GB/US,
2016. Regie: Susanne Bier. Buch: David Farr. Mit: Tom Hiddleston,
Hugh Laurie, Elizabeth Debicki, Tom Hollander, Olivia Colman, David
Harewood, Neil Morrissey, Tobias Menzies u.a. Länge: 8 Episoden á
ca. 45 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray
erhältlich.
Story:
Jonathan
Pine ist der Nachtmanager in einem Hotel in Kairo. Durch einen
Zwischenfall gerät er in ein kriminelles Geschäft, durch das seine
Geliebte Sophie getötet wird. Jahre später erhält er
vom britischen Geheimdienst die Möglichkeit, verdeckt in die kleine
Organisation von Richard Roper, einem mächtigen und nahezu
unantastbaren Waffenhändler, eingeschleust zu werden. Da Roper offensichtlich für den Tod von Sophie verantwortlich ist, nimmt Pine den Auftrag von Rache getrieben an. Nach und nach gerät er immer tiefer in einen Strudel
aus Verlockungen, Abgründen und der ständigen Gefahr, aufzufliegen
und mit dem Leben bezahlen zu müssen...
Meinung:
Was
Komplexität, Tiefgang und vielschichtig ausgearbeitete Figuren
angeht, kann die erste Staffel von "The Night Manager"
nicht mit der momentanen Speerspitze im Serien-Olymp mithalten. Die
Adaption von John Le Careés Roman-Vorlage, welche zusätzlich in die
Gegenwart übertragen wurde und zeitgemäße, politische Konflikte
berührt, besticht dafür mit ganz anderen Qualitäten.
Gut und Böse treffen aufeinander
Die
Geschichte des titelgebenden Night Managers Jonathan Pine, der aus
einer tragischen wie rachsüchtigen Motivation heraus das Angebot des britischen
Geheimdienstes annimmt, als verdeckter Spion in den engsten Kreis des
weltweit operierenden, nahezu unantastbaren Waffenhändlers Richard
Roper eingeschleust zu werden, bedient allem voran unwiderstehliche
Oberflächenreize. Die
dänische Regisseurin Susanne Bier, die bei allen Episoden Regie
führte,
und David Farr, der für jede Episode das Drehbuch schrieb, haben aus
dem Ausgangsmaterial ein geradliniges Stück klassischer,
mitreißender sowie unglaublich stilvoller Spionage-Unterhaltung
geschaffen. Die Regisseurin drückt der gesamten Staffel dabei einen derart
stylischen Stempel auf, mit edlen Hochglanz-Einstellungen und
malerischen Urlaubsorten am laufenden Band, so dass "The Night
Manager" optisch wie ein weiches Stück Butter auf der Netzhaut
des Betrachters zerschmilzt. Inhaltlich lässt sich die Serie
hingegen weitaus weniger eingängig erfassen, denn die glatt polierte
Makellosigkeit, die aus jedem Frame strahlt, könnte man ihr ebenso
als Makel ankreiden. Durch diese Form der Inszenierung wird die
reizvolle Anziehung durch das Böse, das hier überwiegend in
luxuriösen Hotels sowie teurer Kleidung mit Meeresfrüchten auf den
Tellern und in Anwesenheit bildhübscher Frauen residiert, allerdings
konsequent zum Ausdruck gebracht.
Eine Einstellung wie aus dem Bilderbuch
In
der Handlung geht es zunehmend darum, dass sich die Hauptfigur dem
kriminellen Umfeld, in dem sie sich getarnt befindet, immer stärker
angleichen muss, während die Gegenspieler ebenfalls von ständigem
Misstrauen geprägt und darum bemüht sind, das illegale Geschäft am Laufen
zu halten. Aus dieser Situation ergibt sich ein unentwegtes Spiel der
Maskerade, bei dem die Figuren ein bestimmtes Abbild verkörpern,
welches der eigenen Persönlichkeit nie vollständig entspricht und
trotzdem regelmäßig Risse erhält. Spannung erzeugt die Serie daher
weniger durch klassische Elemente des Genres wie Schusswechsel,
Explosionen oder Verfolgungsjagden, die über Jahrzehnte hinweg
beispielsweise durch das James-Bond-Franchise vermittelt wurden,
sondern über Verhalten und Ausdruck der jeweiligen Charaktere, ihre
Gespräche miteinander und das stetige Gefühl von Paranoia und
Bedrohung, bei dem jederzeit Masken fallen und Identitäten gelüftet
werden sowie Leben auf dem Spiel stehen könnten. Mit Tom Hiddleston
und Hugh Laurie hat man hierfür zwei Hauptdarsteller besetzt, die
sich diesem Prinzip der Täuschung und Verkleidung ideal hingeben.
Hier steht einiges auf dem Spiel
Hiddleston
spielt den Nachwuchs-Agenten mit unterkühlter Präsenz und wechselt
gekonnt zwischen verschlossener Mimik, charmantem Grinsen und einer
gebrochenen Persönlichkeit, während Laurie den Waffenhändler mit
einer eiskalten Ausstrahlung gibt, die vor allem durch seinen
beängstigenden Blick unterstützt wird, welcher sich immer wieder in
andere Figuren bohrt.
Bei den Nebendarstellern stechen ebenfalls einige Namen heraus.
Elizabeth Debicki erhält als undurchsichtige Schönheit und
Gefährtin von Roper eine Schlüsselrolle, während Tom Hollander als homosexuelle, misstrauische rechte Hand des Waffenhändlers für die
temperamentvollsten Momente der Serie sorgt. Etwas störender fügen
sich lediglich die Ereignisse rund um das MI6 ein. Die regelmäßigen
Abschweifungen nach London hin zu den Figuren, welche die Operation
maßgeblich steuern und immer wieder an ihre Grenzen stoßen, da der
Feind seine korrupten Finger bis in die eigenen Reihen ausstreckt,
bremsen die eigentliche Handlung rund um das Undercover-Dasein von
Pine im Vergleich etwas farblos aus und wirken mit ihren vielen
Diskussionen in sterilen Büroräumen zu bieder, auch wenn sich beide
Welten in den letzten Episoden stimmig vereinen. Die erste Staffel von
"The
Night Manager" ist somit äußerst stilvolle
Spionage-Unterhaltung, bei der potentielle Langeweile und fehlender
Tiefgang durch simplen, aber effektiven Glanz, geschickt verborgene
Persönlichkeiten in drastischen Situationen und vereinzelte
Spannungshöhepunkte kaschiert wird.
Fakten: Mission: Impossible –
Rogue Nation
USA. 2015. Regie: Christopher McQuarrie. Buch: Christopher
McQuarrie, Drew Pearce. Mit: Tom Cruise, Rebecca Ferguson, Simon Pegg, Sean
Harris, Jeremy Renner, Ving Rhames, Alec Baldwin, Simon McBurney, Tom
Hollander, Jingchu Zhang, Hermione Corfield, Jens Hulten u.a. Länge: 131
Minuten. FSK: freigegeben ab
12 Jahren. Ab 17. Dezember 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Nach den letzten Vorfällen rund um die IMF, übernimmt der CIA nun die Führung
der Abteilung und dieser befiehlt, dass alle Agenten zurückgezogen werden.
Ethan Hunt taucht jedoch unter, denn kurz vor diesem Befehl sieht er sich damit
konfrontiert, dass eine Terrororganisation namens das Syndikat, bestehend aus
Ex-Agenten, vor hat die Welt ins Chaos zu stürzen. Hunt muss handeln und macht
sich so nicht nur zum Staatsfeind Nummer 1, sondern auch zur wandelnden Zielscheibe
für das Syndikat. Zum Glück bekommt er Hilfe von seinen Freunden, aber auch von
einer mysteriösen Fremden.
Meinung: Es sollte bekannt sein,
aber vorsichtshalber wird in diesem Absatz das wiederholt, was wir bereits bei
unserer Kritik zu „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ gesagt haben: Das
Schöne an der Reihe ist, dass man jedem Teil die individuelle Handschrift
seines Regisseur ansieht und so war die Neugier groß, wie sich Christopher
McQuarrie als Erbe von Vorgängerregisseur Brad Bird schlagen wird und vor allem
ob er seinen ganz eigenen Stil rund um Superagent Ethan Hunt und die IMF (Impossible
Mission Force) einfließen lassen wird.
Das nennt man mal einen waschechten Last Minute-Flug
„Mission: Impossible – Rogue Nation“ fängt nicht genau dort an wo Teil vier
endete, doch gab dieser schon einmal den Antagonisten vor. Gemeint ist das
Syndikat, jene mysteriöse wie skrupellose Gemeinschaft von ehemaligen
Top-Spionen, die die Welt ins Chaos stürzen, vorher aber noch rasch die IMF
ausschalten will. Zu ihrem Glück steht die strenggeheime Organisation eh auf
der Abschussliste des CIA, denn wer für die Sprengung des Kreml (mit)verantwortlich
ist (siehe „Phantom Protokoll“), der ist bei den Staatsoberen nicht unbedingt
gerne gesehen. Hier ist bereits auffällig, dass „Rogue Nation“ die Ereignisse
seine direkten Vorgängers miteinbezieht. Wirkten Teil 1 und Teil 2 regelrecht
losgelöst von einander, so scheinen die Filme ab dem dritten Teil marginal
miteinander verzahnt zu sein. Eine waschechte Kohärenz kommt dabei nicht zu
Stande, muss aber auch gar nicht. Aber die Frage bleibt spannend, wie sich die
Reihe weiterentwickeln wird, denn einiges deutet darauf hin, dass „Mission:
Impossible – Rogue Nation“ Potenzial hätte, für ein direktes Sequel. Es wäre interessant
wenn es wirklich kommen sollte, aber definitiv auch verschmerzbar wenn der nächste
Einsatz von Ethan Hunt doch wieder losgelöst vom Vorgänger stattfindet.
Nimmt die Sache selbst in die Hand: Rebecca Ferguson
Aber egal welcher Nachfolger uns demnächst erwartet, er wäre schön, wenn das
Team wieder etwas mehr in Fokus stehen würde. Die Interaktion zwischen den verschiedenen
Charakteren machte „Phantom Protokoll“ u.a. zu wunderbar kurzweilig und
unterhaltsam. Bei „Rouge Nation“ ist immer noch Teamwork angesagt, jedoch ist
deutlich zu erkennen, dass die Marketingstrategen herausgefunden haben, dass
die Zuschauer wohl vor allem Erhan Hunt und Hacker Benji Dunn miteinander
agieren sehen wollen. Das ist verständlich, denn die Chemie zwischen Aushängeschild
Tom Cruise und Spaßvogel Simon Pegg ist schmissig und eingängig. Dennoch wird
es hier etwas zu oft und zu sehr betrieben, die Interaktion zwischen dem
Agentenprofi und dem abenteuerlustigen aber auch etwas ängstlichen
Vorzeige-Nerd. Jeremy Renner alias William Brandt, der im vierten Teil noch
eine der interessantesten und besten Neuzugänge war sowie „Mission: Impossible“-Veteran
Luther Strickell (Ving Rhames) kommen dagegen eindeutig zu kurz. Darstellerin
Rebecca Ferguson hingegen, die hier ihren Einstand feiert, darf hingegen mit
galanter Robe, athletischen Kampffähigkeiten und kühlem Blick klar von sich
behaupten, dass sie einen guten Ersteindruck hinterlässt, auch weil das Script
von Christopher McQuarrie und Drew Pearce keine typische damsel in distress aus ihr macht. Eher im Gegenteil.
Auf den Straßen von Casablanca geht es heiß her
Ferguson sowie Cruise sind in einigen, wirklich hübsch gefilmten, Actionszenen
zu sehen, wobei Ferguson meist für die Athletik zuständig ist, während Cruise
(natürlich ohne Stunt Double) die ganz großen Klötze bewerkstelligt, allen
voran die Anfangsszene, in der er sich von außen an ein Transportflugzeug klammert.
Eine wirklich eindrucksvolle Szene, doch die immer noch schwindelerregende wie
höhenangstverursachende Kletterszene aus Teil 4, bei der Tom Cruise auf der
spiegelglatten Außenfasse des über 800 Meter hohen Burj Khalifa in Abu Dhabi herumkletterte,
bleibt immer noch ungeschlagen. Aber natürlich besitzt „Mission: Impossible –
Rogue Nation“ einige nennenswerte Actionmomente, z.B. eine Verfolgungsjagd in
Casablanca, die von den engen Straßen der Altstadt, auf den Highway hin zu den
staubigen Serpentinen des nordafrikanischen Gebirges wechselt. Wahrscheinlich
die beste Verfolgungsjagd der Reihe und dieses (bisherigen) Kinojahres. Aber verwundern
sollte das niemanden, denn die „Mission: Impossible“-Filme waren schon immer
bekannt für ihre ikonischen wie stets effektiv und adrenalinhaltigen Action,
wie auch Spannungsszenen. Man denke z.B. nur an die lautlose Infiltration des
Computerraums im ersten Teil.
Ethan Hunt wird immer mehr in die Ecke gedrängt
Wo für die „Mission: Impossible“-Filme ebenfalls bekannt sind, sind ihre
Schurken, die meist doch irgendwie genauso profillos und austauschbar bleiben
wie der MacGuffin (den man übrigens hier vergebens sucht), den es im jeden Teil
gibt. Bei „Rouge Nation“ versucht nun der britische Darsteller Sean Harris,
einigen vielleicht bekannt aus Scott Derrickson Exorzismus-Quark „Erlöse uns
von dem Bösen“, sich daran eine hervorstechende Spur im Sand des Franchise zu
hinterlassen. Aber so bedrohlich seine Erscheinung mit dem sinisteren Blick,
der leisen Stimme und dem dürren Gesicht auch ist, bleibt auch er als Antagonist
letztlich austauschbar. Aber immerhin durchbricht „Mission: Impossible – Rogue Nation“
mit ihm und seiner Organisation die Schurkenroutine des Reihe. Da hier nicht gespoilert
werden soll, nur so viel: Schaut man sich die Filme an (vor allem die ersten
drei) fällt schon deutlich auf, dass der Schurke eigentlich immer aus demselben
Lager stammt, bzw. heimlich unterstützt wird.
Echte Profis im Einsatz
„Mission: Impossible – Rogue Nation“ hat also hier und dort seine Fehlerchen,
dennoch ist auch Teil 5 ein gelungener Blockbuster geworden, der erneut den
Platz auf der kinematographischen Landkarte ausfüllt, auf dem früher 007 zu
finden war, bevor er mit seiner neuen und raueren Art in andere Gefilde
umsiedelte. Regisseur McQuarrie gelingt es aber – ganz im Gegensatz zu seinen
Vorgängern auf dem Regiestuhl – nie so wirklich dem Agentenabenteuer einen
eigenen Stil zu verpassen. Er zitiert gerne und freudig bei Klassikern, wie
etwa Hitchcocks „Der Mann, der zu viel wusste“ oder Michael Curtiz „Casablanca“,
lässt die Kämpfe dafür etwas kaltblütiger erscheinen als beim Kollegen Brad
Bird und integriert noch etwas Geheimdienstpolitik in die Handlung. Das
schließt sich alles recht stimmig in ein großes Ganzes zusammen, einen wirklich
eigen Tonus besitzt „Mission: Impossible – Rogue Nation“ aber dann leider doch
nicht. Vielleicht beschreibt man McQuarries Film am besten so: Eine durch und
durch unterhaltsame Stilmixtur aus Brian DePalmas Paranoia-Thriller von 1996
und J.J. Abrams leicht überambitionierten aber dennoch packendem Actionfilm von
2006.
„Mission: Impossible – Rogue Nation“ gelingt es also nicht seinen Vorgänger zu
schlagen und auch das Regisseur und Autor Christopher McQuarrie keine wirklich
eigene Stilistik hinbekommt ist etwas enttäuschend. Aber das ist Jammern auf hohem
Niveau. Einmal abgesehen von John Woos Action- und Symbol-Overkill „Mission
Impossible 2“ von 2000, erweist sich die Reihe als (fast) durchgängig
überzeugendes Agenten-Franchise, welches mit Witz, teils überproportionalen
Actionszenen (die jedoch irgendwie niemals so richtig den letzten Griff hin zur
Realität lösen), einem charismatischen Helden (plus ebenfalls charismatischen
Team) und gängigen Standards des Subgenres immer wieder einfache aber stets ach
verlässliche Unterhaltung bieten, ohne jemals einen wirklich Sättigungseffekt
zu verursachen. Es sei jedoch angemerkt, dass Tom Cruise mittlerweile auch
schon 52 Jahre alt ist. Wie lange er noch über gläserne Fassaden von
Hochhäusern rennen und sich an Flugzeuge klammern kann ist die Frage, die
irgendwann genau gestellt wird, wie die Frage nach einem möglichen Ethan Hunt-Nachfolger.
vielleicht wird es Jeremy Renner (auch wenn dieser bei „Rogue Nation“ eher
etwas stiefmütterlich behandelt wird) vielleicht kommt Hollywood auch mit der
Reboot-Idee um die Ecke. Aber Teil 5 gibt zum Glück noch keinen wirklichen
Grund an, darüber ernsthaft nachzudenken.
Fakten: Ein
gutes Jahr (A Good Year)
USA. 2006. Regie: Ridley Scott. Buch; Marc Klein, Peter Mayle (Vorlage). Mit:
Russell Crowe, Marion Cotillard, Albert Finney, Freddie Highmore, Didider
Bourdon, Tom Hollander, Isabelle Candellier, Jacques Herlin, Abbie Cornish,
Archie Panjabi, Rafe Spall, Richard Coyle, Kenneth Cranham u.a. Länge: 108
Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Auf DVD und Blu-ray
erhältlich.
Story:
Max arbeitet an der Börse von London und ist ein echter Erfolgsmensch. Als er
jedoch vom Tod seines Onkels Henry erfährt, bei dem er Teile seiner Kindheit
verbrachte, erschüttert dies seine kalte Welt schon ein wenig, obwohl er zu Henry gut 10
Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Da Henry kein Testament
aufgesetzt hat und Max der einzige Verwandte ist, erhält er Henrys Wohnsitz,
ein kleines Chateau in Frankreich. Um dies zu verkaufen reist er dorthin, doch dort kehren nicht nur schöne Erinnerungen zurück, nein, Max lernt auf
wieder die angenehmen Seiten des Lebens zu schätzen.
Meinung: Dass Ridley Scott in Sachen individueller
Handschrift zu den großen (Mainstream-) Regisseuren gehört, die jene in ihrer
kreativen Hochphase der späten 1970er respektive frühen 1980er Jahre („Alien –Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt“) augenscheinlich
vergessen haben, lässt sich bei der Betrachtung seiner heutigen Werke nicht
schwer attestieren. Ob „Gladiator“, „Königreich der Himmel“, „American
Gangster“ oder „Prometheus – Dunkle Zeichen“: Sie alle glänzen weitestgehend
mit formaler Brillanz, doch ihnen fehlt der markante, der erinnerungswürdige,
cineastische Ausdruck, wenngleich der zum Ritter geschlagene Brite immer noch
in der Lage ist, gutes bis sehr gutes Unterhaltungskino zu entwerfen. Neben
seinen filmischen Ausflügen in die antike Vergangenheit oder in eine noch
fernere Zukunft, die vor allem durch ihre opulente Bildsprache geprägt waren,
versuchte sich Scott mit „Ein gutes Jahr“ auch an einem etwas leichteren, etwas
beschwingteren Stoff.
Ach nee, wat is' dat schön hier.
In der Hauptrolle ist Russell Crowe zu sehen, der
sich dank seiner Performance in Scotts „Gladiator“ einen Goldjungen auf den
Kaminsims stellen durfte. Als Börsenmakler Max Skinner gemahnt Crowes
Darstellung oftmals an sein hochnotpeinliche Spiel in Ron Howards
Behindertenporno „A Beautiful Mind“. Mehr zuckend, denn bedacht gestikulierend,
um einen komödiantischen Ertrag zu erzielen, gockelt Crowe als gefühlskalter
Geschäftsmann, der nach der Maxime lebt, dass „ein Mann erst dann ein Mann ist,
wenn er seine erste Million macht“, durch die aseptischen Gebäudekomplexen,
deren Design bei einem Regisseur wie Ridley Scott gewiss nicht zufällig einer
futuristischen Architektonik gleichkommen. In kalten Blautönen gehalten,
scheint das Leben in London vollends dem Materialismus beziehungsweise dem
Kapitalismus verpflichtet. Nachdem Max vom Tod seines Onkels Henry (gespielt
vom großen Albert Finney) erfährt, dass er wohl als letzter Verwandter das
Chateau samt Weinberg in der Provence erbt.
So spielen Engländer Tennis
„Ein gutes Jahr“ arbeitet von dort an, also genau
dann, wenn Max in Frankreich eintrifft, mit einem gar biederen Antagonismus, in
dem er die idealisierte Vorstellung arbeitswütiger und gewissenloser Yuppies in
beide Richtungen kippen lässt, um ein Extrem mit dem anderen auszuspielen: Das
lieblose London hier, das sonnenflutete, ja, das märchenhafte Frankreich auf
der anderen Seite. Die Provence, das Chateau, die gesamte Umgebung scheint wie
aus einem Traum – der natürlich immer in Relation mit der grellen Reklametafel
steht – gefallen und weckt stetig Urlaubsfeeling. Dass aber weder Crowe
besonders komödienerprobt ist, noch Scott ein besonders gutes Händchen für
diese Art von Timing besitzt, ist gerade in einige hauruckartigen
Slapstickeinlagen erkennbar. Und doch: Auch wenn „Ein gutes Jahr“ nicht nur mit
Klischees jongliert, sondern sich geradezu freimütig in sie hineinfrisst, ist
„Ein gutes Jahr“ doch ein angenehmer, ein leicht bekömmliches Vergnügen, dass
durch sein sommerliches Gemüt auch genau in dieser Jahreszeit genossen werden
sollte.
Aber „Ein gutes Jahr“ ist nicht nur aufgrund seiner herrlichen
(Landschafts-)Aufnahme ein relativ schöner Film, sondern auch deshalb, weil er
im Kern versucht, etwas Elementares zu vermitteln: Max, der als Kind die
glücklichsten Jahre seines Lebens bei seinem Onkel verbracht hat und sich
seinen philosophischen Blick auf die Dinge aneignete, hat vergessen zu lieben.
In Frankreich stellt Max dann wieder fest, dass er zurück in seine Kindheit
reisen kann, ohne selber zum Kind zu werden. „Ein gutes Jahr“ behandelt auch
ganz leise Themen wie Reife und den Befreiungsschlag von einer offensichtlichen
Desillusion. Da kommt es Max natürlich ungelegen, dass ihm die gewohnt
wunderbare Marion Cotillard („Der Geschmack von Rost und Knochen“) als Fanny
Chenal aus dem emotionalen Tiefschlag weckt. Und auch wir als Zuschauer können
uns allein des magischen Grundnote damit anfreunden, dass Crowe trotz Schema-F-Dramaturgie
vom Arschloch zum Bonvivant geläutert wird. Ein Traum bleibt ein Traum, auch
wenn er so transparent wie hier formuliert wird.
Fakten:
Alles eine Frage der Zeit (About Time)
UK. 2013. Regie und Buch: Richard Curtis. Mit: Domhnall
Gleeson, Rachel McAdams, Bill Nighy, Lindsay Duncan, Tom Hollander, Margot
Robbie, Lydia Wilson, Will Merrick, Richard Cordery, Joshua McGuire, Tom
Hughes, Lisa Eichhorn u.a. Länge: 123 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Ab 6. Februar 2014
auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Zu seinem 21. Geburtstag wird Tim von seinem Vater in ein Familiengeheimnis
eingeweiht. Alle Männer der Familie können in der Zeit zurückreisen. Was nach
Humbug klingt erweist sich für Tim als wunderbare Möglichkeit die Vergangenheit
zu ändern und für Liebesangelegenheiten ist so eine Zeitreise auch äußerst praktisch.
Meinung: Eigentlich ist Richard
Curtis ein Garant dafür, die Herzen des Publikums im Sturm zu erobern und in
romantische Hochgefühle zu versetzen. Nicht nur sein wunderbares Debüt auf dem
Regiestuhl „Tatsächlich...Liebe“ ist längst zum festen Bestandteil in der
emotional aufgeladenen Weihnachtszeit avanciert, auch seine Drehbücher zu „Vier
Hochzeit und ein Todesfall“, „Notting Hill“ und „Bridget Jones“ bildeten die
Vorlagen für Kassenknüller. Mit seiner neusten Regiearbeit „Alles eine Frage
der Zeit“ gerät der künstlerische Status von Richard Curtis zwar nicht in
Verruf, die larmoyante Ebene, die Curtis in der Vergangenheit so gekonnt
ausschöpfte, bleibt in dieses Fall aber nahezu unberührt. Sympathisch und
irgendwie süß ist „Alles eine Frage der Zeit“ dennoch, er hat nur offenkundig
Angst davor, wirklich Mut im Umgang mit seiner eigentlich innovativen Thematik
zu beweisen und entscheidet sich letzten Endes für den sicheren respektive
moralinsauren Weg. Das klingt nun schlimmer als es eigentlich ist, denn
obgleich Curtis wenig bis gar nichts wagt, weiß er zu gefallen und stellt von
Beginn an die artikulierten Weichen für das lockere Vergnügen.
Mary und Tim genießen ihre gemeinsame Zeit
Der Hybrid aus Lovestory und Zeitreise ist an und für sich nichts Neues, er
bietet aber eine fundierte Projektionsfläche für existenzialistische Fragen,
die dem Sinn des Lebens wie auch den wahren Wert der Liebe entwirren. Seiner
philosophischen Note, wie sie auf dem Papier durchaus erkennbar schien, wird
„Alles eine Frage der Zeit“ nicht gerecht, Curtis hingegen setzt das
Konventionelle, das Alltägliche in das Zentrum des Szenarios und schildert
gekonnt durch seine geerdeter Narration wie Konstellation die Höhen und Tiefen,
die Irrungen und Wirrungen im Dasein des Tim Lake (Domhnall Gleeson). Und
dieser Tim Lake ist einer dieser unauffälligen Typen, die dir an jeder
Straßenecke begegnen dürfen, die klare Erwartungen an ihre Zukunft stellen und
immer auf Ordnung und Sicherheit in ihrem Vorhaben setzen. Da kommt es ihm
natürlich gerade recht, dass ihm sein lakonischer Vater (Bill Nighy) an seinem
21. Geburtstag in das große Familiengeheimnis einweiht und ihm offenbart, dass
er – wie alle männlichen Mitglieder der Familie Lake - in der Lage dazu ist,
durch die Zeit zu reisen. Dass solche Zeitsprünge ihre Vorteile mit sich
bringen und sämtliche Peinlichkeiten ausradieren, erscheint äußerst reizvoll
und ist hier abermals relativ amüsant dargestellt.
Tim wird von seinem Vater "aufgeklärt"
Ein Zeitsprung kann jedoch auch Probleme verursachen, die nicht nur das eigene
Leben betreffen, sondern auch das Leben anderer Personen nachteilig
beeinflussen. Tim springt zwar nicht immer aus eigennützigen, egoistischen
Antrieben zurück in die Vergangenheit, doch sein primäres Ziel ist es, die
große Liebe zu finden und schließlich immer den besten Weg für sich zu finden –
Kann man ihm ja auch nicht verdenken. Tim wagt es nur nicht, mal ein Extrem
einzugehen und genau wie Curtis es als Rahmen angelegt hat, gibt er sich
immerzu mit den kleinen Freuden zufrieden, wenngleich die Eroberung seiner Frau
Mary (Rachel McAdams) und das gemeinsame Kind wohl nicht als belangloses
Ereignis deklariert werden darf, aber als durchaus gewöhnliches. Und gewöhnlich
ist in „Alles eine Frage der Zeit“ prinzipiell alles, bis auf den ungenutzten
und irgendwann nur noch rudimentär betrachteten Effekt der Zeitreise.
Schlussendlich tritt die Erkenntnis dahingehend ein, das eigene Schicksal doch
besser nicht zu beeinflussen und dem Lauf der Dinge freie Bahn zu gewährleisten,
denn irgendwann kommt für jeden der Punkt, an dem man akzeptieren muss, dass es
unmöglich ist, jedem Schmerz und jeder Trauer permanent zu entfliehen.
Die Botschaft ist klar definiert und mit Sicherheit auch richtig, im Kontext
der enormen Perspektiven des Skripts dann aber doch ziemlich enttäuschend und
für eine Welt, in der die Fähigkeit besteht, die Gegenwart zu torpedieren und
jedes logische oder metaphysische Gesetz zu ignorieren, viel zu zahm. Man kann
sich dennoch gut unterhalten lassen und sich über die etwas zu ausufernde
Laufzeit von 120 Minuten angenehm berieseln lassen. Richard Curtis weiß, welche
Hebel er bedienen muss um den Zuschauer mitgehen zu lassen und die passend
gewählten Schauspieler tun ihr Übriges. Domhnall Gleeson pendelt zwischen der
blassen Austauschbarkeit und dem treffenden Inbegriff eines Jedermanns mit dem
Herzen am rechten Fleck. Rachel McAdams als Mary passt sich ihrem Partner
Gleeson an und bewegt sich fortwährend in einem schauspielerischen Radius, den
man eigentlich nur gern haben kann: Niedlichkeit und Durchschnittlichkeit sind
oftmals nicht mehr zu differenzieren. Ihnen allen überlegen ist wenig
überraschend Billy Nighy als Tims Vater. Die verschrobene Attitüde, durch die
Nighy seinen unglaublichen Charme versprüht, funktioniert einfach immer und
seine Präsenz wertet jeden Film im Endeffekt noch ein Stück weit auf.