer täglichen Odyssee durch die Straßen von New York Impressionen der späten 60er, ein Querschnitt durch die verschiedenen Schichten und Lebensansichten. Ein gerade aus der heutigen Perspektive ungemein interessanter und faszinierender Einblick.


Auch inszenatorisch bricht Schlesinger gezielt aus der Norm des kommerziellen Studiofilms aus. Die Vergangenheit von Joe wird durch fragmentarische Flashbacks in die Geschichte integriert und – ebenso wie eine Tagtraumsequenz von Rizzo – mit einer surrealen, leicht psychedelischen Note versehen. Eskapismus aus dem traditionellen Muster des Geschichtenerzählens, wie der gesamte Film. Denn genau genommen erzählt „Asphalt-Cowboy“ keine übliche Story nach dem Drei-Akt-Muster. Man treibt durch das Geschehen, wie seine Antihelden durch ihren Alltag. Manchmal ohne direktes Ziel, nicht jeder Moment erfüllt einen offensichtlichen Sinn für das Gesamte. Auf den Weg kommt es meistens an. Und diesen säumt Schlesinger mit einem einzigartigen Gefühl. Mit Humor, Tragödie, reichlich Rückschlägen und kleinen Erfolgserlebnissen, die für den Momente die Strapazen vergessen lassen. Ein rastloses, wenig konformes Werk mit ganz viel Herz und noch mehr Seele. Eine hässlich-schöne Liebeserklärung an New York und ganz besonders an seine gescheiterten Existenzen. 

8 von 10 verpfändeten Radios

Review: EXPRESS IN DIE HÖLLE - Eiskaltes Genre-Highlight

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Fakten:
Express in die Hölle (Runaway Train)
USA, 1985. Regie: Andrei Konchalovsky. Buch: Djordje Milicevic, Paul Zindel, Edward Bunker, Akira Kurosawa (Vorlage). Mit: Jon Voight, Eric Roberts, Rebecca De Mornay, Kyle T. Heffner, John P. Ryan, T.K. Carter, Kenneth McMillan, Stacey Pickren, Walter Wyatt, Edward Bunker, Danny Trejo, Tiny Lister u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Der zur lebenslangen Haft verurteilte Manny und sein unliebsames Anhängsel Buck fliehen aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Alaska, mitten im tiefsten Winter. Ort und Zeit sind eh denkbar ungünstig, aber es kommt noch besser. Sie wollen mit einem Zug in die Freiheit fliehen, dessen Führer kurz nach ihrem Einstieg an einem Herzinfarkt stirbt. Nun rasen sie ungebremst in den Tod, wenn nicht ein Wunder geschieht…





Meinung:
„Wir fliegen ins All, aber wir können den Zug nicht stoppen!“

Das kann niemand, nicht mal das oft unausweichliche Logik-, Zufall-, und Klischeeargument, denn das fährt maximal im Schritttempo auf dem Nebengleis. „Express in die Hölle“ überrollt jede Angriffsfläche mit einem Mordstempo und besonders mit einer radikalen Wucht, da wird jedes Kontra effektiv auf die Schienen gefesselt und plattgewalzt, kleinkariertes Fehlersuchen auf nichtigem Niveau ist so fehl am Platz wie eine gültige Fahrkarte. Aus einem recht simpel gestrickten Escape-Thriller mit grob geschnitzten Figuren wird beinhartes Survival-Kino ohne Zwischenstopp. 


Keine Schuhe, aber Helmpflicht: Sehr vorbildlich.
Sobald der Plot endgültig ins Rollen kommt und Eric Roberts endlich Schuhe hat (da frieren einem wirklich sogar beim Zuschauen die Zehen weg), entfesselt der „Runaway Train“ eine explosive Dynamik, die selbst dem Eric locker wieder die Stiefel ausziehen würde, wenn sie denn nicht festgefroren wären.  Adrenalin schießt einem förmlich durch Ohren, Mund und Nase, wenn das wilde Tier Manny (grandios wuchtig: Jon Voight) und sein sympathisch-naiver Kumpane Buck (Roberts, Oscar-nominiert und seinen Fähigkeiten selten so nahe) auf den völlig falschen Zug aufspringen (-„Wieso ausgerechnet den?“ –„Weil er mir gefällt!“) und fortan ohne Bremse, lebendes Personal und immer noch auf der Flucht gnadenlos in die Katastrophe rasen. Beklemmend, enorm druckvoll und mit einem präzise gesetzten Spannungsmoment nach dem anderen feuert der Film von Andrei Konchalovsky furios drauf los, steigert sich durchgehend konsequent, was irgendwann kaum noch möglich scheint. Ein immens schnörkelloses Kammerspiel auf Schienen, mit fast erschlagender Intensität, auf das Wesentliche fokussiert, eng, brachial, gnadenlos. 


Bremse kaputt, wir haben alles versucht...
Abgesehen von den zeitlosen Pluspunkten (Schnee und Eis ist grundsätzlich ein Ding für sich) ist „Express in die Hölle“ so brillant inszeniert, da stockt dem – nicht vom CGI-Wunderland-verblendeten – Zuschauer vor Staunen der Atem. Eine so spektakuläre Inszenierung war damals der helle Wahnsinn und ist speziell heute noch das Maß der Dinge. Ohne künstlichen Firlefanz ist es neben Regisseur Konchalovsky besonders Kameramann Alan Hume zu verdanken, was hier in seiner reinen Pracht auf einen einprasselt. Grandios gefilmte Action/Survival-Sequenzen erscheinen in Anbetracht ihrer Fülle fast wie selbstverständlich, sind allerdings nur so souverän und drückend inszeniert, was soll/kann man da kritisieren? Rein gar nichts. Die technische Perfektion schmückt „Express in die Hölle“ nur noch mehr, als es eigentlich nötig wäre. Hier wird sich nicht in unsinnige Side-Plots verrannt, das Essenzielle wird kompromisslos ausgereizt. In seiner schlichten Dramaturgie schöpft der Zug der Todgeweihten aus den Vollen, reizt alles bis zum Ende aus, verschenkt nicht nur eine Spur, treibt seine Möglichkeiten ans Limit. Wenn hier jemand gerade so den Absprung schafft, dann der Abspann, der dem Zuschauer zum perfektem Zeitpunkt den Ausstieg vor den Latz knallt, der den liebgewonnenen Anti-Helden verwehrt bleiben wird.


Einnehmendes, in seiner Stimmung wie Inszenierung fast schon erdrückendes Genre-Kino, wegweisend und zeitlos, unglaublich dicht und zügellos, zwischen „Lohn der Angst“ und „Speed“ steht „Express in die Hölle“, allerdings nur zeitlich. Steige aus, wer kann…

8,5 von 10 abgekoppelten Waggons

Review: DAS VERMÄCHTNIS DER TEMPELRITTER – Schnitzeljagd durch die amerikanische Historie

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Fakten:
Das Vermächtnis der Tempelritter (National Treasures)
USA. 2004. Regie: Jon Turtletaub. Buch: Jim Kouf, Cormac Wibberley, Marianne Wibberley. Mit: Nicolas Cage, Justin Bartha, Diane Kruger, Sean Bean, Jon Voight, Harvey Keitel, Christopher Plummer, Oleg Taktarov, David Dayan Fisher u.a. Länge: 126 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Benjamin Franklin Gates und sein Gefährte Riley sind auf der Suche nach dem Schatz der Tempelritter. Im ewigen Eis finden sie einen wichtigen Hinweis, doch ihr Geldgeber Ian verrät und versucht sie zu töten. Die beiden können entkommen und findet heraus, dass die Antwort auf die Frage wo der Schatz ist, sich auf der Unabhängigkeitserklärung befindet. Um an diese heran zu kommen, bittet Benjamin seine Ex Abigail um Hilfe.





Meinung:
Jerry Bruckheimer ist einer der begehrtesten Superstars im Film- und Fernsehwesen. Dabei hat sich der mit deutsch-jüdischen Wurzeln ausgestattete Detroiter weder als großer Schauspieler einen Namen gemacht, noch hat er sich durch seine flinke Fingerfertigkeit als Regisseur auszeichnen können. Bruckheimer hingegen gehört zur A-Liga der Produzentenriege und ist seit den 1980er Jahren, in denen er kostbare Verträge mit Paramount Pictures und Disney unterzeichnete, die erste Wahl, wenn es um tosende Sommer-Blockbuster geht. Ob „Top Gun“, „Armageddon“ oder auch die „Fluch der Karibik“-Trilogie: Jerry Bruckheimer mischte bei ihnen allen mit; doch das ist nur ein kleiner Einschnitt in seine reichhaltigen Event-Kino-Partizipation. Man kann sich aber fast immer sicher sein, wenn man es mit einer Bruckheimer-Produktion zu tun bekommt, gibt es auch ordentlich Krawumm zu bestaunen. Das Problem ist ja bekanntlich nur, dass computergeneriertes Getöse nicht immer gleichzusetzen mit einer echten (Spaß-)Sause ist.


Lauf Nicolas, lauf!
„Das Vermächtnis der Tempelritter“ ist auf den ersten Blick bereits als waschechte Jerry Bruckheimer-Produktion zu enttarnen, gehört aber zu den Werken, die sich weder richtig loben lassen wollen, noch den klaren Groll auf sich ziehen. Regisseur Jon Turteltaub („Last Vegas“), dessen Filmographie weder Fisch noch Fleisch ist, bekommt es mit dem Drehbuch von „Das Vermächtnis der Tempelritter mit einem mal mehr, mal weniger drängenden „Indiana Jones“-Plagiat zu tun. Nicolas Cage („Tokarev“), der als Benjamin Franklin Gates selber über acht Ecken Teil der amerikanischen Geschichte ist, stellt sich in die Tradition seiner Familie und begibt sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Schatz der Tempelritter. Verankert werden die Hinweise auf jenen Schatz vom Skript dann im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, vom Nationalarchiv der Vereinigten Staaten, der Independnce Hall, der Trinity Church, bis hin zu den interessant-konstruierten Geheimräumen unterhalb des Friedhofes. „Das Vermächtnis der Tempelritter“ jongliert dabei durchweg mit Chiffren und möchte den Zuschauer zum großen Rätselraten animieren.


Der Zuschauer heftet sich an die Fersen von Nicolas Cage, Diane Kruger („Inglourious Basterds“) und Justin Bartha („Hangover 3“), die gewiss keine schauspielerische Höchstleistungen glänzen, aber den Umständen entsprechend agieren. Über ein Gros seiner Handlung erstreckt sich „Das Vermächtnis der Tempelritter“ dann auch mit jeder Menge Tempo und weiß durchaus zu unterhalten, auch wenn Wendungen immer absehbar bleiben und unsere Hauptdarsteller von den Bösewichten selbst aus einem Meter Entfernung prinzipiell verfehlt werden. Etwas gehemmt wird die gute Stimmung allerdings spätestens in den letzten 40 Minuten, wenn sich bereits ein ordentlichen Maß an Zufällen und Last-Minute-Rescues angehäuft haben, diese in ihrer überspitzten Integration dann jedoch nur noch störend auffallend. „Das Vermächtnis der Tempelritter“ ist gewiss nie wirklich spannnend, weil er sich doch immer als familientaugliche Schnitzeljagd mit vorhersehbarem Ausgang versteht, doch diese sich zunehmend häufenden Zwischentöne sind im letzten Drittel mehr als lästig. Dass hier auch zum Teil der symptomatische Patriotismus leibt und lebt, muss wohl kaum noch erwähnt werden. Unterhaltsam aber bleibt der Film.


5 von 10 historischen Bifokalbrillen


von souli